Neapel, Freitag, den 25. Mai 1787

Mein lockeres Prinzeßchen werde ich wohl nicht wiedersehen; sie ist

wirklich nach Sorrent und hat mir die Ehre angetan, vor ihrer Abreise

auf mich zu schelten, daß ich das steinichte und wüste Sizilien ihr

habe vorziehen können. Einige Freunde gaben mir Auskunft über diese

sonderbare Erscheinung. Aus einem guten, doch unvermögenden Hause

geboren, im Kloster erzogen, entschloß sie sich, einen alten und

reichen Fürsten zu heiraten, und man konnte sie um so eher dazu

überreden, als die Natur sie zu einem zwar guten, aber zur Liebe

völlig unfähigen Wesen gebildet hatte. In dieser reichen, aber durch

Familienverhältnisse höchst beschränkten Lage suchte sie sich durch

ihren Geist zu helfen und, da sie in Tun und Lassen gehindert war,

wenigstens ihrem Mundwerk freies Spiel zu geben. Man versicherte mir,

daß ihr eigentlichster Wandel ganz untadelig sei, daß sie sich aber

fest vorgesetzt zu haben scheine, durch ein unbändiges Reden allen

Verhältnissen ins Angesicht zu schlagen. Man bemerkte scherzend, daß

keine Zensur ihre Diskurse, wären sie schriftlich verfaßt, könne

durchgehen lassen, weil sie durchaus nichts vorbringe, als was

Religion, Staat oder Sitten verletze.

Man erzählte die wunderlichsten und artigsten Geschichten von ihr,

wovon eine hier stehen mag, ob sie gleich nicht die anständigste ist.

Kurz vor dem Erdbeben, das Kalabrien betraf, war sie auf die dortigen

Güter ihres Gemahls gezogen. Auch in der Nähe ihres Schlosses war

eine Baracke gebaut, das heißt ein hölzernes einstöckiges Haus,

unmittelbar auf den Boden aufgesetzt; übrigens tapeziert, möbliert und

schicklich eingerichtet. Bei den ersten Anzeigen des Erdbebens

flüchtete sie dahin. Sie saß auf dem Sofa, Knötchen knüpfend, vor

sich ein Nähtischchen, gegen ihr über ein Abbé, ein alter

Hausgeistlicher. Auf einmal wogte der Boden, das Gebäude sank an

ihrer Seite nieder, indem die entgegengesetzte sich emporhob, der Abbé

und das Tischchen wurde also auch in die Höhe gehoben. "Pfui!" rief

sie, an der sinkenden Wand mit dem Kopfe gelehnt, "schickt sich das

für einen so ehrwürdigen Mann? Ihr gebärdet Euch ja, als wenn Ihr auf

mich fallen wolltet. Das ist ganz gegen alle Sitte und Wohlstand."

Indessen hatte das Haus sich wieder niedergesetzt, und sie wußte sich

vor Lachen nicht zu lassen über die närrische, lüsterne Figur, die der

gute Alte sollte gespielt haben, und sie schien über diesen Scherz von

allen Kalamitäten, ja dem großen Verlust, der ihre Familie und so viel

tausend Menschen betraf, nicht das mindeste zu empfinden. Ein

wundersam glücklicher Charakter, dem noch eine Posse gelingt, indem

ihn die Erde verschlingen will.

Italienische Reise — Band 1 · 第 65 / 68 题