Genau betrachtet, möchte man doch wohl gutheißen, daß es so viele
Heilige gibt; nun kann jeder Gläubige den seinigen auslesen und mit
vollem Vertrauen sich gerade an den wenden, der ihm eigentlich zusagt.
Heute war der Tag des meinigen, den ich denn ihm zu Ehren nach seiner
Weise und Lehre andächtig-munter beging.
Philippus Neri steht in hohem Ansehn und zugleich heiterm Andenken;
man wird erbaut und erfreut, wenn man von ihm und von seiner hohen
Gottesfurcht vernimmt, zugleich aber hört man auch von seiner guten
Laune sehr viel erzählen. Seit seinen ersten Jugendjahren fühlte er
die brünstigsten Religionstriebe, und im Laufe seines Lebens
entwickelten sich in ihm die höchsten Gaben des religiösen
Enthusiasmus: die Gabe des unwillkürlichen Gebets, der tiefen,
wortlosen Anbetung, die Gabe der Tränen, der Ekstase und zuletzt sogar
des Aufsteigens vom Boden und Schwebens über demselben, welches vor
allen für das Höchste gehalten wird.
Zu so vielen geheimnisvollen, seltsamen Innerlichkeiten gesellte er
den klarsten Menschenverstand, die reinste Würdigung oder vielmehr
Abwürdigung der irdischen Dinge, den tätigsten Beistand, in leiblicher
und geistlicher Not seinem Nebenmenschen gewidmet. Streng beobachtete
er alle Obliegenheiten, wie sie auch an Festen, Kirchenbesuchen, Beten,
Fasten und sonst von dem gläubigen, kirchlichen Manne gefordert
werden. Ebenso beschäftigte er sich mit Bildung der Jugend, mit
musikalischer und rednerischer Übung derselben, indem er nicht allein
geistliche, sondern auch geistreiche Themata vorlegte und sonst
aufregende Gespräche und Disputationen veranlaßte. Hiebei möchte denn
wohl das Sonderbarste scheinen, daß er das alles aus eignem Trieb und
Befugnis tat und leistete, seinen Weg viele Jahre stetig verfolgte,
ohne zu irgendeinem Orden oder Kongregation zu gehören, ja ohne die
geistliche Weihe zu haben.
Doch bedeutender muß es auffallen, daß gerade dies zu Luthers Zeit
geschah, und daß mitten in Rom ein tüchtiger, gottesfürchtiger,
energischer, tätiger Mann gleichfalls den Gedanken hatte, das
Geistliche, ja das Heilige mit dem Weltlichen zu verbinden, das
Himmlische in das Säkulum einzuführen und dadurch ebenfalls eine
Reformation vorzubereiten. Denn hier liegt doch ganz allein der
Schlüssel, der die Gefängnisse des Papsttums öffnen und der freien
Welt ihren Gott wiedergeben soll.
Der päpstliche Hof jedoch, der einen so bedeutenden Mann in der Nähe,
im Bezirk von Rom, unter seinem Gewahrsam hatte, ließ nicht nach, bis
dieser, der ohnehin ein geistliches Leben führte, schon seine Wohnung
in Klöstern nahm, daselbst lehrte, ermunterte, ja sogar, wo nicht
einen Orden, doch eine freie Versammlung zu stiften im Begriff war,
endlich beredet ward, die Weihe zu nehmen und alle die Vorteile damit
zu empfangen, die ihm denn doch bisher auf seinem Lebenswege ermangelt
hatten.
Will man auch seine körperliche wunderbare Erhebung über den Boden,
wie billig, in Zweifel ziehen, so war er doch dem Geiste nach hoch
über dieser Welt erhoben und deswegen ihm nichts so sehr zuwider als
Eitelkeit, Schein, Anmaßung, gegen die er auch immer, als gegen die
größten Hindernisse eines wahren gottseligen Lebens, kräftig wirkte,
und zwar, wie uns manche Geschichte überliefert, immer mit gutem Humor.
Er befindet sich z. B. eben in der Nähe des Papstes, als diesem
berichtet wird, daß in der Nähe von Rom eine Klosterfrau mit allerlei
wunderlichen geistlichen Gaben sich hervortue. Die Wahrhaftigkeit
dieser Erzählungen zu untersuchen, erhält Neri den Auftrag. Er setzt
sich sogleich zu Maultier und ist bei sehr bösem Wetter und Weg bald
im Kloster. Eingeführt, unterhält er sich mit der äbtissin, die ihm
von allen diesen Gnadenzeichen mit vollkommener Beistimmung genaueste
Kenntnis gibt. Die geforderte Nonne tritt ein, und er, ohne sie
weiter zu begrüßen, reicht ihr den kotigen Stiefel hin, mit dem
Ansinnen, daß sie ihn ausziehen solle. Die heilige, reinliche
Jungfrau tritt erschrocken zurück und gibt ihre Entrüstung über dieses
Zumuten mit heftigen Worten zu erkennen. Neri erhebt sich ganz
gelassen, besteigt sein Maultier und findet sich wieder vor dem Papst,
ehe dieser es nur vermuten konnte; denn wegen Prüfung solcher
Geistesgaben sind katholischen Beichtvätern bedeutende
Vorsichtsmaßregeln aufs genaueste vorgeschrieben, weil die Kirche zwar
die Möglichkeit solcher himmlischen Begünstigungen zugibt, aber die
Wirklichkeit derselben nicht ohne die genaueste Prüfung zugesteht.
Dem verwunderten Papste eröffnete Neri kürzlich das Resultat: "Sie ist
keine Heilige", ruft er aus, "sie tut keine Wunder! Denn die
Haupteigenschaft fehlt ihr, die Demut."
Diese Maxime kann man als leitendes Prinzip seines ganzen Lebens
ansehen; denn, um nur noch eins zu erzählen: als er die Kongregation
der Padri dell' Oratorio gestiftet hatte, die sich bald ein großes
Ansehn erwarb und gar vielen den Wunsch einflößte, Mitglied derselben
zu werden, kam ein junger römischer Prinz, um Aufnahme bittend,
welchem denn auch das Noviziat und die demselben angewiesene Kleidung
zugestanden wurde. Da aber selbiger nach einiger Zeit um wirklichen
Eintritt nachsuchte, hieß es, daß vorher noch einige Prüfungen zu
bestehen seien; wozu er sich denn auch bereit erklärte. Da brachte
Neri einen langen Fuchsschwanz hervor und forderte, der Prinz solle
diesen sich hinten an das lange Röckchen anheften lassen und ganz
ernsthaft durch alle Straßen von Rom gehen. Der junge Mann entsetzte
sich, wie oben die Nonne, und äußerte, er habe sich gemeldet, nicht um
Schande, sondern um Ehre zu erlangen. Da meinte denn Vater Neri, dies
sei von ihrem Kreise nicht zu erwarten, wo die höchste Entsagung das
erste Gesetz bleibe. Worauf denn der Jüngling seinen Abschied nahm.
In einem kurzen Wahlspruch hatte Neri seine Hauptlehre verfaßt:
"Spernere mundum, spernere te ipsum, spernere te sperni." Und damit
war freilich alles gesagt. Die beiden ersten Punkte bildet sich ein
Hypochondrist wohl manchmal ein erfüllen zu können, um aber sich zum
dritten zu bequemen, müßte man auf dem Wege sein, ein Heiliger zu
werden.
Neapel, den 27. Mai 1787.
Die sämtlichen lieben Briefe vom Ende des vorigen Monats habe ich
gestern alle auf einmal von Rom her durch Graf Fries erhalten und mir
mit Lesen und Wiederlesen etwas Rechts zugute getan. Das sehnlich
erwartete Schächtelchen war auch dabei, und ich danke tausendmal für
alles.
Nun wird es aber bald Zeit, daß ich von hier flüchte; denn indem ich
mir Neapel und seine Umgebungen noch recht zu guter Letzt
vergegenwärtigen, den Eindruck erneuern und über manches abschließen
möchte, so reißt der Strom des Tages mich fort, und nun schließen auch
vorzügliche Menschen sich an, die ich als alte und neue Bekannte
unmöglich so geradezu abweisen kann. Ich fand eine liebenswürdige
Dame, mit der ich vorigen Sommer in Karlsbad die angenehmsten Tage
verlebt hatte. Um wie manche Stunde betrogen wir die Gegenwart in
heiterster Erinnerung. Alle die Lieben und Werten kamen wieder an die
Reihe, vor allem der heitere Humor unseres teuren Fürsten. Sie besaß
das Gedicht noch, womit ihn bei seinem Wegritt die Mädchen von
Engelhaus überraschten. Es rief die lustigen Szenen alle zurück, die
witzigen Neckereien und Mystifikationen, die geistreichen Versuche,
das Vergeltungsrecht aneinander auszuüben. Schnell fühlten wir uns
auf deutschem Boden in der besten deutschen Gesellschaft,
eingeschränkt von Felswänden, durch ein seltsames Lokal
zusammengehalten, mehr noch durch Hochachtung, Freundschaft und
Neigung vereinigt. Sobald wir jedoch ans Fenster traten, rauschte der
neapolitanische Strom wieder so gewaltsam an uns vorbei, daß jene
friedlichen Erinnerungen nicht festzuhalten waren.
Der Bekanntschaft des Herzogs und der Herzogin von Ursel konnt' ich
ebensowenig ausweichen. Treffliche Personen von hohen Sitten, reinem
Natur--und Menschensinn, entschiedener Kunstliebe, Wohlwollen für
Begegnende. Eine fortgesetzte und wiederholte Unterhaltung war höchst
anziehend.
Hamilton und seine Schöne setzten gegen mich ihre Freundlichkeit fort.
Ich speiste bei ihnen, und gegen Abend produzierte Miß Harte auch
ihre musikalischen und melischen Talente.
Auf Antrieb Freund Hackerts, der sein Wohlwollen gegen mich steigert
und mir alles Merkwürdige zur Kenntnis bringen möchte, führte uns
Hamilton in sein geheimes Kunst- und Gerümpelgewölbe. Da sieht es denn
ganz verwirrt aus; die Produkte aller Epochen zufällig durcheinander
gestellt: Büsten, Torse, Vasen, Bronze, von sizilianischen Achaten
allerlei Hauszierat, sogar ein Kapellchen, Geschnitztes, Gemaltes und
was er nur zufällig zusammenkaufte. In einem langen Kasten an der
Erde, dessen aufgebrochenen Deckel ich neugierig beiseiteschob, lagen
zwei ganz herrliche Kandelaber von Bronze. Mit einem Wink machte ich
Hackerten aufmerksam und lispelte ihm die Frage zu, ob diese nicht
ganz denen in Portici ähnlich seien. Er winkte mir dagegen
Stillschweigen; sie mochten sich freilich aus den pompejischen Grüften
seitwärts hieher verloren haben. Wegen solcher und ähnlicher
glücklicher Erwerbnisse mag der Ritter diese verborgenen Schätze nur
wohl seinen vertrautesten Freunden sehen lassen.
Auffallend war mir ein aufrechtstehender, an der Vorderseite offener,
inwendig schwarz angestrichener Kasten, von dem prächtigsten goldenen
Rahmen eingefaßt. Der Raum groß genug, um eine stehende menschliche
Figur aufzunehmen, und demgemäß erfuhren wir auch die Absicht. Der
Kunst--und Mädchenfreund, nicht zufrieden, das schöne Gebild als
bewegliche Statue zu sehen, wollte sich auch an ihr als an einem
bunten, unnachahmbaren Gemälde ergötzen, und so hatte sie manchmal
innerhalb dieses goldenen Rahmens, auf schwarzem Grund vielfarbig
gekleidet, die antiken Gemälde von Pompeji und selbst neuere
Meisterwerke nachgeahmt. Diese Epoche schien vorüber zu sein, auch
war der Apparat schwer zu transportieren und ins rechte Licht zu
setzen; uns konnte also ein solches Schauspiel nicht zuteil werden.
Hier ist der Ort, noch einer andern entschiedenen Liebhaberei der
Neapolitaner überhaupt zu gedenken. Es sind die Krippchen (presepe),
die man zu Weihnachten in allen Kirchen sieht, eigentlich die Anbetung
der Hirten, Engel und Könige vorstellend, mehr oder weniger
vollständig, reich und kostbar zusammen gruppiert. Diese Darstellung
ist in dem heitern Neapel bis auf die flachen Hausdächer gestiegen;
dort wird ein leichtes hüttenartiges Gerüste erbaut, mit immergrünen
Bäumen und Sträuchen aufgeschmückt. Die Mutter Gottes, das Kind und
die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden, kostbar ausgeputzt, auf
welche Garderobe das Haus große Summen verwendet. Was aber das Ganze
unnachahmlich verherrlicht, ist der Hintergrund, welcher den Vesuv mit
seinen Umgebungen einfaßt.
Da mag man nun manchmal auch lebendige Figuren zwischen die Puppen mit
eingemischt haben, und nach und nach ist eine der bedeutendsten
Unterhaltungen hoher und reicher Familien geworden, zu ihrer
Abendergötzung auch weltliche Bilder, sie mögen nun der Geschichte
oder der Dichtkunst angehören, in ihren Palästen aufzuführen.
Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, die freilich ein wohlbehandelter
Gast nicht wagen sollte, so muß ich gestehen, daß mir unsere schöne
Unterhaltende doch eigentlich als ein geistloses Wesen vorkommt, die
wohl mit ihrer Gestalt bezahlen, aber durch keinen seelenvollen
Ausdruck der Stimme, der Sprache sich geltend machen kann. Schon ihr
Gesang ist nicht von zusagender Fülle.
Und so mag es sich auch am Ende mit jenen starren Bildern verhalten.
Schöne Personen gibt's überall, tiefempfindende, zugleich mit
günstigen Sprachorganen versehene viel seltener, am allerseltensten
solche, wo zu allem diesen noch eine einnehmende Gestalt hinzutritt.
Auf Herders dritten Teil freu' ich mich seht. Hebet mir ihn auf, bis
ich sagen kann, wo er mir begegnen soll. Er wird gewiß den schönen
Traumwunsch der Menschheit, daß es dereinst besser mit ihr werden
solle, trefflich ausgeführt haben. Auch, muß ich selbst sagen, halt'
ich es für wahr, daß die Humanität endlich siegen wird, nur fürcht'
ich, daß zu gleicher Zeit die Welt ein großes Hospital und einer des
andern humaner Krankenwärter sein werde.