XVII

Frisches Grün, Frühlingsduft, leichte Staubwolken: das war Julies

erster Eindruck von Berlin. Und eigentlich enttäuschte er sie. Bäume

und Büsche, das konnte sie zu Hause auch haben, und besser; die

hier waren ja nur aufgebaut und hingestellt und konnten gewiß einen

richtigen Sturm nicht vertragen. Sie wollte Häusermassen haben,

Menschengewühl, Lärm und Spektakel. Es müßte ein Gedränge sein, daß man

Angst bekäme. Hier so gemächlich dahinzufahren, wie mit Teetjes Gaule

...

»Ja, Evelyn ist nun bei Tante Sophie.«

»Und das junge Paar?«

»Auf der Hochzeitsreise! Sie waren zuerst in Berlin, sind aber schon

nach Dresden weitergereist. Wir wissen noch nicht viel von ihnen; wir

haben nur ein paar Ansichtskarten bekommen.«

Ein Coupé mit einem gut angezogenen Kutscher rollte vorüber. In Craner

breitete sich ein behagliches Gefühl aus, er dachte plötzlich an

Ellinor Grünhagen.

»Agnes Elisabeth ist nun ganz allein!« sagte Julie kalt.

»So!« Die angenehme Empfindung war sofort zerstört. Craner machte ein

verlegenes Gesicht. Er war erbittert. Sie schwiegen, bis der Wagen vor

der Pension am Nollendorfplatz hielt.

»Sie erlauben, daß ich Ihnen gelegentlich etwas von Berlin zeige?« Er

war stolz, daß er seine Verstimmung mit ruhiger Überlegenheit verbarg.

Übrigens war Julie eigentlich ganz pikant, und dann machte es auch

einen guten Eindruck, wenn man sich einer Verwandten ritterlich annahm.

Es sei liebenswürdig von ihm, sie wolle daran denken!

* * * * *

Das war nun ihr Zimmer. Eine Atmosphäre von braunem Plüsch. Man konnte

nicht mehr und nicht weniger verlangen. Für den Preis gab es eben

dieses Zimmer. Jeder Gegenstand darin schien zu wissen, daß er mit dazu

beitrug, die Höhe dieses Preises zu bestimmen. Die Aussicht auf die

Anlagen, das Sofa, der Schreibtisch, dies alles war eingeschätzt worden

und ergab, zu der Lage und der Verpflegung hinzuaddiert, den Wert

pränumerando.

Dann erschien auch Fräulein Meusel, in einem blauen Schneiderkleid mit

Litzenbesatz.

»Herzlich willkommen, mein liebes Fräulein Hellwege. Ich hoffe, Sie

fühlen sich bei uns wohl!« sagte sie mit kühler, geschäftsmäßiger

Freundlichkeit.

Julie war angenehm berührt. Sie machte den Eindruck einer Dame, sie

wollte nicht mehr sein, als sie war, und führte ihre Pension und

schrieb ihre Rechnungen. Allerdings, Rechnungen mußte sie schreiben ...

Dann ging man zu Tisch.

»Fräulein Auguste Berg, unsere Gelehrte, Fräulein Liecke, Sängerin,

Fräulein Thea Allenbach, unsere kleine Bildhauerin.« Damit setzte sie

sich.

Gleich während der Suppe fühlte Julie sich von drüben fixiert. Sie

bemerkte mit Unbehagen, wie Thea Allenbachs Augen über ihr Gesicht

gingen und in jede Ecke stöberten. Erst lachte sie gezwungen, aber

schließlich fragte sie über den Tisch hin:

»Warum sehen Sie mich immer an?«

»Oh, ich bin Bildhauerin! Sie haben so ein entzückend schmales Kinn!

Dieser Zug hier ...« Sie machte eine affektierte Bewegung. »Sie haben

gewiß schon viel erlebt!«

Julies Hand strich über ihren Hals.

»Ich bin Künstlerin, wissen Sie, und da achtet man auf alles!«

»Sie sehen heute recht blaß aus!« sagte Fräulein Meusel zu der Sängerin.

»Mein Herz wollte mal wieder nicht mit!« erklärte Fräulein Liecke mit

wehleidigem Pathos. »Nächste Woche soll mein Konzert sein und ich kann

nicht singen. Mit mir wird’s wohl überhaupt bald zu Ende gehen.«

»Ach was, Liecke,« sagte Thea, »erst werden Sie die Welt noch von sich

reden machen. -- Fräulein Liecke hat eine himm--lische Stimme!« wendete

sie sich an Julie.

»Eine Altstimme?«

»Und was für eine! Zwei Töne tiefer als ein Ochse, sagt ihr Professor!«

Die Unterhaltung amüsierte Julie. Übrigens war sie auf diese Altstimme

gespannt. Wenn Fräulein Liecke sprach, hatte sie vorläufig keinen

anderen Eindruck, als eine Erinnerung an Öl und Vanillegeruch.

»Sind Sie auch musikalisch?« fragte Fräulein Meusel.

»Nein, eigentlich nicht,« entgegnete Julie.

Auguste Berg rückte ihren Klemmer zurecht.

»Endlich mal eine, die nicht Kunstenthusiastin zu sein scheint. Gott

sei Dank! Heutzutage, wissen Sie, haben die jungen Mädchen überhaupt

nichts anderes im Kopf als Kunst. Die notwendigsten Fragen des Lebens,«

sie nestelte an ihrem Kragen, »die notwendigsten ...«

Julie dachte, sie würde es nun wohl so oft sagen, bis der Kragen

zugehakt wäre. Und da es nicht kam, nahm sie es ab. »Die notwendigsten

Fragen? Sie interessieren sich also dafür?«

»Ja, gewiß!«

»Ja unserer Zeit, wo endlich die Frau erwacht, wo sie ihre

Persönlichkeit findet, wo wir neue Bahnen gehen und das Feld unsrer

Tätigkeit mehr und mehr erweitern, ist es die Pflicht jeder Frau, wenn

sie überhaupt Anspruch auf den Namen Frau erheben will, mitanzufassen!«

»Struve hält die ägyptische Kunst überhaupt für die größte. Struve ...«

»Gott, hören Sie auf!« sagte die Liecke, »wir wissen, Struve ist der

einzige Künstler! Struve, Struve ...«

»Ist nicht eine Salome von ihm?« fragte Julie hinüber.

»Die ~war~ von ihm,« meinte Thea geringschätzig. »Über die ist er

aber längst hinaus!«

Julie hatte die Empfindung von rosa Gazewolken, auf denen die kleine

Künstlerin schwebte. »So! Mir hat sie auch nicht gefallen!« sagte sie

ruhig.

»Nun, in der Behandlung der Flächen ist sie vorzüglich. Gott, leicht

verständlich sind seine Sachen alle nicht. Man muß sich natürlich

die Mühe nehmen, in seine Ideen einzudringen, man muß vor ihm

stehenbleiben!«

Thea Allenbach hatte ihn natürlich verstanden.

»Sie wollen hier Ihr Examen machen?« fragte Fräulein Liecke.

Julie hob den Kopf.

»Examen? Das weiß ich nicht. Ich will nur arbeiten.«

»Das ist die einzig richtige Auffassung,« rief Thea herüber. --

»Examen, Anerkennung, darauf kommt es nicht an!«

Das bestritt Fräulein Liecke nun energisch. Sie war Hochschülerin und

durfte ihr System nicht im Stich lassen.

Fräulein Berg hatte zwar das Lehrerinnenexamen bestanden, sprach sich

aber dagegen aus. Nach Prüfungen könne man nicht urteilen; die seien

höchstens ein Beweis, daß das Handwerkszeug für ein Fach da sei, aber

mehr besagten sie auch keinen Tipps.

Es entspann sich ein regelrechter Streit, in dem Auguste Berg

mancherlei Brauchbares gesagt hätte, wenn es nicht so einseitig und

animos herausgekommen wäre. Die Liecke, als »beste Schülerin«, vertrat

den Standpunkt der Lehrer, Thea zitierte Struves mystische Worte und

bewegte sich im übrigen in Gemeinplätzen über Freiheit, künstlerische

Individualität und dergleichen mehr.

Julie wußte schließlich gar nicht mehr, daß sie es gewesen war, die

diesen Kampf veranlaßt hatte; dagegen meinte sie, daß es nun Zeit sei,

aufzustehen.

Fräulein Meusel mochte das gleiche empfinden und hob mit einem

freundlichen Wort die Tafel auf.

Nun war Julie in ihrem Zimmer und packte ihre Koffer aus. Die Gespräche

schwirrten noch in ihren Ohren, die Stimmen fuhren durcheinander, und

die Gesichter wollten nicht weggehen. Was war das für eine künstliche

Aufregung um alle möglichen Dinge, ein Hagel von Schlagworten und

Standpunkten, ein Getue und Gehabe, ohne jeden ersichtlichen Grund!

Sie fragte sich plötzlich, warum sie eigentlich nach Berlin gekommen

wäre? Onkel Wilhelm hatte ihr zugeredet. Draußen in der Heide

würde sie ihr Leben nur verträumen, hatte er gesagt; sie würde zwar

vielleicht allerhand innere Anregung finden, aber ihre Studien niemals

über ein gewisses Maß hinausbringen können. Nun hatte allerdings Onkel

Wilhelm keinen rechten Begriff von ihrer Arbeit. Einmal dachte er doch

wohl insgeheim, daß sie es auf ein Examen absehe, und dann glaubte

er auch, daß sie sich mit einem bestimmten Fach beschäftige. Aber

sie hielt nun einmal nicht auf System. Sie las, machte sich Notizen,

Auszüge, wurde zu neuer Lektüre angeregt und nahm diese vor. Es war

nicht nur Philosophie, oder nur Literatur, oder nur Geschichte, was sie

trieb, sondern von allem etwas. Die Auswahl, die sie traf, wurde durch

ihr Gefühl bestimmt, nicht durch ein Ziel, dem sie zugestrebt hätte.

Denn der Zweck ihrer Arbeit war ja Genießen.

Obwohl Julie Onkel Wilhelm im Innersten nicht recht geben konnte, --

denn sie lebte der Überzeugung, daß sie auf ihre Weise überall, auch

in der Einsamkeit der Heide, arbeiten könne, -- war sie doch klug

genug, viele seiner Gründe anzuerkennen. Darum wollte sie den Versuch

machen, ob der Aufenthalt in Berlin, die Berührung mit andersgearteten

Menschen, die Anregung durch Theater und Vorträge nutzbringender für

ihre Arbeit wäre als die Stille.

Sie hatte diesen Vorsatz gefaßt und wollte ihn ausführen; sie wollte

sich durch nichts beirren lassen. Das wiederholte sie sich; und sie

schien es nötig zu haben. Denn nebenan hörte man nun verworrenes

Gespräch und ab und zu den Anfang einer Gesangsübung. So viel Ruhe wie

zu Hause würde sie hier also nicht haben. Das stand fest. Übrigens

zweifelte sie auch schon daran, daß sie von diesen Damen Anregung,

geschweige denn inneren Nutzen haben würde. Vielleicht von Fräulein

Berg; die schien jedenfalls ernsthaft zu arbeiten. Aber die beiden

anderen waren wohl nur Dilettantinnen, die mit Künstlerallüren

kokettierten. Immerhin, auch von ihnen wollte sie nehmen, was zu nehmen

wäre.

So versuchte Julie also mit Eifer, sich die Straße vorzuzeichnen, die

sie hier gehen wollte. Daß sie die wichtigsten Momente vergaß, jene

Dinge, die an den Ecken jedes neuen Weges warteten, um andere Ausblicke

zu öffnen und andere Ziele zu zeigen, das war kein Schaden.

Die Energie, die einen gewissen Erfolg ohne weiteres verbürgt, blieb

somit ungeschwächt durch Sorgen um künftige Dinge. Durch ihren Mut

besaß sie von vornherein eine Überlegenheit. Wer sie jetzt gesehen

hätte, wie sie fröhlich mitten im Zimmer stand, wie das Licht die

Linien ihres Gesichts kühn nachzeichnete, der hätte die Gewißheit

gehabt, daß sie sich hier nicht verlieren würde.

Die Schwestern Hellwege · 第 25 / 47 题