Eine ausgezeichnete Fröhlichkeit erblickt man überall mit dem größten
teilnehmenden Vergnügen. Die vielfarbigen bunten Blumen und Früchte,
mit welchen die Natur sich ziert, scheinen den Menschen einzuladen,
sich und alle seine Gerätschaften mit so hohen Farben als möglich
auszuputzen. Seidene Tücher und Binden, Blumen auf den Hüten
schmücken einen jeden, der es einigermaßen vermag. Stühle und
Kommoden in den geringsten Häusern sind auf vergoldetem Grund mit
bunten Blumen geziert; sogar die einspännigen Kaleschen hochrot
angestrichen, das Schnitzwerk vergoldet, die Pferde davor mit
gemachten Blumen, hochroten Quasten und Rauschgold ausgeputzt. Manche
haben Federbüsche, andere sogar kleine Fähnchen auf den Köpfen, die
sich im Laufe nach jeder Bewegung drehen. Wir pflegen gewöhnlich die
Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos zu nennen,
sie kann es auch auf gewisse Weise sein und werden, allein unter einem
recht heitern und blauen Himmel ist eigentlich nichts bunt, denn
nichts vermag den Glanz der Sonne und ihren Widerschein im Meer zu
überstrahlen. Die lebhafteste Farbe wird durch das gewaltige Licht
gedämpft, und weil alle Farben, jedes Grün der Bäume und Pflanzen, das
gelbe, braune, rote Erdreich in völliger Kraft auf das Auge wirken, so
treten dadurch selbst die farbigen Blumen und Kleider in die
allgemeine Harmonie. Die scharlachnen Westen und Röcke der Weiber von
Nettuno, mit breitem Gold und Silber besetzt, die andern farbigen
Nationaltrachten, die gemalten Schiffe, alles scheint sich zu beeifern,
unter dem Glanze des Himmels und des Meeres einigermaßen sichtbar zu
werden.
Und wie sie leben, so begraben sie auch ihre Toten; da stört kein
schwarzer, langsamer Zug die Harmonie der lustigen Welt.
Ich sah ein Kind zu Grabe tragen. Ein rotsammetner, großer, mit Gold
breit gestickter Teppich überdeckte eine breite Bahre, darauf stand
ein geschnitztes, stark vergoldetes und versilbertes Kästchen, worin
das weißgekleidete Tote mit rosenfarbnen Bändern ganz überdeckt lag.
Auf den vier Ecken des Kästchens waren vier Engel, ungefähr jeder zwei
Fuß hoch, angebracht, welche große Blumenbüschel über das ruhende Kind
hielten, und, weil sie unten nur an Drähten befestigt waren, sowie die
Bahre sich bewegte, wackelten und mild belebende Blumengerüche
auszustreuen schienen. Die Engel schwankten um desto heftiger, als
der Zug sehr über die Straßen wegeilte und die vorangehenden Priester
und die Kerzenträger mehr liefen als gingen.
Es ist keine Jahreszeit, wo man sich nicht überall von Eßwaren umgeben
sähe, und der Neapolitaner freut sich nicht allein des Essens, sondern
er will auch, daß die Ware zum Verkauf schön aufgeputzt sei.
Bei Santa Lucia sind die Fische nach ihren Gattungen meist in
reinlichen und artigen Körben, Krebse, Austern, Scheiden, kleine
Muscheln, jedes besonders aufgetischt und mit grünen Blättern
unterlegt. Die Läden von getrocknetem Obst und Hülsenfrüchten sind
auf das mannigfaltigste herausgeputzt. Die ausgebreiteten Pomeranzen
und Zitronen von allen Sorten, mit dazwischen hervorstechendem grünem
Laub, dem Auge sehr erfreulich. Aber nirgends putzen sie mehr als bei
den Fleischwaren, nach welchen das Auge des Volks besonders lüstern
gerichtet ist, weil der Appetit durch periodisches Entbehren nur mehr
gereizt wird.
In den Fleischbänken hängen die Teile der Ochsen, Kälber, Schöpse
niemals aus, ohne daß neben dem Fett zugleich die Seite oder die Keule
stark vergoldet sei. Es sind verschiedne Tage im Jahr, besonders die
Weihnachtsfeiertage, als Schmausfeste berühmt; alsdann feiert man eine
allgemeine Cocagna, wozu sich fünfhunderttausend Menschen das Wort
gegeben haben. Dann ist aber auch die Straße Toledo und neben ihr
mehrere Straßen und Plätze auf das appetitlichste verziert. Die
Butiken, wo grüne Sachen verkauft werden, wo Rosinen, Melonen und
Feigen aufgesetzt sind, erfreuen das Auge auf das allerangenehmste.
Die Eßwaren hängen in Girlanden über die Straßen hinüber; große
Paternoster von vergoldeten, mit roten Bändern geschnürten Würsten;
welsche Hähne, welche alle eine rote Fahne unter dem Bürzel stecken
haben. Man versicherte, daß deren dreißigtausend verkauft worden,
ohne die zu rechnen, welche die Leute im Hause gemästet hatten. Außer
diesem werden noch eine Menge Esel, mit grüner Ware, Kapaunen und
jungen Lämmern beladen, durch die Stadt und über den Markt getrieben,
und die Haufen Eier, welche man hier und da sieht, sind so groß, daß
man sich ihrer niemals so viel beisammen gedacht hat. Und nicht genug,
daß alles dieses verzehret wird: alle Jahre reitet ein Polizeidiener
mit einem Trompeter durch die Stadt und verkündet auf allen Plätzen
und Kreuzwegen, wieviel tausend Ochsen, Kälber, Lämmer, Schweine u. s.
w. der Neapolitaner verzehrt habe. Das Volk höret aufmerksam zu,
freut sich unmäßig über die großen Zahlen, und jeder erinnert sich des
Anteils an diesem Genusse mit Vergnügen.
Was die Mehl--und Milchspeisen betrifft, welche unsere Köchinnen so
mannigfaltig zu bereiten wissen, ist für jenes Volk, das sich in
dergleichen Dingen gerne kurz faßt und keine wohleingerichtete Küche
hat, doppelt gesorgt. Die Makkaroni, ein zarter, stark
durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepreßter Teig von
feinem Mehle, sind von allen Sorten überall um ein geringes zu haben.
Sie werden meistens nur in Wasser abgekocht, und der geriebene Käse
schmälzt und würzt zugleich die Schüssel. Fast an der Ecke jeder
großen Straße sind die Backwerkverfertiger mit ihren Pfannen voll
siedenden Öls, besonders an Fasttagen, beschäftigt, Fische und
Backwerk einem jeden nach seinem Verlangen sogleich zu bereiten.
Diese Leute haben einen unglaublichen Abgang, und viele tausend
Menschen tragen ihr Mittag--und Abendessen von da auf einem Stückchen
Papier davon.
Neapel, den 30. Mai 1787.
Nachts durch die Stadt spazierend, gelangt' ich zum Molo. Dort sah
ich mit einem Blick den Mond, den Schein desselben auf den
Wolkensäumen, den sanft bewegten Abglanz im Meere, heller und
lebhafter auf dem Saum der nächsten Welle. Und nun die Sterne des
Himmels, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs, den
Widerschein davon im Wasser und viele einzelne Lichter ausgesät über
die Schiffe. Eine so mannigfaltige Aufgabe hätt' ich wohl von Van der
Neer gelöst sehen mögen.
Neapel, Donnerstag, den 31. Mai 1787.
Ich hatte das römische Fronleichnamfest und dabei besonders die nach
Raffael gewirkten Teppiche so fest in den Sinn gefaßt, daß ich mich
alle diese herrlichen Naturerscheinungen, ob sie schon in der Welt
ihresgleichen nicht haben können, keineswegs irren ließ, sondern die
Anstalten zur Reise hartnäckig fortsetzte. Ein Paß war bestellt, ein
Vetturin hatte mir den Mietpfennig gegeben; denn es geschieht dort zur
Sicherheit der Reisenden umgekehrt als bei uns. Kniep war
beschäftigt, sein neues Quartier zu beziehen, an Raum und Lage viel
besser als das vorige.
Schon früher, als diese Veränderung im Werke war, hatte mir der Freund
einigemal zu bedenken gegeben, es sei doch unangenehm und
gewissermaßen unanständig, wenn man in ein Haus ziehe und gar nichts
mitbringe; selbst ein Bettgestell flöße den Wirtsleuten schon einigen
Respekt ein. Als wir nun heute durch den unendlichen Trödel der
Kastellweitung hindurchgingen, sah ich so ein paar eiserne Gestelle,
bronzeartig angestrichen, welche ich sogleich feilschte und meinem
Freund als künftigen Grund zu einer ruhigen und soliden Schlafstätte
verehrte. Einer der allezeit fertigen Träger brachte sie nebst den
erforderlichen Brettern in das neue Quartier, welche Anstalt Kniepen
so sehr freute, daß er sogleich von mir weg und hier einzuziehen
gedachte, große Reißbretter, Papier und alles Nötige schnell
anzuschaffen besorgt war. Einen Teil der Konturen, in beiden Sizilien
gezogen, übergab ich ihm nach unserer Verabredung.
Neapel, den 1. Juni 1787.
Die Ankunft des Marquis Lucchesini hat meine Abreise auf einige Tage
weiter geschoben; ich habe viel Freude gehabt, ihn kennen zu lernen.
Er scheint mir einer von denen Menschen zu sein, die einen guten
moralischen Magen haben, um an dem großen Welttische immer mitgenießen
zu können; anstatt daß unsereiner wie ein wiederkäuendes Tier sich
zuzeiten überfüllt und dann nichts weiter zu sich nehmen kann, bis er
eine wiederholte Kauung und Verdauung geendigt hat. Sie gefällt mir
auch recht wohl, sie ist ein wackres deutsches Wesen.
Ich gehe nun gern aus Neapel, ja, ich muß fort. Diese letzten Tage
überließ ich mich der Gefälligkeit, Menschen zu sehen; ich habe meist
interessante Personen kennen lernen und bin mit den Stunden, die ich
ihnen gewidmet, sehr zufrieden, aber noch vierzehn Tage, so hätte es
mich weiter und weiter und abwärts von meinem Zwecke geführt. Und
dann wird man hier immer untätiger. Seit meiner Rückkunft von Pästum
habe ich außer den Schätzen von Portici wenig gesehen, und es bleibt
mir manches zurück, um dessentwillen ich nicht den Fuß aufheben mag.
Aber jenes Museum ist auch das A und W aller Antiquitätensammlungen;
da sieht man recht, was die alte Welt an freudigem Kunstsinn voraus
war, wenn sie gleich in strenger Handwerksfertigkeit weit hinter uns
zurückblieb.
Zum 1. Juni 1787.
Der Lohnbediente, welcher mir den ausgefertigten Paß zustellte,
erzählte zugleich, meine Abreise bedauernd, daß eine starke Lava, aus
dem Vesuv hervorgebrochen, ihren Weg nach dem Meere zu nehme; an
steileren Abhängen des Berges sei sie beinahe schon herab und könne
wohl in einigen Tagen das Ufer erreichen. Nun befand ich mich in der
größten Klemme. Der heutige Tag ging auf Abschiedsbesuche hin, die
ich so vielen wohlwollenden und befördernden Personen schuldig war;
wie es mir morgen ergehen wird, sehe ich schon. Einmal kann man sich
auf seinem Wege den Menschen doch nicht völlig entziehen, was sie uns
aber auch nutzen und zu genießen geben, sie reißen uns doch zuletzt
von unsern ernstlichen Zwecken zur Seite hin, ohne daß wir die ihrigen
fördern. Ich bin äußerst verdrießlich.
Abends.
Auch meine Dankbesuche waren nicht ohne Freude und Belehrung, man
zeigte mir noch manches freundlich vor, was man bisher verschoben oder
versäumt. Cavaliere Venuti ließ mich sogar noch verborgene Schätze
sehen. Ich betrachtete abermals mit großer Verehrung seinen, obgleich
verstümmelten, doch unschätzbaren Ulysses. Er führte mich zum
Abschied in die Porzellanfabrik, wo ich mir den Herkules möglichst
einprägte und mir an den kampanischen Gefäßen die Augen noch einmal
recht voll sah.
Wahrhaft gerührt und freundschaftlich Abschied nehmend, vertraute er
mir dann noch zuletzt, wo ihn eigentlich der Schuh drücke, und
wünschte nichts mehr, als daß ich noch eine Zeitlang mit ihm verweilen
könnte. Mein Bankier, bei dem ich gegen Tischzeit eintraf, ließ mich
nicht los; das wäre nun alles schön und gut gewesen, hätte nicht die
Lava meine Einbildungskraft an sich gezogen. Unter mancherlei
Beschäftigungen, Zahlungen und Einpacken kam die Nacht heran, ich aber
eilte schnell nach dem Molo.
Hier sah ich nun alle die Feuer und Lichter und ihre Widerscheine, nur
bei bewegtem Meer noch schwankender; den Vollmond in seiner ganzen
Herrlichkeit neben dem Sprühfeuer des Vulkans, und nun die Lava, die
neulich fehlte, auf ihrem glühenden ernsten Wege. Ich hätte noch
hinausfahren sollen, aber die Anstalten waren zu weitschichtig, ich
wäre erst am Morgen dort angekommen. Den Anblick, wie ich ihn genoß,
wollte ich mir durch Ungeduld nicht verderben, ich blieb auf dem Molo
sitzen, bis mir ungeachtet des Zu--und Abströmens der Menge, ihres
Deutens, Erzählens, Vergleichens, Streitens, wohin die Lava strömen
werde, und was dergleichen Unfug noch mehr sein mochte, die Augen
zufallen wollten.
Neapel, Sonnabend, den 2. Juni 1787.
Und so hätte ich auch diesen schönen Tag zwar mit vorzüglichen
Personen vergnüglich und nützlich, aber doch ganz gegen meine
Absichten und mit schwerem Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte
ich nach dem Dampfe, der, den Berg herab langsam nach dem Meer ziehend,
den Weg bezeichnete, welchen die Lava stündlich nahm. Auch der Abend
sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen, die Herzogin von
Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich denn
viele Stufen hinauf durch manche Gänge wandern ließ, deren oberste
verengt waren durch Kisten, Schränke und alles Mißfällige eines
Hofgarderobewesens. Ich fand in einem großen und hohen Zimmer, das
keine sonderliche Aussicht hatte, eine wohlgestaltete junge Dame von
sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als einer gebornen Deutschen
war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu einer freieren,
weit umherblickenden Humanität gebildet; Herders Bemühungen und was
ihnen ähnelte, schätzte sie vorzüglich, auch Garvens reiner Verstand
hatte ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen
Schriftstellerinnen suchte sie gleichen Schritt zu halten, und es ließ
sich wohl bemerken, daß es ihr Wunsch sei, eine geübte und belobte
Feder zu führen. Dahin bezogen sich ihre Gespräche und verrieten
zugleich die Absicht, auf die Töchter des höchsten Standes zu wirken;
ein solches Gespräch kennt keine Grenzen. Die Dämmerung war schon
eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im
Zimmer auf und ab, und sie, einer durch Läden verschlossenen
Fensterseite sich nähernd, stieß einen Laden auf, und ich erblickte,
was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich,
mich zu überraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir
standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor
uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener
Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu
vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure
feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf
blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis
gegen das Meer ein Streif von Gluten und glühenden Dünsten; übrigens
Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar,
friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu
übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als
die Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mußte wohl
Erstaunen erregen.
Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen,
und wenn es auch die einzelnen Gegenstände zu mustern nicht imstande
war, so verlor es doch niemals den Eindruck des großen Ganzen. War
unser Gespräch durch dieses Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine
desto gemütlichere Wendung. Wir hatten nun einen Text vor uns,
welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen. Je mehr die
Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der
Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Säulen des Rauchs, dessen
Streifen und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man
glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die glühend ausgeworfenen
Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden. Meine
Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir nicht leicht ein köstlichers
Abendmahl zubereitet war, ließ die Kerzen an die Gegenseite des
Zimmers stellen, und die schöne Frau, vom Monde beleuchtet, als
Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schöner zu
werden, ja ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, daß ich
in diesem südlichen Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart
vernahm. Ich vergaß, wie spät es war, so daß sie mich zuletzt
aufmerksam machte, sie müsse mich, wiewohl ungerne, entlassen, die
Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermäßig verschlossen würden.
Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Nähe, mein
Geschick segnend, das mich für die widerwillige Artigkeit des Tages
noch schön am Abend belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt,
sagte ich mir vor, daß ich in der Nähe dieser größern Lava doch nur
die Wiederholung jener kleinern würde gesehen haben, und daß mir ein
solcher Überblick, ein solcher Abschied aus Neapel nicht anders als
auf diese Weise hätte werden können. Anstatt nach Hause zu gehen,
richtete ich meine Schritte nach dem Molo, um das große Schauspiel mit
einem andern Vordergrund zu sehen; aber ich weiß nicht, ob die
Ermüdung nach einem so reichen Tage oder ein Gefühl, daß man das
letzte, schöne Bild nicht verwischen müsse, mich wieder nach Moriconi
zurückzog, wo ich denn auch Kniepen fand, der aus seinem neu bezognen
Quartier mir einen Abendbesuch abstattete. Bei einer Flasche Wein
besprachen wir unsere künftigen Verhältnisse; ich konnte ihm zusagen,
daß er, sobald ich etwas von seinen Arbeiten in Deutschland vorzeigen
könne, gewiß dem trefflichen Herzog Ernst von Gotha empfohlen sein und
von dort Bestellungen erhalten würde. Und so schieden wir mit
herzlicher Freude, mit sicherer Aussicht künftiger wechselseitig
wirkender Tätigkeit.
Neapel, Sonntag, den 3. Juni 1787. Dreieinigkeitsfest.
Und so fuhr ich denn durch das unendliche Leben dieser
unvergleichlichen Stadt, die ich wahrscheinlich nicht wiedersehen
sollte, halb betäubt hinaus; vergnügt jedoch, daß weder Reue noch
Schmerz hinter mir blieb. Ich dachte an den guten Kniep und gelobte
ihm auch in der Ferne meine beste Vorsorge.
An den äußersten Polizeischranken der Vorstadt störte mich einen
Augenblick ein Marqueur, der mir freundlich ins Gesicht sah, aber
schnell wieder hinwegsprang. Die Zollmänner waren noch nicht mit dem
Vetturin fertig geworden, als aus der Kaffeebudentüre, die größte
chinesische Tasse voll schwarzen Kaffee auf einem Präsentierteller
tragend, Kniep heraustrat. Er nahte sich dem Wagenschlag langsam mit
einem Ernst, der, von Herzen gehend, ihn sehr gut kleidete. Ich war
erstaunt und gerührt, eine solche erkenntliche Aufmerksamkeit hat
nicht ihresgleichen. "Sie haben", sagte er, "mir so viel Liebes und
Gutes, auf mein ganzes Leben Wirksames erzeigt, daß ich Ihnen hier ein
Gleichnis anbieten möchte, was ich Ihnen verdanke."
Da ich in solchen Gelegenheiten ohnehin keine Sprache habe, so brachte
ich nur sehr lakonisch vor, daß er durch seine Tätigkeit mich schon
zum Schuldner gemacht und durch Benutzung und Bearbeitung unserer
gemeinsamen Schätze mich noch immer mehr verbinden werde.
Wir schieden, wie Personen selten voneinander scheiden, die sich
zufällig auf kurze Zeit verbunden. Vielleicht hätte man viel mehr
Dank und Vorteil vom Leben, wenn man sich wechselsweise gerade heraus
spräche, was man voneinander erwartet. Ist das geleistet, so sind
beide Teile zufrieden, und das Gemütliche, was das Erste und Letzte
von allem ist, erscheint als reine Zugabe.
Unterwegs, am 4., 5. und 6. Juni.
Da ich diesmal allein reise, habe ich Zeit genug, die Eindrücke der
vergangenen Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem
Behagen. Und doch tritt gar oft das Lückenhafte der Bemerkungen
hervor, und wenn die Reise dem, der sie vollbracht hat, in einem
Flusse vorüberzuziehen scheint und in der Einbildungskraft als eine
stetige Folge hervortritt, so fühlt man doch, daß eine eigentliche
Mitteilung unmöglich sei. Der Erzählende muß alles einzeln hinstellen:
wie soll daraus in der Seele des Dritten ein Ganzes gebildet werden?
Deshalb konnte mir nichts Tröstlicheres und Erfreulicheres begegnen
als die Versicherungen eurer letzten Briefe, daß ihr euch fleißig mit
Italien und Sizilien beschäftigt, Reisebeschreibungen leset und
Kupferwerke betrachtet; das Zeugnis, daß dadurch meine Briefe gewinnen,
ist mein höchster Trost. Hättet ihr es früher getan oder
ausgesprochen, ich wäre noch eifriger gewesen, als ich war. Daß
treffliche Männer wie Bartels, Münter, Architekten verschiedener
Nationen vor mir hergingen, die gewiß äußere Zwecke sorgfältiger
verfolgten als ich, der ich nur die innerlichsten im Auge hatte, hat
mich oft beruhigt, wenn ich alle meine Bemühungen für unzulänglich
halten mußte.
Überhaupt, wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller übrigen zu
betrachten ist und am nützlichsten und liebenswürdigsten erscheint,
wenn er sich als einen solchen gibt, so muß dieses vorzüglich von
Reiseberichten und Reisenden gültig sein. Persönlichkeit, Zwecke,
Zeitverhältnisse, Gunst und Ungunst der Zufälligkeiten, alles zeigt
sich bei einem jeden anders. Kenn' ich seine Vorgänger, so werd' ich
auch an ihm mich freuen, mich mit ihm behelfen, seinen Nachfolger
erwarten und diesem, wäre mir sogar inzwischen das Glück geworden, die
Gegend selbst zu besuchen, gleichfalls freundlich begegnen.