Durch ein so ungleich angebautes, obwohl von der Natur zu
durchgängiger Fruchtbarkeit bestimmtes Tal ritten wir einigermaßen
verdrießlich herunter, weil nach so viel ausgestandenen Unbilden
unsern malerischen Zwecken gar nichts entgegenkam. Kniep hatte eine
recht bedeutende Ferne umrissen, weil aber der Mittel--und Vordergrund
gar zu abscheulich war, setzte er, geschmackvoll scherzend, ein
Poussinsches Vorderteil daran, welches ihm nichts kostete und das
Blatt zu einem ganz hübschen Bildchen machte. Wieviel malerische
Reisen mögen dergleichen Halbwahrheiten enthalten.
Unser Reitmann versprach, um unser mürrisches Wesen zu begütigen, für
den Abend eine gute Herberge, brachte uns auch wirklich in einen vor
wenig Jahren gebauten Gasthof, der auf diesem Wege, gerade in
gehöriger Entfernung von Catania gelegen, dem Reisenden willkommen
sein mußte, und wir ließen es uns bei einer leidlichen Einrichtung
seit zwölf Tagen wieder einigermaßen bequem werden. Merkwürdig aber
war uns eine Inschrift, an die Wand bleistiftlich mit schönen
englischen Schriftzügen geschrieben; sie enthielt folgendes: "Reisende,
wer ihr auch seid, hütet euch in Catania vor dem Wirtshause zum
goldenen Löwen; es ist schlimmer, als wenn ihr Kyklopen, Sirenen und
Skyllen zugleich in die Klauen fielet." Ob wir nun schon dachten, der
wohlmeinende Warner möchte die Gefahr etwas mythologisch vergrößert
haben, so setzten wir uns doch fest vor, den Goldenen Löwen zu
vermeiden, der uns als ein so grimmiges Tier angekündigt war. Als uns
daher der Maultiertreibende befragte, wo wir in Catania einkehren
wollten, so versetzten wir: "überall, nur nicht im Löwen!", worauf er
den Vorschlag tat, da vorliebzunehmen, wo er seine Tiere unterstelle,
nur müßten wir uns daselbst auch verköstigen, wie wir es schon bisher
getan. Wir waren alle zufrieden: dem Rachen des Löwen zu entgehen,
war unser einziger Wunsch.
Gegen Ibla Major melden sich Lavageschiebe, welche das Wasser von
Norden herunterbringt. Über der Fähre findet man Kalkstein, welcher
allerlei Arten Geschiebe, Hornstein, Lava und Kalk verbunden hat, dann
verhärtete vulkanische Asche, mit Kalktuff überzogen. Die gemischten
Kieshügel dauern immer fort bis gegen Catania, bis an dieselben und
über dieselben finden sich Lavaströme des Ätna. Einen
wahrscheinlichen Krater läßt man links. (Gleich unter Molimenti
rauften die Bauern den Flachs.) Wie die Natur das Bunte liebt, läßt
sie hier sehen, wo sie sich an der schwarzblaugrauen Lava erlustigt;
hochgelbes Moos überzieht sie, ein schön rotes Sedum wächst üppig
darauf, andere schöne violette Blumen. Eine sorgsame Kultur beweist
sich an den Kaktuspflanzungen und Weinranken. Nun drängen sich
ungeheure Lavaflüsse heran. Motta ist ein schöner, bedeutender Fels.
Hier stehen die Bohnen als sehr hohe Stauden. Die Äcker sind
veränderlich, bald sehr kiesig, bald besser gemischt.
Der Vetturin, der diese Frühlingsvegetation der Südostseite lange
nicht gesehen haben mochte, verfiel in großes Ausrufen über die
Schönheit der Frucht und fragte uns mit selbstgefälligem Patriotismus,
ob es in unsern Landen auch wohl solche gäbe. Ihr ist hier alles
aufgeopfert, man sieht wenig, ja gar keine Bäume. Allerliebst war ein
Mädchen von prächtiger, schlanker Gestalt, eine ältere Bekanntschaft
unseres Vetturins, die seinem Maultiere gleich lief, schwatzte und
dabei mit solcher Zierlichkeit als möglich ihren Faden spann. Nun
fingen gelbe Blumen zu herrschen an. Gegen Misterbianco standen die
Kaktus schon wieder in Zäunen; Zäune aber, ganz von diesen wundersam
gebildeten Gewächsen, werden in der Nähe von Catania immer
regelmäßiger und schöner.
Catania, Mittwoch, den 2. Mai 1787.
In unserer Herberge befanden wir uns freilich sehr übel. Die Kost,
wie sie der Maultierknecht bereiten konnte, war nicht die beste. Eine
Henne, in Reis gekocht, wäre dennoch nicht zu verachten gewesen, hätte
sie nicht ein unmäßiger Safran so gelb als ungenießbar gemacht. Das
unbequemste Nachtlager hätte uns beinahe genötigt, Hackerts
Juchtensack wieder hervorzuholen, deshalb sprachen wir morgens zeitig
mit dem freundlichen Wirte. Er bedauerte, daß er uns nicht besser
versorgen könne: "Da drüben aber ist ein Haus, wo Fremde gut
aufgehoben sind und alle Ursache haben zufrieden zu sein."--Er zeigte
uns ein großes Eckhaus, von welchem die uns zugekehrte Seite viel
Gutes versprach. Wir eilten sogleich hinüber, fanden einen rührigen
Mann, der sich als Lohnbedienter angab und in Abwesenheit des Wirts
uns ein schönes Zimmer neben einem Saal anwies, auch zugleich
versicherte, daß wir aufs billigste bedient werden sollten. Wir
erkundigten uns ungesäumt hergebrachterweise, was für Quartier, Tisch,
Wein, Frühstück und sonstiges Bestimmbare zu bezahlen sei. Das war
alles billig, und wir schafften eilig unsere Wenigkeiten herüber, sie
in die weitläufigen vergoldeten Kommoden einzuordnen. Kniep fand zum
ersten Male Gelegenheit, seine Pappe auszubreiten; er ordnete seine
Zeichnungen, ich mein Bemerktes. Sodann, vergnügt über die schönen
Räume, traten wir auf den Balkon des Saals, der Aussicht zu genießen.
Nachdem wir diese genugsam betrachtet und gelobt, kehrten wir um nach
unsern Geschäften, und siehe! Da droben über unserm Haupte ein großer
goldener Löwe. Wir sahen einander bedenklich an, lächelten und
lachten. Von nun an aber blickten wir umher, ob nicht irgendwo eins
der Homerischen Schreckbilder hervorschauen möchte.
Nichts dergleichen war zu sehen, dagegen fanden wir im Saal eine
hübsche junge Frau, die mit einem Kinde von etwa zwei Jahren
herumtändelte, aber sogleich von dem beweglichen Halbwirt derb
ausgescholten dastand: sie solle sich hinweg verfügen! hieß es, sie
habe hier nichts zu tun.--"Es ist doch hart, daß du mich fortjagst",
sagte sie, "das Kind ist zu Hause nicht zu begütigen, wenn du weg bist,
und die Herren erlauben mir gewiß, in deiner Gegenwart das Kleine zu
beruhigen." Der Gemahl ließ es dabei nicht bewenden, sondern suchte
sie fortzuschaffen, das Kind schrie in der Türe ganz erbärmlich, und
wir mußten zuletzt ernstlich verlangen, daß das hübsche Madamchen
dabliebe.
Durch den Engländer gewarnt, war es keine Kunst, die Komödie zu
durchschauen, wir spielten die Neulinge, die Unschuldigen, er aber
machte seine liebreiche Vaterschaft auf das beste gelten. Das Kind
wirklich war am freundlichsten mit ihm, wahrscheinlich hatte es die
angebliche Mutter unter der Türe gekneipt.
Und so war sie auch in der größten Unschuld dageblieben, als der Mann
wegging, ein Empfehlungsschreiben an den Hausgeistlichen des Prinzen
Biscaris zu überbringen. Sie dahlte fort, bis er zurückkam und
anzeigte, der Abbé würde selbst erscheinen, uns von dem Näheren zu
unterrichten.