Wenn Evelyn etwas Heimliches tat, so geschah es, wo die Äste der
breiten Kastanie einen Saal bildeten, dessen Tapeten stumpfgrüne
Blätter waren, während von der Decke ein Dämmerlicht herniederfloß, wie
von Flammen, die durch feine grüne Seide hindurchzitterten. Es war der
siebente Ast in der Höhe. Er war breiter als die anderen und gab mit
dem Stamm als Rückenlehne einen bequemen Platz. Bequem, wenn man dünn
war, nicht allzu groß und dichtes blondes Haar als Kissen hatte.
Dort saß sie nun jeden Tag, nach Tisch, wenn Agnes Elisabeth noch im
Haushalt zu tun hatte, Julie in ihrem Zimmer las und Marianne in der
Laube an ihrem Tagebuch schrieb. Marianne schrieb nämlich seit einigen
Wochen auf goldgeränderten Seiten Gefühle nieder.
Hier war die Erde weit weg von ihr, und in dem Stückchen Himmel da
oben gab es weite Möglichkeiten, in die ihre Träume ahnungsvoll
hineingingen.
Wenn ihr Kleid von den angehockten Knien herabglitt, dann war es
wie der Spitzenschleier einer Fee oder die seidene Schleppe einer
Prinzessin. Vielleicht auch nichts davon, nur eine schöne Linie und das
Bewußtsein, daß sie ihr zugehörte.
Der grüne Saal war heute eine Halle mit Bogenfenstern und Säulen,
morgen ein Garten mit fremden Bäumen, die es nirgends gab, und Blumen
voll kühlen Dufts.
Und Schmetterlinge kamen, sie zu besuchen, Kavaliere in Seide oder
träumende Boten von Märchenufern.
Ganz, wie es ihr beliebte.
Doch seit acht Tagen lag zwischen den Ästen eingeklemmt da oben ein
Buch. Und wenn Evelyn dort saß, dann sah man nur etwas Weißes, das
sich zusammenkauerte, und in der Mitte -- alle Linien schienen da
hineinzulaufen -- dieses grüne Buch.
Das war Jens Peter Jakobsens »Frau Marie Grubbe«.
Da las sie nun von allen den seltsamen Dingen, die es in der Welt gibt.
Mit kühlem Grausen las sie davon.
Und zum ersten Male streckte sie ihre Hände nach des Lebens
Wirklichkeiten aus.
Und was das Heimliche betrifft, so hatte Julie ihr das Buch nicht geben
wollen, aber sie hatte es sich genommen.