XV

»Wenn jemand einmal von der Familie aufgenommen ist, dann gehört

er auch zu uns!« war Sophie Craners Grundsatz. Damm hatte sie ein

elegantes weißes Moirékleid angezogen, als sie zu Mariannes Hochzeit

hinausfuhr. Dort saß sie nun mitten auf dem Rasen in einem Korbstuhl

und machte mit Lukas Allms Schwager Konversation, während die Mehrzahl

der Gäste sich im Garten erging. Der kleine Bahnassistent aus dem

Westfälischen strebte ab und zu nach weltmännischer Haltung, indem

er den Arm in die Hüfte stemmte und sich ein wenig zu Tante Sophie

hinunterbeugte.

»Ich finde es sehr richtig, daß Ihr Schwager hier draußen bleiben

will. Er kennt die Leute; sie mögen ihn gern, und die Kinder hängen ja

geradezu an ihm!« sagte Sophie Craner freundlich.

»Es tut einem nur leid, daß er dann garnicht weiterkommen kann. Er mit

seiner Vorbildung! Unterprima! Und vom Seminar so glänzende Zeugnisse.«

Tante Sophie machte ein freundlich-andächtiges Gesicht.

»Wollen Sie sich nicht setzen?«

Sie schob den Schuh unter dem Kleide hervor und tippte mit dem Fuß an

einen Gartenstuhl.

Der Bahnassistent knickte im Kreuz zusammen.

»Danke sehr! Danke verbindlichst!«

Der Schuh irritierte ihn. Dergleichen hatte er bisher nur in einem

Laden in Berlin gesehen, auf gebogenen Eisenstangen mit hellblauen

Plüschpolstern. Er hob die Schöße seines Uniformrocks und ließ sich mit

zaghafter Gebärde auf dem Stuhl nieder.

»Er sollte doch noch den höheren Lehrberuf erlernen. Jetzt, wo er es

kann!« begann der Bahnassistent wieder.

»O, meinen Sie?!« sagte sie kühl.

»Männchen! ich suche dich schon überall!«

Da stand Frau Hempel auf dem Kiesweg. Sie wagte nicht recht, den Rasen

zu betreten.

»Kommen Sie doch zu uns!« lud Sophie Craner sie ein.

Aber noch ehe Frau Hempel den halben Weg gemacht hatte, stürzte das

schluchzende Lenchen an die Falten ihres Kleides.

»Aber Lenchen! Mein gutes Kleid!«

Die rotsamtne Kamelie in ihrem Haar schwankte hin und her. »Was ist

denn los? Warum heulst du denn so?«

»Mutting, mir ist so übel!« Auf dem mageren Halse klimperte eine

Korallenkette. Und auf dem Gesicht jammerte die Ungemütlichkeit eines

verdorbenen Magens.

»Die rosa Torte!« schluchzte sie.

Frau Hempel fuhr ihr liebevoll mit dem gesteiften Taschentuch über das

Gesicht.

»Ja, Lenchen, die ist nun hin!«

Evelyn kam aus der Laube und nahm der Frau das Kind ab.

»Du siehst ja schön aus!« lachte sie. »Komm, ich will dich abwaschen!«

Die beiden verschwanden hinter dem Gebüsch.

Als Frau Hempel nun glücklich bei Tante Sophie anlangte, hatte sich

inzwischen um diese ein ganzer Kreis versammelt.

»Ach ja, gnädige Frau,« seufzte sie, »Sie haben es gut, mit dem

Fräulein für Ihre Kleine! Aber unsereins!« Sie strich mit der Hand über

den weißseidenen Einsatz ihres braungefärbten Brautkleides und glättete

den Pointlacekragen.

Der Pastor zog sich einen Stuhl heran.

»Das letzte Mal war es eine so traurige Veranlassung, die uns

zusammenführte, meine verehrte Frau Craner!«

Tante Sophies Gesicht zeigte eine gemessene Trauer, wie man sie kurz

nach Ablauf des Trauerjahrs an den Tag zu legen pflegt, verbunden mit

einem kirchlichen Anflug, der in den Mundwinkeln lag. Sie hielt auf

gute Beziehungen zur Kirche.

Der Pastor wurde wehmütig.

»Wie würde sich die Selige über das Glück ihrer Tochter gefreut haben!«

Drüben auf dem Kieswege wurde das Glück sichtbar. Man sah ein schweres

Atlaskleid, -- das Weiß ließ Mariannes runde Glieder dick erscheinen,

-- einen grünen Kranz und ein Gebäude von stehendem Tüll, nicht zu

vergessen einen schwarzen Arm, der quer über die Taille ging, sie

umschlang und sie, von der Ferne gesehen, gleichsam zerschnitt. Daneben

Schwarz, eine breite Masse von Schwarz, mit einem ganz schmalen weißen

Streifen, das war Lukas Allms Kragen.

Die beiden schwammen in Glück. Auf ihres Lebens breitem Fluß schimmerte

Sonnenlicht. Sie trieben dahin, schlossen die Augen unter den Strahlen

und atmeten die seidenweiche Luft.

Trotzdem konnte von einem alle Winkel ausfüllenden Genießen dieses

Sommersonnentages nicht die Rede sein. Denn ihre Blicke gingen allzuoft

nach jener geheimnisvollen Biegung, die der Strom dort unten machte,

wo er in den Wald hineinglitt, hinter dessen schweigenden Bäumen

unbekannte Dinge warteten. Nicht, daß sie ungeduldig gewartet hätten;

aber es ging eine Anziehung von dort aus, und je weiter die Sonne sich

nach Westen wendete, um so unmittelbarer wurde ihre Kraft.

Nun kam Agnes Elisabeth und bat zum Kaffee. Der allgemeine Aufbruch

nach dem Platz unter den Ahornbäumen gab dem Brautpaar Gelegenheit, zu

verschwinden, um sich für die Reise umzukleiden.

Draußen saß die Hochzeitsgesellschaft an einer langen Tafel. Auf der

einen Seite ging es geräuschvoll zu, -- es fehlte nicht an Vettern und

Freunden, die sich eine Hochzeit ohne animierte Stimmung nicht denken

konnten, -- auf der andern jedoch -- dort saß die nähere Verwandtschaft

-- gebrach es an Gesprächsstoff: nachdem man sich während des Essens

einander mit unterstrichener Freundlichkeit genähert hatte, kamen sich

jetzt alle mit einem Male vereinsamt vor und saßen stumm nebeneinander.

Nur der Pastor sprach unentwegt, sog an einer großen Zigarre und schien

sehr aufgeräumt zu sein.

Evelyn und Julie gingen nacheinander ins Haus, um Marianne Lebewohl zu

sagen. Nach einer Weile erschien die Braut in dem für Hochzeitsreisen

vorgeschriebenen Anzug. Die alte Kalesche des Bauern Teetje hielt

vor dem Garten. Dann kam Lukas Allm; er trug ein Köfferchen und hob

es gewichtig auf den Bock. -- Schließlich wurde es der gewöhnliche

Abschied: Marianne weinend von einer Schwester zur andern, Frau Allm

mit Tränen der Rührung am Halse ihres Sohnes, die näheren Verwandten

mit würdigen Mienen in einigen Schritten Abstand, im Hintergrund die

Jugend, gaffend, mit unverschämtem Zartgefühl ...

Dann reckte sich Lukas Allm in die Höhe, sah nach der Uhr und drängte

zur Abfahrt. Marianne riß sich schluchzend los.

Und endlich rollte der Wagen die Chaussee hinunter, während der

Pferdeknecht mit der Peitsche knallte, um die Gäule, die vor dem

Torfwagen nie anders als im Schritt gingen, zu einem Galopp oder Trab

zu überreden.

Die Gesellschaft blieb nicht mehr lange beisammen. Genau eine halbe

Stunde nach der Abfahrt des jungen Paares fuhr Wilhelm Craners Wagen

vor, und Tante Sophie atmete erleichtert auf, als sie darin saß. Ein

Jagdwagen brachte die übrigen Gäste nach der Stadt zurück. Frau Allm

bat die Schwestern, bei ihr zu Abend zu essen, aber Agnes Elisabeth

lehnte ab.

Und endlich waren sie allein.

Als ob ihnen etwas zerstört sei, so fühlten sie sich.

Was zerstört war, war nicht ihr schwesterliches Zusammenleben, auch

nicht die Unbefangenheit, mit der sie bisher der Wirklichkeit des

Lebens gegenüber gestanden hatten, sondern der Rhythmus ihres Hauses,

die Melodie seiner farbigen Stille.

Die hellen Wände, die alten Möbel, ihre Tannenallee, ihr Rasen, dies

alles hatte durch die Gesellschaft, die sich hier breitgemacht hatte,

einen Teil seines Zaubers verloren.

Die Stimmung, die bisher über den Kleinigkeiten ihres Lebens

ausgebreitet gewesen war, war mit einem Male zerrissen, und sie konnten

die Fäden nicht finden, sie neu zu weben.

Selbst Julies mokantes Lächeln, das sonst wie ein reinigender Luftzug

allen zurückbleibenden Dunst aus dem Hause geweht hatte, versagte

heute.

»Das war nicht schön!« meinte sie matt.

Und Evelyn, die verschüchtert auf einer niedrigen Bank saß, erklärte

nach einer Weile: »Ich hätte ihn nicht geheiratet!«

Die Schwestern Hellwege · 第 23 / 47 题