VIII

Mitten in die Farben des Herbstes hinein, die sich zu Tode glühten, kam

ein Brief von Heinrich Craner, der Agnes Elisabeths Adresse trug.

Sie saß im Garten, als er ihr gebracht wurde, nähte an einem Kleide

für Evelyn und dachte darüber nach, daß Marianne in letzter Zeit so

angegriffen aussah.

Die Naht wurde zu Ende gebracht und der Brief dann langsam geöffnet.

Craner schrieb:

»Wenn ich mir überlege, daß Sie mich innerhalb der letzten sieben Jahre

nur ein paar kurze Stunden gesehen haben, daß diese Stunden ausgefüllt

waren von geschäftlichen Besprechungen, die für gegenseitiges

persönliches Verstehen wenig Raum gaben, so kommen mir Bedenken, ob ich

diesen Brief schreiben darf.

Mache ich mir aber klar, daß Sie dem Leben stets mit offnen Augen

gegenübergestanden haben, daß Ihr Blick nicht getrübt worden ist durch

konventionelle Brillengläser und scharf geblieben durch die klare

Atmosphäre Ihres stillen selbstbewußten Lebens, daß Ihre gerade Natur

nur Ursprüngliches und Unmittelbares verlangen kann, so weiß ich, daß

ich diesen Brief schreiben muß. Also schreibe ich ihn.

Was nun kommt, möchte von einer Empfindung sprechen. Ich zweifle, ob es

mir gelingen wird, ihr Ausdruck zu geben. Ich bin nicht gewöhnt, von

meinen Gefühlen zu reden, und es fällt mir in der gegenwärtigen Lage

doppelt schwer, da es mir bisher nicht gelungen ist, festzustellen, ob

Ihr Inneres auf dieselbe Tonart gestimmt ist wie das meine.

Aber auch eine in dürftige Hülle gekleidete Empfindung werden Sie

erkennen, wenn sie nur überhaupt einen Wert für Sie hat.

Ich liebe Sie.

Darf ich Ihnen erklären, wie es dazu kam?

Ich habe in meinem Leben vielleicht mehr über mich nachgedacht, als

die meisten zu tun pflegen. Ich habe schon von Kind auf die Gewohnheit

gehabt, mich nicht mit allgemeinen Glückswerten zufrieden zu geben,

sondern mir auf eigne Faust mein bißchen Glück zu erkämpfen.

Es ist mir gelungen. Nach mannigfachen Zickzackwegen natürlich,

die aber, wenn ich sie von mühsam erreichter Höhe nun rückschauend

betrachte, doch eine gerade Linie bilden.

Die Lebenserfahrung, die ich nach innerem Streit im Studierzimmer,

nach äußeren Kämpfen an Krankenbetten, in Hospitälern und auf

sonnenbrennenden Schlachtfeldern Südafrikas gewinnen durfte, ist die:

Glück heißt: Persönlichkeit sein und aus der Fülle eigner Kraft andere

glücklich machen. Ich darf sagen, daß ich mir dies Glück zu eigen

gemacht habe.

Aber nun will es mir nicht mehr genügen.

Seit einigen Monaten bin ich mir darüber klar geworden, daß eine

Sehnsucht in mir lebt, die schon jahrelang unbewußt geschlummert hat.

Es hat lange gedauert, bis ich wußte, was das Ziel dieser stillen

Sehnsucht ist. Jetzt weiß ich es!

Alle Menschen, denen ich bis heute äußerlich nähergestanden habe, waren

mir innerlich fremd. Aber ich brauche jemand, der mich etwas angeht,

der nach mir greift mit Liebe und mich festhält mit Verstehen.

Harte Hände, die in mein Leben hineinfassen und es rütteln, und doch

auch weiche Hände, die es milde streicheln.

Als ich Sie vor vier Monaten verließ, wußte ich, daß Sie für mich

bedeuten können, was ich brauche. Das war zunächst eine kühle

Überlegung. Mit jedem Tage, den ich bei meiner Arbeit durchlebte, wurde

sie mehr und mehr verdrängt durch ein herzliches und inniges Gefühl für

Sie.

Ich komme zu Ihnen als ein Bittender, doch nicht um Opfer. Was ich

Ihnen geben kann, ist nur ein Leben voll Arbeit unter den erschwerten

äußeren Bedingungen eines ungünstigen Klimas. Arbeit, aber vielleicht

auch Ruhe, gewisse, fröhliche Ruhe, die nur die Arbeit geben kann. Und

Liebe! Keine amour, aber ein treues, ehrliches Empfinden!

Ich bitte Sie nicht um eine schnelle Antwort! Ich werde am 29. Oktober

zu Ihnen kommen und mir meine Antwort selbst holen.

Die Schwestern Hellwege · 第 15 / 47 题