XII

Es ist eine alte Erfahrung, daß man die Lebensauffassung eines

Menschen nach der Einrichtung der Räume, in denen er sich aufhält,

richtiger beurteilen kann, als nach den Anschauungen, die er

äußert. Die farbenreine Ateliereinrichtung eines unbemittelten

Malers spricht eindringlicher von verfeinertem Lebensgenuß als die

kunststrotzenden Prachträume reicher Mäcene. Und in den Bücherregalen,

dem mit Manuskripten bedeckten Schreibtisch des Gelehrten wie in den

einfachen alten Mahagonimöbeln eines Fürsten empfindet man mehr von

aristokratischer Überlegenheit, als beide zu zeigen wagen.

Diese stumme Sprache der Dinge konnte auch mancherlei Wissenswertes

über Wilhelm Craner und Tante Sophie erzählen, wenn man einen Gang

durch das Eßzimmer machte.

Es war mit schwerer Pracht eingerichtet. Dunkle Ledertapeten mit

blassem Gold machten den Raum feierlich: Das geschnitzte Büfett hatte

etwas von einem Altarschrein, das Silber darauf erinnerte an heilige

Gefäße. Und doch war es nicht der Eindruck des Luxus, den man bekam.

Daß Wilhelm Craner reich war, wußte man. Man empfand vielmehr, daß, was

hier geschah, mit dem Zeremoniell einer religiösen Handlung vor sich

ging.

Die Beschäftigung des Essens und Trinkens geschah mit einer Art

Andacht, nicht um der Kostbarkeit der Speisen willen, sondern aus

Ehrfurcht vor häuslicher Sitte. Diese war das erste Gebot in Sophie

Craners geregeltem Haushalt. Man verdankte ihm die Schulung des

Dienstpersonals, die Ordnung der Wäscheschränke, die Blumen in den

Vasen, aber wohl auch den Mangel an Stimmung.

Für Hellweges war es dort nichts.

Heute waren sie alle zum Essen da. »Damit man euch endlich mal

wiedersieht,« wie Tante Sophie geschrieben hatte, in Wirklichkeit aber,

weil vor drei Tagen ein sauber geschriebener Brief bei Wilhelm Craner

eingetroffen war, der eine schöne Aufregung hervorgerufen hatte.

Die Mahlzeit verlief wie immer; ein paar Gespräche wurden begonnen,

blieben wieder stecken, und das Schweigen wurde ebenso feierlich

herumgetragen wie der Rehbraten. Julie zog ab und zu ein mokantes

Lächeln auf, aber es paßte nicht recht her. Marianne natürlich aß.

In dem Augenblick, wo Onkel Wilhelm sein Wassernäpfchen beiseite

schob, erhob sich die hübsche Französin und eine Sekunde später die

kleine Rena; sie machte einen Knicks und verschwand an der Hand der

Gouvernante. Nach weiteren zwei Minuten nickte Onkel Wilhelm seiner

Frau zu, und man begab sich in die Halle. Eigentlich war es Brauch,

die begonnene Unterhaltung hier fortzusetzen, aber heute geschah das

Unerhörte, daß Onkel Wilhelm Agnes Elisabeth sogleich in sein Zimmer

bat. Er schloß die Tür und bot ihr einen Sessel an. Dann nahm er einen

Brief von seinem Schreibtisch und gab ihn ihr zu lesen. Während Agnes

Elisabeth aufmerksam las, ging er im Zimmer auf und ab. Endlich blieb

er stehen und lachte kurz:

»Was sagst du dazu?«

Agnes Elisabeth blickte auf und zuckte die Schultern. Die ganze Sache

war ihr mit einem Male so gleichgültig. Sie beobachtete einen dicken

Spatz, der auf der Terrasse hin und her hüpfte und ab und zu mit weit

offenem Schnabel piepste.

»Woher glaubt dieser Mensch die Berechtigung zu haben, ganz einfach um

ihre Hand anzuhalten!?« sagte Craner heftig.

»Berechtigung?« meinte Agnes Elisabeth kühl. »Warum nicht?« Sie sagte

es nur, um überhaupt etwas zu sagen.

»Ich würde mich bedanken, wenn Rena solch eine Partie machen wollte.«

»Vielleicht paßt er besser zu Marianne, als irgend jemand aus der

Stadt,« sagte Agnes Elisabeth ruhig.

»Ich verstehe dich nicht! Hier hätte sie viele Gelegenheiten, sich gut

zu verheiraten. Sie ist ganz wohlhabend, sie ist hübsch ...«

»Herr Allm scheint sie aber liebzuhaben.«

»Ja, mein Gott, solche Ideale können aber doch nicht den Ausschlag

geben.«

»Du magst recht haben,« sagte sie nachgiebig. Diese Milde war neu an

ihr. Vielleicht wunderte sie sich selbst darüber.

»Ja, und was nun die Hauptsache ist: weiß denn Marianne schon davon?

Ich meine, hat schon irgendeine Erklärung stattgefunden?«

Agnes Elisabeth nickte.

»Und wie verhält sie sich dazu?«

»Sie will ihn heiraten.«

»Natürlich!«

Der Vormund trat erregt ans Fenster. Die Sache war ihm sehr unangenehm.

Es gab schon jetzt genug Menschen, die sich nach dem Ergehen der armen

Waisen erkundigten, mit einem kleinen Lächeln, das ihn ärgerte.

»Soll man sie in eine Pension schicken?« fragte er ungeduldig.

»Ich glaube, Mama würde gegen eine solche Heirat nichts eingewendet

haben,« sagte Agnes Elisabeth.

»Davon kann natürlich nicht die Rede sein; das mußt du doch auch sagen!

Ich weiß, wie sehr du deine Schwestern liebst; du kannst unmöglich

wollen, daß Marianne den ersten besten nimmt.« Agnes Elisabeth fand

es wunderlich, daß Onkel Wilhelm von ihrer Liebe zu den Schwestern

sprach. Es war ihr, als ob sie ein Lob erhielt, das sie nicht

verdiene. Und dann wieder tat es weh wie eine Geringschätzung, wie ein

Brocken, der ihr zugeworfen würde.

»Ich kann nur das wollen, wovon ich glaube, daß es auch nach Mamas

Willen wäre.«

»Dann ist mit dir nicht zu verhandeln,« entgegnete Craner heftig.

»Deine Mutter hat dir die Kinder anvertraut; das ist richtig.

Aber deine Pflicht kann nicht darin bestehen, daß du sie in ihren

verschrobenen Ansichten noch bestärkst! Dadurch schadest du ihnen mehr,

als du ihnen nützt.«

Es stieg etwas in Agnes Elisabeth auf, was heiß war und vor ihren

Augen flimmerte; etwas Gewalttätiges, was ihre Hand schon aufhob, ihn

zu schlagen. Sie kannte diese schreckenvollen Augenblicke. Ihre Hände

preßten sich zusammen. Aber plötzlich breitete es sich, wurde flacher

und war verschwunden. Nur eine Mattigkeit blieb zurück, ein Dämmern:

Dies alles war ja so gleichgültig!

Wilhelm Craner mochte empfinden, daß er ihr weh getan hatte. Und dann

war ihm auch plötzlich eine Bemerkung eingefallen, die sein Bruder über

die vier Schwestern hatte fallen lassen. »Schade, daß sie gar nicht

verstehen, wie sich die Älteste für sie opfert,« hatte dieser gesagt.

Eine Ahnung stieg in ihm auf.

Er legte seine Hand auf ihre Schulter. »Wir werden die Sache schon ins

Gleis bringen. Man möchte euch doch glücklich sehen! Auch dich!«

Agnes Elisabeth nickte verständnislos.

»Ich werde nun mit Marianne sprechen. Du bleibst wohl hier?«

Und er rief Marianne, die mit nicht geringer Erregung das Zimmer betrat.

Was die beiden nun verhandelten, davon verstand Agnes Elisabeth fast

nichts. Sie hörte nur die trockene Stimme des Vormunds und Mariannes

verschwollene Antworten. Sie sah von ihm, der jetzt am Schreibtisch

saß, nur einen Streifen der hohen Stirn und die Hand, die in der Luft

hin und her ging, und von Marianne erkannte sie nur das Weiß des

Taschentuchs, das sich ab und zu von dem marineblauen Kleide zu dem

rosigen Gesicht hinauf begab.

Agnes Elisabeth fühlte sich wie verstoßen. Sie war hier, aber ebensogut

hätte sie mitten im Moor sein können, wo man in dem Boden einsank und

seine Arme vergebens nach Hilfe ausstreckte.

Nach einer Weile kam ihr der Gedanke, wie es wohl geworden wäre,

wenn sie Heinrich -- für sich nannte sie ihn doch nicht anders --

ihr Jawort gegeben hätte. Und dann betrachtete sie das Gesicht des

Onkels, der sich jetzt umgewendet hatte und lebhaft sprach. Sie ging

aufmerksam darüber hin und vergaß nicht eine Falte. Es war viel

Familienähnlichkeit vorhanden. Um den Mund Selbstvertrauen, aber auch

Selbstsucht. Die Augen klug, aber ohne Tiefe. Die Stirn voller Runzeln.

Sie sah weg. Eine schmerzhafte Empfindung war plötzlich in ihr. Sie

fühlte, daß eine Verbindung zwischen ihr und Heinrich Craner bestand,

und daß sie von dieser nicht loskam.

Die Unterhaltung schien beendet zu sein. Onkel Wilhelm klopfte Marianne

gutmütig auf die Schulter.

»Du bist doch damit einverstanden?« wandte er sich herum.

Agnes Elisabeth schrak auf.

»Natürlich! Wie du meinst, Onkel Wilhelm.«

Aber sie wußte nicht, um was es sich handelte. Sie hatte plötzlich den

Gedanken gehabt, daß Marianne sich mit Lukas Allm verheiraten würde,

daß Julie nach Berlin wollte, daß Evelyn zu Tante Sophie ins Haus

kommen sollte und daß sie dann frei sein würde ... Ob Heinrich zu ihr

zurückkehren würde ...?

Auf dem Heimwege erzählte ihr Marianne mürrisch, daß Onkel Wilhelm den

Lehrer zu sich bitten wolle, um ihn kennenzulernen; dann machte sie

ihr Vorwürfe, sie habe kein Interesse für ihre Angelegenheit und sei

überhaupt eine lieblose Schwester.

Die Schwestern Hellwege · 第 20 / 47 题