Nachdem man das Auftreten von Pyridin und Chinolin bei der Zersetzung
der Alkaloide oder Pflanzenbasen kennen gelernt hatte, lag der Gedanke
nahe, ausgehend vom Pyridin und Chinolin die Pflanzenbasen synthetisch
darzustellen. Die erste derartige Synthese, der viele andere gefolgt
sind, gelang *Ladenburg* im Jahre 1886[437]. Es gelang ihm, ausgehend
vom Pyridin, den 1827 entdeckten, wirksamen Bestandteil des gefleckten
Schierlings (Conium maculatum), das Koniin darzustellen[438]. Zunächst
bestanden Zweifel, ob es sich um ein dem natürlichen Koniin völlig
entsprechendes Produkt handele. Letzteres ist nämlich optisch aktiv,
während das synthetisch erhaltene Produkt die Polarisationsebene des
Lichtes nicht dreht. Da man aber durch *Pasteurs* Untersuchungen über
die Weinsäure (s. S. 296) die Erfahrung gemacht hatte, daß eine optisch
inaktive Substanz mitunter aus zwei Isomeren von entgegengesetztem
Drehungsvermögen besteht, so versuchte *Ladenburg* eine Trennung der in
dem synthetischen Koniin gleichfalls vermuteten Isomeren. Die Trennung
gelang, und es zeigte sich, daß die rechtsdrehende Verbindung in allen
chemischen, physikalischen und physiologischen Eigenschaften mit dem
Giftstoff des gefleckten Schierlings völlig übereinstimmte.
Es ist hier nicht die Aufgabe, auf Einzelheiten einzugehen. Wir müssen
uns vielmehr auf die Darstellung der wichtigsten an die Benzoltheorie
anknüpfenden Fortschritte beschränken. Sie lassen zur Genüge erkennen,
daß die von *Kekulé* geschaffene Vorstellung von der ringförmigen
Verknüpfung der Atome für den weiteren Ausbau der Chemie von ganz
hervorragendem Wert gewesen ist.
Mit der Isomerie im engeren Sinne und der von *Kekulé* nachgewiesenen
Stellungsisomerie war die Lehre von der Isomerie chemischer
Verbindungen noch nicht zum Abschluß gelangt. Neue Entdeckungen
bewirkten eine Erweiterung, die schließlich zur Ergründung der
räumlichen Anordnung der Atome, zur Stereochemie leitete. Zunächst
führte das verschiedenartige optische und kristallographische Verhalten
von im übrigen allem Anschein nach völlig identischen Verbindungen zu
dem Begriff der physikalischen Isomerie. Die grundlegende Untersuchung
stellte *Pasteur*[439] an, noch ehe *Kekulé* die Benzoltheorie
geschaffen hatte.
*Pasteur* suchte -- es war um die Mitte des 19. Jahrhunderts -- in
das Gebiet der Kristallographie einzudringen, um daraus für seine
chemischen Untersuchungen Nutzen zu ziehen. Zu diesem Zwecke schlug
er einen Weg ein, der auch heute noch jedem Jünger der Wissenschaft
als der gangbarste und erfolgreichste nicht dringend genug empfohlen
werden kann. Er legte seinen Studien eine ausführliche, anerkannt
meisterhafte, kristallographische Untersuchung zugrunde und wiederholte
unter stetem Vergleichen alle Messungen der Originalarbeit. Es
handelte sich um die Weinsäure und ihre Salze[440]. Auch diesmal
zeigte es sich, daß das Studium bedeutender Originalarbeiten nicht
nur ein vortreffliches Unterrichtsmittel, sondern vor allem auch
ein Forschungsmittel, eine »Fundgrube von Anregungen und fordernden
Gedanken« ist[441]. Während seiner Arbeit beobachtete *Pasteur*, daß
seinem Lehrmeister eine wichtige Tatsache entgangen war. Bei allen
weinsauren Salzen bemerkte er nämlich Andeutungen von hemiëdrischen
Flächen. Neben der Weinsäure hatte die von *Pasteur* nachgeprüfte,
ältere Arbeit auch auf eine Abart der Weinsäure, die Paraweinsäure oder
Traubensäure, Rücksicht genommen. Als *Pasteur* die Salze dieser Säure
prüfte, fand er, daß keins derselben hemiëdrisch ist. Einen weiteren
Unterschied hatte vor *Pasteur* schon *Mitscherlich* gefunden. Eine
Lösung von weinsaurem Salz lenkt nämlich die Polarisationsebene ab. Das
traubensaure Salz ist dagegen optisch inaktiv. *Mitscherlich* hatte
behauptet, die Salze beider Säuren seien in ihrer Zusammensetzung und
in ihren übrigen physikalischen Eigenschaften völlig analog. Offenbar
hatte auch er übersehen, welche Rolle die Hemiëdrie bei diesen Salzen
spielt.
*Pasteur* fand den Schlüssel zu diesem Rätsel. Er wies nach, daß
die Traubensäure, die sich dem polarisierten Lichte gegenüber
inaktiv verhält, in zwei Abarten zerlegt werden kann, welche die
Polarisationsebene des Lichtes im entgegengesetzten Sinne drehen[442].
Er fand nämlich, daß die Salze dieser links- und rechtsdrehenden Säuren
zwar isomorph sind, aber Kristalle bilden, die sich hinsichtlich
der Lage gewisser Flächen wie Spiegelbild und Gegenstand verhalten,
also nicht zur Deckung gebracht werden können. Durch die sorgfältige
Trennung dieser rechts- und linkshemiëdrischen Kristalle (siehe Abb.
43) wurde *Pasteur* zur Entdeckung der zusammengesetzten Natur der
Traubensäure geführt.
[Illustration: Abb. 43. Kristalle des rechtsweinsauren und
des linksweinsauren Natrium-Ammoniums. Ersteres zeigt die
rechtshemiëdrische Fläche +P/2, letzteres die linkshemiëdrische, ein
Spiegelbild von +P/2 darstellende Fläche -P/2.]
»Ich trennte«, schildert *Pasteur* seine Entdeckung, »sorgfältig
die rechtshemiëdrischen Kristalle von den linkshemiëdrischen und
beobachtete ihre Lösungen jede für sich im Polarisationsapparat.
Da sah ich mit ebenso großer Überraschung wie Freude, daß die
rechtshemiëdrischen die Polarisationsebene nach rechts, die
linkshemiëdrischen sie nach links drehten. Nahm ich ferner eine
gleiche Menge beider Kristalle, so war die aus ihnen bereitete Lösung
inaktiv, offenbar infolge des Ausgleiches der beiden gleichen aber
in entgegengesetztem Sinne wirkenden Drehungen.« Machte sich in
dem Salze eine solche Verschiedenheit bemerkbar, so ließ sich auch
eine Doppelnatur der Säure vermuten. Und wirklich lenkte diejenige
Traubensäure, die man aus dem rechtshemiëdrischen Salz erhielt nach
rechts, die andere dagegen nach links ab. *Pasteurs* Untersuchungen
über die Isomerie der Weinsäure waren 1853 zu einem vorläufigen
Abschluß gelangt. Sieben Jahre später waren die Vorstellungen
ausgereift, die *Pasteur* zur Erklärung der von ihm entdeckten
Tatsachen entwickelte, Vorstellungen die, wie jene Tatsachen selbst,
*van't Hoff* und anderen Forschern das Fundament für eine »Chemie im
Raume« geboten haben[443].
Der Gedankengang, der *Pasteur* auf seine Vorstellungen leitete, war
der folgende. Alle räumlichen Gebilde sind entweder symmetrisch, wie
der menschliche Körper und eine gerade Treppe, oder sie besitzen
keine Symmetrieebene, sie sind asymmetrisch. Beispiele hiefür sind
die gewundene Treppe, die Hand und vor allem die Dinge, welche hier
in Frage kommen, nämlich die links- und die rechtshemiëdrischen
Kristalle der Weinsäure. Und nun richtet sich *Pasteurs* Blick von
dem Makroskopischen auf das unsichtbar Kleine, von dem wir zwar keine
unmittelbare Anschauung haben, wohl aber uns Vorstellungen machen
können, ja machen müssen, wenn wir die Natur erklären wollen. Wenn
wir uns jedes Molekül als eine Gruppe von Atomen vorstellen, die zu
einander in einer bestimmten Anordnung stehen, dürfen wir dann nicht
auch annehmen, fragt *Pasteur*, daß die Natur in den Atomgruppen, aus
welchen sie die Moleküle aufbaut, gleichfalls die eine oder die andere
jener Kategorien der räumlichen Anordnung befolgt hat? Durch solche
Betrachtungen angeregt hat *Pasteur* eine Theorie der molekularen
Asymmetrie aufgestellt, welche die in Frage stehenden Erscheinungen
erläutert[444]. Das Molekül der Rechts-Weinsäure z. B., wie es auch
sonst beschaffen sein mag, ist asymmetrisch, und zwar von einer
Asymmetrie, die sich mit ihrem Spiegelbilde nicht deckt. Das Molekül
der Links-Weinsäure weist die entgegengesetzte Lagerung der Atome
auf. Für das Vorhandensein der molekularen Asymmetrie gab es nach dem
dermaligen Stande der Kenntnisse zwei Anzeichen, die zu jener Theorie
geführt haben und umgekehrt aus ihr erklärt werden. Diese äußeren
Anzeichen sind das optische Drehungsvermögen und die eigenartige
Hemiëdrie der Kristalle.
Weiter ausgeführt und bestimmter gestaltet wurden die von *Pasteur*
geschaffenen Vorstellungen über die Symmetrie und die Asymmetrie der
Moleküle durch *van't Hoff*, *Wislicenus* und andere Forscher. Denkt
man sich mit *van't Hoff* und *Le Bel*[445] die vier Affinitäten des
Kohlenstoffatoms nach den Ecken eines Tetraeders geordnet, so ergeben
sich für den Fall, daß sämtliche Affinitäten durch vier verschiedene
Atome oder Atomgruppen gesättigt sind, zwei voneinander abweichende
Kombinationen, die nicht zur Deckung gebracht werden können (siehe
Abb. 44), sondern sich, gleich jenen Kristallen der links- und
rechtsdrehenden Weinsäure, wie Bild und Spiegelbild verhalten. Solche
Verbindungen wurden dann allgemein als stereoisomer bezeichnet.
[Illustration: Abb. 44. Die Konstitution der stereoisomeren
Verbindungen.]
Während es sich in dem durch *Pasteur*, *van't Hoff* und *Wislicenus*
erschlossenen Gebiete um eine Ausdehnung der geometrischen
Betrachtungsweise auf die Verkettung der Atome handelte, führten die
mit immer größerer Schärfe ausgeführten Bestimmungen der Atomgewichte
zu Versuchen, zwischen den erhaltenen Zahlen arithmetische Beziehungen
zu finden. Wenn wir von der verfehlten Hypothese *Prouts* absehen,
so begegnet uns der erste Versuch dieser Art im Jahre 1829 bei dem
Deutschen *Döbereiner*[446]. Letzterer wies darauf hin, daß das
Atomgewicht des Broms das arithmetische Mittel der Atomgewichte von
Chlor und Jod sei und suchte auch die übrigen Elemente zu solchen
Gruppen, die er als Triaden bezeichnete, zusammenzufassen. Angeregt
wurde *Döbereiner* durch *Berzelius'* Versuche zur Bestimmung der
Atomgewichte der Salzbildner (Chlor, Brom, Jod). *Berzelius* hatte für
das Brom 78,38 gefunden. Das Mittel der Atomgewichte von Chlor und
Jod, (35,4 + 126,4)/2, ergab 80,47. *Döbereiner* nahm an, daß die
nicht unbeträchtliche Differenz bei künftigen scharfen Bestimmungen der
Atomgewichte ganz verschwinden werde. Er dehnte seine Betrachtungen auf
die alkalischen Erdmetalle (Ca, Sr, Ba), auf die Alkalien (Li, Na, K)
und die drei einander so ähnlichen Elemente Schwefel, Selen und Tellur
aus. Für diese Gruppe ergab die Berechnung des mittleren Wertes
(32,23 (S) + 129,24 (Te))/2 = 80,7 (Se)
nur eine sehr geringe Abweichung von dem empirisch ermittelten
Atomgewicht (Se = 79,26). Eisen, Mangan und Chrom, sofern sie
dreiwertig auftreten und Sesquioxyde bilden, wurden zur dreigliedrigen
Gruppe der »erzmetallischen Alaunbildner« vereinigt. Auf diese Weise
gelangte *Döbereiner* zu der Annahme, daß die »Trias (Dreizahl) ein
Gesetz für alle Gruppen chemischer Stoffe« sei.
Durch *Döbereiners* Betrachtungen wurde mit einem gewissen Erfolg
das deduktive Element in die Chemie eingeführt. *Döbereiner* nahm
z. B. an, daß für das Tellur neben der Oxydationsstufe TeO_{2} die
höhere Stufe TeO_{3} existieren müsse, analog dem von *Mitscherlich*
entdeckten Selentrioxyd und dem von ihm selbst zuerst dargestellten
Schwefeltrioxyd. Wußte *Döbereiner* zwei ähnlichen Grundstoffen
keinen dritten anzugliedern, so schloß er aus seiner Theorie, daß
weiteres Forschen zur Auffindung jenes dritten Elementes und zu seiner
Einreihung in die ihm zukommende Stelle führen werde.
Ein besonderes Interesse wandte *Döbereiner* den im Platinerz
enthaltenen Metallen zu. Er ordnete Platin, Palladium, Rhodium,
Iridium, Osmium und das ihm selbst zweifelhafte Pluran, an dessen
Stelle später das Ruthenium getreten ist, nach ihren Atomgewichten in
zwei Gruppen. Zur ersten stellte er Platin, Iridium und Osmium. Es ist
nämlich nahezu[447] (Pt = 194,3, Ir = 192,5, Os = 190,3) das Mittel aus
den Atomgewichten des Platins und des Osmiums gleich demjenigen des
Iridiums.
*Döbereiners* Bemühungen, eine chemische Systematik zu begründen,
fanden bei den Zeitgenossen nicht die verdiente Beachtung. Einmal
waren die Tatsachen, auf denen sich das chemische System aufbauen
sollte, noch zu unsicher und unzulänglich. Vor allem aber nahm
die Beschäftigung mit der organischen Chemie, der *Wöhler* durch
seine Abhandlung über die Synthese des Harnstoffs gerade einen ganz
außerordentlichen Impuls gegeben hatte, das Interesse der Chemiker so
sehr in Anspruch, daß alle übrigen Fragen zunächst zurücktraten.
Einen weiteren Schritt auf der von *Döbereiner* eingeschlagenen Bahn
verdanken wir dem genialen Begründer der modernen Hygiene, *Max
Pettenkofer*.
*Pettenkofer*[448] machte zuerst auf die Gleichheit der Differenzen
innerhalb der verschiedenen Gruppen von chemischen Elementen
aufmerksam. Ein auffallendes Verhältnis, sagte *Pettenkofer*, gebe sich
kund, wenn man die Differenzen der Atomzahlen einzelner natürlicher
Gruppen der Metalle und der nichtmetallischen Elemente vergleiche.
Es zeige sich nämlich, daß diese Differenzen nahezu Multiplen einer
und derselben Zahl seien. Den Nachweis dieser Regelmäßigkeit suchte
*Pettenkofer* zunächst für die Alkalimetalle, die Metalle der
alkalischen Erden, die Chrom- und die Schwefelgruppe zu führen. Als
Differenzzahl glaubte er für diese Gruppen die Zahl 8 annehmen zu
können. Nach der Berichtigung der Atomgewichte durch spätere Forscher
kamen die von *Pettenkofer* für seine Differenzen angenommenen
Zahlenwerte zwar nicht mehr in Frage, dennoch enthält sein Versuch
die ersten Keime des natürlichen Systems der Elemente, das auf der
Gleichheit der Differenzen in den verschiedenen Gruppen beruht.
Fast zur selben Zeit beschäftigte sich auch der Engländer *Gladstone*
mit diesem Gegenstande[449]. Er ist wahrscheinlich der erste, der
auf den Gedanken gekommen ist, die Atomgewichte sämtlicher Elemente
nach der Größe ihrer Zahlenwerte zu ordnen. Es schien ihm nämlich
kein Zufall zu sein, daß bei dieser Anordnung die Zahlenwerte an
manchen Stellen große Lücken zeigten, während sie sich an anderen
zusammendrängten. So befestigte sich immer mehr die Ansicht, daß ein
gemeinschaftliches Band in den Atomgewichten der Elemente seinen
Ausdruck finde. Einen Gegner fanden diese Bemühungen in *Berzelius*,
der nach seinem Siege über die Anhänger der *Prout*schen Hypothese jede
Spekulation von diesem Gebiete fernzuhalten strebte.
Die eigentliche Begründung eines Systems der Elemente fällt in den
Beginn der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Sie ist an die
Namen *Lothar Meyer* und *Mendelejeff* geknüpft.
*Lothar Meyer* erwarb sich hervorragende Verdienste um die theoretische
und um die physikalische Chemie. Ein grundlegendes Werk für diese
Gebiete gab er im Jahre 1864 unter dem Titel »Die modernen Theorien der
Chemie« heraus. Die regelmäßigen Beziehungen, welche die oben erwähnten
und andere Forscher zwischen den Atomgewichten der verschiedenen
Elemente aufgefunden hatten, führten *Meyer* auf die Frage, ob nicht
»unsere Atome selbst wieder Vereinigungen von Atomen höherer Ordnung«
seien. Ein Analogon boten die Molekulargewichte gewisser Reihen von
organischen Verbindungen. So unterscheiden sich die zu derselben Gruppe
gehörigen Kohlenwasserstoffe Methan (CH_{4}), Äthan (C_{2}H_{6}) und
Propan (C_{3}H_{8}) in ihrem Molekulargewicht jedesmal um den Wert 14
(CH_{2}), während die drei so ähnlichen Metalle Lithium, Natrium und
Kalium in ihren Atomgewichten die Differenz 16 wiederkehren lassen.
*Meyer* prüfte eine Anzahl von Gruppen chemisch ähnlicher Elemente nach
diesem Gesichtspunkt[450], so die Stickstoffgruppe (N, P, As, Sb, Bi),
die Sauerstoffgruppe (O, S, Se, Te), die Natriumgruppe (Li, Na, K, Rb,
Cs) und andere mehr.
Eine bestimmte Gesetzmäßigkeit in den Zahlenwerten der Atomgewichte
ließ sich aus dieser Untersuchung *Meyers* vom Jahre 1864 ganz offenbar
ersehen. Auch durfte *Meyer* annehmen, daß noch vorhandene Abweichungen
durch schärfere Bestimmungen der Atomgewichte beseitigt werden würden.
Doch warnte er selbst eindringlich vor dem so oft begangenen Fehler,
empirisch gefundene Werte einer angenommenen Gesetzmäßigkeit wegen
willkürlich zu korrigieren. Man müsse vielmehr in solchem Falle durch
das Experiment genauer bestimmte Werte an die Stelle der früheren
setzen. Diese Erwägung führte ihn zu einer sorgfältigen Nachprüfung
aller vorhandenen Angaben über die Atomgewichte, eine Arbeit, deren er
sich in Gemeinschaft mit *Seubert* unterzog. Zur Aufstellung eines,
sämtliche damals bekannten Elemente umfassenden Systems gelangte
*Meyer* im Jahre 1868. Ein Jahr später formulierte er das Gesetz, das
dem natürlichen System der Elemente zugrunde liegt, mit folgenden
Worten: »Die Eigenschaften der Elemente sind großenteils periodische
Funktionen des Atomgewichtes«. D. h. dieselben oder ähnliche
Eigenschaften kehren wieder, wenn das Atomgewicht um eine gewisse Größe
gewachsen ist. Unabhängig von *Lothar Meyer* gelangte der russische
Forscher *Mendelejeff* zu dem gleichen Ziele. In seiner Abhandlung vom
Jahre 1869 Ȇber die Beziehungen der Eigenschaften zu den Atomgewichten
der Elemente« wurden 63 Grundstoffe nach zunehmenden Atomgewichten in
vertikalen Reihen so geordnet, daß die Horizontalreihen zu einer Gruppe
gehörende Elemente enthielten[451].
Aus dieser Zusammenstellung zog *Mendelejeff* eine Anzahl von
allgemeineren Folgerungen, die er in späteren Arbeiten eingehender
begründete. Vor allem wies er schon damals darauf hin, daß sein
natürliches System die Entdeckung einer Anzahl neuer Elemente
vorhersehen lasse.
Die ausführlichste Darstellung des natürlichen Systems gab
*Mendelejeff* in seiner berühmt gewordenen großen Abhandlung vom
Jahre 1871, welche unter dem Titel »Die periodische Gesetzmäßigkeit
der chemischen Elemente« erschien[452]. Neben den charakteristischen
qualitativen Eigenschaften der Elemente, für die es bislang kein
Mittel der Messung gibt, stehen die meßbaren Eigenschaften. Für zwei
derselben stand *Mendelejeff* ein reichhaltiges Material zu Gebote,
nämlich für das Atomgewicht und die Valenz oder die Wertigkeit. Die
Vorstellungen über das Atomgewicht hatten seit der Anwendung der
*Avogadro*schen Regel und des Gesetzes von *Dulong* und *Petit*[453]
über die Atomwärme eine große Festigkeit erlangt. *Mendelejeff* konnte
deshalb wohl betonen, der Begriff Atomgewicht als kleinster Teil eines
Elementes, der in einem Molekül seiner Verbindungen enthalten ist,
werde sich unter allem Wechsel in den theoretischen Vorstellungen
erhalten. Als nächstliegendes Ziel der Chemie erkannte er die Aufgabe,
die Eigenschaften der Elemente, die meßbaren sowohl wie die mehr
qualitativen, in ihren Beziehungen zu den Atomgewichten zu erforschen.
Dieser Aufgabe widmete sich *Mendelejeff* seit dem Jahre 1858. Das
Ergebnis seiner Bemühungen war das periodische Gesetz, das er in einer
Fassung aussprach, die sich mit dem von *Lothar Meyer* gefundenen
Ausdruck fast vollkommen deckte. »Die Eigenschaften der Elemente und
der aus ihnen zusammengesetzten Körper«, sagt *Mendelejeff*, »befinden
sich in periodischer Abhängigkeit von den Atomgewichten«.
Zum Beweise stellte er zunächst sämtliche Elemente, deren Atomgewicht
zwischen 7 und 36 liegt, in arithmetischer Folge zusammen. Es ergab
sich folgende Reihe:
Li (7); Be (9,4); B (11); C (12); N (14); O (16); Fl (19).
Na (23); Mg (24); Al (27,3); Li (28); P (31); S (32); Cl (35,5).
In dieser sind das erste und achte, das zweite und neunte, das dritte
und zehnte Glied ähnliche Elemente von derselben Wertigkeit. Wie die
chemischen so wiederholen sich auch die physikalischen Eigenschaften.
Die ersten beiden Gruppen (Li Na; Be Mg) haben einen ausgesprochen
metallischen Charakter, die letzten (Fl Cl; O S) den ausgeprägtesten
metalloidischen. Die übrigen Gruppen bilden Übergänge.
Die von *Mendelejeff* gegebene Anordnung sämtlicher Elemente zeigt uns
die folgende Tabelle.
Es erscheinen darin die sieben, soeben in die erste Reihe gestellten
Grundstoffe Li, Be, B, C, N, O, F als typische Repräsentanten von
sieben natürlichen Gruppen. Die Zusammensetzung der Oxyde und der
Wasserstoffverbindungen läßt erkennen, daß die Valenz von der ersten
bis zur vierten Gruppe steigt, um dann bis zur siebenten ebenso
regelmäßig wieder abzunehmen. Eine Reihe von Zwischengliedern, die
keiner der sieben ersten Gruppen zugewiesen werden konnten, bilden eine
achte selbständige Gruppe. Das Element Wasserstoff nimmt als Grundtypus
die Spitze des Systems und damit eine gesonderte Stellung ein.
==================================================================
Reihen|Gruppe I. |Gruppe II. |Gruppe III. |Gruppe IV. |Gruppe V. |
| | | | | |
| -- | -- | -- | RH_{4} |RH_{3} |
| R_{2}O | RO |R_{2}O_{3} | RO_{2} |R_{2}O_{5}|
==================================================================
1 | H = 1| | | | |
2 |Li = 7 |Be = 9,4 |B = 11 |C = 12 |N = 14 |
|-----------------------------------------------------------
3 | Na = 23| Mg = 24| Al = 27,3| Si = 28| P = 31|
4 |K = 39 |Ca = 40 |-- = 44 |Ti = 48 |V = 51 |
| | | | | |
5 | (Cu = 63)| Zn = 65| -- = 68| -- = 72| As = 75|
6 |Rb = 85 |Sr = 87 |?Yt = 88 |Zr = 90 |Nb = 94 |
| | | | | |
| | | | | |
7 |(Ag = 108)| Cd = 112| In = 113| Sn = 118| Sb = 122|
8 |Cs = 133 |Ba = 137 |?Di = 138 |?Ce = 140 |-- |
9 | (--)| --| --| --| --|
10 |-- |-- |?Er = 178 |?La = 180 |Ta = 182 |
| | | | | |
| | | | | |
11 |(Au = 199)| Hg = 200| Tl = 204| Pb = 207| Bi = 208|
12 |-- |-- |-- |Th = 231 |-- |
=============================================================
Reihen|Gruppe VI. |Gruppe VII. |Gruppe VIII.
| | |
| RH_{2} | RH | --
| RO_{3} | R_{2}O_{7} | RO_{4}
=============================================================
1 | | |
2 |O = 16 |F = 19 |
|------------------------------------------------------
3 | S = 32| Cl = 35,5 |
4 |Cr = 52 | Mn = 55 |Fe = 56, Co = 59,
| | | Ni = 59, Cu = 63
5 | Se = 78| Br = 80 |
6 |Mo = 96 |-- = 100 |Ru = 104, Rh = 104,
| | | Pd = 106, Ag = 108
| | |
7 | Te = 125| J = 127 |
8 |-- |-- | -- -- -- --
9 | --| --|
10 |W = 184 |-- | Os = 195, Ir = 197,
| | | Pt = 198, Au = 199
| | |
11 | --| --|
12 |U = 240 |-- | -- -- -- --
*Mendelejeffs* großes Verdienst war es, daß er dem chemischen System
eine erhöhte Bedeutung beilegte. Es galt ihm nicht als bloßes Mittel
zur übersichtlichen Gruppierung und zum leichteren Erfassen der
verschiedenartigen Tatsachen. Er erblickte vielmehr die wichtigste
Aufgabe der Systematik darin, daß sie imstande sei, neue Analogien
aufzudecken und neue Wege zur Erforschung der Elemente anzubahnen.
*Mendelejeff* mußte z. B. in seinem System für bis dahin unentdeckte
Glieder Lücken frei lassen. Er sagte aber die Eigenschaften dieser
Glieder aus der ihnen zugeschriebenen Stellung bis ins einzelne
voraus[454]. Mit Recht betrachtete *Mendelejeff* dieses kühne
Unterfangen als einen weiteren »vollkommen klaren, wenn auch nur
in Zukunft möglichen Beweis von der Richtigkeit des periodischen
Gesetzes«. Als er seine Tafel aufstellte, fehlten zwei Elemente
zwischen Zink (Atomgewicht = 65) und Arsen (Atomgewicht = 75). Diese
Lücke wurde dadurch ausgefüllt, daß man im Jahre 1875 das Gallium[455]
und zehn Jahre später das Germanium[456] mit allen von *Mendelejeff*
vorausgesagten Eigenschaften entdeckte. Nachstehende Tafel läßt
erkennen, bis zu welchem Grade die Vorhersage des russischen Forschers
sich bezüglich des Germaniums als zutreffend erwiesen hat.