Neapel, den 17. Mai 1787.
Hier bin ich wieder, meine Lieben, frisch und gesund. Ich habe die
Reise durch Sizilien leicht und schnell getrieben, wenn ich
wiederkomme, sollt Ihr beurteilen, wie ich gesehen habe. Daß ich
sonst so an den Gegenständen klebte und haftete, hat mir nun eine
unglaubliche Fertigkeit verschafft, alles gleichsam vom Blatt
wegzuspielen, und ich finde mich recht glücklich, den großen, schönen,
unvergleichbaren Gedanken von Sizilien so klar, ganz und lauter in der
Seele zu haben. Nun bleibt meiner Sehnsucht kein Gegenstand mehr im
Mittag, da ich auch gestern von Pästum zurückgekommen bin. Das Meer
und die Inseln haben mir Genuß und Leiden gegeben, und ich kehre
befriedigt zurück. Laßt mich jedes Detail bis zu meiner Wiederkehr
aufsparen. Auch ist hier in Neapel kein Besinnens; diesen Ort werde
ich Euch nun besser schildern, als es meine ersten Briefe taten. Den
ersten Juni reise ich nach Rom, wenn mich nicht eine höhere Macht
hindert, und Anfangs Juli denke ich von dort wieder abzugehen. Ich
muß Euch so bald als möglich wiedersehen, es sollen gute Tage werden.
Ich habe unsäglich aufgeladen und brauche Ruhe, es wieder zu
verarbeiten.
Für alles, was Du Liebes und Gutes an meinen Schriften tust, danke ich
Dir tausendmal, ich wünschte immer, etwas Besseres auch Dir zur Freude
zu machen. Was mir auch von Dir begegnen wird und wo, soll mir
willkommen sein, wir sind so nah in unsern Vorstellungsarten, als es
möglich ist, ohne eins zu sein, und in den Hauptpunkten am nächsten.
Wenn Du diese Zeit her viel aus Dir selbst geschöpft hast, so hab' ich
viel erworben, und ich kann einen guten Tausch hoffen.
Ich bin freilich, wie Du sagst, mit meiner Vorstellung sehr ans
Gegenwärtige geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger
kann ich hoffen, daß die Menschheit je eine weise, kluge, glückliche
Masse werden könne. Vielleicht ist unter den Millionen Welten eine,
die sich dieses Vorzugs rühmen kann; bei der Konstitution der unsrigen
bleibt mit so wenig für sie, als für Sizilien bei der seinigen zu
hoffen.
In einem beiliegenden Blatte sag' ich etwas über den Weg nach Salerno
und über Pästum selbst; es ist die letzte und, fast möcht' ich sagen,
herrlichste Idee, die ich nun nordwärts vollständig mitnehme. Auch
ist der mittlere Tempel nach meiner Meinung allem vorzuziehen, was man
noch in Sizilien sieht.
Was den Homer betrifft, ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen.
Die Beschreibungen, die Gleichnisse etc. kommen uns poetisch vor und
sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und
Innigkeit gezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die
sonderbarsten erlogenen Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die
ich nie so gefühlt habe als in der Nähe der beschriebenen Gegenstände.
Laß mich meinen Gedanken kurz so ausdrücken: sie stellten die
Existenz dar, wir gewöhnlich den Effekt; sie schilderten das
Fürchterliche, wir schildern fürchterlich; sie das Angenehme, wir
angenehm u.s.w. Daher kommt alles übertriebene, alles Manierierte,
alle falsche Grazie, aller Schwulst. Denn wenn man den Effekt und auf
den Effekt arbeitet, so glaubt man ihn nicht fühlbar genug machen zu
können. Wenn, was ich sage, nicht neu ist, so hab' ich es doch bei
neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese Küsten und
Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und
Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Weiden, fruchtbare Felder,
geschmückte Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und
immer heitere Ebnen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer
mit so vielen Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten im Geiste
gegenwärtig habe, nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort.
Ferner muß ich Dir vertrauen, daß ich dem Geheimnis der
Pflanzenzeugung und -organisation ganz nahe bin und daß es das
einfachste ist, was nur gedacht werden kann. Unter diesem Himmel kann
man die schönsten Beobachtungen machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim
steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden; alles übrige seh'
ich auch schon im ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter
werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt,
um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und
dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche
erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch
nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische
oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche
Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles
übrige Lebendige anwenden lassen.
Neapel, den 18. Mai 1787.
Tischbein, der nach Rom wieder zurückgekehrt ist, hat, wie wir merken,
hier in der Zwischenzeit so für uns gearbeitet, daß wir seine
Abwesenheit nicht empfinden sollen. Er scheint seinen sämtlichen
hiesigen Freunden so viel Zutrauen zu uns eingeflößt zu haben, daß sie
sich alle offen, freundlich und tätig gegen uns erweisen, welches ich
besonders in meiner gegenwärtigen Lage sehr bedarf, weil kein Tag
vergeht, wo ich nicht jemand um irgendeine Gefälligkeit und Beistand
anzurufen hätte. Soeben bin ich im Begriff, ein summarisches
Verzeichnis aufzusetzen von dem, was ich noch zu sehen wünschte; da
denn die Kürze der Zeit Meisterin bleiben und andeuten wird, was denn
auch wirklich nachgeholt werden könne.
Neapel, den 22. Mai 1787.
Heute begegnete mir ein angenehmes Abenteuer, welches mich wohl zu
einigem Nachdenken bewegen konnte und des Erzählens wert ist.
Eine Dame, die mich schon bei meinem ersten Aufenthalt vielfach
begünstigt, ersuchte mich, abends Punkt fünf Uhr bei ihr einzutreffen:
es wolle mich ein Engländer sprechen, der mir über meinen "Werther"
etwas zu sagen habe.
Vor einem halben Jahre würde hierauf, und wäre sie mir doppelt wert
gewesen, gewiß eine abschlägige Antwort erfolgt sein; aber daran, daß
ich zusagte, konnte ich wohl merken, meine sizilianische Reise habe
glücklich auf mich gewirkt, und ich versprach zu kommen.
Leider aber ist die Stadt zu groß und der Gegenstände so viel, daß ich
eine Viertelstunde zu spät die Treppe hinaufstieg und eben an der
verschlossenen Türe auf der Schilfmatte stand, um zu klingeln, als die
Türe schon aufging und ein schöner Mann in mittlern Jahren heraustrat,
den ich sogleich für den Engländer erkannte. Er hatte mich kaum
angesehen, als er sagte: "Sie sind der Verfasser des "Werther"!" Ich
bekannte mich dazu und entschuldigte mich, nicht früher gekommen zu
sein.
"Ich konnte nicht einen Augenblick länger warten", versetzte derselbe,
"was ich Ihnen zu sagen habe, ist ganz kurz und kann ebensogut hier
auf der Schilfmatte geschehen. Ich will nicht wiederholen, was Sie
von Tausenden gehört, auch hat das Werk nicht so heftig auf mich
gewirkt als auf andere; sooft ich aber daran denke, was dazu gehörte,
um es zu schreiben, so muß ich mich immer aufs neue verwundern."
Ich wollte irgend etwas dankbar dagegen erwidern, als er mir ins Wort
fiel und ausrief: "Ich darf keinen Augenblick länger säumen, mein
Verlangen ist erfüllt, Ihnen dies selbst gesagt zu haben, leben Sie
recht wohl und glücklich!" Und so fuhr er die Treppe hinunter. Ich
stand einige Zeit über diesen ehrenvollen Text nachdenkend und
klingelte endlich. Die Dame vernahm mit Vergnügen unser
Zusammentreffen und erzählte manches Vorteilhafte von diesem seltenen
und seltsamen Manne.