Eine Weile sah Agnes Elisabeth regungslos vor sich hin. Vorerst
verstand sie nichts von diesem Brief; er traf sie plötzlich und
unerwartet; sie war erschrocken und unfähig, einen Gedanken zu fassen.
Langsam gingen ihre Augen über die vergilbten Rasenflächen und den
Wollstoff auf dem Tisch und blieben wieder auf dem Bogen liegen. »Auch
weiche Hände, die es milde streicheln ...« Plötzlich wachte in ihrem
Nacken ein Feuer auf, verbreitete sich rasch über ihren Rücken, fuhr
hinab bis in die Fußspitzen, loderte hinauf zum Scheitel. Sie lehnte
sich weit zurück, ließ die Hände herabsinken und warf den Kopf nach
hinten. Und dann fuhr die Erkenntnis durch sie hindurch: Da war jemand,
der hatte sie lieb!
Das packte sie jäh. Das ergriff sie wie ein Taumel. Sie sprang auf und
ging in den Garten. Unten am Wasser saß Evelyn, mitten im Sonnenschein.
»Pass’ auf, ich kriege dich!« rief sie ihr zu.
Die Kleine war schnell auf den Beinen und lief über den Rasen. Nun
wurde es ein Tollen und Jagen, mit fliegenden Kleidern und lautem
Gejuchze. Evelyn rannte durch die Tannenallee zum Wasser hinunter.
Agnes Elisabeth lief ihr nach, blieb aber plötzlich stehen und
sah sich um. Vor ihr stand die Masse einer Rotbuche, auf deren
blutenden Blättern mattes Gold schimmerte, dicht über Rasens Höhe
karmoisinrote Kugeln von Georginen, und etwas höher, lang und schmal,
weinrote Haselnußgerten. Dort drüben die kupferhelle Freudigkeit
breiter Ahornzweige, die sich lachend vor dunkle Tannen drängte. Und
ganz hinten, ein Spott auf des Herbstes Sterben: in dürrem Gebüsch
gleißendes Scharlachrot. Und dies alles jauchzte ihr zu, schrie und
jubelte.
Oh, sie hätte ihre Arme ausbreiten mögen nach diesen tausend Flammen
brennenden Rots, die eigens für sie entzündet waren. Und die Flut des
Sonnenlichts hätte sie trinken wollen, durstig, und zitternd unter der
Bürde ihres Glücks.
Eine Bürde war es ...! Wie sie weiterging, waren ihre Schritte schwer,
als müßten sie sich beugen, -- wie heißes Gold rann das Blut durch ihre
Adern. Und irgendwo da drinnen war eine Last, die alle Glieder müde
machte.
Aber sie dachte nichts anderes, als daß sie diese Last tragen dürfte,
jetzt noch wie in einem Traum, und nun mit Gewißheit.
Mit Gewißheit ...!
Trotzdem freilich wußte sie noch nicht, was sie mit Craners Brief
anfangen sollte.