Palermo, Dienstag, den 10. April 1787

Heute fuhren wir bergauf nach Monreale. Ein herrlicher Weg, welchen

der Abt jenes Klosters zur Zeit eines überschwenglichen Reichtums

angelegt hat; breit, bequemen Anstiegs, Bäume hie und da, besonders

aber weitläufige Spring--und Röhrenbrunnen, beinah pallagonisch

verschnörkelt und verziert, desungeachtet aber Tiere und Menschen

erquickend.

Das Kloster San Martin, auf der Höhe liegend, ist eine respektable

Anlage. Ein Hagestolz allein, wie man am Prinzen Pallagonia sieht,

hat selten etwas Vernünftiges hervorgebracht, mehrere zusammen

hingegen die allergrößten Werke, wie Kirchen und Klöster zeigen. Doch

wirkten die geistlichen Gesellschaften wohl nur deswegen so viel, weil

sie noch mehr als irgendein Familienvater einer unbegrenzten

Nachkommenschaft gewiß waren.

Die Mönche ließen uns ihre Sammlungen sehen. Von Altertümern und

natürlichen Sachen verwahren sie manches Schöne. Besonders fiel uns

auf eine Medaille mit dem Bilde einer jungen Göttin, das Entzücken

erregen mußte. Gern hätten uns die guten Männer einen Abdruck

mitgegeben, es war aber nichts bei Handen, was zu irgend einer Art von

Form tauglich gewesen wäre.

Nachdem sie uns alles vorgezeigt, nicht ohne traurige Vergleichung der

vorigen und gegenwärtigen Zustände, brachten sie uns in einen

angenehmen kleinen Saal, von dessen Balkon man eine liebliche Aussicht

genoß; hier war für uns beide gedeckt, und es fehlte nicht an einem

sehr guten Mittagessen. Nach dem aufgetragenen Dessert trat der Abt

herein, begleitet von seinen ältesten Mönchen, setzte sich zu uns und

blieb wohl eine halbe Stunde, in welcher Zeit wir manche Frage zu

beantworten hatten. Wir schieden aufs freundlichste. Die jüngern

begleiteten uns nochmals in die Zimmer der Sammlung und zuletzt nach

dem Wagen.

Wir fuhren mit ganz andern Gesinnungen nach Hause als gestern. Heute

hatten wir eine große Anstalt zu bedauern, die eben zu der Zeit

versinkt, indessen an der andern Seite ein abgeschmacktes Unternehmen

mit frischem Wachstum hervorsteigt.

Der Weg nach San Martin geht das ältere Kalkgebirg' hinauf. Man

zertrümmert die Felsen und brennt Kalk daraus, der sehr weiß wird.

Zum Brennen brauchen sie eine starke, lange Grasart, in Bündeln

getrocknet. Hier entsteht nun die Calcara. Bis an die steilsten

Höhen liegt roter Ton angeschwemmt, der hier die Dammerde vorstellt,

je höher, je röter, wenig durch Vegetation geschwärzt. Ich sah in der

Entfernung eine Grube fast wie Zinnober.

Das Kloster steht mitten im Kalkgebirg', das sehr quellenreich ist.

Die Gebirge umher sind wohlbebaut.

Palermo, Mittwoch, den 11. April 1787.

Nachdem wir nun zwei Hauptpunkte außerhalb der Stadt betrachtet,

begaben wir uns in den Palast, wo der geschäftige Laufer die Zimmer

und ihren Inhalt vorzeigte. Zu unserm großen Schrecken war der Saal,

worin die Antiken sonst aufgestellt sind, eben in der größten

Unordnung, weil man eine neue architektonische Dekoration im Werke

hatte. Die Statuen waren von ihren Stellen weggenommen, mit Tüchern

verhängt, mit Gerüsten verstellt, so daß wir trotz allem guten Willen

unseres Führers und einiger Bemühung der Handwerksleute doch nur einen

sehr unvollständigen Begriff davon erwerben konnten. Am meisten war

mir um die zwei Widder von Erz zu tun, welche, auch unter diesen

Umständen gesehen, den Kunstsinn höchlich erbauten. Sie sind liegend

vorgestellt, die eine Pfote vorwärts, als Gegenbilder die Köpfe nach

verschiedenen Seiten gekehrt; mächtige Gestalten aus der

mythologischen Familie, Phrixus und Helle zu tragen würdig. Die Wolle

nicht kurz und kraus, sondern lang und wellenartig herabfallend, mit

großer Wahrheit und Eleganz gebildet, aus der besten griechischen Zeit.

Sie sollen in dem Hafen von Syrakus gestanden haben.

Nun führte uns der Laufer außerhalb der Stadt in Katakomben, welche,

mit architektonischem Sinn angelegt, keineswegs zu Grabplätzen

benutzte Steinbrüche sind. In einem ziemlich verhärteten Tuff und

dessen senkrecht gearbeiteter Wand sind gewölbte Öffnungen und

innerhalb dieser Särge ausgegraben, mehrere übereinander, alles aus

der Masse, ohne irgendeine Nachhülfe von Mauerwerk. Die oberen Särge

sind kleiner, und in den Räumen über den Pfeilern sind Grabstätten für

Kinder angebracht.

Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787.

Man zeigte uns heute das Medaillenkabinett des Prinzen Torremuzza.

Gewissermaßen ging ich ungern hin. Ich verstehe von diesem Fach zu

wenig, und ein bloß neugieriger Reisender ist wahren Kennern und

Liebhabern verhaßt. Da man aber doch einmal anfangen muß, so bequemte

ich mich und hatte davon viel Vergnügen und Vorteil. Welch ein Gewinn,

wenn man auch nur vorläufig übersieht, wie die alte Welt mit Städten

übersäet war, deren kleinste, wo nicht eine ganze Reihe der

Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns in

köstlichen Münzen hinterließ. Aus diesen Schubkasten lacht uns ein

unendlicher Frühling von Blüten und Früchten der Kunst, eines in

höherem Sinne geführten Lebensgewerbes und was nicht alles noch mehr

hervor. Der Glanz der sizilischen Städte, jetzt verdunkelt, glänzt

aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen.

Leider haben wir andern in unserer Jugend nur die Familienmünzen

besessen, die nichts sagen, und die Kaisermünzen, welche dasselbe

Profil bis zum überdruß wiederholen: Bilder von Herrschern, die eben

nicht als Musterbilder der Menschheit zu betrachten sind. Wie traurig

hat man nicht unsere Jugend auf das gestaltlose Palästina und auf das

gestaltverwirrende Rom beschränkt! Sizilien und Neugriechenland läßt

mich nun wieder ein frisches Leben hoffen.

Daß ich über diese Gegenstände mich in allgemeine Betrachtungen ergehe,

ist ein Beweis, daß ich noch nicht viel davon verstehen gelernt habe;

doch das wird sich mit dem übrigen nach und nach schon geben.

Italienische Reise — Band 1 · 第 45 / 68 题