IX

Eines Morgens erwachte der Pastor mit dem Gedanken, daß es wohl

Christenpflicht sei, sich wieder einmal um die verwaisten Schwestern zu

kümmern. Da es noch vor sieben war, legte er sich auf die andere Seite,

zog das Federbett höher und überlegte sich die Sache: Die langen Abende

begannen; man konnte nicht immer Bücher lesen, vielleicht wäre es ganz

nett, einen Verkehr anzufangen.

Aus dem Bett neben ihm kam ein Seufzen. Hinter dem Berg von Kissen

tauchte die Nachtmütze der Pastorin auf.

»Gottfried! Es ist sieben!«

Das Rasseln des Weckers, der auf der Marmorplatte des Waschtisches

stand, fuhr frech in die morgendliche Stille.

»Ich sage ja, genau mit dem Glockenschlag wache ich immer auf!« lobte

es auf der weiblichen Seite.

Gottfried Gerlach wandte sich und sandte ihr einen begrüßenden Blick.

»Es scheint zu regnen,« meinte sie und hob sich in die Höhe.

»Natürlich! Also wieder keine Wäsche aufzuhängen!«

Er überlegte, ob er ihr von seinem Plan sprechen sollte. Sehr günstig

war der Augenblick nicht. Lieber noch ein Weilchen warten!

Er stand auf und zog sich an. Später, beim Waschen, als er mit den

Armen im Becken herumfuhr, bemerkte er beiläufig:

»Eigentlich sollte man die Hellweges wohl mal einladen!«

Die Pastorin zog gerade einen roten Moirérock über.

»Warum? Das haben wir doch nicht nötig!« sagte sie und arbeitete mit

den Ellbogen den Rock herunter.

Der Pastor griff nach dem Handtuch und rieb sein Gesicht.

»Nötig ja nicht! Aber die verlassenen Waisen könnten etwas guten

Einfluß schon gebrauchen!«

Der »gute Einfluß« überredete Betty stets. Sie fand nun auch, daß

es gut wäre, auf die jungen Mädchen einzuwirken. Sie erinnerte sich

plötzlich, daß die Kleine bei Hellweges immer so naseweise Fragen

stellte, daß Julies Mundwinkel spöttisch zucken konnten, wenn sie mit

ihr sprach.

»Ohne jede Erziehung!« sagte sie. »Es ist wahr, Gottfried, wir haben

Pflichten!«

Die Mission war erkannt, und man ging ihr sofort zuleibe. Die

Schwestern wurden feierlich zum Abendbrot geladen, und damit es sich

auch lohne, forderte man auch den Schullehrer mit seiner Mutter und

Hinrich Teetje auf.

* * * * *

Dies war nun die Abendgesellschaft.

Die Hängelampe schummerte über dem Tischtuch. Ein Geruch von Braunbier

und Schinken stieg von der Tafel und mischte sich in den Ecken, wo die

zwei Blumenetageren standen, mit dem welken Duft letzter Rosen.

Da saßen sie alle einträchtig, eines neben dem anderen.

Mine, das Mädchen, stand an der Tür und glotzte mit aufgerissenen

Augen auf das, was am Tisch geschah. Warum das nur immer schnackte und

redete?! Wenn man bei Tisch saß, dann aß man und sprach nicht. Das

älteste Fräulein Hellwege hatte ein Kleid von schierer schwarzer Seide

an. Und die zweite schien Herrn Pastor richtig auszuschimpfen.

»Ich nehme nur Goldreinetten. Und ich lasse den Saft einkochen, bis er

braunschwarz wird,« erklärte die Pastorin.

»Kochen Sie auch Gelee ein?« kam es von Frau Allm.

»Nein, mein liebes Fräulein Julie, an und für sich habe ich nichts

gegen das Studieren; aber der Beruf der Frau liegt auf einem anderen

Gebiete!« sagte Gerlach bedeutungsvoll.

»Das kommt auf die Persönlichkeit an,« meinte Julie. Auf ihrem Gesicht

lag eine matte Farbe, wie errötende Bronze. War es nicht, als hätte

man eine feine Radierung in eine Bauernstube gehängt!? Das Holzbraun

des Kleides, das flüchtende Braun des Haares, das Golddunkel der Aster

im Haarknoten ...

Der Pastor hingegen fand, daß Braun nicht ihre Farbe sei. Zwischen

Wurstbroten und weichem Ei setzte er sein Gespräch mit ihr fort. Er

hatte sich heute bis an die Zähne gewappnet. Sich bloßstellen, wie

neulich, wollte er nicht wieder. Sie schien auch nachgiebiger zu sein.

Übrigens, das mußte er ihr lassen: ein klares Denken hatte sie.

»Nein, weißt du, aus allen den kleinen gelben Viehchen sind nun große

weiße Enten geworden!« erzählte Evelyn ihrem kleinen Nachbarn, dem

siebenjährigen Hermann des Pastors. »Und auch die Hängematte ist

wieder heil, durch die Marianne damals durchfiel.« Sie zeigte auf die

Schwester, die in einer farbenfrohen Seidenbluse stumm und strahlend

neben Lukas Allm saß. Hätte nicht das Tischtuch ein zuckendes Fältchen

geworfen, wären nicht beider Arme in einem Bogen zueinander geneigt

gewesen, man hätte von einer Unterhaltung zwischen den beiden nichts

bemerkt. Evelyn wollte just über dieser Betrachtung den kleinen Hermann

vergessen, da lag schon seine schmierige Patschhand auf der Seide ihres

Ärmels.

»Du -- und?« Die blauen Augen strahlten. »Dann schaukelst du mich

wieder so hoch, daß ich in die Bäume fliege!?«

So hatte jeder sein Teil.

Hinrich Teetje saß, und seine grauen Augen saugten sich fest in rotem

Haar.

Er wußte nicht, ob das schicklich war. Er wußte überhaupt nichts von

dergleichen Dingen. Er wußte nur, daß das ein Feuer anfachte, und daß

er still dasitzen mußte, damit es gut brenne.

Und sie, die seinen Blick fühlte, dachte an Heinrich Craner und gab

Hinrich einen freundlichen Blick. Wenn ein Luftzug kommt, brennen

Flammen heller.

Mine kicherte. Ihr Pastor bückte sich und hob Fräulein Hellweges

Serviette auf.

»Ich hatte neulich einen Brief von Herrn Craner, er schrieb mir über

Evelyns Stunden und ihre Konfirmation.«

»Die Pfauen tragen eine Krone auf dem Kopfe.«

»Essen Sie Äpfel nicht gerne, Fräulein Marianne?« So hatte es endlich

zu einem Satze gereicht.

»Sie ist eine reizende Frau, Ihre Tante Sophie.«

»Ich will auch niemandem eine Freude machen!«

»Ich danke Ihnen auch schön für Andersens Märchen, Frau Allm!«

»Hat es Ihnen gefallen, Fräulein Eva?«

Der rote Saftpudding!

Die Schwestern Hellwege · 第 17 / 47 题