Und dann: »Hab’ Dank für Speise und Trank!«

Der Pastor stellte mit einer gewissen Genugtuung fest, daß Julies

Blick während des Betens zerstreut über die Wände ging. Er folgte ihm.

Doch als sie sich drüben im Spiegel fanden, senkte er strafend die

Augenlider.

Unter allgemeinem Stühleschurren kam man ins Wohnzimmer.

»Nun, mein lieber Teetje, was machen Ihre landwirtschaftlichen Studien?

Gehen Sie noch mal wieder nach Berlin zurück?«

Teetje antwortete schwerfällig, aber seine Stimme war schön und brachte

Fülle in das unbewohnt riechende »beste Zimmer« des Pfarrhauses.

»Ich muß zusehen! Ich weiß es noch nicht genau, Herr Pastor! Mit Vater

seiner Gesundheit wird es immer wackeliger! Es wird mir schwer genug

werden, das Lernen aufzugeben. Wenn er mich braucht, muß ich natürlich

hier sein.«

»Auch, wenn Sie mitten im Lernen sind?« fragte Julie interessiert.

»Gewiß, Fräulein.« Da war kein Zweifel.

»Sie können ja Ihre Arbeit auch hier draußen weiterbringen,« sagte

Agnes Elisabeth freundlich vom Sofa her, wo sie neben Frau Allm saß.

Hinrich Teetje wurde heftig.

»Nein! Eins oder das andere! Lernen oder wirtschaften! Die Bücher oder

der Hof!«

Sein schmales, fast rassereines Gesicht tiefte sich in einer Farbe, die

irgend etwas Innerliches zudeckte.

»Aber Sie entscheiden sich nicht für die Bücher, auch wenn Sie sie

lieber mögen?« fragte Julie gespannt.

»Nun mögen Sie für Ihre Ansicht reden,« lächelte der Pastor. »Diesen

werden Sie nicht bekehren.« -- Seine Zigarre qualmte in dicken Schwaden.

»Bekehren, das wissen Sie, Herr Pastor, ist nicht mein Geschmack.« Wie

dieser Hinrich Teetje wohl mit einer Zigarette aussehen würde? dachte

sie.

»Nein!« sagte Hinrich schlicht.

»Schade!« Julie interessierte sich für ihn. »Warum tun Sie nicht, was

Ihnen Freude macht?«

»Ich habe meinem Vater, als er mir erlaubte, in die Stadt zu gehen,

versprochen, daß ich kommen will, wenn er mich ruft, damit ~ich~

dann seine Arbeit tue.«

»Und ich meine,« sagte der Pastor und legte seine Hand auf Hinrichs

Schulter, »solche Kindesliebe hat höheren Wert als die Jagd nach

eigenem Glück.«

»Kindesliebe ist das nicht, Herr Pastor!« entgegnete Hinrich Teetje.

Damit schloß er zu, und man hörte an dem Abend kein Wort mehr von ihm.

Wo des Pastorhauses einzige Palme stand, saßen Marianne und Lukas Allm.

Die Palmenhände verdeckten begehrliches Kichern und halblaute Worte.

Marianne schwamm im Vergessen alles Äußeren und hatte als Stütze nur

des Lehrers rote Hand. Das Halbdunkel der Ecke gab ihr weite Träume,

und die Luft der Prachtstube ließ sie sich als würdige Lehrersfrau

fühlen. Hin und wieder nippte sie von dem süßen Stachelbeerwein.

Evelyn saß allein und blätterte in einem Bilderbuch des kleinen

Hermann, der schon zu Bett gegangen war. ›Am Himmel schön die Sternlein

stehn, die Glock’ schlägt zwei, sie gehn hinunter nach der Reih’ ...‹

Das Gespräch floß in geschwätziger Breite dahin. Allmählich dehnte es

sich, stumme Blasen stiegen auf, endlich blieb es sachte stehen.

Frau Allms Socke spitzte sich zum Zeh, Agnes Elisabeth erhob sich, und

nach Bedanken und Gutenachtsagen ging man auseinander.

Wenn Marianne und Lukas Allm sich noch zu einem Zusammentreffen in

der Heide am nächsten Mittag verabredet hatten, so hatte man davon

jedenfalls nichts gehört.

»Es sind junge Seelen; gute Eindrücke werden in ihnen haften bleiben,«

sagte der Pastor und schloß die Haustür.

X

Wie tote Städte standen die Torfhaufen nebeneinander, in geraden

Straßen, die verlassen waren. Hier eine Stadt, dort eine, alle

ausgestorben, als sei die Pest hindurchgegangen.

Der Wind fegte über das Moor. Aus der Ferne kam er heulend heran,

wimmerte über den Bäumen und prasselte hinten in die Dorfstraße hinein.

Staub wirbelte er auf, duckte Hagebuttensträuche zu Boden, ließ

Eichengebüsch klirrend erschauern und die entlaubten Birken ihre Leiber

zur Erde biegen. Alles, was noch Sommer war, riß er ab und pfiff es in

die Luft.

Drüben stand die Sonne. Zwischen Dunst ein matter Streifen und in

Schleiern eine kalte Kugel. Es war kein Licht, das von ihr kam; eine

Blässe, die nur traurig war, ein Glanz wie blindes Messing. Feindschaft

war heraufgekommen aus toten Winkeln und hatte alles Glück und alles

Jubeln verstummen lassen. An Licht und Sonne mochte man nicht glauben

und ließ es gehen, wie es ging.

In der Mitte der Straße ging Agnes Elisabeth. Der Wind preßte sich fest

an sie, so daß das Kleid wie nasse Tücher um ihre Formen klebte. Sie

lehnte sich dagegen. Der Sturm wußte, daß sie ihm gehörte.

Just, als die gelbe Scheibe sich hinter graue Schwaden versteckte,

erschien unten, wo die Chaussee mit kreisrunder Öffnung in der Ferne

verschwand, ein dunkler Punkt. Er wurde größer, und dann erkannte Agnes

Elisabeth, daß es der war, den sie erwartete.

Ihre Füße fingen zu laufen an. Sie lief, bis sie bei ihm war. Nun stand

sie vor ihm und wußte erst jetzt, daß sie gelaufen war.

Eben noch hätte sie ihre Arme um ihn werfen mögen, hätte sich an ihn

pressen, ihn küssen mögen, nun konnte sie nichts von alledem. Demütig

stand sie und wartete.

Heinrich Craner nahm ihre Hände und neigte sich über sie, aber er

wagte es nicht, sie zu küssen. War er erschrocken darüber, daß sie so

auf ihn zugeflogen war, mit wirrem Haar, das wie Flammen flirrte, mit

ungestümen Bewegungen, leidenschaftlich, und doch kalt!? Jedenfalls

schien es ihm, als seien in ihrer Gestalt alle Stimmungen dieser

Herbstesherbheit vereinigt: ein Brausen über unendliche Flächen der

Sehnsucht, ein Rütteln an allem, was einengte, freilich auch nur

blasses Licht, das kaum noch an sich glauben mochte.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind!« sagte er ruhig.

Agnes Elisabeth machte eine abwesende Bewegung. Noch war sie wie im

Traum; alles war so selbstverständlich geschehen, ohne daß sie etwas

dazu getan hatte; sie hatte das Haus verlassen, mechanisch die Richtung

zum Bahnhof eingeschlagen, war immer weiter gegangen, bis sie ihn sah,

und dann war sie ihm entgegengelaufen. Aber nun sie neben ihm schritt,

fühlte sie plötzlich eine Verwunderung, die irgendwoher von außen zu

kommen schien, vielleicht von den Bäumen, die ihre Köpfe schüttelten,

von dem zweifelnden Blick der Sonne, die sich aus dem Dunst wieder

herausquälte.

Craner ging eine Weile schweigend neben ihr her und versuchte hin

und wieder ihren Blick zu finden. Aber der war zur Erde geneigt. --

Plötzlich -- es schien, als habe er nur darauf gewartet, daß sie die

Brücke überschritten -- begann er:

»Sie haben meinen Brief verstanden, nicht wahr? Ich weiß es; Sie wären

sonst nicht gekommen, nicht so gekommen.«

Agnes Elisabeth erschrak. Hatte sie sich etwas vergeben? Kurz darauf

aber dachte sie daran, daß er sie lieb hatte, und gleichzeitig erwachte

Wärme in ihr.

Craner mochte sie fühlen.

»Ich möchte Ihnen sagen, wie glücklich ich darüber bin. Was ich Ihnen

schrieb, habe ich bisher keinem Menschen gesagt. Das Vertrauen fehlte

mir. Bei Ihnen habe ich nicht einen Augenblick gezögert.«

Ein froher Stolz breitete sich in ihr aus, mehr noch, ein glückliches

Gefühl der Zusammengehörigkeit.

»Und das andere,« fuhr er zögernd fort; »daß ich ...«

Es war Agnes Elisabeth nicht möglich, ihm zu helfen. Nicht, weil sie zu

schüchtern gewesen wäre; sondern einfach, weil sie nicht verstand, von

Liebe zu sprechen.

Craner gab sich einen Ruck.

»Ja! Ich habe Sie lieb!«

Das wurde kurz und trocken hervorgestoßen. Aber es berührte sie

unmittelbar. Sie drehte jäh den Kopf und sah ihn an.

Aber Craner blickte nach den Torfstädten hin; als dürfe er sich nicht

beirren lassen, sprach er heftig weiter: »Und ich brauche Ihre Liebe.

Sie wissen nicht, was es heißt, da unten zu sitzen, fern von aller

Kultur, auf sich selbst angewiesen, ohne irgendeine Möglichkeit,

geistig weiterzukommen.«

Er hielt inne und suchte mit den Augen zwischen den Bäumen. Er wußte

gar nicht mehr, worauf er eigentlich hinauswollte.

Agnes Elisabeth hatte gespannt zugehört, um ihn zu verstehen. Der Sturm

riß seine Worte weg; sie mußte sich mühen, sie aufzufangen. Sie begriff

nur, daß er nicht glücklich war und sie brauchte. Das war auch alles,

was sie hören wollte.

»Aber das meine ich eigentlich nicht,« sagte er, sich besinnend. »Ich

meine, man ist so allein! Die paar Menschen, die ich hatte, bedeuteten

nichts für mich. Und ich ...«

Agnes Elisabeth wunderte sich plötzlich, wie zaghaft dieser Mann war,

der ihr doch damals ein Gefühl von Sicherheit hatte geben können. Das

rührte sie. Sie empfand, daß etwas Verwandtes in ihnen war. Allein, o

ja, allein war auch sie. Sie hätte es gern gesagt.

Aber Craner achtete nicht darauf.

»Ich brauche Sie so sehr!« sagte er kurz, fast hilflos.

Agnes Elisabeth hatte ihn plötzlich ganz vergessen. Sie dachte nichts

anderes, als daß ihr Leben einsam war. Sie wollte es einmal aussprechen

dürfen, reden ohne Aufhören von dieser Einsamkeit, in der sie sich

hinschleppen mußte, sie wollte sich ausweinen und ihren Kopf anlehnen

dürfen.

»Wollen Sie nun bei mir sein?«

Agnes Elisabeth nickte langsam mit dem Kopf. Eine unbestimmte

Empfindung wurde in ihr wach. Warum sprach er noch immer? Sie wünschte,

daß er schwiege, daß eine Stille käme, in der sie alles vergessen

könnte.

Aber er fragte weiter:

»Wollen Sie mir nicht einmal sagen, ob Sie mich liebhaben? Hast du mich

lieb, Agnes Elisabeth?«

»Ja, o ja!«

Es war, als ob etwas in ihr zerspränge, etwas anderes sich frei machte.

Ein Ton war darinnen, wie von brechenden Ästen.

Dann kamen jene Augenblicke, die allein in Agnes Elisabeths Erinnerung

an diesen Tag zurückblieben. Er nahm sie in seine Arme und küßte sie.

Er küßte sie mit der Empfindung eines einfachen, gesunden Mannes.

Aber für sie war es mehr. Während er ihr nur einen Teil seines Ichs

geben konnte, schenkte sie ihm alles. Jede Farbe ihres Empfindens, jede

Linie ihres Körpers war Hingabe.

Nicht aus Liebe! Die Liebe allein hätte bei ihr solches nicht zuwege

bringen können. Sondern weil Agnes Elisabeth stark war, und weil in

dieser Stärke ihre Schwäche lag. Eine gefährliche Schwäche! Denn eine,

die allein und nur mit eigener Kraft gehen will, die muß damit rechnen

können, daß mitten auf der Straße des Lebens ein Durst nach Liebe sie

übermannt und eine Sehnsucht, ihre Arme um einen Hals zu schlingen,

und daß dann keiner da ist, dem sie es tun, keiner, der ihren Durst

stillen könnte. Diese Rechnung stimmte bei Agnes Elisabeth nicht. Weder

ihre Mutter, noch ihre Schwestern waren dagewesen, wenn sie nach ihnen

gerufen hatte; sie war so oft am Wege liegen geblieben, sie hatte sich

freilich wieder aufgerafft und war mit trotzigen Lippen weitergelaufen.

Wenn Schwestern und Mutter dann kamen und nach ihr suchten, dann war

sie schon weit weg, an blühenden Gartenzäunen des Lebens, und bedurfte

ihrer nicht mehr. So waren sie aneinander vorbeigegangen.

Aber hier war einer da, als sie ihn brauchte.

Wie sie ihn küßte! Sie streckte ihre Arme aus und klammerte sich an ihn

...

Als sie sich endlich aufrichtete und hastig seinen Arm nahm, war es

dunkel geworden. Wo die Sonne gestanden hatte, war nur qualmender

Dunst; aus dem Moor stiegen Schatten auf. Der Rest von Licht, der auf

Bäumen und Sträuchern gesessen hatte, war zusammengesunken. Die Nacht

kam eilig von allen Seiten.

Craner war es, der zuerst wieder Worte fand.

»Morgen will ich mit meinem Bruder sprechen. Er weiß noch nichts. Er

wird sich wundern.« Und er lachte.

Dieses Lachen war der Anfang von dem, was nun alles in kurzen Worten

schnell und schreckhaft zu Ende gehen ließ.

Sie faßte ängstlich nach seiner Hand. Er streichelte sie und sprach

weiter, ohne ihrer Angst zu achten:

»Und deine Schwestern ...?«

Vor ihren Augen flirrte etwas vorüber, was ganz schwarz war, wogte und

plötzlich zerriß. Dann schien es ihr mit einem Male, als ob alles,

was sie in der letzten halben Stunde erlebt hatte, abgeschlossen und

beiseite gestellt sei. Sie war wieder die Agnes Elisabeth von früher;

der da neben ihr ging, war ein fremder Mann.

Sie riß ihre Hand los:

»Nein, ich kann nicht! Ich muß bei den Schwestern bleiben.«

»Warum? Sie sind doch erwachsen.«

»Noch nicht.«

»Ist das ein Grund, ihnen solches Opfer zu bringen?«

»Ich habe Mama versprochen, bei ihnen zu bleiben.«

»So kann es deine Mutter nicht gemeint haben.«

Sie schwieg.

»Du hast nicht den Mut, glücklich zu sein?«

Sie schwieg. Nach einer langen Weile sagte sie: »Ich darf auch nicht so

weit von ihnen weggehen.«

»Du willst nicht mit mir kommen?«

»Jetzt nicht.«

»Später?«

»Später? -- Willst du wiederkommen?«

Die Frage verhallte. Wohl antwortete er »Ja«, aber dieses Ja kam ein

wenig später, als sie gehofft hatte. Nun hörte sie es nicht mehr.

Craner sprach weiter, aber es ging an ihr vorüber, ohne daß sie

es verstand. Plötzlich blieb sie stehen: »Ich muß gehn. Ich danke

Ihnen. Und ich ...« Sie kam nicht zu Ende. Einen Augenblick stand sie

unbewegt. Dann wendete sie sich ab und ging in das Halbdunkel zurück.

Mechanisch setzte sie Schritt vor Schritt. Es war, als wenn sie an den

Bäumen entlangglitte. Plötzlich empfand sie einen Schmerz. Sie drehte

sich um. Er war nicht mehr zu sehen. Ihre Gedanken waren ausgelöscht,

ihr Empfinden betäubt. Es tat wohl, zu stehen und sich nicht zu rühren.

Bis Menschenstimmen herüberkamen, von drüben, wo ein Landweg aus dem

Moor herauskroch. »Wirst mich auch wieder küssen?«

Dann ein unterdrücktes Kichern.

Agnes Elisabeth hob schwer den Kopf und kehrte um. Kurz vor dem Dorfe

erkannte sie in einiger Entfernung zwei Gestalten, die nach einer Weile

zwischen den Kastanienstämmen der Dorfstraße verschwanden.

Sie kam an den ersten Bauernhof, der behäbig neben der Straße lag. Der

gehörte Hinrich Teetje, fiel ihr ein.

Als sie die Gartenpforte öffnete, dachte sie: Ob sich Marianne niemals

diesen wiegenden Gang abgewöhnen wird?

* * * * *

Agnes Elisabeth und Marianne saßen im Wohnzimmer.

In der Stille des Lampenlichts gingen Gedanken hinüber und herüber. Es

war ein erbitterter Streit, der schweigend gefochten wurde.

Bei Marianne kämpfte jene draufgängerische Leidenschaft, die das böse

Gewissen gibt. Sie wußte sehr wohl, daß etwas nicht zu Recht und in

Ordnung war. Und darum machte sie tollkühne Ausfälle, um künstlich

Übergewicht zu erzwingen.

Agnes Elisabeth wurde als Gegner von ihr unterschätzt. Bei ihr handelte

es sich nicht um Recht oder Unrecht, sondern um die Existenz. Sie

kämpfte mit dem Letzten um ihre Stellung gegenüber den Geschwistern.

Weil sie diese halten wollte, hatte sie bereits eine viel wertvollere

darangegeben. Nun mußten wohl Erbitterung und Haß auf ihrer Seite sein.

Sie behielt die Oberhand. Der Kampf war in Wirklichkeit schon

entschieden, als sie sich zum Fragen entschloß.

»Warum hast du kein Vertrauen zu mir, Marianne?«

»Wenn du keines zu uns hast!« flog es zurück.

Agnes Elisabeth duckte sich ein wenig.

Marianne machte ein herausforderndes Gesicht. Aber es dauerte nicht

lange. Agnes Elisabeth klappte ihr Buch zu und nahm es fest in die Hand.

»Warum triffst du dich heimlich mit dem Lehrer?«

»Das ist meine Sache.«

»Nein!«

»Also gut! Ich liebe ihn!« sagte Marianne mit Stolz.

»Du mußt doch wissen, daß sich das nicht gehört. Du kannst doch nicht

mit einem fremden Manne in der Dunkelheit durch die Heide laufen!«

»Übrigens sind wir verlobt,« sagte Marianne. Es gefiel ihr, die

Märtyrerin ihrer Liebe zu spielen.

»Das wird sich finden!«

»Ich heirate ihn doch!«

Eine Pause ging zwischen ihnen hindurch.

»Einen Dorfschullehrer!« Agnes Elisabeth schämte sich, dieses Wort

ausgesprochen zu haben.

»Darüber sieht man hinweg, wenn man liebt.« Marianne wollte ihn sich

erkämpfen. Pathos klang aus ihrer Stimme. Dies war der Augenblick, in

dem man zum Weibe heranreifte.

»Dann begreife ich nicht, warum Herr Allm noch nicht zu mir gekommen

ist oder an Onkel Wilhelm geschrieben hat.«

»Wenn du das nicht verstehst?! Meinst du, wir werden unser Glück gleich

den Verwandten preisgeben?«

»Hast du kein Gefühl dafür, daß du dir etwas vergibst? Nicht vor den

Leuten! Aber vor dir selbst! Wenn du im Dunkeln --«

»Im Dunkeln ist es viel interessanter!«

»Durch solche Heimlichkeiten müßte sich dein Empfinden verletzt fühlen.«

Marianne schob den Stuhl zurück und lachte.

»Heimlichkeiten! Hast du übrigens keine, Agnes Elisabeth?« Sie kam sich

mit einem Male wie verheiratet vor. Nun war auch die Neugierde da. »Ich

kann dich ja verstehen! Da ich selbst so etwas durchlebe!«

Die täppische Vertraulichkeit traf. Agnes Elisabeths Züge wurden hart.

»Nein!« sagte sie schroff.

»Also nicht!« meinte Marianne pikiert und stand auf. Man hätte so gut

ein bißchen darüber reden können; aber wenn Agnes Elisabeth nicht

wollte! »Hast du Gesche mein Kleid zum Plätten gegeben?« fragte sie

kühl.

»Ja!«

Marianne schlenderte aus dem Zimmer.

Agnes Elisabeth wandte den Kopf. Erbitterung schwoll in ihr auf, wie

über eine Demütigung. Dieses junge Ding wollte über Liebe reden ...?!

Agnes Elisabeth biß die Zähne zusammen. Vielleicht schmerzte sie

weniger der törichte Vergleich, als daß sie selbst durch ihn so klein

wurde und übelnehmerisch mit Marianne zankte.

Sie stand auf. Das Zimmer blickte sie gleichgültig an, die Lampe

dämmerte.

Sie fühlte etwas Graues, Unendliches, das vor ihr aufzog und über sie

hin griff. Ihre Augen schlossen sich, schraken aber gleich wieder auf.

Sie mußte wohl nach den anderen sehen. Sie ging in Julies Zimmer.

Kreischendes Juchzen und ein Unterrock, der herumwirbelte. Julie saß

auf dem Tisch, Marianne auf dem Sofa und Evelyn tanzte.

»Einen Hochzeitsreigen! Hörst du nicht? Einen Hochzeitsreigen!« rief

Marianne.

Evelyn drehte sich taumelnd, sank zur Erde und blieb laut lachend

liegen. Plötzlich verstummte sie. Ein furchtsamer Blick ging zu der

Schwester, die in dem engen Türrahmen stand, wie ein Bild auf grauem

Hintergrund: das Kleid verschwamm, nur Wange und Schläfe traten als

harte Lichter heraus, und darüber glühte das rote Gewirr des Haars.

Agnes Elisabeth kam für einen Augenblick der Gedanke, den Schwestern

zu sagen, was heute geschehen war. Daß Glück und Entsagung einander

gemessen hatten, und daß sie, ohne zu zögern, das Glück beiseite

geschoben und sich für die Entsagung entschieden hatte, um ihretwillen!

Sie blickte schüchtern hinüber, als suchte sie Hilfe.

Aber Julie sah weg. Ein harter Zug lag in ihrem Profil. Marianne hob

sich träge in die Höhe.

»Einen Hochzeitsreigen!« kommandierte sie von neuem.

Evelyn sprang auf, begann gravitätisch durch das Zimmer zu schreiten.

Agnes Elisabeth ging wieder hinaus. Ein Lachen klirrte hinter ihr her.

Sie ging in ihre Stube und setzte sich an den Tisch. Gedankenlos

blickte sie durch die Luft. Nach einer Weile fiel ihr Kopf auf die

Hände. Und wieder nach einer Weile krümmte sich ihr Rücken unter

zuckenden Stößen.

Das war die Einsamkeit ...

Die Schwestern Hellwege · 第 18 / 47 题