Palermo, den 13. April 1787

Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst

der Schlüssel zu allem.

Vom Klima kann man nicht Gutes genug sagen; jetzt ist's Regenzeit,

aber immer unterbrochen; heute donnert und blitzt es, und alles wird

mit Macht grün. Der Lein hat schon zum Teil Knoten gewonnen, der

andere Teil blüht. Man glaubt in den Gründen kleine Teiche zu sehen,

so schön blaugrün liegen die Leinfelder unten. Der reizenden

Gegenstände sind unzählige! Und mein Geselle ist ein exzellenter

Mensch, der wahre Hoffegut, so wie ich redlich den Treufreund

fortspiele. Er hat schon recht schöne Konture gemacht und wird noch

das Beste mitnehmen. Welche Aussicht, mit meinen Schätzen dereinst

glücklich nach Hause zu kommen!

Vom Essen und Trinken hierzuland hab' ich noch nichts gesagt, und doch

ist es kein kleiner Artikel. Die Gartenfrüchte sind herrlich,

besonders der Salat von Zartheit und Geschmack wie eine Milch; man

begreift, warum ihn die Alten Lactuca genannt haben. Das Öl, der Wein

alles sehr gut, und sie könnten noch besser sein, wenn man auf ihre

Bereitung mehr Sorgfalt verwendete. Fische die besten, zartesten.

Auch haben wir diese Zeit her sehr gut Rindfleisch gehabt, ob man es

gleich sonst nicht loben will.

Nun vom Mittagsessen ans Fenster! auf die Straße! Es ward ein

Missetäter begnadigt, welches immer zu Ehren der heilbringenden

Osterwoche geschieht. Eine Brüderschaft führt ihn bis unter einen zum

Schein aufgebauten Galgen, dort muß er vor der Leiter eine Andacht

verrichten, die Leiter küssen und wird dann wieder weggeführt. Es war

ein hübscher Mensch vom Mittelstande, frisiert, einen weißen Frack,

weißen Hut, alles weiß. Er trug den Hut in der Hand, und man hätte

ihm hie und da nur bunte Bänder anheften dürfen, so konnte er als

Schäfer auf jede Redoute gehen.

Palermo, den 13. und 14. April 1787.

Und so sollte mir denn kurz vor dem Schlusse ein sonderbares Abenteuer

beschert sein, wovon ich sogleich umständliche Nachricht erteile.

Schon die ganze Zeit meines Aufenthalts hörte ich an unserm

öffentlichen Tische manches über Cagliostro, dessen Herkunft und

Schicksale reden. Die Palermitaner waren darin einig, daß ein

gewisser Joseph Balsamo, in ihrer Stadt geboren, wegen mancherlei

schlechter Streiche berüchtigt und verbannt sei. Ob aber dieser mit

dem Grafen Cagliostro nur eine Person sei, darüber waren die Meinungen

geteilt. Einige, die ihn ehemals gesehen hatten, wollten seine

Gestalt in jenem Kupferstiche wiederfinden, der bei uns bekannt genug

ist und auch nach Palermo gekommen war.

Unter solchen Gesprächen berief sich einer der Gäste auf die

Bemühungen, welche ein palermitanischer Rechtsgelehrter übernommen,

diese Sache ins klare zu bringen. Er war durch das französische

Ministerium veranlaßt worden, dem Herkommen eines Mannes nachzuspüren,

welcher die Frechheit gehabt hatte, vor dem Angesichte Frankreichs, ja

man darf wohl sagen der Welt, bei einem wichtigen und gefährlichen

Prozesse die albernsten Märchen vorzubringen.

Es habe dieser Rechtsgelehrte, erzählte man, den Stammbaum des Joseph

Balsamo aufgestellt und ein erläuterndes Memoire mit beglaubigten

Beilagen nach Frankreich abgeschickt, wo man wahrscheinlich davon

öffentlichen Gebrauch machen werde.

Ich äußerte den Wunsch, diesen Rechtsgelehrten, von welchem außerdem

viel Gutes gesprochen wurde, kennen zu lernen, und der Erzähler erbot

sich, mich bei ihm anzumelden und zu ihm zu führen.

Nach einigen Tagen gingen wir hin und fanden ihn mit seinen Klienten

beschäftigt. Als er diese abgefertigt und wir das Frühstück genommen

hatten, brachte er ein Manuskript hervor, welches den Stammbaum

Cagliostros, die zu dessen Begründung nötigen Dokumente in Abschrift

und das Konzept eines Memoire enthielt, das nach Frankreich abgegangen

war.

Er legte mir den Stammbaum vor und gab mir die nötigen Erklärungen

darüber, wovon ich hier so viel anführe, als zu leichterer Einsicht

nötig ist.

Joseph Balsamos Urgroßvater mütterlicher Seite war Matthäus Martello.

Der Geburtsname seiner Urgroßmutter ist unbekannt. Aus dieser Ehe

entsprangen zwei Töchter, eine namens Maria, die an Joseph Bracconeri

verheiratet und Großmutter Joseph Balsamos ward. Die andere, namens

Vincenza, verheiratete sich an Joseph Cagliostro, der von einem

kleinen Orte La Noara, acht Meilen von Messina, gebürtig war. Ich

bemerke hier, daß zu Messina noch zwei Glockengießer dieses Namens

leben. Diese Großtante war in der Folge Pate bei Joseph Balsamo; er

erhielt den Taufnamen ihres Mannes und nahm endlich auswärts auch den

Zunamen Cagliostro von seinem Großonkel an.

Die Eheleute Bracconeri hatten drei Kinder: Felicitas, Matthäus und

Antonin.

Felicitas ward an Peter Balsamo verheiratet, den Sohn eines

Bandhändlers in Palermo, Antonin Balsamo, der vermutlich von jüdischem

Geschlecht abstammte. Peter Balsamo, der Vater des berüchtigten

Josephs, machte Bankerott und starb in seinem fünfundvierzigsten Jahre.

Seine Witwe, welche noch gegenwärtig lebt, gab ihm außer dem

benannten Joseph noch eine Tochter, Johanna Joseph-Maria, welche an

Johann Baptista Capitummino verheiratet wurde, der mit ihr drei Kinder

zeugte und starb.

Das Memoire, welches uns der gefällige Verfasser vorlas und mir auf

mein Ersuchen einige Tage anvertraute, war auf Taufscheine,

Ehekontrakte und andere Instrumente gegründet, die mit Sorgfalt

gesammelt waren. Es enthielt ungefähr die Umstände (wie ich aus einem

Auszug, den ich damals gemacht, ersehe), die uns nunmehr aus den

römischen Prozeßakten bekannt geworden sind, daß Joseph Balsamo

anfangs Juni 1743 zu Palermo geboren, von Vincenza Martello,

verheirateter Cagliostro, aus der Taufe gehoben sei, daß er in seiner

Jugend das Kleid der Barmherzigen Brüder genommen, eines Ordens, der

besonders Kranke verpflegt, daß er bald viel Geist und Geschick für

die Medizin gezeigt, doch aber wegen seiner übeln Aufführung

fortgeschickt worden, daß er in Palermo nachher den Zauberer und

Schatzgräber gemacht.

Seine große Gabe, alle Hände nachzuahmen, ließ er nicht unbenutzt (so

fährt das Memoire fort). Er verfälschte oder verfertigte vielmehr ein

altes Dokument, wodurch das Eigentum einiger Güter in Streit geriet.

Er kam in Untersuchung, ins Gefängnis, entfloh und ward ediktaliter

zitiert. Er reiste durch Kalabrien nach Rom, wo er die Tochter eines

Gürtlers heiratete. Von Rom kehrte er nach Neapel unter dem Namen

Marchese Pellegrini zurück. Er wagte sich wieder nach Palermo, ward

erkannt, gefänglich eingezogen und kam nur auf eine Weise los, die

wert ist, daß ich sie umständlich erzähle.

Der Sohn eines der ersten sizilianischen Prinzen und großen

Güterbesitzers, eines Mannes, der an dem neapolitanischen Hofe

ansehnliche Stellen bekleidete, verband mit einem starken Körper und

einer unbändigen Gemütsart allen übermut, zu dem sich der Reiche und

Große ohne Bildung berechtigt glaubt.

Donna Lorenza wußte ihn zu gewinnen, und auf ihn baute der verstellte

Marchese Pellegrini seine Sicherheit. Der Prinz zeigte öffentlich,

daß er dies angekommene Paar beschütze; aber in welche Wut geriet er,

als Joseph Balsamo auf Anrufen der Partei, welche durch seinen Betrug

Schaden gelitten, abermals ins Gefängnis gebracht wurde! Er versuchte

verschiedene Mittel, ihn zu befreien, und da sie ihm nicht gelingen

wollten, drohte er im Vorzimmer des Präsidenten, den Advokaten der

Gegenpartei aufs grimmigste zu mißhandeln, wenn er nicht sogleich die

Verhaftung des Balsamo wieder aufhöbe. Als der gegenseitige

Sachwalter sich weigerte, ergriff er ihn, schlug ihn, warf ihn auf die

Erde, trat ihn mit Füßen und war kaum von mehreren Mißhandlungen

abzuhalten, als der Präsident selbst auf den Lärm herauseilte und

Frieden gebot.

Dieser, ein schwacher, abhängiger Mann, wagte nicht, den Beleidiger zu

bestrafen; die Gegenpartei und ihr Sachwalter wurden kleinmütig, und

Balsamo ward in Freiheit gesetzt, ohne daß bei den Akten sich eine

Registratur über seine Loslassung befindet, weder wer sie verfügt,

noch wie sie geschehen.

Bald darauf entfernte er sich von Palermo und tat verschiedene Reisen,

von welchen der Verfasser nur unvollständige Nachrichten geben konnte.

Das Memoire endigte sich mit einem scharfsinnigen Beweise, daß

Cagliostro und Balsamo ebendieselbe Person sei, eine These, die damals

schwerer zu behaupten war, als sie es jetzt ist, da wir von dem

Zusammenhang der Geschichte vollkommen unterrichtet sind.

Hätte ich nicht damals vermuten müssen, daß man in Frankreich einen

öffentlichen Gebrauch von jenem Aufsatz machen würde, daß ich ihn

vielleicht bei meiner Zurückkunft schon gedruckt anträfe, so wäre es

mir erlaubt gewesen, eine Abschrift zu nehmen und meine Freunde und

das Publikum früher von manchen interessanten Umständen zu

unterrichten.

Indessen haben wir das meiste und mehr, als jenes Memoire enthalten

konnte, von einer Seite her erfahren, von der sonst nur Irrtümer

auszuströmen pflegten. Wer hätte geglaubt, daß Rom einmal zur

Aufklärung der Welt, zur völligen Entlarvung eines Betrügers so viel

beitragen sollte, als es durch die Herausgabe jenes Auszugs aus den

Prozeßakten geschehen ist! Denn obgleich diese Schrift weit

interessanter sein könnte und sollte, so bleibt sie doch immer ein

schönes Dokument in den Händen eines jeden Vernünftigen, der es mit

Verdruß ansehen mußte, daß Betrogene, Halbbetrogene und Betrüger

diesen Menschen und seine Possenspiele jahrelang verehrten, sich durch

die Gemeinschaft mit ihm über andere erhoben fühlten und von der Höhe

ihres gläubigen Dünkels den gesunden Menschenverstand bedauerten, wo

nicht geringschätzten.

Wer schwieg nicht gern während dieser Zeit? Und auch nur jetzt,

nachdem die ganze Sache geendigt und außer Streit gesetzt ist, kann

ich es über mich gewinnen, zu Komplettierung der Akten dasjenige, was

mir bekannt ist, mitzuteilen.

Als ich in dem Stammbaume so manche Personen, besonders Mutter und

Schwester, noch als lebend angegeben fand, bezeigte ich dem Verfasser

des Memoire meinen Wunsch, sie zu sehen und die Verwandten eines so

sonderbaren Menschen kennen zu lernen. Er versetzte, daß es schwer

sein werde, dazu zu gelangen, indem diese Menschen, arm, aber ehrbar,

sehr eingezogen lebten, keine Fremden zu sehen gewohnt seien, und der

argwöhnische Charakter der Nation sich aus einer solchen Erscheinung

allerlei deuten werde; doch er wolle mir seinen Schreiber schicken,

der bei der Familie Zutritt habe und durch den er die Nachrichten und

Dokumente, woraus der Stammbaum zusammengesetzt worden, erhalten.

Den folgenden Tag erschien der Schreiber und äußerte wegen des

Unternehmens einige Bedenklichkeiten. "Ich habe", sagte er, "bisher

immer vermieden, diesen Leuten wieder unter die Augen zu treten; denn

um ihre Ehekontrakte, Taufscheine und andere Papiere in die Hände zu

bekommen und von selbigen legale Kopien machen zu können, mußte ich

mich einer eigenen List bedienen. Ich nahm Gelegenheit, von einem

Familienstipendio zu reden, das irgendwo vakant war, machte ihnen

wahrscheinlich, daß der junge Capitummino sich dazu qualifiziere, daß

man vor allen Dingen einen Stammbaum aufsetzen müsse, um zu sehen,

inwiefern der Knabe Ansprüche darauf machen könne; es werde freilich

nachher alles auf Negoziation ankommen, die ich übernehmen wolle, wenn

man mir einen billigen Teil der zu erhaltenden Summe für meine

Bemühungen verspreche. Mit Freuden willigten die guten Leute in alles;

ich erhielt die nötigen Papiere, die Kopien wurden genommen, der

Stammbaum ausgearbeitet, und seit der Zeit hüte ich mich, vor ihnen zu

erscheinen. Noch vor einigen Wochen wurde mich die alte Capitummino

gewahr, und ich wußte mich nur mit der Langsamkeit, womit hier

dergleichen Sachen vorwärts gehen, zu entschuldigen."

So sagte der Schreiber. Da ich aber von meinem Vorsatz nicht abging,

wurden wir nach einiger überlegung dahin einig, daß ich mich für einen

Engländer ausgeben und der Familie Nachrichten von Cagliostro bringen

sollte, der eben aus der Gefangenschaft der Bastille nach London

gegangen war.

Zur gesetzten Stunde, es mochte etwa drei Uhr nach Mittag sein,

machten wir uns auf den Weg. Das Haus lag in dem Winkel eines Gäßchens,

nicht weit von der Hauptstraße, il Cassaro genannt. Wir stiegen eine

elende Treppe hinauf und kamen sogleich in die Küche. Eine Frau von

mittlerer Größe, stark und breit, ohne fett zu sein, war beschäftigt,

das Küchengeschirr aufzuwaschen. Sie war reinlich gekleidet und

schlug, als wir hineintraten, das eine Ende der Schürze hinauf, um vor

uns die schmutzige Seite zu verstecken. Sie sah meinen Führer freudig

an und sagte:" Signor Giovanni, bringen Sie uns gute Nachrichten?

Haben Sie etwas ausgerichtet?"

Er versetzte: "In unserer Sache hat mir's noch nicht gelingen wollen;

hier ist aber ein Fremder, der einen Gruß von Ihrem Bruder bringt und

Ihnen erzählen kann, wie er sich gegenwärtig befindet."

Der Gruß, den ich bringen sollte, war nicht ganz in unserer Abrede;

indessen war die Einleitung einmal gemacht.--"Sie kennen meinen

Bruder?" fragte sie.--"Es kennt ihn ganz Europa", versetzte ich; "und

ich glaube, es wird Ihnen angenehm sein, zu hören, daß er sich in

Sicherheit und wohl befindet, da Sie bisher wegen seines Schicksals

gewiß in Sorgen gewesen sind."--"Treten Sie hinein", sagte sie, "ich

folge Ihnen gleich"; und ich trat mit dem Schreiber in das Zimmer.

Es war so groß und hoch, daß es bei uns für einen Saal gelten würde;

es schien aber auch beinah die ganze Wohnung der Familie zu sein. Ein

einziges Fenster erleuchtete die großen Wände, die einmal Farbe gehabt

hatten und auf denen schwarze Heiligenbilder in goldenen Rahmen

herumhingen. Zwei große Betten ohne Vorhänge standen an der einen

Wand, ein braunes Schränkchen, das die Gestalt eines Schreibtisches

hatte, an der andern. Alte, mit Rohr durchflochtene Stühle, deren

Lehnen ehmals vergoldet gewesen, standen daneben, und die Backsteine

des Fußbodens waren an vielen Stellen tief ausgetreten. Übrigens war

alles reinlich, und wir näherten uns der Familie, die am andern Ende

des Zimmers an dem einzigen Fenster versammelt war.

Indes mein Führer der alten Balsamo, die in der Ecke saß, die Ursache

unsers Besuchs erklärte und seine Worte wegen der Taubheit der guten

Alten mehrmals laut wiederholte, hatte ich Zeit, das Zimmer und die

übrigen Personen zu betrachten. Ein Mädchen von ungefähr sechzehn

Jahren, wohlgewachsen, deren Gesichtszüge durch die Blattern

undeutlich geworden waren, stand am Fenster; neben ihr ein junger

Mensch, dessen unangenehme, durch die Blattern entstellte Bildung mir

auch auffiel. In einem Lehnstuhl saß oder lag vielmehr gegen dem

Fenster über eine kranke, sehr ungestaltete Person, die mit einer Art

Schlafsucht behaftet schien.

Als mein Führer sich deutlich gemacht hatte, nötigte man uns zum

Sitzen. Die Alte tat einige Fragen an mich, die ich mir aber mußte

dolmetschen lassen, eh' ich sie beantworten konnte, da mir der

sizilianische Dialekt nicht geläufig war.

Ich betrachtete indessen die alte Frau mit Vergnügen. Sie war von

mittlerer Größe, aber wohlgebildet; über ihre regelmäßigen

Gesichtszüge, die das Alter nicht entstellt hatte, war der Friede

verbreitet, dessen gewöhnlich die Menschen genießen, die des Gehörs

beraubt sind; der Ton ihrer Stimme war sanft und angenehm.

Ich beantwortete ihre Fragen, und meine Antworten mußten ihr auch

wieder verdolmetscht werden.

Die Langsamkeit unserer Unterredung gab mir Gelegenheit, meine Worte

abzumessen. Ich erzählte ihr, daß ihr Sohn in Frankreich

losgesprochen worden und sich gegenwärtig in England befinde, wo er

wohl aufgenommen sei. Ihre Freude, die sie über diese Nachrichten

äußerte, war mit Ausdrücken einer herzlichen Frömmigkeit begleitet,

und da sie nun etwas lauter und langsamer sprach, konnt' ich sie eher

verstehen.

Indessen war ihre Tochter hereingekommen und hatte sich zu meinem

Führer gesetzt, der ihr das, was ich erzählt hatte, getreulich

wiederholte. Sie hatte eine reinliche Schürze vorgebunden und ihre

Haare in Ordnung unter das Netz gebracht. Je mehr ich sie ansah und

mit ihrer Mutter verglich, desto auffallender war mir der Unterschied

beider Gestalten. Eine lebhafte, gesunde Sinnlichkeit blickte aus der

ganzen Bildung der Tochter hervor; sie mochte eine Frau von vierzig

Jahren sein. Mit muntern blauen Augen sah sie klug umher, ohne daß

ich in ihrem Blick irgendeinen Argwohn spüren konnte. Indem sie saß,

versprach ihre Figur mehr Länge, als sie zeigte, wenn sie aufstand;

ihre Stellung war determiniert, sie saß mit vorwärts gebogenem Körper

und die Hände auf die Kniee gelegt. Übrigens erinnerte mich ihre mehr

stumpfe als scharfe Gesichtsbildung an das Bildnis ihres Bruders, das

wir in Kupfer kennen. Sie fragte mich verschiedenes über meine Reise,

über meine Absicht, Sizilien zu sehen, und war überzeugt, daß ich

gewiß zurückkommen und das Fest der heiligen Rosalie mit ihnen feiern

würde.

Da indessen die Großmutter wieder einige Fragen an mich getan hatte

und ich ihr zu antworten beschäftigt war, sprach die Tochter halblaut

mit meinem Gefährten, doch so, daß ich Anlaß nehmen konnte, zu fragen,

wovon die Rede sei. Er sagte darauf, Frau Capitummino erzähle ihm,

daß ihr Bruder ihr noch vierzehn Unzen schuldig sei; sie habe bei

seiner schnellen Abreise von Palermo versetzte Sachen für ihn

eingelöset; seit der Zeit aber weder etwas von ihm gehört, noch Geld,

noch irgendeine Unterstützung von ihm erhalten, ob er gleich, wie sie

höre, große Reichtümer besitze und einen fürstlichen Aufwand mache.

Ob ich nicht über mich nehmen wolle, nach meiner Zurückkunft ihn auf

eine gute Weise an die Schuld zu erinnern und eine Unterstützung für

sie auszuwirken, ja, ob ich nicht einen Brief mitnehmen oder

allenfalls bestellen wolle. Ich erbot mich dazu. Sie fragte, wo ich

wohne, wohin sie den Brief zu schicken habe. Ich lehnte ab, meine

Wohnung zu sagen, und erbot mich, den andern Tag gegen Abend den Brief

selbst abzuholen.

Sie erzählte mir darauf ihre mißliche Lage; sie sei eine Witwe mit

drei Kindern, von denen das eine Mädchen im Kloster erzogen werde; die

andere sei hier gegenwärtig und ihr Sohn eben in die Lehrstunde

gegangen. Außer diesen drei Kindern habe sie ihre Mutter bei sich,

für deren Unterhalt sie sorgen müsse, und überdies habe sie aus

christlicher Liebe die unglückliche kranke Person zu sich genommen,

die ihre Last noch vergrößere; alle ihre Arbeitsamkeit reiche kaum hin,

sich und den Ihrigen das Notdürftige zu verschaffen. Sie wisse zwar,

daß Gott diese guten Werke nicht unbelohnt lasse, seufze aber doch

sehr unter der Last, die sie schon so lange getragen habe.

Die jungen Leute mischten sich auch ins Gespräch, und die Unterhaltung

wurde lebhafter. Indem ich mit den andern sprach, hört' ich, daß die

Alte ihre Tochter fragte, ob ich denn auch wohl ihrer heiligen

Religion zugetan sei. Ich konnte bemerken, daß die Tochter auf eine

kluge Weise der Antwort auszuweichen suchte, indem sie, soviel ich

verstand, der Mutter bedeutete, daß der Fremde gut für sie gesinnt zu

sein schiene, und daß es sich wohl nicht schicke, jemanden sogleich

über diesen Punkt zu befragen.

Da sie hörten, daß ich bald von Palermo abreisen wollte, wurden sie

dringender und ersuchten mich, daß ich doch ja wiederkommen möchte;

besonders rühmten sie die paradiesischen Tage des Rosalienfestes,

dergleichen in der ganzen Welt nicht müsse gesehen und genossen werden.

Mein Begleiter, der schon lange Lust gehabt hatte, sich zu entfernen,

machte endlich der Unterredung durch seine Gebärden ein Ende, und ich

versprach, den andern Tag gegen Abend wiederzukommen und den Brief

abzuholen. Mein Begleiter freute sich, daß alles so glücklich

gelungen sei, und wir schieden zufrieden voneinander.

Man kann sich den Eindruck denken, den diese arme, fromme,

wohlgesinnte Familie auf mich gemacht hatte. Meine Neugierde war

befriedigt, aber ihr natürliches und gutes Betragen hatte einen Anteil

in mir erregt, der sich durch Nachdenken noch vermehrte.

Sogleich aber entstand in mir die Sorge wegen des folgenden Tags. Es

war natürlich, daß diese Erscheinung, die sie im ersten Augenblick

überrascht hatte, nach meinem Abschiede manches Nachdenken bei ihnen

erregen mußte. Durch den Stammbaum war mir bekannt, daß noch mehrere

von der Familie lebten; es war natürlich, daß sie ihre Freunde

zusammenberiefen, um sich in ihrer Gegenwart dasjenige wiederholen zu

lassen, was sie tags vorher mit Verwunderung von mir gehört hatten.

Meine Absicht hatte ich erreicht, und es blieb mir nur noch übrig,

dieses Abenteuer auf eine schickliche Weise zu endigen. Ich begab mich

daher des andern Tags gleich nach Tische allein in ihre Wohnung. Sie

verwunderten sich, da ich hineintrat. Der Brief sei noch nicht fertig,

sagten sie, und einige ihrer Verwandten wünschten mich auch kennen zu

lernen, welche sich gegen Abend einfinden würden. Ich versetzte, daß

ich morgen früh schon abreisen müsse, daß ich noch Visiten zu machen,

auch einzupacken habe und also lieber früher als gar nicht hätte kommen

wollen.

Indessen trat der Sohn herein, den ich des Tags vorher nicht gesehen

hatte. Er glich seiner Schwester an Wuchs und Bildung. Er brachte

den Brief, den man mir mitgeben wollte, den er, wie es in jenen

Gegenden gewöhnlich ist, außer dem Hause bei einem der öffentlich

sitzenden Notarien hatte schreiben lassen. Der junge Mensch hatte ein

stilles, trauriges und bescheidenes Wesen, erkundigte sich nach seinem

Oheim, fragte nach dessen Reichtum und Ausgaben und setzte traurig

hinzu, warum er seine Familie doch so ganz vergessen haben möchte.

"Es wäre unser größtes Glück", fuhr er fort, "wenn er einmal hieher

käme und sich unserer annehmen wollte; aber", fuhr er fort, "wie hat

er Ihnen entdeckt, daß er noch Anverwandte in Palermo habe? Man sagt,

daß er uns überall verleugne und sich für einen Mann von großer Geburt

ausgebe." Ich beantwortete diese Frage, welche durch die

Unvorsichtigkeit meines Führers bei unserm ersten Eintritt veranlaßt

worden war, auf eine Weise, die es wahrscheinlich machte, daß der

Oheim, wenn er gleich gegen das Publikum Ursache habe, seine Abkunft

zu verbergen, doch gegen seine Freunde und Bekannten kein Geheimnis

daraus mache.

Die Schwester, welche während dieser Unterredung herbeigetreten war

und durch die Gegenwart des Bruders, wahrscheinlich auch durch die

Abwesenheit des gestrigen Freundes mehr Mut bekam, fing gleichfalls an,

sehr artig und lebhaft zu sprechen. Sie baten sehr, sie ihrem Onkel,

wenn ich ihm schriebe, zu empfehlen; ebensosehr aber, wenn ich diese

Reise durchs Königreich gemacht, wiederzukommen und das Rosalienfest

mit ihnen zu begehen.

Die Mutter stimmte mit den Kindern ein. "Mein Herr", sagte sie, "ob

es sich zwar eigentlich nicht schickt, da ich eine erwachsene Tochter

habe, fremde Männer in meinem Hause zu sehen, und man Ursache hat,

sich sowohl vor der Gefahr als der Nachrede zu hüten, so sollen Sie

uns doch immer willkommen sein, wenn Sie in diese Stadt zurückkehren."

"O ja", versetzten die Kinder, "wir wollen den Herrn beim Feste

herumführen, wir wollen ihm alles zeigen, wir wollen uns auf die

Gerüste setzen, wo wir die Feierlichkeit am besten sehen können. Wie

wird er sich über den großen Wagen und besonders über die prächtige

Illumination freuen!"

Indessen hatte die Großmutter den Brief gelesen und wieder gelesen.

Da sie hörte, daß ich Abschied nehmen wollte, stand sie auf und

übergab mir das zusammengefaltete Papier. "Sagen Sie meinem Sohn",

fing sie mit einer edlen Lebhaftigkeit, ja einer Art von Begeisterung

an, "sagen Sie meinem Sohn, wie glücklich mich die Nachricht gemacht

hat, die Sie mir von ihm gebracht haben! Sagen Sie ihm, daß ich ihn

so an mein Herz schließe"--hier streckte sie die Arme auseinander und

drückte sie wieder auf ihre Brust zusammen--, "daß ich täglich Gott

und unsere heilige Jungfrau für ihn im Gebet anflehe, daß ich ihm und

seiner Frau meinen Segen gebe, und daß ich nur wünsche, ihn vor meinem

Ende noch einmal mit diesen Augen zu sehen, die so viele Tränen über

ihn vergossen haben."

Die eigne Zierlichkeit der italienischen Sprache begünstigte die Wahl

und die edle Stellung dieser Worte, welche noch überdies von lebhaften

Gebärden begleitet wurden, womit jene Nation über ihre Äußerungen

einen unglaublichen Reiz zu verbreiten gewohnt ist.

Ich nahm nicht ohne Rührung von ihnen Abschied. Sie reichten mir alle

die Hände, die Kinder geleiteten mich hinaus, und indes ich die Treppe

hinunterging, sprangen sie auf den Balkon des Fensters, das aus der

Küche auf die Straße ging, riefen mir nach, winkten mir Grüße zu und

wiederholten, daß ich ja nicht vergessen möchte, wiederzukommen. Ich

sah sie noch auf dem Balkon stehen, als ich um die Ecke herumging.

Ich brauche nicht zu sagen, daß der Anteil, den ich an dieser Familie

nahm, den lebhaften Wunsch in mir erregte, ihr nützlich zu sein und

ihrem Bedürfnis zu Hülfe zu kommen. Sie war nun durch mich abermals

hintergangen, und ihre Hoffnungen auf eine unerwartete Hülfe waren

durch die Neugierde des nördlichen Europas auf dem Wege, zum

zweitenmal getäuscht zu werden.

Mein erster Vorsatz war, ihnen vor meiner Abreise jene vierzehn Unzen

zuzustellen, die ihnen der Flüchtling schuldig geblieben, und durch

die Vermutung, daß ich diese Summe von ihm wiederzuerhalten hoffte,

mein Geschenk zu bedecken; allein als ich zu Hause meine Rechnung

machte, meine Kasse und Papiere überschlug, sah ich wohl, daß in einem

Lande, wo durch den Mangel von Kommunikation die Entfernung gleichsam

ins Unendliche wächst, ich mich selbst in Verlegenheit setzen würde,

wenn ich mir anmaßte, die Ungerechtigkeit eines frechen Menschen durch

eine herzliche Gutmütigkeit zu verbessern.

Gegen Abend trat ich noch zu meinem Handelsmanne und fragte ihn, wie

denn das Fest morgen ablaufen werde, da eine große Prozession durch

die Stadt ziehen und der Vizekönig selbst das Heiligste zu Fuß

begleiten solle. Der geringste Windstoß müsse ja Gott und Menschen in

die dickste Staubwolke verhüllen.

Der muntere Mann versetzte, daß man in Palermo sich gern auf ein

Wunder verlasse. Schon mehrmals in ähnlichen Fällen sei ein

gewaltsamer Platzregen gefallen und habe die meist abhängige Straße

wenigstens zum Teil rein abgeschwemmt und der Prozession reinen Weg

gebahnt. Auch diesmal hege man die gleiche Hoffnung nicht ohne Grund,

denn der Himmel überziehe sich und verspreche Regen auf die Nacht.

Palermo, Sonntag, den 15. April 1787.

Und so geschah es denn auch! der gewaltsamste Regenguß fiel vergangene

Nacht vom Himmel. Sogleich morgens eilte ich auf die Straße, um Zeuge

des Wunders zu sein. Und es war wirklich seltsam genug. Der zwischen

den beiderseitigen Schrittsteinen eingeschränkte Regenstrom hatte das

leichteste Kehricht die abhängige Straße herunter, teils nach dem

Meere, teils in die Abzüge, insofern sie nicht verstopft waren,

fortgetrieben, das gröbere Geströhde wenigstens von einem Orte zum

andern geschoben und dadurch wundersame, reine Mäander auf das

Pflaster gezeichnet. Nun waren hundert und aber hundert Menschen mit

Schaufeln, Besen und Gabeln dahinterher, diese reinen Stellen zu

erweitern und in Zusammenhang zu bringen, indem sie die noch

übriggebliebenen Unreinigkeiten bald auf diese, bald auf jene Seite

häuften. Daraus erfolgte denn, daß die Prozession, als sie begann,

wirklich einen reinlichen Schlangenweg durch den Morast gebahnt sah

und sowohl die sämtliche langbekleidete Geistlichkeit als der

nettfüßige Adel, den Vizekönig an der Spitze, ungehindert und

unbesudelt durchschreiten konnte. Ich glaubte die Kinder Israel zu

sehen, denen durch Moor und Moder von Engelshand ein trockner Pfad

bereitet wurde, und veredelte mir in diesem Gleichnisse den

unerträglichen Anblick, so viel andächtige und anständige Menschen

durch eine Allee von feuchten Kothaufen durchbeten und durchprunken zu

sehen.

Auf den Schrittsteinen hatte man nach wie vor reinlichen Wandel, im

Innern der Stadt hingegen, wohin uns die Absicht, verschiedenes bis

jetzt Vernachlässigtes zu sehen, gerade heute gehen hieß, war es fast

unmöglich, durchzukommen, obgleich auch hier das Kehren und Aufhäufen

nicht versäumt war.

Diese Feierlichkeit gab uns Anlaß, die Hauptkirche zu besuchen und

ihre Merkwürdigkeiten zu betrachten, auch, weil wir einmal auf den

Beinen waren, uns nach andern Gebäuden umzusehen; da uns denn ein

maurisches, bis jetzt wohlerhaltenes Haus gar sehr ergötzte--nicht

groß, aber mit schönen, weiten und wohlproportionierten, harmonischen

Räumen; in einem nördlichen Klima nicht eben bewohnbar, im südlichen

ein höchst willkommener Aufenthalt. Die Baukundigen mögen uns davon

Grund--und Aufriß überliefern.

Auch sahen wir in einem unfreundlichen Lokal verschiedene Reste

antiker marmorner Statuen, die wir aber zu entziffern keine Geduld

hatten.

Palermo, Montag, den 16. April 1787.

Da wir uns nun selbst mit einer nahen Abreise aus diesem Paradies

bedrohen müssen, so hoffte ich, heute noch im öffentlichen Garten ein

vollkommenes Labsal zu finden, mein Pensum in der "Odyssee" zu lesen

und auf einem Spaziergang nach dem Tale am Fuße des Rosalienbergs den

Plan der "Nausikaa" weiter durchzudenken und zu versuchen, ob diesem

Gegenstande eine dramatische Seite abzugewinnen sei. Dies alles ist,

wo nicht mit großem Glück, doch mit vielem Behagen geschehen. Ich

verzeichnete den Plan und konnte nicht unterlassen, einige Stellen,

die mich besonders anzogen, zu entwerfen und auszuführen.

Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.

Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt

und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen

Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem

öffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah, erhaschte mich ein

anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die

vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte

Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen

hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre

Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im

Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte

Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze

entdecken könnte. Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde

ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei,

wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären?

Ich bemühte mich zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden

Gestalten voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer

mehr ähnlich als verschieden, und wollte ich meine botanische

Terminologie anbringen, so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es

machte mich unruhig, ohne daß es mir weiterhalf. Gestört war mein

guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden,

ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren doch so

zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch

erfüllen können!

Alcamo, Mittwoch, den 18. April 1787.

Beizeiten ritten wir aus Palermo. Kniep und der Vetturin hatten sich

beim Ein--und Aufpacken vortrefflich erwiesen. Wir zogen langsam die

herrliche Straße hinauf, die uns schon beim Besuch auf San Martino

bekannt geworden, und bewunderten abermals eine der Prachtfontänen am

Wege, als wir auf die mäßige Sitte dieses Landes vorbereitet wurden.

Unser Reitknecht nämlich hatte ein kleines Weinfäßchen am Riemen

umgehängt, wie unsere Marketenderinnen pflegen, und es schien für

einige Tage genugsam Wein zu enthalten. Wir verwunderten uns daher,

als er auf eine der vielen Springröhren losritt, den Pfropf eröffnete

und Wasser einlaufen ließ. Wir fragten mit wahrhaft deutschem

Erstaunen, was er da vorhabe, ob das Fäßchen nicht voll Wein sei,

worauf er mit großer Gelassenheit erwiderte, er habe ein Drittel davon

leer gelassen, und weil niemand ungemischten Wein trinke, so sei es

besser, man mische ihn gleich im ganzen, da vereinigten sich die

Flüssigkeiten besser und man sei ja nicht sicher, überall Wasser zu

finden. Indessen war das Fäßchen gefüllt, und wir mußten uns diesen

altorientalischen Hochzeitsgebrauch gefallen lassen.

Als wir nun hinter Monreale auf die Höhen gelangten, sahen wir

wunderschöne Gegenden, mehr im historischen als ökonomischen Stil.

Wir blickten rechter Hand bis ans Meer, das zwischen den wundersamsten

Vorgebirgen über baumreiche und baumlose Gestade seine schnurgerade

Horizontallinie hinzog und so, entschieden ruhig, mit den wilden

Kalkfelsen herrlich kontrastierte. Kniep enthielt sich nicht, deren

in kleinem Format mehrere zu umreißen.

Nun sind wir in Alcamo, einem stillen, reinlichen Städtchen, dessen

wohleingerichteter Gasthof als eine schöne Anstalt zu rühmen ist, da

man von hier aus den abseits und einsam belegenen Tempel von Segesta

bequem besuchen kann.

Alcamo, Donnerstag, den 19. April 1787.

Die gefällige Wohnung in einem ruhigen Bergstädtchen zieht uns an, und

wir fassen den Entschluß, den ganzen Tag hier zuzubringen. Da mag

denn vor allen Dingen von gestrigen Ereignissen die Rede sein. Schon

früher leugnete ich des Prinzen Pallagonia Originalität; er hat

Vorgänger gehabt und Muster gefunden. Auf dem Wege nach Monreale

stehen zwei Ungeheuer an einer Fontäne und auf dem Geländer einige

Vasen, völlig, als wenn sie der Fürst bestellt hätte.

Hinter Monreale, wenn man den schönen Weg verläßt und ins steinichte

Gebirge kommt, liegen oben auf dem Rücken Steine im Weg, die ich ihrer

Schwere und Anwitterung nach für Eisenstein hielt. Alle Landesflächen

sind bebaut und tragen besser oder schlechter. Der Kalkstein zeigte

sich rot, die verwitterte Erde an solchen Stellen desgleichen. Diese

rote, tonig-kalkige Erde ist weit verbreitet, der Boden schwer, kein

Sand darunter, trägt aber trefflichen Weizen. Wir fanden alte, sehr

starke, aber verstümmelte Ölbäume.

Unter dem Obdach einer luftigen, an der schlechten Herberge

vorgebauten Halle erquickten wir uns an einem mäßigen Imbiß. Hunde

verzehrten begierig die weggeworfenen Schalen unserer Würste, ein

Betteljunge vertrieb sie und speiste mit Appetit die Schalen der Äpfel,

die wir verzehrten, dieser aber ward gleichfalls von einem alten

Bettler verjagt. Handwerksneid ist überall zu Hause. In einer

zerlumpten Toga lief der alte Bettler hin und wider als Hausknecht

oder Kellner. So hatte ich auch schon früher gesehen, daß, wenn man

etwas von einem Wirte verlangt, was er gerade nicht im Hause hat, so

läßt er es durch einen Bettler beim Krämer holen.

Doch sind wir gewöhnlich vor einer so unerfreulichen Bedienung bewahrt,

da unser Vetturin vortrefflich ist--Stallknecht, Cicerone, Garde,

Einkäufer, Koch und alles.

Auf den höheren Bergen findet sich noch immer der Ölbaum, Caruba,

Fraxinus. Ihr Feldbau ist auch in drei Jahre geteilt. Bohnen,

Getreide und Ruhe, wobei sie sagen: "Mist tut mehr Wunder als die

Heiligen." Der Weinstock wird sehr niedrig gehalten.

Die Lage von Alcamo ist herrlich auf der Höhe in einiger Entfernung

vom Meerbusen, die Großheit der Gegend zog uns an. Hohe Felsen, tiefe

Täler dabei, aber Weite und Mannigfaltigkeit. Hinter Monreale rückt

man in ein schönes doppeltes Tal, in dessen Mitte sich noch ein

Felsrücken herzieht. Die fruchtbaren Felder stehen grün und still,

indes auf dem breiten Wege wildes Gebüsch und Staudenmassen wie

unsinnig von Blüten glänzt: der Linsenbusch, ganz gelb von

Schmetterlingsblumen überdeckt, kein grünes Blatt zu sehen, der

Weißdorn, Strauß an Strauß, die Aloen rücken in die Höhe und deuten

auf Blüten, reiche Teppiche von amarantrotem Klee, die Insektenophrys,

Alpenröslein, Hyazinthen mit geschlossenen Glocken, Borraß, Allien,

Asphodelen.

Das Wasser, das von Segesta herunterkommt, bringt außer Kalksteinen

viele Hornsteingeschiebe, sie sind sehr fest, dunkelblau, rot, gelb,

braun, von den verschiedensten Schattierungen. Auch anstehend als

Gänge fand ich Horn--oder Feuersteine in Kalkfelsen, mit Sahlband von

Kalk. Von solchem Geschiebe findet man ganze Hügel, ehe man nach

Alcamo kommt.

Segesta, den 20. April 1787.

Der Tempel von Segesta ist nie fertig geworden, und man hat den Platz

um denselben nie verglichen, man ebnete nur den Umkreis, worauf die

Säulen gegründet werden sollten; denn noch jetzt stehen die Stufen an

manchen Orten neun bis zehn Fuß in der Erde, und es ist kein Hügel in

der Nähe, von dem Steine und Erdreich hätten herunterkommen können.

Auch liegen die Steine in ihrer meist natürlichen Lage, und man findet

keine Trümmer darunter.

Italienische Reise — Band 1 · 第 48 / 68 题