9. Die Ausdehnung des Energieprinzips auf sämtliche Naturwissenschaften.

Die Keime des Energieprinzips oder des Gesetzes von der Einheit

und der Erhaltung der Kraft lassen sich bis in das 18. Jahrhundert

und, wenn man nach den ersten Andeutungen sucht, sogar noch weiter

zurückverfolgen. In der Entwicklung der Naturwissenschaften spielen

die unlösbaren Probleme eine große Rolle. Das Bemühen Gold zu machen,

hat zu vielen wichtigen chemischen Entdeckungen geführt. Eine ähnliche

treibende Kraft wie das Goldproblem der Alchemisten besaß für die

Mathematik das Problem der Quadratur des Kreises. In ihrem Suchen nach

seiner Lösung wurde die Mathematik in hohem Grade gefördert, und das

Problem kam erst zur Ruhe, als man die Unmöglichkeit seiner Lösung,

nicht nur infolge der vielen vergeblichen Versuche eingesehen, sondern

sie mathematisch bewiesen hatte. Auch die Physik hatte ihr unlösliches

Problem. Ein jeder kennt es unter dem Namen des »Perpetuum mobile«.

Eine Maschine, die ohne von außen zufließende Energie immerfort

arbeitet! Was konnte es Wertvolleres geben? Das Nachgrübeln über

das »Perpetuum mobile« dauerte so lange, bis im 18. Jahrhundert die

Erkenntnis heranreifte, daß man auch hier Unmögliches gewollt habe.

An die Stelle des unwissenschaftlichen Suchens nach einem »Perpetuum

mobile« trat jetzt das wissenschaftliche »Prinzip vom ausgeschlossenen

Perpetuum mobile« oder das Prinzip von der Erhaltung der Kraft.

Hervorgegangen war das Prinzip aus der Mechanik, und auf diese blieb

es zunächst beschränkt. Die Untersuchung des Pendels bietet ein leicht

faßliches Beispiel. Die Pendelbewegung besteht ja im Grunde genommen in

dem Herabfallen und dem Emporsteigen eines Körpers. In seiner Anwendung

auf diesen Vorgang lautet das Prinzip von der Erhaltung der Kraft: Wenn

man die Richtung eines frei fallenden Körpers ändert, so kann er nur

bis zu seiner ursprünglichen Höhe wieder emporsteigen, da die Wirkung

stets der Ursache gleichwertig ist.

Es dauerte lange, bis man diesen Grundsatz ausgehend von der Mechanik

auf die übrigen Naturerscheinungen anwandte. Dies rührte daher, daß

man die Wärme, das Licht, die Elektrizität, den Magnetismus als

feine unwägbare Stoffe, als Imponderabilien, auffaßte. Natürlich war

damit eine scharfe Grenze zwischen der Physik jener ungreifbaren

Imponderabilien und der Mechanik gegeben, da diese nur ruhende und

bewegte Massen kennt und nach der Ursache von Ruhe und Bewegung

forscht. Die erste Brücke von der Mechanik als Massenbewegung wurde

in das Gebiet der Wärmelehre hinübergeschlagen. Wo Massenbewegung

vernichtet wird, tritt Erwärmung ein. Umgekehrt läßt sich Wärme in

Massenbewegung verwandeln. So kam es, daß die Hypothese von einem

unwägbaren Wärmestoff der Vorstellung wich, daß wir es in der

Körperwärme gleichfalls mit einer Bewegung und zwar mit einer inneren

Bewegung zu tun haben. Eine derartige, innere Bewegung ließ sich kaum

anders denken als ein Schwingen der kleinsten Körperteilchen. Daraus

ergab sich ganz von selbst die Wiederbelebung der schon im Altertum

entstandenen atomistischen Hypothese. Auch die Entwicklung der Chemie

hatte die Wiederaufnahme der atomistischen Hypothese notwendig

gemacht. Die chemischen Vorgänge wurden als ein Zusammentreten der

Atome zu Molekülen und ein Zerfallen der Moleküle in einfachere und

schließlich in Atome gedeutet. Wie aus der Wärmelehre, so verschwanden

die Imponderabilien auch aus den übrigen Gebieten der Physik. Der

Lichtstoff, das elektrische Fluidum, die verschiedenen Magnetismen,

sie alle mußten der mechanischen Naturerklärung das Feld räumen. Jede

Kraft erschien als Bewegung und die Umwandlung der Kräfte nur als eine

Änderung in der Form der Bewegung. Durch bloßes Reiben geeigneter

Stoffe oder auch durch chemische Umsetzung erzeugt man Elektrizität.

Man lernte sie in chemische Wirkungen, in Licht, in Wärme, in

Magnetismus umwandeln. Auf diesen mannigfachen Umsetzungen beruht die

überall in unser Leben eingreifende Elektrotechnik. Ihre Geburtsstunde

fällt mit der Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft

zusammen. Es ist das kein Zufall. Denn gerade die Umformungen des durch

ein mechanisches Triebwerk erzeugten elektrischen Stromes haben neben

anderen Beobachtungen zur Erkenntnis jenes großen, als Energieprinzip

bezeichneten Gesetzes geführt.

Das Energieprinzip darf nicht als die Entdeckung eines einzelnen

betrachtet werden. Wir sahen in den vorhergehenden Abschnitten dieses

Bandes, wie sich die große Verallgemeinerung, die es in sich birgt,

auf nahezu sämtlichen Gebieten allmählich vorbereitete. Zum klaren

Ausdruck gelangte das Prinzip im fünften Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts

durch drei Männer, die unabhängig voneinander dazu gelangten. Es waren

dies die Deutschen *Mayer* und *Helmholtz* und der Engländer *Joule*.

Auch der dänische Ingenieur *Colding* wird wohl zu den Begründern

des Energieprinzips gezählt. Sein Verdienst ist jedoch weit geringer

einzuschätzen als dasjenige der drei an erster Stelle genannten

Forscher.

*Mayer*[255] ging bei der Aufstellung des Energieprinzips von

physiologischen Beobachtungen aus. Als er sich im Jahre 1840 in Java

aufhielt, fiel es ihm bei Aderlässen auf, daß das Blut der Armvene

eine ungemeine Röte besaß, so daß man glauben konnte, eine Arterie

getroffen zu haben[256]. Den ansässigen europäischen Ärzten war dieses

Verhalten des Blutes von Personen, welche den Übergang aus einem

gemäßigten Klima zur Glut der Tropen durchmachen, wohl bekannt, ohne

daß dadurch ihr Nachdenken besonders rege geworden wäre, während

*Mayer*, ausgehend von dieser unscheinbaren Beobachtung, zu dem

tiefsten Einblick in den Zusammenhang des Naturganzen gelangen sollte.

Indem er die Farbenänderung, welche das Blut in den Kapillargefäßen

erleidet, als den sichtbaren Reflex der in dem Körper vor sich

gehenden Oxydation betrachtete[257], kam *Mayer* auf den Gedanken,

nach einer Größenbeziehung zwischen der Wärmeentwicklung und dem

oxydierten Material zu suchen, um, wie er sich ausdrückt, die Bilanz

zwischen Leistung und Verbrauch des Organismus zu ziehen. Da nun ein

Tier die Fähigkeit besitzt, Wärme auf mechanische Art, z. B. durch

Reibung hervorzurufen, so erhebt sich die Frage, ob die gesamte,

teils unmittelbar, teils auf mechanischem Wege, vom Organismus

erzeugte Wärme dem im Körper vor sich gehenden Verbrennungseffekte

quantitativ entspricht oder äquivalent ist. Wenn wir dies bejahen,

so ist auch zu vermuten, daß die zur Gewinnung von Wärme auf

mechanischem Wege aufgewandte Arbeit einem bestimmten Bruchteil

dieses Effektes entsprechen wird. So wurde *Mayer* darauf geführt,

aus der physiologischen Verbrennungstheorie auf eine unveränderliche

Größenbeziehung zwischen Wärme und Arbeit zu schließen.

Die physikalische Forschung war damals schon auf dem Punkte angelangt,

daß *Mayer*, ohne selbst Versuche anzustellen, das Äquivalent zwischen

Wärme und Arbeit aus den vorhandenen Daten zu berechnen vermochte.

Aus der Wärmemenge, die verbraucht wird, wenn ein Gas mit Überwindung

eines darauf lastenden Druckes, also unter Leistung von Arbeit, sich

ausdehnt, ergab sich, daß diejenige Arbeit, welche zum Emporheben

eines Gewichtes auf die Höhe von 365 Metern erforderlich ist, einer

Wärmemenge entspricht, welche die Temperatur des gleichen Gewichtes

Wasser von 0° auf 1° erhöhen würde[258]. Spätere Versuche haben für

dieses mechanische Wärmeäquivalent den Wert von 423 Kilogrammetern

ergeben.

*Mayers* Berechnung und die ihn leitenden Überlegungen seien

in folgendem kurz wiedergegeben. *Mayer* knüpft an den früher

geschilderten Überströmungsversuch *Gay-Lussacs*[259] an. *Gay-Lussac*

hatte gezeigt, daß ein Gas unter Umständen sein Volumen vergrößern

kann, ohne dabei im ganzen eine Temperaturveränderung zu erfahren.

*Mayer* hat diesen Versuch richtig gedeutet und zur Grundlage für

seine Ableitungen gewählt. *Gay-Lussacs* Versuch bewies ihm, daß mit

der Ausdehnung eines Gases an sich kein Wärmeverbrauch verknüpft ist,

wie man anfänglich im Banne der älteren Stofftheorie geglaubt hatte,

sondern daß ein Gas nur dann eine Temperaturverminderung erfährt,

wenn es bei seiner Ausdehnung einen Druck überwindet, mit anderen

Worten, Arbeit leistet. Mit dieser Erkenntnis setzte *Mayer* die vor

ihm bekannt gewordene und quantitativ untersuchte Erscheinung in

Beziehung, daß ein Gas, wenn es sich unter konstantem Drucke ausdehnt,

mehr Wärme gebraucht, um von 0° auf 1° erwärmt zu werden, als wenn

es bei der gleichen Temperaturerhöhung sein Volumen nicht verändert.

*Mayer* erkannte, daß eben diese Wärmemenge, die im ersteren Falle

verschwindet oder »latent« wird, die in der Überwindung des Druckes

bestehende Arbeit leistet. Und da, schloß *Mayer* weiter, zwischen den

Wärmemengen, welche z. B. die Luft in dem einen und in dem anderen

Falle gebraucht, ein ganz bestimmtes Verhältnis (1,421) besteht, so

wird auch zwischen dem Mehr an Wärme, das erforderlich ist, wenn das

Gas Arbeit leistet, und dieser Arbeit selbst eine ebenso bestimmte,

ziffernmäßig faßbare Beziehung walten.

Der mathematische Ausdruck für das Problem gestaltet sich sehr

einfach. Ist die Wärmemenge, die das Gas aufnimmt, wenn es bei

konstantem Volumen erwärmt wird, a, so braucht es für die gleiche

Temperaturerhöhung bei konstantem Druck, also bei Ausdehnung und

Arbeitsleistung, mehr Wärme a + b. Dieses Mehr (b) ist nun äquivalent

der geleisteten Arbeit, d. h. dem Produkte aus dem Druck P und dem Weg

h, auf welchem dieser Druck überwunden oder ein Gewicht gehoben wird:

b = P . h

Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes wollen wir die Berechnung dieses

Wertes P . h, des »mechanischen Wärmeäquivalentes« nach *Mayers*

Verfahren vornehmen, uns dabei aber der heute gültigen Zahlen bedienen.

Ein Kubikmeter Luft, dessen Gewicht bei 0° und 760 mm Druck 1,293 kg

beträgt, befinde sich in einem Würfel von einem Kubikmeter Rauminhalt,

dessen Wände zunächst nicht verschiebbar sind. Um diese Luftmasse

von 0° auf 1° zu erwärmen, sind 0,2172 Wärmeeinheiten erforderlich.

Denkt man sich jetzt die vier Seitenwände des Würfels etwas erhöht

und seine obere Wand nach oben verschiebbar, so wird in diesem Falle

bei einer Erwärmung der Luft von 0° auf 1° die verschiebbare Wand

um 1/273 Meter gehoben und der auf ihr lastende Luftdruck von 10334

kg für diese Strecke überwunden. Der Wärmeverbrauch ist dann aber

0,3064 Wärmeeinheiten. Dem Mehr von 0,0893 Wärmeeinheiten entspricht

eine mechanische Arbeit (P . h) von 10334 kg . 1/273 Metern = 37,85

Kilogrammetern. Für eine Wärmeeinheit berechnet sich nach der Proportion

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 37 / 171 题