Die Heide fing zu schlafen an.
Nebel hatten sich gebreitet und deckten sie zu. Die Tage kamen und
gingen wie die Wolken, die über den Himmel zogen, eine wie die andere
...
Und einmal -- es war schon im Dezember, -- nachmittags, als die Nacht
von Osten heraufdämmerte, irrten ein paar Flocken zur Erde, und es
wurden ihrer mehr, und dann rieselte es herunter, die ganze Nacht und
den nächsten Tag, und gegen Abend hörte es auf. Da wußte man, daß es
bald Weihnachten war.
Bei Hellweges nähten sie an Mariannes Aussteuer.
Alles, was an irrenden Empfindungen sich sonst gekühlt hatte auf
Rasenflächen und in goldenem Wasser, saß nun eng beieinander und
schwelte und glomm.
Mariannes Wangen röteten sich tiefer über dem weißen Leinen. Zu Anfang
gefiel sie sich in dem gewöhnlichen Brautglück. Da blätterte man in
Katalogen, hatte Gratulationsbriefe zu lesen und ließ sich von der
geschmeichelten Schwiegermutter verziehen.
Aber das Neue wurde alt, und die rosa und himmelblauen Farben wurden
nüchtern. Zwischen Tag und Abend gab es Stimmungen, wo Marianne eine
Bitterkeit überkam. Daß dies nun alles war! Daß es keine dunkeln Ecken
mehr gab, wo man sich ängstlich und heimlich küssen konnte, daß es hell
lichter Tag sein sollte, wenn Lukas’ Lippen die ihren berührten. Und
dann fand sie auch manchmal, daß es eigentlich eine Anmaßung wäre, daß
Lukas Allm sie liebte. Sie deuchte sich viel zu gut für ihn. Und über
ihn hinweg reichte sie einem die Hände, der nicht da war und nie kommen
würde. Das quälte sie zuerst, dann wurde es ein Genuß, von dem sie bald
nicht genug haben konnte. Wenn Lukas Allm kam, geschah es oft, daß sie
sich in ihr Zimmer einschloß und ihn nicht sehen mochte. Sie saß dann
mit vielen Kissen in einem Korbstuhl, während er draußen auf Fußspitzen
vorbeischlich; und sie haßte ihn, weil er da war, weil er sie heiraten
wollte, weil er nicht ~mehr~ war. Sie weinte, biß sich in die
Finger und kostete alle Wonnen der Phantastik bis zur Neige. Wenn sie
an diese Neige kam, sehnte sie sich plötzlich nach seinen breiten
Händen und verlangte nach seinen Küssen. Und der Schluß war fast immer
derselbe: sie lief zum Schulhaus hinüber. -- Es war Mitleid darin, wenn
sie sich dann an ihn preßte, ein angenehmes Gefühl von Herablassung mit
einer Würze von Märtyrertum.
Anders waren die Abende.
Mancherlei Gedanken stiegen auf, und schauernde Empfindungen breiteten
sich. Vielleicht, weil das Leinen kühl war und die Hände heiß,
vielleicht auch, weil es gerade Nachtkleider waren, die sie nähte. Wenn
sie da alle vier um den Eßtisch saßen, war in ihr nichts anderes als
ein Warten auf das Schlafengehn. Die fertige Wäsche wurde dann in ihr
Zimmer gelegt, -- sie schlief jetzt allein, -- und nachdem sie die Tür
verriegelt hatte, bekleidete sie sich vor dem Spiegel in einer gewissen
lüsternen Neugierde mit allem dem Kalten, Feinen, das ihre Haut kühl
betastete. Und die Nachtkleider hob sie sich bis zuletzt auf. Nicht
etwa, daß sie jetzt an Lukas Allm gedacht hätte; sie wußte sehr wohl,
daß das nicht passend gewesen wäre. Aber gerade diese Grenze war nur
ein Reiz mehr. Das Ungewisse wartete noch auf sie. Wenn ihre Phantasie
rosenrot um sie herum stand, legte sie sich in ihr Bett, in das weiche,
weiße, volle Bett. Und wenn sie wollte, dann lag sie kalt, ohne sich
zu rühren, und lauschte, wie es um sie brauste. Und dann wollte sie
niemals ihr Mädchenbett verlassen. Aber zu anderen Zeiten, -- und die
kamen, -- häufte sie Kissen neben sich, schlang die Arme um sie ... Und
dann küßte sie, -- nicht Lukas Allm, aber ~ihn~!
Alle Wirklichkeit stand dann weit, weit fort.
Diese Abende blieben auch nicht ohne Einfluß auf die anderen. Es
war immer dasselbe Bild. Die Stube mit ihren dämmernden Ecken, die
Hängelampe, die leise hin und her schaukelte, der Tisch mit Leinen
bedeckt, und da saßen sie, verbissen sich in ihre Arbeit, schwiegen
und ließen ihre Gedanken wandern. Wovon man sprach, -- man tat es
nicht allzuoft -- war natürlich immer die Aussteuer und die täglichen
Nichtigkeiten der Ehe. Evelyn fand dies alles nüchtern. Daß man ganze
Ballen Zeug mit lautem Ratschen zerriß und ohne Ende rote Buchstaben
und Zahlen stickte! Sie wollte nur Seide haben, knisternde Seide und
viele Spitzen; vor allem müßte alles plötzlich vor ihr liegen, und man
dürfte nicht wissen, woher es käme.
Julie wurde sich über manche Dinge klar, an die sie bisher nur
gelegentlich gedacht hatte. Ohne Hochmut! Da war weder Spott über
Mariannes bräutliche Wichtigtuerei, noch jene gemachte Überlegenheit,
die nichts ist als Neid und boshafter Entgelt für verletztes
Schamgefühl. Sie wurde von der schwülen Atmosphäre -- denn in aller
Gedanken war der Mann gegenwärtig, und in dem Schweigen war viel
von der erwartenden Bangigkeit des Weibes, das seine Nähe fühlt --
eigentlich nicht berührt. Aber sie stand mit offenen Augen vor diesen
neuen Vorgängen und ging mit ihrem Verstande, wie sie glaubte, in
Wirklichkeit mit ihrem Empfinden daran, diese Eindrücke zu verarbeiten.
»Die Frau ist in der Ehe doch nur ein Anhängsel,« sagte sie einmal.
Marianne widersprach ihr würdevoll und redete von der veredelnden Kraft
der Liebe.
Julie schüttelte den Kopf.
»Liebe ist bei ihm nur eine kleine Kammer seines Innern, wo er seine
paar Empfindungen zusammengeworfen hat, weil er sich zwischen ihnen
nicht mehr zurechtfinden kann, also etwas ganz Nebensächliches! Dort
aber, wo er zu Hause ist, will er die Frau gar nicht bei sich haben. Da
ist sie ihm nur im Wege!«
Hier sah Agnes Elisabeth auf, mit einem Blick voll Hilflosigkeit.
»Im Innersten will er nicht, daß die Frau neben ihm steht,« fuhr Julie
fort. »Die mag nur in der Kammer bleiben, und wenn es ihm gefällt, will
er sie dort besuchen.«
Und ein anderes Mal meinte sie, die Frau gebe in der Ehe zuviel auf.
»Empfindungen darf man schon gar nicht in die Ehe mit hineinbringen.
Denn der Mann will nur die eine Empfindung von seiner Frau haben, daß
sie ihn liebt, das heißt, daß sie für ihn sorgt, daß das Essen gut
schmeckt, und daß das Zimmer warm ist, und daß sie sich von ihm küssen
läßt, wenn er gerade Lust hat.«
Auch mit dieser Ansicht blieb Julie natürlich allein. Denn die andern
und vielleicht sogar Evelyn fühlten sich innerlich viel zu sehr
beteiligt, als daß sie Julies Nüchternheit hätten gutheißen können.
Zum mindesten hatten sie alle drei schon einmal mit dem Gedanken an
eines Mannes Liebe gespielt, und ihre Phantasie hatte Bilder geschaffen
nach eigenem Wunsch und eigener Sehnsucht. Das hatte Julie nie
getan. Für sie war die Ehe nicht der heimliche Garten, der jenseits
der Berge lag, dessen Düfte abends wohl herüberzogen, sondern etwas
Selbstverständliches, ja Gleichgültiges, daß man sich Gedanken darum
nur machte, wenn ein äußerer Anlaß sie herbeirief. Einmal sagte sie
ganz ruhig und gelassen zu Marianne: »Auf dem Boden steht noch unsere
alte Wiege: nimm sie dir doch mit!«
Das gab drüben einen hochroten Kopf und bei Agnes Elisabeth stumme
Empörung.
Julie verstand nicht, wie man dadurch verletzt sein könnte, und machte
ein verwundertes Gesicht. Übrigens hatte diese Bemerkung eine tiefere
Wirkung, als Julie geglaubt hätte. Marianne begann nämlich von diesem
Tage an darüber nachzudenken, daß sie Kinder haben würde. Und das war
gut für Marianne. Denn ihr Empfinden, das in der Treibhausluft ihrer
Sinnlichkeit schon seltsame Auswüchse hervorgebracht hatte, bekam nun
mehr Platz, breitete sich auf dem weichen Ahnen von Mütterlichkeit und
entwickelte sich zu einem kräftigen Gefühl. Von Natur aus war Marianne
gesund. Ihre Gesundheit war nur so vollblütig, daß sie zur Gefahr für
sie hätte werden können. An dieser Gefahr kam sie nun vorbei. Der
größere Teil ihrer Gefühle vereinigte sich nun auf das Kind; sie fand
daran Arbeit genug, sehnte sich und hoffte, nährte und erzog und baute
Schlösser in blaue Möglichkeiten hinein.
Agnes Elisabeth dachte bei dem allem, daß ~sie~ es sein könnte,
für die man nähte, und daß sie es nicht war. Eigentlich dachte sie nur
dieses. Und es tat ihr nicht einmal besonders weh; Ecken und Kanten
hatten diese Gedanken gar nicht. Aber sie lagen auf ihr, wie eine
Schicht grobfaseriger Sägespäne. Sie wartete immer, daß Heinrich Craner
noch käme, aber sie hoffte nie darauf. Sie dachte auch an ihre Liebe
zu ihm. Aber liebte sie ihn noch? Es begann eine weite Ebene in ihr
zu werden. Oft schloß sie die Augen; es war ja nichts da, wonach sie
auszuschauen brauchte, und dann war auch alles so glatt, und es ging
sich so weich in dieser Dämmerung.
Im übrigen war diese Zeit wie eine schläfrige und eintönige Musik.
Die Tonleitern des Haushalts stiegen auf und ab, am Sonntag in
=C=-Dur, am Montag in =G=-Dur, am Dienstag in =D=-Dur. Dazu kam
vielleicht alle drei Wochen einmal die sentimental lärmende Weise
eines Kaffeekränzchens beim Pastor.
Nur ~eine~ frische Melodie gab es. Wenn die Nebel zerrissen und
die Wiesen fest wie eine blendende Glasplatte dalagen. Dann wurde die
Wäsche beiseite geworfen, und die Wirtschaft mochte liegen bleiben. Die
Schlittschuhe wurden geholt und mit gerafften Röcken ging es hinaus
in die Winterluft, vom Morgen bis zum späten Abend. Es war keine
Seltenheit, daß die Dunkelheit sie überfiel und sie zwang, in einem
kleinen Wirtshaus zur Nacht zu bleiben; das erhöhte dann nur die kecke
Stimmung und steckte manch flackerndes Gelächter an. Kamen aber die
Wolken wieder herauf, schleppte sich der warme Wind über die krachende
Eisfläche, dann war auch diese Melodie verklungen.
Natürlich verging kein Tag, an dem nicht Lukas Allms Gestalt das Zimmer
füllte. Er hatte etwas von einem treuen Hunde, der behaglich von einem
zum andern geht und dann breit an einem Flecke sitzen bleibt. Sie
hatten ihn alle gern, wenn auch von einem geschwisterlichen Verhältnis
keine Rede sein konnte. Er war da, und weil er nicht störte, gewöhnte
man sich an ihn. Auch seine gutmütige Zärtlichkeit gegen Marianne hatte
man sich schlimmer vorgestellt.
Vor allem aber -- dessen wurden sie sich natürlich nicht bewußt
-- wirkte seine Gegenwart befreiend. Denn jene unbestimmbaren
Empfindungen, die das Schweigen aus der Tiefe herauskommen ließ, alle
die Gedanken und Ahnungen, die in diesen Ehevorbereitungen die Nähe des
Mannes witterten, verflogen im Nu, wenn Lukas Allm ins Zimmer trat.
Da saß er dann, flüsterte mit Marianne und machte seine Späße
mit Evelyn. Man brauchte sich nicht vor ihm zu fürchten, denn es
war ja nicht ~er~, der eben noch aus jener Ecke schreckhaft
herübergeblickt hatte.
So gingen denn die Tage und verschwanden, neue kamen und immer
neue, blieben ihre Weile und waren vergessen. Ein spärliches Licht
breitete sich auf Stunden, als der Tannenbaum brannte und Frau Allm im
Schwesternkreise ein paar Tränen über ihres Sohnes Glück vergoß. Dann
ging es in das neue Jahr hinein.