S T G = D tg φ

in welcher G die absolute Intensität des galvanischen Stromes

bedeutet, sind alle Größen außer G bekannt. Die absolute horizontale

Intensität des Erdmagnetismus (T) z.B. betrug an dem Ort und zur

Zeit der Versuche 1,702. Aus fünf Messungen, deren Ergebnisse nur

sehr wenig voneinander abwichen, erhielt *Weber*, wie oben erwähnt,

als elektrochemisches Äquivalent des Wassers den Wert 0,009376, d.

h. die absolut gemessene Einheit des galvanischen Stromes zersetzt

in der Sekunde 0,009376 mg Wasser. *Weber* bediente sich, wie

alle hier gegebenen Zahlen beweisen, für seine Messungen ebenso

wie *Gauß* der Sekunde, des Milligramms und des Millimeters als

Einheiten (Millimeter-Milligramm-Sekunden-System). Später ist man

jedoch zu größeren Einheiten (Zentimeter-Gramm-Sekunden-System oder,

kürzer ausgedrückt, CGS-System) übergegangen. Die Bestimmung des

elektrochemischen Äquivalents der absoluten Einheit der Stromstärke ist

von *Bunsen* und von *Joule* wiederholt worden. Die Übereinstimmung mit

dem von *Weber* gefundenen Resultat war eine fast vollkommene. Der Wert

betrug nämlich

nach *Bunsen* 0,00927 mg

nach *Joule* 0,00923 mg

und nach *Weber* 0,00937 mg.

Aus dem von *Weber* für seine Bestimmung des elektrochemischen

Äquivalents konstruierten Bifilargalvanometer ging übrigens als einer

der wichtigsten Meßapparate, der zahlreichen späteren Konstruktionen

zugrunde lag, *Webers* Elektrodynamometer hervor. Es besteht, wie

die Abbildung 26 erkennen läßt, aus der bekannten (s. S. 114)

bifilar aufgehängten, beweglichen Rolle und einer feststehenden

Multiplikatorrolle. Der Apparat wird so eingestellt, daß die Ebenen der

Rollen senkrecht zueinander stehen und die Ebene der Multiplikatorrolle

mit der Ebene des magnetischen Meridians zusammenfällt. Der zu

messende Strom wird so durch beide Rollen geführt, daß er die

Bifilarrolle in die Ebene der Multiplikatorrolle einzustellen sucht.

Dieser elektrodynamischen Kraft wirkt das durch die Bifilaraufhängung

ausgeübte Moment entgegen. Man kann also aus der durch Spiegelablesung

gefundenen Ablenkung das elektrodynamische Drehungsmoment berechnen.

[Illustration: Abb. 26. *Webers* Elektrodynamometer.]

Die weiteren Bemühungen *Webers* liefen darauf hinaus, auch den

Leitungswiderstand nach absolutem Maße zu bestimmen[151]. Als den

Widerstand 1 bezeichnete *Weber* den Widerstand einer Kette, in welcher

die Einheit der elektromotorischen Kraft einen Strom von der absoluten

Intensität 1 hervorruft. *Webers* Methode bestand darin, daß er mit

Hilfe des von ihm erfundenen Erdinduktors einen Strom durch eine der

Komponenten der erdmagnetischen Kraft induzierte. Darauf wurde die

absolute Intensität dieses Stromes ermittelt und der Widerstand der

Kette berechnet.

Gemeinsam mit *Kohlrausch* stellte *Weber* noch eine Untersuchung

an »Über die Elektrizitätsmenge, welche bei galvanischen Strömen

durch den Querschnitt der Kette fließt«[152]. In dieser Abhandlung

findet sich die wichtige Zurückführung der elektrischen Einheit

auf absolutes mechanisches Maß. Unter Verwertung des von

*Gauß* für absolute magnetische Messungen ins Leben gerufenen

Milligramm-Millimeter-Sekundensystems wird als Einheit der Elektrizität

diejenige in einem Punkte konzentrierte Elektrizitätsmenge festgesetzt,

die eine andere, gleich große und gleichfalls in einem Punkte

befindliche Elektrizitätsmenge gleicher Art in der Entfernung von

einem Millimeter mit einer Kraft abstößt, welche der Masseneinheit

(1 mg) in einer Sekunde die Geschwindigkeit von 1 mm erteilt.

Die Aufgabe, die sich *Weber* und *Kohlrausch* stellten, bestand

darin, für einen gegebenen, konstanten Strom zu ermitteln, wie die

Elektrizitätsmenge, die bei einem solchen Strom in einer Sekunde durch

den Querschnitt fließt, sich zu jener, soeben als Einheit definierten

Elektrizitätsmenge verhält.

Wir mußten uns mit den elektrodynamischen Untersuchungen *Webers*

etwas eingehender beschäftigen, weil sie die Grundlage für das heute

in der Wissenschaft wie in der Technik übliche elektrische Maßsystem

gebildet haben. Auf einem internationalen Kongreß, der 1881 in Paris

stattfand, wurde *Webers* System von allen Kulturvölkern angenommen.

Man zog es jedoch vor, sich des Zentimeters, des Gramms und der Sekunde

zu bedienen, während *Weber* mit dem Millimeter, dem Milligramm und

der Sekunde gerechnet hatte. Seit dem Jahre 1881 wird die Einheit der

Stromstärke als *Ampère*, die Einheit der elektromotorischen Kraft als

*Volt* und die Einheit des Widerstandes als *Ohm* bezeichnet.

Nach *Webers* Vorstellung ist die Elektrizität ein Fluidum, dessen

Mengenverhältnisse sich bestimmen lassen. Die Stromintensität hängt

nach ihm von der Elektrizitätsmenge ab, die in einer bestimmten Zeit

durch den Querschnitt der Kette fließt. Diese Vorstellung wurde

aufgegeben, nachdem *Maxwell* die Lehre entwickelt hatte, daß die

elektrischen und die magnetischen Erscheinungen wie das Licht durch

transversale Schwingungen des Äthers verursacht werden. Es ist indessen

ein lehrreiches Beispiel für den häufigen und raschen Wechsel der

Theorien, daß *Webers* materialistische Vorstellung von dem Wesen der

Elektrizität jetzt wieder zu Ehren kommt, nachdem sich während des

letzten Jahrzehnts der Begriff der Elektronen[153] entwickelt hat,

aus deren Bewegungen nach den heutigen Vorstellungen die elektrischen

Erscheinungen wieder in atomistischem Sinne erklärt werden. Wir sehen,

nicht auf den wandelbaren Theorien, sondern in der Entdeckung und

Verknüpfung der Tatsachen beruht der sichere Besitz der Wissenschaft.

5. Die Begründung der organischen Chemie und ihr Einfluß auf die

Entwicklung der chemischen Vorstellungen.

Wir haben in den letzten Abschnitten die Richtung, welche die Physik

um die Zeit vor der Entdeckung des Energieprinzips verfolgte, kennen

gelernt. Auch sind wir mit den Methoden, deren sich diese Wissenschaft

in der neueren Zeit zu ihrem Ausbau bediente, wenigstens durch einige

Beispiele von besonderer Fruchtbarkeit bekannt geworden. Wir wenden

uns jetzt der weiteren Entwicklung der Chemie zu, die zwar in der

Hauptsache ihre eigenen Ziele verfolgte, aber gerade auf dem Gebiete

der elektrischen Erscheinungen zur Physik in immer engere Fühlung

trat. Ihre wichtigste Aufgabe erblickte die Chemie in dieser Periode

darin, die auf dem Gebiete der anorganischen Verbindungen entstandenen

Methoden und Begriffe auf die Erzeugnisse des Tier- und Pflanzenkörpers

auszudehnen. Neben der allgemeinen und der anorganischen entstand

infolgedessen als ein besonderer Wissenszweig die organische Chemie.

Ihre Begründung ist trotz aller anerkennenswerten Mitwirkung der

übrigen Nationen eine vorwiegend deutsche Geistestat.

Man hatte schon im 18. Jahrhundert eine Anzahl wohl charakterisierter

organischer Verbindungen kennen gelernt und erkannt, daß die

organischen Substanzen aus denselben Elementen bestehen, die sich

an der Bildung anorganischer Verbindungen beteiligen. Auch die

quantitative Analyse der organischen Verbindungen läßt sich bis in das

18. Jahrhundert zurückverfolgen.

Das älteste Verfahren, um über die Zusammensetzung von Stoffen

des Tier- und Pflanzenreiches Aufschluß zu erlangen, bestand in

der trockenen Destillation und in der Untersuchung der hierbei

auftretenden Produkte. *Lavoisier* verfuhr dagegen in der Weise, daß

er den zu analysierenden Körper in Sauerstoff verbrannte und ihn

dadurch in Verbindungen von bekannter Zusammensetzung (Wasser und

Kohlendioxyd) überführte, deren Menge er zwar zu bestimmen suchte,

ohne jedoch hinlänglich genaue Ergebnisse zu erhalten. An die Stelle

der durch Quecksilber abgesperrten Glocke *Lavoisiers* trat später

die Verbrennungsröhre, in welcher die zu untersuchende Substanz mit

Sauerstoff abgebenden Mitteln, wie Kaliumchlorat oder Kupferoxyd,

erhitzt wurde. Ihre Vollendung erhielt dies Verfahren durch *Liebig*.

Sein zur Bestimmung des Kohlendioxyds geschaffener Kugelapparat[154]

ist das Symbol der organischen Chemie geworden.

Wie zur Elementaranalyse, so hat *Lavoisier* auch zur ersten Theorie

der organischen Verbindungen den Anstoß gegeben. In dem chemischen

Lehrgebäude *Lavoisiers* spielte bekanntlich der Sauerstoff die

wichtigste Rolle. Denjenigen Bestandteil einer Verbindung, der nach

Abzug des Sauerstoffes übrig bleibt, nannte *Lavoisier* die Basis

oder das Radikal der Verbindung. Für die einfacheren anorganischen

Verbindungen ergab sich in der Regel, daß dieses Radikal ein Element

ist, während es bei den dem Tier- und Pflanzenreich entstammenden

Substanzen aus zwei oder mehr Grundstoffen besteht. Eine wesentliche

Stütze erhielt die Ansicht *Lavoisiers*, als *Gay-Lussac* in dem Cyan

eine Gruppe von zwei Elementen erkannte, die in einer größeren Anzahl

von Verbindungen die Rolle eines Elementes spielt und selbst im freien

Zustande erhalten werden kann. Allerdings erkannte man später, daß

die Radikale nicht eigentlich isoliert werden können, weil sie in den

Verbindungen nicht vorhanden, sondern nur hypothetischer Natur sind.

Die scheinbar im freien Zustande erhaltenen Radikale besaßen nämlich

nicht etwa die Affinitäten, welche sie in den Verbindungen zur Geltung

brachten, sondern sie erwiesen sich als gesättigte Verbindungen und

zwar als den hypothetischen Radikalen polymere Körper. So war z. B.

das isolierte Cyan nicht etwa N≡C, sondern in Wirklichkeit *Dicyan*

(N≡C-C≡N).

Für die aus dem Ammoniak entstehenden Salze hatte man schon im

Jahre 1816 das zusammengesetzte, den Metallen Kalium und Natrium

entsprechende Radikal Ammonium (NH_{4}) angenommen, eine Anschauung,

die sich jedoch erst viel später Geltung zu verschaffen vermochte.

Als die eigentlichen Schöpfer der Radikaltheorie sind *Liebig* und

*Wöhler* zu bezeichnen. In einer gemeinschaftlichen Arbeit über die

Benzoësäure[155] suchten beide Forscher darzutun, daß eine Anzahl

aus dem Bittermandelöl darstellbarer Verbindungen, darunter die

Benzoësäure, ein aus drei Elementen bestehendes Radikal enthalten,

von denen das eine Sauerstoff ist. Der seit *Lavoisier* festgehaltene

Gesichtspunkt, nach dem dieses Element den Radikalen gegenüber eine

besondere Stelle einnimmt, wurde infolgedessen aufgegeben. Dafür

hatte aber die organische Chemie, die ihre Hauptaufgabe zunächst

in der Zurückführung der stetig wachsenden Schar der Verbindungen

auf unveränderliche Atomgruppen erblickte, einen gewaltigen Impuls

empfangen, so daß *Berzelius* von jener Abhandlung der beiden

deutschen Forscher wohl sagen durfte, daß sie für die Chemie der

Kohlenstoffverbindungen den Anfang eines neuen Tages ankünde.

»Wenn es gelingt«, beginnen *Liebig* und *Wöhler*, »in dem dunklen

Gebiete der organischen Natur auf einen lichten Punkt zu treffen, der

uns wie einer der Eingänge erscheint, durch die wir vielleicht auf die

wahren Wege zur Erforschung und Erkennung dieses Gebietes gelangen

können, so hat man immer Ursache sich Glück zu wünschen«. Dieses Zagen

gegenüber der Größe der gestellten Aufgabe ist begreiflich, wenn man

bedenkt, daß *Wöhler* nur wenige Jahre vorher die erste Synthese einer

organischen Verbindung gelungen war[156].

Als Ausgangspunkt für ihre Untersuchung wählten beide Forscher das

neben der Blausäure und einem fetten Öle in den bitteren Mandeln

enthaltene ätherische Öl, dem man den Namen Bittermandelöl beigelegt

hat. Man hatte beobachtet[157], daß diese Verbindung an der Luft

unter Sauerstoffaufnahme in die schon länger bekannte Benzoësäure

übergeht. Und gerade die Tatsache, daß letztere »aus den anscheinend

verschiedensten Körpern zu entstehen vermag«, fesselte das Interesse

der beiden Forscher in hohem Grade.

Zunächst stellten sie reines, von Benzoësäure und anderen Beimengungen

völlig freies Bittermandelöl her. Dieses verwandelte sich unter der

Einwirkung von Sauerstoff vollständig in kristallisierte Benzoësäure.

Auffallend war, daß diese Umwandlung durch Sonnenlicht erheblich

beschleunigt wurde. Um der Beziehung zwischen Bittermandelöl und

Benzoësäure auf die Spur zu kommen, war das nächste eine genaue

Analyse beider Verbindungen. Zu diesem Zwecke wurden die Substanzen in

der Verbrennungsröhre mit Kupferoxyd erhitzt und so in Kohlendioxyd

und Wasser verwandelt. Die Analysen wurden mit der größten Sorgfalt

unter Anwendung mancher Verbesserungen des bisher üblichen Verfahrens

ausgeführt[158]. Es ergab sich für das Bittermandelöl, daß es die

Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff in einem Verhältnis

enthält, das der Formel C_{7}H_{6}O (= C_{6}H_{5}.COH) entspricht,

während die Benzoësäure ein weiteres Atom Sauerstoff enthält. Ihre

Zusammensetzung fand also durch die Formel C_{7}H_{6}O_{2} ihren

Ausdruck (C_{6}H_{5}COOH).

Den in beiden Verbindungen enthaltenen Bestandteil C_{7}H_{5}O (=

C_{6}H_{5}CO) bezeichneten *Liebig* und *Wöhler* als das Radikal der

Benzoësäure und legten ihm den Namen Benzoyl bei. Das Bittermandelöl

erschien ihnen also als die Wasserstoffverbindung dieses Radikals, als

Benzoylwasserstoff (C_{7}H_{5}O.H = C_{6}H_{5}COH).

Das Bittermandelöl gehört zur Gruppe der Aldehyde, für welche

wenige Jahre später (1835) *Liebig* in dem Acetaldehyd, dem Aldehyd

schlechtweg, das Prototyp erkannte. Das Hauptkennzeichen der

Aldehyde, die eine Mittelstellung zwischen den Alkoholen, deren erste

Oxydationsprodukte sie sind, und den Säuren einnehmen, besteht eben,

wie der Benzaldehyd (das Bittermandelöl) und der Acetaldehyd zeigten,

in ihrer Fähigkeit, unter Sauerstoffaufnahme in die entsprechenden

Säuren, in diesen Fällen Benzoësäure und Essigsäure, überzugehen

(C_{6}H_{5}COH + O = C_{6}H_{5}COOH; CH_{3}COH + O = CH_{3}COOH).

Die weiteren Bemühungen *Liebigs* und *Wöhlers* liefen darauf hinaus,

das Benzoyl als Bestandteil einer großen Zahl aus dem Bittermandelöl

darstellbarer Verbindungen nachzuweisen. Leiteten sie z. B. in das

Bittermandelöl trocknes Chlor, so wurde dieses Gas unter starker

Erhitzung und Entwicklung von Chlorwasserstoff absorbiert, und es

bildete sich Chlorbenzoyl (C_{6}H_{5}COH + 2Cl = HCl + C_{6}H_{5}COCl).

Auch diese Verbindung ist typisch geworden, seitdem es gelungen, andere

Säurechloride durch die Einwirkung von Phosphorpentachlorid auf die

organischen Säuren in großer Anzahl herzustellen.

An das Chlorbenzoyl reihten *Liebig* und *Wöhler* die völlig analogen

Verbindungen ihres Radikals mit Brom, Jod und Cyan. Leiteten sie über

Chlorbenzoyl getrocknetes Ammoniakgas, so entstand unter gleichzeitiger

Bildung von Chlorwasserstoff Benzamid (C_{6}H_{5}COCl + NH_{3} =

HCl + C_{6}H_{5}CO.NH_{2}) als eine Verbindung von Benzoyl mit der

Amidogruppe (NH_{2}).

Das Benzoyl erwies sich somit als ein aus drei Elementen bestehendes

Radikal, das sich bei zahlreichen damit vorgenommenen Umsetzungen

wie ein Element verhielt. *Berzelius*, welcher die Ergebnisse der

beiden deutschen Chemiker für die wichtigsten bisher auf dem Gebiete

der organischen Chemie gewonnenen erklärte, schlug deshalb vor,

zur Vereinfachung der Formelsprache dem Benzoyl, sowie den übrigen

entdeckten oder noch zu entdeckenden Radikalen besondere Zeichen zu

geben.

Die Untersuchung über das Bittermandelöl, die nicht nur die Theorie

gefördert, sondern viele neue Verbindungen und Darstellungsweisen

kennen gelehrt hat, wurde für die zeitgenössischen Forscher

vorbildlich. Bevor wir uns weiteren Arbeiten zuwenden, die sich auf

diese Untersuchung aufbauten oder zu ihr in Beziehung standen, wollen

wir die beiden großen Forschergestalten, denen wir jene grundlegende

Abhandlung verdanken, etwas näher ins Auge fassen[159].

*Justus Liebig* wurde am 12. Mai 1803 in Darmstadt geboren. Sein

Vater betrieb dort die Herstellung und den Verkauf von Farbstoffen,

Firnissen, Lacken und dergleichen und fand an dem Sohne frühzeitig

einen eifrigen Gehilfen. *Liebigs* Sinn für die experimentellen

Wissenschaften wurde ferner dadurch genährt, daß er schon im

Knabenalter die chemischen Schriften der Darmstädter Hofbibliothek las

und die in diesen Schriften beschriebenen Versuche nachprüfte. Daß

*Liebig* darüber seine Gymnasialstudien vernachlässigte und von seinen

Lehrern für unbegabt gehalten wurde, ist eine Tatsache, die man oft

angeführt hat, um den so häufigen Widerspruch zwischen dem Schulbetrieb

und den Forderungen der Wirklichkeit zu erhärten. Als *Liebig* von dem

ungehaltenen Lehrer gefragt wurde, was er denn eigentlich werden wolle,

gab er zur Antwort: ein Chemiker! und erregte dadurch das spöttische

Gelächter des Lehrers und der ganzen Klasse. Die einzige Möglichkeit

sich für den gewählten Beruf vorzubilden, bestand in Deutschland damals

darin, daß *Liebig* bei einem Apotheker in die Lehre trat. Um die

weitere Ausbildung erwarb sich sein Landesherr ein großes Verdienst.

Dieser, der Großherzog Ludwig I. von Hessen, war nämlich auf den jungen

*Liebig* aufmerksam geworden, als er in den chemischen Schriften der

Hofbibliothek herumstöberte. Er war es, der ihm die Mittel aussetzte,

um in Bonn und später in Erlangen Naturwissenschaften zu studieren und

die begonnenen Studien und Arbeiten in Paris fortzusetzen.

In Erlangen, wo damals *Schelling* lehrte, geriet *Liebig* unter den

Einfluß der deutschen Naturphilosophie, von der er später sagte, sie

trage ihren Namen sehr mit Unrecht. Dieser Richtung, fügte er mit

beißendem Spott hinzu, die darin bestehe, ohne gründliche Forschung

sich Rechenschaft von den Erscheinungen der Natur zu geben, werde es

an Jüngern nicht fehlen, so lange ein Schaffen, das nicht auf Mühe und

Anstrengung beruhe, Aufmunterung und Anerkennung finde. Auch er habe

diese an Worten und Ideen so reiche, an wahrem Wissen und gediegenen

Studien so arme Periode mit durchgemacht, sie habe ihm zwei kostbare

Jahre seines Lebens geraubt. *Liebig* wurde von dieser Verirrung erst

ganz geheilt, als er im Jahre 1822 die Wissenschaft dort aufsuchte, wo

sie damals frisch und unverfälscht sprudelte, nämlich in Paris. Hier

brachte er eine schon vor seiner Studienzeit beginnende Untersuchung

über das Knallsilber zum Abschluß und machte sie der Akademie der

Wissenschaften bekannt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man durch

Behandeln von Quecksilber oder Silber mit Alkohol und Salpetersäure

eigentümliche Metallpräparate kennen gelernt, deren nähere Untersuchung

durch die Explodierbarkeit dieser Körper sehr erschwert wurde. Diese

Schwierigkeit bildete für den jungen *Liebig* einen besonderen Anreiz.

Er vermochte die sich widersprechenden Angaben anderer Chemiker zu

widerlegen, indem er zeigte, daß jene Präparate die Salze einer in der

Folge als Knallsäure bezeichneten Verbindung sind, deren genauere

Zusammensetzung er im Verein mit *Gay-Lussac* (1824) ermittelte.

Letzterer sowohl wie *Alexander von Humboldt* waren durch *Liebigs*

an die Akademie gerichtete Mitteilung über die bisherigen Ergebnisse

seiner Untersuchung der knallsauren Verbindungen auf den genialen

jugendlichen Forscher aufmerksam geworden und ebneten ihm seitdem

die Wege. Zur Gunst und zum Verdienst gesellte sich bei *Liebig* der

Zauber einer eigenartigen Persönlichkeit. Eine schlanke Gestalt,

ein freundlicher Ernst in den regelmäßigen Gesichtszügen, große

braune Augen mit dunklen Brauen, sowie vor allem eine bestrickende

Liebenswürdigkeit nahmen auf den ersten Blick für ihn ein[160]. Dazu

gesellte sich eine Wahrheitsliebe, die ihn jeden etwa selbst begangenen

Irrtum ohne Zögern eingestehen hieß. Die Liebe seiner Schüler gewann

er vor allem dadurch, daß er stets geneigt war, ihnen persönlich näher

zu treten. Zeichnete sich jemand unter ihnen durch Hingabe an die

Wissenschaft aus, so wurde das Verhältnis des Lehrers zu dem Lehrenden

bald ein freundschaftliches.

Dem Einfluß *Alexanders von Humboldt* war es vor allem zu danken,

daß *Liebig*, nachdem er seine Untersuchungen im Laboratorium

*Gay-Lussacs* abgeschlossen hatte, schon mit 21 Jahren und nach

Überwindung mancher, aus altem Herkommen entsprungener Schwierigkeiten

Professor an der Universität Gießen wurde. Hier entstand nach seinen

Plänen das erste chemische Laboratorium in Deutschland und eine

Schule, welche diesem Lande eine führende Rolle auf dem Gebiete der

chemischen, insbesondere der organisch-chemischen Forschung bis

auf den heutigen Tag gesichert hat. »Ein eigentlicher Unterricht«,

schrieb *Liebig* später[161], »bestand nur für die Anfänger. Meine

Schüler lernten nur im Verhältnis zu dem, was sie mitbrachten. Ich

gab die Aufgaben und überwachte die Ausführung. Eine einheitliche

Anleitung gab es nicht; ich empfing von jedem einzelnen jeden Morgen

einen Bericht über das, was er am vorhergehenden Tage getan, sowie

seine Absichten über das, was er vorhatte. Ich stimmte bei oder

machte Einwendungen. Jeder war genötigt, seinen eigenen Weg zu

suchen«. Das ist die wahre akademische Freiheit, welche *Liebig*,

dessen hervorstechendster Zug Anregung zur Selbsttätigkeit gewesen

ist, hier gepredigt und geübt hat. Wissenschaftlich reif werden,

heißt ihre Losung. Und daß sich zahlreiche Jünger herandrängten und

im Geiste *Liebigs* weiterarbeiteten, hat der Chemie in wenigen

Jahrzehnten jene außerordentliche, sich über alle Gebiete der übrigen

Naturwissenschaften und der Praxis erstreckende Bedeutung gegeben, die

sie heute besitzt. Von dem Wesen seiner Wissenschaft suchte *Liebig*

auch in dem gebildeten Laien eine Vorstellung zu erwecken. Dies geschah

durch seine chemischen Briefe, ein Werk, das zu dem Besten zählt, was

je auf dem Gebiete der populär-wissenschaftlichen Literatur geschaffen

wurde, und das auch heute noch gelesen zu werden verdient[162].

In Gießen wirkte *Liebig* fast drei Jahrzehnte. Die glänzenden

Anerbietungen, die ihm von anderen Universitäten gemacht wurden, schlug

er aus, um sich seinem engeren Vaterlande für das Entgegenkommen, das

man ihm durch die Gewährung mancher Hilfsmittel bewiesen hatte, dankbar

zu erweisen. Endlich folgte er (1852) einem Rufe nach München, wo ihm

Gelegenheit geboten wurde, ausschließlich seiner wissenschaftlichen

Tätigkeit zu leben, ohne sich gleichzeitig der aufreibenden Tätigkeit

des von ihm zur höchsten Blüte geführten Laboratoriumsunterrichtes

widmen zu müssen. Was er während der letzten Jahrzehnte seines

tatenreichen Lebens geschaffen, bleibt späterer Betrachtung

vorbehalten. Am 18. April 1873 setzte der Tod dem Wirken des größten

deutschen Chemikers ein Ende.

Wenn man die Summe dessen ins Auge faßt, was *Liebig* auf dem Gebiete

der Industrie, des Ackerbaues und der Hygiene geleistet hat, so darf

man behaupten, daß kein anderer Gelehrter der Menschheit ein größeres

Vermächtnis hinterlassen hat. So lauten die Worte in einem Nachruf, den

ihm *A. W. Hofmann* widmete.

Der einzige Deutsche, der an *Liebig* auf dem Gebiete der Chemie

heranreichte, war *Wöhler*. *Friedrich Wöhler* wurde im Jahre 1800 in

der Nähe von Frankfurt a. M. geboren. Die Anregung zur Beschäftigung

mit chemischen und physikalischen Versuchen empfing er durch einen

Privatgelehrten[163], mit dem er eine Arbeit über den Gehalt des

Eisenkieses an dem kurz vorher durch *Berzelius* entdeckten[164]

Element Selen ausführte. Gleich *Mitscherlich*, *Magnus* und

anderen deutschen Forschern hat Wöhler nach Beendigung seines

medizinischen Studiums zu den Füßen von *Berzelius* gesessen. Aus dem

*Berzelius*schen und dem Laboratorium *Gay-Lussacs* ist die neuere

Chemie nach Deutschland gelangt, um dort alsbald die höchste Blüte zu

erleben. Es wäre unrecht, wenn wir Deutschen es versäumen wollten,

diese Mitwirkung des Auslandes dankbar anzuerkennen. *Berzelius*

öffnete *Wöhler* gleich den übrigen jungen Forschern, die besonders

aus Preußen nach Stockholm kamen, bereitwilligst sein Laboratorium. Im

Jahre 1824 kehrte *Wöhler* nach Deutschland zurück[165]. Er übernahm

die Stelle eines Lehrers der Chemie an einer in Berlin ins Leben

gerufenen technischen Lehranstalt, eine Stelle, die er bald darauf

mit einer ähnlichen in Cassel vertauschte. Einige Jahre später (1836)

erhielt *Wöhler* eine Professur in Göttingen, wo er bis zu seinem 1882

erfolgten Tode als Lehrer wie als Forscher eine großartige Tätigkeit

entfaltete.

Mit *Liebig* wurde *Wöhler* durch eine der folgenreichsten Streitfragen

bekannt. *Liebigs* erste Arbeit betraf, wie schon erwähnt, das durch

seine explosiven Eigenschaften sehr gefährliche Knallsilber. Kurz

vorher hatte *Wöhler* das völlig harmlose zyansaure Silber untersucht.

Als *Liebig* die Analysen beider Salze verglich, stellte sich heraus,

daß diese grundverschiedenen Verbindungen völlig gleich zusammengesetzt

sind. Da ein Irrtum, den *Liebig* anfangs vermutete, nicht vorlag, so

mußte der bis dahin geltende Grundsatz, daß Stoffe von einer qualitativ

und quantitativ gleichen Zusammensetzung identisch seien, aufgegeben

werden. Die neue Erscheinung wurde nach dem Vorschlage von *Berzelius*

als Isomerie bezeichnet und aus einer Verschiedenheit in der Anordnung

der Atome erklärt[166]. Damit war die Frage nach der Konstitution

der organischen Verbindungen, die eine Triebfeder für alle weiteren

Forschungen auf diesem Gebiete werden sollte, in den Vordergrund

gerückt.

*Wöhlers* Untersuchungen über die Cyansäure führten bald darauf zu

einer Entdeckung von solcher Bedeutung, daß man mit ihr wohl die

wissenschaftliche organische Chemie anheben läßt. Bis zum Jahre

1828 herrschte die Ansicht, daß die Verbindungen des Tier- und

Pflanzenreiches nur unter der Mitwirkung einer besonderen, zu den

Kräften der anorganischen Natur in einem gewissen Gegensatze stehenden

Lebenskraft gebildet werden könnten. *Berzelius* hatte noch im Jahre

1827 die organische Chemie als die Wissenschaft von denjenigen Stoffen

bezeichnet, die unter dem Einfluß der Lebenskraft entständen. Ein Jahr

später konnte *Wöhler* an ihn schreiben: »Ich muß Ihnen erzählen,

daß ich Harnstoff machen kann, ohne dazu Nieren oder überhaupt ein

Tier nötig zu haben«. Dieser ersten organischen Synthese, die in

einer intramolekularen Umwandlung des aus anorganischen Substanzen

aufgebauten cyansauren Ammoniums in Carbamid oder Harnstoff[167]

bestand, hat sich später die Darstellung einer großen Anzahl von

organischen Substanzen angeschlossen. Infolgedessen ist der Glaube

an eine besondere Lebenskraft der Überzeugung gewichen, daß die

Umsetzungen in den Organismen von denselben Regeln beherrscht werden,

wie die leichter unserem Verständnis sich erschließenden Vorgänge in

der anorganischen Natur, so daß einer einheitlichen Auffassung des

gesamten Geschehens auch durch die neuere Chemie vorgearbeitet wurde.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 28 / 171 题