XIII

Die Heide fing zu schlafen an.

Nebel hatten sich gebreitet und deckten sie zu. Die Tage kamen und

gingen wie die Wolken, die über den Himmel zogen, eine wie die andere

...

Und einmal -- es war schon im Dezember, -- nachmittags, als die Nacht

von Osten heraufdämmerte, irrten ein paar Flocken zur Erde, und es

wurden ihrer mehr, und dann rieselte es herunter, die ganze Nacht und

den nächsten Tag, und gegen Abend hörte es auf. Da wußte man, daß es

bald Weihnachten war.

Bei Hellweges nähten sie an Mariannes Aussteuer.

Alles, was an irrenden Empfindungen sich sonst gekühlt hatte auf

Rasenflächen und in goldenem Wasser, saß nun eng beieinander und

schwelte und glomm.

Mariannes Wangen röteten sich tiefer über dem weißen Leinen. Zu Anfang

gefiel sie sich in dem gewöhnlichen Brautglück. Da blätterte man in

Katalogen, hatte Gratulationsbriefe zu lesen und ließ sich von der

geschmeichelten Schwiegermutter verziehen.

Aber das Neue wurde alt, und die rosa und himmelblauen Farben wurden

nüchtern. Zwischen Tag und Abend gab es Stimmungen, wo Marianne eine

Bitterkeit überkam. Daß dies nun alles war! Daß es keine dunkeln Ecken

mehr gab, wo man sich ängstlich und heimlich küssen konnte, daß es hell

lichter Tag sein sollte, wenn Lukas’ Lippen die ihren berührten. Und

dann fand sie auch manchmal, daß es eigentlich eine Anmaßung wäre, daß

Lukas Allm sie liebte. Sie deuchte sich viel zu gut für ihn. Und über

ihn hinweg reichte sie einem die Hände, der nicht da war und nie kommen

würde. Das quälte sie zuerst, dann wurde es ein Genuß, von dem sie bald

nicht genug haben konnte. Wenn Lukas Allm kam, geschah es oft, daß sie

sich in ihr Zimmer einschloß und ihn nicht sehen mochte. Sie saß dann

mit vielen Kissen in einem Korbstuhl, während er draußen auf Fußspitzen

vorbeischlich; und sie haßte ihn, weil er da war, weil er sie heiraten

wollte, weil er nicht ~mehr~ war. Sie weinte, biß sich in die

Finger und kostete alle Wonnen der Phantastik bis zur Neige. Wenn sie

an diese Neige kam, sehnte sie sich plötzlich nach seinen breiten

Händen und verlangte nach seinen Küssen. Und der Schluß war fast immer

derselbe: sie lief zum Schulhaus hinüber. -- Es war Mitleid darin, wenn

sie sich dann an ihn preßte, ein angenehmes Gefühl von Herablassung mit

einer Würze von Märtyrertum.

Anders waren die Abende.

Mancherlei Gedanken stiegen auf, und schauernde Empfindungen breiteten

sich. Vielleicht, weil das Leinen kühl war und die Hände heiß,

vielleicht auch, weil es gerade Nachtkleider waren, die sie nähte. Wenn

sie da alle vier um den Eßtisch saßen, war in ihr nichts anderes als

ein Warten auf das Schlafengehn. Die fertige Wäsche wurde dann in ihr

Zimmer gelegt, -- sie schlief jetzt allein, -- und nachdem sie die Tür

verriegelt hatte, bekleidete sie sich vor dem Spiegel in einer gewissen

lüsternen Neugierde mit allem dem Kalten, Feinen, das ihre Haut kühl

betastete. Und die Nachtkleider hob sie sich bis zuletzt auf. Nicht

etwa, daß sie jetzt an Lukas Allm gedacht hätte; sie wußte sehr wohl,

daß das nicht passend gewesen wäre. Aber gerade diese Grenze war nur

ein Reiz mehr. Das Ungewisse wartete noch auf sie. Wenn ihre Phantasie

rosenrot um sie herum stand, legte sie sich in ihr Bett, in das weiche,

weiße, volle Bett. Und wenn sie wollte, dann lag sie kalt, ohne sich

zu rühren, und lauschte, wie es um sie brauste. Und dann wollte sie

niemals ihr Mädchenbett verlassen. Aber zu anderen Zeiten, -- und die

kamen, -- häufte sie Kissen neben sich, schlang die Arme um sie ... Und

dann küßte sie, -- nicht Lukas Allm, aber ~ihn~!

Alle Wirklichkeit stand dann weit, weit fort.

Diese Abende blieben auch nicht ohne Einfluß auf die anderen. Es

war immer dasselbe Bild. Die Stube mit ihren dämmernden Ecken, die

Hängelampe, die leise hin und her schaukelte, der Tisch mit Leinen

bedeckt, und da saßen sie, verbissen sich in ihre Arbeit, schwiegen

und ließen ihre Gedanken wandern. Wovon man sprach, -- man tat es

nicht allzuoft -- war natürlich immer die Aussteuer und die täglichen

Nichtigkeiten der Ehe. Evelyn fand dies alles nüchtern. Daß man ganze

Ballen Zeug mit lautem Ratschen zerriß und ohne Ende rote Buchstaben

und Zahlen stickte! Sie wollte nur Seide haben, knisternde Seide und

viele Spitzen; vor allem müßte alles plötzlich vor ihr liegen, und man

dürfte nicht wissen, woher es käme.

Julie wurde sich über manche Dinge klar, an die sie bisher nur

gelegentlich gedacht hatte. Ohne Hochmut! Da war weder Spott über

Mariannes bräutliche Wichtigtuerei, noch jene gemachte Überlegenheit,

die nichts ist als Neid und boshafter Entgelt für verletztes

Schamgefühl. Sie wurde von der schwülen Atmosphäre -- denn in aller

Gedanken war der Mann gegenwärtig, und in dem Schweigen war viel

von der erwartenden Bangigkeit des Weibes, das seine Nähe fühlt --

eigentlich nicht berührt. Aber sie stand mit offenen Augen vor diesen

neuen Vorgängen und ging mit ihrem Verstande, wie sie glaubte, in

Wirklichkeit mit ihrem Empfinden daran, diese Eindrücke zu verarbeiten.

»Die Frau ist in der Ehe doch nur ein Anhängsel,« sagte sie einmal.

Marianne widersprach ihr würdevoll und redete von der veredelnden Kraft

der Liebe.

Julie schüttelte den Kopf.

»Liebe ist bei ihm nur eine kleine Kammer seines Innern, wo er seine

paar Empfindungen zusammengeworfen hat, weil er sich zwischen ihnen

nicht mehr zurechtfinden kann, also etwas ganz Nebensächliches! Dort

aber, wo er zu Hause ist, will er die Frau gar nicht bei sich haben. Da

ist sie ihm nur im Wege!«

Hier sah Agnes Elisabeth auf, mit einem Blick voll Hilflosigkeit.

»Im Innersten will er nicht, daß die Frau neben ihm steht,« fuhr Julie

fort. »Die mag nur in der Kammer bleiben, und wenn es ihm gefällt, will

er sie dort besuchen.«

Und ein anderes Mal meinte sie, die Frau gebe in der Ehe zuviel auf.

»Empfindungen darf man schon gar nicht in die Ehe mit hineinbringen.

Denn der Mann will nur die eine Empfindung von seiner Frau haben, daß

sie ihn liebt, das heißt, daß sie für ihn sorgt, daß das Essen gut

schmeckt, und daß das Zimmer warm ist, und daß sie sich von ihm küssen

läßt, wenn er gerade Lust hat.«

Auch mit dieser Ansicht blieb Julie natürlich allein. Denn die andern

und vielleicht sogar Evelyn fühlten sich innerlich viel zu sehr

beteiligt, als daß sie Julies Nüchternheit hätten gutheißen können.

Zum mindesten hatten sie alle drei schon einmal mit dem Gedanken an

eines Mannes Liebe gespielt, und ihre Phantasie hatte Bilder geschaffen

nach eigenem Wunsch und eigener Sehnsucht. Das hatte Julie nie

getan. Für sie war die Ehe nicht der heimliche Garten, der jenseits

der Berge lag, dessen Düfte abends wohl herüberzogen, sondern etwas

Selbstverständliches, ja Gleichgültiges, daß man sich Gedanken darum

nur machte, wenn ein äußerer Anlaß sie herbeirief. Einmal sagte sie

ganz ruhig und gelassen zu Marianne: »Auf dem Boden steht noch unsere

alte Wiege: nimm sie dir doch mit!«

Das gab drüben einen hochroten Kopf und bei Agnes Elisabeth stumme

Empörung.

Julie verstand nicht, wie man dadurch verletzt sein könnte, und machte

ein verwundertes Gesicht. Übrigens hatte diese Bemerkung eine tiefere

Wirkung, als Julie geglaubt hätte. Marianne begann nämlich von diesem

Tage an darüber nachzudenken, daß sie Kinder haben würde. Und das war

gut für Marianne. Denn ihr Empfinden, das in der Treibhausluft ihrer

Sinnlichkeit schon seltsame Auswüchse hervorgebracht hatte, bekam nun

mehr Platz, breitete sich auf dem weichen Ahnen von Mütterlichkeit und

entwickelte sich zu einem kräftigen Gefühl. Von Natur aus war Marianne

gesund. Ihre Gesundheit war nur so vollblütig, daß sie zur Gefahr für

sie hätte werden können. An dieser Gefahr kam sie nun vorbei. Der

größere Teil ihrer Gefühle vereinigte sich nun auf das Kind; sie fand

daran Arbeit genug, sehnte sich und hoffte, nährte und erzog und baute

Schlösser in blaue Möglichkeiten hinein.

Agnes Elisabeth dachte bei dem allem, daß ~sie~ es sein könnte,

für die man nähte, und daß sie es nicht war. Eigentlich dachte sie nur

dieses. Und es tat ihr nicht einmal besonders weh; Ecken und Kanten

hatten diese Gedanken gar nicht. Aber sie lagen auf ihr, wie eine

Schicht grobfaseriger Sägespäne. Sie wartete immer, daß Heinrich Craner

noch käme, aber sie hoffte nie darauf. Sie dachte auch an ihre Liebe

zu ihm. Aber liebte sie ihn noch? Es begann eine weite Ebene in ihr

zu werden. Oft schloß sie die Augen; es war ja nichts da, wonach sie

auszuschauen brauchte, und dann war auch alles so glatt, und es ging

sich so weich in dieser Dämmerung.

Im übrigen war diese Zeit wie eine schläfrige und eintönige Musik.

Die Tonleitern des Haushalts stiegen auf und ab, am Sonntag in

=C=-Dur, am Montag in =G=-Dur, am Dienstag in =D=-Dur. Dazu kam

vielleicht alle drei Wochen einmal die sentimental lärmende Weise

eines Kaffeekränzchens beim Pastor.

Nur ~eine~ frische Melodie gab es. Wenn die Nebel zerrissen und

die Wiesen fest wie eine blendende Glasplatte dalagen. Dann wurde die

Wäsche beiseite geworfen, und die Wirtschaft mochte liegen bleiben. Die

Schlittschuhe wurden geholt und mit gerafften Röcken ging es hinaus

in die Winterluft, vom Morgen bis zum späten Abend. Es war keine

Seltenheit, daß die Dunkelheit sie überfiel und sie zwang, in einem

kleinen Wirtshaus zur Nacht zu bleiben; das erhöhte dann nur die kecke

Stimmung und steckte manch flackerndes Gelächter an. Kamen aber die

Wolken wieder herauf, schleppte sich der warme Wind über die krachende

Eisfläche, dann war auch diese Melodie verklungen.

Natürlich verging kein Tag, an dem nicht Lukas Allms Gestalt das Zimmer

füllte. Er hatte etwas von einem treuen Hunde, der behaglich von einem

zum andern geht und dann breit an einem Flecke sitzen bleibt. Sie

hatten ihn alle gern, wenn auch von einem geschwisterlichen Verhältnis

keine Rede sein konnte. Er war da, und weil er nicht störte, gewöhnte

man sich an ihn. Auch seine gutmütige Zärtlichkeit gegen Marianne hatte

man sich schlimmer vorgestellt.

Vor allem aber -- dessen wurden sie sich natürlich nicht bewußt

-- wirkte seine Gegenwart befreiend. Denn jene unbestimmbaren

Empfindungen, die das Schweigen aus der Tiefe herauskommen ließ, alle

die Gedanken und Ahnungen, die in diesen Ehevorbereitungen die Nähe des

Mannes witterten, verflogen im Nu, wenn Lukas Allm ins Zimmer trat.

Da saß er dann, flüsterte mit Marianne und machte seine Späße

mit Evelyn. Man brauchte sich nicht vor ihm zu fürchten, denn es

war ja nicht ~er~, der eben noch aus jener Ecke schreckhaft

herübergeblickt hatte.

So gingen denn die Tage und verschwanden, neue kamen und immer

neue, blieben ihre Weile und waren vergessen. Ein spärliches Licht

breitete sich auf Stunden, als der Tannenbaum brannte und Frau Allm im

Schwesternkreise ein paar Tränen über ihres Sohnes Glück vergoß. Dann

ging es in das neue Jahr hinein.

Die Schwestern Hellwege · 第 21 / 47 题