Neapel, den 29. Mai 1787

Eine ausgezeichnete Fröhlichkeit erblickt man überall mit dem größten

teilnehmenden Vergnügen. Die vielfarbigen bunten Blumen und Früchte,

mit welchen die Natur sich ziert, scheinen den Menschen einzuladen,

sich und alle seine Gerätschaften mit so hohen Farben als möglich

auszuputzen. Seidene Tücher und Binden, Blumen auf den Hüten

schmücken einen jeden, der es einigermaßen vermag. Stühle und

Kommoden in den geringsten Häusern sind auf vergoldetem Grund mit

bunten Blumen geziert; sogar die einspännigen Kaleschen hochrot

angestrichen, das Schnitzwerk vergoldet, die Pferde davor mit

gemachten Blumen, hochroten Quasten und Rauschgold ausgeputzt. Manche

haben Federbüsche, andere sogar kleine Fähnchen auf den Köpfen, die

sich im Laufe nach jeder Bewegung drehen. Wir pflegen gewöhnlich die

Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos zu nennen,

sie kann es auch auf gewisse Weise sein und werden, allein unter einem

recht heitern und blauen Himmel ist eigentlich nichts bunt, denn

nichts vermag den Glanz der Sonne und ihren Widerschein im Meer zu

überstrahlen. Die lebhafteste Farbe wird durch das gewaltige Licht

gedämpft, und weil alle Farben, jedes Grün der Bäume und Pflanzen, das

gelbe, braune, rote Erdreich in völliger Kraft auf das Auge wirken, so

treten dadurch selbst die farbigen Blumen und Kleider in die

allgemeine Harmonie. Die scharlachnen Westen und Röcke der Weiber von

Nettuno, mit breitem Gold und Silber besetzt, die andern farbigen

Nationaltrachten, die gemalten Schiffe, alles scheint sich zu beeifern,

unter dem Glanze des Himmels und des Meeres einigermaßen sichtbar zu

werden.

Und wie sie leben, so begraben sie auch ihre Toten; da stört kein

schwarzer, langsamer Zug die Harmonie der lustigen Welt.

Ich sah ein Kind zu Grabe tragen. Ein rotsammetner, großer, mit Gold

breit gestickter Teppich überdeckte eine breite Bahre, darauf stand

ein geschnitztes, stark vergoldetes und versilbertes Kästchen, worin

das weißgekleidete Tote mit rosenfarbnen Bändern ganz überdeckt lag.

Auf den vier Ecken des Kästchens waren vier Engel, ungefähr jeder zwei

Fuß hoch, angebracht, welche große Blumenbüschel über das ruhende Kind

hielten, und, weil sie unten nur an Drähten befestigt waren, sowie die

Bahre sich bewegte, wackelten und mild belebende Blumengerüche

auszustreuen schienen. Die Engel schwankten um desto heftiger, als

der Zug sehr über die Straßen wegeilte und die vorangehenden Priester

und die Kerzenträger mehr liefen als gingen.

Es ist keine Jahreszeit, wo man sich nicht überall von Eßwaren umgeben

sähe, und der Neapolitaner freut sich nicht allein des Essens, sondern

er will auch, daß die Ware zum Verkauf schön aufgeputzt sei.

Bei Santa Lucia sind die Fische nach ihren Gattungen meist in

reinlichen und artigen Körben, Krebse, Austern, Scheiden, kleine

Muscheln, jedes besonders aufgetischt und mit grünen Blättern

unterlegt. Die Läden von getrocknetem Obst und Hülsenfrüchten sind

auf das mannigfaltigste herausgeputzt. Die ausgebreiteten Pomeranzen

und Zitronen von allen Sorten, mit dazwischen hervorstechendem grünem

Laub, dem Auge sehr erfreulich. Aber nirgends putzen sie mehr als bei

den Fleischwaren, nach welchen das Auge des Volks besonders lüstern

gerichtet ist, weil der Appetit durch periodisches Entbehren nur mehr

gereizt wird.

In den Fleischbänken hängen die Teile der Ochsen, Kälber, Schöpse

niemals aus, ohne daß neben dem Fett zugleich die Seite oder die Keule

stark vergoldet sei. Es sind verschiedne Tage im Jahr, besonders die

Weihnachtsfeiertage, als Schmausfeste berühmt; alsdann feiert man eine

allgemeine Cocagna, wozu sich fünfhunderttausend Menschen das Wort

gegeben haben. Dann ist aber auch die Straße Toledo und neben ihr

mehrere Straßen und Plätze auf das appetitlichste verziert. Die

Butiken, wo grüne Sachen verkauft werden, wo Rosinen, Melonen und

Feigen aufgesetzt sind, erfreuen das Auge auf das allerangenehmste.

Die Eßwaren hängen in Girlanden über die Straßen hinüber; große

Paternoster von vergoldeten, mit roten Bändern geschnürten Würsten;

welsche Hähne, welche alle eine rote Fahne unter dem Bürzel stecken

haben. Man versicherte, daß deren dreißigtausend verkauft worden,

ohne die zu rechnen, welche die Leute im Hause gemästet hatten. Außer

diesem werden noch eine Menge Esel, mit grüner Ware, Kapaunen und

jungen Lämmern beladen, durch die Stadt und über den Markt getrieben,

und die Haufen Eier, welche man hier und da sieht, sind so groß, daß

man sich ihrer niemals so viel beisammen gedacht hat. Und nicht genug,

daß alles dieses verzehret wird: alle Jahre reitet ein Polizeidiener

mit einem Trompeter durch die Stadt und verkündet auf allen Plätzen

und Kreuzwegen, wieviel tausend Ochsen, Kälber, Lämmer, Schweine u. s.

w. der Neapolitaner verzehrt habe. Das Volk höret aufmerksam zu,

freut sich unmäßig über die großen Zahlen, und jeder erinnert sich des

Anteils an diesem Genusse mit Vergnügen.

Was die Mehl--und Milchspeisen betrifft, welche unsere Köchinnen so

mannigfaltig zu bereiten wissen, ist für jenes Volk, das sich in

dergleichen Dingen gerne kurz faßt und keine wohleingerichtete Küche

hat, doppelt gesorgt. Die Makkaroni, ein zarter, stark

durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepreßter Teig von

feinem Mehle, sind von allen Sorten überall um ein geringes zu haben.

Sie werden meistens nur in Wasser abgekocht, und der geriebene Käse

schmälzt und würzt zugleich die Schüssel. Fast an der Ecke jeder

großen Straße sind die Backwerkverfertiger mit ihren Pfannen voll

siedenden Öls, besonders an Fasttagen, beschäftigt, Fische und

Backwerk einem jeden nach seinem Verlangen sogleich zu bereiten.

Diese Leute haben einen unglaublichen Abgang, und viele tausend

Menschen tragen ihr Mittag--und Abendessen von da auf einem Stückchen

Papier davon.

Neapel, den 30. Mai 1787.

Nachts durch die Stadt spazierend, gelangt' ich zum Molo. Dort sah

ich mit einem Blick den Mond, den Schein desselben auf den

Wolkensäumen, den sanft bewegten Abglanz im Meere, heller und

lebhafter auf dem Saum der nächsten Welle. Und nun die Sterne des

Himmels, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs, den

Widerschein davon im Wasser und viele einzelne Lichter ausgesät über

die Schiffe. Eine so mannigfaltige Aufgabe hätt' ich wohl von Van der

Neer gelöst sehen mögen.

Neapel, Donnerstag, den 31. Mai 1787.

Ich hatte das römische Fronleichnamfest und dabei besonders die nach

Raffael gewirkten Teppiche so fest in den Sinn gefaßt, daß ich mich

alle diese herrlichen Naturerscheinungen, ob sie schon in der Welt

ihresgleichen nicht haben können, keineswegs irren ließ, sondern die

Anstalten zur Reise hartnäckig fortsetzte. Ein Paß war bestellt, ein

Vetturin hatte mir den Mietpfennig gegeben; denn es geschieht dort zur

Sicherheit der Reisenden umgekehrt als bei uns. Kniep war

beschäftigt, sein neues Quartier zu beziehen, an Raum und Lage viel

besser als das vorige.

Schon früher, als diese Veränderung im Werke war, hatte mir der Freund

einigemal zu bedenken gegeben, es sei doch unangenehm und

gewissermaßen unanständig, wenn man in ein Haus ziehe und gar nichts

mitbringe; selbst ein Bettgestell flöße den Wirtsleuten schon einigen

Respekt ein. Als wir nun heute durch den unendlichen Trödel der

Kastellweitung hindurchgingen, sah ich so ein paar eiserne Gestelle,

bronzeartig angestrichen, welche ich sogleich feilschte und meinem

Freund als künftigen Grund zu einer ruhigen und soliden Schlafstätte

verehrte. Einer der allezeit fertigen Träger brachte sie nebst den

erforderlichen Brettern in das neue Quartier, welche Anstalt Kniepen

so sehr freute, daß er sogleich von mir weg und hier einzuziehen

gedachte, große Reißbretter, Papier und alles Nötige schnell

anzuschaffen besorgt war. Einen Teil der Konturen, in beiden Sizilien

gezogen, übergab ich ihm nach unserer Verabredung.

Neapel, den 1. Juni 1787.

Die Ankunft des Marquis Lucchesini hat meine Abreise auf einige Tage

weiter geschoben; ich habe viel Freude gehabt, ihn kennen zu lernen.

Er scheint mir einer von denen Menschen zu sein, die einen guten

moralischen Magen haben, um an dem großen Welttische immer mitgenießen

zu können; anstatt daß unsereiner wie ein wiederkäuendes Tier sich

zuzeiten überfüllt und dann nichts weiter zu sich nehmen kann, bis er

eine wiederholte Kauung und Verdauung geendigt hat. Sie gefällt mir

auch recht wohl, sie ist ein wackres deutsches Wesen.

Ich gehe nun gern aus Neapel, ja, ich muß fort. Diese letzten Tage

überließ ich mich der Gefälligkeit, Menschen zu sehen; ich habe meist

interessante Personen kennen lernen und bin mit den Stunden, die ich

ihnen gewidmet, sehr zufrieden, aber noch vierzehn Tage, so hätte es

mich weiter und weiter und abwärts von meinem Zwecke geführt. Und

dann wird man hier immer untätiger. Seit meiner Rückkunft von Pästum

habe ich außer den Schätzen von Portici wenig gesehen, und es bleibt

mir manches zurück, um dessentwillen ich nicht den Fuß aufheben mag.

Aber jenes Museum ist auch das A und W aller Antiquitätensammlungen;

da sieht man recht, was die alte Welt an freudigem Kunstsinn voraus

war, wenn sie gleich in strenger Handwerksfertigkeit weit hinter uns

zurückblieb.

Zum 1. Juni 1787.

Der Lohnbediente, welcher mir den ausgefertigten Paß zustellte,

erzählte zugleich, meine Abreise bedauernd, daß eine starke Lava, aus

dem Vesuv hervorgebrochen, ihren Weg nach dem Meere zu nehme; an

steileren Abhängen des Berges sei sie beinahe schon herab und könne

wohl in einigen Tagen das Ufer erreichen. Nun befand ich mich in der

größten Klemme. Der heutige Tag ging auf Abschiedsbesuche hin, die

ich so vielen wohlwollenden und befördernden Personen schuldig war;

wie es mir morgen ergehen wird, sehe ich schon. Einmal kann man sich

auf seinem Wege den Menschen doch nicht völlig entziehen, was sie uns

aber auch nutzen und zu genießen geben, sie reißen uns doch zuletzt

von unsern ernstlichen Zwecken zur Seite hin, ohne daß wir die ihrigen

fördern. Ich bin äußerst verdrießlich.

Abends.

Auch meine Dankbesuche waren nicht ohne Freude und Belehrung, man

zeigte mir noch manches freundlich vor, was man bisher verschoben oder

versäumt. Cavaliere Venuti ließ mich sogar noch verborgene Schätze

sehen. Ich betrachtete abermals mit großer Verehrung seinen, obgleich

verstümmelten, doch unschätzbaren Ulysses. Er führte mich zum

Abschied in die Porzellanfabrik, wo ich mir den Herkules möglichst

einprägte und mir an den kampanischen Gefäßen die Augen noch einmal

recht voll sah.

Wahrhaft gerührt und freundschaftlich Abschied nehmend, vertraute er

mir dann noch zuletzt, wo ihn eigentlich der Schuh drücke, und

wünschte nichts mehr, als daß ich noch eine Zeitlang mit ihm verweilen

könnte. Mein Bankier, bei dem ich gegen Tischzeit eintraf, ließ mich

nicht los; das wäre nun alles schön und gut gewesen, hätte nicht die

Lava meine Einbildungskraft an sich gezogen. Unter mancherlei

Beschäftigungen, Zahlungen und Einpacken kam die Nacht heran, ich aber

eilte schnell nach dem Molo.

Hier sah ich nun alle die Feuer und Lichter und ihre Widerscheine, nur

bei bewegtem Meer noch schwankender; den Vollmond in seiner ganzen

Herrlichkeit neben dem Sprühfeuer des Vulkans, und nun die Lava, die

neulich fehlte, auf ihrem glühenden ernsten Wege. Ich hätte noch

hinausfahren sollen, aber die Anstalten waren zu weitschichtig, ich

wäre erst am Morgen dort angekommen. Den Anblick, wie ich ihn genoß,

wollte ich mir durch Ungeduld nicht verderben, ich blieb auf dem Molo

sitzen, bis mir ungeachtet des Zu--und Abströmens der Menge, ihres

Deutens, Erzählens, Vergleichens, Streitens, wohin die Lava strömen

werde, und was dergleichen Unfug noch mehr sein mochte, die Augen

zufallen wollten.

Neapel, Sonnabend, den 2. Juni 1787.

Und so hätte ich auch diesen schönen Tag zwar mit vorzüglichen

Personen vergnüglich und nützlich, aber doch ganz gegen meine

Absichten und mit schwerem Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte

ich nach dem Dampfe, der, den Berg herab langsam nach dem Meer ziehend,

den Weg bezeichnete, welchen die Lava stündlich nahm. Auch der Abend

sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen, die Herzogin von

Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich denn

viele Stufen hinauf durch manche Gänge wandern ließ, deren oberste

verengt waren durch Kisten, Schränke und alles Mißfällige eines

Hofgarderobewesens. Ich fand in einem großen und hohen Zimmer, das

keine sonderliche Aussicht hatte, eine wohlgestaltete junge Dame von

sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als einer gebornen Deutschen

war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu einer freieren,

weit umherblickenden Humanität gebildet; Herders Bemühungen und was

ihnen ähnelte, schätzte sie vorzüglich, auch Garvens reiner Verstand

hatte ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen

Schriftstellerinnen suchte sie gleichen Schritt zu halten, und es ließ

sich wohl bemerken, daß es ihr Wunsch sei, eine geübte und belobte

Feder zu führen. Dahin bezogen sich ihre Gespräche und verrieten

zugleich die Absicht, auf die Töchter des höchsten Standes zu wirken;

ein solches Gespräch kennt keine Grenzen. Die Dämmerung war schon

eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im

Zimmer auf und ab, und sie, einer durch Läden verschlossenen

Fensterseite sich nähernd, stieß einen Laden auf, und ich erblickte,

was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich,

mich zu überraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir

standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor

uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener

Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu

vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure

feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf

blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis

gegen das Meer ein Streif von Gluten und glühenden Dünsten; übrigens

Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar,

friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu

übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als

die Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mußte wohl

Erstaunen erregen.

Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen,

und wenn es auch die einzelnen Gegenstände zu mustern nicht imstande

war, so verlor es doch niemals den Eindruck des großen Ganzen. War

unser Gespräch durch dieses Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine

desto gemütlichere Wendung. Wir hatten nun einen Text vor uns,

welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen. Je mehr die

Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der

Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Säulen des Rauchs, dessen

Streifen und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man

glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die glühend ausgeworfenen

Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden. Meine

Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir nicht leicht ein köstlichers

Abendmahl zubereitet war, ließ die Kerzen an die Gegenseite des

Zimmers stellen, und die schöne Frau, vom Monde beleuchtet, als

Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schöner zu

werden, ja ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, daß ich

in diesem südlichen Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart

vernahm. Ich vergaß, wie spät es war, so daß sie mich zuletzt

aufmerksam machte, sie müsse mich, wiewohl ungerne, entlassen, die

Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermäßig verschlossen würden.

Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Nähe, mein

Geschick segnend, das mich für die widerwillige Artigkeit des Tages

noch schön am Abend belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt,

sagte ich mir vor, daß ich in der Nähe dieser größern Lava doch nur

die Wiederholung jener kleinern würde gesehen haben, und daß mir ein

solcher Überblick, ein solcher Abschied aus Neapel nicht anders als

auf diese Weise hätte werden können. Anstatt nach Hause zu gehen,

richtete ich meine Schritte nach dem Molo, um das große Schauspiel mit

einem andern Vordergrund zu sehen; aber ich weiß nicht, ob die

Ermüdung nach einem so reichen Tage oder ein Gefühl, daß man das

letzte, schöne Bild nicht verwischen müsse, mich wieder nach Moriconi

zurückzog, wo ich denn auch Kniepen fand, der aus seinem neu bezognen

Quartier mir einen Abendbesuch abstattete. Bei einer Flasche Wein

besprachen wir unsere künftigen Verhältnisse; ich konnte ihm zusagen,

daß er, sobald ich etwas von seinen Arbeiten in Deutschland vorzeigen

könne, gewiß dem trefflichen Herzog Ernst von Gotha empfohlen sein und

von dort Bestellungen erhalten würde. Und so schieden wir mit

herzlicher Freude, mit sicherer Aussicht künftiger wechselseitig

wirkender Tätigkeit.

Neapel, Sonntag, den 3. Juni 1787. Dreieinigkeitsfest.

Und so fuhr ich denn durch das unendliche Leben dieser

unvergleichlichen Stadt, die ich wahrscheinlich nicht wiedersehen

sollte, halb betäubt hinaus; vergnügt jedoch, daß weder Reue noch

Schmerz hinter mir blieb. Ich dachte an den guten Kniep und gelobte

ihm auch in der Ferne meine beste Vorsorge.

An den äußersten Polizeischranken der Vorstadt störte mich einen

Augenblick ein Marqueur, der mir freundlich ins Gesicht sah, aber

schnell wieder hinwegsprang. Die Zollmänner waren noch nicht mit dem

Vetturin fertig geworden, als aus der Kaffeebudentüre, die größte

chinesische Tasse voll schwarzen Kaffee auf einem Präsentierteller

tragend, Kniep heraustrat. Er nahte sich dem Wagenschlag langsam mit

einem Ernst, der, von Herzen gehend, ihn sehr gut kleidete. Ich war

erstaunt und gerührt, eine solche erkenntliche Aufmerksamkeit hat

nicht ihresgleichen. "Sie haben", sagte er, "mir so viel Liebes und

Gutes, auf mein ganzes Leben Wirksames erzeigt, daß ich Ihnen hier ein

Gleichnis anbieten möchte, was ich Ihnen verdanke."

Da ich in solchen Gelegenheiten ohnehin keine Sprache habe, so brachte

ich nur sehr lakonisch vor, daß er durch seine Tätigkeit mich schon

zum Schuldner gemacht und durch Benutzung und Bearbeitung unserer

gemeinsamen Schätze mich noch immer mehr verbinden werde.

Wir schieden, wie Personen selten voneinander scheiden, die sich

zufällig auf kurze Zeit verbunden. Vielleicht hätte man viel mehr

Dank und Vorteil vom Leben, wenn man sich wechselsweise gerade heraus

spräche, was man voneinander erwartet. Ist das geleistet, so sind

beide Teile zufrieden, und das Gemütliche, was das Erste und Letzte

von allem ist, erscheint als reine Zugabe.

Unterwegs, am 4., 5. und 6. Juni.

Da ich diesmal allein reise, habe ich Zeit genug, die Eindrücke der

vergangenen Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem

Behagen. Und doch tritt gar oft das Lückenhafte der Bemerkungen

hervor, und wenn die Reise dem, der sie vollbracht hat, in einem

Flusse vorüberzuziehen scheint und in der Einbildungskraft als eine

stetige Folge hervortritt, so fühlt man doch, daß eine eigentliche

Mitteilung unmöglich sei. Der Erzählende muß alles einzeln hinstellen:

wie soll daraus in der Seele des Dritten ein Ganzes gebildet werden?

Deshalb konnte mir nichts Tröstlicheres und Erfreulicheres begegnen

als die Versicherungen eurer letzten Briefe, daß ihr euch fleißig mit

Italien und Sizilien beschäftigt, Reisebeschreibungen leset und

Kupferwerke betrachtet; das Zeugnis, daß dadurch meine Briefe gewinnen,

ist mein höchster Trost. Hättet ihr es früher getan oder

ausgesprochen, ich wäre noch eifriger gewesen, als ich war. Daß

treffliche Männer wie Bartels, Münter, Architekten verschiedener

Nationen vor mir hergingen, die gewiß äußere Zwecke sorgfältiger

verfolgten als ich, der ich nur die innerlichsten im Auge hatte, hat

mich oft beruhigt, wenn ich alle meine Bemühungen für unzulänglich

halten mußte.

Überhaupt, wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller übrigen zu

betrachten ist und am nützlichsten und liebenswürdigsten erscheint,

wenn er sich als einen solchen gibt, so muß dieses vorzüglich von

Reiseberichten und Reisenden gültig sein. Persönlichkeit, Zwecke,

Zeitverhältnisse, Gunst und Ungunst der Zufälligkeiten, alles zeigt

sich bei einem jeden anders. Kenn' ich seine Vorgänger, so werd' ich

auch an ihm mich freuen, mich mit ihm behelfen, seinen Nachfolger

erwarten und diesem, wäre mir sogar inzwischen das Glück geworden, die

Gegend selbst zu besuchen, gleichfalls freundlich begegnen.

Italienische Reise — Band 1 · 第 68 / 68 题