XVI

Heinrich Craner, der in Berlin eine möblierte Wohnung im Hansaviertel

bewohnte, hatte eine Karte von seinem Bruder erhalten, daß Julie

Hellwege am siebzehnten Mai mittags in Berlin eintreffen werde, und daß

er ihn bitte, sie abzuholen und nach ihrer Pension am Nollendorfplatz

zu bringen.

Es war Heinrich etwas peinlich, mit Julie zusammenzutreffen; denn er

zweifelte nicht, daß sie von seiner Werbung um Agnes Elisabeth wüßte.

Und er hatte nicht gerade den Wunsch, über diese Angelegenheit zu

sprechen. Denn sie beschäftigte ihn nicht mehr so ausschließlich, wie

es während des Winters der Fall gewesen war.

Agnes Elisabeth war bei ihm ein wenig in Vergessenheit geraten,

und die paar Versuche, die er angestellt hatte, sich ihr Bild in

Erinnerung zu bringen, hatten eine andere Wirkung hervorgebracht, als

er beabsichtigt zu haben glaubte. Mit merkwürdigem Mißgeschick nämlich

hatte er immer neue Züge an Agnes Elisabeth gefunden, die ihm nicht

gefielen. Insonderheit verdroß es ihn, daß sie ihn um der Geschwister

willen auf eine spätere Zeit vertröstet hatte, daß sie also für die

Schwestern mehr Liebe übrig zu haben schien, als für ihn. Er, der sich

mit Vorliebe einen =selfmade-man= nannte, war hierdurch an der

verletzbaren Stelle seiner männlichen Eitelkeit getroffen. Die Folge

waren Zweifel, ob sie überhaupt ein tieferes Gefühl für ihn besäße,

und als diese erst da waren, mußte sich seine Liebe bald in eine Ecke

flüchten. So oft er nun an Agnes Elisabeth dachte, spürte er mit einer

gewissen Genugtuung den bittern Geschmack einer Enttäuschung, als

habe sie seine Zuneigung nicht verdient, und die Opfer, die er ihr

gebracht, -- er mühte sich, die Wertstücke dieser Opfer in helles Licht

zu setzen, -- nicht zu würdigen verstanden. Er hatte den Schritt vom

Groll zur Gleichgültigkeit noch nicht getan, er war noch nicht so weit,

die innere Verbindung mit Agnes Elisabeth als gelöst zu betrachten,

aber es stand außer Zweifel, daß diese Angelegenheit bereits eine

abgeschlossene Episode für ihn war.

In Wirklichkeit hatte sich dieser Vorgang übrigens noch etwas anders

abgespielt. Jene Überlegungen über Agnes Elisabeths Eigenschaften kamen

nämlich nicht von ungefähr, sondern sie waren erst durch einige äußere

Umstände herbeigeführt worden.

Zum ersten Male seit sechs Jahren verkehrte Craner wieder in großer

Gesellschaft. Sein Vermögen, sein Selbstbewußtsein und seine

mannigfaltigen, in der Tat auch nicht gewöhnlichen Erlebnisse machten

ihn manchen Kreisen zum interessanten Mann, der überall gern gesehen

wurde, dem man sogar den Hof machte. Craner spielte die Rolle, die

man ihm aufnötigte, anfangs mit Belustigung, aber mit um so größerem

Behagen, je länger es dauerte. Das konnte man einem jungen Manne nicht

übelnehmen, der jahrelang jegliche Anregung, und insonderheit den

Verkehr mit Damen, entbehrt hatte. Es war nur zu bedauern, daß er diese

Verwöhnung ganz ernst nahm, daß er von diesen jungen Frauen und Mädchen

begeistert war, ihre Bildung, ihren Anzug, ihr Benehmen bewunderte

und den Fehler beging, Vergleiche zwischen ihnen und Agnes Elisabeth

anzustellen. Auf diese Weise bekamen seine langatmigen Überlegungen,

seine enttäuschten Empfindungen einen Stich ins Kleinbürgerliche. Um

so mehr, als er sich seit einigen Wochen für die hübsche Tochter eines

Bankiers interessierte und sich täglich die biedersten Beweisgründe

vorhielt, um dieses Interesse vor sich zu rechtfertigen.

Die Schwestern Hellwege · 第 24 / 47 题