/NH_{2}
(CO )
\NH_{2}
lag überdies ein neuer Fall von Isomerie vor. *Berzelius* entdeckte
bald darauf (1830) die völlig gleiche Zusammensetzung der Weinsäure und
der Traubensäure. Er war es auch, der als besondere Fälle der Isomerie
die Polymerie und die Metamerie unterschied. Gasdichtebestimmungen
hatten nämlich zu dem Schlusse geführt, daß mitunter zwei oder
mehr Verbindungen bei gleicher prozentischer Zusammensetzung eine
Verschiedenheit in der Größe des Moleküls, d. h. in der Zahl der in
dasselbe eintretenden Atome aufwiesen, während in anderen Fällen
die gleiche Dampfdichte erkennen ließ, daß auch dieser Unterschied
im Aufbau fortfiel. Die isomeren Verbindungen von gleichem
Molekulargewicht wurden von *Berzelius* als metamer, die übrigen als
polymer bezeichnet.
Die späteren Arbeiten *Wöhlers* betrafen insbesondere das Gebiet
der anorganischen und der technischen Chemie. Sie können daher
in diesem Abschnitt, der sich mit der Begründung der organischen
Chemie beschäftigt, nicht näher betrachtet werden. Erwähnt sei nur,
daß *Wöhler* die Darstellung des Aluminiums (1827) lehrte[168] und
eingehende Untersuchungen über Silicium und Titan anstellte. Diese
Untersuchungen führten ihn zu der Erkenntnis, daß *Silicium* und
*Titan* zusammen mit dem Kohlenstoff eine wohl charakterisierte Gruppe
von Elementen bilden.
Die Führerschaft auf dem Gebiete der organischen Chemie übernahm
*Liebig*, der nach Beendigung der mit *Wöhler* gemeinsam verfaßten
Arbeit über das Bittermandelöl sich eine Reihe von Jahren mit der
Erforschung der organischen Säuren, insbesondere der Milchsäure, der
Äpfel- und der Harnsäure beschäftigte. Die reifste Frucht dieser
Untersuchungen war *Liebigs* 1838 veröffentlichte Abhandlung über die
Konstitution der organischen Säuren[169].
Nach der von *Lavoisier* aufgestellten und von *Berzelius* angenommenen
Lehre sollte der Charakter der Säuren durch ihren Gehalt an Sauerstoff
bedingt sein. *Berzelius* hatte für die Salze anorganischer und
später auch für die Salze organischer Säuren gefunden, daß der
Sauerstoffgehalt des Metalloxyds und des mit letzterem zu neutralem
Salz vereinigten Säureanhydrids in einem einfachen, für die
verschiedenen Salze der nämlichen Säure konstanten Verhältnis steht.
Diese Entdeckung wurde erweitert durch die Schlüsse, die *Graham*[170]
aus seiner Untersuchung über die Phosphorsäure zog. *Graham* zeigte
an dieser Säure, daß ihr Anhydrid sich zwar stets mit einer bestimmten
Menge Metalloxyd verbindet, daß dies aber nicht in einem, sondern
in mehreren Verhältnissen geschieht. An der Phosphorsäure wurde auf
diese Weise der Begriff einer mehrbasischen Säure entwickelt. Die
Sättigungskapazität einer solchen Säure war verschieden und zwar erwies
sich die Sättigungskapazität abhängig von dem zur Konstitution der
Säure gehörenden, sogenannten »basischen« Wasser (P_{2}O_{5}.H_{2}O =
2HPO_{3}; P_{2}O_{5}.2H_{2}O = H_{4}P_{2}O_{7}; P_{2}O_{5}.3H_{2}O =
2H_{3}PO_{4}). Das basische Wasser wurde nach dieser Auffassung bei der
Salzbildung durch äquivalente Mengen von Metalloxyden ersetzt.
Auf dieser Arbeit *Grahams* baute *Liebig* weiter. »Wir
schreiben«[171], führte er aus, »einem Molekül Phosphorsäureanhydrid
(P_{2}O_{5}) die Fähigkeit zu, sich mit mehr als einem Molekül Basis
verbinden zu können«. Dasselbe gelte für die Arsensäure und neun von
ihm untersuchte organische Säuren. So seien z. B. die Zitronensäure und
die Weinsäure hinsichtlich ihrer Basizität der Phosphorsäure ähnlich.
Man müsse daher alle Säuren in ein-, zwei- und mehrbasische einteilen.
*Liebig* erkannte ferner, daß die Acidität der Säuren nicht von ihrem
Gehalt an Sauerstoff, sondern von der Zahl der durch Metall ersetzbaren
Wasserstoffatome abhängt. Die dualistische Theorie der Säuren, nach
welcher diese als Verbindungen von Säureanhydrid mit Wasser aufgefaßt
wurden, ließ sich jetzt nicht mehr aufrecht erhalten. Vor allem
kämpfte *Liebig* dagegen, daß man dem Wasser die mannigfaltigsten
Eigenschaften zuschreibe und basisches Wasser als Bestandteil der
Säuren, Hydratwasser als Bestandteil der Basen, Kristallwasser usw.
unterscheide. Dies sei darauf zurückzuführen, daß man eine Schranke
zwischen den Haloidsalzen und den Sauerstoffsalzen gezogen habe. Für
*Liebig* war fortan der Wasserstoff das säurebildende Prinzip und er
erklärte[172]: »Säuren sind gewisse Wasserstoffverbindungen, in denen
der Wasserstoff durch Metalle vertreten werden kann.« Die Konstitution
der Salze sei somit analog derjenigen der Wasserstoffverbindungen, die
man Säuren nenne. Diejenigen Körper, die man bisher als wasserfreie
Säuren (z. B. P_{2}O_{5}) bezeichnet habe, erhielten ihre Eigenschaft
mit Metalloxyden Salze zu bilden, erst durch das Hinzubringen von
Wasser.
Die Grundlage für diese Auffassung der Säuren hatte schon *Davy*
durch einen Vergleich zwischen der Salzsäure und der Schwefelsäure
nebst ihren Salzen geschaffen. Jedoch erst *Liebig* vermochte dieser
Auffassung durch seinen auf zahlreiche Säuren sich erstreckenden
Vergleich zur allgemeinen Anerkennung zu verhelfen.
Die organischen Verbindungen lassen sich bekanntlich zum größten
Teil in zwei Gruppen unterbringen, in die Methanreihe und die Reihe
der aromatischen Verbindungen. Der Kohlenwasserstoff, welcher der
zuletzt erwähnten Reihe zugrunde liegt, wurde von *Faraday* im Jahre
1825 entdeckt, als *Faraday* die beim Zusammenpressen des Leuchtgases
entstehende Flüssigkeit untersuchte. Die erste wissenschaftliche
Untersuchung dieses Kohlenwasserstoffs, den man heute *Benzol* nennt,
rührt von *Mitscherlich* her. Wir haben diesen Forscher bereits
als einen Bahnbrecher auf dem Gebiete der Mineralchemie kennen
gelernt. *Mitscherlich* veröffentlichte seine Untersuchung über das
*Benzol*[173] und dessen Verbindungen im Jahre 1834. Seine Arbeit[174]
verdient es, daß wir uns mit ihrem Inhalte etwas eingehender befassen.
Als Ausgangspunkt für die Darstellung von Benzol diente *Mitscherlich*
die schon im 17. Jahrhundert bekannt gewordene Benzoësäure. Er
unterwarf das Gemenge dieser Säure mit Kalk der Destillation und
erhielt eine Flüssigkeit, die sich als identisch mit der von *Faraday*
im Jahre 1825 entdeckten Substanz erwies. Die Benzoësäure war in jene
Flüssigkeit und in Kohlendioxyd, das sich mit dem Kalk verbunden hatte,
gespalten worden[175], ein Weg, der typisch für die Gewinnung von
Kohlenwasserstoffen geworden ist. Nach diesem Verfahren lassen sich
nicht nur die aromatischen, sondern auch die fettsauren Verbindungen
zerlegen. Es sei nur an die Entstehung von Methan aus Essigsäure[176]
und von Chloroform aus Trichloressigsäure erinnert[177].
Das aus der Benzoësäure gewonnene, gereinigte Benzol brachte
*Mitscherlich* zunächst mit metallischem Kalium zusammen. Es zeigte
sich, daß letzteres seinen Metallglanz nicht einbüßte, ein Beweis,
daß das Benzol keinen Sauerstoff enthält. Seine Analyse ergab, daß
es aus etwa 92,5% Kohlenstoff und 7,5% Wasserstoff besteht[178].
Als eine Eigentümlichkeit, die er als Erkennungsmittel empfahl, hob
*Mitscherlich* hervor, daß das Benzol, mit rauchender Salpetersäure
erhitzt, den Geruch nach Bittermandelöl annimmt. Diese Beobachtung
führte *Mitscherlich* zur Darstellung des Nitrobenzols, das er erhielt,
wenn er Benzol nach und nach zu erwärmter rauchender Salpetersäure
hinzusetzte. Es bildete sich dann unter Ersatz von Wasserstoff durch
die Nitrogruppe (NO_{2}) eine neue, bei etwas über 200° siedende, ölige
Verbindung: