Eine besondere Wissenschaft vom Leben entstand erst während der ersten
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die vorhergehenden Perioden hatten
wohl Ansätze gezeitigt. Indessen der Versuch, das Leben mit den
Hilfsmitteln der exakten Forschung zu analysieren, setzte diejenigen
physikalischen und vor allem diejenigen chemischen Grundlagen voraus,
die erst gegen das Ende des 18. Jahrhundert geschaffen wurden.
Zu den ersten, die im Beginn des 19. Jahrhunderts eine Reihe von
Lebenserscheinungen zu erklären suchten, ohne sich dabei von der
herrschenden Vorstellung einer besonderen Lebenskraft beeinflussen zu
lassen, gehörten *Knight* und *Saussure*. Der erstere untersuchte nach
Art des modernen Physiologen die Bewegungen, mit denen die Pflanzen
gegen äußere Kräfte reagieren. *Saussures* Untersuchungen betrafen
dagegen die Ernährungsphysiologie. Er ermittelte, daß die Pflanzen ihre
mineralischen Nährstoffe nicht nur den Salzlösungen des Bodens, sondern
zum Teil auch dem Humus, d. h. der in der Erde verwesenden Substanz
abgestorbener Pflanzenteile entnehmen. Die Bedeutung der letzteren
wurde indessen während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts
überschätzt. Es bildete sich eine Theorie heraus, die in dem Humus den
wichtigsten Nährstoff der Pflanzen erblickte und in der widersinnigen
Annahme gipfelte, daß der Humusgehalt des Bodens durch die Vegetation
allmählich erschöpft werde. An diesem Punkte setzte *Liebig* ein.
»Seine Hand, die niemals einen Pflug geführt, lieferte der ältesten
aller menschlichen Gewerbtätigkeiten, dem Ackerbau, den Schlüssel zum
Verständnis tausendjähriger Gepflogenheiten[207].«
Seine grundlegenden Versuche und Gedanken über die chemische
Physiologie der Pflanze entwickelte *Liebig* in einem Werke, das
er »Organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und
Physiologie« betitelte. Zunächst wies *Liebig* darin im Anschluß an
die Untersuchungen *Saussures* überzeugend nach, daß der Kohlenstoff
der Pflanzen aus der Atmosphäre stammt. Der Humus ist nach *Liebig*
nichts anderes als verwesende Pflanzenfaser und spielt bei der
Ernährung keine wesentliche Rolle. Um so mehr gilt dies von den
anorganischen Bestandteilen des Bodens. Soll die Pflanze gedeihen, so
müssen nicht nur die allgemeinen Bedingungen des Wachstums wie das
Licht, die Feuchtigkeit, die Wärme usw. gegeben sein, sondern der
Boden muß entweder gewisse für die Ernährung der Pflanze unerläßliche
Bestandteile enthalten, oder sie müssen ihr in Form von Dünger
zugeführt werden. Reiner Sand und reiner Kalkstein sind, wie *Liebig*
hervorhebt, ganz unfruchtbar. Die unentbehrlichen Bestandteile empfängt
der Boden vor allem durch die Verwitterung, die ihm Kalk, Alkalien,
Phosphor usw. zuführt. Während Kohlendioxyd, Wasser und Ammoniak als
Quelle des zum Leben erforderlichen Stickstoffs von keiner Pflanze
entbehrt werden können, zeigen die einzelnen Pflanzenarten den übrigen,
dem Boden entstammenden anorganischen Stoffen gegenüber gewisse
Verschiedenheiten. Diese machen sich darin bemerkbar, daß die eine
Pflanze zu ihrem Gedeihen vorzugsweise Kalk, die andere Kali, eine
dritte Phosphorsäure usw. beansprucht. Aus dieser Tatsache machte
*Liebig* die Bedeutung des unter dem Namen der Wechselwirtschaft
bekannten Verfahrens begreiflich.
Als das wichtigste Prinzip des Ackerbaues stellte er den Grundsatz
auf, daß der Boden in vollem Maße wieder erhalten muß, was ihm durch
die Ernte an anorganischen Bestandteilen genommen ist. In welcher
Form dieser Ersatz geschieht, ob in Form von Exkrementen oder von
Asche, Knochen usw. ist gleichgültig. Es wird eine Zeit kommen,
sagt *Liebig*, in der man den Acker mit phosphorsaurem Kalk oder
mit kieselsaurem Alkali usw. düngen wird, die man in chemischen
Fabriken bereitet[208]. Der Erfolg sollte bald die Richtigkeit dieser
von *Liebig* vorgetragenen Lehren beweisen. Landwirtschaftliche
Versuchsanstalten wurden überall errichtet. Um den Bedarf an
künstlichem Dünger zu decken, trat eine wichtige Industrie ins Leben.
Ferner half die Ausdehnung wissenschaftlicher Grundsätze auf das Gebiet
der Gewerbtätigkeit einer einheitlichen Auffassung des Geschehens den
Boden bereiten.
Grundlegende Gedanken über die im Körper der Tiere und des Menschen
vor sich gehenden chemischen Prozesse entwickelte *Liebig* in einer
Schrift, die er 1842 unter dem Titel »Die organische Chemie in ihrer
Anwendung auf Physiologie und Anatomie« erscheinen ließ. In erster
Linie faßte er auch hier den Vorgang der Atmung und der Ernährung ins
Auge. Die Nahrungsmittel dienen entweder zur Vermehrung der Masse oder
zum Ersatz von verbrauchtem Stoff oder endlich zum Hervorbringen von
Kraft. Alle vitalen Fähigkeiten entspringen aus der Wechselwirkung
des Sauerstoffs der Luft und der Bestandteile der Nahrungsmittel.
Letztere teilte *Liebig* in zwei Klassen, in stickstoffhaltige und in
stickstofffreie. Erstere dienen nach ihm zum Aufbau der Gewebe. Die
stickstofffreien dagegen haben die Aufgabe, den Respirationsprozeß
zu unterhalten. Dieser ist die Quelle der tierischen Wärme. Die
Respiration ist die gespannte Feder, das fallende Gewicht, welches das
Uhrwerk in Bewegung erhält. Sie ist ferner nicht nur die Quelle der
animalischen Wärme, die man früher wohl auf die mechanischen Bewegungen
des Tierkörpers zurückführte, sondern sie ist auch die letzte Ursache
aller Krafterzeugung. Auch auf diesem Gebiete wurde also die klare
Erfassung des Energiebegriffes in seiner ganzen Allgemeinheit, die wir
als die größte wissenschaftliche Tat des 19. Jahrhunderts bezeichnen
können, vorgeahnt und vorbereitet.
Hand in Hand mit der besonders durch *Liebig* geforderten
physiologischen Chemie entwickelte sich seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts die moderne, mit allen Hilfsmitteln der exakten
Forschung arbeitende Hygiene. Ihr namhaftester Vertreter war ein
Schüler *Liebigs*, *Pettenkofer*[209]. In Gemeinschaft mit seinem
Schüler *Voit* schuf *Pettenkofer* die wichtigsten Methoden, um den
Stoffwechsel am lebenden Geschöpf qualitativ und quantitativ zu
verfolgen. Der richtig geleitete Stoffwechsel ist aber nur eine der
Bedingungen des normalen, gesunden Lebens. Nicht minder wichtig für
das Wohlbefinden des einzelnen und der Gemeinschaft sind eine große
Zahl von Einflüssen, die von außen auf den Organismus wirken, wie das
Licht, die Bekleidung, die Wohnung, die Beschaffenheit des Klimas, des
Bodens usw. Die moderne Hygiene stellt sich die Aufgabe, die Bedeutung
solcher für die Gesundheit der Bevölkerung maßgebenden Faktoren nach
naturwissenschaftlicher Methode zu ermitteln. Hand in Hand mit einer
das gleiche Ziel verfolgenden Technik gelang es im Verlauf der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts durch eine zweckmäßig geleitete Überwachung
der Volksernährung, durch Verbesserung der Wohnverhältnisse, durch
Kanalisation, Wasserversorgung und vieles andere das Leben in einem
solchen Masse gesunder zu gestalten, daß die mittlere Lebensdauer heute
weit günstiger ist als vor einem halben Jahrhundert.
Hierzu trug vor allem die erfolgreiche Bekämpfung der endemischen
und epidemischen Volksseuchen, wie des Typhus und der Cholera, bei.
Es war ein Kampf, bei dem man sich von zwei Ansichten leiten ließ,
die auch heute noch nicht ihren Ausgleich gefunden haben. Nach der
Ansicht, die besonders *Pettenkofer* vertrat, treten die Epidemien
dort auf, wo die örtliche oder die individuelle Disposition gegeben
sind. Für diese Ansicht führte *Pettenkofers* Schule besonders
die Abhängigkeit des Typhus von dem Grundwasserstande ins Feld.
Daß selbst die Cholerabazillen ohne eine solche Disposition keine
Erkrankung hervorrufen, bewies *Pettenkofer*, indem er und eine
größere Zahl seiner Schüler Cholerakulturen mit Millionen von Bazillen
verschluckten, ohne sich dadurch zu schädigen. *Pettenkofer* geriet
durch seine in erster Linie die Disposition betonende Lehre in einen
scharfen Gegensatz zu der besonders von *Koch* vertretenen Ansicht, daß
das Kontagium die Hauptursache der Krankheit sei. Die Wahrheit wird,
wie in der Regel, auf der mittleren Linie zu suchen sein.
Während *Liebig* für die Physiologie, ausgehend von den neuesten
Ergebnissen der chemischen Forschung, neue Grundlagen geschaffen hatte,
vollzog sich dieser Vorgang durch die Gebrüder *Ernst* und *Eduard
Weber* vom physikalischen Standpunkt aus. *Eduard Weber* untersuchte
die Mechanik der Gehwerkzeuge und der Muskelbewegungen (1836). In
Gemeinschaft mit seinem Bruder dehnte er die physikalische Lehre von
der Wellenbewegung auf den physiologischen Vorgang des Blutkreislaufes
aus.
Eine Bereicherung auf allen Gebieten und eine zusammenfassende
Darstellung erfuhr die Physiologie in diesem Zeitraum durch *Johannes
Müller*. *Johannes Müller*, »der deutsche Cuvier«, war der letzte
Forscher, der noch alle Gebiete der Zoologie zu beherrschen und zu
fördern vermochte. Nach ihm ist niemand aufgetreten, der gleichzeitig
als Morphologe, Anatom und Physiologe Großes geleistet hätte. »Wie
nach dem Tode Alexanders des Großen teilten sich die Feldherrn in die
eroberten Gebiete[210].«
*Johannes Müller* wurde 1801 in Koblenz geboren. Seit 1824 wirkte er in
Bonn als Dozent für vergleichende Anatomie und Physiologie. Im Jahre
1833 siedelte er nach Berlin über, wo er das Haupt der bedeutendsten
Physiologenschule wurde. *Schwann*, *Dubois Reymond*, *Helmholtz*,
*Brücke* und *Virchow* zählten zu seinen Jüngern. *Müller* starb im
Jahre 1858 in Berlin, der Hauptstätte seiner hervorragenden Wirksamkeit.
Als *Müller* seine Laufbahn begann, war die Wissenschaft in Deutschland
derartig von Philosophie und Ästhetik überwuchert, daß *Müller* wie der
gleichalterige *Liebig* zunächst Gefahr lief, von den Pfaden echter
Naturforschung abgelenkt zu werden. Die philosophische Spekulation
hatte, ausgehend von unklaren Vorstellungen über die galvanische
Elektrizität, um jene Zeit am ungünstigsten die Physiologie beeinflußt,
denjenigen Zweig der Naturwissenschaft, dem *Müller* sich zunächst
selbständig forschend zuwandte.
Ein meist planloses Experimentieren mit lebenden Tieren bei dem einen
Teil der Physiologen und eine Abneigung gegen die Vivisektion bei dem
anderen kennzeichnete die Physiologie vor dem Auftreten *Johannes
Müllers*. Mit ihm setzte die besonnene, zielbewußte Arbeitsweise auf
diesem Gebiete ein. Nachdem *Müller* sich von der naturphilosophischen
Richtung mit ihren heute geradezu unbegreiflichen Auswüchsen und
Verirrungen um 1824 entschieden abgewandt hatte, verfiel er durchaus
nicht etwa dem bloßen Empirismus. Wie alle echten Naturforscher
erkannte er eine Philosophie, die nach dem Verständnis für den inneren
Zusammenhang der Tatsachen strebt und auf dem sicheren Boden der
exakten Forschung ruht, voll an.
*Müllers* erste Experimentaluntersuchung betraf die Funktionen der
Rückenmarksnerven, eine Aufgabe, die sich nur durch Versuche am
lebenden Tiere lösen ließ. Der Engländer *Bell* hatte den Satz
aufgestellt, daß die sensiblen und die motorischen Nervenfasern
getrennt aus dem Rückenmark hervortreten. Den sicheren Beweis für die
Richtigkeit des Satzes, daß die vordere Wurzel eines Rückenmarksnerven
nur motorische, die hintere dagegen nur sensible Fasern enthält,
lieferte *Müller*. Durch seine Untersuchung der Rückenmarksnerven
begründete *Müller* auch die Lehre von den im Rückenmark zur Auslösung
kommenden, ohne Zutun des Bewußtseins erfolgenden Reflexbewegungen.
*Müller* zeigte, daß diese Bewegungen, da sie rein automatisch vor sich
gehen, auch von dem frisch geköpften Tiere vorgenommen werden.
Als ein zweiter *Haller* unternahm es *Müller*, das gesamte Gebiet der
Physiologie des tierischen und des menschlichen Organismus, gestützt
auf eine außerordentliche Fülle von Erfahrungen, zusammenhängend zu
bearbeiten. So entstand sein großes »Handbuch der Physiologie«[211].
Die Leistungen *Müllers* auf den Gebieten der Zoologie, der Anatomie
und der Entwicklungsgeschichte gehören gleichfalls zu den bedeutendsten
des 19. Jahrhunderts. Sie können indessen hier nur angedeutet werden.
So geht auf *Müller* die große Verallgemeinerung der Zellenlehre, die
mit dem Namen seines Schülers *Schwann* verknüpft ist, zurück. Es war
im Jahre 1835, als *Müller* auf die Ähnlichkeit zwischen den Zellen
der Chorda dorsalis, jenes Stranges, der bei den niedersten Tieren die
Stelle der Wirbelsäule vertritt, und den Pflanzenzellen hinwies. Auch
in dem Glaskörper und dem Fettgewebe bemerkte *Müller* die zellige
Zusammensetzung. Er erblickte sogar den Kern der Knorpelzellen, und
*Schwanns* Arbeit, die für sämtliche tierischen Gewebe die Entstehung
aus Zellen nachweisen sollte, entstand sozusagen unter seinen Augen.
Durchdrungen von *Cuviers* Lehre, daß in jeder großen Abteilung des
Tierreichs gewissermaßen ein Bauplan verwirklicht sei, suchte *Müller*
diesen Plan für den Kreis der Wirbeltiere eingehend und mit besonderer
Berücksichtigung der niederen Gruppen dieses Kreises darzulegen.
So entstanden seine vergleichend anatomischen Untersuchungen der
Myxinoiden, die mit den Neunaugen und dem Amphioxus die unterste Grenze
des Wirbeltierstammes bilden. Von hier aus dehnte *Müller* seine
Forschungen über die Haie aus und gelangte endlich zu einer neuen
natürlichen Einteilung der Fische.
Unter den wirbellosen Tieren hat *Müller* die Klasse der Stachelhäuter
(Echinodermen) mit einer solch weitgehenden Genauigkeit durchforscht,
daß diese bis dahin nur ganz mangelhaft bekannte Klasse durch ihn in
ihrer typischen Gestaltung und Gliederung erkannt und zu einer der
besterforschten des gesamten Tierreichs wurde. Der Kreis der Urtiere
endlich wurde durch *Müller* um den Typus der Radiolarien bereichert,
deren genauere Erforschung er seinem Schüler *Häckel* überließ.
Unter den allgemeinen Ergebnissen der physiologischen Arbeiten
*Müllers* steht das Gesetz von den spezifischen Energien der
Sinnesorgane obenan. Es bringt zum Ausdruck, daß die Art der
Wahrnehmung eines Sinneseindrucks »nicht den äußeren Dingen, sondern
der Nervensubstanz anhaftet, und daß z. B. der Sehnerv nicht erregt
werden kann, ohne in den ihm eingeborenen Energien des Lichten und
des Farbigen tätig zu sein.« Das Licht und die Farben existieren also
nicht als etwas Fertiges, Äußerliches, von dem berührt der Sinn die
entsprechende Empfindung hat, sondern die Sehsinnsubstanz bringt, von
jedwedem Reiz erregt, immer diesen Reiz in den Energien des Lichten,
Dunklen und Farbigen sich selbst zur Empfindung. Der Sehnerv kann gar
nicht erregt werden, ohne sich selbst leuchtend zu sehen, der Hörnerv
nicht, ohne eine Tonempfindung zu haben, der Geschmacksnerv nicht,
ohne zu schmecken usw. Es ist ferner ganz gleichgültig, welcher Art
die Reize sind, die ein Sinnesorgan treffen, ihre Wirkung hängt immer
von den Energien des betreffenden Organes ab. Druck, Erschütterung,
Reibung, Kälte und Wärme, der galvanische Strom, chemische Agentien,
die Pulse des eigenen Körpers, die Entzündung der Netzhaut, kurz alle
nur denkbaren Reize, die auf den Sehnerven wirken, wirken auf ihn nur
so, daß sie die Empfindung des Dunklen, die er auch ohne Reiz hat, zur
Empfindung des Lichten und des Farbigen treiben.
Ebenso bewirken alle denkbaren Arten von Reiz auf den Bewegungsnerven
stets nur die Zusammenziehung des Muskels. Was aber dem, das die
Lichtenergie in unserem Auge hervorbringt, wesentlich zugrunde liegt,
das wissen wir nicht.
Licht, Dunkel, Farbe, Ton, Wärme, Kälte, die verschiedenen Gerüche
und der Geschmack, mit einem Worte, alles, was uns die fünf Sinne
an allgemeinen Eindrücken bieten, sind also nicht die Wesenheiten
der äußeren Dinge, sondern die Qualitäten unserer Sinne. Daß die
Bedingungen für die verschiedenen Töne, Gesichtserscheinungen usw. in
den äußeren Dingen gegeben sind, wird damit nicht geleugnet. Indes die
Wesenheit der äußeren Dinge und dessen, was wir äußeres Licht nennen,
bleibt uns unbekannt. Wir kennen nur die Wesenheiten unserer Sinne, und
von den äußeren Dingen wissen wir nur, inwiefern sie auf uns in unseren
Energien wirken.
So *Johannes Müller* in der Entwicklung seiner Ansichten über die
spezifischen Energien der Sinnesorgane. Fehlte es hier *Müller*
auch nicht an Vorläufern, so hatte doch niemand vor ihm mit der
gleichen Klarheit und derselben überzeugenden Beredsamkeit das
Verhältnis zwischen dem empfindenden Subjekt und den auf dieses
eindringenden Reizen geschildert. *Müllers* Lehre ist nicht nur für die
Sinnesphysiologie, sondern auch für die neuere Philosophie grundlegend
geworden.
Bemerkenswert sind auch die Untersuchungen *Müllers* über das Sehen
mit zusammengesetzten Augen, wie wir sie bei den Insekten finden[212].
Aus einer genauen anatomischen Untersuchung dieser Sehorgane erschloß
*Müller* die physikalischen Bedingungen, nach denen hier das Sehen, das
er ein musivisches Sehen nannte, vor sich geht.
[Illustration: Abb. 27. Das zusammengesetzte Auge der Insekten.
_a_ Facetten, _b_ Kegel, _c_ Farbstoff, _d_ Sehnerven.]
Der anatomische Bau der zusammengesetzten Augen bedingt, wie *Müller*
nachwies, daß einer bestimmten Stelle der Netzhaut nur Licht von
einer bestimmten Stelle des Gegenstandes zukommen kann, das von allen
anderen Teilen der Netzhaut ausgeschlossen wird. Dies geschieht in den
zusammengesetzten Augen durch die zwischen den Fasern des Sehnerven und
den Facetten der Hornhaut gelegenen, mit Farbstoff bekleideten Kegel.
Jeder dieser Kegel (Abb. 27) läßt nur das Licht, das unmittelbar durch
seine Achse einfällt, zu der Faser des Sehnerven d gelangen, mit der
der Kegel an seiner Spitze verbunden ist. Alles schief einfallende
Licht wird nicht das untere Ende des Kegels erreichen und auch nicht
zur Wahrnehmung durch andere Fasern des Sehnerven gelangen, da es von
den mit Farbstoff bekleideten Wänden des im übrigen durchsichtigen
Kegels verschluckt wird. Je mehr durchsichtige Kegel in einem
Kugelabschnitt von bestimmter Größe vorhanden sind, um so bestimmter
wird die Begrenzung des Bildes im Innern des Auges werden.
Die im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor sich gehende
Errichtung der Physiologie auf biochemischer und biophysikalischer
Grundlage führte auch zu einer Erschütterung der alten philosophischen
Vorstellung, daß der Organismus von Lebensgeistern oder von einer
besonderen Lebenskraft beherrscht werde. Von dieser Vorstellung waren
selbst noch *Liebig* und *Müller* beherrscht. *Liebig* nennt die
Lebenskraft eine eigentümliche Kraft, weil ihr Äußerungen zukämen,
zu denen keine andere Kraft befähigt sei. So soll nach ihm ein
Zuckerteilchen sich nicht künstlich aus den Elementen aufbauen lassen,
weil es dazu einer Mitwirkung der Lebenskraft bedürfe[213]. Mit
jedem neuen Erfolge, den die Anwendung chemischer und physikalischer
Untersuchungsweisen auf physiologische Probleme zeitigte, wurde die
Annahme einer die übrigen Kräfte sozusagen in Fesseln haltenden
Lebenskraft hinfälliger. Am schärfsten wurde sie von *Dubois Reymond*
und dem Botaniker *Schleiden* bekämpft. Diese Forscher betrachteten
es als die nächstliegende Aufgabe der Physiologie das Leben aus den
physikalischen und chemischen Kräften zu erklären. Von keiner dieser
Kräfte kenne man bis jetzt die Grenzen ihrer Wirksamkeit im Organismus.
Wolle man selbst nicht in Abrede stellen, daß es neben jenen Kräften
im organischen Körper noch eine diesem eigentümliche Lebenskraft
gäbe, so sei doch so viel einleuchtend, daß erst dann von ihr die
Rede sein könne, wenn man die Wirkungssphäre aller anorganischen, im
Organismus tätigen Kräfte durchforscht habe. Dann erst sei man imstande
zu bestimmen, ob nun noch von dem Ganzen, das wir Leben nennen, ein
größerer oder geringerer Teil übrig bleibt, der sich nicht auf die
anorganischen Kräfte zurückführen läßt.
Gewiß war das Problem des Lebens nicht etwa, wie die Materialisten
wollten, durch diese Preisgabe schon gelöst. Andererseits läßt sich
aber auch nicht verkennen, daß man von einer Lebenskraft als einem
Etwas, das außer Zusammenhang mit der übrigen Natur steht, absehen
mußte, wenn man zu einer Ausdehnung des Energieprinzips auf den
gesamten Ablauf des Geschehens gelangen wollte.
7. Die Zelle wird als das Grundorgan der pflanzlichen und tierischen
Organismen erkannt.
Auf dem Gebiete der Botanik ist für die ersten Jahrzehnte des 19.
Jahrhunderts das Wiederaufblühen der seit ihrer Begründung durch
*Grew* und *Malpighi* sonderbarerweise fast ganz vernachlässigten
anatomischen Forschung bemerkenswert. Der Wert der Pflanzenanatomie
wurde von den Männern, die sich der reinen Systematik widmeten, so sehr
verkannt, daß z. B. ein *Linné* die Phytotomen gar nicht zu seinen
Fachgenossen, sondern zu den bloßen Liebhabern der Botanik rechnete.
Diese andauernde Verkennung einer der wichtigsten Grundlagen der
eigentlichen botanischen Wissenschaft rächte sich dadurch, daß man
in die sonderbarsten Irrtümer verfiel. So betrachtete *Linné* selbst
z. B. das Mark als den wichtigsten Teil der Pflanze, angeblich weil
es die Stelle des Gehirns der Tiere vertrete. Um die Wende zum 19.
Jahrhundert herrschten bezüglich der Zusammensetzung und der Tätigkeit
des Pflanzeninnern so viele Widersprüche, daß sich die Akademie der
Wissenschaften zu Göttingen veranlaßt sah, über diesen Gegenstand
für das Jahr 1805 einen Preis auszuschreiben. Der Erfolg dieses
Ausschreibens war so erfreulich, daß man dieses Jahr in der Folge als
den Wendepunkt in der Entwicklung der Pflanzenanatomie bezeichnet hat.
Der Preis wurde *Link*[214] zuerkannt, dessen Bestreben darauf
hinauslief, die Systematik mit der Pflanzenanatomie und der Physiologie
zu verbinden. Wie gering die Einsicht in den Bau der pflanzlichen
Organismen damals war, geht auch daraus hervor, daß *Link* erst
nachweisen mußte, daß auch die Flechten und die Pilze aus Zellen
bestehen. Von hervorragender Seite waren nämlich Zweifel dagegen
geäußert und diesen Organismen die pflanzliche Natur infolgedessen
überhaupt abgesprochen worden. Ein anderer Botaniker[215] hatte die im
Innern der Zellen auftretenden Stärkekörner für junge in der Bildung
begriffene Zellen gehalten. Auch diesen Irrtum widerlegte *Link*[216].
Doch beging er den neuen Irrtum, die jüngeren Zellen zwischen den
älteren entstehen zu lassen, während sie sich tatsächlich durch
Teilung bilden. Die Frage der Vermehrung der Zellen konnte eben erst
entschieden werden, nachdem man als den wesentlichsten Bestandteil der
Zelle ihren protoplasmatischen Inhalt erkannt hatte.
Der Aufschwung, den die Anatomie der Pflanzen zu Beginn des 19.
Jahrhunderts erfuhr, hing also nicht nur mit der Verbesserung des
Mikroskops, sondern vor allem mit der besseren Würdigung jenes
Wissenszweiges und auch mit dem Fortschritt der mikroskopischen Technik
zusammen. Während man anfangs die zu untersuchenden Pflanzenteile
durch ziemlich gewaltsame Mittel (Zerquetschen) zerkleinerte, lernte
man feine Schnitte nach verschiedenen Richtungen machen und suchte aus
den so erhaltenen Befunden sich ein der Wirklichkeit entsprechendes
Bild vom Zellenaufbau zu kombinieren. Kleine, uns heute als
selbstverständlich erscheinende Kunstgriffe, wie das Befeuchten feiner
Objekte, um ihr sofortiges Austrocknen zu verhindern, die Verwendung
von Deckgläsern, die Trennung der Gewebselemente durch Mazeration
und anderes mehr: alles das waren Dinge, die damals erst in die
mikroskopische Technik eingeführt wurden.
Das wertvollste Ergebnis der neueren Mikroskopie bestand in der
Erkenntnis, daß zwischen den Elementen der Pflanze und des Tieres
kein grundsätzlicher Unterschied besteht. Diese enge Verknüpfung
der Botanik mit der Zoologie vollzog sich durch *Schwann*, der
nachwies, daß sämtliche Lebewesen aus denselben Elementargebilden
zusammengesetzt sind. Während man zuerst das Hauptgewicht auf die
formbestimmende Zellwand gelegt hatte, erkannte man die letztere
jetzt als das Sekundäre und den Zellinhalt als den eigentlichen Sitz
der Lebensvorgänge. Die schon während des 18. Jahrhunderts[217] in
der Pflanzenzelle wahrgenommenen Bewegungen wurden als ein Kreisen
dieses Zellinhalts, des Protoplasmas, gedeutet. Man bemerkte,
daß ein Teil des letzteren eine gewisse Beständigkeit besitzt,
und nannte diesen Kern[218]. Ferner war auf die Ähnlichkeit des
Gefüges gewisser tierischer Gewebe mit dem zelligen Bau der
Pflanzen schon öfter hingewiesen worden[219], als *Schwann* es
unternahm, durch seine über alle Teile des Tieres sich erstreckenden
»Mikroskopischen Untersuchungen« die Übereinstimmung in dem Aufbau
und dem Wachstum aller Lebewesen darzutun. Nach *Schwanns* Ausspruch
ist die Zellenbildung das gemeinsame Entwicklungsprinzip für die
verschiedensten Teile der Organismen. Diese kühne Verallgemeinerung,
deren Nachweis bis in alle Einzelheiten erst im Laufe der nachfolgenden
Jahrzehnte geschehen konnte, hat nicht weniger wie alle übrigen in
dieser Periode geschehenen Fortschritte das wissenschaftliche Denken in
neue Bahnen lenken helfen.
*Theodor Schwann* wurde 1810 in der Rheinprovinz[220] geboren. In Bonn
schloß er sich an den großen Physiologen *Johannes Müller*[221] an. Er
folgte diesem nach Berlin. Dort entstand unter *Müllers* Einfluß und
Mitwirkung *Schwanns* Lehre von dem Aufbau des gesamten Organismus aus
Zellen oder metamorphosierten, auf Zellen zurückführbaren Gebilden. Als
Physiologe ist *Schwann* als der Entdecker des Pepsins und durch seine
Versuche über Gärung und Fäulnis bekannt geworden[222].
Auf seine Zellentheorie wurde *Schwann* durch zwei Umstände geleitet.
Einmal lagen viele Einzelbeobachtungen vor, die eine Analogie in
der Zusammensetzung des Tier- und Pflanzenkörpers vermuten ließen.
So hatte, wie erwähnt, schon *Müller* bei der Untersuchung des
Knorpelgewebes und der Chorda dorsalis der niederen Wirbeltiere eine
an die Zellen der Pflanzen erinnernde Zusammensetzung aufgefunden.
Auf die gleiche Analogie führte auch das Studium der ersten
Entwicklungsvorgänge. Seitdem *von Baer* das menschliche Ei entdeckt
hatte, sah man, daß die Entwicklung durch die ganze Reihe der Lebewesen
mit einem einfachen Bläschen anhebt, das sich durch wiederholte
Teilung zunächst zu einem zelligen Gebilde, der Keimblase, gestaltet.
Dieser als Furchung bezeichnete Vorgang wurde zuerst am Froschei
entdeckt[223], dann an Fischeiern nachgewiesen und endlich als das
erste Entwicklungsstadium aller Tiere mit alleiniger Ausnahme der
Protozoen erkannt.
Die Protozoen oder Urtiere bilden gleich einigen Formen der niedersten
Pflanzen dadurch eine Ausnahme, daß sie während ihres ganzen Lebens auf
dem Standpunkt eines einzelligen Wesens verharren, also morphologisch
stets der Eizelle gleichwertig bleiben.
Die Entwicklung der übrigen Lebewesen war somit nichts anderes als
eine fortgesetzte, von bestimmten Wachstumsgesetzen beherrschte und
durch Teilung bewirkte Vermehrung von Zellen, auf deren Anordnung und
Umbildung sich alle Organe zurückführen ließen. So war man auf dem
Wege der Histologie sowohl als durch die Entwicklungsgeschichte zu dem
Ergebnis gelangt, daß alle Lebewesen entweder einzellige Gebilde oder
Zellvereinigungen, Zellenstaaten sind, in welchen jede einzelne Zelle
als Elementarorganismus in den Dienst des Gesamtorganismus gestellt ist.
Eine systematische Darstellung gab *Schwann* seiner Lehre in der
Schrift: »Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der
Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen«[224].
Während es ein Leichtes war, den zelligen Bau der Pflanzen
nachzuweisen, boten die tierischen Gewebe mit ihren weitgehenden
Abänderungen des Grundtypus der Zelle besondere Schwierigkeiten.
Dieser Schwierigkeiten wußte *Schwann* durch die Ausbildung der
mikroskopischen Technik und ein beharrliches Verfolgen des leitenden
Grundgedankens Herr zu werden.
Eine entscheidende Rolle bei der Beantwortung mancher Frage spielte das
Studium der Entwicklung. Nur an der Hand der Entwicklungsgeschichte
ließ sich dartun, daß im fertigen Zustande so außerordentlich
verschiedenartige Dinge wie Muskeln, Nerven und Nägel aus Zellen
entstehen, welche durchaus den Pflanzenzellen entsprechen.
Indessen erwies sich nicht jede Zelle des Tieres als ein den
Pflanzenzellen entsprechendes Gebilde. Wollte *Schwann* Zellen
tierischer Gewebe jenem Elementargebilde der Pflanzen zur Seite
stellen, so konnte dies mit Sicherheit nur auf einem der folgenden
Wege geschehen. »Entweder zeigt man«, sagt *Schwann*, »daß ein großer
Teil der tierischen Gewebe aus Zellen, von denen jede ihre besondere
Wand haben muß, entsteht oder besteht. Oder man weist bei einem
einzelnen, aus Zellen bestehenden tierischen Gewebe nach, daß in diesen
Zellen ähnliche Kräfte wirken, wie in den Pflanzenzellen, d. h. daß
Ernährung und Wachstum auf dieselbe oder eine ähnliche Art vor sich
gehen.« Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete er z. B. die Sache,
als er gelegentlich seiner Untersuchungen über die Nervenendigungen in
dem Schwanze der Froschlarven nicht nur die schöne zellige Struktur
der Chorda dorsalis[225] sah, sondern auch die Kerne in den Zellen der
Chorda entdeckte. Auch das Innere der Chorda von Fischen gleicht ganz
dem Zellgewebe der Pflanzen (siehe Abb. 28). *Schwann* erkannte an den
Berührungsstellen dreier Zellen, daß jede Zelle der Chorda von einer
besonderen Haut umgeben ist. Die Zellen waren von sehr verschiedener
Größe, sie hatten eine unregelmäßige, polyedrische Gestalt; ihre Wände
waren sehr dünn, farblos, glatt, fast vollkommen durchsichtig, fest und
wenig dehnbar.
[Illustration: Abb. 28. Die Zellen der Chorda dorsalis einer Plötze.
(Aus *Schwanns* Untersuchungen.)]
Bei weitem die meisten dieser Zellen enthielten einen sehr deutlichen
Kern. Er stellte ein etwas gelblich gefärbtes Scheibchen dar, von
ovaler Form, etwas kleiner als ein Froschblutkörperchen und fast ebenso
platt. In diesem Scheibchen erblickte *Schwann* einen oder zwei dunkle,
scharf umschriebene Flecken. Das Scheibchen glich also durchaus dem
Kern der Pflanzenzellen mit seinen Kernkörperchen und war mikroskopisch
gar nicht davon zu unterscheiden.
Als ein Gewebe, das sich gleichfalls zum Nachweis der zelligen
Struktur des Tierkörpers vortrefflich eignete, erkannte *Schwann*
das Knorpelgewebe. Es zeigte sich aus kleinen, polyedrischen, dicht
aneinander liegenden Zellen mit abgerundeten Ecken zusammengesetzt.
Der Zellinhalt war durchsichtig und ließ an einigen Zellen schon im
frischen Zustande, an anderen erst nach der Einwirkung von Wasser einen
kleinen, blassen, runden Kern erkennen. Jede Zellhöhle zeigte sich mit
einem dicken Ring, ihrer Wand, umgeben, deren äußere Begrenzung bald
mehr, bald weniger deutlich war. Zwischen zwei Zellen flossen diese
äußeren Umrisse zu einer Linie zusammen, liefen aber auseinander,
wenn die Berührung der Zellwände aufhörte, so daß oft ein drei- oder
viereckiger Zwischenraum, gefüllt mit einer Art Interzellularsubstanz
zwischen den Zellwänden übrig blieb.
So führte die Untersuchung über die Chorda dorsalis und die Knorpel
zu dem Hauptergebnis, daß diese Gewebe aus Zellen bestehen, welche
durchaus den Zellen der Pflanzen entsprechen. Indem *Schwann*
seine Untersuchung auf die Knochen, Muskeln, Nerven, Gefäße und
Oberhautbildungen ausdehnte, kam er bezüglich dieser Gewebe zu dem
gleichen Schluß. Es war somit eine Hauptscheidewand zwischen Tier-
und Pflanzenreich, die vermeintliche Verschiedenheit des Gefüges
nämlich, gefallen. Von jetzt an entsprachen bei der Untersuchung von
tierischen Geweben die Bezeichnungen Zelle, Zellhaut, Zellinhalt, Kern,
Kernkörperchen durchaus den gleichnamigen Teilen der Pflanzenzellen.
Mit der Erkenntnis, daß sich jeder Organismus aus Einzelwesen niederer
Ordnung zusammensetzt und gleichsam einen Staat bildet, änderte sich
auch die Auffassung vom Leben. Es erschien nicht mehr an ein bestimmtes
Zentrum, wie das Nervensystem, gebunden. So sagt *Virchow*, der in
seiner Zellularpathologie[226] *Schwanns* Lehren ausbaute und auf das
medizinische Gebiet übertrug, jedes Tier erscheine als eine Summe
vitaler Einheiten, von denen jede den vollen Charakter des Lebens an
sich trage. Die Einheit des Lebens könne also nicht an einem gewissen
Punkte, z. B. dem Gehirn, gesucht werden, sondern nur in der bestimmten
Einrichtung, die jedes Element in sich trage. Jeder Organismus
erscheint danach als eine Art von gesellschaftlicher Verknüpfung, in
der die einzelnen Existenzen aufeinander angewiesen sind. Jede Zelle
übt wie die einzelnen Bürger des Staates ihre besondere Tätigkeit aus.
Sie ist indessen auf die Anregung, die sie von den anderen Zellen und
Zellkomplexen her empfängt, angewiesen. Auch die abnormen Vorgänge,
die wir Krankheiten nennen, spielen sich nach der von *Virchow*
begründeten und als Zellularpathologie bezeichneten Lehre an den
einzelnen Zellen oder an bestimmten Zellgebieten ab. Damit wurde dem
seit alters geführten Streit, ob die Krankheit wie eine geheimnisvolle
Macht den ganzen Organismus beherrscht (Solidarpathologie) oder
ob sie in einer Veränderung der Säfte, insbesondere des Blutes,
besteht (Humoralpathologie) der Boden entzogen. Daß man bald nach
der Begründung der Zellularpathologie immer deutlicher die Bazillen
als die Erreger mancher Krankheiten kennen lernte, führte keine
Änderung an der durch *Virchow* begründeten Auffassung herbei. Man
erkannte nämlich, daß es sich bei den durch parasitäre Mikroorganismen
bewirkten Infektionskrankheiten um Giftwirkungen der von den Parasiten
ausgeschiedenen Stoffe handelt.
Einen wichtigen Fortschritt bedeutete *Virchows* Auffassung von der
Entstehung der Zelle. *Schwann* und andere hatten noch angenommen, daß
die Zellen aus gewissen, zwar aus organischer Substanz bestehenden,
aber noch nicht organisierten Bildungsflüssigkeiten (Cytoblastem)
hervorgehen. *Virchow* dagegen zeigte, daß es eine derartige
Zellenentstehung ebensowenig gibt wie eine Generatio aequivoca, d. h.
eine Urzeugung von Organismen. Wo eine Zelle entsteht, da muß eine
Zelle vorausgegangen sein, ebenso wie das Tier nur aus dem Tiere,
die Pflanze nur aus der Pflanze entstehen kann. Auf diese Weise ist,
wenn es auch einzelne Punkte gibt, wo der strenge Nachweis noch
nicht geführt werden konnte, doch als Prinzip gesichert, daß in der
ganzen Reihe alles Lebendigen ein ewiges Gesetz der kontinuierlichen
Entwicklung herrscht[227].
War auch der Kern der neu gewonnenen Anschauung ein richtiger, so hat
man sie in ihrer Bedeutung als Erklärungsprinzip zunächst doch, wie es
mit allem, was neu ist, zu geschehen pflegt, erheblich überschätzt.
»Die Zelle wurde für die Biologie, was das Atom für die Chemie
bedeutet. Alle allgemeinen Begriffe wurden beseitigt und durch die
Zellentheorie angeblich erklärt. Die Erblichkeit, die Variabilität, das
Leben, die Beseeltheit und andere noch so dunkle Erscheinungen wurden
auf Zellen und ihre Teile zurückgeführt«[228].
Am meisten schoß *Schwann* selbst, von der Wichtigkeit seiner
Entdeckung durchdrungen, in seiner Theorie der Zellen über
das Ziel hinaus. Die Zellbildung betrachtete er als eine Art
Kristallisationsprozeß, und die Organismen erschienen ihm als die
Formen, unter denen imbibitionsfähige Stoffe kristallisieren. Der
Organismus entsteht »nach blinden Gesetzen der Notwendigkeit, die
ebenso durch die Existenz der Materie gesetzt sind, wie die Kräfte in
der anorganischen Natur«. Jeder Elementarteil soll ein selbständiges
Leben besitzen und der ganze Organismus nur durch die Wechselwirkung
der einzelnen Elementarteile bestehen.
Den eifrigsten Bundesgenossen fand *Schwann* bei seiner Begründung der
Zellenlehre in dem Botaniker *Schleiden*. Schon vor dem Erscheinen von
*Schwanns* »Untersuchungen« hatte *Schleiden* den Satz ausgesprochen,
daß die Zelle das eigentliche Elementarorgan der Pflanze sei. Auch
auf den Inhalt und die Entstehung der Zelle lenkte *Schleiden* das
Augenmerk, wenn es ihm selbst auch nicht gelang, richtige Vorstellungen
über diese Dinge zu gewinnen.
*Schleiden*[229] widmete sich in Göttingen und in Berlin der Botanik
und der Physiologie und wurde 1839 nach Jena berufen. Er wirkte vor
allem als Reformator der Botanik, indem er an die Stelle des immer noch
die überwiegende Tätigkeit der Botaniker ausmachenden Sammelns und
Beschreibens von Pflanzen eine mit den Hilfsmitteln der Chemie und der
Physik ausgerüstete Untersuchungsweise zu setzen und die Erforschung
des Pflanzenlebens als das würdigste Ziel der botanischen Wissenschaft
hinzustellen suchte. In diesem Sinne bahnbrechend wirkte *Schleiden*
vor allem durch sein Werk »Die Botanik als induktive Wissenschaft«
(1842). Weitere Kreise machte *Schleiden* mit diesem neuen und echten
Gehalt der Botanik durch das populäre Werk »Die Pflanze und ihr Leben«
bekannt[230].
Auf den Inhalt der Zelle lenkte sich die Aufmerksamkeit der Botaniker,
als man in den Zellen eigentümliche Bewegungen wahrnahm[231], die sich
nur als Lebensäußerungen deuten ließen. Anfänglich war man sich über
das Substrat, an dem sich diese selbsttätigen Bewegungen abspielen, gar
nicht im klaren. Man sprach zuerst nur von Bewegungen des Zellsaftes,
bis man außer dieser von dem reinen Wasser nur wenig abweichenden
Lösung noch eine schleimige Substanz wahrnahm und als den eigentlichen
Sitz des Lebens erkannte. Daß sich ein Teil dieser Substanz durch
größere Konsistenz auszeichnet, hatte man schon 1831 wahrgenommen[232].
Man sah, daß dieser Zellkern bei der Zellteilung eine ganz wesentliche
Rolle spielt. Er zerfällt, wie 1835 wahrgenommen wurde[233], in zwei
Hälften, die darauf durch eine Scheidewand getrennt werden. Die
schleimige, den Zellkern als Bestandteil einschließende Substanz, die
man zuerst für Gummi hielt, wurde als ein stickstoffhaltiger, in seiner
ganzen Beschaffenheit dem tierischen Eiweiß ähnlicher Stoff erkannt und
als Protoplasma bezeichnet[234].
Daß man in dem Protoplasma der Pflanzen und der entsprechenden Substanz
der tierischen Zelle, der Sarkode, den eigentlichen Träger des Lebens
vor sich habe, wurde durch die Entdeckungen der vierziger und der
fünfziger Jahre des 19. Jahrhundert immer mehr zur Gewißheit. Man
bemerkte nicht nur die Bewegungserscheinungen, die sich im Innern der
Zelle an dem Protoplasma abspielen, sondern man sah, daß letzteres
auch ohne Zellhaut lebensfähig ist, und daß die Zellhaut von dem
Protoplasma erzeugt wird, wie etwa die Schnecke ihr Haus absondert. Als
Schwärmspore sah man das Protoplasma der Pflanzen sogar rasche, fast
willkürlich erscheinende Ortsveränderungen durchmachen[235].
An all diese für das Verständnis der Natur der Zelle äußerst wichtigen
Tatsachen schloß sich die Entdeckung, daß die Chlorophyllkörner, in
denen sich die Assimilation, die Erzeugung neuer organischer Substanz
aus anorganischen Verbindungen, abspielt, wie die Zellkerne, geformte
Teile des Protoplasmas sind. Als erstes sichtbares Assimilationsprodukt
sah man in den Chlorophyllkörnern die Stärke auftreten. Die Natur
dieses Stoffes wurde 1858 durch *Nägeli* ergründet[236]. *Nägeli* schuf
in seinem Werke über die Stärkekörner die Theorie des Wachstums der
organisierten Körper. Er zeigte, daß ihre Zunahme nicht in Analogie mit
der Kristallbildung durch Anlagerung neuer Substanz an die bestehende
erfolgt, sondern daß die organischen Körper durch Einlagerung neuer
Moleküle zwischen die vorhandenen wachsen[237].
*Nägeli*[238] hat auch die Kryptogamenkunde und die Einsicht in die
Entwicklungsvorgänge durch bahnbrechende Untersuchungen gefördert.
Die Frage nach der Entwicklung der Zelle und der Entstehung der
Gewebeformen, d. h. der von bestimmten Wachstumsgesetzen beherrschten
Zellverbände, hatte *Schleiden* besonders in Fluß gebracht. Er war
indessen so wenig zur Einsicht in diese schwierigen Gegenstände
gelangt, daß sich seine Ansichten als unhaltbar erwiesen und durch
*Nägelis* in den Grundzügen noch heute gültige Theorie ersetzt wurden.
*Nägeli*[239] erkannte vor allem, daß die Bildung neuer Zellen sich
stets an dem Protoplasma schon bestehender Zellen vollzieht, während
man vor ihm, als man das Protoplasma in seiner Bedeutung als Sitz des
Lebens noch nicht erkannt hatte, die Entstehung neuer Zellen zwischen
den vorhandenen älteren für möglich hielt. Ferner zeigte *Nägeli*, daß
die Vermehrung der Zellen in den wachsenden vegetativen Organen auf
Zellteilung beruht. Der Vorgang hebt mit einer Teilung des Zellinhalts
an und ist beendet, wenn sich zwischen den individualisierten Massen
ein Stück Zellhaut als Scheidewand gebildet hat. Diese, sowie jede
andere Zellwandbildung besteht nach *Nägeli* in der Abscheidung
stickstoffreier Zellulose aus der stickstoffhaltigen Substanz des
Protoplasmas.
Andere Arten der Zellbildung, darunter die sogenannte freie, kommen
nach *Nägeli* nur gelegentlich, z. B. bei der Fortpflanzung vor. So
entstehen die Keimzellen vieler Pilze durch Abschnürung, während bei
anderen Pilzen der Inhalt einer Zelle sich in viele kleine Massen
sondert, aus welchen dann durch Membranbildung die Sporen hervorgehen.
Indessen auch das Gegenteil findet nach *Nägeli* statt, indem eine
Keimzelle aus der Vereinigung des plasmatischen Inhalts mehrerer Zellen
entsteht.
Groß war der Abstand zwischen diesen Befunden, auf welchen die Anatomie
und die Entwicklungslehre sicher weiterbauen konnten und der Ansicht
des 18. Jahrhundert, nach der die Zellen als Hohlräume in einer
ursprünglich gleichartigen Masse[240] etwa so entstehen sollten, wie
sich die Luftblasen in dem Brotteig bilden.
Erst nachdem man die Natur und die Entstehung der Pflanzenzelle in der
Hauptsache richtig erkannt hatte, ließ sich die Entwicklung der Gewebe
von Zelle zu Zelle verfolgen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts galt
keine pflanzenanatomische Aufgabe für gelöst, wenn sich die Kenntnis
des fertigen Organes oder Gewebes nicht mit der Einsicht in seine durch
möglichst zahlreiche Stadien verfolgte Entwicklung verknüpfen ließ.
Man erkannte, daß sich nur auf diesem Wege mit der Einsicht in den
physiologischen Vorgang die durch ihn bestimmte morphologische Natur
der pflanzlichen Gewebe erkennen läßt.
Auch nach dieser Richtung waren vor allem *Nägelis* Forschungen
bahnbrechend, weil sie zu einer Einteilung der Gewebearten nach
morphologischen Gesichtspunkten führten[241]. *Nägeli* unterschied
das im Zustande der Teilung begriffene Gewebe (Meristem) von dem
Dauergewebe. Beide werden nach der Form der Zellen in Prosenchym
(Fasergewebe) und Parenchym (Füllgewebe) eingeteilt. Das Teilungsgewebe
der jugendlichen Organe (Urmeristem) z. B. besitzt parenchymatische,
das der Bildungsschichten prosenchymatische Zellen (Kambiumring). Diese
von *Nägeli* aufgefundenen Grundzüge einer genetischen Gewebelehre sind
für die weitere Entwicklung der Pflanzenanatomie maßgebend geblieben.
Mit *Nägelis* großer Arbeit über die Stärkekörner beginnt eine neue
Phase für die Untersuchung der Gewebselemente. Hatte man sich bis
dahin darauf beschränkt, die Bestandteile der Zellen in ihrer Form und
in ihren Beziehungen zu einander kennen zu lernen, so suchte man von
jetzt an auch in die innere Struktur, in den molekularen Aufbau der
Stärke, der Zellwand und später auch des Kernes und des Protoplasmas
einzudringen. Zu diesem Zwecke mußte die mikroskopische Technik[242]
stetig vervollkommnet und mit neuen, der Rüstkammer der Chemie und
der Physik entlehnten Hilfsmitteln versehen werden. An die Stelle des
bloßen Schauens trat das Experimentieren unter dem von Jahr zu Jahr
verbesserten Mikroskop. Infolge der Anwendung der verschiedenartigsten
chemischen Reagentien, die man auf die mikroskopischen Präparate
wirken ließ, erwuchs als ein besonderer Wissenszweig die Mikrochemie.
Durch die Verbindung des Mikroskops mit dem Polarisationsapparat
war es ferner unter Benutzung aller Methoden der physikalischen
Kristallographie möglich, aus dem optischen Verhalten der
Zellbestandteile auf die innere Struktur der organisierten Substanzen
zu schließen. Das Ergebnis war eine auffallende Analogie ihrer Teile
mit kristallinischen Gebilden. *Nägeli* wies nach, daß sich die
Mizellen (Molekularverbände) der organisierten Substanzen wie optisch
zweiachsige Kristalle verhalten. Die Mizellen als die kleinsten
Teile der organisierten Substanz sind nach ihm winzige, jenseits der
Beobachtung liegende Kristalle, die aus tausenden von chemischen
Molekülen kristallinisch aufgebaut sind. Das Wachstum, das durch bloße
Anlagerung nicht erklärt werden konnte, besteht nach dieser Theorie
darin, daß sich neue Moleküle an vorhandene Mizellen anlagern oder
daß sich neue Mizellen in den zwischen den alten befindlichen, Wasser
enthaltenden Zwischenräumen bilden.
Der Bau des Protoplasmas, dessen Kenntnis zu den ersten Voraussetzungen
für ein tieferes Eindringen in das Wesen dieser Substanz gehört,
bedarf nach vielen Richtungen noch der Aufklärung, zumal die neuesten
mikroskopischen Untersuchungen das unerwartete Resultat ergeben haben,
daß die Plasmakörper der einzelnen Zellen durch feine Fäden miteinander
in Verbindung stehen. Hierdurch erleidet die bisherige Auffassung
von der Individualität der Elementarorganismen eine weitgehende
Einschränkung, während andererseits nach Erkenntnis dieser Sachlage
sich für manches bisher wenig zugängliche Problem, wie z. B. die
Reizfortpflanzung und die Saftleitung, die Möglichkeit einer Lösung
eröffnet.
8. Die Geologie im Zeitalter des Aktualismus und in engerer Verknüpfung
mit den übrigen Naturwissenschaften.
Wie man in der Physik mit den Imponderabilien und in der Physiologie
mit der Lehre von der Lebenskraft aufräumen mußte, um dem Zeitalter
des Energieprinzips den Boden zu bereiten, so mußte auch aus der
Erdgeschichte ein Begriff verschwinden, der einer einheitlichen
Auffassung des Naturgeschehens im Wege stand. Es war dies der mit dem
Namen der Katastrophentheorie[243] verbundene Lehrbegriff.
Wir haben bereits an früherer Stelle[244] erfahren, daß schon im 18.
Jahrhundert geologische Anschauungen entstanden, welche den modernen
Lehren der Geologie darin sehr nahe kamen, daß man außergewöhnliche und
übernatürliche Einflüsse für die Geschichte unseres Planeten nicht in
Anspruch nahm, sondern alles geologische Geschehen aus den noch heute
wirkenden Kräften zu erklären suchte. Von dieser heute allgemein als
richtig anerkannten Auffassung wurde die Wissenschaft durch *Cuviers*
Katastrophentheorie für mehrere Jahrzehnte wieder abgedrängt. Allein
schon im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts tauchten gewichtige
Zweifel an dieser Theorie auf. Die Akademie zu Göttingen fühlte sich
deshalb veranlaßt, eine Preisaufgabe auszuschreiben, worin sie »die
gründlichste und umfassendste Untersuchung über die Veränderungen
der Erdoberfläche« verlangte. Und zwar sollten nicht nur diejenigen
Veränderungen in Betracht kommen, von denen die Geschichte Kunde gibt.
Sondern es handelte sich vor allem um die Schlüsse, die sich aus den in
historischer Zeit erfolgten Änderungen auf die in vorgeschichtlicher
Zeit erfolgten ziehen lassen. Eine geradezu bewundernswerte Lösung
dieser Preisaufgabe brachte die Arbeit des Deutschen *von Hoff*[245].
Naturgemäß baute sich *von Hoffs* »Geschichte der durch Überlieferung
nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche« in erster
Linie auf historisches Quellenstudium auf, das mit erstaunlicher
Gelehrsamkeit in kritischer und gedankenreicher Darstellung verwertet
wurde. Indessen wurde auch der zweite Teil der Aufgabe gelöst, und zwar
durchaus im Sinne der Anschauungen, die man später oft mit Unrecht
ausschließlich auf den englischen Geologen *Lyell* zurückgeführt hat.
Mit voller Klarheit geht das aus den Worten hervor, in denen *von
Hoff* das Ergebnis seiner Untersuchungen zusammenfaßt. Sie lauten etwa
folgendermaßen: »Weder die Überlieferungen noch die Beobachtungen
geben uns Beweise für eine einmalige oder eine wiederholte allgemeine
Umwandlung oder Zerstörung einer ganzen organischen Schöpfung.
Überwiegende Gründe fordern vielmehr, daß man die Veränderungen, die
man auf der Erdoberfläche wahrnimmt, allein den Wirkungen derjenigen
Kräfte zuschreiben darf, durch die man noch jetzt jede Naturerscheinung
hervorgebracht sieht«. Es genüge »die für uns unermeßliche Größe der
Zeiträume, in welchen diese Kräfte allmählich und immerfort gewirkt«
hätten, um die Veränderungen aus eben jenen Kräften zu erklären.
Das Hauptverdienst um den weiteren Ausbau dieser Lehre gebührt jedoch
*Lyell*. Es darf nur ein *von Hoff*, wie es so oft geschehen, nicht
neben ihm ganz in den Hintergrund gestellt werden. Hatte letzterer
die Frage mehr vom Standpunkte eines weitblickenden Historikers in
Angriff genommen, so behandelte sie *Lyell* in seinen epochemachenden
»Prinzipien der Geologie« mehr als Naturforscher[246].
*Charles Lyell* wurde 1797 in Schottland geboren und starb 1875 in
London. Er stammte aus einer reichbegüterten Familie und konnte
sich infolgedessen ausschließlich der Wissenschaft und geologischen
Forschungsreisen widmen. Der Erfolg seines Hauptwerkes, der Prinzipien,
war ein beispielloser. Die Beseitigung teleologischer Vorurteile und
mystischer Vorstellungen, sowie die Zurückführung alles Geschehens
auf sichergestellte, aus der Erfahrung geschöpfte Begriffe wurde
durch *Lyell* zur Losung. Nunmehr konnte die Geologie, die von jeher
ein beliebter Tummelplatz der Hypothesen gewesen war, nicht länger
an der Katastrophentheorie *Cuviers* und seiner Annahme wiederholter
Schöpfungen festhalten. Unter der Voraussetzung, daß die gestaltenden
Kräfte während der verflossenen Perioden und der Jetztzeit gleichartig
gewesen und der gesamte Naturverlauf ohne Unterbrechung vor sich
gegangen sei, erklärte *Lyell* die gewaltigen Veränderungen, welche
die Erdrinde aufweist, aus der vieltausendfachen Summierung der noch
heute wirkenden Ursachen, der actual causes. Nach diesem von *Lyell*
gebrauchten Ausdruck hat man die neue, durch *von Hoff* und *Lyell*
begründete Lehre auch wohl als Aktualismus bezeichnet.
Voraussetzung für diese Theorie war allerdings eine sehr viel größere
Zeitdauer des Ablaufs der Erdgeschichte, als man bisher angenommen
hatte. Für die ersten Geologen war es nach *Lyell* schon deshalb
unmöglich zu richtigen Folgerungen zu gelangen, weil sie über das
Alter der Welt und den Zeitpunkt der ersten Erschaffung lebender Wesen
ganz falsche Vorstellungen hatten. Wenn die früheren Vorurteile noch
heute beständen, so würden sie eine ähnliche Kette von Ungereimtheiten
hinsichtlich der Zeitdauer geologischer Perioden zur Folge haben.
*Lyell* erläuterte dies durch folgendes Beispiel:
Angenommen man könnte mit einem Blicke alle in Island, Italien,
Sizilien und anderen Teilen Europas während der letzten 5000 Jahre
entstandenen vulkanischen Kegel und sämtliche in diesem Zeitraum
ausgeflossenen Lavaströme überschauen, sowie die durch Erdbeben
veranlaßten Verwerfungen, Senkungen und Hebungen, die den verschiedenen
Deltas hinzugefügten Landmassen, wie auch diejenigen, welche das Meer
verschlang. Würde man sich dann vorstellen, alle diese Begebenheiten
hätten innerhalb eines einzigen Jahres stattgefunden, so muß man ganz
andere Vorstellungen von der Wirksamkeit der geologischen Kräfte
bekommen. Wenn man aber auf Jahrtausende schloß, wo die Sprache der
Natur auf Jahrmillionen hindeutete, so konnten jene älteren Geologen,
wenn sie logisch von solch falschen Voraussetzungen weiter gingen,
zu keinem anderen Schluß gelangen, als daß mit der Weltordnung eine
völlige Revolution vor sich gegangen sei.
Unermeßliche Zeiträume bilden die Voraussetzung, wenn man unter
der Annahme der Gleichartigkeit der früheren mit den jetzigen
Naturvorgängen die Bildung der gewaltigen sedimentären Schichten aus
noch heute wirkenden Ursachen erklären will.
Hinderlich für die Entwicklung richtiger geologischer Ansichten ist
nach *Lyell* auch die Unkenntnis über die Vorgänge im Erdinnern und in
der Tiefe der Ozeane gewesen. Erst die moderne Forschung hat auf diese
geologischen Vorgänge einiges Licht geworfen. *Lyell* dagegen konnte
noch sagen, der Geologe befinde sich diesen Vorgängen gegenüber in der
gleichen Lage wie jemand, der Steine brechen und verfrachten sieht und
sich nun abmüht, zu begreifen, was für ein Gebäude aus diesen Steinen
hergerichtet werden soll. Während nämlich der Geologe auf das Land
beschränkt sei und die Abtragung der Gebirge, sowie ihren Transport
nach dem Meere beobachte, könne er sich die neuen Ablagerungen, welche
die Natur am Grunde der Gewässer aufbaue, nur ausmalen.
Daß in der Erdentwicklung auch außergewöhnliche Katastrophen
vorgekommen seien, ja selbst in Zukunft vorkommen werden, stellt
*Lyell* übrigens keineswegs in Abrede. Nur von dem gesamten
regelmäßigen Verlauf abweichende Erscheinungen hält er für
ausgeschlossen. Als ein Beispiel für die Möglichkeit der Überflutung
eines beträchtlichen Teiles des festen Landes führt er die Verhältnisse
Nordamerikas an. Die Existenz der ungeheuren mehrere hundert Fuß über
dem Meeresspiegel gelegenen Süßwasserbecken jenes Landes genüge, um
infolge der fortschreitenden erodierenden Tätigkeit des Niagaraflusses
oder infolge einer durch Erdbeben hervorgerufenen Spaltenbildung oder
Senkung eine plötzliche Verwüstung Nordamerikas herbeizuführen.
Auch bei der Erklärung der durch die geologischen Befunde erwiesenen
Klimaschwankungen betont *Lyell* immer wieder die Gleichartigkeit der
früher wirkenden mit den heutigen Kräften. Er sucht solche Schwankungen
aus der Verlegung von Meeresströmungen, dem Wechsel in der Verteilung
von Wasser und Land und ähnlichen Einflüssen zu erklären.
Spekulationen über die frühesten Stadien der Erdentwicklung war
*Lyell* nicht zugetan. Nach ihm wird unser Planet erst Gegenstand der
wissenschaftlichen Erforschung und Betrachtung, nachdem sich auf ihm
mit dem heutigen vergleichbare Zustände herausgebildet haben.
Hinsichtlich der organischen Welt und ihrer durch die paläontologischen
Forschungen erwiesenen Veränderungen stand *Lyell*, als er »die
Prinzipien« schrieb, noch auf dem Standpunkte *Linnés* und *Cuviers*.
Auch ihm schien damals jede Art mit den ihr eigentümlichen Merkmalen
erschaffen worden zu sein. Auf eine wissenschaftliche Erklärung der
Tatsache, daß sich die Faunen und die Floren früherer Perioden von der
heutigen Lebewelt unterscheiden, war damit Verzicht geleistet.
Sofort nach der Begründung der Deszendenztheorie durch *Wallace* und
*Darwin* im Jahre 1858 änderte *Lyell* indessen seinen Standpunkt,
indem er die schon von *Lamarck* behauptete Verknüpfung aller
organischen Bildungen anerkannte. Er gehörte mit dem Philosophen
*Spencer* und dem Biologen *Huxley* zu den ersten, die sich für den
Transformismus in der von *Wallace* und *Darwin* ihm verliehenen
Gestalt erklärten. Infolgedessen erblickte *Lyell* in seiner letzten
Schaffensperiode seine wichtigste Aufgabe darin, die biologischen mit
den geologischen Problemen in Beziehung zu setzen und unter dem neuen
Gesichtspunkte auch die Herkunft und das Alter des Menschengeschlechts
in den Kreis wissenschaftlicher Betrachtung zu ziehen[247].
Unter den Forschern, welche die Lebewelt in ihrer geologischen
Bedeutung erkannten und ihre Grenzen in Raum und Zeit beträchtlich
erweiterten, ist vor allem *Ehrenberg* zu nennen.
*Christian Gottfried Ehrenberg*[248] (1795-1876) gehörte dem Kreise der
Naturforscher an, die *Alexander von Humboldt* nach seiner Rückkehr aus
Paris (1827) um sich vereinigte und auf jede Weise zu fördern wußte.
*Ehrenberg* ist der hervorragendste Mikroskopiker jener Zeit. Wie
kein anderer verstand er es, die Welt des kleinsten Lebens den über
seine Entdeckungen staunenden Zeitgenossen zu erschließen. Schon seine
Erstlingsarbeit, die er als Dreiundzwanzigjähriger unter dem Titel
»Sylvae rnycologicae Berolinenses« (Die Pilzflora Berlins) erscheinen
ließ, machte ihn berühmt. Das Motto, das er ihr mitgab, blieb für alle
späteren Arbeiten *Ehrenbergs* maßgebend. Es lautet:
»Der Welten Kleines auch ist wunderbar und groß,
Und aus dem Kleinen bauen sich die Welten«.
Diese Arbeit vom Jahre 1818 bereicherte die Wissenschaft mit einer
Menge neuer Formen. Bald darauf lieferte *Ehrenberg* den ersten
Nachweis einer kryptogamischen Zeugung, nämlich der Konjugation
(Zellpaarung) der Zweige eines Schimmelpilzes[249].
Während der Zeit von 1820-1825 unternahm *Ehrenberg* in Gemeinschaft
mit *Hemprich* eine naturwissenschaftliche Durchforschung der
Nilländer. Die Expedition ist auch deshalb erwähnenswert, weil sie eine
der ersten größeren derartigen Unternehmungen ist, die von Preußen aus
mit staatlichen Mitteln ins Werk gesetzt wurden. Ihre Ergebnisse waren
recht bedeutend. In zahlreichen Sendungen wurden 34000 Tier- und 46000
Pflanzenexemplare, im ganzen etwa 7000 Arten angehörend, nach Berlin
gesandt. Dazu kamen noch Mineralien, Gesteine und ethnographische
Gegenstände. Durchforscht wurden nicht nur Unter- und Oberägypten,
sondern auch Nubien, die Küsten des roten Meeres und Syrien. Großer
indessen als die Entdeckungen am Nil waren diejenigen, die *Ehrenberg*
mit seinem Mikroskop nach der Rückkehr von einer mit *Humboldt* nach
Mittelasien unternommenen Reise in den Tümpeln um Berlin gemacht hat.
Mit einer Ausdauer sondergleichen widmete er sich seitdem (1829) der
Erforschung derjenigen Mikroorganismen, die wir heute als Infusorien,
Bakterien, Diatomeen und Rädertiere unterscheiden. Er war der erste,
dem es gelang, Klarheit und Übersicht in den schier unendlichen,
verwirrenden Formenreichtum zu bringen, welchen diese Wesen darbieten.
Insbesondere widerlegte er den Wahn, daß sie von selbst entständen
und sich ineinander umwandeln könnten. Die größte Überraschung rief
die von *Ehrenberg* entdeckte Tatsache hervor, daß die blutähnliche
Substanz, die sich mitunter auf Brot findet, aus kleinsten Lebewesen
besteht. Damit fand das Bluten der Hostien, das im Mittelalter so oft
den religiösen Fanatismus erregt hatte, seine naturgemäße Deutung.
Auch zur Aufklärung des Meerleuchtens und des blutigen Regens, einer
Erscheinung, die so häufig ganze Völkerschaften in Schrecken versetzt
hat, trug *Ehrenberg* bei. In diesem und in jenem Falle handelte
es sich um die überraschende Gesamtwirkung massenhaft auftretender
Mikroorganismen, deren Vorhandensein er für die Tiefen des Ozeans,
die höchsten Bergspitzen und den Schnee der Polarzone nachwies. Die
Zusammenfassung all dieser Forschungen war *Ehrenbergs* großes, »Die
Infusorien als vollkommene Organismen« betiteltes Werk vom Jahre
1838[250]. Der wesentlichste Mangel dieses Werkes, der aber klein
ist gegenüber dem großen Gewinn, den es brachte, besteht darin,
daß *Ehrenberg* die innere Organisation, welche die Rädertierchen
darbieten, auch bei den Infusorien zu erblicken glaubte.
Eine neue Richtung und eine ganz ungeahnte Erweiterung gewannen
*Ehrenbergs* Untersuchungen, als er im Franzensbader Kieselgur die
Kieselpanzer kleiner Organismen entdeckte. Dies führte ihn dazu,
ähnliche jüngere und ältere geologische Bildungen zu untersuchen. Es
ergab sich, daß zahlreiche sedimentäre Bildungen bis zu den ältesten
Perioden, darunter solche, die man bisher für azoisch gehalten, die
gleiche Zusammensetzung aus den Kalk- oder Kieselschalen kleinster
Organismen aufweisen. Daß die Bildung sedimentärer Schichten
noch heute durch die gleichen Umstände bedingt ist, vermochte
*Ehrenberg* durch die Untersuchung des Meeresbodens und der Flußufer
nachzuweisen[251]. Selbst der Baugrund Berlins ist z.T. auf diese Weise
entstanden, wie *Ehrenberg* zur größten Überraschung seiner Mitbürger
nachwies. Diese Forschungen *Ehrenbergs*, in denen eine ganz neue
Wissenschaft emporwuchs, gipfelten in seinem zweiten Hauptwerk, der
Mikrogeologie[252].
Einen treffenden Ausdruck fand die Tätigkeit Ehrenbergs in folgenden,
ihm von der Akademie gewidmeten Worten[253]: »Wir sahen durch
*Ehrenbergs* Forschungen den Sand aus den Wüsten Afrikas und vom
Kreidegebirge des Jura, atmosphärischen Staub des atlantischen Ozeans,
Blutregen und mittelalterliche Wundererscheinungen, Proben aus dem
Tiefgrund des Golfstromes und aus dem mittelländischen Meere in
mikroskopische Organismen sich auflösen und das unsichtbare Leben in
die Systematik sich einordnen«.
Durch die wissenschaftliche Erforschung des Ozeans gelangte man auch zu
der Einsicht, daß neben den mikroskopisch kleinen Bewohnern des Meeres
vor allem die Korallentiere eine im geologischen Sinne gestaltende
Wirkung ausüben. Mit den gewaltigen Bauten, welche diese Geschöpfe
aufführen, wurde man zum ersten Male genauer durch die *Cook*sche
Weltumsegelung bekannt. Auch die russische Südseeexpedition, an der
*Chamisso* teilnahm (1814-1818), brachte manche wichtige Beobachtung.
Die bedeutendste Arbeit über Korallen und Korallenriffe veröffentlichte
1842 *Charles Darwin* auf Grund der Ergebnisse der von ihm ausgeführten
Beagle-Expedition[254]. Von ihm rührt die Einteilung der Korallenbauten
in Saumriffe, Wallriffe und Lagunenriffe (Atolle) her, sowie die
Annahme, daß sich aus einem Saumriff infolge der säkularen Senkung des
Meeresbodens zunächst ein Wallriff und schließlich ein Atoll bildet.
*Darwin* geht, um jene eigenartigen Bildungen zu erklären, von einer
mit Korallenriffen umsäumten Insel aus. Wenn eine solche Insel mit
ihrem Riff sich langsam senkt, so wird die lebende Masse, die sich
am Rande des Riffes in der Brandung badet, so lange wachsen, bis
sie die Oberfläche wiedergewinnt. Das Wasser wird gleichzeitig an
der Küste emporsteigen, so daß die Insel niedriger und kleiner, und
dementsprechend der Kanal zwischen dem inneren Rande des Riffes
und der Küste breiter wird. So entsteht ein Wallriff. Sinkt dieses
langsam abwärts, so werden die Korallen fortfahren, kräftig aufwärts
zu wachsen. In dem Maße wie die Insel sinkt, wird das Wasser Zoll für
Zoll die Küste erobern, die Bergspitzen, die zuerst getrennte Inseln
innerhalb des Riffes bildeten, werden verschwinden, bis endlich der
letzte und höchste Gipfel untertaucht. In dem Augenblick, in dem dies
eintritt, hat sich ein vollkommenes Atoll gebildet.
Wenn die Folgezeit auch lehrte, daß *Darwins* Theorie nicht sämtliche
Probleme aufklärt, die uns die Korallenriffe und die Koralleninseln
darbieten, so hat sie sich im großen und ganzen doch als zutreffend
erwiesen. Auch die neuerdings als geologisches Forschungsmittel in
Aufnahme gekommenen Tiefbohrversuche konnten *Darwins* Ansichten nur
bestätigen. Die Bohrungen ergaben stellenweise eine Mächtigkeit der
Korallenbildungen, die sich mit der Theorie, daß diese Bildungen durch
Anschwemmungen entstanden seien, nicht vereinigen ließ.
Auch die Pflanzenwelt wurde in dieser Periode in ihrer geologischen
Bedeutung gewürdigt. Seit 1830 etwa bediente man sich zur Untersuchung
der pflanzlichen Überreste des Mikroskops, das später, nachdem man das
Verfahren der Dünnschliffe ausgebildet hatte, bei der Untersuchung
der Gesteine eine solch große Rolle spielen sollte. Man vermochte
mit immer größerer Sicherheit den pflanzlichen Ursprung der fossilen
Brennstoffe und die auf einen gleichen Ursprung hinweisende Struktur
der verkieselten Hölzer nachzuweisen. Die Mächtigkeit der pflanzlichen
Überreste ließ auch schon erkennen, daß ihre Bildung unermeßliche
Zeiträume erfordert hat. Wenn man sich auch von dem Dogma, daß
die Arten konstant seien und daß eine Folge von Neuschöpfungen
stattgefunden habe, nicht ganz frei zu machen wußte, so wurde dieses
Dogma durch die Fülle der paläontologischen Entdeckungen doch immer
mehr erschüttert. *Unger* zum Beispiel, der zu den Begründern der
Phytopaläontologie gehört, nahm für die Entwicklung der Vegetation
als sicher an, daß sich die Pflanzenwelt stufenweise mit den großen
geologischen Perioden herausgebildet habe.
Auch auf dem Gebiete der Gebirgskunde trat an die Stelle der
Katastrophenlehre die Vorstellung einer allmählichen, aus den bekannten
physikalischen Kräften zu begreifenden Entstehung. Während man
vorher die großen Kettengebirge durch einen aus dem Innern der Erde
in radialer Richtung wirkenden Druck entstehen ließ, begann man sie
seit 1830 als Runzeln zu erkennen, die durch einen seitlichen Schub
emporgefaltet werden. Beobachtungen, die im Schweizer Jura gemacht
wurden, der noch heute als der reinste Typus eines Faltengebirges gilt,
ließen zuerst an den alten Anschauungen irre werden. Gleichzeitig
griff auch eine richtige Vorstellung von dem Zustandekommen derjenigen
Phänomene Platz, die man als glazial bezeichnet. Man begann, weit von
den heutigen Gletschern entfernte Geschiebe und Gesteinsschrammen
auf eine frühere gewaltige Vergletscherung unserer heutigen Gebirge
zurückzuführen. Zur Erforschung des Erratikums gesellte sich, seitdem
*John Ross* auf seiner Polarfahrt aus der Tiefe von 2000 Metern Schlamm
vom Meeresboden heraufgeholt hatte, die Tiefseeforschung. Jetzt erst
war man imstande, ein klares Bild von dem Aufbau der geologischen
Schichten zu gewinnen. Wie diese Ansätze sich weiter entwickelten, wird
an späterer Stelle gezeigt werden. Hier genügte der Nachweis, daß auch
die Entwicklung der Geologie auf jene große Reform hindrängte, die um
die Mitte des 19. Jahrhunderts die Naturwissenschaften umgestalten
sollte.