Frisches Grün, Frühlingsduft, leichte Staubwolken: das war Julies
erster Eindruck von Berlin. Und eigentlich enttäuschte er sie. Bäume
und Büsche, das konnte sie zu Hause auch haben, und besser; die
hier waren ja nur aufgebaut und hingestellt und konnten gewiß einen
richtigen Sturm nicht vertragen. Sie wollte Häusermassen haben,
Menschengewühl, Lärm und Spektakel. Es müßte ein Gedränge sein, daß man
Angst bekäme. Hier so gemächlich dahinzufahren, wie mit Teetjes Gaule
...
»Ja, Evelyn ist nun bei Tante Sophie.«
»Und das junge Paar?«
»Auf der Hochzeitsreise! Sie waren zuerst in Berlin, sind aber schon
nach Dresden weitergereist. Wir wissen noch nicht viel von ihnen; wir
haben nur ein paar Ansichtskarten bekommen.«
Ein Coupé mit einem gut angezogenen Kutscher rollte vorüber. In Craner
breitete sich ein behagliches Gefühl aus, er dachte plötzlich an
Ellinor Grünhagen.
»Agnes Elisabeth ist nun ganz allein!« sagte Julie kalt.
»So!« Die angenehme Empfindung war sofort zerstört. Craner machte ein
verlegenes Gesicht. Er war erbittert. Sie schwiegen, bis der Wagen vor
der Pension am Nollendorfplatz hielt.
»Sie erlauben, daß ich Ihnen gelegentlich etwas von Berlin zeige?« Er
war stolz, daß er seine Verstimmung mit ruhiger Überlegenheit verbarg.
Übrigens war Julie eigentlich ganz pikant, und dann machte es auch
einen guten Eindruck, wenn man sich einer Verwandten ritterlich annahm.
Es sei liebenswürdig von ihm, sie wolle daran denken!
* * * * *
Das war nun ihr Zimmer. Eine Atmosphäre von braunem Plüsch. Man konnte
nicht mehr und nicht weniger verlangen. Für den Preis gab es eben
dieses Zimmer. Jeder Gegenstand darin schien zu wissen, daß er mit dazu
beitrug, die Höhe dieses Preises zu bestimmen. Die Aussicht auf die
Anlagen, das Sofa, der Schreibtisch, dies alles war eingeschätzt worden
und ergab, zu der Lage und der Verpflegung hinzuaddiert, den Wert
pränumerando.
Dann erschien auch Fräulein Meusel, in einem blauen Schneiderkleid mit
Litzenbesatz.
»Herzlich willkommen, mein liebes Fräulein Hellwege. Ich hoffe, Sie
fühlen sich bei uns wohl!« sagte sie mit kühler, geschäftsmäßiger
Freundlichkeit.
Julie war angenehm berührt. Sie machte den Eindruck einer Dame, sie
wollte nicht mehr sein, als sie war, und führte ihre Pension und
schrieb ihre Rechnungen. Allerdings, Rechnungen mußte sie schreiben ...
Dann ging man zu Tisch.
»Fräulein Auguste Berg, unsere Gelehrte, Fräulein Liecke, Sängerin,
Fräulein Thea Allenbach, unsere kleine Bildhauerin.« Damit setzte sie
sich.
Gleich während der Suppe fühlte Julie sich von drüben fixiert. Sie
bemerkte mit Unbehagen, wie Thea Allenbachs Augen über ihr Gesicht
gingen und in jede Ecke stöberten. Erst lachte sie gezwungen, aber
schließlich fragte sie über den Tisch hin:
»Warum sehen Sie mich immer an?«
»Oh, ich bin Bildhauerin! Sie haben so ein entzückend schmales Kinn!
Dieser Zug hier ...« Sie machte eine affektierte Bewegung. »Sie haben
gewiß schon viel erlebt!«
Julies Hand strich über ihren Hals.
»Ich bin Künstlerin, wissen Sie, und da achtet man auf alles!«
»Sie sehen heute recht blaß aus!« sagte Fräulein Meusel zu der Sängerin.
»Mein Herz wollte mal wieder nicht mit!« erklärte Fräulein Liecke mit
wehleidigem Pathos. »Nächste Woche soll mein Konzert sein und ich kann
nicht singen. Mit mir wird’s wohl überhaupt bald zu Ende gehen.«
»Ach was, Liecke,« sagte Thea, »erst werden Sie die Welt noch von sich
reden machen. -- Fräulein Liecke hat eine himm--lische Stimme!« wendete
sie sich an Julie.
»Eine Altstimme?«
»Und was für eine! Zwei Töne tiefer als ein Ochse, sagt ihr Professor!«
Die Unterhaltung amüsierte Julie. Übrigens war sie auf diese Altstimme
gespannt. Wenn Fräulein Liecke sprach, hatte sie vorläufig keinen
anderen Eindruck, als eine Erinnerung an Öl und Vanillegeruch.
»Sind Sie auch musikalisch?« fragte Fräulein Meusel.
»Nein, eigentlich nicht,« entgegnete Julie.
Auguste Berg rückte ihren Klemmer zurecht.
»Endlich mal eine, die nicht Kunstenthusiastin zu sein scheint. Gott
sei Dank! Heutzutage, wissen Sie, haben die jungen Mädchen überhaupt
nichts anderes im Kopf als Kunst. Die notwendigsten Fragen des Lebens,«
sie nestelte an ihrem Kragen, »die notwendigsten ...«
Julie dachte, sie würde es nun wohl so oft sagen, bis der Kragen
zugehakt wäre. Und da es nicht kam, nahm sie es ab. »Die notwendigsten
Fragen? Sie interessieren sich also dafür?«
»Ja, gewiß!«
»Ja unserer Zeit, wo endlich die Frau erwacht, wo sie ihre
Persönlichkeit findet, wo wir neue Bahnen gehen und das Feld unsrer
Tätigkeit mehr und mehr erweitern, ist es die Pflicht jeder Frau, wenn
sie überhaupt Anspruch auf den Namen Frau erheben will, mitanzufassen!«
»Struve hält die ägyptische Kunst überhaupt für die größte. Struve ...«
»Gott, hören Sie auf!« sagte die Liecke, »wir wissen, Struve ist der
einzige Künstler! Struve, Struve ...«
»Ist nicht eine Salome von ihm?« fragte Julie hinüber.
»Die ~war~ von ihm,« meinte Thea geringschätzig. »Über die ist er
aber längst hinaus!«
Julie hatte die Empfindung von rosa Gazewolken, auf denen die kleine
Künstlerin schwebte. »So! Mir hat sie auch nicht gefallen!« sagte sie
ruhig.
»Nun, in der Behandlung der Flächen ist sie vorzüglich. Gott, leicht
verständlich sind seine Sachen alle nicht. Man muß sich natürlich
die Mühe nehmen, in seine Ideen einzudringen, man muß vor ihm
stehenbleiben!«
Thea Allenbach hatte ihn natürlich verstanden.
»Sie wollen hier Ihr Examen machen?« fragte Fräulein Liecke.
Julie hob den Kopf.
»Examen? Das weiß ich nicht. Ich will nur arbeiten.«
»Das ist die einzig richtige Auffassung,« rief Thea herüber. --
»Examen, Anerkennung, darauf kommt es nicht an!«
Das bestritt Fräulein Liecke nun energisch. Sie war Hochschülerin und
durfte ihr System nicht im Stich lassen.
Fräulein Berg hatte zwar das Lehrerinnenexamen bestanden, sprach sich
aber dagegen aus. Nach Prüfungen könne man nicht urteilen; die seien
höchstens ein Beweis, daß das Handwerkszeug für ein Fach da sei, aber
mehr besagten sie auch keinen Tipps.
Es entspann sich ein regelrechter Streit, in dem Auguste Berg
mancherlei Brauchbares gesagt hätte, wenn es nicht so einseitig und
animos herausgekommen wäre. Die Liecke, als »beste Schülerin«, vertrat
den Standpunkt der Lehrer, Thea zitierte Struves mystische Worte und
bewegte sich im übrigen in Gemeinplätzen über Freiheit, künstlerische
Individualität und dergleichen mehr.
Julie wußte schließlich gar nicht mehr, daß sie es gewesen war, die
diesen Kampf veranlaßt hatte; dagegen meinte sie, daß es nun Zeit sei,
aufzustehen.
Fräulein Meusel mochte das gleiche empfinden und hob mit einem
freundlichen Wort die Tafel auf.
Nun war Julie in ihrem Zimmer und packte ihre Koffer aus. Die Gespräche
schwirrten noch in ihren Ohren, die Stimmen fuhren durcheinander, und
die Gesichter wollten nicht weggehen. Was war das für eine künstliche
Aufregung um alle möglichen Dinge, ein Hagel von Schlagworten und
Standpunkten, ein Getue und Gehabe, ohne jeden ersichtlichen Grund!
Sie fragte sich plötzlich, warum sie eigentlich nach Berlin gekommen
wäre? Onkel Wilhelm hatte ihr zugeredet. Draußen in der Heide
würde sie ihr Leben nur verträumen, hatte er gesagt; sie würde zwar
vielleicht allerhand innere Anregung finden, aber ihre Studien niemals
über ein gewisses Maß hinausbringen können. Nun hatte allerdings Onkel
Wilhelm keinen rechten Begriff von ihrer Arbeit. Einmal dachte er doch
wohl insgeheim, daß sie es auf ein Examen absehe, und dann glaubte
er auch, daß sie sich mit einem bestimmten Fach beschäftige. Aber
sie hielt nun einmal nicht auf System. Sie las, machte sich Notizen,
Auszüge, wurde zu neuer Lektüre angeregt und nahm diese vor. Es war
nicht nur Philosophie, oder nur Literatur, oder nur Geschichte, was sie
trieb, sondern von allem etwas. Die Auswahl, die sie traf, wurde durch
ihr Gefühl bestimmt, nicht durch ein Ziel, dem sie zugestrebt hätte.
Denn der Zweck ihrer Arbeit war ja Genießen.
Obwohl Julie Onkel Wilhelm im Innersten nicht recht geben konnte, --
denn sie lebte der Überzeugung, daß sie auf ihre Weise überall, auch
in der Einsamkeit der Heide, arbeiten könne, -- war sie doch klug
genug, viele seiner Gründe anzuerkennen. Darum wollte sie den Versuch
machen, ob der Aufenthalt in Berlin, die Berührung mit andersgearteten
Menschen, die Anregung durch Theater und Vorträge nutzbringender für
ihre Arbeit wäre als die Stille.
Sie hatte diesen Vorsatz gefaßt und wollte ihn ausführen; sie wollte
sich durch nichts beirren lassen. Das wiederholte sie sich; und sie
schien es nötig zu haben. Denn nebenan hörte man nun verworrenes
Gespräch und ab und zu den Anfang einer Gesangsübung. So viel Ruhe wie
zu Hause würde sie hier also nicht haben. Das stand fest. Übrigens
zweifelte sie auch schon daran, daß sie von diesen Damen Anregung,
geschweige denn inneren Nutzen haben würde. Vielleicht von Fräulein
Berg; die schien jedenfalls ernsthaft zu arbeiten. Aber die beiden
anderen waren wohl nur Dilettantinnen, die mit Künstlerallüren
kokettierten. Immerhin, auch von ihnen wollte sie nehmen, was zu nehmen
wäre.
So versuchte Julie also mit Eifer, sich die Straße vorzuzeichnen, die
sie hier gehen wollte. Daß sie die wichtigsten Momente vergaß, jene
Dinge, die an den Ecken jedes neuen Weges warteten, um andere Ausblicke
zu öffnen und andere Ziele zu zeigen, das war kein Schaden.
Die Energie, die einen gewissen Erfolg ohne weiteres verbürgt, blieb
somit ungeschwächt durch Sorgen um künftige Dinge. Durch ihren Mut
besaß sie von vornherein eine Überlegenheit. Wer sie jetzt gesehen
hätte, wie sie fröhlich mitten im Zimmer stand, wie das Licht die
Linien ihres Gesichts kühn nachzeichnete, der hätte die Gewißheit
gehabt, daß sie sich hier nicht verlieren würde.