Heute fuhren wir bergauf nach Monreale. Ein herrlicher Weg, welchen
der Abt jenes Klosters zur Zeit eines überschwenglichen Reichtums
angelegt hat; breit, bequemen Anstiegs, Bäume hie und da, besonders
aber weitläufige Spring--und Röhrenbrunnen, beinah pallagonisch
verschnörkelt und verziert, desungeachtet aber Tiere und Menschen
erquickend.
Das Kloster San Martin, auf der Höhe liegend, ist eine respektable
Anlage. Ein Hagestolz allein, wie man am Prinzen Pallagonia sieht,
hat selten etwas Vernünftiges hervorgebracht, mehrere zusammen
hingegen die allergrößten Werke, wie Kirchen und Klöster zeigen. Doch
wirkten die geistlichen Gesellschaften wohl nur deswegen so viel, weil
sie noch mehr als irgendein Familienvater einer unbegrenzten
Nachkommenschaft gewiß waren.
Die Mönche ließen uns ihre Sammlungen sehen. Von Altertümern und
natürlichen Sachen verwahren sie manches Schöne. Besonders fiel uns
auf eine Medaille mit dem Bilde einer jungen Göttin, das Entzücken
erregen mußte. Gern hätten uns die guten Männer einen Abdruck
mitgegeben, es war aber nichts bei Handen, was zu irgend einer Art von
Form tauglich gewesen wäre.
Nachdem sie uns alles vorgezeigt, nicht ohne traurige Vergleichung der
vorigen und gegenwärtigen Zustände, brachten sie uns in einen
angenehmen kleinen Saal, von dessen Balkon man eine liebliche Aussicht
genoß; hier war für uns beide gedeckt, und es fehlte nicht an einem
sehr guten Mittagessen. Nach dem aufgetragenen Dessert trat der Abt
herein, begleitet von seinen ältesten Mönchen, setzte sich zu uns und
blieb wohl eine halbe Stunde, in welcher Zeit wir manche Frage zu
beantworten hatten. Wir schieden aufs freundlichste. Die jüngern
begleiteten uns nochmals in die Zimmer der Sammlung und zuletzt nach
dem Wagen.
Wir fuhren mit ganz andern Gesinnungen nach Hause als gestern. Heute
hatten wir eine große Anstalt zu bedauern, die eben zu der Zeit
versinkt, indessen an der andern Seite ein abgeschmacktes Unternehmen
mit frischem Wachstum hervorsteigt.
Der Weg nach San Martin geht das ältere Kalkgebirg' hinauf. Man
zertrümmert die Felsen und brennt Kalk daraus, der sehr weiß wird.
Zum Brennen brauchen sie eine starke, lange Grasart, in Bündeln
getrocknet. Hier entsteht nun die Calcara. Bis an die steilsten
Höhen liegt roter Ton angeschwemmt, der hier die Dammerde vorstellt,
je höher, je röter, wenig durch Vegetation geschwärzt. Ich sah in der
Entfernung eine Grube fast wie Zinnober.
Das Kloster steht mitten im Kalkgebirg', das sehr quellenreich ist.
Die Gebirge umher sind wohlbebaut.
Palermo, Mittwoch, den 11. April 1787.
Nachdem wir nun zwei Hauptpunkte außerhalb der Stadt betrachtet,
begaben wir uns in den Palast, wo der geschäftige Laufer die Zimmer
und ihren Inhalt vorzeigte. Zu unserm großen Schrecken war der Saal,
worin die Antiken sonst aufgestellt sind, eben in der größten
Unordnung, weil man eine neue architektonische Dekoration im Werke
hatte. Die Statuen waren von ihren Stellen weggenommen, mit Tüchern
verhängt, mit Gerüsten verstellt, so daß wir trotz allem guten Willen
unseres Führers und einiger Bemühung der Handwerksleute doch nur einen
sehr unvollständigen Begriff davon erwerben konnten. Am meisten war
mir um die zwei Widder von Erz zu tun, welche, auch unter diesen
Umständen gesehen, den Kunstsinn höchlich erbauten. Sie sind liegend
vorgestellt, die eine Pfote vorwärts, als Gegenbilder die Köpfe nach
verschiedenen Seiten gekehrt; mächtige Gestalten aus der
mythologischen Familie, Phrixus und Helle zu tragen würdig. Die Wolle
nicht kurz und kraus, sondern lang und wellenartig herabfallend, mit
großer Wahrheit und Eleganz gebildet, aus der besten griechischen Zeit.
Sie sollen in dem Hafen von Syrakus gestanden haben.
Nun führte uns der Laufer außerhalb der Stadt in Katakomben, welche,
mit architektonischem Sinn angelegt, keineswegs zu Grabplätzen
benutzte Steinbrüche sind. In einem ziemlich verhärteten Tuff und
dessen senkrecht gearbeiteter Wand sind gewölbte Öffnungen und
innerhalb dieser Särge ausgegraben, mehrere übereinander, alles aus
der Masse, ohne irgendeine Nachhülfe von Mauerwerk. Die oberen Särge
sind kleiner, und in den Räumen über den Pfeilern sind Grabstätten für
Kinder angebracht.
Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787.
Man zeigte uns heute das Medaillenkabinett des Prinzen Torremuzza.
Gewissermaßen ging ich ungern hin. Ich verstehe von diesem Fach zu
wenig, und ein bloß neugieriger Reisender ist wahren Kennern und
Liebhabern verhaßt. Da man aber doch einmal anfangen muß, so bequemte
ich mich und hatte davon viel Vergnügen und Vorteil. Welch ein Gewinn,
wenn man auch nur vorläufig übersieht, wie die alte Welt mit Städten
übersäet war, deren kleinste, wo nicht eine ganze Reihe der
Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns in
köstlichen Münzen hinterließ. Aus diesen Schubkasten lacht uns ein
unendlicher Frühling von Blüten und Früchten der Kunst, eines in
höherem Sinne geführten Lebensgewerbes und was nicht alles noch mehr
hervor. Der Glanz der sizilischen Städte, jetzt verdunkelt, glänzt
aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen.
Leider haben wir andern in unserer Jugend nur die Familienmünzen
besessen, die nichts sagen, und die Kaisermünzen, welche dasselbe
Profil bis zum überdruß wiederholen: Bilder von Herrschern, die eben
nicht als Musterbilder der Menschheit zu betrachten sind. Wie traurig
hat man nicht unsere Jugend auf das gestaltlose Palästina und auf das
gestaltverwirrende Rom beschränkt! Sizilien und Neugriechenland läßt
mich nun wieder ein frisches Leben hoffen.
Daß ich über diese Gegenstände mich in allgemeine Betrachtungen ergehe,
ist ein Beweis, daß ich noch nicht viel davon verstehen gelernt habe;
doch das wird sich mit dem übrigen nach und nach schon geben.