Mitten in die Farben des Herbstes hinein, die sich zu Tode glühten, kam
ein Brief von Heinrich Craner, der Agnes Elisabeths Adresse trug.
Sie saß im Garten, als er ihr gebracht wurde, nähte an einem Kleide
für Evelyn und dachte darüber nach, daß Marianne in letzter Zeit so
angegriffen aussah.
Die Naht wurde zu Ende gebracht und der Brief dann langsam geöffnet.
Craner schrieb:
»Wenn ich mir überlege, daß Sie mich innerhalb der letzten sieben Jahre
nur ein paar kurze Stunden gesehen haben, daß diese Stunden ausgefüllt
waren von geschäftlichen Besprechungen, die für gegenseitiges
persönliches Verstehen wenig Raum gaben, so kommen mir Bedenken, ob ich
diesen Brief schreiben darf.
Mache ich mir aber klar, daß Sie dem Leben stets mit offnen Augen
gegenübergestanden haben, daß Ihr Blick nicht getrübt worden ist durch
konventionelle Brillengläser und scharf geblieben durch die klare
Atmosphäre Ihres stillen selbstbewußten Lebens, daß Ihre gerade Natur
nur Ursprüngliches und Unmittelbares verlangen kann, so weiß ich, daß
ich diesen Brief schreiben muß. Also schreibe ich ihn.
Was nun kommt, möchte von einer Empfindung sprechen. Ich zweifle, ob es
mir gelingen wird, ihr Ausdruck zu geben. Ich bin nicht gewöhnt, von
meinen Gefühlen zu reden, und es fällt mir in der gegenwärtigen Lage
doppelt schwer, da es mir bisher nicht gelungen ist, festzustellen, ob
Ihr Inneres auf dieselbe Tonart gestimmt ist wie das meine.
Aber auch eine in dürftige Hülle gekleidete Empfindung werden Sie
erkennen, wenn sie nur überhaupt einen Wert für Sie hat.
Ich liebe Sie.
Darf ich Ihnen erklären, wie es dazu kam?
Ich habe in meinem Leben vielleicht mehr über mich nachgedacht, als
die meisten zu tun pflegen. Ich habe schon von Kind auf die Gewohnheit
gehabt, mich nicht mit allgemeinen Glückswerten zufrieden zu geben,
sondern mir auf eigne Faust mein bißchen Glück zu erkämpfen.
Es ist mir gelungen. Nach mannigfachen Zickzackwegen natürlich,
die aber, wenn ich sie von mühsam erreichter Höhe nun rückschauend
betrachte, doch eine gerade Linie bilden.
Die Lebenserfahrung, die ich nach innerem Streit im Studierzimmer,
nach äußeren Kämpfen an Krankenbetten, in Hospitälern und auf
sonnenbrennenden Schlachtfeldern Südafrikas gewinnen durfte, ist die:
Glück heißt: Persönlichkeit sein und aus der Fülle eigner Kraft andere
glücklich machen. Ich darf sagen, daß ich mir dies Glück zu eigen
gemacht habe.
Aber nun will es mir nicht mehr genügen.
Seit einigen Monaten bin ich mir darüber klar geworden, daß eine
Sehnsucht in mir lebt, die schon jahrelang unbewußt geschlummert hat.
Es hat lange gedauert, bis ich wußte, was das Ziel dieser stillen
Sehnsucht ist. Jetzt weiß ich es!
Alle Menschen, denen ich bis heute äußerlich nähergestanden habe, waren
mir innerlich fremd. Aber ich brauche jemand, der mich etwas angeht,
der nach mir greift mit Liebe und mich festhält mit Verstehen.
Harte Hände, die in mein Leben hineinfassen und es rütteln, und doch
auch weiche Hände, die es milde streicheln.
Als ich Sie vor vier Monaten verließ, wußte ich, daß Sie für mich
bedeuten können, was ich brauche. Das war zunächst eine kühle
Überlegung. Mit jedem Tage, den ich bei meiner Arbeit durchlebte, wurde
sie mehr und mehr verdrängt durch ein herzliches und inniges Gefühl für
Sie.
Ich komme zu Ihnen als ein Bittender, doch nicht um Opfer. Was ich
Ihnen geben kann, ist nur ein Leben voll Arbeit unter den erschwerten
äußeren Bedingungen eines ungünstigen Klimas. Arbeit, aber vielleicht
auch Ruhe, gewisse, fröhliche Ruhe, die nur die Arbeit geben kann. Und
Liebe! Keine amour, aber ein treues, ehrliches Empfinden!
Ich bitte Sie nicht um eine schnelle Antwort! Ich werde am 29. Oktober
zu Ihnen kommen und mir meine Antwort selbst holen.