»Wenn jemand einmal von der Familie aufgenommen ist, dann gehört
er auch zu uns!« war Sophie Craners Grundsatz. Damm hatte sie ein
elegantes weißes Moirékleid angezogen, als sie zu Mariannes Hochzeit
hinausfuhr. Dort saß sie nun mitten auf dem Rasen in einem Korbstuhl
und machte mit Lukas Allms Schwager Konversation, während die Mehrzahl
der Gäste sich im Garten erging. Der kleine Bahnassistent aus dem
Westfälischen strebte ab und zu nach weltmännischer Haltung, indem
er den Arm in die Hüfte stemmte und sich ein wenig zu Tante Sophie
hinunterbeugte.
»Ich finde es sehr richtig, daß Ihr Schwager hier draußen bleiben
will. Er kennt die Leute; sie mögen ihn gern, und die Kinder hängen ja
geradezu an ihm!« sagte Sophie Craner freundlich.
»Es tut einem nur leid, daß er dann garnicht weiterkommen kann. Er mit
seiner Vorbildung! Unterprima! Und vom Seminar so glänzende Zeugnisse.«
Tante Sophie machte ein freundlich-andächtiges Gesicht.
»Wollen Sie sich nicht setzen?«
Sie schob den Schuh unter dem Kleide hervor und tippte mit dem Fuß an
einen Gartenstuhl.
Der Bahnassistent knickte im Kreuz zusammen.
»Danke sehr! Danke verbindlichst!«
Der Schuh irritierte ihn. Dergleichen hatte er bisher nur in einem
Laden in Berlin gesehen, auf gebogenen Eisenstangen mit hellblauen
Plüschpolstern. Er hob die Schöße seines Uniformrocks und ließ sich mit
zaghafter Gebärde auf dem Stuhl nieder.
»Er sollte doch noch den höheren Lehrberuf erlernen. Jetzt, wo er es
kann!« begann der Bahnassistent wieder.
»O, meinen Sie?!« sagte sie kühl.
»Männchen! ich suche dich schon überall!«
Da stand Frau Hempel auf dem Kiesweg. Sie wagte nicht recht, den Rasen
zu betreten.
»Kommen Sie doch zu uns!« lud Sophie Craner sie ein.
Aber noch ehe Frau Hempel den halben Weg gemacht hatte, stürzte das
schluchzende Lenchen an die Falten ihres Kleides.
»Aber Lenchen! Mein gutes Kleid!«
Die rotsamtne Kamelie in ihrem Haar schwankte hin und her. »Was ist
denn los? Warum heulst du denn so?«
»Mutting, mir ist so übel!« Auf dem mageren Halse klimperte eine
Korallenkette. Und auf dem Gesicht jammerte die Ungemütlichkeit eines
verdorbenen Magens.
»Die rosa Torte!« schluchzte sie.
Frau Hempel fuhr ihr liebevoll mit dem gesteiften Taschentuch über das
Gesicht.
»Ja, Lenchen, die ist nun hin!«
Evelyn kam aus der Laube und nahm der Frau das Kind ab.
»Du siehst ja schön aus!« lachte sie. »Komm, ich will dich abwaschen!«
Die beiden verschwanden hinter dem Gebüsch.
Als Frau Hempel nun glücklich bei Tante Sophie anlangte, hatte sich
inzwischen um diese ein ganzer Kreis versammelt.
»Ach ja, gnädige Frau,« seufzte sie, »Sie haben es gut, mit dem
Fräulein für Ihre Kleine! Aber unsereins!« Sie strich mit der Hand über
den weißseidenen Einsatz ihres braungefärbten Brautkleides und glättete
den Pointlacekragen.
Der Pastor zog sich einen Stuhl heran.
»Das letzte Mal war es eine so traurige Veranlassung, die uns
zusammenführte, meine verehrte Frau Craner!«
Tante Sophies Gesicht zeigte eine gemessene Trauer, wie man sie kurz
nach Ablauf des Trauerjahrs an den Tag zu legen pflegt, verbunden mit
einem kirchlichen Anflug, der in den Mundwinkeln lag. Sie hielt auf
gute Beziehungen zur Kirche.
Der Pastor wurde wehmütig.
»Wie würde sich die Selige über das Glück ihrer Tochter gefreut haben!«
Drüben auf dem Kieswege wurde das Glück sichtbar. Man sah ein schweres
Atlaskleid, -- das Weiß ließ Mariannes runde Glieder dick erscheinen,
-- einen grünen Kranz und ein Gebäude von stehendem Tüll, nicht zu
vergessen einen schwarzen Arm, der quer über die Taille ging, sie
umschlang und sie, von der Ferne gesehen, gleichsam zerschnitt. Daneben
Schwarz, eine breite Masse von Schwarz, mit einem ganz schmalen weißen
Streifen, das war Lukas Allms Kragen.
Die beiden schwammen in Glück. Auf ihres Lebens breitem Fluß schimmerte
Sonnenlicht. Sie trieben dahin, schlossen die Augen unter den Strahlen
und atmeten die seidenweiche Luft.
Trotzdem konnte von einem alle Winkel ausfüllenden Genießen dieses
Sommersonnentages nicht die Rede sein. Denn ihre Blicke gingen allzuoft
nach jener geheimnisvollen Biegung, die der Strom dort unten machte,
wo er in den Wald hineinglitt, hinter dessen schweigenden Bäumen
unbekannte Dinge warteten. Nicht, daß sie ungeduldig gewartet hätten;
aber es ging eine Anziehung von dort aus, und je weiter die Sonne sich
nach Westen wendete, um so unmittelbarer wurde ihre Kraft.
Nun kam Agnes Elisabeth und bat zum Kaffee. Der allgemeine Aufbruch
nach dem Platz unter den Ahornbäumen gab dem Brautpaar Gelegenheit, zu
verschwinden, um sich für die Reise umzukleiden.
Draußen saß die Hochzeitsgesellschaft an einer langen Tafel. Auf der
einen Seite ging es geräuschvoll zu, -- es fehlte nicht an Vettern und
Freunden, die sich eine Hochzeit ohne animierte Stimmung nicht denken
konnten, -- auf der andern jedoch -- dort saß die nähere Verwandtschaft
-- gebrach es an Gesprächsstoff: nachdem man sich während des Essens
einander mit unterstrichener Freundlichkeit genähert hatte, kamen sich
jetzt alle mit einem Male vereinsamt vor und saßen stumm nebeneinander.
Nur der Pastor sprach unentwegt, sog an einer großen Zigarre und schien
sehr aufgeräumt zu sein.
Evelyn und Julie gingen nacheinander ins Haus, um Marianne Lebewohl zu
sagen. Nach einer Weile erschien die Braut in dem für Hochzeitsreisen
vorgeschriebenen Anzug. Die alte Kalesche des Bauern Teetje hielt
vor dem Garten. Dann kam Lukas Allm; er trug ein Köfferchen und hob
es gewichtig auf den Bock. -- Schließlich wurde es der gewöhnliche
Abschied: Marianne weinend von einer Schwester zur andern, Frau Allm
mit Tränen der Rührung am Halse ihres Sohnes, die näheren Verwandten
mit würdigen Mienen in einigen Schritten Abstand, im Hintergrund die
Jugend, gaffend, mit unverschämtem Zartgefühl ...
Dann reckte sich Lukas Allm in die Höhe, sah nach der Uhr und drängte
zur Abfahrt. Marianne riß sich schluchzend los.
Und endlich rollte der Wagen die Chaussee hinunter, während der
Pferdeknecht mit der Peitsche knallte, um die Gäule, die vor dem
Torfwagen nie anders als im Schritt gingen, zu einem Galopp oder Trab
zu überreden.
Die Gesellschaft blieb nicht mehr lange beisammen. Genau eine halbe
Stunde nach der Abfahrt des jungen Paares fuhr Wilhelm Craners Wagen
vor, und Tante Sophie atmete erleichtert auf, als sie darin saß. Ein
Jagdwagen brachte die übrigen Gäste nach der Stadt zurück. Frau Allm
bat die Schwestern, bei ihr zu Abend zu essen, aber Agnes Elisabeth
lehnte ab.
Und endlich waren sie allein.
Als ob ihnen etwas zerstört sei, so fühlten sie sich.
Was zerstört war, war nicht ihr schwesterliches Zusammenleben, auch
nicht die Unbefangenheit, mit der sie bisher der Wirklichkeit des
Lebens gegenüber gestanden hatten, sondern der Rhythmus ihres Hauses,
die Melodie seiner farbigen Stille.
Die hellen Wände, die alten Möbel, ihre Tannenallee, ihr Rasen, dies
alles hatte durch die Gesellschaft, die sich hier breitgemacht hatte,
einen Teil seines Zaubers verloren.
Die Stimmung, die bisher über den Kleinigkeiten ihres Lebens
ausgebreitet gewesen war, war mit einem Male zerrissen, und sie konnten
die Fäden nicht finden, sie neu zu weben.
Selbst Julies mokantes Lächeln, das sonst wie ein reinigender Luftzug
allen zurückbleibenden Dunst aus dem Hause geweht hatte, versagte
heute.
»Das war nicht schön!« meinte sie matt.
Und Evelyn, die verschüchtert auf einer niedrigen Bank saß, erklärte
nach einer Weile: »Ich hätte ihn nicht geheiratet!«