Girgenti, Mittwoch, den 25. April 1787

Mit Sonnenaufgang wandelten wir nun hinunter, wo sich bei jedem

Schritt die Umgebung malerischer anließ. Mit dem Bewußtsein, daß es zu

unserm Besten gereiche, führte uns der kleine Mann unaufhaltsam quer

durch die reiche Vegetation an tausend Einzelheiten vorüber, wovon

jede das Lokal zu idyllischen Szenen darbot. Hierzu trägt die

Ungleichheit des Bodens gar vieles bei, der sich wellenförmig über

verborgene Ruinen hinbewegt, die um so eher mit fruchtbarer Erde

überdeckt werden konnten, als die vormaligen Gebäude aus einem

leichten Muscheltuff bestanden. Und so gelangten wir an das östliche

Ende der Stadt, wo die Trümmer des Junotempels jährlich mehr verfallen,

weil eben der lockre Stein von Luft und Witterung aufgezehrt wird.

Heute sollte nur eine kursorische Beschauung angestellt werden, aber

schon wählte sich Kniep die Punkte, von welchen aus er morgen zeichnen

wollte.

Der Tempel steht gegenwärtig auf einem verwitterten Felsen; von hier

aus erstreckten sich die Stadtmauern gerade ostwärts auf einem

Kalklager hin, welches senkrecht über dem flachen Strande, den das

Meer früher und später, nachdem es diese Felsen gebildet und ihren Fuß

bespült, verlassen hatte. Teils aus den Felsen gehauen, teils aus

denselben erbaut waren die Mauern, hinter welchen die Reihe der Tempel

hervorragte. Kein Wunder also, daß der untere, der aufsteigende und

der höchste Teil von Girgenti zusammen von dem Meere her einen

bedeutenden Anblick gewährte.

Der Tempel der Konkordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden;

seine schlanke Baukunst nähert ihn schon unserm Maßstabe des Schönen

und Gefälligen, er verhält sich zu denen von Pästum wie Göttergestalt

zum Riesenbilde. Ich will mich nicht beklagen, daß der neuere

löbliche Vorsatz, diese Monumente zu erhalten, geschmacklos ausgeführt

worden, indem man die Lücken mit blendend weißem Gips ausbesserte;

dadurch steht dieses Monument auch auf gewisse Weise zertrümmert vor

dem Auge; wie leicht wäre es gewesen, dem Gips die Farbe des

verwitterten Steins zu geben! Sieht man freilich den so leicht sich

bröckelnden Muschelkalk der Säulen und Mauern, so wundert man sich daß

er noch so lange gehalten. Aber die Erbauer, hoffend auf eine

ähnliche Nachkommenschaft, hatten deshalb Vorkehrung getroffen: man

findet noch überreste eines feinen Tünchs an den Säulen, der zugleich

dem Auge schmeicheln und die Dauer verbergen sollte.

Gebälkfragment vom Zeustempel in Agrigent (Girgenti). Gouache von

Houel

Die nächste Station ward Godann bei den Ruinen des Jupitertempels

gehalten. Dieser liegt weit gestreckt, wie die Knochenmasse eines

Riesengerippes inner--und unterhalb mehrerer kleinen Besitzungen, von

Zäunen durchschnitten, von höhern und niedern Pflanzen durchwachsen.

Alles Gebildete ist aus diesen Schutthaufen verschwunden außer einem

ungeheueren Triglyph und einem Stück einer demselben proportionierten

Halbsäule. Jenen maß ich mit ausgespannten Armen und konnte ihn nicht

erklaftern, von der Kannelierung der Säule hingegen kann dies einen

Begriff geben, daß ich, darin stehend, dieselbe als eine kleine Nische

ausfüllte, mit beiden Schultern anstoßend. Zweiundzwanzig Männer, im

Kreise nebeneinander gestellt, würden ungefähr die Peripherie einer

solchen Säule bilden. Wir schieden mit dem unangenehmen Gefühle, daß

hier für den Zeichner gar nichts zu tun sei.

Der Tempel des Herkules hingegen ließ noch Spuren vormaliger Symmetrie

entdecken. Die zwei Säulenreihen, die den Tempel hüben und drüben

begleiteten, lagen in gleicher Richtung wie auf einmal zusammen

hingelegt, von Norden nach Süden; jene einen Hügel hinaufwärts, diese

hinabwärts. Der Hügel mochte aus der zerfallenen Zelle entstanden

sein. Die Säulen, wahrscheinlich durch das Gebälk zusammengehalten,

stürzten auf einmal, vielleicht durch Sturmwut niedergestreckt, und

sie liegen noch regelmäßig, in die Stücke, aus denen sie

zusammengesetzt waren, zerfallen. Dieses merkwürdige Vorkommen genau

zu zeichnen, spitzte Kniep schon in Gedanken seine Stifte.

Der Tempel des Äskulap, von dem schönsten Johannisbrotbaum beschattet

und in ein kleines feldwirtschaftliches Haus beinahe eingemauert,

bietet ein freundliches Bild.

Nun stiegen wir zum Grabmal Therons hinab und erfreuten uns der

Gegenwart dieses so oft nachgebildet gesehenen Monuments, besonders da

es uns zum Vordergrunde diente einer wundersamen Ansicht; denn man

schaute von Westen nach Osten an dem Felslager hin, auf welchem die

lückenhaften Stadtmauern sowie durch sie und über ihnen die Reste der

Tempel zu sehen waren. Unter Hackerts kunstreicher Hand ist diese

Ansicht zum erfreulichen Bilde geworden; Kniep wird einen Umriß auch

hier nicht fehlen lassen.

Girgenti, Donnerstag, den 26. April 1787.

Als ich erwachte, war Kniep schon bereit, mit einem Knaben, der ihm

den Weg zeigen und die Pappen tragen sollte, seine zeichnerische Reise

anzutreten. Ich genoß des herrlichsten Morgens am Fenster, meinen

geheimen, stillen, aber nicht stummen Freund an der Seite. Aus

frommer Scheu habe ich bisher den Namen nicht genannt des Mentors, auf

den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es ist der

treffliche von Riedesel, dessen Büchlein ich wie ein Brevier oder

Talisman am Busen trage. Sehr gern habe ich mich immer in solchen

Wesen bespiegelt, die das besitzen, was mir abgeht, und so ist es

grade hier: ruhiger Vorsatz, Sicherheit des Zwecks, reinliche,

schickliche Mittel, Vorbereitung und Kenntnis, inniges Verhältnis zu

einem meisterhaft Belehrenden, zu Winckelmann; dies alles geht mir ab

und alles übrige, was daraus entspringt. Und doch kann ich mir nicht

feind sein, daß ich das zu erschleichen, zu erstürmen, zu erlisten

suche, was mir während meines Lebens auf dem gewöhnlichen Wege versagt

war. Möge jener treffliche Mann in diesem Augenblick mitten in dem

Weltgetümmel empfinden, wie ein dankbarer Nachfahr seine Verdienste

feiert, einsam in dem einsamen Orte, der auch für ihn so viel Reize

hatte, daß er sogar hier, vergessen von den Seinigen und ihrer

vergessend, seine Tage zuzubringen wünschte.

Nun durchzog ich die gestrigen Wege mit meinem kleinen geistlichen

Führer, die Gegenstände von mehrern Seiten betrachtend und meinen

fleißigen Freund hie und da besuchend.

Auf eine schöne Anstalt der alten mächtigen Stadt machte mich mein

Führer aufmerksam. In den Felsen und Gemäuermassen, welche Girgenti

zum Bollwerk dienten, finden sich Gräber, wahrscheinlich den Tapfern

und Guten zur Ruhestätte bestimmt. Wo konnten diese schöner, zu

eigener Glorie und zu ewig lebendiger Nacheiferung, beigesetzt werden!

In dem weiten Raume zwischen den Mauern und dem Meere finden sich noch

die Reste eines kleinen Tempels, als christliche Kapelle erhalten.

Auch hier sind Halbsäulen mit den Quaderstücken der Mauer aufs

schönste verbunden, und beides, ineinander gearbeitet, höchst

erfreulich dem Auge. Man glaubt genau den Punkt zu fühlen, wo die

dorische Ordnung ihr vollendetes Maß erhalten hat.

Manches unscheinbare Denkmal des Altertums ward obenhin angesehen,

sodann mit mehr Aufmerksamkeit die jetzige Art, den Weizen unter der

Erde in großen ausgemauerten Gewölben zu verwahren. Über den

bürgerlichen und kirchlichen Zustand erzählte mir der gute Alte gar

manches. Ich hörte von nichts, was nur einigermaßen in Aufnahme wäre.

Das Gespräch schickte sich recht gut zu den unaufhaltsam

verwitternden Trümmern.

Die Schichten des Muschelkalks fallen alle gegen das Meer. Wundersam

von unten und hinten ausgefressene Felsbänke, deren Oberes und

Vorderes sich teilweise erhalten, so daß sie wie herunterhängende

Fransen aussehen. Haß auf die Franzosen, weil sie mit den Barbaresken

Frieden haben und man ihnen schuld gibt, sie verrieten die Christen an

die Ungläubigen.

Vom Meere her war ein antikes Tor in Felsen gehauen. Die noch

bestehenden Mauern stufenweis auf den Felsen gegründet. Unser

Cicerone hieß Don Michael Vella, Antiquar, wohnhaft bei Meister Gerio

in der Nähe von St. Maria.

Die Puffbohnen zu pflanzen, verfahren sie folgendermaßen: Sie machen

in gehöriger Weite voneinander Löcher in die Erde, darein tun sie eine

Handvoll Mist, sie erwarten Regen, und dann stecken sie die Bohnen.

Das Bohnenstroh verbrennen sie, mit der daraus entstehenden Asche

waschen sie die Leinwand. Sie bedienen sich keiner Seife. Auch die

äußern Mandelschalen verbrennen sie und bedienen sich derselben statt

Soda. Erst waschen sie die Wäsche mit Wasser und dann mit solcher

Lauge.

Die Folge ihres Fruchtbaus ist Bohnen, Weizen, Tumenia, das vierte

Jahr lassen sie es zur Wiese liegen. Unter Bohnen werden hier die

Puffbohnen verstanden. Ihr Weizen ist unendlich schön. Tumenia,

deren Namen sich von "bimenia" oder "trimenia" herschreiben soll, ist

eine herrliche Gabe der Ceres: es ist eine Art von Sommerkorn, das in

drei Monaten reif wird. Sie säen es vom ersten Januar bis zum Juni,

wo es denn immer zur bestimmten Zeit reif ist. Sie braucht nicht viel

Regen, aber starke Wärme; anfangs hat sie ein sehr zartes Blatt, aber

sie wächst dem Weizen nach und macht sich zuletzt sehr stark. Das

Korn säen sie im Oktober und November, es reift im Juni. Die im

November gesäte Gerste ist den ersten Juni reif, an der Küste

schneller, in Gebirgen langsamer.

Der Lein ist schon reif. Der Akanth hat seine prächtigen Blätter

entfaltet. Salsola fruticosa wächst üppig.

Auf unbebauten Hügeln wächst reichlicher Esparsett. Er wird teilweis

verpachtet und bündelweis in die Stadt gebracht. Ebenso verkaufen sie

bündelweis den Hafer, den sie aus dem Weizen ausgäten.

Sie machen artige Einteilungen mit Rändchen in dem Erdreich, wo sie

Kohl pflanzen wollen, zum Behuf der Wässerung.

An den Feigen waren alle Blätter heraus, und die Früchte hatten

angesetzt. Sie werden zu Johanni reif, dann setzt der Baum noch

einmal an. Die Mandeln hingen sehr voll; ein gestutzter Karubenbaum

trug unendliche Schoten. Die Trauben zum Essen werden an Lauben

gezogen, durch hohe Pfeiler unterstützt. Melonen legen sie im März,

die im Juni reifen. In den Ruinen des Jupitertempels wachsen sie

munter ohne eine Spur von Feuchtigkeit.

Der Vetturin aß mit größtem Appetit rohe Artischocken und Kohlrabi;

freilich muß man gestehen, daß sie viel zärter und saftiger sind als

wie bei uns. Wenn man durch Äcker kommt, so lassen die Bauern z. B.

junge Puffbohnen essen, soviel man will.

Als ich auf schwarze, feste Steine aufmerksam ward, die einer Lava

glichen, sagte mir der Antiquar, sie seien vom Ätna, auch am Hafen

oder vielmehr Landungsplatz stünden solche.

Der Vögel gibt's hierzulande nicht viel: Wachteln. Die Zugvögel sind:

Nachtigallen, Lerchen und Schwalben. Rinnine, kleine schwarze Vögel,

die aus der Levante kommen, in Sizilien hecken und weiter gehen oder

zurück. Ridene, kommen im Dezember und Januar aus Afrika, fallen auf

dem Akragas nieder, und dann ziehen sie sich in die Berge.

Von der Vase des Doms noch ein Wort. Auf derselben steht ein Held in

völliger Rüstung gleichsam als Ankömmling vor einem sitzenden Alten,

der durch Kranz und Szepter als König bezeichnet ist. Hinter diesem

steht ein Weib, das Haupt gesenkt, die linke Hand unter dem Kinn;

aufmerksam nachdenkende Stellung. Gegenüber hinter dem Helden ein

Alter, gleichfalls bekränzt, er spricht mit einem spießtragenden Manne,

der von der Leibwache sein mag. Der Alte scheint den Helden

eingeführt zu haben und zu der Wache zu sagen: "Laßt ihn nur mit dem

König reden, es ist ein braver Mann."

Das Rote scheint der Grund dieser Vase, das Schwarze darauf gesetzt.

Nur an dem Frauengewande scheint Rot auf Schwarz zu sitzen.

Girgenti, Freitag, den 27. April 1787.

Wenn Kniep alle Vorsätze ausführen will, muß er unablässig zeichnen,

indes ich mit meinem alten kleinen Führer umherziehe. Wir spazierten

gegen das Meer, von woher sich Girgenti, wie uns die Alten versichern,

sehr gut ausgenommen habe. Der Blick ward in die Wellenweite gezogen,

und mein Führer machte mich aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif,

der südwärts, einem Bergrücken gleich, auf der Horizontallinie

aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Küste von Afrika, sagte

er. Mir fiel indes ein anderes Phänomen als seltsam auf; es war aus

leichtem Gewölk ein schmaler Bogen, welcher, mit dem einen Fuß auf

Sizilien aufstehend, sich hoch am blauen, übrigens ganz reinen Himmel

hinwölbte und mit dem andern Ende in Süden auf dem Meer zu ruhen

schien. Von der niedergehenden Sonne gar schön gefärbt und wenig

Bewegung zeigend, war er dem Auge eine so seltsame als erfreuliche

Erscheinung. Es stehe dieser Bogen, versicherte man mir, gerade in

der Richtung nach Malta und möge wohl auf dieser Insel seinen andern

Fuß niedergelassen haben, das Phänomen komme manchmal vor. Sonderbar

genug wäre es, wenn die Anziehungskraft der beiden Inseln

gegeneinander sich in der Atmosphäre auf diese Art kundtäte.

Durch dieses Gespräch ward bei mir die Frage wieder rege, ob ich den

Vorsatz, Malta zu besuchen, aufgeben sollte. Allein die schon früher

überdachten Schwierigkeiten und Gefahren blieben noch immer dieselben,

und wir nahmen uns vor, unsern Vetturin bis Messina zu dingen.

Dabei aber sollte wieder nach einer gewissen eigensinnigen Grille

gehandelt werden. Ich hatte nämlich auf dem bisherigen Wege in

Sizilien wenig kornreiche Gegenden gesehen, sodann war der Horizont

überall von nahen und fernen Bergen beschränkt, so daß es der Insel

ganz an Flächen zu fehlen schien und man nicht begriff, wie Ceres

dieses Land so vorzüglich begünstigt haben sollte. Als ich mich

darnach erkundigte, erwiderte man mir, daß ich, um dieses einzusehen,

statt über Syrakus, quer durchs Land gehen müsse, wo ich denn der

Weizenstriche genug antreffen würde. Wir folgten dieser Lockung,

Syrakus aufzugeben, indem uns nicht unbekannt war, daß von dieser

herrlichen Stadt wenig mehr als der prächtige Name geblieben sei.

Allenfalls war sie von Catania aus leicht zu besuchen.

Italienische Reise — Band 1 · 第 53 / 68 题