Mit Sonnenaufgang wandelten wir nun hinunter, wo sich bei jedem
Schritt die Umgebung malerischer anließ. Mit dem Bewußtsein, daß es zu
unserm Besten gereiche, führte uns der kleine Mann unaufhaltsam quer
durch die reiche Vegetation an tausend Einzelheiten vorüber, wovon
jede das Lokal zu idyllischen Szenen darbot. Hierzu trägt die
Ungleichheit des Bodens gar vieles bei, der sich wellenförmig über
verborgene Ruinen hinbewegt, die um so eher mit fruchtbarer Erde
überdeckt werden konnten, als die vormaligen Gebäude aus einem
leichten Muscheltuff bestanden. Und so gelangten wir an das östliche
Ende der Stadt, wo die Trümmer des Junotempels jährlich mehr verfallen,
weil eben der lockre Stein von Luft und Witterung aufgezehrt wird.
Heute sollte nur eine kursorische Beschauung angestellt werden, aber
schon wählte sich Kniep die Punkte, von welchen aus er morgen zeichnen
wollte.
Der Tempel steht gegenwärtig auf einem verwitterten Felsen; von hier
aus erstreckten sich die Stadtmauern gerade ostwärts auf einem
Kalklager hin, welches senkrecht über dem flachen Strande, den das
Meer früher und später, nachdem es diese Felsen gebildet und ihren Fuß
bespült, verlassen hatte. Teils aus den Felsen gehauen, teils aus
denselben erbaut waren die Mauern, hinter welchen die Reihe der Tempel
hervorragte. Kein Wunder also, daß der untere, der aufsteigende und
der höchste Teil von Girgenti zusammen von dem Meere her einen
bedeutenden Anblick gewährte.
Der Tempel der Konkordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden;
seine schlanke Baukunst nähert ihn schon unserm Maßstabe des Schönen
und Gefälligen, er verhält sich zu denen von Pästum wie Göttergestalt
zum Riesenbilde. Ich will mich nicht beklagen, daß der neuere
löbliche Vorsatz, diese Monumente zu erhalten, geschmacklos ausgeführt
worden, indem man die Lücken mit blendend weißem Gips ausbesserte;
dadurch steht dieses Monument auch auf gewisse Weise zertrümmert vor
dem Auge; wie leicht wäre es gewesen, dem Gips die Farbe des
verwitterten Steins zu geben! Sieht man freilich den so leicht sich
bröckelnden Muschelkalk der Säulen und Mauern, so wundert man sich daß
er noch so lange gehalten. Aber die Erbauer, hoffend auf eine
ähnliche Nachkommenschaft, hatten deshalb Vorkehrung getroffen: man
findet noch überreste eines feinen Tünchs an den Säulen, der zugleich
dem Auge schmeicheln und die Dauer verbergen sollte.
Gebälkfragment vom Zeustempel in Agrigent (Girgenti). Gouache von
Houel
Die nächste Station ward Godann bei den Ruinen des Jupitertempels
gehalten. Dieser liegt weit gestreckt, wie die Knochenmasse eines
Riesengerippes inner--und unterhalb mehrerer kleinen Besitzungen, von
Zäunen durchschnitten, von höhern und niedern Pflanzen durchwachsen.
Alles Gebildete ist aus diesen Schutthaufen verschwunden außer einem
ungeheueren Triglyph und einem Stück einer demselben proportionierten
Halbsäule. Jenen maß ich mit ausgespannten Armen und konnte ihn nicht
erklaftern, von der Kannelierung der Säule hingegen kann dies einen
Begriff geben, daß ich, darin stehend, dieselbe als eine kleine Nische
ausfüllte, mit beiden Schultern anstoßend. Zweiundzwanzig Männer, im
Kreise nebeneinander gestellt, würden ungefähr die Peripherie einer
solchen Säule bilden. Wir schieden mit dem unangenehmen Gefühle, daß
hier für den Zeichner gar nichts zu tun sei.
Der Tempel des Herkules hingegen ließ noch Spuren vormaliger Symmetrie
entdecken. Die zwei Säulenreihen, die den Tempel hüben und drüben
begleiteten, lagen in gleicher Richtung wie auf einmal zusammen
hingelegt, von Norden nach Süden; jene einen Hügel hinaufwärts, diese
hinabwärts. Der Hügel mochte aus der zerfallenen Zelle entstanden
sein. Die Säulen, wahrscheinlich durch das Gebälk zusammengehalten,
stürzten auf einmal, vielleicht durch Sturmwut niedergestreckt, und
sie liegen noch regelmäßig, in die Stücke, aus denen sie
zusammengesetzt waren, zerfallen. Dieses merkwürdige Vorkommen genau
zu zeichnen, spitzte Kniep schon in Gedanken seine Stifte.
Der Tempel des Äskulap, von dem schönsten Johannisbrotbaum beschattet
und in ein kleines feldwirtschaftliches Haus beinahe eingemauert,
bietet ein freundliches Bild.
Nun stiegen wir zum Grabmal Therons hinab und erfreuten uns der
Gegenwart dieses so oft nachgebildet gesehenen Monuments, besonders da
es uns zum Vordergrunde diente einer wundersamen Ansicht; denn man
schaute von Westen nach Osten an dem Felslager hin, auf welchem die
lückenhaften Stadtmauern sowie durch sie und über ihnen die Reste der
Tempel zu sehen waren. Unter Hackerts kunstreicher Hand ist diese
Ansicht zum erfreulichen Bilde geworden; Kniep wird einen Umriß auch
hier nicht fehlen lassen.
Girgenti, Donnerstag, den 26. April 1787.
Als ich erwachte, war Kniep schon bereit, mit einem Knaben, der ihm
den Weg zeigen und die Pappen tragen sollte, seine zeichnerische Reise
anzutreten. Ich genoß des herrlichsten Morgens am Fenster, meinen
geheimen, stillen, aber nicht stummen Freund an der Seite. Aus
frommer Scheu habe ich bisher den Namen nicht genannt des Mentors, auf
den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es ist der
treffliche von Riedesel, dessen Büchlein ich wie ein Brevier oder
Talisman am Busen trage. Sehr gern habe ich mich immer in solchen
Wesen bespiegelt, die das besitzen, was mir abgeht, und so ist es
grade hier: ruhiger Vorsatz, Sicherheit des Zwecks, reinliche,
schickliche Mittel, Vorbereitung und Kenntnis, inniges Verhältnis zu
einem meisterhaft Belehrenden, zu Winckelmann; dies alles geht mir ab
und alles übrige, was daraus entspringt. Und doch kann ich mir nicht
feind sein, daß ich das zu erschleichen, zu erstürmen, zu erlisten
suche, was mir während meines Lebens auf dem gewöhnlichen Wege versagt
war. Möge jener treffliche Mann in diesem Augenblick mitten in dem
Weltgetümmel empfinden, wie ein dankbarer Nachfahr seine Verdienste
feiert, einsam in dem einsamen Orte, der auch für ihn so viel Reize
hatte, daß er sogar hier, vergessen von den Seinigen und ihrer
vergessend, seine Tage zuzubringen wünschte.
Nun durchzog ich die gestrigen Wege mit meinem kleinen geistlichen
Führer, die Gegenstände von mehrern Seiten betrachtend und meinen
fleißigen Freund hie und da besuchend.
Auf eine schöne Anstalt der alten mächtigen Stadt machte mich mein
Führer aufmerksam. In den Felsen und Gemäuermassen, welche Girgenti
zum Bollwerk dienten, finden sich Gräber, wahrscheinlich den Tapfern
und Guten zur Ruhestätte bestimmt. Wo konnten diese schöner, zu
eigener Glorie und zu ewig lebendiger Nacheiferung, beigesetzt werden!
In dem weiten Raume zwischen den Mauern und dem Meere finden sich noch
die Reste eines kleinen Tempels, als christliche Kapelle erhalten.
Auch hier sind Halbsäulen mit den Quaderstücken der Mauer aufs
schönste verbunden, und beides, ineinander gearbeitet, höchst
erfreulich dem Auge. Man glaubt genau den Punkt zu fühlen, wo die
dorische Ordnung ihr vollendetes Maß erhalten hat.
Manches unscheinbare Denkmal des Altertums ward obenhin angesehen,
sodann mit mehr Aufmerksamkeit die jetzige Art, den Weizen unter der
Erde in großen ausgemauerten Gewölben zu verwahren. Über den
bürgerlichen und kirchlichen Zustand erzählte mir der gute Alte gar
manches. Ich hörte von nichts, was nur einigermaßen in Aufnahme wäre.
Das Gespräch schickte sich recht gut zu den unaufhaltsam
verwitternden Trümmern.
Die Schichten des Muschelkalks fallen alle gegen das Meer. Wundersam
von unten und hinten ausgefressene Felsbänke, deren Oberes und
Vorderes sich teilweise erhalten, so daß sie wie herunterhängende
Fransen aussehen. Haß auf die Franzosen, weil sie mit den Barbaresken
Frieden haben und man ihnen schuld gibt, sie verrieten die Christen an
die Ungläubigen.
Vom Meere her war ein antikes Tor in Felsen gehauen. Die noch
bestehenden Mauern stufenweis auf den Felsen gegründet. Unser
Cicerone hieß Don Michael Vella, Antiquar, wohnhaft bei Meister Gerio
in der Nähe von St. Maria.
Die Puffbohnen zu pflanzen, verfahren sie folgendermaßen: Sie machen
in gehöriger Weite voneinander Löcher in die Erde, darein tun sie eine
Handvoll Mist, sie erwarten Regen, und dann stecken sie die Bohnen.
Das Bohnenstroh verbrennen sie, mit der daraus entstehenden Asche
waschen sie die Leinwand. Sie bedienen sich keiner Seife. Auch die
äußern Mandelschalen verbrennen sie und bedienen sich derselben statt
Soda. Erst waschen sie die Wäsche mit Wasser und dann mit solcher
Lauge.
Die Folge ihres Fruchtbaus ist Bohnen, Weizen, Tumenia, das vierte
Jahr lassen sie es zur Wiese liegen. Unter Bohnen werden hier die
Puffbohnen verstanden. Ihr Weizen ist unendlich schön. Tumenia,
deren Namen sich von "bimenia" oder "trimenia" herschreiben soll, ist
eine herrliche Gabe der Ceres: es ist eine Art von Sommerkorn, das in
drei Monaten reif wird. Sie säen es vom ersten Januar bis zum Juni,
wo es denn immer zur bestimmten Zeit reif ist. Sie braucht nicht viel
Regen, aber starke Wärme; anfangs hat sie ein sehr zartes Blatt, aber
sie wächst dem Weizen nach und macht sich zuletzt sehr stark. Das
Korn säen sie im Oktober und November, es reift im Juni. Die im
November gesäte Gerste ist den ersten Juni reif, an der Küste
schneller, in Gebirgen langsamer.
Der Lein ist schon reif. Der Akanth hat seine prächtigen Blätter
entfaltet. Salsola fruticosa wächst üppig.
Auf unbebauten Hügeln wächst reichlicher Esparsett. Er wird teilweis
verpachtet und bündelweis in die Stadt gebracht. Ebenso verkaufen sie
bündelweis den Hafer, den sie aus dem Weizen ausgäten.
Sie machen artige Einteilungen mit Rändchen in dem Erdreich, wo sie
Kohl pflanzen wollen, zum Behuf der Wässerung.
An den Feigen waren alle Blätter heraus, und die Früchte hatten
angesetzt. Sie werden zu Johanni reif, dann setzt der Baum noch
einmal an. Die Mandeln hingen sehr voll; ein gestutzter Karubenbaum
trug unendliche Schoten. Die Trauben zum Essen werden an Lauben
gezogen, durch hohe Pfeiler unterstützt. Melonen legen sie im März,
die im Juni reifen. In den Ruinen des Jupitertempels wachsen sie
munter ohne eine Spur von Feuchtigkeit.
Der Vetturin aß mit größtem Appetit rohe Artischocken und Kohlrabi;
freilich muß man gestehen, daß sie viel zärter und saftiger sind als
wie bei uns. Wenn man durch Äcker kommt, so lassen die Bauern z. B.
junge Puffbohnen essen, soviel man will.
Als ich auf schwarze, feste Steine aufmerksam ward, die einer Lava
glichen, sagte mir der Antiquar, sie seien vom Ätna, auch am Hafen
oder vielmehr Landungsplatz stünden solche.
Der Vögel gibt's hierzulande nicht viel: Wachteln. Die Zugvögel sind:
Nachtigallen, Lerchen und Schwalben. Rinnine, kleine schwarze Vögel,
die aus der Levante kommen, in Sizilien hecken und weiter gehen oder
zurück. Ridene, kommen im Dezember und Januar aus Afrika, fallen auf
dem Akragas nieder, und dann ziehen sie sich in die Berge.
Von der Vase des Doms noch ein Wort. Auf derselben steht ein Held in
völliger Rüstung gleichsam als Ankömmling vor einem sitzenden Alten,
der durch Kranz und Szepter als König bezeichnet ist. Hinter diesem
steht ein Weib, das Haupt gesenkt, die linke Hand unter dem Kinn;
aufmerksam nachdenkende Stellung. Gegenüber hinter dem Helden ein
Alter, gleichfalls bekränzt, er spricht mit einem spießtragenden Manne,
der von der Leibwache sein mag. Der Alte scheint den Helden
eingeführt zu haben und zu der Wache zu sagen: "Laßt ihn nur mit dem
König reden, es ist ein braver Mann."
Das Rote scheint der Grund dieser Vase, das Schwarze darauf gesetzt.
Nur an dem Frauengewande scheint Rot auf Schwarz zu sitzen.
Girgenti, Freitag, den 27. April 1787.
Wenn Kniep alle Vorsätze ausführen will, muß er unablässig zeichnen,
indes ich mit meinem alten kleinen Führer umherziehe. Wir spazierten
gegen das Meer, von woher sich Girgenti, wie uns die Alten versichern,
sehr gut ausgenommen habe. Der Blick ward in die Wellenweite gezogen,
und mein Führer machte mich aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif,
der südwärts, einem Bergrücken gleich, auf der Horizontallinie
aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Küste von Afrika, sagte
er. Mir fiel indes ein anderes Phänomen als seltsam auf; es war aus
leichtem Gewölk ein schmaler Bogen, welcher, mit dem einen Fuß auf
Sizilien aufstehend, sich hoch am blauen, übrigens ganz reinen Himmel
hinwölbte und mit dem andern Ende in Süden auf dem Meer zu ruhen
schien. Von der niedergehenden Sonne gar schön gefärbt und wenig
Bewegung zeigend, war er dem Auge eine so seltsame als erfreuliche
Erscheinung. Es stehe dieser Bogen, versicherte man mir, gerade in
der Richtung nach Malta und möge wohl auf dieser Insel seinen andern
Fuß niedergelassen haben, das Phänomen komme manchmal vor. Sonderbar
genug wäre es, wenn die Anziehungskraft der beiden Inseln
gegeneinander sich in der Atmosphäre auf diese Art kundtäte.
Durch dieses Gespräch ward bei mir die Frage wieder rege, ob ich den
Vorsatz, Malta zu besuchen, aufgeben sollte. Allein die schon früher
überdachten Schwierigkeiten und Gefahren blieben noch immer dieselben,
und wir nahmen uns vor, unsern Vetturin bis Messina zu dingen.
Dabei aber sollte wieder nach einer gewissen eigensinnigen Grille
gehandelt werden. Ich hatte nämlich auf dem bisherigen Wege in
Sizilien wenig kornreiche Gegenden gesehen, sodann war der Horizont
überall von nahen und fernen Bergen beschränkt, so daß es der Insel
ganz an Flächen zu fehlen schien und man nicht begriff, wie Ceres
dieses Land so vorzüglich begünstigt haben sollte. Als ich mich
darnach erkundigte, erwiderte man mir, daß ich, um dieses einzusehen,
statt über Syrakus, quer durchs Land gehen müsse, wo ich denn der
Weizenstriche genug antreffen würde. Wir folgten dieser Lockung,
Syrakus aufzugeben, indem uns nicht unbekannt war, daß von dieser
herrlichen Stadt wenig mehr als der prächtige Name geblieben sei.
Allenfalls war sie von Catania aus leicht zu besuchen.