So kam auch nun für Evelyn der Tag, von dem in der Predigt so
eindringlich zu hören ist, daß er die Kinderzeit abschließe und die
Tore des Lebens und der Welt öffne. Jener Tag, der oft verhängnisvoll
wird, weil er die Seele des Kindes erschreckt und zaghaft macht.
Nicht allein, daß man dem Kinde in dieser Zeit einredet, seine
Sündenschuld sei unermeßlich, und nur der Glaube könne es wieder mit
Gott versöhnen, während das Kind doch genau weiß, daß es sich bisher
mit seinem lieben Gott sehr gut vertragen hat. Nicht genug, daß
hierdurch die Begriffe des Kindes verwirrt werden, daß es plötzlich
ängstlich wird, sich abquält, seine Sünden zu erkennen, sich selbst zum
Feinde zu nehmen und rührende Versuche macht, den wahren Glauben zu
erkämpfen, während Denkvermögen und Empfinden sich sträuben und doch
nicht stark genug sind, solchen Widersinn zu begreifen.
Die eigentliche Gefahr ist dies noch nicht.
Aber daß man die Fäden zerreißt, die, von Kinderspielen geknüpft,
durch Kinderträume sich weiterspinnen, daß man die zarte Pflanze aus
dem Boden seiner Phantasie herausnimmt und in dürres Land setzt, daß
man von dem Werden einer Seele keine Ahnung hat und die Umkehrung alles
Denkens und Empfindens proklamiert, das ist die Gefahr.
Wohl keiner ist ganz um sie herumgekommen; wohl alle haben mit irrenden
Mühen vieler Jahre erst wieder bauen müssen, was ihnen zerstört wurde;
und die meisten brachten es nicht einmal fertig, vergaßen es und
wohnten in Ruinen. Und wenige nur haben ihre Kinderseele wiedergefunden.
Evelyn war mit vielen Vorurteilen und einem ehrlichen Verdacht an diese
Zeit herangegangen, einem Verdacht, der ihr im Blute lag und sich gegen
alles richtete, was ihrem Schönheitsgefühl zuwider ging. Darum drehte
sie jedes Ding, das wie ein Samenkorn in ihrer Seele Boden gesenkt
werden sollte, erst mit schlanken Fingern herum, ehe sie es nahm,
suchte nach Schönheiten, fand sie nicht und legte es beiseite. Freilich
blieben auf diese Weise nicht viele Samenkörner liegen.
Evelyn ließ sich durch nichts beeinflussen. Julies Unabhängigkeit war
durch die Bücher bedingt, die sie las. Evelyn aber ging mit traumhafter
Sicherheit ihren Weg. Sie suchte nicht, aber sie fand. Sie sehnte sich
und war doch immer zu Hause. Fragen, die sich vor ihr aufstellten,
lösten sich von selbst, wenn sie mit weichem Lächeln ihren Kopf
zurücklehnte.
Als die kleine Orgel unter Lukas Allms Händen ihr Nachspiel mit
Trompetenregister in die Morgenluft hinausschmetterte, verließ Evelyn
neben Agnes Elisabeth die Kirche. Sie betraten den Weg, der über den
Kirchhof führte, während Tante Sophie und Marianne weihevoll die Stufen
herabschritten und gleich nach Hause gingen.
An dem Hügel blieben sie stehen. Schon viele Monate lag nun der Stein
zwischen dem Efeugeranke.
Der Himmel war klar wie ein Bergsee, und es roch nach Erde, die schon
von Veilchen wußte. An diese Veilchen dachte Evelyn, und daß sie
der Mutter gern welche in den Schoß gelegt hätte. Über den kahlen
Sträuchern drüben glitzerten helle Tropfen. Da flimmerten die Lichter
der Zukunft. Agnes Elisabeth stand stumm. Groll war in ihrem Schweigen,
und sogar Haß.
Evelyn aber lächelte.
Und aus diesem Lächeln wurde für Agnes Elisabeth doch noch ein
Sonnenblick, wenn er auch nur kurz über sie hinglitt und schnell wieder
verblaßte.