Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787

Heute können wir denn endlich sagen, daß uns ein anschaulicher Begriff

geworden, wie Sizilien den Ehrennamen einer Kornkammer Italiens

erlangen können. Eine Strecke, nachdem wir Girgent verlassen, fing

der fruchtbare Boden an. Es sind keine großen Flächen, aber sanft

gegeneinander laufende Berg--und Hügelrücken, durchgängig mit Weizen

und Gerste bestellt, die eine ununterbrochene Masse von Fruchtbarkeit

dem Auge darbieten. Der diesen Pflanzen geeignete Boden wird so

genutzt und so geschont, daß man nirgends einen Baum sieht, ja, alle

die kleinen Ortschaften und Wohnungen liegen auf Rücken der Hügel, wo

eine hinstreichende Reihe Kalkfelsen den Boden ohnehin unbrauchbar

macht. Dort wohnen die Weiber das ganze Jahr, mit Spinnen und Weben

beschäftigt, die Männer hingegen bringen zur eigentlichen Epoche der

Feldarbeit nur Sonnabend und Sonntag bei ihnen zu, die übrigen Tage

bleiben sie unten und ziehen sich nachts in Rohrhütten zurück. Und so

war denn unser Wunsch bis zum überdruß erfüllt, wir hätten uns

Triptolems Flügelwagen gewünscht, um dieser Einförmigkeit zu

entfliehen.

Nun ritten wir bei heißem Sonnenschein durch diese wüste Fruchtbarkeit

und freuten uns, in dem wohlgelegenen und wohlgebauten Caltanisetta

zuletzt anzukommen, wo wir jedoch abermals vergeblich um eine

leidliche Herberge bemüht waren. Die Maultiere stehen in prächtig

gewölbten Ställen, die Knechte schlafen auf dem Klee, der den Tieren

bestimmt ist, der Fremde aber muß seine Haushaltung von vorn anfangen.

Ein allenfalls zu beziehendes Zimmer muß erst gereinigt werden.

Stühle und Bänke gibt es nicht, man sitzt auf niedrigen Böcken von

starkem Holz, Tische sind auch nicht zu finden.

Will man jene Böcke in Bettfüße verwandeln, so geht man zum Tischler

und borgt so viel Bretter, als nötig sind, gegen eine gewisse Miete.

Der große Juchtensack, den uns Hackert geliehen, kam diesmal sehr

zugute und ward vorläufig mit Häckerling angefüllt.

Vor allem aber mußte wegen des Essens Anstalt getroffen werden. Wir

hatten unterwegs eine Henne gekauft, der Vetturin war gegangen, Reis,

Salz und Spezereien anzuschaffen, weil er aber nie hier gewesen, so

blieb lange unerörtert, wo denn eigentlich gekocht werden sollte, wozu

in der Herberge selbst keine Gelegenheit war. Endlich bequemte sich

ein ältlicher Bürger, Herd und Holz, Küchen--und Tischgeräte gegen ein

billiges herzugeben und uns, indessen gekocht würde, in der Stadt

herumzuführen, endlich auf den Markt, wo die angesehensten Einwohner

nach antiker Weise umhersaßen, sich unterhielten und von uns

unterhalten sein wollten.

Wir mußten von Friederich dem Zweiten erzählen, und ihre Teilnahme an

diesem großen Könige war so lebhaft, daß wir seinen Tod verhehlten, um

nicht durch eine so unselige Nachricht unsern Wirten verhaßt zu werden.

Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787.

Geologisches, nachträglich. Von Girgent die Muschelkalkfelsen hinab

zeigt sich ein weißliches Erdreich, das sich nachher erklärt: man

findet den älteren Kalk wieder und Gips unmittelbar daran. Weite

flache Täler, Fruchtbau bis an die Gipfel, oft darüberweg; älterer

Kalk mit verwittertem Gips gemischt. Nun zeigt sich ein loseres,

gelbliches, leicht verwitterndes neues Kalkgestein: in den geackerten

Feldern kann man dessen Farbe deutlich erkennen, die oft ins Dunklere,

ja ins Violette zieht. Etwas über halben Weg tritt der Gips wieder

hervor. Auf demselben wächst häufig ein schön violettes, fast

rosenrotes Sedum und an den Kalkfelsen ein schönes gelbes Moos.

Jenes verwitterliche Kalkgestein zeigt sich öfters wieder, am

stärksten gegen Caltanisetta, wo es in Lagern liegt, die einzelne

Muscheln enthalten; dann zeigt sich's rötlich, beinahe wie Mennige,

mit wenigem Violett, wie oben bei San Martino bemerkt worden.

Quarzgeschiebe habe ich nur etwa auf halbem Wege in einem Tälchen

gefunden, das, an drei Seiten geschlossen, gegen Morgen und also gegen

das Meer zu offen stand.

Links in der Ferne war der hohe Berg bei Camerata merkwürdig und ein

anderer wie ein gestutzter Kegel. Die große Hälfte des Wegs kein Baum

zu sehen. Die Frucht stand herrlich, obgleich nicht so hoch wie zu

Girgent und am Meeresufer, jedoch so rein als möglich; in den

unabsehbaren Weizenäckern kein Unkraut. Erst sahen wir nichts als

grünende Felder, dann gepflügte, an feuchtlichen örtern ein Stückchen

Wiese. Hier kommen auch Pappeln vor. Gleich hinter Girgent fanden

wir Äpfel und Birnen, übrigens an den Höhen und in der Nähe der

wenigen Ortschaften etwas Feigen.

Diese dreißig Miglien, nebst allem, was ich rechts und links erkennen

konnte, ist älterer und neuerer Kalk, dazwischen Gips. Der

Verwitterung und Verarbeitung dieser drei untereinander hat das

Erdreich seine Fruchtbarkeit zu verdanken. Wenig Sand mag es

enthalten, es knirscht unter den Zähnen. Eine Vermutung wegen des

Flusses Achates wird sich morgen bestätigen.

Die Täler haben eine schöne Form, und ob sie gleich nicht ganz flach

sind, so bemerkt man doch keine Spur von Regengüssen, nur kleine Bäche,

kaum merklich, rieseln hin, denn alles fließt gleich unmittelbar nach

dem Meere. Wenig roter Klee ist zu sehen, die niedrige Palme

verschwindet auch sowie alle Blumen und Sträuche der südwestlichen

Seite. Den Disteln ist nur erlaubt, sich der Wege zu bemächtigen,

alles andere gehört der Ceres an. Übrigens hat die Gegend viel

ähnliches mit deutschen hügeligen und fruchtbaren Gegenden, z. B. mit

der zwischen Erfurt und Gotha, besonders wenn man nach den Gleichen

hinsieht. Sehr vieles mußte zusammenkommen, um Sizilien zu einem der

fruchtbarsten Länder der Welt zu machen.

Man sieht wenig Pferde auf der ganzen Tour, sie pflügen mit Ochsen,

und es besteht ein Verbot, keine Kühe und Kälber zu schlachten.

Ziegen, Esel und Maultiere begegneten uns viele. Die Pferde sind

meist Apfelschimmel mit schwarzen Füßen und Mähnen, man findet die

prächtigsten Stallräume mit gemauerten Bettstellen. Das Land wird zu

Bohnen und Linsen gedüngt, die übrigen Feldfrüchte wachsen nach dieser

Sömmerung. In Ähren geschoßte, noch grüne Gerste in Bündeln, roter

Klee desgleichen werden dem Vorbeireitenden zu Kauf angeboten.

Auf dem Berg über Caltanisetta fand sich fester Kalkstein mit

Versteinerungen: die großen Muscheln lagen unten, die kleinen obenauf.

Im Pflaster des Städtchens fanden wir Kalkstein mit Pektiniten.

Zum 28. April 1787.

Hinter Caltanisetta senken sich die Hügel jäh herunter in mancherlei

Täler, die ihre Wasser in den Fluß Salso ergießen. Das Erdreich ist

rötlich, sehr tonig, vieles lag unbestellt, auf dem bestellten die

Früchte ziemlich gut, doch, mit den vorigen Gegenden verglichen, noch

zurück.

Castro Giovanni, Sonntag, den 29. April 1787.

Noch größere Fruchtbarkeit und Menschenöde hatten wir heute zu

bemerken. Regenwetter war eingefallen und machte den Reisezustand

sehr unangenehm, da wir durch mehrere stark angeschwollene Gewässer

hindurch mußten. Am Fiume Salso, wo man sich nach einer Brücke

vergeblich umsieht, überraschte uns eine wunderliche Anstalt.

Kräftige Männer waren bereit, wovon immer zwei und zwei das Maultier

mit Reiter und Gepäck in die Mitte faßten und so durch einen tiefen

Stromteil hindurch bis auf eine große Kiesfläche führten; war nun die

sämtliche Gesellschaft hier beisammen, so ging es auf eben diese Weise

durch den zweiten Arm des Flusses, wo die Männer denn abermals durch

Stemmen und Drängen das Tier auf dem rechten Pfade und im Stromzug

aufrecht erhielten. An dem Wasser her ist etwas Buschwerk, das sich

aber landeinwärts gleich wieder verliert. Der Fiume Salso bringt

Granit, einen Übergang in Gneis, breccierten und einfarbigen Marmor.

Nun sahen wir den einzeln stehenden Bergrücken vor uns, worauf Castro

Giovanni liegt und welcher der Gegend einen ernsten, sonderbaren

Charakter erteilt. Als wir den langen, an der Seite sich

hinanziehenden Weg ritten, fanden wir den Berg aus Muschelkalk

bestehend; große, nur kalzinierte Schalen wurden aufgepackt. Man

sieht Castro Giovanni nicht eher, als bis man ganz oben auf den

Bergrücken gelangt; denn es liegt am Felsabhang gegen Norden. Das

wunderliche Städtchen selbst, der Turm, links in einiger Entfernung

das Örtchen Caltascibetta stehen gar ernsthaft gegeneinander. In der

Plaine sah man die Bohnen in voller Blüte, wer hätte sich aber dieses

Anblicks erfreuen können! Die Wege waren entsetzlich, noch

schrecklicher, weil sie ehemals gepflastert gewesen, und es regnete

immer fort. Das alte Enna empfing uns sehr unfreundlich: ein

Estrichzimmer mit Läden ohne Fenster, so daß wir entweder im Dunkeln

sitzen, oder den Sprühregen, dem wir soeben entgangen waren, wieder

erdulden mußten. Einige Überreste unseres Reisevorrats wurden

verzehrt, die Nacht kläglich zugebracht. Wir taten ein feierliches

Gelübde, nie wieder nach einem mythologischen Namen unser Wegeziel zu

richten.

Montag, den 30. April 1787.

Von Castro Giovanni herab führt ein rauher, unbequemer Stieg, wir

mußten die Pferde führen. Die Atmosphäre vor uns tief herab mit

Wolken bedeckt, wobei sich ein wunderbar Phänomen in der größten Höhe

sehen ließ. Es war weiß und grau gestreift und schien etwas

Körperliches zu sein; aber wie käme das Körperliche in den Himmel!

Unser Führer belehrte uns, diese unsere Verwunderung gelte einer Seite

des Ätna, welche durch die zerrissenen Wolken durchsehe: Schnee und

Bergrücken abwechselnd bildeten die Streifen, es sei nicht einmal der

höchste Gipfel.

Des alten Enna steiler Felsen lag nun hinter uns, wir zogen durch

lange, lange, einsame Täler; unbebaut und unbewohnt lagen sie da, dem

weidenden Vieh überlassen, das wir schön braun fanden, nicht groß, mit

kleinen Hörnern, gar nett, schlank und munter wie die Hirschchen.

Diese guten Geschöpfe hatten zwar Weide genug, sie war ihnen aber doch

durch ungeheure Distelmassen beengt und nach und nach verkümmert.

Diese Pflanzen finden hier die schönste Gelegenheit, sich zu besamen

und ihr Geschlecht auszubreiten, sie nehmen einen unglaublichen Raum

ein, der zur Weide von ein paar großen Landgütern hinreichte. Da sie

nicht perennieren, so wären sie jetzt, vor der Blüte niedergemäht, gar

wohl zu vertilgen.

Indessen wir nun diese landwirtlichen Kriegsplane gegen die Disteln

ernstlich durchdachten, mußten wir zu unserer Beschämung bemerken, daß

sie doch nicht ganz unnütz seien. Auf einem einsam stehenden Gasthofe,

wo wir fütterten, waren zugleich ein Paar sizilianische Edelleute

angekommen, welche quer durch das Land eines Prozesses wegen nach

Palermo zogen. Mit Verwundrung sahen wir diese beiden ernsthaften

Männer mit scharfen Taschenmessern vor einer solchen Distelgruppe

stehen und die obersten Teile dieser emporstrebenden Gewächse

niederhauen; sie faßten alsdann diesen stachligen Gewinn mit spitzen

Fingern, schälten den Stengel und verzehrten das Innere desselben mit

Wohlgefallen. Damit beschäftigten sie sich eine lange Zeit, indessen

wir uns an Wein, diesmal ungemischt, und gutem Brot erquickten. Der

Vetturin bereitete uns dergleichen Stengelmark und versicherte, es sei

eine gesunde, kühlende Speise, sie wollte uns aber so wenig schmecken

als der rohe Kohlrabi zu Segeste.

Unterwegs, den 30. April.

In das Tal gelangt, wodurch der Fluß St. Paolo sich schlängelt, fanden

wir das Erdreich rötlich schwarz und verwitterlichen Kalk; viel Brache,

sehr weite Felder, schönes Tal, durch das Flüßchen sehr angenehm.

Der gemischte gute Lehmboden ist mitunter zwanzig Fuß tief und

meistens gleich. Die Aloen hatten stark getrieben. Die Frucht stand

schön, doch mitunter unrein und, gegen die Mittagseite berechnet, weit

zurück. Hie und da kleine Wohnungen; kein Baum als unmittelbar unter

Castro Giovanni. Am Ufer des Flusses viel Weide, durch ungeheure

Distelmassen eingeschränkt. Im Flußgeschiebe das Quarzgestein wieder,

teils einfach, teils breccienartig.

Molimenti, ein neues Örtchen, sehr klug in der Mitte schöner Felder

angelegt, am Flüßchen St. Paolo. Der Weizen stand in der Nähe ganz

unvergleichlich, schon den zwanzigsten Mai zu schneiden. Die ganze

Gegend zeigt noch keine Spur von vulkanischem Wesen, auch selbst der

Fluß führt keine dergleichen Geschiebe. Der Boden, gut gemischt, eher

schwer als leicht, ist im ganzen kaffeebraun-violettlich anzusehen.

Alle Gebirge links, die den Fluß einschließen, sind Kalk--und

Sandstein, deren Abwechselung ich nicht beobachten konnte, welche

jedoch, verwitternd, die große, durchaus gleiche Fruchtbarkeit des

untern Tals bereitet haben.

Italienische Reise — Band 1 · 第 54 / 68 题