Im bisherigen Verfolg der geschichtlichen Entwicklung sind uns zwar
manche Fälle begegnet, in denen hervorragende Forscher unter Anwendung
von Hilfsmitteln der Physik und der Chemie einen tieferen Einblick
in die Natur der Pflanzen und der Tiere zu gewinnen suchten. Es
braucht hier nur an *Hales* und *Borelli*, sowie an *Saussure* und
an *Liebig* erinnert zu werden. Dennoch galt bis in die vierziger
Jahre des 19. Jahrhunderts das Beschreiben und das Klassifizieren als
die Hauptaufgabe der Zoologie und der Botanik. Seitdem haben diese
Zweige unter dem Aufschwung, den die chemisch-physikalische Forschung
genommen, ihren Charakter wesentlich geändert. Sie sind zu induktiven
Wissenschaften geworden, die ihre wichtigsten Ergebnisse nicht mehr der
Sammeltätigkeit der Museen, sondern den Arbeiten mit allen Mitteln der
exakten Forschung ausgestatteter Laboratorien verdanken.
Als ein Beispiel hierfür kann uns die schrittweise gewonnene Einsicht
in das Wesen der Gärungs- und Fäulniserscheinungen dienen. *Lavoisier*
und *Gay-Lussac*, ja selbst noch *Liebig* hatten in ihnen ein rein
chemisches Problem erblickt. Nachdem durch *Lavoisier* der Vorgang
der alkoholischen Gärung als ein Zerfall des Zuckers in Alkohol und
Kohlendioxyd erkannt worden war, beantwortete *Gay-Lussac* die Frage
nach der Ursächlichkeit dieser Erscheinung, sowie der analogen Fäulnis
dahin, daß der Sauerstoff der Erreger dieser Prozesse sei. *Gay-Lussac*
stützte sich hierbei auf die heute allgemein bekannte Tatsache, daß zum
Sieden erhitzte und dann vollkommen abgeschlossene pflanzliche oder
tierische Aufgüsse unverändert bleiben und erst nach wieder erfolgtem
Zutritt der Luft in Zersetzung übergehen. *Gay-Lussacs* Ansicht wurde
dadurch widerlegt, daß der Deutsche *Schwann* zu einem ausgekochten
Aufguß Luft hinzutreten ließ, die er zuvor auf mehrere hundert Grad
erhitzt hatte[288]. Obgleich bei diesem Versuche Sauerstoff zu dem
Aufguß gelangte, ging der letztere dennoch weder in Gärung, noch in
Fäulnis über. Gleichzeitig lenkten *Schwann* und andere Forscher die
Aufmerksamkeit auf die organisierte Natur der Hefe, die man fortan
als eine in der Zuckerlösung vegetierende Pflanze ansah, durch deren
Lebensprozeß der Zucker in Alkohol und Kohlendioxyd gespalten wird.
Nach einem zweiten Verfahren wurde die Luft, bevor sie zu dem Aufguß
trat, der Einwirkung von chemischen Agentien, wie Kalilauge oder
Schwefelsäure, ausgesetzt. Auch in diesem Falle unterblieb die Gärung.
Es wurde jedoch von gegnerischer Seite der Einwurf erhoben, daß die
zugeführte Luft durch eine derartige Behandlung vielleicht eine
tiefergreifende Änderung erfahren haben könnte. Dieser Einwand wurde
durch eine Versuchsanordnung[289] beseitigt, bei welcher die zum Aufguß
gelangende Luft anstatt des erhitzten Rohrstücks oder der Chemikalien
nur einen Baumwollpfropfen passierte. Auch in diesem Falle unterblieb
die Gärung. Hierdurch gewann die schon von *Schwann* geäußerte
Vermutung, daß es sich um organisierte, in der Luft schwebende Keime
handeln könne, eine neue Stütze. Zur vollen Gewißheit wurde diese
Ansicht erst durch *Pasteurs* Arbeiten erhoben[290]. Das Verfahren, das
*Pasteur* einschlug, um den in der Luft schwebenden Staub zu sammeln
und unter dem Mikroskop zu prüfen, bestand darin, daß er ein bestimmtes
Luftvolumen durch Schießbaumwolle filtrierte. Die Einzelheiten des
*Pasteur*schen Verfahrens sind aus nachstehender Abbildung ersichtlich.
In der Glasröhre T, die im Fensterrahmen angebracht war und ins
Freie mündete, befand sich bei a der Pfropf aus Schießbaumwolle. Die
Luft wurde durch den Wasserstrahlaspirator R herbeigesogen. Wollte
*Pasteur* das hindurchgesogene Luftvolumen messen, so brachte er das
Ende l der Röhre kl in eine große, umgestürzte, mit Wasser gefüllte
Maßflasche und bestimmte die Zeit, in der sich eine Flasche, z. B. von
10 Litern Inhalt, füllte.
[Illustration: Abb. 30. *Pasteurs* Verfahren, die Keime aus der
atmosphärischen Luft abzusondern.]
War die Luft hinreichend lange hindurchgestrichen, so wurde der
Baumwollpfropfen in einem Gemisch von Äther und Alkohol gelöst. Die
in dem Pfropfen zurückgehaltenen, aus der Luft stammenden festen
Bestandteile wurden durch Absitzenlassen gesammelt und wiederholt
gewaschen. Dann brachte *Pasteur* den Rückstand auf ein Uhrglas, auf
dem der Rest der ihn benetzenden Flüssigkeit schnell verdunstete und
prüfte ihn unter dem Mikroskop. Auf diese Weise ließ sich erkennen,
daß in der gewöhnlichen Luft beständig eine wechselnde Zahl von
Körperchen vorhanden ist, deren Gestalt und Bau anzeigt, daß sie
organisiert sind. Ihre Größe belief sich von dem kleinsten Durchmesser
an bis auf 1/100 oder mehr Millimeter. Die Körperchen waren teils
vollkommen kugelrund, teils länglich. Ihre Umrisse traten mehr oder
weniger deutlich hervor. Viele waren durchscheinend und glichen ganz
den gemeinen Schimmelsporen oder auch den Keimen von Aufgußtierchen.
Sie waren ferner so verschieden an Größe und Bau, daß sie unstreitig
zu zahlreichen Arten gehörten. Auch ergab sich, daß die Zahl der
organisierten Körper, die *Pasteur* nach dieser Methode auf den
Baumwollfasern sammelte, sehr ansehnlich im Verhältnis zum Luftvolumen
war.
In richtiger Vorahnung der Bedeutung dieses auf den ersten Blick
unwichtig scheinenden Gegenstandes, sagte damals *Pasteur*: »Ich
glaube, daß es von großem Interesse sein würde, die Studien über diesen
Gegenstand auszudehnen und an ein und demselben Orte zu verschiedenen
Jahreszeiten, sowie an verschiedenen Orten zu derselben Zeit die in
der Luft zerstreuten, organisierten Körperchen zu vergleichen. Mir
scheint, daß die Phänomene der ansteckenden Krankheiten, besonders
der epidemischen, durch in dieser Richtung fortgesetzte Arbeiten sich
unserer Erkenntnis erschließen würden«.
An den mikroskopischen Befund schloß *Pasteur* den experimentellen
Nachweis an, daß poröse Substanzen tatsächlich die Gärung verhindern,
indem sie die in der Luft schwebenden, organisierten Körper
zurückhalten. Ferner gelang es *Pasteur*, durch die Aussaat dieser
Keime diejenigen Erscheinungen hervorzurufen, die sonst durch die
gewöhnliche Luft veranlaßt werden. Daß die letztere um so weniger
Keime enthält, je weiter man sich vom Boden entfernt, zeigte *Pasteur*
folgendermaßen: Er füllte eine größere Anzahl Glasballons mit einer
Nährlösung, erhitzte sie zum Kochen und schmolz die Spitze zu. Mit
diesen Ballons verfuhr er folgendermaßen: Am Fuße des Juragebirges,
in der Höhe von 850 Metern über dem Meeresspiegel und in der Höhe von
2000 Metern wurde von je 20 Ballons die Spitze abgebrochen, so daß Luft
eintrat. Die Ballons wurden dann sofort wieder zugeschmolzen. Nach
Verlauf einiger Tage zeigten sich von den Ballons, die am Fuße des
Gebirges geöffnet waren, 8 mit Organismen gefüllt, 12 unverändert; in
850 m Höhe geöffnet, 5 mit Organismen gefüllt, 15 unverändert; in 2000
m Höhe geöffnet, 1 mit Organismen gefüllt, 19 unverändert.
Indem *Pasteur* seine Untersuchungen auf die Milchsäuregärung, die
Essigbildung und die Fäulnis tierischer Stoffe ausdehnte, gelangte
er unter Anwendung aller Hilfsmittel der exakten Forschung zu dem
Ergebnis, daß die erwähnten, bis dahin so dunklen Prozesse durch
bestimmte niedere Organismen hervorgerufen werden, welche die zu ihrem
Leben erforderliche Energie nicht durch Atmung, sondern durch Spaltung
zusammengesetzter Kohlenstoffverbindungen beziehen. Gleichzeitig
haben diese Untersuchungen *Pasteurs* die Frage nach der Urzeugung im
verneinenden Sinne entschieden, während man bis dahin diese Art der
Entstehung für die niedrigsten Organismen immer wieder durch Versuche
stützen zu können glaubte.
Während man zu einer Einsicht in die Lebensvorgänge der Spalt- und
Hefepilze vorwiegend auf dem Wege des Experimentes gelangte, führten
die Vervollkommnung der optischen Hilfsmittel und die Entwicklung
der mikroskopischen Technik seit dem Jahre 1840 zu einem von den
hervorragendsten Erfolgen gekrönten Studium der übrigen kryptogamen
Pflanzen.
Zu erwähnen sind hier *Ungers* Untersuchungen an Süßwasseralgen,
welche dieser Forscher unter dem Titel »Die Pflanze im Momente der
Tierwerdung« im Jahre 1842 veröffentlichte. *Unger*[291] beobachtete
die Anschwellungen einer Vaucheria clavata[292] genannten Süßwasseralge
(siehe Abb. 31). Er sah, daß sich in diesen Anschwellungen (Abb. 31)
eine Spore A bildet, die sich nach dem Aufplatzen der Zellwand von der
Pflanze trennt und sich unter lebhafter, drehender und fortschreitender
Bewegung, sowie unter und Vermeidung aller Hindernisse im Wasser
umhertummelt.
Um die Ursache dieser Bewegung zu erforschen, setzte *Unger* dem Wasser
fein zerteilte Farbstoffe zu. Die wirbelnde Bewegung, mit welcher die
Farbteilchen umhergeschleudert wurden, ließ ihn eine Verwandtschaft
mit ähnlichen Erscheinungen, wie sie die meisten Infusorien darbieten,
erkennen. Bei Anwendung starker Vergrößerungen fiel ihm auf, daß
die Farbteilchen die Oberfläche der Schwärmsporen nicht berührten.
Es schien, als würden die Farbteilchen von einer unsichtbaren, die
Schwärmsporen umgebenden Zone weggeschleudert. *Unger* brachte darauf,
um die Schwärmspore zu töten, etwas Jodlösung auf sein Objekt. Sofort
hörte die Bewegung auf, und die Spore zeigte sich von einer großen
Menge feiner Wimpern umgeben, die in den ersten Augenblicken nach der
Berührung mit dem Gifte noch einige schwache Pendelbewegungen und
Krümmungen machten und dann für immer bewegungslos stillstanden.
[Illustration: Abb. 31. Die Entdeckung der Schwärmsporen.]
Die Beweglichkeit dieser, einem Infusionstierchen zum Verwechseln
ähnlichen, pflanzlichen Spore war jedoch nur von kurzer Dauer.
Verfolgte *Unger* die Entwicklung ohne jeden gewaltsamen Eingriff, so
verschwanden die Wimpern nach einigen Stunden. Gleichzeitig setzte
die Spore sich fest und keimte (D und E). Nach vierzehn Tagen war
die Entwicklung der Alge schon so weit fortgeschritten, daß die
keulenförmigen Anschwellungen und die Bildung einer neuen Generation
von Schwärmsporen stattfand. Der Kreislauf dieser Algen bietet somit
eine Reihe von Wechselerscheinungen dar, die sich bald im Kreise des
tierischen, bald im Kreise des pflanzlichen Lebens abspielen.
Die Vereinigung zweier Plasmamassen der Gattung Spirogyra zu einer
Dauerspore war schon länger bekannt und als geschlechtlicher Vorgang
gedeutet, bei dem es jedoch an einer Differenzierung der sich
verbindenden Körper fehlte. Das schönste Beispiel einer solchen
Differenzierung lehrte die Untersuchung der Algengattung *Fucus*[293]
kennen. Zahlreiche analoge Fälle schlossen sich an, so daß um das Jahr
1860 die Sexualität für viele Gruppen der Kryptogamen erwiesen war.
Zu einem gänzlich unerwarteten und zunächst von seiten der
ausschließlich Systematik treibenden Botaniker heftig befehdeten
Ergebnis führte das genauere Studium der Flechten. Diese erwiesen
sich nämlich nicht als einheitliche Organismen, sondern als Pilze,
die auf Algen leben, indem sie letztere vollkommen in ihr Geflecht
einschließen. Da man die Flechten meist unter Bedingungen antrifft,
welche dem Pilz oder der Alge allein ein Fortkommen nicht gewähren,
ließ sich dieses Verhältnis nicht als Parasitismus betrachten; man
belegte es daher mit dem Namen »Symbiose«. Spätere Untersuchungen haben
dargetan, daß eine solche Vergesellschaftung eine im Pflanzen- und
Tierreiche weit verbreitete Erscheinung ist.
Während bis zum Jahre 1840 die mikroskopischen Studien vorzugsweise
die fertigen Zustände der Organismen ins Auge faßten, begann man
seit jenem Zeitpunkt die Entwicklung sowohl der niederen als auch
der höheren Pflanzen Zelle für Zelle zu verfolgen. Das wichtigste
Ergebnis dieser entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen war die
Entdeckung, daß die höheren Kryptogamen mit den Phanerogamen in einem
engen verwandtschaftlichen Zusammenhange stehen und daß die Koniferen,
die *Jussieu* an die Spitze des Pflanzenreiches gestellt hatte, eine
vermittelnde Stellung zwischen jenen beiden Hauptgruppen einnehmen[294].
In noch höherem Maße als bei dem Studium der bisher berührten Vorgänge
war man bei der Untersuchung der Ernährung und Bewegung auf die
chemisch-physikalische Grundlage angewiesen. Nachdem *Saussure* und
*Liebig* die Notwendigkeit, neben dem Wasser und dem Kohlendioxyd der
Pflanze gewisse Nährstoffe zuzuführen, erkannt hatten, galt es in
erster Linie, die Art der Aufnahme, sowie die physiologische Bedeutung
jener Stoffe nachzuweisen. So entdeckte *Dutrochet* die wichtige Rolle,
welche die Osmose für den Stoffwechsel besitzt.
*Dutrochet*[295] hatte die Erscheinung der Osmose, mit der man um die
Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt geworden war[296], zunächst vom
rein physikalischen Standpunkte aus erforscht. Als einer der ersten
Gegner der besonders von *Bichat* vertretenen vitalistischen Richtung
suchte *Dutrochet* die Ergebnisse seiner osmotischen Untersuchungen
zur mechanischen Erklärung der Vegetationsvorgänge zu verwerten. Den
Gedanken, der ihn hierbei leitete, hat er am Schlusse seiner Arbeit in
folgende Worte gekleidet: »Je tiefer man in die Lebenserscheinungen
eindringen wird, um so mehr wird man die Meinung aufgeben, daß diese
Erscheinungen wesentlich von den physikalischen verschieden sind, eine
Meinung, die sich zwar auf die Autorität *Bichats* stützt, die aber
zweifelsohne irrig ist«[297].
Das Leben ist für *Dutrochet* nichts anderes als Bewegung. Der
Tod ist deren Ende[298]. Wenn auch *Dutrochet* das Leben als ein
chemisch-physikalisches Problem betrachtete und es mit den Hilfsmitteln
der Physik und der Chemie zu ergründen strebte, so dachte er sich diese
Aufgabe doch keineswegs leicht. Er ist vielmehr der Meinung, daß die
Erforschung der Lebenserscheinungen der Tiere wohl auf unüberwindliche
Schwierigkeiten stoßen werde. Doch vereinfache sich die Untersuchung
bei den Pflanzen. An ihnen müsse man daher die Grundprobleme des
Lebens zu lösen suchen. Dieser zutreffende Gedanke ist für die spätere
Entwicklung der Physiologie maßgebend geblieben.
Eins der ersten und auch für die Folge wichtigsten Probleme, mit denen
sich *Dutrochet* befaßte, war die Bewegung der Sinnpflanze[299].
Sind auch manche Einzelheiten seiner Untersuchung durch spätere
Forscher widerlegt oder anders gedeutet worden, so waren *Dutrochets*
Ergebnisse doch in mehrfacher Hinsicht grundlegend. Einmal beseitigte
er den Irrtum, daß zwischen den Bewegungen der Pflanzen und der Tiere
ein grundsätzlicher Unterschied vorhanden sei. Noch *Lamarck* hatte
behauptet, die Bewegungen der Pflanzen beständen in einer Beugung
der Gelenke, und dieser Vorgang werde dadurch hervorgerufen, daß die
Pflanze durch Verdunstung Flüssigkeit verliere.
Daß ein solcher Vorgang für die Sinnpflanze nicht in Betracht kommt,
bewies *Dutrochet*, indem er die Pflanze ganz in Wasser tauchte und
zeigte, daß ihre Blätter, obgleich jede Verdunstung ausgeschlossen ist,
sich unter dem Einfluß von Stoß oder Berührung ebenso bewegen wie in
der Luft.
Als *Dutrochet* seine Untersuchungen anstellte, bestand allgemein die
Ansicht, daß Reizbarkeit, d. h. die Fähigkeit eine Bewegung so oft zu
wiederholen wie der auslösende Reiz wirkt, ein spezifisches Merkmal
des tierischen Lebens sei und daß eine Pflanze eine Bewegung nicht
zu wiederholten Malen auszuführen vermöge. Diese Meinung widerlegte
*Dutrochet* durch den Nachweis, daß es sich bei der Reizbarkeit der
Tiere und der Pflanzen nicht um qualitative Unterschiede, sondern
nur um eine Verschiedenheit in dem zeitlichen Ablauf der Bewegungen
handle. Während bei den Tieren die Krümmung und die Streckung eines
Organes meist rasch vor sich gehen und bald aufeinander folgen, handelt
es sich bei den Reizbewegungen der Pflanze, wie *Dutrochet* zeigte,
um gleichartige, aber meist sehr langsam und daher unauffällig sich
abspielende Vorgänge.
In methodischer Hinsicht sind die Forschungen *Dutrochets* vor allem
dadurch mustergültig, daß mit ihnen die zielbewußte Verknüpfung der
anatomischen Untersuchung mit dem physiologischen Experiment beginnt.
Wie *Dutrochet* diese Aufgabe löste, zeigen vor allem seine Arbeiten
über die Anatomie der Mimose. Besondere Schwierigkeiten erwuchsen
ihm daraus, daß die durch *Malpighi* und *Grew* begründete Anatomie
der Pflanzen lange Zeit brach gelegen hatte und erst kurz vorher
durch *Link* und *Treviranus* zu neuem Leben erweckt worden war[300].
*Dutrochet* war daher gezwungen, sich zunächst mit der Klarstellung
mancher anatomischen Einzelheiten zu befassen. Hierdurch gelangte
er zu einigen Ergebnissen von allgemeinster Bedeutung. So führte
*Dutrochets* Untersuchung zu einer grundsätzlich neuen Auffassung des
Zellgewebes. Von der Begründung der Pflanzenanatomie bis zu ihrer
Erneuerung in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts hatte man
das Zellgewebe mit dem Schaum einer gärenden Flüssigkeit oder mit
einer Bienenwabe verglichen. Das heißt, man hatte angenommen, daß die
Zellen kleine, durch eine gemeinsame Wand getrennte Fächer seien. Man
hatte ferner die Hauptaufgabe der Anatomie in der Feststellung der
Formeigentümlichkeiten dieses festen Zellgerüstes erblickt und sich
um den Inhalt der Zellen wenig gekümmert. *Dutrochet* gelang es, das
Zellgewebe in seine Elemente aufzulösen und darzutun, daß es sich
bei den Zellen um allseitig geschlossene Bläschen handelt, die sie
trennenden Membrane also nicht einfach, sondern doppelt sind.
Dieser Nachweis gelang dadurch, daß *Dutrochet* wohl als einer der
ersten die Hilfsmittel der Chemie auf die Mikroskopie anwandte.
Er brachte das zu untersuchende Zellgewebe in ein Gläschen mit
Salpetersäure und tauchte dieses Gläschen in siedendes Wasser. Auf
diese Weise gelang es, die Zellen durch Auflösung der sie verkittenden
Interzellularsubstanz voneinander zu trennen, ohne das Gewebe völlig
zu zerstören. *Dutrochet* wies auch schon darauf hin, daß eine
bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen dem Aufbau des Pflanzengewebes und
der Struktur mancher tierischen Organe bestehe. Er wurde dadurch wie
*Purkinje*[301] zu einem Vorläufer *Schwanns*, dem der Nachweis einer
weitgehenden Übereinstimmung in dem mikroskopischen Aufbau des Tier-
und Pflanzenkörpers vorbehalten blieb[302].
[Illustration: Abb. 32. Untersuchungen über die Reizbarkeit der
Sinnpflanze.]
Bei der Untersuchung der Sinnpflanze richtete sich *Dutrochets*
Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Anschwellungen oder Polster, die
sich an der Anheftungsstelle jedes Blattstiels und jedes Fiederchens
befinden (Abb. 32 c). Diese Polster erkannte *Dutrochet* als den
Sitz des Bewegungsvermögens. Das Mikroskop ließ ihn erkennen, daß die
Polster aus einer starken Entwicklung des Rindenparenchyms hervorgehen.
Machte er einen Einschnitt in das Polster, so floß augenblicklich
ein Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit aus. Wurde das Polster
der Länge nach geteilt, und zerlegte man die so erhaltenen Hälften
durch Querschnitte in halbkreisförmige Stücke, so krümmten sich diese
sofort zum Kreise. Die Zusammenfassung dieser Erscheinungen legte
schon *Dutrochet* die Vermutung nahe, daß es sich bei der Bewegung
der Mimose um eine Spannung des Rindengewebes gegenüber dem mittleren
Teil des Polsters und um eine in dem Turgor der durch reichliche
Flüssigkeitsmengen angeschwollenen Zellen bestehende Kraft handelt.
Auch die Erscheinung, daß sich der Reiz fortpflanzt, so daß es
genügt, nur ein Fiederchen des Mimosenblattes zu berühren, um nach und
nach alle in Bewegung zu setzen, suchte *Dutrochet* durch sinnreiche
Versuche zu enträtseln. Wenn hier auch erst fünfzig Jahre später die
Untersuchungen *Pfeffers* Klarheit brachten, so ist das allgemeine
Ergebnis, daß in der Pflanze Vorgänge stattfinden, die mit der
Nerventätigkeit des Tieres in Parallele zu stellen sind und deshalb
von *Dutrochet* als Nervimotion der Pflanze bezeichnet wurden, doch
höchst wertvoll gewesen. Ohne den Zellinhalt, um den man sich bis dahin
überhaupt kaum bekümmert hatte, genauer zu kennen, verlegte *Dutrochet*
den Sitz der Nervimotion in diesen Inhalt und traf auch hiermit das
Richtige.
Tiefer in den Kraft- und Stoffwechsel des pflanzlichen Lebens
einzudringen, als *Dutrochet* es vermochte, war erst möglich, nachdem
man in den vierziger und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit dem
protoplasmatischen Inhalt der Zelle, seinem Verhältnis zur Zellwand
und zu allen auf ihn wirkenden chemischen und physikalischen Reizen
näher bekannt geworden war. Erst nachdem dies geschehen, vermochten
es Männer wie *Brücke* und *Pfeffer*, sich dem von *Dutrochet* in
Angriff genommenen Probleme mit der Aussicht auf neue, größere Erfolge
zuzuwenden.
Erwähnt sei noch, daß *Dutrochet* die zuerst von *Knight*[303]
untersuchten Richtungsbewegungen, wie den Geotropismus und den
Heliotropismus, als Reizwirkungen auffassen lehrte. Es handelt sich
nach *Dutrochet* bei diesen Erscheinungen nicht darum, daß den
Pflanzenteilen Bewegungen durch äußere Kräfte gleichsam aufgedrängt
werden. Solche Kräfte wirken vielmehr nur als äußere Faktoren oder
Reize, welche die innere Lebenstätigkeit der Pflanze auslösen.
Bahnbrechend für die weitere Erforschung der Reizbewegungen waren die
Untersuchungen[304] des soeben erwähnten deutschen Physiologen *Ernst
Brücke*[305].
Die merkwürdigen Bewegungen der Sinnpflanze oder Mimosa pudica hatten
schon im 18. Jahrhundert Untersuchungen veranlaßt. *Dutrochet*
hatte, wie wir sahen, gefunden, daß die Gelenkwülste (Abb. 32 c)
die Bewegungsorgane sind. Er hatte auch bemerkt, daß die Stiele
und Blättchen nicht bewegt werden, indem die untere Hälfte des
Wulstes sich etwa nach Art eines Muskels zusammenzieht. Während die
tierische Irritabilität eine ausschließliche Eigenschaft der Muskeln
ist, stand soviel fest, daß kein Teil im Organismus der Pflanze als
Muskel bezeichnet werden kann. »Offenbar«, sagt *Brücke*, »kann
es nicht genügen, daß man die untere Wulsthälfte mit einem Muskel
vergleicht, denn es fehlt uns für einen solchen Vergleich sowohl in
morphologischer als in physiologischer Hinsicht jeder Anhaltspunkt«.
Die untere Wulsthälfte ist, wie *Brücke* zeigte, jedoch reizbar.
War die untere Wulsthälfte nicht mehr vorhanden, so bekam *Brücke*
durch die Einwirkung von Reizmitteln keine Veränderung mehr. Auch bei
den Blattstielen zweiter Ordnung, die sich auf Reize hin gegen die
verlängerte Achse des Blattstiels erster Ordnung bewegen (s. Abb. 32),
erwies sich als die reizbare Seite diejenige, nach welcher hin die
Bewegung erfolgt.
Über die Mechanik dieser Bewegungen sollte eine zufällige Beobachtung
den ersten Fingerzeig geben. Bei der Reizung färbte sich nämlich die
untere Wulsthälfte dunkel. *Brücke* wies nach, daß dieses Dunkelwerden
darauf zurückzuführen ist, daß aus den Zellen, welche die untere
Wulsthälfte bilden, bei der Reizung plötzlich Pflanzensaft austritt,
der sich in die vorher mit Luft gefüllten Interzellularräume ergießt.
Die durch plötzliche Abnahme der Turgeszenz hervorgerufene Erschlaffung
des Zellgewebes, das die reizbare Hälfte bildet, ist danach allein die
Ursache der eintretenden Krümmung. Die untere Wulsthälfte ist, wie
*Brücke* erkannte, mit einer großen Menge von geschlossenen Schläuchen
zu vergleichen, welche biegsame Wände besitzen und strotzend mit
Flüssigkeit gefüllt (turgeszent) sind. Diese Schläuche liegen in einer
gemeinsamen Hülle, der Rinde nämlich. Das Ganze wird eine gewisse
Gestalt annehmen und einer äußeren Gewalt, die ihm eine Formänderung
zu geben sucht, einen gewissen Widerstand entgegensetzen. Lassen die
turgeszenten Zellen oder die Schläuche, um in dem Bilde zu bleiben,
plötzlich Flüssigkeit aus sich heraus und in die Zwischenräume treten,
wo sie keinen Druck oder Turgor mehr ausübt, so wird mit der Änderung
der Spannung eine Formveränderung eintreten, welche andauert, bis
zwischen den wirkenden Kräften wieder ein Gleichgewichtszustand
vorhanden ist.
Auf ähnliche mechanische Ursachen führte *Brücke* auch die
Fortpflanzung des Reizes zurück, die sich an der Mimosa beobachten
läßt. Durch Diffusionsversuche war er darauf aufmerksam geworden, daß
bei einem gegebenen Druck Wasser durch die Zellwand viel leichter
hindurchtritt, wenn auf beiden Seiten der Wand Wasser ist, als wenn
sich auf der einen Seite Luft befindet. Dies bot den Schlüssel zum
Verständnis dar. Sind nämlich die einzelnen Zellen strotzend mit Saft
gefüllt, und veranlaßt ein leiser Druck, daß aus irgend einer Zelle
etwas Saft austritt und in die Interzellularräume fließt, so kann
dieser Saft, indem er die angrenzenden Zellwände benetzt, Veranlassung
geben, daß aus den angrenzenden Zellen ebenfalls Saft austritt. Da
die Interzellularräume zusammenhängen, so kann dieser Vorgang sich
rasch fortpflanzen und einen neuen Gleichgewichtszustand des ganzen
Pflanzengewebes herbeiführen.
Durch diese Untersuchung *Brückes* war zwar nicht das letzte Wort
über die Mechanik der Reizbewegungen gesprochen. Man ersieht aber aus
dem Einblick in den von *Brücke* eingeschlagenen Weg, daß hier eine
Arbeit vorliegt, die es wegen der ganzen Art des Verfahrens und der
Wichtigkeit der erlangten Ergebnisse wohl verdient, als ein »Glanzpunkt
in der Entwicklung der Phytodynamik« bezeichnet zu werden[306]. Sie
ist die Grundlage und das Muster für viele später auf diesem Gebiete
geführte Untersuchungen gewesen.
In einer zweiten pflanzenphysiologischen Arbeit[307] befaßte sich
*Brücke* mit der alten, zuerst von *Stephan Hales* behandelten Frage,
durch welche Kraft das Wasser aus der Erde bis in die Wipfel der Bäume
emporgetrieben wird, und welches die Wege sind, die es hierbei durch
die Wurzeln, den Stamm und die Äste nimmt. Das wichtige Ergebnis
seiner Untersuchung bestand in dem Nachweis, daß nicht die Gefäße,
wie man bis dahin meist angenommen hatte, sondern die lebenden Zellen
den Blutungsdruck erzeugen. Er fand nämlich im Frühling, kurz vor
dem Beginn des Blutens, alle Zellen mit Flüssigkeit durchtränkt,
die Spiralröhren bis in die Wurzel hinunter jedoch leer, d. h. nur
mit Luft gefüllt. »Diese Tatsache«, bemerkt *Brücke*, »schließt von
vornherein jede Hypothese über das primäre Aufsteigen des Saftes
in den Spiralröhren aus«. Es zeigte sich vielmehr, daß der Saft
aus den Zellen in die Spiralröhren übergeht und zwar erst, nachdem
sich sämtliche Zellen des Stockes gefüllt haben. Die Frage, ob die
Spiralröhren den Saft aus den Zellen *aufsaugen* oder ob er aus den
Zellen in die Spiralröhren *gepreßt* wird, entschied *Brücke* im
letzteren Sinne. Die einzige, den Spiralröhren innewohnende Kraft
sei die Haarröhrchenanziehung (die Kapillarattraktion). Durch sie
könne aber der Übergang des Saftes in die Spiralröhren nicht erklärt
werden, da letztere einen weit größeren Durchmesser als die Zellen
aufweisen. Wer daher meine, daß die Spiralröhren den Zellen das Wasser
durch Kapillarattraktion entzögen, verlange nichts anderes, als daß in
einem Vförmigen Kapillarrohr mit ungleich weiten Schenkeln das Wasser
in dem weiteren Schenkel höher als in dem engeren stehe, also eine
physikalische Unmöglichkeit.
Zu einem abschließenden Ergebnis über die Mechanik des Saftsteigens
ist *Brücke* indessen keineswegs gelangt. Er hat neben einigen
Richtigstellungen vor allem das Verdienst, diese Frage von
neuem in Fluß gebracht zu haben, eine Frage, deren Lösung für
die Pflanzenphysiologie ebenso wichtig sein mußte wie für die
Tierphysiologie die Mechanik der Blut- und Lymphbewegung.
Aus den Untersuchungen *Brückes* und verwandter Forscher ging immer
deutlicher hervor, daß in dem protoplasmatischen Inhalt der Zelle die
unmittelbare Grundlage alles pflanzlichen und tierischen Lebens gegeben
ist. Dieses wichtige Ergebnis fand seinen zutreffendsten Ausdruck in
*Brückes* berühmter Abhandlung über die Elementarorganismen, ein Wort,
das *Brücke* prägte, um die Zellen als organisierte Einheiten des
Gesamtlebewesens zu kennzeichnen[308].
Als die wesentlichsten Bestandteile der Zelle hatte *Schwann* die
Membran, das Protoplasma, den Kern und das Kernkörperchen hingestellt.
Als man dieses Schema auf alle Zellen anwenden wollte, stellten
sich jedoch Schwierigkeiten heraus. So erkannte man, daß die Membran
durchaus kein notwendiger Bestandteil der Zelle ist. Eine Membran,
sagt *Brücke*, kommt der Zelle in ihrer ersten Jugend wahrscheinlich
allgemein nicht zu, sondern sie ist, wo sie sich findet, erst später
durch einen allmählichen Verdichtungs- und Erhärtungsprozeß entstanden.
Auch den Kern dürfe man nicht als wesentlichen Bestandteil in das
Schema aufnehmen. Dagegen sei der Zellinhalt, das Protoplasma, der
eigentliche Leib der Zelle, an dem sich die Lebenserscheinungen
abspielen. Als man zuerst auf das Protoplasma aufmerksam wurde, hatte
man es dem äußeren Anschein gemäß für eine strukturlose, eiweißartige
Masse gehalten. Das Studium der am Protoplasma sich abspielenden
Lebenserscheinungen ließ indessen eine solche Auffassung als unzulässig
erkennen. Da man Erscheinungen, wie sie das Protoplasma zeigt,
am Eiweiß als solchem durchaus nicht wahrnimmt, so mußte man der
lebenden Zelle außer der Molekularstruktur der sie zusammensetzenden
organischen Verbindungen noch eine andere Struktur zuschreiben,
die *Brücke* als die Organisation des Protoplasmas bezeichnete.
Die an sich schon sehr zusammengesetzten Moleküle der organischen
Verbindungen sind in der lebenden Zelle nach *Brücke* nicht ohne eine
bestimmte Anordnung, sondern sie erscheinen als die Werkstücke, die
zum lebendigen Bau des Zellenleibes kunstreich zusammengefügt sind.
Die Pflanzenzelle zeigte sich mithin, wenn auch der unmittelbare
Aufschluß durch das Mikroskop noch fehlte, nicht minder kunstvoll
gebaut als die aus ihnen zusammengefügte, ganze Pflanze. »Dies
Bewußtsein«, sagt *Brücke*, »müssen wir nicht allein zur Untersuchung
der kleinsten Tiere mitbringen, sondern auch zur Untersuchung der
tierischen und pflanzlichen Zellen. Wir müssen in der Zelle immer einen
kleinen Leib sehen und dürfen die Analogien, die zwischen der Zelle
und den kleinsten Tierformen bestehen, nie aus den Augen lassen.«
*Brückes* Ausführungen haben den neueren Forschungen über das Wesen
der Zelle Ziel und Richtung gegeben, so daß seine Abhandlung über
die Elementarorganismen mit Recht als das Programm für die neuere
Zellforschung[309] bezeichnet werden konnte.
In gleichem Maße wie die Botanik wurde die Zoologie von der
experimentellen Forschungsweise durchdrungen. Unter den Männern, die um
die Mitte des 19. Jahrhunderts diese Forschungsweise auf das Studium
des tierischen Organismus angewandt haben, ist in erster Linie *Weber*
zu nennen.
*Ernst Heinrich Weber* wurde 1795 in Wittenberg geboren. Er lehrte
als Professor der Anatomie und der Physiologie in Leipzig, wo er 1878
starb. *Ernst Heinrich Weber* war der Bruder des als Physiker und
Mitarbeiter von *Gauß* bekannten *Wilhelm Weber*. Letzterer und der
ältere Bruder *Ernst Heinrich* schufen zunächst eine grundlegende
physikalische Arbeit in dem Werke: Die Wellenlehre auf Experimente
gegründet[310]. Während *Wilhelm* sich auch in seinen späteren
Forschungen auf die Physik beschränkte, ließ es sich *Ernst Heinrich*
angelegen sein, diese Wissenschaft in ihren Ergebnissen und in
ihrem Verfahren auf das Gebiet der Physiologie anzuwenden. Wohl der
glänzendste unter seinen in dieser Richtung abzielenden Versuchen ist
*E. H. Webers* Abhandlung: Über die Anwendung der Wellenlehre auf die
Lehre vom Kreislauf des Blutes, insbesondere auf die Pulslehre[311].
*Weber* hat zuerst eingehend begründet, daß bei der Blutbewegung
zwei Vorgänge scharf unterschieden werden müssen, nämlich die nur
langsam vor sich gehende Strömung des Blutes und die Fortbewegung
der Pulswelle, die sich mit solcher Geschwindigkeit fortpflanzt, daß
frühere Beobachter glaubten, der Pulsschlag trete in allen Teilen
des Arteriensystems gleichzeitig auf. *Weber* dagegen stellte schon
1827 fest, daß die in den Arterien erregten Wellen zwar eine sehr
kurze, aber noch wahrnehmbare Zeit beanspruchen, um sich durch das
Arteriensystem auszubreiten. Seine Versuche ergaben, daß das Anschlagen
der Pulswelle in der äußeren Kieferarterie an der Stelle, wo sie an die
untere Kinnlade gedrückt werden kann, etwa 1/7 Sekunde früher gefühlt
wird als das Anschlagen in dem über den Fußrücken laufenden Zweig der
Schienbeinschlagader. Da der Wegunterschied, um den es sich hierbei
handelt, 132 cm beträgt und dieser in 1/7 Sekunde durchlaufen wird, so
ergab sich für die Geschwindigkeit der Pulswelle im Körper des Menschen
ein Wert von 9,24 Metern.
Es galt nun, diese Beobachtung durch rein physikalische, dem im
Organismus sich abspielenden Vorgang in seinen Bedingungen möglichst
entsprechende Versuche nachzuprüfen. Dies geschah, indem *Weber* die
Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Welle in einem mit Flüssigkeit
gefüllten, elastischen Rohre maß. Das Ergebnis belief sich auf 11,26
Meter in der Sekunde, während nach der von *Weber* und seinem Bruder
entwickelten Theorie die Rechnung den Wert von 10,15 Metern ergeben
hatte.
Für die Pulswelle kommen zwei Umstände in Betracht, die bei dem Gang
der Untersuchung in Rücksicht gezogen werden mußten. Einmal ist die
Flüssigkeit, um die es sich hier handelt, nicht nur inkompressibel,
sondern gleichzeitig in Strömung begriffen. Ferner steht sie unter
einem erheblichen Drucke, wie schon *Hales*[312] durch seine Versuche
am Pferde dargetan hatte.
Zunächst wurde der Druck variiert, indem *Weber* die in einer
Kautschukrohre befindliche Flüssigkeit einmal dem verschwindend
kleinen Druck einer 8 mm hohen Wassersäule, das zweite Mal dem Drucke
einer 3500 mm hohen Säule aussetzte und jedesmal die Geschwindigkeit
der Wellenbewegung maß. Die Spannung war beim zweiten Versuche so
bedeutend, daß sich der Durchmesser der Kautschukrohre von 35,5 mm auf
41 mm vergrößerte. Trotz dieser Verschiedenheit des Druckes ergab sich
kaum ein Unterschied in der Geschwindigkeit der Wellenbewegung[313].
Benutzte *Weber* an Stelle der Kautschukrohre einen gerade gelegten,
durch geringen Druck gespannten Dünndarm, so wurde es *Weber* möglich,
derartige Wellen unmittelbar zu verfolgen und die ihnen zukommenden
Erscheinungen, wie z. B. die Reflexion der Wellen an dem geschlossenen,
unbeweglichen Ende des Darmes zu beobachten.
Endlich richtete *Weber* seine Versuche den im Körper obwaltenden
Verhältnissen entsprechend so ein, daß er den Schlauch in sich selbst
zurückleitete und mit einem das Herz vorstellenden Pumpwerk versah,
so daß ein vereinfachter Kreislauf hergestellt wurde, durch den viele
Erscheinungen des Blutkreislaufs veranschaulicht werden konnten.
*Webers* Versuchsanordnung wird durch nachstehende Abbildung 33
erläutert.
[Illustration: Abb. 33. Webers Modell zur Erläuterung der
Wellenbewegung im Blute[314].]
Das Stück Dünndarm h vertritt die Stelle der linken Hauptkammer.
Es wird an seinem Eingange b und an seinem Ausgange g mit Ventilen
versehen, welche den betreffenden Herzventilen entsprechend gebaut
sind. Das arterielle System wird durch *aa'*, das venöse durch *vv'*
dargestellt. An Stelle der Kapillargefäße wirkt der poröse, zwischen
a' und v' eingeklemmte Schwamm c. Durch l wird der Apparat mit Wasser
gefüllt und dann geschlossen. Drückt man bei v den Darm zusammen, so
leistet v den Dienst der Vorkammer und h denjenigen der Herzkammer.
Eine besondere Vorkammer ist in dem Modell nicht nötig, weil sich
zwischen der Vorkammer und den Venen kein Ventil befindet. Beim
Zusammendrücken von h schließt sich das Ventil bei b und hindert
die Flüssigkeit nach v auszuweichen. Sie wird daher durch g nach a
gedrängt. Da *aa'* eine dehnbare, elastische Röhre ist, findet sie hier
Platz. Daß die Spannung die Flüssigkeit nach h zurücktreibt, verhindert
das Ventil bei g. Wäre die Röhre *aa' v'v* überall gleich weit, so
würde in ihr überall der gleiche Druck herrschen. Wird aber die Röhre
bei c durch einen Schwamm verstopft, der die Kapillargefäße vorstellt,
so kann die Flüssigkeit dort infolge der Reibung nicht schnell genug
hindurchdringen. Die von a kommende Wellenbewegung wird daher in c
reflektiert. Dasselbe geschieht im Menschen durch die Kapillargefäße,
so daß man in den Venen den Puls nicht mehr wahrnehmen kann. Geschieht
in h die Zusammenziehung in rascher Folge, so findet im Abschnitt
*aa'* eine Ansammlung der Flüssigkeit und eine Steigerung des Druckes
statt. Es nimmt nämlich die Menge der Flüssigkeit in *aa'* (dem
arteriellen Teil des Gefäßsystems entsprechender Abschnitt des Rohres)
so lange zu und in *vv'* (den Venen entsprechend) so lange ab, bis der
Unterschied des Druckes in *aa'* und *vv'* so groß ist, daß von einem
Zusammenpressen bei h (Herz) bis zum andern gerade so viel Flüssigkeit
durch die Poren des Schwammes (Kapillargefäße) dringt, als von h nach
a getrieben wird. Ist dieser Beharrungszustand eingetreten, so ist der
Druck in *aa'* vielleicht 10mal größer als in *vv'*. In Übereinstimmung
mit diesen Versuchsergebnissen fand auch schon *Hales* den Blutdruck in
den Arterien 10-12mal so groß wie in den Venen[315].
Das Arteriensystem leistet infolge der Elastizität seiner gespannten
Gefäßwände, wie *Weber* sich ausdrückt, einen ähnlichen Dienst wie
der Windkessel in den Feuerspritzen. Durch den Überdruck, der in den
Arterien herrscht, wird nämlich ein ununterbrochenes Strömen des Blutes
durch die Haargefäße in die Venen[316] verursacht.
Wir haben bei diesen Versuchen etwas länger verweilt, weil sie ganz
besonders geeignet sind, einen Einblick in die Werkstatt und die
Arbeitsweise des modernen Physiologen zu gewähren. Durch *Webers*
Abhandlung haben die wichtigsten Fragen über die beim Blutkreislauf
sich abspielenden Vorgänge ihre Erledigung gefunden. Aus diesen
Gründen, vor allem aber wegen der meisterhaften Art der Darstellung und
der Zurückführung verwickelter Vorgänge auf einfachere Erscheinungen
ist *Webers* kleine Schrift zur Einführung in die neuere Physiologie
besonders geeignet.
Die Mechanik des Blutkreislaufes wurde zwar, wie wir soeben erfuhren,
durch *Webers* Untersuchungen in befriedigender Weise erklärt. Weit
schwieriger gestaltete sich indessen die mit dem Blutkreislauf in
engster Beziehung stehende Frage nach der absondernden Tätigkeit der
Drüsen. Den wichtigsten Versuch, hierüber durch das Hilfsmittel der
experimentellen Forschungsweise Klarheit zu gewinnen, verdanken wir
*Ludwig*[317].
Daß viele Drüsen nur unter der Wirkung der Nerven ihr Sekret absondern,
war bekannt. Diese Wirkung kann darin bestehen, daß der Nerv, der
zu der betreffenden Drüse in Beziehung steht, die Muskeln der in
ihr enthaltenen Gefäße zu Kontraktionen veranlaßt und dadurch den
Blutdruck vermehrt. Es wäre aber auch möglich, daß die Nerven nicht
durch die erwähnte Änderung der mechanischen Bedingungen die Sekretion
hervorrufen, sondern daß sie unmittelbar auf die sezernierenden
Elemente wirken, indem sie ihre chemischen Eigenschaften ändern.
Hierüber sollten die Versuche *Ludwigs* entscheiden.
Für diese Versuche wählte *Ludwig* die Unterkieferspeicheldrüse
(Glandula submaxillaris), welche gleich den übrigen Speichel
absondernden Organen (der Unterzungenspeicheldrüse und der
Ohrspeicheldrüse) paarweis vorhanden ist. Die Unterkieferspeicheldrüse
wurde gewählt, weil sie selbst und die für sie in Betracht kommenden
Nerven und Blutgefäße leicht freigelegt werden können. Auch ist
ihr Ausführungsgang selbst bei kleineren Tieren weit genug, um das
Einführen eines Quecksilbermanometers zu gestatten. Endlich liefert
diese Drüse in kurzer Zeit eine beträchtliche Menge ihres Sekrets.
Die Absonderung des letzteren erfolgt durch Nervenreiz. Und zwar
sind es Äste des vom Gehirn entspringenden dreigeteilten Nerven, des
Trigeminus, welche die Drüsentätigkeit hervorrufen.
*Ludwigs* Messungen erstreckten sich nun auf drei Vorgänge, deren
gegenseitige Abhängigkeit zu untersuchen war, auf die Nervenerregung,
den Blutdruck und die Sekretionskraft. Der Nerv wurde gereizt durch
den von *Du Bois Reymond* für physiologische Zwecke eingerichteten
Magnetinduktionsapparat[318]. Wenn auch kein absolutes Maß für die
Nervenerregung zur Verfügung stand, so ließ sich doch der erregende
Einfluß des Stromes durch Verstärkung desselben oder durch Einschalten
eines mehr oder minder großen Nervenstücks in den Stromkreis
variieren. Der Druck unter dem das Drüsensekret austritt, wurde nach
dem von *Hales* zur Bestimmung des Wurzeldruckes in die Wissenschaft
eingeführten Verfahren[319] mit Hilfe des Quecksilbermanometers
gemessen. Die Quecksilbersäule begann wenige Sekunden nach der ersten
Wirkung des Magnetinduktionsapparates zu steigen und erreichte oft
eine bedeutende Höhe. Gleichzeitig mit dem Absonderungsdruck wurde
der Blutdruck in den die Drüsen versorgenden Gefäßen mittelst einer
Meßröhre ermittelt.
Die Untersuchung bewies unzweifelhaft, daß die Kraftquelle, welche
den Speichel in die Drüsengänge hineintreibt, unter keinen Umständen
in der Kraft, welche das Blut bewegt, gesucht werden kann. Der
Sekretionsdruck steigt nämlich sehr schnell, während der Blutdruck in
der benachbarten Arteria carotis (Halsschlagader) fast unverändert
bleibt. Von Bedeutung für die Ermittlung und Darstellung derartiger
Versuchsergebnisse war das um jene Zeit immer mehr sich einbürgernde
Registrier- und Aufzeichnungsverfahren. Um die zu messenden Größen für
jedes Zeitteilchen zu registrieren, bediente sich *Ludwig* des von ihm
erfundenen Kymographions, eines Apparates, der die Höhe des Blutdrucks
mißt und aufzeichnet. Ein Beispiel möge uns zeigen, wie dieses
graphische Verfahren von *Ludwig* auf physiologische Versuche angewandt
wurde.
[Illustration: Abb. 34. *Ludwigs* graphische Darstellung des
Sekretionsdrucks und des Blutdruckes.]
Die Versuche wurden in der erläuterten Weise an einem Hunde angestellt.
Die Beobachtungszeit, welche in der graphischen Darstellung (Abbildung
34) auf der Abszisse abzulesen ist, betrug 52 Sekunden. Während dieser
Zeit erhob sich der Sekretionsdruck von 0 auf 190 mm Quecksilberdruck.
Er wird in der Abbildung durch die Kurve AAA dargestellt. Wir ersehen
aus der Zeichnung, daß nach Ablauf der halben Zeit der Sekretionsdruck
schon die Höhe des Blutdruckes erreicht hatte. Letzterer betrug von
geringen Schwankungen abgesehen (siehe die Kurve CCC) unverändert etwa
112 mm Quecksilberdruck. Der Sekretionsdruck erreichte mitunter den
doppelten Wert des gleichzeitig in der Halsschlagader herrschenden
Mitteldrucks.
Der Versuch wurde jetzt in der Weise abgeändert, daß während seiner
Dauer der Druck in einer aus der Speicheldrüse kommenden Vene
gemessen, im übrigen aber alle früheren Bedingungen eingehalten wurden.
Das Ergebnis war das gleiche. Der Absonderungsdruck stieg bei schwacher
Erregung der Nerven auf 85, bei starker auf 125 mm, während der Druck
in der Vene ohne alle Schwankungen während der ganzen Dauer des
Versuches 12 mm betrug.
Ihren Abschluß fanden diese Versuche durch den Nachweis, daß die
Speichelabsonderung durch Reizung des Nerven auch nach dem Aufhören des
Blutkreislaufes bei vollkommenem Stillstand des Herzens hervorgerufen
werden kann. Damit war die ältere Filtrationstheorie, welche annahm,
daß infolge einer Erhöhung des Blutdruckes durch eine Art von
Filtration das Sekret aus dem Drüsengewebe in die Kanäle übertrete,
widerlegt.
Daß es sich bei der Speichelabsonderung nicht um eine beim Kauen
vor sich gehende Auspressung des Sekretes handeln kann, wurde durch
die Beobachtung widerlegt, daß mitunter während einer Reizung in
ununterbrochenem Strome eine Speichelmenge abgesondert wird, die an
Volumen die Speicheldrüse selbst um das Vierfache übertrifft[320].
Wenn wir uns diese Reihe von glänzenden Versuchen und das von *Ludwig*
in die Physiologie eingeführte graphische Verfahren noch einmal
vergegenwärtigen, wird uns das Unzutreffende recht offenbar, das in
dem Worte *Goethes* liegt: »Was die Natur dem Geist nicht offenbaren
mag, das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben«. Es
ist eben ein Wort, das unter dem Einfluß der extremen Richtung der
älteren Naturphilosophie entstanden war, einer Richtung, in deren
Überwindung gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts der Fortschritt
der Naturwissenschaft und einer mit ihr verbundenen, echten
Naturphilosophie liegt, wie sie sich heute immer mehr, gestützt durch
die aus der Geschichte der Naturwissenschaft entnommenen Lehren,
emporringt. *Ludwigs* Arbeit, durch welche die unmittelbare Einwirkung
der Nerventätigkeit auf die Sekretion nachgewiesen wurde und deren
für dieses Gebiet grundlegendes Studium durch die Herausgabe in
der *Ostwald*schen Sammlung erleichtert ist, fand ihre Fortsetzung
besonders durch *Claude Bernard* (1813 bis 1878). Letzterer untersuchte
den Einfluß der Nerven auf die die übrigen Verdauungssäfte in den
Magen und den Darm abscheidenden Drüsen. Dabei entdeckte er, daß die
Leber auch Zucker bildet, und daß die abnorm gesteigerte Zuckerbildung
dieses Organs, die Harnruhr oder Diabetes, durch die Verletzung eines
bestimmten Teils des Nervensystems, nämlich des vierten Hirnventrikels
(Zuckerstich) hervorgerufen werden kann.
Außer den erwähnten Untersuchungen von allgemeinster Bedeutung über den
Blutkreislauf und die Bildung der Sekrete wurde die Physiologie durch
manche Arbeit über vereinzelt vorkommende Erscheinungen gefördert.
Hierher gehört vor allem eine Arbeit des auch auf dem Gebiete der
Pflanzenphysiologie so hochverdienten *Brücke*[321]. Sie handelt von
dem Farbenwechsel des Chamäleons[322].
Die merkwürdige Erscheinung, welche dieses Tier darbietet, hatte
zahlreiche Forscher von *Aristoteles* an beschäftigt und die einander
widersprechendsten Meinungen hervorgerufen, so daß eine mit den
Hilfsmitteln der neueren Physiologie am lebenden Material ausgeführte
Untersuchung sehr erwünscht erschien. Dieser unterzog sich denn auch
*Brücke*.
*Aristoteles* hatte nur das Aufblähen und den Tod als Ursachen des
Farbenwechsels angeführt[323]. *Plinius* dagegen war der Ansicht,
das Chamäleon ändere seine Farbe in der Weise, daß es die Farbe der
Umgebung annehme[324]. Er scheint damit die damals herrschende Meinung
wiedergegeben zu haben. Nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften hat
zuerst ausführlich über den Farbenwechsel des Chamäleons *Kircher*
(1601-1680) in seiner Schrift über Licht und Schatten berichtet[325].
*Kircher* schildert das Verhalten auf Grund eigener Beobachtungen.
Er brachte das Tier auf verschiedenfarbige Tücher und fand, daß
es jedesmal seine Hautfarbe der Farbe des betreffenden Tuches
anzupassen wußte. Nach *Kirchers* Meinung ist dieses Verhalten der
sicherste Schutz des nur langsamen und scheuen Geschöpfes gegen die
Nachstellungen seiner Feinde. Hinsichtlich der neueren Literatur
über diesen Gegenstand sei auf *Brückes* Arbeit hingewiesen, deren
wichtigste Ergebnisse hier kurz skizziert werden sollen.
An den ihm zur Verfügung stehenden Tieren fand *Brücke* alle Farben von
Orange bis zum Blaugrün vertreten. Jede dieser Farben vermochte durch
Braun in Schwarz überzugehen. Auch Weiß und Grau kamen vor.
*Brücke* zeigte nun zunächst durch eine eindringende, histologische und
physikalische Untersuchung, wie diese Farben zustande kommen und wies
gleichzeitig darauf hin, daß die ganze Erscheinung durchaus nicht so
vereinzelt dasteht, wie man früher glaubte. Alle Tiergruppen, besonders
die Seetiere, bieten, wie *Brücke* hervorhob, zahlreiche bisher nicht
untersuchte Farbenerscheinungen. Ja, das Tierreich enthalte einen
Reichtum an optischen Phänomenen ähnlich demjenigen, den das Polariskop
im Mineralreich erschlossen habe. Diese Farben kommen durch Interferenz
oder durch die verschiedenartige Stellung, welche Pigmentschichten
durch Superposition oder Juxtaposition zueinander einnehmen oder
endlich, wie es beim Chamäleon der Fall ist, aus beiden Ursachen
zustande.
*Brücke* fand nämlich in der Oberhaut des Chamäleons eine Schicht
polygonaler Zellen, welche lebhafte Interferenzfarben zeigen. Diese
Farben werden nach dem bekannten Prinzip der dünnen Blättchen erzeugt,
während die Interferenzfarben auf den Schuppen der Schmetterlinge und
den Schildern der Schlange durch feine parallele Leisten wie die Farben
der irisierenden Knöpfe hervorgerufen werden. Die Leisten haben z. B.
bei den Bandschildern der Ringelnatter einen Abstand von nur 0,0007
Millimetern. Unter der irisierenden Schicht, welche in der Oberhaut des
Chamäleons liegt, befinden sich in der eigentlichen Haut (der Cutis)
dieses Tieres zwei Pigmentschichten. Zunächst begegnet uns ein helles
Pigment von blaßgelber bis orangeroter Farbe. Dann folgt in größerer
Tiefe ein schwarzes Pigment, das in verzweigten Zellen unter, z. T.
auch in der Masse des hellen Pigmentes liegt. Dadurch, daß dieses
schwarze Pigment die Fähigkeit besitzt, bald an die Oberfläche zu
kommen, bald in die Tiefe zurückzugehen, wird, wie *Brücke* dargetan
hat, der merkwürdige Farbenwechsel der Haut hervorgerufen. Ähnlich
entsteht auch die blaue Farbe des Auges. »Die Iris des schönsten
blauen Auges«, sagt *Brücke*[326], »enthält keine Spur von einem
blauen Pigment. Ihre Farbe rührt lediglich davon her, daß ihr
durchscheinendes Gewebe vor einer schwarzen Pigmentschicht (in der
Aderhaut gelegen) ausgebreitet ist. Sobald man diese Schicht entfernt,
verschwindet auch das Blau. Nach demselben Prinzip werden sehr häufig
blaue und grüne Tinten bei Eidechsen und Schlangen erzeugt«.
Betrachtet man eine Hautstelle des Chamäleons, so wird diese Stelle
hell erscheinen, wenn das schwarze Pigment soweit zurückgezogen ist,
daß die darüber befindliche Schicht kein Licht mehr durchläßt. Nähert
sich das dunkle Pigment der Oberfläche, so geht die helle Farbe in
Blaugrau und endlich in Violettgrau über.
Nachdem *Brücke* auf solche Weise gezeigt, wie die verschiedenen Farben
zustande kommen, blieb noch die Ermittlung der den Farbenwechsel
hervorrufenden Umstände übrig. *Brückes* Versuche nach dieser Richtung
ergaben, daß unter den Einflüssen, welche den Farbenwechsel bewirken,
vor allem das Licht in Betracht kommt. In einen dunklen Raum gebracht,
wurden die Tiere bald hell. Den höchsten Grad von Dunkelheit erreichten
sie, wenn sie sich behaglich sonnten. Wurde ihnen dabei ein Halsband
von Stanniol umgelegt, so hatte sich darunter nach einigen Minuten ein
heller Streif gebildet.
Die Frage, ob etwa die erwärmende Kraft des Lichtes hierbei eine
Rolle spielt, mußte verneint werden. Die Farbenänderung wurde nämlich
schon durch das Licht einer Kerze bewirkt, während der Aufenthalt in
einem auf 33° erhitzten, vor Licht geschützten Brutofen auf diese
Änderung keinen Einfluß hatte. Ja, bei Kerzenlicht färbte sich die
Haut des Tieres sogar dunkler, wenn letzteres schlief. In diesem
Falle handelt es sich also offenbar um eine reine Reflexbewegung.
Doch ist der Farbenwechsel auch der Willkür des Tieres unterworfen.
Selbst vergiftete Tiere ließen während des Todeskampfes den Einfluß
des Lichtes auf die Farbe noch deutlich erkennen. Eine ähnliche
Reflextätigkeit läßt sich an den Augen beobachten, indem eine Reizung
des Sehnerven eine Zusammenziehung der die Pupille verengenden
Muskelfasern des Sphincter pupillae auslöst.
Eine merkwürdige Beobachtung machte *Brücke*, als er an Stelle des
Lichtes die Elektrizität als Reizmittel auf die Haut des Chamäleons
wirken ließ. Unter der Einwirkung der Elektrizität wurden nämlich
dunkle Stellen hell, während die hellen keine Veränderung erlitten.
Daraus ließ sich ganz gegen alle Erwartung nur schließen, daß derjenige
Zustand, bei welchem das dunkle Pigment bis unter die Epidermis
reicht, der passive und derjenige, bei dem es in der Tiefe verborgen
und das Tier infolgedessen hell ist, der aktive Zustand ist. Im Grunde
genommen löste also nicht das Licht, sondern die Abwesenheit von Licht,
die Dunkelheit, die Reflexbewegung aus. Um hierfür noch einen weiteren
Beweis zu liefern, zerstörte *Brücke* bei einigen Versuchstieren den
Sitz der Reflexbewegung, das Rückenmark, dann mußte der passive Zustand
eintreten, und wirklich zeigte es sich, daß dies derjenige ist, bei
welchem das dunkle Pigment aus der Tiefe emporsteigt und die Haut
schwarz erscheinen läßt. Als nämlich *Brücke* bei einem Chamäleon das
Rückenmark zerstörte, wurde es sofort ganz schwarz. Tötete er das Tier
dagegen, indem er das Herz herausschnitt, so wurde die Haut erst nach
und nach schwarz, weil in diesem Falle die Tätigkeit des Rückenmarks
allmählich erlosch[327].
Auch diese Arbeit zeigt uns, wie erst das induktive Verfahren
biologische Erscheinungen, die für Jahrtausende Rätsel waren,
aufzuhellen vermocht hat. Schon *Brücke* sprach die Hoffnung aus,
daß eine umfassende Untersuchung über die Farben der Tiere und ihre
Entstehung einen schätzbaren Beitrag nicht nur für die Zoologie,
sondern auch für die Farbenlehre liefern werde. Seitdem ist der
durch bewegliche Gewebselemente hervorgerufene Farbenwechsel als
eine im Tierreich sehr verbreitete, mit den Lebensbedingungen aufs
Engste verknüpfte Erscheinung erkannt worden, so daß das Verhalten
des Chamäleons nicht mehr als etwas Vereinzeltes und Absonderliches,
sondern als eine Steigerung einer »chromatischen Funktion« des
Tierorganismus erscheint.
Erwähnt seien von neueren Untersuchungen über diesen Gegenstand
diejenigen *Biedermanns* am Frosch und am Goldfisch. Letzterer besitzt
ein bewegliches gelbes Pigment, während beim Frosch (Rana temporaria)
durch Nervenreizung das schwarze Pigment zusammengeballt und das gelbe
ausgebreitet wird.
Um die grundlegenden neueren Untersuchungen auf dem Gebiete der
Physiologie des Gesichtssinnes hat sich *Listing* die hervorragendsten
Verdienste erworben. Wir verdanken ihm unter anderem eine wertvolle
mathematische Untersuchung über den Gang, den die Lichtstrahlen im
Auge nehmen, sowie die Festsetzung von Maßen für das vereinfachte
schematische Auge, die später *Donders*[328] in die Praxis eingeführt
hat.
Das Auge kann als ein System von drei das Licht verschieden brechenden
Mitteln angesehen werden, welche durch sphärische Flächen getrennt
sind. Die Krümmungsmittelpunkte dieser Flächen liegen auf einer geraden
Linie, der Augenachse. Das erste Mittel wird von der wässerigen
Feuchtigkeit gebildet, welche die vordere Augenkammer ausfüllt, das
zweite von der Linse und das dritte von dem Glaskörper. Die trennenden
Häute (Hornhaut, Linsenkapsel) werden diesen Teilen zugerechnet.
[Illustration: Abb. 35. *Listings* Darstellung der sechs Kardinalpunkte
des Auges.]
Um die mathematische Ableitung für den Gang, den die Lichtstrahlen
in einem solchen System nehmen, zu vereinfachen, hatte zuerst *Gauß*
gewisse Punkte eingeführt, die er Hauptpunkte nannte[329]. Sie sind
dadurch definiert, daß Bild und Gegenstand in ihnen gleich groß und
gleich gerichtet sind, d. h. auf derselben Seite der Achse liegen. Die
durch diese Punkte senkrecht zur Achse gelegten Ebenen nennt man die
Hauptebenen. Die Hauptpunkte liegen nach *Listing* in der vorderen
Augenkammer. Ihre gegenseitige Entfernung beträgt nur wenige Zehntel
eines Millimeters[330]. Außer den beiden Brennpunkten und den beiden
Hauptpunkten nahm *Listing* noch zwei weitere Punkte auf der Achse
des Auges an, die er als die Knotenpunkte bezeichnete. Sie haben
die Eigenschaft, daß die durch sie laufenden konjugierten Strahlen
einander parallel sind, d. h. verbindet man den ersten Knotenpunkt
mit dem leuchtenden Punkte und den zweiten mit dem Bildpunkt, so
laufen diese Verbindungslinien parallel. Die beiden Knotenpunkte
fallen ganz in die Nähe der hinteren Fläche der Kristalllinse. In der
nebenstehenden Abbildung ist die Lage dieser drei Punktpaare, welche
die Kardinalpunkte sind, weil sie das optische System vollkommen
bestimmen, nach *Listing* dargestellt[331].
*Listing* zeigte weiter, daß für die meisten Anwendungen sowohl die
Hauptpunkte wie die Knotenpunkte, die unter sich sehr nahe beieinander
liegen, in je einen einzigen mittleren Punkt vereinigt werden
können[332]. So entsteht *Listings* »reduziertes Auge«, dessen Wirkung
für alle praktischen Fälle gleich derjenigen des wirklichen Auges
gesetzt werden kann.
Die Maße, welche *Listing* für sein reduziertes Auge findet, sind die
folgenden: Die Entfernung des aus den beiden Hauptpunkten entstandenen
mittleren Hauptpunktes von dem vorderen Brennpunkt (*F^0E*) und die
Entfernung des mittleren Knotenpunktes vom hinteren Brennpunkt (FK)
sind gleich groß. Diese Entfernungen betragen jede etwa 15 mm, während
der Abstand des mittleren Hauptpunktes vom mittleren Knotenpunkte 5
mm beträgt. In dem reduzierten Auge liegt nach *Listing* der einfache
Hauptpunkt 2,34 mm hinter der vorderen Fläche der Hornhaut und der
einfache Knotenpunkt 0,47 mm vor der hinteren Fläche der Linse[333].
In seinem »Beitrag zur physiologischen Optik« gibt *Listing* auch eine
vortreffliche Beschreibung und Erklärung der von ihm »entoptisch«
genannten Erscheinungen. Es sind das Gesichtserscheinungen, bei welchen
Teile des Auges selbst gewissermaßen als Objekte wahrgenommen werden.
Zu ihnen zählen die »fliegenden Mücken«, die Aderfigur und anderes.
Bisher hatte man diese Erscheinungen den subjektiven beigezählt.
*Listing* schlug vor, sie als Übergangsgruppe zwischen den subjektiven
und den eigentlichen objektiven Wahrnehmungen des Auges zu betrachten
und legte ihnen deshalb die erwähnte besondere Bezeichnung bei.
Als Ursache einer bis dahin unbekannten entoptischen Erscheinung
erkannte *Listing* den Umstand, daß in den meisten Augen die brechenden
Medien mit undurchsichtigen Stellen behaftet sind, die hinsichtlich
ihrer Gestalt und ihrer gegenseitigen Lage sehr verschieden sind und
entoptisch wahrgenommen werden können.
*Listing* zeigte ferner, daß sogar durch äußere Eingriffe entoptische
Erscheinungen hervorgerufen werden können[334]. Wird z. B. das Auge
gerieben, so bilden sich an der Hornhaut Unebenheiten und Faltungen,
welche dadurch bemerkbar werden, daß im Gesichtsfelde Verschleierungen
auftreten. Diese Verschleierungen besitzen ein den Kräuselungen der
Hornhaut entsprechendes welliges Aussehen. Während der Bewegungen der
Augenachse verschieben sie sich, behalten aber ihre gegenseitige Lage
bei. Nach einiger Zeit wird die Hornhaut wieder glatt und gleichzeitig
verschwindet auch die Erscheinung, was auf den geschilderten
entoptischen Ursprung hinweist.
Selbst Unregelmäßigkeiten in der Verteilung der Tränenfeuchtigkeit
können, wie *Listing* nachwies, entoptisch wahrgenommen werden.
Staut man nämlich durch kleine Bewegungen des halbgesenkten
Augenlides die Feuchtigkeit auf, so läßt sich dieses Aufstauen an den
gebänderten Streifen beobachten, welche in geringer Entfernung vom
Lidrande entstehen, um allmählich infolge der wieder eintretenden,
gleichförmigen Verteilung der Feuchtigkeit wieder zu verschwinden.
Die Experimentalphysiologie leitet zur Psychologie hinüber und
schlägt dadurch eine der wichtigsten Brücken zwischen Philosophie und
Naturwissenschaft, wenn sie sich eingehender mit der Erforschung der
Funktionen unserer Sinnesorgane und der Natur der durch diese Organe
vermittelten Empfindungen beschäftigt. Eine der wichtigsten nach
dieser Richtung unternommenen Arbeiten ist *Webers* 1846 erschienene
Untersuchung über den Tastsinn[335].
Für den Physiker und den Chemiker ist es von der größten Wichtigkeit,
die Instrumente zu prüfen, deren sie sich bedienen, und zu ermitteln,
wieweit sie sich darauf verlassen können. Ebenso wichtig ist es für
den Physiologen, die Sinnesorgane, die dem Menschen angeborenen
Instrumente des Empfindens, zu untersuchen. Diese Untersuchung
hat hinsichtlich des Tastorganes zuerst *Ernst Heinrich Weber*
unternommen. Das Tastorgan verschafft uns Druckempfindungen, Orts- und
Temperaturempfindungen. Und wir wollen in der Kürze zeigen, wie *Weber*
den Orts-, den Druck- und den Temperatursinn messend zu untersuchen
gelehrt hat.
Der Ortssinn in der Haut beruht darauf, daß wir zwei Empfindungen,
die im übrigen vollkommen gleich sind, als getrennte Empfindungen
unterscheiden, wenn sie an verschiedenen, nicht zu sehr benachbarten
Stellen der Haut erregt werden. Und zwar unterscheiden wir nicht nur
die Stellen, an welchen auf unsere Haut eingewirkt wird, sondern wir
haben auch das Vermögen, den Abstand dieser Stellen und die Richtung
der Verbindungslinie ungefähr anzugeben. Hierauf gründete *Weber*
sein Verfahren, den Ortssinn der Haut zu untersuchen. Er berührte
bei der Versuchsperson, deren Augen geschlossen waren, gleichzeitig
zwei Stellen der Haut mit zwei kleinen, gleichgestalteten Körpern und
fragte die Person, ob ein oder zwei Körper die Haut berührten und ob,
wenn letzteres der Fall, die Richtung der verbindenden Linie quer
oder längs zum Körper verlaufe. Zu diesem Zwecke schliff *Weber* die
Spitzen eines Zirkels so ab, daß sie nicht mehr stachen, sondern nur
einen deutlichen Eindruck hervorbrachten. Sobald nämlich eine Berührung
Schmerz hervorruft, wird die Beobachtung dadurch viel unvollkommener,
weil der Schmerz nicht so lokal empfunden wird als eine Berührung, die
keinen Schmerz verursacht. Indem *Weber* nun den Zirkel anfangs mehr,
dann aber immer weniger öffnete, gelangte er schließlich zu derjenigen
Entfernung der Zirkelspitzen, bei welcher die beiden Eindrücke als ein
einziger Eindruck empfunden werden.
Die vergleichende Untersuchung der verschiedenen Teile der Haut ergab
nun folgendes. Mit dem feinsten Tastsinne ausgerüstet zeigte sich die
Zungenspitze. Ihre Fähigkeit, benachbarte Eindrücke noch getrennt
wahrzunehmen, erwies sich 50mal so groß als die entsprechende Fähigkeit
des Oberarms oder des Oberschenkels. Auf die Zungenspitze folgten in
der Feinheit des Ortssinnes die Lippen und die Fingerspitzen, an denen
der Ortssinn der Hände am stärksten entwickelt ist. Hinsichtlich der
Handflächen ergab sich, daß die innere Fläche die Rückenfläche und auch
die untere Fläche der Füße in der Schärfe des Ortssinnes bedeutend
übertrifft. Am geringsten ist die Ausbildung dieses Sinnes am Rumpfe.
Ähnliche Verschiedenheiten wurden um jene Zeit von anderen Forschern
auch für die Empfindlichkeit der verschiedenen Netzhautstellen
nachgewiesen. Bekanntlich werden Gegenstände, die sich seitwärts von
der Augenachse befinden, nur unvollkommen wahrgenommen, so daß man z.
B. die ausgespreizten Finger der seitwärts gehaltenen Hand nicht mehr
deutlich unterscheiden kann. Die Empfindlichkeit der Netzhaut suchte
man[336] dadurch zu bestimmen, daß man den Durchmesser des kleinsten
Gegenstandes, den man noch wahrnehmen kann, für die einzelnen Teile der
Netzhaut ermittelte. Dieser Durchmesser beträgt
im Zentrum 0,0008 Linien
5° vom Zentrum 0,0024 "
25° " " 0,0130 "
Der Gegenstand mußte also, um 5° vom Zentrum der Netzhaut entfernt
durch diese wahrgenommen zu werden, einen dreimal so großen Durchmesser
haben wie ein Gegenstand, dessen Bild in jenes Zentrum fällt.
Um die Empfindlichkeit des Tastorganes für Druckunterschiede zu
bestimmen, legte *Weber* der Versuchsperson zwei verschiedene Gewichte
von gleicher Gestalt und gleich großer Oberfläche wiederholt auf den
nämlichen Teil der Hand und ließ den Beobachter darüber urteilen,
welches von beiden Gewichten das schwerere sei. Eine Reihe von
Versuchen bewies, daß man zwei Gewichte am genauesten vergleichen
kann, wenn man sie nacheinander auf dieselben Teile der gleichen Hand
legt. Es ergab sich, daß die meisten Menschen auch ohne vorausgehende
längere Übung durch das Gemeingefühl der Muskeln zwei Gewichte noch
unterscheiden können, wenn sie sich wie 39 : 40 verhalten.
Schaltete man das mit der Muskelanstrengung verbundene Gemeingefühl
aus, indem man die Hand auf einem Tische ruhen ließ und sie dann in der
erwähnten Weise den Gewichtsproben aussetzte, so ging die Feinheit in
der Schätzung der Gewichte nur bis 29 : 30.
Eine Vergleichung endlich der Temperaturempfindungen der Haut stellte
*Weber* in der Weise an, daß er dieselbe Hand bald in die eine, bald in
die andere Vergleichsflüssigkeit hielt. Unter diesen Umständen konnte
er bei großer Aufmerksamkeit noch einen Temperaturunterschied von 1/5°
der *Réaumur*schen Skala wahrnehmen.
Die Untersuchungen *Webers* sind die Grundlage für die durch *Fechner*
begründete Psychophysik geworden[337], eine Wissenschaft, die
gesetzmäßige Beziehungen zwischen dem Physischen und dem Psychischen
festzustellen sucht. Insbesondere war es *Fechners* »psychophysisches
Grundgesetz«, das die Anregung zu zahlreichen wissenschaftlichen
Arbeiten auf diesem Grenzgebiete zwischen der Philosophie und der
Naturwissenschaft gegeben hat.
Die Versuche, die Schärfe unserer Sinne durch Messungen zu bestimmen,
hatten *Weber* zu der Annahme geführt, daß die Unterschiede der Reize
den absoluten Großen dieser Reize proportional zunehmen müssen, um
als gleichgroß zu erscheinen. Bezeichnen z. B. r, r', r'' verschieden
starke Reize eines Sinnesgebietes, so ist (r' - r)/r = (r'' - r')/r' =
(r''' - r'')/r''...., wenn die Unterschiede r' - r, r'' - r', r''' -
r''.... als gleich groß empfunden werden.
Dieses »*Weber*sche Gesetz« wurde von *Fechner* dahin abgeändert,
daß er die Empfindung nicht den Reizgrößen direkt proportional
setzte, sondern sie logarithmisch mit den letzteren wachsen ließ.
Eine der Voraussetzungen für dieses Gesetz war *Fechners* Gesetz
vom Schwellenwerte der Empfindung. Es besagt, daß kein Reiz ein
Bewußtseinsphänomen hervorzurufen vermag, wenn er nicht einen gewissen
Grad der Stärke hat und damit die sogenannte Schwelle überschreitet.
Dies vorausgeschickt, ließ sich das psychophysische Grundgesetz
folgendermaßen formulieren:
E = c . log(r/ρ).
In dieser Formel bedeutet E die Empfindung, r den Reiz, ρ die Größe des
eben noch merklichen Reizes und c eine von anderen Umständen abhängende
Konstante.
Der weitere Ausbau der experimentellen Psychologie erfolgte durch
*Helmholtz* und insbesondere durch *Wundt*[338], der 1875 das erste
psychophysische Institut (in Leipzig) ins Leben rief. Die Aufgabe der
psychophysischen Forschung wurde durch *Wundt* dahin präzisiert, daß
sie den »Inhalt des Bewußtseins in seine Elemente zu zerlegen, diese
Elemente nach ihren qualitativen und quantitativen Eigenschaften
kennen zu lernen und die Verhältnisse der Existenz und der
Aufeinanderfolge derselben in exakter Weise zu ermitteln« habe.
Einen wertvollen Beitrag zur Psychophysik bildet *Herings* kleine
Schrift »Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der
organisierten Materie«[339]. Ist die gegenseitige Abhängigkeit zwischen
Geistigem und Materiellem eine gesetzmäßige, so ist damit, wie
*Hering* näher ausführt, das Band gefunden, welches die Physiologie
mit der Psychologie zu einem Ganzen verbindet. Die Phänomene des
Bewußtseins und die materiellen Veränderungen der organischen Substanz
erscheinen dann als zwei Veränderliche, die infolge einer gesetzmäßigen
Verknüpfung wie die veränderlichen Größen einer mathematischen
Funktion voneinander abhängen. Erst mit Hilfe dieser Hypothese von dem
funktionellen Zusammenhange des Geistigen mit dem Materiellen ist die
heutige Physiologie imstande, die Erscheinungen des Bewußtseins mit
Erfolg in den Kreis ihrer Untersuchungen zu ziehen, ohne den sicheren
Boden der naturwissenschaftlichen Untersuchung zu verlassen.
Indem *Hering* den Begriff Gedächtnis auch auf alle nicht-gewollten
Reproduktionen ausdehnt, erscheint ihm das Gedächtnis als ein
Urvermögen aller organisierten Materie. Neben dem individuellen gibt
es auch ein phylogenetisches Gedächtnis. Von diesem Standpunkte aus
erscheint die ganze individuelle Entwicklung eines Lebewesens als eine
fortlaufende Kette von Erinnerungen an die Entwicklung jener großen
Kette, deren Endglied jenes Einzelwesen bildet. Auch der tierische
Instinkt erscheint unter diesem Gesichtswinkel in einem wesentlich
neuen Lichte. Das Tier gilt nicht mehr als eine blinde Maschine,
sondern, wenn sich sein Verhalten so trefflich und scheinbar ganz von
selbst dem Zweck entsprechend regelt, so ist dies dem angeerbten Inhalt
des Gedächtnisses seiner Nervensubstanz zu verdanken. Hat doch die
Spinne ihre Kunst nicht selbst gelernt, sondern zahllose Generationen
dieser Gattung haben sie langsam von Stufe zu Stufe erworben.
Die Erforschung der mit der Nerventätigkeit in einem engen
Zusammenhange stehenden tierischen Elektrizität wurde von neuem durch
die Untersuchungen am Zitteraal angeregt. Das eigentümliche Verhalten
dieses Tieres wurde besonders von *Faraday* genauer untersucht[340].
*Faraday* benutzte sattelförmig gebogene Kupferplatten, die eine
gewisse Strecke des Fisches einschlossen. Von diesen Platten oder
Kollektoren, wie er sie nannte, führten Drähte nach den Apparaten, an
denen elektrische Wirkungen hervorgerufen werden sollten. Wurde z.
B. der eine Kollektor auf den vorderen, der andere auf den hinteren
Teil des Zitteraals gesetzt, so wurde das mit den Drähten verbundene
Galvanometer jedesmal, wenn das Tier einen Schlag gab, um 30-40°
abgelenkt. Die Ablenkung ließ erkennen, daß der Strom stets von dem
vorderen Teile des Körpers durch das Galvanometer nach dem hinteren
Teile ging. Brachte *Faraday* an Stelle des Galvanometers eine mit
Kupferdraht umwickelte Federpose, in die er eine Stahlnadel legte, so
wurde diese Nadel magnetisiert. Auch chemische Zersetzungen, z. B.
von Jodkalium, vermochte *Faraday* mit der Elektrizität des Tieres
hervorzurufen.
Daß das elektrische Organ des Zitteraals und des Zitterrochens zu
dem Nervensystem in anatomischer Beziehung steht, war schon lange
bekannt[341]. Offenbar hatte es nach den Versuchen *Faradays* den
Anschein, als ob Nerventätigkeit in Elektrizität umgesetzt werden kann,
wie sich die letztere in Wärme, Magnetismus und andere Naturkräfte
verwandeln läßt. Um so dringender erhob sich die Frage, worin die
Nerventätigkeit selbst besteht, und ob etwa das Agens, das in dem
Nervensystem seinen Sitz hat, mit einer der in der leblosen Natur
wirkenden Kräfte zu identifizieren sei. Die ersten erfolgreichen
Schritte zur Beantwortung dieser Frage unternahm der deutsche
Physiologe *Du Bois-Reymond*.
*Emil Du Bois-Reymond* wurde 1818 in Berlin geboren und durch
*Johannes Müller* der Anatomie und der Physiologie zugeführt. Seine
wissenschaftliche Lebensaufgabe erblickte *Du Bois-Reymond* in
der Erforschung der tierischen Elektrizität. *Du Bois-Reymonds*
Untersuchungen über diesen Gegenstand begannen im Jahre 1841.
Ihre wichtigsten Ergebnisse wurden in mehreren größeren Werken
zusammengefaßt[342]. In den weitesten Kreisen ist *Du Bois-Reymond*
durch seine Reden bekannt geworden[343]. Er starb in Berlin im Jahre
1896.
*Du Bois-Reymonds* Erfolge auf dem Gebiete der Nerven- und
Muskelphysiologie sind vor allem darauf zurückzuführen, daß er einer
der ersten Physiologen war, welcher die neuere Physik und das ganze
Rüstzeug des modernen Physikers vollkommen beherrschte. Als solcher
verstand er es, die Fehlerquellen zu vermeiden oder gehörig in
Rechnung zu ziehen, sowie seinen Messungen den größtmöglichen Grad von
Genauigkeit zu geben. Bei der Untersuchung der elektrischen Vorgänge,
die sich innerhalb der Nerven und Muskeln abspielen, bediente er sich
eines Multiplikators von nahezu 5000 Windungen und eines Nadelpaares
von höchster Empfindlichkeit. Seine Untersuchungen führten zur
Entdeckung des Nervenstroms, des Muskelstroms und ihrer Schwankungen.
Die Lehre von der Lebenskraft, der *Johannes Müller* bis zu seinem Ende
treu geblieben war, unterwarf *Du Bois-Reymond* einer vernichtenden
Kritik. In seiner oft dichterischen Sprache kennzeichnete er seine
Ansicht über die belebte Materie durch die Worte: »Ein Eisenteilchen
ist und bleibt dasselbe Ding, gleichviel ob es im Meteoriten
den Weltkreis durchfliegt, im Dampfwagenrade auf den Schienen
dahinschmettert, oder in einer Blutzelle durch die Schläfe eines
Dichters rinnt.«
Der große Aufschwung, den die Mikroskopie seit der Herstellung
achromatischer Linsensysteme erfahren hatte, kam in gleicher Weise der
Zoologie wie der Botanik zugute. Auch auf zoologischem Gebiete wurde
man jetzt in den Stand gesetzt, erfolgreich in den feineren Bau der
niedersten Lebewesen einzudringen und dadurch für die physiologische
Deutung der Lebensvorgänge die unentbehrliche anatomische Grundlage
zu gewinnen. Die neu gewonnenen Aufschlüsse betrafen vor allem das
Gebiet der einzelligen Organismen und das Wesen des Protoplasmas, des
eigentlichen Leibes der Zelle.
Während *Ehrenberg*[344] die Infusorien, um deren systematische
Bearbeitung er sich das größte Verdienst erwarb, als hochorganisierte
Wesen ansah und andere Forscher die Foraminiferen ihrer eigentümlichen
Schalenbildung wegen mit den viel höher stehenden Kopffüßlern
vereinigten, unter denen bekanntlich der Nautilus und die fossilen
Ammoniten gleichfalls aus Kammern bestehende Schalen besitzen, trat
seit 1840 etwa in der Auffassung dieser Geschöpfe eine bemerkenswerte
Wandlung ein, die zur Aufstellung des Typus der Protozoen führte.
Die Infusorien und die Foraminiferen wurden nämlich gleich einigen
verwandten Gruppen als einzellige Lebewesen erkannt, deren Körper
innerhalb der verschieden gestalteten Wandung nur aus einer
gleichartigen, sich bewegenden Masse, dem Protoplasma, besteht.
*Cuviers* Kreis der Radiärtiere, dem man bisher die Infusorien
zugewiesen hatte, mußte noch eine weitere Aufteilung über sich ergehen
lassen, indem der deutsche Zoologe *Leuckart* die erste und die dritte
Klasse dieses Kreises, die Stachelhäuter und die Pflanzentiere, trotz
ihres strahligen Körperbaues als gesonderte Typen hinstellte. Für die
Stachelhäuter wurde der Besitz eines Gefäßsystems und das Vorhandensein
eines Darmes als charakteristisch erkannt, während man bemerkte,
daß bei den Pflanzentieren oder Cölenteraten eine so weitgehende
Trennung der Verrichtungen noch nicht stattgefunden hat, sondern daß
ein einziger Hohlraum, der aus diesem Grunde als Gastrovaskularraum
bezeichnet wird, die Verdauung und den Kreislauf vermittelt.
Wie auf botanischem, so wurde auch auf zoologischem Gebiete die
Einsicht in die Verwandtschaft der niederen Formen in hohem Grade
durch den Ausbau der Entwicklungsgeschichte gefördert. Die Befunde
der letzteren wiesen z. B. den bis in die neuere Zeit bald zu den
Pflanzen gerechneten, bald als Tierstöcke betrachteten Schwämmen ihren
Platz neben den Polypen und den Quallen innerhalb des Kreises der
Pflanzentiere an.
Das Studium der niederen Tiere machte auch mit dem zuerst als etwas
ganz Paradoxes erscheinenden, später in seiner Bedeutung und in seiner
großen Verbreitung erkannten Vorgang des Generationswechsels bekannt.
Die erste ausführliche Abhandlung[345] »Über den Generationswechsel«
verdanken wir dem Dänen *Steenstrup* (geboren in Kopenhagen 1813).
Generationswechsel nennt man seit *Steenstrup* »die merkwürdige
Erscheinung, daß ein Tier eine Brut erzeugt, die nicht dem Muttertiere
ähnlich ist oder wird, sondern diesem unähnlich ist und selbst eine
Brut hervorbringt, die zur Form des Muttertieres zurückkehrt. Es findet
also ein Muttertier nicht in seiner eigenen Brut, sondern erst in
seinen Nachkommen der zweiten, ja mitunter erst der dritten Generation
seinesgleichen wieder.«
Die erste Beobachtung dieser Art hatte im 18. Jahrhundert *Bonnet*
gemacht. Sie betraf die Parthenogenese der Blattläuse. *Bonnet*
hatte gefunden und spätere Beobachter hatten es bestätigt, daß im
Frühling aus den Eiern der Blattläuse eine Generation hervorgeht, die
ohne vorhergehende Befruchtung eine neue Generation erzeugt. Diese
Jungfernzeugung oder Parthenogenese wiederholt sich, wie schon die
ersten Beobachter erkannten, mehrere Male. Endlich kommt immer eine aus
geflügelten Männchen und ungeflügelten Weibchen bestehende Generation.
Es findet Befruchtung und die Ablage von Eiern statt, worauf im
folgenden Jahre die Reihe der parthenogenetischen Zeugungen von neuem
beginnt.
Die nächste derartige Beobachtung machte der als Dichter mehr denn
als Zoologe bekannte *Chamisso* während seiner Weltumsegelung mit dem
von der russischen Regierung ausgesandten Schiffe *Rurik* im Jahre
1819. Es hatte schon lange die Aufmerksamkeit der Seefahrer erregt,
daß bei den Salpen oft eine Menge von Individuen (20, 40 und mehr)
zu langen Ketten vereinigt vorkommen, während andere Salpen, die
mitunter noch die Spuren eines früheren Zusammenhanges aufweisen,
als Einzelwesen umherschwimmen. *Chamisso*[346] machte nun an diesen
zylindrischen, durchsichtigen Salpen die überraschende Beobachtung,
daß eines dieser Tiere durch Sprossung, also auf ungeschlechtlichem
Wege, eine Kette kleinerer Individuen erzeugt, aus denen durch
geschlechtliche Fortpflanzung wieder die Einzelsalpe hervorgeht.
Ähnliche Vorgänge beschrieb dann *Sars* (geboren 1805 in Berlin, war
Pfarrer in der Nähe von Bergen und wurde in Anerkennung seiner dort
betriebenen zoologischen Untersuchungen zum Professor der Zoologie
in Christiania ernannt). *Sars* lehrte 1829 die Strobilaform der
Polypen und den Zusammenhang dieser durch Teilung (Strobilation) sich
vermehrenden Form mit den frei umherschwimmenden Medusen kennen.
Diesen Vorgang finden wir auf der ersten Tafel des von *Steenstrup*
herausgegebenen Werkes über den Generationswechsel dargestellt. Die
von *Sars* herrührenden Zeichnungen sind zum Teil in manche Lehrbücher
übergegangen; sie mögen hier in ihrer Vollständigkeit Platz finden (s.
Abb. 36).
[Illustration: Abb. 36. Die Entwicklung der Medusa aurita
(Ohrenqualle). *Steenstrup*, Über den Generationswechsel. Tab. I. Fig.
1-30.]
Fig. 1-5 zeigt die aus dem befruchteten Ei der Meduse hervorgegangene,
einem Aufgußtierchen ähnliche, frei umherschwimmende Flimmerlarve.
Diese setzt sich fest (6 und 7), verliert ihre überflüssig gewordenen
Bewegungsorgane, entwickelt dafür aber am oberen Ende einen Kranz von
Tentakeln. Mitunter sitzen an den entwickelten, kleinere durch Knospung
entstandene Individuen (18).
Die Figuren 20-30 zeigen die Entwicklung der zweiten Generation.
Zunächst bildet sich eine Furche (Fig. 20), dann entstehen unter
Heranwachsen des Tieres zu einem Tierstock mehrere Querrunzeln (21).
Schließlich findet eine völlige Querteilung (22) und Trennung (23) der
Medusenlarven statt. Fig. 25 zeigt eine freie Medusenlarve nach ihrer
Loslösung in natürlicher Größe. Die Figuren 26-29 zeigen die weitere
Entwicklung, und in Fig. 30 haben wir ein völlig entwickeltes, mit 4
Mundarmen und einem Kranz von Randtentakeln versehenes Individuum.
Wir haben bei diesem Vorgang etwas länger verweilt, weil wir in ihm
eine der schönsten und frühesten Studien über einen vollständig
aufgehellten Entwicklungsvorgang aus dem Kreise der niederen Tiere
besitzen, eine Studie, die für spätere Untersuchungen auf diesem
so schwierigen Gebiete anregend und mustergültig gewesen ist. Vor
allem ist *Steenstrups* Abhandlung auch deshalb wertvoll, weil sie
zeigt, wie eine Fülle vereinzelt stehender Tatsachen durch denkende
Betrachtung und Aufstellung neuer Begriffe dem Verständnis näher
gebracht werden kann. Allerdings macht sich bei dieser Art der
Betrachtung die Subjektivität des Forschers mehr als bei der rein
empirischen Feststellung von Tatsachen geltend. Dennoch kann nur durch
Verallgemeinern, durch Herausschälen neuer Begriffe und Gesamteindrücke
der, wie *Steenstrup* sich drastisch ausdrückt, mit roher Nahrung, d.
h. vereinzelt dastehenden Tatsachen oft bis zur Dyspepsie überfüllten
Wissenschaft geholfen werden.
*Steenstrup* dehnte die Untersuchung über den Generationswechsel
(die Metagenese) auch auf den Kreis der Würmer, insbesondere auf die
Eingeweidewürmer, aus. Die Reihe der Wirbeltiere, bemerkt er in seiner
Schlußbetrachtung, ist die einzige, in der sich der Generationswechsel
noch nicht hat nachweisen lassen. Für die niederen Tiere ist der
Generationswechsel nach seinen Untersuchungen nicht mehr etwas
Vereinzeltes, wie es anfangs schien, sondern es hat sich hier das
Goethesche Wort bestätigt: Die Natur geht ihren Gang, und was uns als
Ausnahme erscheint, ist Regel.
*Steenstrup* wies für den Generationswechsel nicht nur eine weit
größere Häufigkeit, als man nach den ersten Entdeckungen auf diesem
Gebiete ahnen konnte, sondern auch die Naturnotwendigkeit nach, indem
er den Generationswechsel als eine besondere, durch die Umstände
bedingte Art der Brutpflege betrachtete. Ganze Tiergruppen kamen ferner
nach diesen Feststellungen in Fortfall, weil man sie als unentwickelte
Formen erkannte, die sich zu der vollkommenen Art verhalten wie die
Arbeiterinnen der Ameisen und der Bienen zu den das Zeugungsgeschäft
besorgenden Weibchen und Männchen. In anderen Fällen erkannte man,
daß mehrere Formen, die man bisher als verschiedene Arten betrachtet
hatte, nur Entwicklungsstufen eines und desselben Tieres sind. Das
schönste Beispiel hierfür boten die Medusen- und die Strobilaform
von *Sars*. Nach *Steenstrup* ist der Generationswechsel keineswegs
auf die Tierwelt beschränkt, er findet vielmehr sein Analogon in der
Entwicklung der Pflanze, ja er ist vielleicht ihr ganz besonders
eigentümlich und, wenn er uns im Tierreich begegnet, nur eine
Funktion des vegetativen Lebens. Nach *Steenstrups* Auffassung ist
nämlich der Baum eine nach einem vegetativen Grundgesetz geordnete
Kolonie von Individuen. Die Folge von Generationen, welche diese
Kolonie zusammensetzen, findet ihren Abschluß in den Staub- und den
Fruchtblättern. Letztere bringen den Samen hervor, der wieder dieselbe
Bahn durchläuft.
Ganz an die neuere Entwicklungslehre anklingend lauten die Worte
*Steenstrups*, daß der Generationswechsel etwas weniger Vollkommenes
sei, das an dem Tierleben hängen geblieben, als dieses sich über das
Pflanzenleben emporgehoben habe. Ein solcher Ausspruch aus dem Munde
*Steenstrups* ist nicht als etwas nur bildlich Gemeintes zu verstehen,
sondern ein deutlicher Hinweis auf den Jahrzehnte später durch *Darwin*
zu neuem Leben erweckten Transformismus. Was diese durch *Lamarck* und
durch *Darwin* begründete Lehre für die biologischen Wissenschaften
bedeutet, soll der Gegenstand des nächsten Abschnitts unserer
Darstellung sein.