VI

Viele Tage später. Ein Früh-August-Mittag.

In grünen Hecken ein rosa Kleid. In flachem Bastkorb honiggoldene und

graurote Himbeeren. Auf weißen Fingern hellroter Saft.

Der Himmel blank. Der Lohegeruch zwischen den Beeten kräftig und herb.

Reseden, Himbeeren, Lavendel, Zentifolien: ~ein~ opalschimmernder

Duft. In langsamen Stößen Lindenatem vom Hause her.

Nur dieses! Und ein dickes Summen von Bienen.

»Mein Blut ist röter als das Blut der anderen!« erzählte sich Marianne.

»Julie wird klares hagebuttenrotes haben, bei Agnes Elisabeth

wird es sein wie lauter Geranien, meines ist schwer und tief wie

Burgunder-Rot.« Ihr Haar war an den Schläfen feucht geworden. Sie

strich es zurück. »Wenn die Welt keine rote Farbe hätte! Alle Farben

könnten fehlen, nur Rot nicht!« Sie bekam eine plötzliche Sehnsucht,

sich in rote Blüten zu legen. Daß sie schon in der Heide wäre! Es war

so heiß!

Mit langsamen Schritten ging sie dem träumenden Hause zu.

Im Milchkeller war eine klingende Kühle, graugrünes Licht und ein

Streifen Sonne mit zitternden Stäubchen. Der Bastkorb blieb auf dem

Holzregal stehen. Das rosa Kleid stand nun oben in der Haustür, ganz

überworfen von Schattenflecken, die von den Lindenblättern kamen. Ein

großer Strohhut hing nachlässig in der gerundeten Hand und baumelte ab

und zu ein bißchen hin und her. Nach einer Weile beugte sich der Kopf

nach vorn und wandte sich dann schnell um. Der Entschluß war da.

»Gesche! Ich will noch ausgehen!« rief Marianne in die Diele zurück,

und irgendwo aus der Dämmerung kam eine Antwort. Dann wurde der Hut

in die Höhe gehoben und ließ sich auf dem Haar nieder. Das rosa Kleid

wanderte an den Malvenstöcken vorbei, durch das weiße Gitter.

Marianne ging geradeaus, mitten in die Heide hinein. Eine breite Hitze

brannte auf dem Wege. Die Bäume standen steif; die Schatten, die sich

um die Stämme herum zeichneten, waren wie grüngemalte Untersätze; wie

aus einer Spielzeugschachtel aufgebaut sahen die langen, in der Ferne

sich verlierenden Reihen aus. Weißer Staub krisselte in der Luft.

»Fast etwas zu heiß,« dachte Marianne. »Aber rund und weich. Das gibt

es nur im Sommer. Herbst ist eckig und dürr, Winter verhungert und

verhärmt, Frühling blaß und aufgeregt.«

Sie schlenkerte die Arme hin und her. Die Glieder waren wie losgelöst,

die Bewegungen glatt, wie schmelzendes Wachs. Das Kleid schleifte über

die Erde und wirbelte ein Wölkchen hinter ihr auf. Hellgebacken standen

die Kornfelder da. Der Buchweizen roch nach Apfelgrütze. In rosigem

Glanze schimmerte dahinter die Heide.

»Wie Himbeerglasur,« dachte Marianne. Sie bog in den schmalen

weißsandigen Weg ein. Es war nur eine breite Furche, in der große

Büschel Erika standen, zwischen Zittergras und Glockenblumen. Sie ging

langsam und träge, unschlüssig, ob sie nicht stehenbleiben sollte.

Ihre Füße, die der Sand bei jedem Schritt festhielt, zogen den Körper

beschwerlich durch das Gestrüpp. Von den krumpeligen Kiefern kam ein

staubiger Duft. Ab und zu kroch eine blaufeine Welle von Moorrauch über

den Hügel.

Libellen strichen auf mit einem feinen Saitenklang, und Schmetterlinge

glitten durch die Luft, wie gelbe Rosenblätter.

An der weichen Hügelbrust, wo die Birke so allein stand, setzte sich

Marianne hin. Sie legte den Hut neben sich in das Heidekraut und

streckte sich bequem aus. Die Gräser gaben ihr ein krauses Gefühl am

Halse. Sie holte das Taschentuch heraus und legte es unter ihren Kopf.

Dann huschelte sie sich zurecht und sah behaglich in den Himmel.

Der Hügel glühte, und die Blumen standen wie aus lauter Glas. Wenn der

Erdhauch darüber glitt, gab es ein feines Klirren. Ihr Auge ruhte

träge auf dem kurzen Horizont, wo jeder Stiel und jeder Strauch, jede

Blüte und Blume auf den Himmel geklebt zu sein schien.

Und das weite Heidebett wiegte und wogte sie ein. Sie war die Königin

in rosenseidenen Kissen unter einem Baldachin von Atlas. Durch den

Saal zog ein Klingen, wie von Musik, die drüben jenseits des Flusses

spielte; ein Summen schwoll und flachte sich, wie Stimmen von Menschen,

die in den Vorzimmern warteten, ihr zu huldigen. Nun mußte einer kommen

in Sammet mit Spitzen, mit einem goldenen Degen und einer Feder auf

dem Hut. Die Menge vor den Türen sollte warten, er würde vor ihrem

Lager knien und bittend ihre Hände suchen. Mit halbgeschlossenen Augen

sah sie ihn, und ihre Lippen glühten. Sie wollte nicht zögern, ihn zu

empfangen ...

* * * * *

Ein blanker Strohhut erschien plötzlich zwischen den Gräsern. Da stand

er eine Weile sehr vergnügt. Dann ging er weiter und wanderte auf den

Blumen dahin.

Nach einer Weile wuchs ein Stock in die Höhe, und bald darauf hob sich

der Hut. Ein rotes Gesicht, ein dunkler Bart, eckige Schultern, ein

grauer Anzug: der Lehrer.

Die da lag, erkannte ihn unter halben Lidern. Sie hielt den Atem an und

war ganz still.

Der Lehrer stand auf der Höhe, breit und mächtig. Er sah sich um. Nun

schien er zu erschrecken. Er schob den Kopf nach vorn. Eine Weile

Unschlüssigkeit. Dann wendete er sich brav zur Seite und stieg den

Hügel dort hinunter, nicht ohne den Kopf noch einmal umzudrehen.

Dabei kam sie freilich nicht auf ihre Kosten.

»Herr Allm!«

Der Lehrer zuckte und wandte sich um. Er tat, als ob er sie suchte, kam

aber geraden Wegs mit steigenden Schritten auf Marianne zu.

Sie hob die Schultern und stützte sich auf den Arm. Nun stand er vor

ihr und zog den Strohhut vom Kopfe.

»Ist dies Ihre Erholung nach der Schule?« Sie beschrieb träge mit der

Hand einen Kreis.

Von Lukas Allm kam keine Antwort. Er tastete mit den großen Händen an

der Krempe des Huts entlang.

»Gehen Sie oft hier spazieren?« fragte Marianne nach einer Pause.

»Ja, ja, sehr oft!« stotterte Lukas. »Ich -- ja!«

Mariannes Fußspitze schaukelte auf und nieder.

»Wollen Sie hier ein bißchen ausruhen?«

Lukas’ Augen machten einen Spaziergang über die Linie ihres Körpers

hinab zu der trägen Bewegung des Fußes. Dann setzte er sich bescheiden

ihr gegenüber in das Gestrüpp.

»Wenn Sie erlauben.«

Marianne bedauerte, daß er sich nicht neben sie setzte.

»Erzählen Sie mir etwas!« bat sie weich und schmiegte den Kopf wieder

auf das Taschentuch.

Lukas Allm schwieg; er grübelte, wovon er sprechen könne. Von den

Kindern? Da wußte er gerade nichts. Von Evelyn? Das paßte nicht.

Von ...? Ja, wovon ...?

»Wissen Sie nichts?« fragte sie unter den Sträuchern.

Der Lehrer rückte sich zurecht und räusperte sich. »Die Heide ist

schön!« sagte er eilig.

»Ja,« kam es unbarmherzig zurück. Lukas Allm sah sie an, sah an ihr

vorbei, nun wußte er wieder nicht weiter. Es wurde ihm plötzlich warm,

die Zunge lag trocken am Gaumen, und im Halse gab es kurze Stöße, die

den Atem versetzten. Was war denn? Er saß hier mitten unter der Sonne

in einem Heidestrauch, und dort ... dort war Marianne, dort lag sie,

und er war mit ihr zusammen.

»Ja, ich gehe sehr oft hier spazieren!«

»Hm!« summte es.

»Immer, wenn die Schule zu Ende ist.« Er starrte auf das Kleid, das

über der Brust auf und nieder ging. Mit ihr allein, mit ihr zusammen.

Ein kleines Heldenlächeln ging über sein Gesicht. Und doch wäre er

jetzt gern in seiner Veranda gewesen, wo man sich so einen kleinen

gefährlich-behaglichen Traum wohl gönnen, ihn aber auch schnell wieder

beiseite stellen konnte. Hier aber saß er, hier war ~er~, und

da war ~sie~. Und alles war so hell, so heiß und wirklich. Ein

Rascheln erschreckte ihn.

Marianne richtete sich auf, stützte den Kopf in die Hände und sah ihn

an.

Sie sah ihn an. Mit schweren Augen! Und ihre Glieder sahen ihn an, und

ihre Lippen sahen ihn an.

Lukas Allm pflückte eine Blume und betrachtete ihre Blätter. Er zwang

die Augen hinunter.

Eine lange Pause.

»Ja,« sagte sie fest.

Lukas schlug die Augen empor. Er erschrak vor ihrem Blick. Dunkelblau,

unter langen blonden Wimpern. Von der Seite schimmerte es rosa, eine

Fülle von Rosa ... Plötzlich kam ein Duft herüber, eine schwüle Welle.

Ihre Haare flirrten vor seinen Augen.

»Woran denken Sie?«

Ein paar Bilder flogen ihm durch den Kopf, die Mutter, die Schulstube,

und verschwanden in der Luft. Im Mittagsglühen lag der Körper vor ihm.

»Sie haben es dort heiß! Wollen Sie sich nicht hierher setzen?«

Marianne tat ihr Gesicht in die Blüten. Nun saß Lukas Allm neben ihr,

zwei Handbreit entfernt; ein Käfer krabbelte von seinem Rock auf ihr

Kleid. Ihre Hand glitt vom Gesicht und lag da vor ihm. Nackt lag sie

da, und sehnsüchtige Lust war in ihrer Rundung. Seine Augen zog sie

hinab. Die irrten eine Weile umher, dann blieben sie hängen und kamen

nicht fort.

Lukas Allm faßte ins Gras; nur zufällig berührte seine Hand die weiche

Haut. Nur zufällig hoben sich ihre Finger und blieben auf des Lehrers

breiter Hand liegen.

Nun verging eine lange Zeit. Keines rührte sich. Als wüßten sie nicht,

daß ihre Hände beieinander lagen ...

In Marianne war ein lässig genießendes Warten. Wie angenehm war es

doch, dies Warten in der Hand zu haben! Es war ein hübsches Gefühl, zu

wissen, daß er, der da neben ihr saß, abhängig von ihr war. Nun wollte

sie es noch ein Weilchen hinausschieben. Sie dehnte sich.

Der ganze flimmernde Sommertag kam ihr zu Hilfe, tiefte das Rosa, ließ

die Haut leuchten, hob ihren Körper auf und zeigte dem armen, hilflosen

Lehrer, wie schön sie war.

Der wußte nun gar nichts mehr. Er starrte nur immer zur Seite, dahin,

wo der runde Hals im Kleide verschwand.

Marianne fühlte seinen Blick. Ein kleiner Triumph breitete sich in ihr

aus. Sie empfand etwas von unbegrenzter Machtmöglichkeit. Aber auch

ein flirrender Schleier schwebte vor ihren Augen, von der Nähe eines

Augenblicks, da sie bewußtlos lächelnd alle Macht darangeben würde. Und

wie sie daran dachte, stand dieser Augenblick auch schon neben ihr, und

sie griff nach ihm.

Ihre Finger preßten sich fest um des Lehrers Hand. Und dann zog sie ihn

langsam, ganz langsam zu sich herab.

Lukas Allm fühlte plötzlich ihren Atem und sah ihre schimmernde Haut.

Ein Brausen siedete in seinen Ohren. Dann schlug es über ihm zusammen.

Er fühlte feuchte Lippen ...

Vielleicht wollte er jetzt aufspringen und weglaufen, aber nun legten

sich ihre Hände weich um seinen Nacken und hielten ihn fest. Und das

änderte alles. Schließlich hatte er nicht umsonst seine Jugend fern von

allen Wirklichkeiten verträumt und in seiner Heidestille eine Fülle

unbewußter Sehnsucht und unverbrauchter Empfindungskraft aufgespeichert.

Seine Hände tasteten nach ihrem Kopf, faßten ihr Haar, glitten über den

Hals und preßten ihren Körper.

Mit geschlossenen Augen lag Marianne da. Und er küßte ihre Lippen, ihre

Wangen, ihre Augen, ihren Hals. Sehnsüchtig sog er ihren Duft. Er mußte

Jahre wieder einholen, die vorübergedämmert waren!

Oh, und Marianne ...! Gold und glühendes Rot wogte vor ihren Augen.

Schauer rieselten durch ihren Körper. Hierhin, dorthin flog ihr

Empfinden. Jetzt war es in den Lippen und nahm seine Küsse, nun im Haar

und zitterte unter seinem warmen Atem, nun wieder am Hals und bog sich

voll Lust unter dem Kribbeln seines Bartes. Der ganze Leib ein Meer von

Glut; ein Spannen in allen Nerven, ein Loslassen, das leuchtend schwer

dahinfloß, eine bebende Wonne, die über ihrer Haut ausgestreckt war wie

Seide oder Blumen oder streichelnde Hände.

So küßten sie sich.

Bis er plötzlich sich schwer atmend aufrichtete, während Marianne

bewegungslos liegen blieb. Ein Gefühl von Leere. Eine unbestimmte Farbe

von Übersättigung. Ein paar stockende Gedanken: »Das hättest du nicht

tun sollen« und »Was nun?« und sogleich danach eine brave, neugebackene

Würde: »Nun bin ich verlobt!«

Und da unten im Grase nichts von alledem. Nur ein Weitertreiben, ein

Sich-Dehnen in lauwarmen Fluten.

Nach einer Weile wurden die Wellen flacher, und plötzlich schlug

Marianne die Augen auf, verwundert, als sei sie da irgendwo an den

Strand gespült und wüßte nicht, wo sie wäre.

Lukas Allm atmete auf.

Der Stolz auf seine neue Würde war klein geworden, als er sie

regungslos vor sich liegen sah. Ob ihr etwas geschehen sein mochte?!

Was konnte das kleine Heidelicht von jenen Flammen wissen, die

in diesem jungen Körper glühten! Er hatte sie entzündet; nun

sie aufbrannten, bekam er es mit der Angst. Mit einer richtigen

Jungensangst.

Aber jetzt strich er sich erleichtert über die Stirn. »Nun sind wir

verlobt!« sagte er strahlend.

Marianne richtete sich auf und sah ihn erstaunt an. Plötzlich lachte

sie.

Lukas Allm machte ein befremdetes Gesicht.

»Wir sind nun verlobt!« betonte er wichtig.

»So!« sagte sie langgedehnt.

»Ja, natürlich!«

Auf seinem Gesicht lag bereits der Sonnenschein einer glücklichen Ehe,

in ein paar Falten hatten sich sogar schon einige wichtige Sorgen

niedergelassen. Er holte tief Atem.

Also am 5. August nach der Schule hatte er sich in der Heide mit der

dritten Tochter des verstorbenen Rechtsanwalts Hellwege verlobt.

Noch dazu heimlich. Ja, er selbst wußte es kaum. Plötzlich war die

Liebe gekommen, »wie der Frühling auf leisen Sohlen«, hatte er irgendwo

einmal gelesen.

Er rückte näher und nahm Mariannes Hand. Nun mußte er wohl von Liebe

sprechen.

»Haben Sie,« stotterte er, »haben Sie ... hast du mich lieb?«

Er erschrak über seine Frage und freute sich doch zugleich. Das spielte

sich alles so ab, wie er es in Büchern gelesen hatte: Marianne wurde

rot und flüsterte »Ja« und entzog ihm ihre Hand.

Er war glücklich und stolz.

Aber Marianne stand auf und nahm ihren Hut.

»Du darfst es niemandem sagen! Und morgen mittag ...«

Die Schwestern Hellwege · 第 13 / 47 题