Eines Morgens erwachte der Pastor mit dem Gedanken, daß es wohl
Christenpflicht sei, sich wieder einmal um die verwaisten Schwestern zu
kümmern. Da es noch vor sieben war, legte er sich auf die andere Seite,
zog das Federbett höher und überlegte sich die Sache: Die langen Abende
begannen; man konnte nicht immer Bücher lesen, vielleicht wäre es ganz
nett, einen Verkehr anzufangen.
Aus dem Bett neben ihm kam ein Seufzen. Hinter dem Berg von Kissen
tauchte die Nachtmütze der Pastorin auf.
»Gottfried! Es ist sieben!«
Das Rasseln des Weckers, der auf der Marmorplatte des Waschtisches
stand, fuhr frech in die morgendliche Stille.
»Ich sage ja, genau mit dem Glockenschlag wache ich immer auf!« lobte
es auf der weiblichen Seite.
Gottfried Gerlach wandte sich und sandte ihr einen begrüßenden Blick.
»Es scheint zu regnen,« meinte sie und hob sich in die Höhe.
»Natürlich! Also wieder keine Wäsche aufzuhängen!«
Er überlegte, ob er ihr von seinem Plan sprechen sollte. Sehr günstig
war der Augenblick nicht. Lieber noch ein Weilchen warten!
Er stand auf und zog sich an. Später, beim Waschen, als er mit den
Armen im Becken herumfuhr, bemerkte er beiläufig:
»Eigentlich sollte man die Hellweges wohl mal einladen!«
Die Pastorin zog gerade einen roten Moirérock über.
»Warum? Das haben wir doch nicht nötig!« sagte sie und arbeitete mit
den Ellbogen den Rock herunter.
Der Pastor griff nach dem Handtuch und rieb sein Gesicht.
»Nötig ja nicht! Aber die verlassenen Waisen könnten etwas guten
Einfluß schon gebrauchen!«
Der »gute Einfluß« überredete Betty stets. Sie fand nun auch, daß
es gut wäre, auf die jungen Mädchen einzuwirken. Sie erinnerte sich
plötzlich, daß die Kleine bei Hellweges immer so naseweise Fragen
stellte, daß Julies Mundwinkel spöttisch zucken konnten, wenn sie mit
ihr sprach.
»Ohne jede Erziehung!« sagte sie. »Es ist wahr, Gottfried, wir haben
Pflichten!«
Die Mission war erkannt, und man ging ihr sofort zuleibe. Die
Schwestern wurden feierlich zum Abendbrot geladen, und damit es sich
auch lohne, forderte man auch den Schullehrer mit seiner Mutter und
Hinrich Teetje auf.
* * * * *
Dies war nun die Abendgesellschaft.
Die Hängelampe schummerte über dem Tischtuch. Ein Geruch von Braunbier
und Schinken stieg von der Tafel und mischte sich in den Ecken, wo die
zwei Blumenetageren standen, mit dem welken Duft letzter Rosen.
Da saßen sie alle einträchtig, eines neben dem anderen.
Mine, das Mädchen, stand an der Tür und glotzte mit aufgerissenen
Augen auf das, was am Tisch geschah. Warum das nur immer schnackte und
redete?! Wenn man bei Tisch saß, dann aß man und sprach nicht. Das
älteste Fräulein Hellwege hatte ein Kleid von schierer schwarzer Seide
an. Und die zweite schien Herrn Pastor richtig auszuschimpfen.
»Ich nehme nur Goldreinetten. Und ich lasse den Saft einkochen, bis er
braunschwarz wird,« erklärte die Pastorin.
»Kochen Sie auch Gelee ein?« kam es von Frau Allm.
»Nein, mein liebes Fräulein Julie, an und für sich habe ich nichts
gegen das Studieren; aber der Beruf der Frau liegt auf einem anderen
Gebiete!« sagte Gerlach bedeutungsvoll.
»Das kommt auf die Persönlichkeit an,« meinte Julie. Auf ihrem Gesicht
lag eine matte Farbe, wie errötende Bronze. War es nicht, als hätte
man eine feine Radierung in eine Bauernstube gehängt!? Das Holzbraun
des Kleides, das flüchtende Braun des Haares, das Golddunkel der Aster
im Haarknoten ...
Der Pastor hingegen fand, daß Braun nicht ihre Farbe sei. Zwischen
Wurstbroten und weichem Ei setzte er sein Gespräch mit ihr fort. Er
hatte sich heute bis an die Zähne gewappnet. Sich bloßstellen, wie
neulich, wollte er nicht wieder. Sie schien auch nachgiebiger zu sein.
Übrigens, das mußte er ihr lassen: ein klares Denken hatte sie.
»Nein, weißt du, aus allen den kleinen gelben Viehchen sind nun große
weiße Enten geworden!« erzählte Evelyn ihrem kleinen Nachbarn, dem
siebenjährigen Hermann des Pastors. »Und auch die Hängematte ist
wieder heil, durch die Marianne damals durchfiel.« Sie zeigte auf die
Schwester, die in einer farbenfrohen Seidenbluse stumm und strahlend
neben Lukas Allm saß. Hätte nicht das Tischtuch ein zuckendes Fältchen
geworfen, wären nicht beider Arme in einem Bogen zueinander geneigt
gewesen, man hätte von einer Unterhaltung zwischen den beiden nichts
bemerkt. Evelyn wollte just über dieser Betrachtung den kleinen Hermann
vergessen, da lag schon seine schmierige Patschhand auf der Seide ihres
Ärmels.
»Du -- und?« Die blauen Augen strahlten. »Dann schaukelst du mich
wieder so hoch, daß ich in die Bäume fliege!?«
So hatte jeder sein Teil.
Hinrich Teetje saß, und seine grauen Augen saugten sich fest in rotem
Haar.
Er wußte nicht, ob das schicklich war. Er wußte überhaupt nichts von
dergleichen Dingen. Er wußte nur, daß das ein Feuer anfachte, und daß
er still dasitzen mußte, damit es gut brenne.
Und sie, die seinen Blick fühlte, dachte an Heinrich Craner und gab
Hinrich einen freundlichen Blick. Wenn ein Luftzug kommt, brennen
Flammen heller.
Mine kicherte. Ihr Pastor bückte sich und hob Fräulein Hellweges
Serviette auf.
»Ich hatte neulich einen Brief von Herrn Craner, er schrieb mir über
Evelyns Stunden und ihre Konfirmation.«
»Die Pfauen tragen eine Krone auf dem Kopfe.«
»Essen Sie Äpfel nicht gerne, Fräulein Marianne?« So hatte es endlich
zu einem Satze gereicht.
»Sie ist eine reizende Frau, Ihre Tante Sophie.«
»Ich will auch niemandem eine Freude machen!«
»Ich danke Ihnen auch schön für Andersens Märchen, Frau Allm!«
»Hat es Ihnen gefallen, Fräulein Eva?«
Der rote Saftpudding!