Chlorwasserstoff HCl

H\

Wasser O

H/

H\

und Ammoniak H-N

H/

Dazu kam später Grubengas[197] H\

H\

C

H/

H/

Die Radikale, um deren Isolierung man sich so sehr bemüht hatte, um sie

als wirkliche Bestandteile der Moleküle nachzuweisen, galten *Gerhardt*

nur noch als Beziehungen, wie er sich ausdrückt, und nicht als für sich

darstellbare Stoffe. Sie waren sozusagen Reste von Molekülen, und zwar

Reste, die bei gewissen Umsetzungen unverändert ausgetauscht werden.

Alkohol und Äther z. B. wurden von *Williamson*[198] auf den Typus

Wasser zurückgeführt:

H\ C_{2}H_{5}\ C_{2}H_{5}\

O O O

H/ H/ C_{2}H_{5}/

Wasser Alkohol Äther.

Den Typus Ammoniak legte *Hofmann*[199] den Alkylaminen zugrunde, indem

er zeigte, wie sie sich vom Ammoniak durch Ersatz des Wasserstoffs

durch Kohlenwasserstoffreste (Alkyle) ableiten lassen:

/H /C_{2}H_{5} /C_{2}H_{5} /C_{2}H_{5}

N-H N-H N-C_{2}H_{5} N-C_{2}H_{5}

\H \H \H \C_{2}H_{5}

Ammoniak Äthylamin Diäthylamin Triäthylamin.

*Hofmanns* Verfahren bestand darin, daß er die Halogenverbindungen

der Alkyle auf Ammoniak einwirken ließ und das entstandene

Alkylammoniumsalz durch Ammoniak zerlegte:

C_{2}H_{5}J + NH_{3} = NH_{2}(C_{2}H_{5})HJ.

NH_{2}(C_{2}H_{5}).HJ + NH_{3} = NH_{4}J + NH_{2}(C_{2}H_{5}).

Der Typus Ammoniak war dadurch einer großen Ausdehnung fähig,

daß man auf ihn auch die Alkylphosphor-, die Alkylarsen- und die

Alkylantimonverbindungen zurückführen konnte, in denen Phosphor Arsen

und Antimon die Stelle des Ammoniakstickstoffes einnehmen:

/C_{2}H_{5} /C_{2}H_{5} /C_{2}H_{5} /C_{2}H_{5}

N-H P-H As-H Sb-H

\H \H \H \H

Äthylamin Äthylphosphin Äthylarsin Äthystibin.

Die Arsine und Stibine[200], in denen die metallähnlichen Elemente

Arsen und Antimon an die Stelle von Stickstoff getreten sind, leiteten

zu den metallorganischen Verbindungen im engeren Sinne, z. B. den

Zinkalkylen über, an denen *Frankland* die Lehre von der Wertigkeit

oder der Valenz der Elemente entwickelte.

Da die ganze Mannigfaltigkeit der organischen Verbindungen sich nicht

auf wenige Typen zurückführen ließ, so ging man von den einfachen Typen

zu Doppeltypen und zu gemischten Typen über. Wie wir schon aus den

von *Wurtz* herrührenden Formeln ersahen[201], wurden Glykol auf den

Doppeltypus

H_{2} } O_{2}

H_{2} }

und Glyzerin auf den dreifachen Typus

H_{3} } O_{3}

H_{3} }

bezogen. Im Glykol sollte das zweiwertige Radikal C_{2}H_{4} die beiden

Wassermolekel in der Weise verbinden, wie es nachstehende Formel

erläutert:

H }

/ } O

C_{2}H_{4}

\ } O

H }

Ganz entsprechend wurde die Schwefelsäure durch Eintritt der

zweiwertigen Gruppe SO_{2} in den Doppeltypus

H_{2} } O_{2}

H_{2} }

abgeleitet:

H }

/ }O

SO_{2}

\ }O

H }

Für die Ableitung einer Verbindung aus einem gemischten Typus NH_{3},

H_{2}O diene folgendes Beispiel:

/H /H

N-H N-H

\H \

CO

/

O

\H

/H

O

\H Carbaminsäure.

Ammoniak, Wasser.

Aus der Typentheorie, wie aus der Radikaltheorie und der

*Berzelius*schen dualistischen Vorstellungsweise sind wertvolle

Bestandteile in die heute geltenden Anschauungen übergegangen. Sonst

würde sich die ausführliche Darstellung, die wir diesen Theorien

gewidmet haben, kaum rechtfertigen. Daß z. B. die Alkylamine in

ihrem Aufbau dem Ammoniak analog sind, daß gewisse Atomgruppen in

zahlreichen Verbindungen wiederkehren, daß sich in diesen oft ein

gewisser Dualismus findet: alles das hat sich bis auf den heutigen Tag

erhalten. Der Fehler der genannten früheren Theorien lag darin, daß

sie in einseitiger Bevorzugung des jeweils im Vordergrunde stehenden

Prinzips die Gesamtheit der Erscheinungen umfassen wollten. Daß

die Typentheoretiker auf diesem Wege zu rein künstlichen Systemen

gelangten und daß ihre Bemühungen sehr oft auf ein leeres Formelspiel

hinausliefen, erkannte vor allem *Kolbe*. Er suchte zwischen den

unorganischen und den organischen Verbindungen an Stelle rein

äußerlicher Beziehungen einen natürlichen Zusammenhang zu finden.

Der Grundgedanke, der ihn dabei leitete, stützte sich auf

pflanzenphysiologische Tatsachen. Da die Pflanze aus einfachen

anorganischen Verbindungen die organischen aufbaue, so sei damit

die Möglichkeit erwiesen, die organischen Verbindungen durchweg als

Abkömmlinge (Derivate) unorganischer Verbindungen aufzufassen. Aus

den letzteren sollten die organischen Stoffe durch wunderbar einfache

Substitutionsprozesse hervorgegangen sein[202]. *Kolbe* erblickte daher

in der Zurückführung der organischen auf unorganische Verbindungen die

wissenschaftliche Grundlage zu einer naturgemäßen Klassifikation der

ersteren. Die unorganischen Verbindungen waren ihm nicht bloße Schemen

im Sinne der eigentlichen Typentheoretiker, er wollte sie vielmehr

als reale Typen aufgefaßt wissen. Deshalb erblickte er die Aufgabe

der Chemie darin, die organischen Verbindungen aus den unorganischen

aufzubauen und damit gleichzeitig einen Einblick in ihre wirkliche

Konstitution zu gewinnen.

Die Verwirrung, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts hinsichtlich

der Auffassung der organischen Verbindungen bestand, wurde durch

den Umstand noch vermehrt, daß man sich über die Größe mancher

Atomgewichte und über die scharfe Unterscheidung der Atomgewichte von

den Äquivalenten noch nicht geeinigt hatte. Eine aus diesem Grunde

einberufene internationale Versammlung[203] kam zu dem Beschluß, daß

man über wissenschaftliche Fragen nicht durch Abstimmung entscheiden

könne. Auf dieser Versammlung trat besonders *Cannizzaro* im Gegensatz

zu *Dumas* für die Anschauung ein, daß die anorganische und die

organische Chemie nicht zwei verschiedene Wissenschaften seien, sondern

daß es nur eine Chemie gebe, die sich in ihrem unorganischen und

in ihrem organischen Zweige derselben Regeln und Methoden bedienen

müsse. Vor allem forderte *Cannizzaro*[204], daß die an unorganischen

Verbindungen entdeckte *Avogadro*sche Regel auf das gesamte Gebiet

der Chemie ausgedehnt und stets zur Bestimmung des Molekulargewichts

herangezogen werde. So ergaben sich, auf den Wasserstoff als Einheit

bezogen, z. B. folgende Molekulargewichte für einige bekannte

unorganische und organische Verbindungen:

Wasser 18 (H_{2}O)

Ammoniak 17 (NH_{3})

Kohlendioxyd 44 (CO_{2})

Alkohol 46 (C_{2}H_{6}O)

Äther 74 (C_{4}H_{10}O).

Um die Unsicherheit in der Wahl der Atomgewichte der Metalle zu

beseitigen, bediente sich *Cannizzaro* der von *Dulong* und *Petit*

gefundenen Regel, nach welcher die Atomwärme der Elemente konstant

ist[205]. *Dulong* und *Petit* hatten für eine Anzahl Grundstoffe

gefunden, daß das Produkt aus dem Atomgewicht und der spezifischen

Wärme nahezu eine konstante Zahl (6,5) ist. Schwankte man nun, wie

z. B. beim Quecksilber, ob man diesem Metall das Atomgewicht 100

oder 200 zuschreiben solle, so machte man die Probe mit Hilfe der

*Dulong-Petit*schen Regel. Für das Quecksilber, dessen spezifische

Wärme 0,0324 ist, ergab die Anwendung der Regel das Atomgewicht 200,

denn

200 . 0,0324 = 6,48.

Auf demselben Wege wurde das Atomgewicht des Kupfers, über dessen Größe

gleichfalls Meinungsverschiedenheiten bestanden, zu 63,5 bestimmt.

Aus der schärferen Bestimmung der Atom- und der Molekulargewichte,

sowie der Erkenntnis, daß nicht nur den zusammengesetzten Radikalen,

sondern auch den elementaren Atomen ein gewisser Substitutionswert,

eine Valenz oder Wertigkeit, zukommt, erwuchs seit der Mitte

der fünfziger Jahre die heute herrschende Atomverkettungs- oder

Strukturtheorie. Die Halogene (Chlor, Brom, Jod) und gewisse Metalle

gelten danach als einwertig, weil sie imstande sind, entweder

sich mit einem Atom Wasserstoff zu verbinden oder ein solches in

Verbindungen zu ersetzen. Sauerstoff und Schwefel einerseits, sowie

die Metalle Calcium, Barium, Zink und andere werden, da sie den

doppelten Substitutionswert besitzen, als zweiwertig bezeichnet.

Die Valenzverhältnisse innerhalb der Stickstoffgruppe (Stickstoff,

Phosphor, Arsen, Antimon, Wismut) hat besonders *Frankland*

aufgeklärt[206]. Er wies darauf hin, daß diesen Elementen eine

wechselnde, durch die Zahlen 3 und 5 bestimmte Valenz zukommt, und

daß beispielsweise der Phosphor in seiner Wasserstoffverbindung als

dreiwertig

/H

P-H,

\H

in seiner Jodwasserstoffverbindung dagegen als fünfwertig aufgefaßt

werden muß:

/H

/H

P-H

\H

\J

Ihren Abschluß erhielten die Fundamente der Valenztheorie erst dadurch,

daß *Kekulé* im Jahre 1858 das eigentliche organische Element, den

Kohlenstoff, als vierwertig erkannte. Wie sich durch *Kekulé* und

andere Forscher aus der Valenztheorie die Theorie der chemischen

Struktur entwickelte, soll in einem späteren Abschnitt dargestellt

werden.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 35 / 171 题