Catania, Donnerstag, den 3. Mai 1787

Der Abbé, der uns gestern abend schon begrüßt hatte, erschien heute

zeitig und führte uns in den Palast, welcher auf einem hohen Sockel

einstöckig gebaut ist, und zwar sahen wir zuerst das Museum, wo

marmorne und eherne Bilder, Vasen und alle Arten solcher Altertümer

beisammenstehen. Wir hatten abermals Gelegenheit, unsere Kenntnisse

zu erweitern, besonders aber fesselte uns der Sturz eines Jupiters,

dessen Abguß ich schon aus Tischbeins Werkstatt kannte und welcher

größere Vorzüge besitzt, als wir zu beurteilen vermochten. Ein

Hausgenosse gab die nötigste historische Auskunft, und nun gelangten

wir in einen großen, hohen Saal. Die vielen Stühle an den Wänden

umher zeugten, daß große Gesellschaft sich manchmal hier versammle.

Wir setzten uns in Erwartung einer günstigen Aufnahme. Da kamen ein

Paar Frauenzimmer herein und gingen der Länge nach auf und ab. Sie

sprachen angelegentlich miteinander. Als sie uns gewahrten, stand der

Abbé auf, ich desgleichen, wir neigten uns. Ich fragte, wer sie seien,

und erfuhr, die jüngere sei die Prinzessin, die ältere eine edle

Catanierin. Wir hatten uns wieder gesetzt, sie gingen auf und ab, wie

man auf einem Marktplatze tun würde.

Wir wurden zum Prinzen geführt, der, wie man mir schon bemerkt hatte,

uns seine Münzsammlung aus besonderem Vertrauen vorwies, da wohl

früher seinem Herrn Vater und auch ihm nachher bei solchem Vorzeigen

manches abhanden gekommen und seine gewöhnliche Bereitwilligkeit

dadurch einigermaßen vermindert worden. Hier konnte ich nun schon

etwas kenntnisreicher scheinen, indem ich mich bei Betrachtung der

Sammlung des Prinzen Torremuzza belehrt hatte. Ich lernte wieder und

half mir an jenem dauerhaften Winckelmannischen Faden, der uns durch

die verschiedenen Kunstepochen durchleitet, so ziemlich hin. Der

Prinz, von diesen Dingen völlig unterrichtet, da er keine Kenner, aber

aufmerksame Liebhaber vor sich sah, mochte uns gern in allem, wornach

wir forschten, belehren.

Nach dem wir diesen Betrachtungen geraume Zeit, aber doch noch immer

zu wenig gewidmet, standen wir im Begriff, uns zu beurlauben, als er

uns zu seiner Frau Mutter führte, woselbst die übrigen kleineren

Kunstwerke zu sehen waren.

Wir fanden eine ansehnliche, natürlich edle Frau, die uns mit den

Worten empfing:" Sehen Sie sich bei mir um, meine Herren, Sie finden

hier alles noch, wie es mein seliger Gemahl gesammelt und geordnet hat.

Dies danke ich der Frömmigkeit meines Sohnes, der mich in seinen

besten Zimmern nicht nur wohnen, sondern auch hier nicht das geringste

entfernen oder verrücken läßt, was sein seliger Herr Vater anschaffte

und aufstellte; wodurch ich den doppelten Vorteil habe, sowohl auf die

so lange Jahre her gewohnte Weise zu leben, als auch wie von jeher die

trefflichen Fremden zu sehen und näher zu kennen, die, unsere Schätze

zu betrachten, von so weiten Orten herkommen."

Sie schloß uns darauf selbst den Glasschrank auf, worin die Arbeiten

in Bernstein aufbewahrt standen. Der sizilianische unterscheidet sich

von dem nordischen darin, daß er von der durchsichtigen und

undurchsichtigen Wachs--und Honigfarbe durch alle Abschattungen eines

gesättigten Gelbs bis zum schönsten Hyazinthrot hinansteigt. Urnen,

Becher und andere Dinge waren daraus geschnitten, wozu man große,

bewundernswürdige Stücke des Materials mitunter voraussetzen mußte.

An diesen Gegenständen sowie an geschnittenen Muscheln, wie sie in

Trapani gefertigt werden, ferner an ausgesuchten Elfenbeinarbeiten

hatte die Dame ihre besondere Freude und wußte dabei manche heitere

Geschichte zu erzählen. Der Fürst machte uns auf die ernsteren

Gegenstände aufmerksam, und so flossen einige Stunden vergnügt und

belehrend vorüber.

Indessen hatte die Fürstin vernommen, daß wir Deutsche seien, sie

fragte daher nach Herrn von Riedesel, Bartels, Münter, welche sie

sämtlich gekannt und, ihren Charakter und Betragen gar wohl

unterscheidend, zu würdigen wußte. Wir trennten uns ungern von ihr,

und sie schien uns ungern wegzulassen. Dieser Inselzustand hat doch

immer etwas Einsames, nur durch vorübergehende Teilnahme aufgefrischt

und erhalten.

Uns führte der Geistliche alsdann in das Benediktinerkloster, in die

Zelle eines Bruders, dessen bei mäßigem Alter trauriges und in sich

zurückgezogenes Ansehn wenig frohe Unterhaltung versprach. Er war

jedoch der kunstreiche Mann, der die ungeheure Orgel dieser Kirche

allein zu bändigen wußte. Als er unsere Wünsche mehr erraten als

vernommen, erfüllte er sie schweigend; wir begaben uns in die sehr

geräumige Kirche, die er, das herrliche Instrument bearbeitend, bis in

den letzten Winkel mit leisestem Hauch sowohl als gewaltsamsten Tönen

durchsäuselte und durchschmetterte.

Wer den Mann nicht vorher gesehen, hätte glauben müssen, es sei ein

Riese, der solche Gewalt ausübe; da wir aber seine Persönlichkeit

schon kannten, bewunderten wir nur, daß er in diesem Kampf nicht schon

längst aufgerieben sei.

Catania, Freitag, den 4. Mai 1787.

Bald nach Tische kam der Abbé mit einem Wagen, da er uns den

entferntern Teil der Stadt zeigen sollte. Beim Einsteigen ereignete

sich ein wundersamer Rangstreit. Ich war zuerst eingestiegen und

hätte ihm zur linken Hand gesessen, er, einsteigend, verlangte

ausdrücklich, daß ich herumrücken und ihn zu meiner Linken nehmen

sollte; ich bat ihn, dergleichen Zeremonien zu unterlassen.

"Verzeiht", sagte er, "daß wir also sitzen, denn wenn ich meinen Platz

zu Eurer Rechten nehme, so glaubt jedermann, daß ich mit Euch fahre,

sitze ich aber zur Linken, so ist es ausgesprochen, daß Ihr mit mir

fahrt, mit mir nämlich, der ich Euch im Namen des Fürsten die Stadt

zeige." Dagegen war freilich nichts einzuwenden, und also geschah es.

Wir fuhren die Straßen hinaufwärts, wo die Lava, welche 1669 einen

großen Teil dieser Stadt zerstörte, noch bis auf unsere Tage sichtbar

blieb. Der starre Feuerstrom ward bearbeitet wie ein anderer Fels,

selbst auf ihm waren Straßen vorgezeichnet und teilweise gebaut. Ich

schlug ein unbezweifeltes Stück des Geschmolzenen herunter, bedenkend,

daß vor meiner Abreise aus Deutschland schon der Streit über die

Vulkanität der Basalte sich entzündet hatte. Und so tat ich's an

mehrern Stellen, um zu mancherlei Abänderungen zu gelangen.

Wären jedoch Einheimische nicht selbst Freunde ihrer Gegend, nicht

selbst bemüht, entweder eines Vorteils oder der Wissenschaft willen,

das, was in ihrem Revier merkwürdig ist, zusammenzustellen, so müßte

der Reisende sich lang vergebens quälen. Schon in Neapel hatte mich

der Lavenhändler sehr gefördert, hier in einem weit höheren Sinne der

Ritter Gioeni. Ich fand in seiner reichen, sehr galant aufgestellten

Sammlung die Laven des Ätna, die Basalte am Fuß desselben, verändertes

Gestein, mehr oder weniger zu erkennen; alles wurde freundlichst

vorgezeigt. Am meisten hatte ich Zeolithe zu bewundern aus den

schroffen, im Meere stehenden Felsen unter Jaci.

Als wir den Ritter um die Mittel befragten, wie man sich benehmen

müsse, um den Ätna zu besteigen, wollte er von einer Wagnis nach dem

Gipfel, besonders in der gegenwärtigen Jahreszeit, gar nichts hören.

"Überhaupt", sagte er, nachdem er uns um Verzeihung gebeten, "die hier

ankommenden Fremden sehen die Sache für allzu leicht an; wir andern

Nachbarn des Berges sind schon zufrieden, wenn wir ein paarmal in

unserm Leben die beste Gelegenheit abgepaßt und den Gipfel erreicht

haben. Brydone, der zuerst durch seine Beschreibung die Lust nach

diesem Feuergipfel entzündet, ist gar nicht hinaufgekommen; Graf Borch

läßt den Leser in Ungewißheit, aber auch er ist nur bis auf eine

gewisse Höhe gelangt, und so könnte ich von mehrern sagen. Für jetzt

erstreckt sich der Schnee noch allzuweit herunter und breitet

unüberwindliche Hindernisse entgegen. Wenn Sie meinem Rate folgen

mögen, so reiten Sie morgen bei guter Zeit bis an den Fuß des Monte

Rosso, besteigen Sie diese Höhe; Sie werden von da des herrlichsten

Anblicks genießen und zugleich die alte Lava bemerken, welche dort,

1669 entsprungen, unglücklicherweise sich nach der Stadt hereinwälzte.

Die Aussicht ist herrlich und deutlich; man tut besser, sich das

übrige erzählen zu lassen."

Catania, Sonnabend, den 5. Mai 1787.

Folgsam dem guten Rate, machten wir ans zeitig auf den Weg und

erreichten, auf unsern Maultieren immer rückwärts schauend, die Region

der durch die Zeit noch ungebändigten Laven. Zackige Klumpen und

Tafeln starrten uns entgegen, durch welche nur ein zufälliger Pfad von

den Tieren gefunden wurde. Auf der ersten bedeutenden Höhe hielten

wir still. Kniep zeichnete mit großer Präzision, was hinaufwärts vor

uns lag: die Lavenmassen im Vordergrunde, den Doppelgipfel des Monte

Rosso links, gerade über uns die Wälder von Nicolosi, aus denen der

beschneite, wenig rauchende Gipfel hervorstieg. Wir rückten dem roten

Berge näher, ich stieg hinauf: er ist ganz aus rotem vulkanischem Grus,

Asche und Steinen zusammengehäuft. Um die Mündung hätte sich bequem

herumgehen lassen, hätte nicht ein gewaltsam stürmender Morgenwind

jeden Schritt unsicher gemacht; wollte ich nur einigermaßen fortkommen,

so mußte ich den Mantel ablegen, nun aber war der Hut jeden

Augenblick in Gefahr, in den Krater getrieben zu werden und ich

hintendrein. Deshalb setzte ich mich nieder, um mich zu fassen und

die Gegend zu überschauen; aber auch diese Lage half mir nichts: der

Sturm kam gerade von Osten her über das herrliche Land, das nah und

fern bis ans Meer unter mir lag. Den ausgedehnten Strand von Messina

bis Syrakus mit seinen Krümmungen und Buchten sah ich vor Augen,

entweder ganz frei oder durch Felsen des Ufers nur wenig bedeckt. Als

ich ganz betäubt wieder herunterkam, hatte Kniep im Schauer seine Zeit

gut angewendet und mit zarten Linien auf dem Papier gesichert, was der

wilde Sturm mich kaum sehen, viel weniger festhalten ließ.

Italienische Reise — Band 1 · 第 56 / 68 题