Heute können wir denn endlich sagen, daß uns ein anschaulicher Begriff
geworden, wie Sizilien den Ehrennamen einer Kornkammer Italiens
erlangen können. Eine Strecke, nachdem wir Girgent verlassen, fing
der fruchtbare Boden an. Es sind keine großen Flächen, aber sanft
gegeneinander laufende Berg--und Hügelrücken, durchgängig mit Weizen
und Gerste bestellt, die eine ununterbrochene Masse von Fruchtbarkeit
dem Auge darbieten. Der diesen Pflanzen geeignete Boden wird so
genutzt und so geschont, daß man nirgends einen Baum sieht, ja, alle
die kleinen Ortschaften und Wohnungen liegen auf Rücken der Hügel, wo
eine hinstreichende Reihe Kalkfelsen den Boden ohnehin unbrauchbar
macht. Dort wohnen die Weiber das ganze Jahr, mit Spinnen und Weben
beschäftigt, die Männer hingegen bringen zur eigentlichen Epoche der
Feldarbeit nur Sonnabend und Sonntag bei ihnen zu, die übrigen Tage
bleiben sie unten und ziehen sich nachts in Rohrhütten zurück. Und so
war denn unser Wunsch bis zum überdruß erfüllt, wir hätten uns
Triptolems Flügelwagen gewünscht, um dieser Einförmigkeit zu
entfliehen.
Nun ritten wir bei heißem Sonnenschein durch diese wüste Fruchtbarkeit
und freuten uns, in dem wohlgelegenen und wohlgebauten Caltanisetta
zuletzt anzukommen, wo wir jedoch abermals vergeblich um eine
leidliche Herberge bemüht waren. Die Maultiere stehen in prächtig
gewölbten Ställen, die Knechte schlafen auf dem Klee, der den Tieren
bestimmt ist, der Fremde aber muß seine Haushaltung von vorn anfangen.
Ein allenfalls zu beziehendes Zimmer muß erst gereinigt werden.
Stühle und Bänke gibt es nicht, man sitzt auf niedrigen Böcken von
starkem Holz, Tische sind auch nicht zu finden.
Will man jene Böcke in Bettfüße verwandeln, so geht man zum Tischler
und borgt so viel Bretter, als nötig sind, gegen eine gewisse Miete.
Der große Juchtensack, den uns Hackert geliehen, kam diesmal sehr
zugute und ward vorläufig mit Häckerling angefüllt.
Vor allem aber mußte wegen des Essens Anstalt getroffen werden. Wir
hatten unterwegs eine Henne gekauft, der Vetturin war gegangen, Reis,
Salz und Spezereien anzuschaffen, weil er aber nie hier gewesen, so
blieb lange unerörtert, wo denn eigentlich gekocht werden sollte, wozu
in der Herberge selbst keine Gelegenheit war. Endlich bequemte sich
ein ältlicher Bürger, Herd und Holz, Küchen--und Tischgeräte gegen ein
billiges herzugeben und uns, indessen gekocht würde, in der Stadt
herumzuführen, endlich auf den Markt, wo die angesehensten Einwohner
nach antiker Weise umhersaßen, sich unterhielten und von uns
unterhalten sein wollten.
Wir mußten von Friederich dem Zweiten erzählen, und ihre Teilnahme an
diesem großen Könige war so lebhaft, daß wir seinen Tod verhehlten, um
nicht durch eine so unselige Nachricht unsern Wirten verhaßt zu werden.
Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787.
Geologisches, nachträglich. Von Girgent die Muschelkalkfelsen hinab
zeigt sich ein weißliches Erdreich, das sich nachher erklärt: man
findet den älteren Kalk wieder und Gips unmittelbar daran. Weite
flache Täler, Fruchtbau bis an die Gipfel, oft darüberweg; älterer
Kalk mit verwittertem Gips gemischt. Nun zeigt sich ein loseres,
gelbliches, leicht verwitterndes neues Kalkgestein: in den geackerten
Feldern kann man dessen Farbe deutlich erkennen, die oft ins Dunklere,
ja ins Violette zieht. Etwas über halben Weg tritt der Gips wieder
hervor. Auf demselben wächst häufig ein schön violettes, fast
rosenrotes Sedum und an den Kalkfelsen ein schönes gelbes Moos.
Jenes verwitterliche Kalkgestein zeigt sich öfters wieder, am
stärksten gegen Caltanisetta, wo es in Lagern liegt, die einzelne
Muscheln enthalten; dann zeigt sich's rötlich, beinahe wie Mennige,
mit wenigem Violett, wie oben bei San Martino bemerkt worden.
Quarzgeschiebe habe ich nur etwa auf halbem Wege in einem Tälchen
gefunden, das, an drei Seiten geschlossen, gegen Morgen und also gegen
das Meer zu offen stand.
Links in der Ferne war der hohe Berg bei Camerata merkwürdig und ein
anderer wie ein gestutzter Kegel. Die große Hälfte des Wegs kein Baum
zu sehen. Die Frucht stand herrlich, obgleich nicht so hoch wie zu
Girgent und am Meeresufer, jedoch so rein als möglich; in den
unabsehbaren Weizenäckern kein Unkraut. Erst sahen wir nichts als
grünende Felder, dann gepflügte, an feuchtlichen örtern ein Stückchen
Wiese. Hier kommen auch Pappeln vor. Gleich hinter Girgent fanden
wir Äpfel und Birnen, übrigens an den Höhen und in der Nähe der
wenigen Ortschaften etwas Feigen.
Diese dreißig Miglien, nebst allem, was ich rechts und links erkennen
konnte, ist älterer und neuerer Kalk, dazwischen Gips. Der
Verwitterung und Verarbeitung dieser drei untereinander hat das
Erdreich seine Fruchtbarkeit zu verdanken. Wenig Sand mag es
enthalten, es knirscht unter den Zähnen. Eine Vermutung wegen des
Flusses Achates wird sich morgen bestätigen.
Die Täler haben eine schöne Form, und ob sie gleich nicht ganz flach
sind, so bemerkt man doch keine Spur von Regengüssen, nur kleine Bäche,
kaum merklich, rieseln hin, denn alles fließt gleich unmittelbar nach
dem Meere. Wenig roter Klee ist zu sehen, die niedrige Palme
verschwindet auch sowie alle Blumen und Sträuche der südwestlichen
Seite. Den Disteln ist nur erlaubt, sich der Wege zu bemächtigen,
alles andere gehört der Ceres an. Übrigens hat die Gegend viel
ähnliches mit deutschen hügeligen und fruchtbaren Gegenden, z. B. mit
der zwischen Erfurt und Gotha, besonders wenn man nach den Gleichen
hinsieht. Sehr vieles mußte zusammenkommen, um Sizilien zu einem der
fruchtbarsten Länder der Welt zu machen.
Man sieht wenig Pferde auf der ganzen Tour, sie pflügen mit Ochsen,
und es besteht ein Verbot, keine Kühe und Kälber zu schlachten.
Ziegen, Esel und Maultiere begegneten uns viele. Die Pferde sind
meist Apfelschimmel mit schwarzen Füßen und Mähnen, man findet die
prächtigsten Stallräume mit gemauerten Bettstellen. Das Land wird zu
Bohnen und Linsen gedüngt, die übrigen Feldfrüchte wachsen nach dieser
Sömmerung. In Ähren geschoßte, noch grüne Gerste in Bündeln, roter
Klee desgleichen werden dem Vorbeireitenden zu Kauf angeboten.
Auf dem Berg über Caltanisetta fand sich fester Kalkstein mit
Versteinerungen: die großen Muscheln lagen unten, die kleinen obenauf.
Im Pflaster des Städtchens fanden wir Kalkstein mit Pektiniten.
Zum 28. April 1787.
Hinter Caltanisetta senken sich die Hügel jäh herunter in mancherlei
Täler, die ihre Wasser in den Fluß Salso ergießen. Das Erdreich ist
rötlich, sehr tonig, vieles lag unbestellt, auf dem bestellten die
Früchte ziemlich gut, doch, mit den vorigen Gegenden verglichen, noch
zurück.
Castro Giovanni, Sonntag, den 29. April 1787.
Noch größere Fruchtbarkeit und Menschenöde hatten wir heute zu
bemerken. Regenwetter war eingefallen und machte den Reisezustand
sehr unangenehm, da wir durch mehrere stark angeschwollene Gewässer
hindurch mußten. Am Fiume Salso, wo man sich nach einer Brücke
vergeblich umsieht, überraschte uns eine wunderliche Anstalt.
Kräftige Männer waren bereit, wovon immer zwei und zwei das Maultier
mit Reiter und Gepäck in die Mitte faßten und so durch einen tiefen
Stromteil hindurch bis auf eine große Kiesfläche führten; war nun die
sämtliche Gesellschaft hier beisammen, so ging es auf eben diese Weise
durch den zweiten Arm des Flusses, wo die Männer denn abermals durch
Stemmen und Drängen das Tier auf dem rechten Pfade und im Stromzug
aufrecht erhielten. An dem Wasser her ist etwas Buschwerk, das sich
aber landeinwärts gleich wieder verliert. Der Fiume Salso bringt
Granit, einen Übergang in Gneis, breccierten und einfarbigen Marmor.
Nun sahen wir den einzeln stehenden Bergrücken vor uns, worauf Castro
Giovanni liegt und welcher der Gegend einen ernsten, sonderbaren
Charakter erteilt. Als wir den langen, an der Seite sich
hinanziehenden Weg ritten, fanden wir den Berg aus Muschelkalk
bestehend; große, nur kalzinierte Schalen wurden aufgepackt. Man
sieht Castro Giovanni nicht eher, als bis man ganz oben auf den
Bergrücken gelangt; denn es liegt am Felsabhang gegen Norden. Das
wunderliche Städtchen selbst, der Turm, links in einiger Entfernung
das Örtchen Caltascibetta stehen gar ernsthaft gegeneinander. In der
Plaine sah man die Bohnen in voller Blüte, wer hätte sich aber dieses
Anblicks erfreuen können! Die Wege waren entsetzlich, noch
schrecklicher, weil sie ehemals gepflastert gewesen, und es regnete
immer fort. Das alte Enna empfing uns sehr unfreundlich: ein
Estrichzimmer mit Läden ohne Fenster, so daß wir entweder im Dunkeln
sitzen, oder den Sprühregen, dem wir soeben entgangen waren, wieder
erdulden mußten. Einige Überreste unseres Reisevorrats wurden
verzehrt, die Nacht kläglich zugebracht. Wir taten ein feierliches
Gelübde, nie wieder nach einem mythologischen Namen unser Wegeziel zu
richten.
Montag, den 30. April 1787.
Von Castro Giovanni herab führt ein rauher, unbequemer Stieg, wir
mußten die Pferde führen. Die Atmosphäre vor uns tief herab mit
Wolken bedeckt, wobei sich ein wunderbar Phänomen in der größten Höhe
sehen ließ. Es war weiß und grau gestreift und schien etwas
Körperliches zu sein; aber wie käme das Körperliche in den Himmel!
Unser Führer belehrte uns, diese unsere Verwunderung gelte einer Seite
des Ätna, welche durch die zerrissenen Wolken durchsehe: Schnee und
Bergrücken abwechselnd bildeten die Streifen, es sei nicht einmal der
höchste Gipfel.
Des alten Enna steiler Felsen lag nun hinter uns, wir zogen durch
lange, lange, einsame Täler; unbebaut und unbewohnt lagen sie da, dem
weidenden Vieh überlassen, das wir schön braun fanden, nicht groß, mit
kleinen Hörnern, gar nett, schlank und munter wie die Hirschchen.
Diese guten Geschöpfe hatten zwar Weide genug, sie war ihnen aber doch
durch ungeheure Distelmassen beengt und nach und nach verkümmert.
Diese Pflanzen finden hier die schönste Gelegenheit, sich zu besamen
und ihr Geschlecht auszubreiten, sie nehmen einen unglaublichen Raum
ein, der zur Weide von ein paar großen Landgütern hinreichte. Da sie
nicht perennieren, so wären sie jetzt, vor der Blüte niedergemäht, gar
wohl zu vertilgen.
Indessen wir nun diese landwirtlichen Kriegsplane gegen die Disteln
ernstlich durchdachten, mußten wir zu unserer Beschämung bemerken, daß
sie doch nicht ganz unnütz seien. Auf einem einsam stehenden Gasthofe,
wo wir fütterten, waren zugleich ein Paar sizilianische Edelleute
angekommen, welche quer durch das Land eines Prozesses wegen nach
Palermo zogen. Mit Verwundrung sahen wir diese beiden ernsthaften
Männer mit scharfen Taschenmessern vor einer solchen Distelgruppe
stehen und die obersten Teile dieser emporstrebenden Gewächse
niederhauen; sie faßten alsdann diesen stachligen Gewinn mit spitzen
Fingern, schälten den Stengel und verzehrten das Innere desselben mit
Wohlgefallen. Damit beschäftigten sie sich eine lange Zeit, indessen
wir uns an Wein, diesmal ungemischt, und gutem Brot erquickten. Der
Vetturin bereitete uns dergleichen Stengelmark und versicherte, es sei
eine gesunde, kühlende Speise, sie wollte uns aber so wenig schmecken
als der rohe Kohlrabi zu Segeste.
Unterwegs, den 30. April.
In das Tal gelangt, wodurch der Fluß St. Paolo sich schlängelt, fanden
wir das Erdreich rötlich schwarz und verwitterlichen Kalk; viel Brache,
sehr weite Felder, schönes Tal, durch das Flüßchen sehr angenehm.
Der gemischte gute Lehmboden ist mitunter zwanzig Fuß tief und
meistens gleich. Die Aloen hatten stark getrieben. Die Frucht stand
schön, doch mitunter unrein und, gegen die Mittagseite berechnet, weit
zurück. Hie und da kleine Wohnungen; kein Baum als unmittelbar unter
Castro Giovanni. Am Ufer des Flusses viel Weide, durch ungeheure
Distelmassen eingeschränkt. Im Flußgeschiebe das Quarzgestein wieder,
teils einfach, teils breccienartig.
Molimenti, ein neues Örtchen, sehr klug in der Mitte schöner Felder
angelegt, am Flüßchen St. Paolo. Der Weizen stand in der Nähe ganz
unvergleichlich, schon den zwanzigsten Mai zu schneiden. Die ganze
Gegend zeigt noch keine Spur von vulkanischem Wesen, auch selbst der
Fluß führt keine dergleichen Geschiebe. Der Boden, gut gemischt, eher
schwer als leicht, ist im ganzen kaffeebraun-violettlich anzusehen.
Alle Gebirge links, die den Fluß einschließen, sind Kalk--und
Sandstein, deren Abwechselung ich nicht beobachten konnte, welche
jedoch, verwitternd, die große, durchaus gleiche Fruchtbarkeit des
untern Tals bereitet haben.