XIV

So kam auch nun für Evelyn der Tag, von dem in der Predigt so

eindringlich zu hören ist, daß er die Kinderzeit abschließe und die

Tore des Lebens und der Welt öffne. Jener Tag, der oft verhängnisvoll

wird, weil er die Seele des Kindes erschreckt und zaghaft macht.

Nicht allein, daß man dem Kinde in dieser Zeit einredet, seine

Sündenschuld sei unermeßlich, und nur der Glaube könne es wieder mit

Gott versöhnen, während das Kind doch genau weiß, daß es sich bisher

mit seinem lieben Gott sehr gut vertragen hat. Nicht genug, daß

hierdurch die Begriffe des Kindes verwirrt werden, daß es plötzlich

ängstlich wird, sich abquält, seine Sünden zu erkennen, sich selbst zum

Feinde zu nehmen und rührende Versuche macht, den wahren Glauben zu

erkämpfen, während Denkvermögen und Empfinden sich sträuben und doch

nicht stark genug sind, solchen Widersinn zu begreifen.

Die eigentliche Gefahr ist dies noch nicht.

Aber daß man die Fäden zerreißt, die, von Kinderspielen geknüpft,

durch Kinderträume sich weiterspinnen, daß man die zarte Pflanze aus

dem Boden seiner Phantasie herausnimmt und in dürres Land setzt, daß

man von dem Werden einer Seele keine Ahnung hat und die Umkehrung alles

Denkens und Empfindens proklamiert, das ist die Gefahr.

Wohl keiner ist ganz um sie herumgekommen; wohl alle haben mit irrenden

Mühen vieler Jahre erst wieder bauen müssen, was ihnen zerstört wurde;

und die meisten brachten es nicht einmal fertig, vergaßen es und

wohnten in Ruinen. Und wenige nur haben ihre Kinderseele wiedergefunden.

Evelyn war mit vielen Vorurteilen und einem ehrlichen Verdacht an diese

Zeit herangegangen, einem Verdacht, der ihr im Blute lag und sich gegen

alles richtete, was ihrem Schönheitsgefühl zuwider ging. Darum drehte

sie jedes Ding, das wie ein Samenkorn in ihrer Seele Boden gesenkt

werden sollte, erst mit schlanken Fingern herum, ehe sie es nahm,

suchte nach Schönheiten, fand sie nicht und legte es beiseite. Freilich

blieben auf diese Weise nicht viele Samenkörner liegen.

Evelyn ließ sich durch nichts beeinflussen. Julies Unabhängigkeit war

durch die Bücher bedingt, die sie las. Evelyn aber ging mit traumhafter

Sicherheit ihren Weg. Sie suchte nicht, aber sie fand. Sie sehnte sich

und war doch immer zu Hause. Fragen, die sich vor ihr aufstellten,

lösten sich von selbst, wenn sie mit weichem Lächeln ihren Kopf

zurücklehnte.

Als die kleine Orgel unter Lukas Allms Händen ihr Nachspiel mit

Trompetenregister in die Morgenluft hinausschmetterte, verließ Evelyn

neben Agnes Elisabeth die Kirche. Sie betraten den Weg, der über den

Kirchhof führte, während Tante Sophie und Marianne weihevoll die Stufen

herabschritten und gleich nach Hause gingen.

An dem Hügel blieben sie stehen. Schon viele Monate lag nun der Stein

zwischen dem Efeugeranke.

Der Himmel war klar wie ein Bergsee, und es roch nach Erde, die schon

von Veilchen wußte. An diese Veilchen dachte Evelyn, und daß sie

der Mutter gern welche in den Schoß gelegt hätte. Über den kahlen

Sträuchern drüben glitzerten helle Tropfen. Da flimmerten die Lichter

der Zukunft. Agnes Elisabeth stand stumm. Groll war in ihrem Schweigen,

und sogar Haß.

Evelyn aber lächelte.

Und aus diesem Lächeln wurde für Agnes Elisabeth doch noch ein

Sonnenblick, wenn er auch nur kurz über sie hinglitt und schnell wieder

verblaßte.

Die Schwestern Hellwege · 第 22 / 47 题