Der gute und so brauchbare Volkmann nötigt mich, von Zeit zu Zeit von
seiner Meinung abzugehen. Er spricht z. B., daß dreißig--bis
vierzigtausend Müßiggänger in Neapel zu finden wären, und wer
spricht's ihm nicht nach! Ich vermutete zwar sehr bald nach einiger
erlangter Kenntnis des südlichen Zustandes, daß dies wohl eine
nordische Ansicht sein möchte, wo man jeden für einen Müßiggänger hält,
der sich nicht den ganzen Tag ängstlich abmüht. Ich wendete deshalb
vorzügliche Aufmerksamkeit auf das Volk, es mochte sich bewegen oder
in Ruhe verharren, und konnte zwar sehr viel übelgekleidete Menschen
bemerken, aber keine unbeschäftigten.
Ich fragte deswegen einige Freunde nach den unzähligen Müßiggängern,
welche ich doch auch wollte kennen lernen; sie konnten mir aber solche
ebensowenig zeigen, und so ging ich, weil die Untersuchung mit
Betrachtung der Stadt genau zusammenhing, selbst auf die Jagd aus.
Ich fing an, mich in dem ungeheuren Gewirre mit den verschiedenen
Figuren bekannt zu machen, sie nach ihrer Gestalt, Kleidung, Betragen,
Beschäftigung zu beurteilen und zu klassifizieren. Ich fand diese
Operation hier leichter als irgendwo, weil der Mensch sich hier mehr
selbst gelassen ist und sich seinem Stande auch äußerlich gemäß
bezeigt.
Ich fing meine Beobachtung bei früher Tageszeit an, und alle die
Menschen, die ich hie und da stillstehen oder ruhen fand, waren Leute,
deren Beruf es in dem Augenblick mit sich brachte.
Die Lastträger, die an verschiedenen Plätzen ihre privilegierten
Stände haben und nur erwarten, bis sich jemand ihrer bedienen will;
die Kalessaren, ihre Knechte und Jungen, die bei den einspännigen
Kaleschen auf den großen Plätzen stehen, ihre Pferde besorgen und
einem jeden, der sie verlangt, zu Diensten sind; Schiffer, die auf dem
Molo ihre Pfeife rauchen; Fischer, die an der Sonne liegen, weil
vielleicht ein ungünstiger Wind weht, der ihnen auf das Meer
auszufahren verbietet. Ich sah auch wohl noch manche hin und wider
gehen, doch trug meist ein jeder ein Zeichen seiner Tätigkeit mit sich.
Von Bettlern war keiner zu bemerken als ganz alte, völlig unfähige
und krüppelhafte Menschen. Je mehr ich mich umsah, je genauer ich
beobachtete, desto weniger konnt' ich, weder von der geringen noch von
der mittlern Klasse, weder am Morgen noch den größten Teil des Tages,
ja, von keinem Alter und Geschlecht, eigentliche Müßiggänger finden.
Ich gehe in ein näheres Detail, um das, was ich behaupte,
glaubwürdiger und anschaulicher zu machen. Die kleinsten Kinder sind
auf mancherlei Weise beschäftigt. Ein großer Teil derselben trägt
Fische zum Verkauf von Santa Lucia in die Stadt; andere sieht man sehr
oft in der Gegend des Arsenals, oder wo sonst etwas gezimmert wird,
wobei es Späne gibt, auch am Meere, welches Reiser und kleines Holz
auswirft, beschäftigt, sogar die kleinsten Stückchen in Körbchen
aufzulesen. Kinder von einigen Jahren, die nur auf der Erde so
hinkriechen in Gesellschaft älterer Knaben von fünf bis sechs Jahren,
befassen sich mit diesem kleinen Gewerbe. Sie gehen nachher mit den
Körbchen tiefer in die Stadt und setzen sich mit ihren kleinen
Holzportionen gleichsam zu Markte. Der Handwerker, der kleine Bürger
kauft es ihnen ab, brennt es auf seinem Dreifuß zu Kohlen, um sich
daran zu erwärmen, oder verbraucht es in seiner sparsamen Küche.
Andere Kinder tragen das Wasser der Schwefelquellen, welches besonders
im Frühjahr sehr stark getrunken wird, zum Verkauf herum. Andere
suchen einen kleinen Gewinn, indem sie Obst, gesponnenen Honig, Kuchen
und Zuckerware einkaufen und wieder als kindische Handelsleute den
übrigen Kindern anbieten und verkaufen; allenfalls, nur um ihren Teil
daran umsonst zu haben. Es ist wirklich artig anzusehen, wie ein
solcher Junge, dessen ganzer Kram und Gerätschaft in einem Brett und
Messer besteht, eine Wassermelone oder einen halben gebratenen Kürbis
herumträgt, wie sich um ihn eine Schar Kinder versammelt, wie er sein
Brett niedersetzt und die Frucht in kleine Stücke zu zerteilen anfängt.
Die Käufer spannen sehr ernsthaft, ob sie auch für ihr klein
Stückchen Kupfergeld genug erhalten sollen, und der kleine Handelsmann
traktiert gegen die Begierigen die Sache ebenso bedächtig, damit er ja
nicht um ein Stückchen betrogen werde. Ich bin überzeugt, daß man bei
längerem Aufenthalt noch manche Beispiele solches kindischen Erwerbes
sammeln könnte.
Eine sehr große Anzahl von Menschen, teils mittlern Alters, teils
Knaben, welche meistenteils sehr schlecht gekleidet sind, beschäftigen
sich, das Kehricht auf Eseln aus der Stadt zu bringen. Das nächste
Feld um Neapel ist nur ein Küchengarten, und es ist eine Freude, zu
sehen, welche unsägliche Menge von Küchengewächsen alle Markttage
hereingeschafft wird und wie die Industrie der Menschen sogleich die
überflüssigen, von den Köchen verworfenen Teile wieder in die Felder
bringt, um den Zirkel der Vegetation zu beschleunigen. Bei der
unglaublichen Konsumtion von Gemüse machen wirklich die Strünke und
Blätter von Blumenkohl, Broccoli, Artischocken, Kohl, Salat, Knoblauch
einen großen Teil des neapolitanischen Kehrichts aus; diesen wird denn
auch besonders nachgestrebt. Zwei große biegsame Körbe hängen auf dem
Rücken eines Esels und werden nicht allein ganz voll gefüllt, sondern
noch auf jeden mit besonderer Kunst ein Haufen aufgetürmt. Kein
Garten kann ohne einen solchen Esel bestehen. Ein Knecht, ein Knabe,
manchmal der Patron selbst eilen des Tags so oft als möglich nach der
Stadt, die ihnen zu allen Stunden eine reiche Schatzgrube ist. Wie
aufmerksam diese Sammler auf den Mist der Pferde und Maultiere sind,
läßt sich denken. Ungern verlassen sie die Straße, wenn es Nacht wird,
und die Reichen, die nach Mitternacht aus der Oper fahren, denken
wohl nicht, daß schon vor Anbruch des Tages ein emsiger Mensch
sorgfältig die Spuren ihrer Pferde aufsuchen wird. Man hat mir
versichert, daß ein paar solche Leute, die sich zusammentun, sich
einen Esel kaufen und einem größern Besitzer ein Stückchen Krautland
abpachten, durch anhaltenden Fleiß in dem glücklichen Klima, in
welchem die Vegetation niemals unterbrochen wird, es bald so weit
bringen, daß sie ihr Gewerbe ansehnlich erweitern.
Ich würde zu weit aus meinem Wege gehen, wenn ich hier von der
mannigfaltigen Krämerei sprechen wollte, welche man mit Vergnügen in
Neapel wie in jedem andern großen Orte bemerkt; allein ich muß doch
hier von den Herumträgern sprechen, weil sie der letztern Klasse des
Volks besonders angehören. Einige gehen herum mit Fäßchen Eiswasser,
Gläsern und Zitronen, um überall gleich Limonade machen zu können,
einen Trank, den auch der Geringste nicht zu entbehren vermag; andere
mit Kredenztellern, auf welchen Flaschen mit verschiedenen Likören und
Spitzgläsern in hölzernen Ringen vor dem Fallen gesichert stehen;
andere tragen Körbe allerlei Backwerks, Näscherei, Zitronen und
anderes Obst umher, und es scheint, als wolle jeder das große Fest des
Genusses, das in Neapel alle Tage gefeiert wird, mitgenießen und
vermehren.
Wie diese Art Herumträger geschäftig sind, so gibt es noch eine Menge
kleine Krämer, welche gleichfalls herumgehen und ohne viele Umstände
auf einem Brett, in einem Schachteldeckel ihre Kleinigkeiten, oder auf
Plätzen geradezu auf flacher Erde ihren Kram ausbieten. Da ist nicht
von einzelnen Waren die Rede, die man auch in größern Läden fände, es
ist der eigentliche Trödelkram. Kein Stückchen Eisen, Leder, Tuch,
Leinewand, Filz u. s. w., das nicht wieder als Trödelware zu Markte
käme und das nicht wieder von einem oder dem andern gekauft würde.
Noch sind viele Menschen der niedern Klasse bei Handelsleuten und
Handwerkern als Beiläufer und Handlanger beschäftigt.
Es ist wahr, man tut nur wenig Schritte, ohne einem sehr
übelgekleideten, ja sogar einem zerlumpten Menschen zu begegnen, aber
dies ist deswegen noch kein Faulenzer, kein Tagedieb! Ja, ich möchte
fast das Paradoxon aufstellen, daß zu Neapel verhältnismäßig
vielleicht noch die meiste Industrie in der ganz niedern Klasse zu
finden sei. Freilich dürfen wir sie nicht mit einer nordischen
Industrie vergleichen, die nicht allein für Tag und Stunde, sondern am
guten und heitern Tage für den bösen und trüben, im Sommer für den
Winter zu sorgen hat. Dadurch, daß der Nordländer zur Vorsorge, zur
Einrichtung von der Natur gezwungen wird, daß die Hausfrau einsalzen
und räuchern muß, um die Küche das ganze Jahr zu versorgen, daß der
Mann den Holz--und Fruchtvorrat, das Futter für das Vieh nicht aus der
Acht lassen darf u. s. w., dadurch werden die schönsten Tage und
Stunden dem Genuß entzogen und der Arbeit gewidmet. Mehrere Monate
lang entfernt man sich gern aus der freien Luft und verwahrt sich in
Häusern vor Sturm, Regen, Schnee und Kälte; unaufhaltsam folgen die
Jahreszeiten aufeinander, und jeder, der nicht zugrunde gehen will,
muß ein Haushälter werden. Denn es ist hier gar nicht die Frage, ob
er entbehren wolle; er darf nicht entbehren wollen, er kann nicht
entbehren wollen, denn er kann nicht entbehren; die Natur zwingt ihn,
zu schaffen, vorzuarbeiten. Gewiß haben diese Naturwirkungen, welche
sich Jahrtausende gleich bleiben, den Charakter der in so manchem
Betracht ehrwürdigen nordischen Nationen bestimmt. Dagegen beurteilen
wir die südlichen Völker, mit welchen der Himmel so gelinde umgegangen
ist, aus unserm Gesichtspunkte zu streng. Was Herr von Pauw in seinen
"Recherches sur les Grecs" bei Gelegenheit, da er von den zynischen
Philosophen spricht, zu äußern wagt, paßt völlig hierher. Man mache
sich, glaubt er, von dem elenden Zustande solcher Menschen nicht den
richtigsten Begriff; ihr Grundsatz, alles zu entbehren, sei durch ein
Klima sehr begünstigt, das alles gewährt. Ein armer, uns elend
scheinender Mensch könne in den dortigen Gegenden die nötigsten und
nächsten Bedürfnisse nicht allein befriedigen, sondern die Welt aufs
schönste genießen; und ebenso möchte ein sogenannter neapolitanischer
Bettler die Stelle eines Vizekönigs in Norwegen leicht verschmähen und
die Ehre ausschlagen, wenn ihm die Kaiserin von Rußland das
Gouvernement von Sibirien übertragen wollte.
Gewiß würde in unsern Gegenden ein zynischer Philosoph schlecht
ausdauern, dahingegen in südlichen Ländern die Natur gleichsam dazu
einladet. Der zerlumpte Mensch ist dort noch nicht nackt; derjenige,
der weder ein eigenes Haus hat, noch zur Miete wohnt, sondern im
Sommer unter den überdächern, auf den Schwellen der Paläste und
Kirchen, in öffentlichen Hallen die Nacht zubringt und sich bei
schlechtem Wetter irgendwo gegen ein geringes Schlafgeld untersteckt,
ist deswegen noch nicht verstoßen und elend; ein Mensch noch nicht arm,
weil er nicht für den andern Tag gesorgt hat. Wenn man nur bedenkt,
was das fischreiche Meer, von dessen Produkten sich jene Menschen
gesetzmäßig einige Tage der Woche nähren müssen, für eine Masse von
Nahrungsmitteln anbietet; wie allerlei Obst und Gartenfrüchte zu jeder
Jahreszeit in überfluß zu haben sind; wie die Gegend, worin Neapel
liegt, den Namen Terra di Lavoro (nicht das Land der Arbeit, sondern
das Land des Ackerbaues) sich verdienet hat und die ganze Provinz den
Ehrentitel der glücklichen Gegend (Campagna felice) schon Jahrhunderte
trägt, so läßt sich wohl begreifen, wie leicht dort zu leben sein möge.
Überhaupt würde jenes Paradoxon, welches ich oben gewagt habe, zu
manchen Betrachtungen Anlaß geben, wenn jemand ein ausführliches
Gemälde von Neapel zu schreiben unternehmen sollte; wozu denn freilich
kein geringes Talent und manches Jahr Beobachtung erforderlich sein
möchte. Man würde alsdann im ganzen vielleicht bemerken, daß der
sogenannte Lazarone nicht um ein Haar untätiger ist als alle übrigen
Klassen, zugleich aber auch wahrnehmen, daß alle in ihrer Art nicht
arbeiten, um bloß zu leben, sondern um zu genießen, und daß sie sogar
bei der Arbeit des Lebens froh werden wollen. Es erklärt sich
hiedurch gar manches: daß die Handwerker beinahe durchaus gegen die
nordischen Länder sehr zurück sind; daß Fabriken nicht zustande kommen;
daß außer Sachwaltern und Ärzten in Verhältnis zu der großen Masse
von Menschen wenig Gelehrsamkeit angetroffen wird, so verdiente Männer
sich auch im einzelnen bemühen mögen; daß kein Maler der
neapolitanischen Schule jemals gründlich gewesen und groß geworden ist;
daß sich die Geistlichen im Müßiggange am wohlsten sein lassen und
auch die Großen ihre Güter meist nur in sinnlichen Freuden, Pracht und
Zerstreuung genießen mögen.
Ich weiß wohl, daß dies viel zu allgemein gesagt ist und daß die
Charakterzüge jeder Klasse nur erst nach einer genauern Bekanntschaft
und Beobachtung rein gezogen werden können, allein im ganzen würde man
doch, glaube ich, auf diese Resultate treffen.
Ich kehre wieder zu dem geringen Volke in Neapel zurück. Man bemerkt
bei ihnen, wie bei frohen Kindern, denen man etwas aufträgt, daß sie
zwar ihr Geschäft verrichten, aber auch zugleich einen Scherz aus dem
Geschäft machen. Durchgängig ist diese Klasse von Menschen eines sehr
lebhaften Geistes und zeigt einen freien, richtigen Blick. Ihre
Sprache soll figürlich, ihr Witz sehr lebhaft und beißend sein. Das
alte Atella lag in der Gegend von Neapel, und wie ihr geliebter
Pulcinell noch jene Spiele fortsetzt, so nimmt die ganz gemeine Klasse
von Menschen noch jetzt Anteil an dieser Laune.
Plinius im fünften Kapitel des dritten Buchs seiner "Naturgeschichte"
hält Kampanien allein einer weitläufigen Beschreibung wert. "So
glücklich, anmutig, selig sind jene Gegenden", sagt er, "daß man
erkennt, an diesem Ort habe die Natur sich ihres Werks erfreut. Denn
diese Lebensluft, diese immer heilsame Milde des Himmels, so
fruchtbare Felder, so sonnige Hügel, so unschädliche Waldungen, so
schattige Haine, so nutzbare Wälder, so luftige Berge, so
ausgebreitete Saaten, solch eine Fülle von Reben und Ölbäumen, so edle
Wolle der Schafe, so fette Nacken der Stiere, so viel Seen, so ein
Reichtum von durchwässernden Flüssen und Quellen, so viele Meere, so
viele Hafen! Die Erde selbst, die ihren Schoß überall dem Handel
eröffnet und, gleichsam dem Menschen nachzuhelfen begierig, ihre Arme
in das Meer hinausstreckt.
Ich erwähne nicht die Fähigkeiten der Menschen, ihre Gebräuche, ihre
Kräfte und wie viele Völker sie durch Sprache und Hand überwunden
haben.
Von diesem Lande fällten die Griechen, ein Volk, das sich selbst
unmäßig zu rühmen pflegte, das ehrenvollste Urteil, indem sie einen
Teil davon Großgriechenland nannten."