Der Abbé, der uns gestern abend schon begrüßt hatte, erschien heute
zeitig und führte uns in den Palast, welcher auf einem hohen Sockel
einstöckig gebaut ist, und zwar sahen wir zuerst das Museum, wo
marmorne und eherne Bilder, Vasen und alle Arten solcher Altertümer
beisammenstehen. Wir hatten abermals Gelegenheit, unsere Kenntnisse
zu erweitern, besonders aber fesselte uns der Sturz eines Jupiters,
dessen Abguß ich schon aus Tischbeins Werkstatt kannte und welcher
größere Vorzüge besitzt, als wir zu beurteilen vermochten. Ein
Hausgenosse gab die nötigste historische Auskunft, und nun gelangten
wir in einen großen, hohen Saal. Die vielen Stühle an den Wänden
umher zeugten, daß große Gesellschaft sich manchmal hier versammle.
Wir setzten uns in Erwartung einer günstigen Aufnahme. Da kamen ein
Paar Frauenzimmer herein und gingen der Länge nach auf und ab. Sie
sprachen angelegentlich miteinander. Als sie uns gewahrten, stand der
Abbé auf, ich desgleichen, wir neigten uns. Ich fragte, wer sie seien,
und erfuhr, die jüngere sei die Prinzessin, die ältere eine edle
Catanierin. Wir hatten uns wieder gesetzt, sie gingen auf und ab, wie
man auf einem Marktplatze tun würde.
Wir wurden zum Prinzen geführt, der, wie man mir schon bemerkt hatte,
uns seine Münzsammlung aus besonderem Vertrauen vorwies, da wohl
früher seinem Herrn Vater und auch ihm nachher bei solchem Vorzeigen
manches abhanden gekommen und seine gewöhnliche Bereitwilligkeit
dadurch einigermaßen vermindert worden. Hier konnte ich nun schon
etwas kenntnisreicher scheinen, indem ich mich bei Betrachtung der
Sammlung des Prinzen Torremuzza belehrt hatte. Ich lernte wieder und
half mir an jenem dauerhaften Winckelmannischen Faden, der uns durch
die verschiedenen Kunstepochen durchleitet, so ziemlich hin. Der
Prinz, von diesen Dingen völlig unterrichtet, da er keine Kenner, aber
aufmerksame Liebhaber vor sich sah, mochte uns gern in allem, wornach
wir forschten, belehren.
Nach dem wir diesen Betrachtungen geraume Zeit, aber doch noch immer
zu wenig gewidmet, standen wir im Begriff, uns zu beurlauben, als er
uns zu seiner Frau Mutter führte, woselbst die übrigen kleineren
Kunstwerke zu sehen waren.
Wir fanden eine ansehnliche, natürlich edle Frau, die uns mit den
Worten empfing:" Sehen Sie sich bei mir um, meine Herren, Sie finden
hier alles noch, wie es mein seliger Gemahl gesammelt und geordnet hat.
Dies danke ich der Frömmigkeit meines Sohnes, der mich in seinen
besten Zimmern nicht nur wohnen, sondern auch hier nicht das geringste
entfernen oder verrücken läßt, was sein seliger Herr Vater anschaffte
und aufstellte; wodurch ich den doppelten Vorteil habe, sowohl auf die
so lange Jahre her gewohnte Weise zu leben, als auch wie von jeher die
trefflichen Fremden zu sehen und näher zu kennen, die, unsere Schätze
zu betrachten, von so weiten Orten herkommen."
Sie schloß uns darauf selbst den Glasschrank auf, worin die Arbeiten
in Bernstein aufbewahrt standen. Der sizilianische unterscheidet sich
von dem nordischen darin, daß er von der durchsichtigen und
undurchsichtigen Wachs--und Honigfarbe durch alle Abschattungen eines
gesättigten Gelbs bis zum schönsten Hyazinthrot hinansteigt. Urnen,
Becher und andere Dinge waren daraus geschnitten, wozu man große,
bewundernswürdige Stücke des Materials mitunter voraussetzen mußte.
An diesen Gegenständen sowie an geschnittenen Muscheln, wie sie in
Trapani gefertigt werden, ferner an ausgesuchten Elfenbeinarbeiten
hatte die Dame ihre besondere Freude und wußte dabei manche heitere
Geschichte zu erzählen. Der Fürst machte uns auf die ernsteren
Gegenstände aufmerksam, und so flossen einige Stunden vergnügt und
belehrend vorüber.
Indessen hatte die Fürstin vernommen, daß wir Deutsche seien, sie
fragte daher nach Herrn von Riedesel, Bartels, Münter, welche sie
sämtlich gekannt und, ihren Charakter und Betragen gar wohl
unterscheidend, zu würdigen wußte. Wir trennten uns ungern von ihr,
und sie schien uns ungern wegzulassen. Dieser Inselzustand hat doch
immer etwas Einsames, nur durch vorübergehende Teilnahme aufgefrischt
und erhalten.
Uns führte der Geistliche alsdann in das Benediktinerkloster, in die
Zelle eines Bruders, dessen bei mäßigem Alter trauriges und in sich
zurückgezogenes Ansehn wenig frohe Unterhaltung versprach. Er war
jedoch der kunstreiche Mann, der die ungeheure Orgel dieser Kirche
allein zu bändigen wußte. Als er unsere Wünsche mehr erraten als
vernommen, erfüllte er sie schweigend; wir begaben uns in die sehr
geräumige Kirche, die er, das herrliche Instrument bearbeitend, bis in
den letzten Winkel mit leisestem Hauch sowohl als gewaltsamsten Tönen
durchsäuselte und durchschmetterte.
Wer den Mann nicht vorher gesehen, hätte glauben müssen, es sei ein
Riese, der solche Gewalt ausübe; da wir aber seine Persönlichkeit
schon kannten, bewunderten wir nur, daß er in diesem Kampf nicht schon
längst aufgerieben sei.
Catania, Freitag, den 4. Mai 1787.
Bald nach Tische kam der Abbé mit einem Wagen, da er uns den
entferntern Teil der Stadt zeigen sollte. Beim Einsteigen ereignete
sich ein wundersamer Rangstreit. Ich war zuerst eingestiegen und
hätte ihm zur linken Hand gesessen, er, einsteigend, verlangte
ausdrücklich, daß ich herumrücken und ihn zu meiner Linken nehmen
sollte; ich bat ihn, dergleichen Zeremonien zu unterlassen.
"Verzeiht", sagte er, "daß wir also sitzen, denn wenn ich meinen Platz
zu Eurer Rechten nehme, so glaubt jedermann, daß ich mit Euch fahre,
sitze ich aber zur Linken, so ist es ausgesprochen, daß Ihr mit mir
fahrt, mit mir nämlich, der ich Euch im Namen des Fürsten die Stadt
zeige." Dagegen war freilich nichts einzuwenden, und also geschah es.
Wir fuhren die Straßen hinaufwärts, wo die Lava, welche 1669 einen
großen Teil dieser Stadt zerstörte, noch bis auf unsere Tage sichtbar
blieb. Der starre Feuerstrom ward bearbeitet wie ein anderer Fels,
selbst auf ihm waren Straßen vorgezeichnet und teilweise gebaut. Ich
schlug ein unbezweifeltes Stück des Geschmolzenen herunter, bedenkend,
daß vor meiner Abreise aus Deutschland schon der Streit über die
Vulkanität der Basalte sich entzündet hatte. Und so tat ich's an
mehrern Stellen, um zu mancherlei Abänderungen zu gelangen.
Wären jedoch Einheimische nicht selbst Freunde ihrer Gegend, nicht
selbst bemüht, entweder eines Vorteils oder der Wissenschaft willen,
das, was in ihrem Revier merkwürdig ist, zusammenzustellen, so müßte
der Reisende sich lang vergebens quälen. Schon in Neapel hatte mich
der Lavenhändler sehr gefördert, hier in einem weit höheren Sinne der
Ritter Gioeni. Ich fand in seiner reichen, sehr galant aufgestellten
Sammlung die Laven des Ätna, die Basalte am Fuß desselben, verändertes
Gestein, mehr oder weniger zu erkennen; alles wurde freundlichst
vorgezeigt. Am meisten hatte ich Zeolithe zu bewundern aus den
schroffen, im Meere stehenden Felsen unter Jaci.
Als wir den Ritter um die Mittel befragten, wie man sich benehmen
müsse, um den Ätna zu besteigen, wollte er von einer Wagnis nach dem
Gipfel, besonders in der gegenwärtigen Jahreszeit, gar nichts hören.
"Überhaupt", sagte er, nachdem er uns um Verzeihung gebeten, "die hier
ankommenden Fremden sehen die Sache für allzu leicht an; wir andern
Nachbarn des Berges sind schon zufrieden, wenn wir ein paarmal in
unserm Leben die beste Gelegenheit abgepaßt und den Gipfel erreicht
haben. Brydone, der zuerst durch seine Beschreibung die Lust nach
diesem Feuergipfel entzündet, ist gar nicht hinaufgekommen; Graf Borch
läßt den Leser in Ungewißheit, aber auch er ist nur bis auf eine
gewisse Höhe gelangt, und so könnte ich von mehrern sagen. Für jetzt
erstreckt sich der Schnee noch allzuweit herunter und breitet
unüberwindliche Hindernisse entgegen. Wenn Sie meinem Rate folgen
mögen, so reiten Sie morgen bei guter Zeit bis an den Fuß des Monte
Rosso, besteigen Sie diese Höhe; Sie werden von da des herrlichsten
Anblicks genießen und zugleich die alte Lava bemerken, welche dort,
1669 entsprungen, unglücklicherweise sich nach der Stadt hereinwälzte.
Die Aussicht ist herrlich und deutlich; man tut besser, sich das
übrige erzählen zu lassen."
Catania, Sonnabend, den 5. Mai 1787.
Folgsam dem guten Rate, machten wir ans zeitig auf den Weg und
erreichten, auf unsern Maultieren immer rückwärts schauend, die Region
der durch die Zeit noch ungebändigten Laven. Zackige Klumpen und
Tafeln starrten uns entgegen, durch welche nur ein zufälliger Pfad von
den Tieren gefunden wurde. Auf der ersten bedeutenden Höhe hielten
wir still. Kniep zeichnete mit großer Präzision, was hinaufwärts vor
uns lag: die Lavenmassen im Vordergrunde, den Doppelgipfel des Monte
Rosso links, gerade über uns die Wälder von Nicolosi, aus denen der
beschneite, wenig rauchende Gipfel hervorstieg. Wir rückten dem roten
Berge näher, ich stieg hinauf: er ist ganz aus rotem vulkanischem Grus,
Asche und Steinen zusammengehäuft. Um die Mündung hätte sich bequem
herumgehen lassen, hätte nicht ein gewaltsam stürmender Morgenwind
jeden Schritt unsicher gemacht; wollte ich nur einigermaßen fortkommen,
so mußte ich den Mantel ablegen, nun aber war der Hut jeden
Augenblick in Gefahr, in den Krater getrieben zu werden und ich
hintendrein. Deshalb setzte ich mich nieder, um mich zu fassen und
die Gegend zu überschauen; aber auch diese Lage half mir nichts: der
Sturm kam gerade von Osten her über das herrliche Land, das nah und
fern bis ans Meer unter mir lag. Den ausgedehnten Strand von Messina
bis Syrakus mit seinen Krümmungen und Buchten sah ich vor Augen,
entweder ganz frei oder durch Felsen des Ufers nur wenig bedeckt. Als
ich ganz betäubt wieder herunterkam, hatte Kniep im Schauer seine Zeit
gut angewendet und mit zarten Linien auf dem Papier gesichert, was der
wilde Sturm mich kaum sehen, viel weniger festhalten ließ.