Neapel, Sonnabend, den 26. Mai 1787

Genau betrachtet, möchte man doch wohl gutheißen, daß es so viele

Heilige gibt; nun kann jeder Gläubige den seinigen auslesen und mit

vollem Vertrauen sich gerade an den wenden, der ihm eigentlich zusagt.

Heute war der Tag des meinigen, den ich denn ihm zu Ehren nach seiner

Weise und Lehre andächtig-munter beging.

Philippus Neri steht in hohem Ansehn und zugleich heiterm Andenken;

man wird erbaut und erfreut, wenn man von ihm und von seiner hohen

Gottesfurcht vernimmt, zugleich aber hört man auch von seiner guten

Laune sehr viel erzählen. Seit seinen ersten Jugendjahren fühlte er

die brünstigsten Religionstriebe, und im Laufe seines Lebens

entwickelten sich in ihm die höchsten Gaben des religiösen

Enthusiasmus: die Gabe des unwillkürlichen Gebets, der tiefen,

wortlosen Anbetung, die Gabe der Tränen, der Ekstase und zuletzt sogar

des Aufsteigens vom Boden und Schwebens über demselben, welches vor

allen für das Höchste gehalten wird.

Zu so vielen geheimnisvollen, seltsamen Innerlichkeiten gesellte er

den klarsten Menschenverstand, die reinste Würdigung oder vielmehr

Abwürdigung der irdischen Dinge, den tätigsten Beistand, in leiblicher

und geistlicher Not seinem Nebenmenschen gewidmet. Streng beobachtete

er alle Obliegenheiten, wie sie auch an Festen, Kirchenbesuchen, Beten,

Fasten und sonst von dem gläubigen, kirchlichen Manne gefordert

werden. Ebenso beschäftigte er sich mit Bildung der Jugend, mit

musikalischer und rednerischer Übung derselben, indem er nicht allein

geistliche, sondern auch geistreiche Themata vorlegte und sonst

aufregende Gespräche und Disputationen veranlaßte. Hiebei möchte denn

wohl das Sonderbarste scheinen, daß er das alles aus eignem Trieb und

Befugnis tat und leistete, seinen Weg viele Jahre stetig verfolgte,

ohne zu irgendeinem Orden oder Kongregation zu gehören, ja ohne die

geistliche Weihe zu haben.

Doch bedeutender muß es auffallen, daß gerade dies zu Luthers Zeit

geschah, und daß mitten in Rom ein tüchtiger, gottesfürchtiger,

energischer, tätiger Mann gleichfalls den Gedanken hatte, das

Geistliche, ja das Heilige mit dem Weltlichen zu verbinden, das

Himmlische in das Säkulum einzuführen und dadurch ebenfalls eine

Reformation vorzubereiten. Denn hier liegt doch ganz allein der

Schlüssel, der die Gefängnisse des Papsttums öffnen und der freien

Welt ihren Gott wiedergeben soll.

Der päpstliche Hof jedoch, der einen so bedeutenden Mann in der Nähe,

im Bezirk von Rom, unter seinem Gewahrsam hatte, ließ nicht nach, bis

dieser, der ohnehin ein geistliches Leben führte, schon seine Wohnung

in Klöstern nahm, daselbst lehrte, ermunterte, ja sogar, wo nicht

einen Orden, doch eine freie Versammlung zu stiften im Begriff war,

endlich beredet ward, die Weihe zu nehmen und alle die Vorteile damit

zu empfangen, die ihm denn doch bisher auf seinem Lebenswege ermangelt

hatten.

Will man auch seine körperliche wunderbare Erhebung über den Boden,

wie billig, in Zweifel ziehen, so war er doch dem Geiste nach hoch

über dieser Welt erhoben und deswegen ihm nichts so sehr zuwider als

Eitelkeit, Schein, Anmaßung, gegen die er auch immer, als gegen die

größten Hindernisse eines wahren gottseligen Lebens, kräftig wirkte,

und zwar, wie uns manche Geschichte überliefert, immer mit gutem Humor.

Er befindet sich z. B. eben in der Nähe des Papstes, als diesem

berichtet wird, daß in der Nähe von Rom eine Klosterfrau mit allerlei

wunderlichen geistlichen Gaben sich hervortue. Die Wahrhaftigkeit

dieser Erzählungen zu untersuchen, erhält Neri den Auftrag. Er setzt

sich sogleich zu Maultier und ist bei sehr bösem Wetter und Weg bald

im Kloster. Eingeführt, unterhält er sich mit der äbtissin, die ihm

von allen diesen Gnadenzeichen mit vollkommener Beistimmung genaueste

Kenntnis gibt. Die geforderte Nonne tritt ein, und er, ohne sie

weiter zu begrüßen, reicht ihr den kotigen Stiefel hin, mit dem

Ansinnen, daß sie ihn ausziehen solle. Die heilige, reinliche

Jungfrau tritt erschrocken zurück und gibt ihre Entrüstung über dieses

Zumuten mit heftigen Worten zu erkennen. Neri erhebt sich ganz

gelassen, besteigt sein Maultier und findet sich wieder vor dem Papst,

ehe dieser es nur vermuten konnte; denn wegen Prüfung solcher

Geistesgaben sind katholischen Beichtvätern bedeutende

Vorsichtsmaßregeln aufs genaueste vorgeschrieben, weil die Kirche zwar

die Möglichkeit solcher himmlischen Begünstigungen zugibt, aber die

Wirklichkeit derselben nicht ohne die genaueste Prüfung zugesteht.

Dem verwunderten Papste eröffnete Neri kürzlich das Resultat: "Sie ist

keine Heilige", ruft er aus, "sie tut keine Wunder! Denn die

Haupteigenschaft fehlt ihr, die Demut."

Diese Maxime kann man als leitendes Prinzip seines ganzen Lebens

ansehen; denn, um nur noch eins zu erzählen: als er die Kongregation

der Padri dell' Oratorio gestiftet hatte, die sich bald ein großes

Ansehn erwarb und gar vielen den Wunsch einflößte, Mitglied derselben

zu werden, kam ein junger römischer Prinz, um Aufnahme bittend,

welchem denn auch das Noviziat und die demselben angewiesene Kleidung

zugestanden wurde. Da aber selbiger nach einiger Zeit um wirklichen

Eintritt nachsuchte, hieß es, daß vorher noch einige Prüfungen zu

bestehen seien; wozu er sich denn auch bereit erklärte. Da brachte

Neri einen langen Fuchsschwanz hervor und forderte, der Prinz solle

diesen sich hinten an das lange Röckchen anheften lassen und ganz

ernsthaft durch alle Straßen von Rom gehen. Der junge Mann entsetzte

sich, wie oben die Nonne, und äußerte, er habe sich gemeldet, nicht um

Schande, sondern um Ehre zu erlangen. Da meinte denn Vater Neri, dies

sei von ihrem Kreise nicht zu erwarten, wo die höchste Entsagung das

erste Gesetz bleibe. Worauf denn der Jüngling seinen Abschied nahm.

In einem kurzen Wahlspruch hatte Neri seine Hauptlehre verfaßt:

"Spernere mundum, spernere te ipsum, spernere te sperni." Und damit

war freilich alles gesagt. Die beiden ersten Punkte bildet sich ein

Hypochondrist wohl manchmal ein erfüllen zu können, um aber sich zum

dritten zu bequemen, müßte man auf dem Wege sein, ein Heiliger zu

werden.

Neapel, den 27. Mai 1787.

Die sämtlichen lieben Briefe vom Ende des vorigen Monats habe ich

gestern alle auf einmal von Rom her durch Graf Fries erhalten und mir

mit Lesen und Wiederlesen etwas Rechts zugute getan. Das sehnlich

erwartete Schächtelchen war auch dabei, und ich danke tausendmal für

alles.

Nun wird es aber bald Zeit, daß ich von hier flüchte; denn indem ich

mir Neapel und seine Umgebungen noch recht zu guter Letzt

vergegenwärtigen, den Eindruck erneuern und über manches abschließen

möchte, so reißt der Strom des Tages mich fort, und nun schließen auch

vorzügliche Menschen sich an, die ich als alte und neue Bekannte

unmöglich so geradezu abweisen kann. Ich fand eine liebenswürdige

Dame, mit der ich vorigen Sommer in Karlsbad die angenehmsten Tage

verlebt hatte. Um wie manche Stunde betrogen wir die Gegenwart in

heiterster Erinnerung. Alle die Lieben und Werten kamen wieder an die

Reihe, vor allem der heitere Humor unseres teuren Fürsten. Sie besaß

das Gedicht noch, womit ihn bei seinem Wegritt die Mädchen von

Engelhaus überraschten. Es rief die lustigen Szenen alle zurück, die

witzigen Neckereien und Mystifikationen, die geistreichen Versuche,

das Vergeltungsrecht aneinander auszuüben. Schnell fühlten wir uns

auf deutschem Boden in der besten deutschen Gesellschaft,

eingeschränkt von Felswänden, durch ein seltsames Lokal

zusammengehalten, mehr noch durch Hochachtung, Freundschaft und

Neigung vereinigt. Sobald wir jedoch ans Fenster traten, rauschte der

neapolitanische Strom wieder so gewaltsam an uns vorbei, daß jene

friedlichen Erinnerungen nicht festzuhalten waren.

Der Bekanntschaft des Herzogs und der Herzogin von Ursel konnt' ich

ebensowenig ausweichen. Treffliche Personen von hohen Sitten, reinem

Natur--und Menschensinn, entschiedener Kunstliebe, Wohlwollen für

Begegnende. Eine fortgesetzte und wiederholte Unterhaltung war höchst

anziehend.

Hamilton und seine Schöne setzten gegen mich ihre Freundlichkeit fort.

Ich speiste bei ihnen, und gegen Abend produzierte Miß Harte auch

ihre musikalischen und melischen Talente.

Auf Antrieb Freund Hackerts, der sein Wohlwollen gegen mich steigert

und mir alles Merkwürdige zur Kenntnis bringen möchte, führte uns

Hamilton in sein geheimes Kunst- und Gerümpelgewölbe. Da sieht es denn

ganz verwirrt aus; die Produkte aller Epochen zufällig durcheinander

gestellt: Büsten, Torse, Vasen, Bronze, von sizilianischen Achaten

allerlei Hauszierat, sogar ein Kapellchen, Geschnitztes, Gemaltes und

was er nur zufällig zusammenkaufte. In einem langen Kasten an der

Erde, dessen aufgebrochenen Deckel ich neugierig beiseiteschob, lagen

zwei ganz herrliche Kandelaber von Bronze. Mit einem Wink machte ich

Hackerten aufmerksam und lispelte ihm die Frage zu, ob diese nicht

ganz denen in Portici ähnlich seien. Er winkte mir dagegen

Stillschweigen; sie mochten sich freilich aus den pompejischen Grüften

seitwärts hieher verloren haben. Wegen solcher und ähnlicher

glücklicher Erwerbnisse mag der Ritter diese verborgenen Schätze nur

wohl seinen vertrautesten Freunden sehen lassen.

Auffallend war mir ein aufrechtstehender, an der Vorderseite offener,

inwendig schwarz angestrichener Kasten, von dem prächtigsten goldenen

Rahmen eingefaßt. Der Raum groß genug, um eine stehende menschliche

Figur aufzunehmen, und demgemäß erfuhren wir auch die Absicht. Der

Kunst--und Mädchenfreund, nicht zufrieden, das schöne Gebild als

bewegliche Statue zu sehen, wollte sich auch an ihr als an einem

bunten, unnachahmbaren Gemälde ergötzen, und so hatte sie manchmal

innerhalb dieses goldenen Rahmens, auf schwarzem Grund vielfarbig

gekleidet, die antiken Gemälde von Pompeji und selbst neuere

Meisterwerke nachgeahmt. Diese Epoche schien vorüber zu sein, auch

war der Apparat schwer zu transportieren und ins rechte Licht zu

setzen; uns konnte also ein solches Schauspiel nicht zuteil werden.

Hier ist der Ort, noch einer andern entschiedenen Liebhaberei der

Neapolitaner überhaupt zu gedenken. Es sind die Krippchen (presepe),

die man zu Weihnachten in allen Kirchen sieht, eigentlich die Anbetung

der Hirten, Engel und Könige vorstellend, mehr oder weniger

vollständig, reich und kostbar zusammen gruppiert. Diese Darstellung

ist in dem heitern Neapel bis auf die flachen Hausdächer gestiegen;

dort wird ein leichtes hüttenartiges Gerüste erbaut, mit immergrünen

Bäumen und Sträuchen aufgeschmückt. Die Mutter Gottes, das Kind und

die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden, kostbar ausgeputzt, auf

welche Garderobe das Haus große Summen verwendet. Was aber das Ganze

unnachahmlich verherrlicht, ist der Hintergrund, welcher den Vesuv mit

seinen Umgebungen einfaßt.

Da mag man nun manchmal auch lebendige Figuren zwischen die Puppen mit

eingemischt haben, und nach und nach ist eine der bedeutendsten

Unterhaltungen hoher und reicher Familien geworden, zu ihrer

Abendergötzung auch weltliche Bilder, sie mögen nun der Geschichte

oder der Dichtkunst angehören, in ihren Palästen aufzuführen.

Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, die freilich ein wohlbehandelter

Gast nicht wagen sollte, so muß ich gestehen, daß mir unsere schöne

Unterhaltende doch eigentlich als ein geistloses Wesen vorkommt, die

wohl mit ihrer Gestalt bezahlen, aber durch keinen seelenvollen

Ausdruck der Stimme, der Sprache sich geltend machen kann. Schon ihr

Gesang ist nicht von zusagender Fülle.

Und so mag es sich auch am Ende mit jenen starren Bildern verhalten.

Schöne Personen gibt's überall, tiefempfindende, zugleich mit

günstigen Sprachorganen versehene viel seltener, am allerseltensten

solche, wo zu allem diesen noch eine einnehmende Gestalt hinzutritt.

Auf Herders dritten Teil freu' ich mich seht. Hebet mir ihn auf, bis

ich sagen kann, wo er mir begegnen soll. Er wird gewiß den schönen

Traumwunsch der Menschheit, daß es dereinst besser mit ihr werden

solle, trefflich ausgeführt haben. Auch, muß ich selbst sagen, halt'

ich es für wahr, daß die Humanität endlich siegen wird, nur fürcht'

ich, daß zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des

andern humaner Krankenwärter sein werde.

Italienische Reise — Band 1 · 第 66 / 68 题