Die Villa Palagonia in Bagheria. Aquatinta von Houel

Der Weg nach dem Schlosse zu ist breiter als gewöhnlich, die Mauer in

einen fortlaufenden hohen Sockel verwandelt, auf welchem

ausgezeichnete Basamente seltsame Gruppen in die Höhe tragen, indessen

in dem Raum von einer zur andern mehrere Vasen aufgestellt sind. Das

Widerliche dieser von den gemeinsten Steinhauern gepfuschten

Mißbildungen wird noch dadurch vermehrt, daß sie aus dem losesten

Muscheltuff gearbeitet sind; doch würde ein besseres Material den

Unwert der Form nur desto mehr in die Augen setzen. Ich sagte vorhin

Gruppen und bediente mich eines falschen, an dieser Stelle

uneigentlichen Ausdrucks; denn diese Zusammenstellungen sind durch

keine Art von Reflexion oder auch nur Willkür entstanden, sie sind

vielmehr zusammengewürfelt. Jedesmal drei bilden den Schmuck eines

solchen viereckten Postaments, indem ihre Basen so eingerichtet sind,

daß sie zusammen in verschiedenen Stellungen den viereckigen Raum

ausfüllen. Die vorzüglichste besteht gewöhnlich aus zwei Figuren, und

ihre Base nimmt den größten vordern Teil des Piedestals ein; diese

sind meistenteils Ungeheuer von tierischer und menschlicher Gestalt.

Um nun den hintern Raum der Piedestalfläche auszufüllen, bedarf es

noch zweier Stücke; das von mittlerer Größe stellt gewöhnlich einen

Schäfer oder eine Schäferin, einen Kavalier oder eine Dame, einen

tanzenden Affen oder Hund vor. Nun bleibt auf dem Piedestal noch eine

Lücke: diese wird meistens durch einen Zwerg ausgefüllt, wie denn

überall dieses Geschlecht bei geistlosen Scherzen eine große Rolle

spielt.

Daß wir aber die Elemente der Tollheit des Prinzen Pallagonia

vollständig überliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis.

Menschen: Bettler, Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Türken,

Buckelige, alle Arten Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle,

antik kostümierte Soldaten, Götter, Göttinnen, altfranzösisch

Gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen, Mythologie mit

fratzenhaften Zutaten: Achill und Chiron mit Pulcinell. Tiere: nur

Teile derselben, Pferd mit Menschenhänden, Pferdekopf auf

Menschenkörper, entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle

Arten von Pfoten an Figuren aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen

der Köpfe. Vasen: alle Arten von Monstern und Schnörkeln, die

unterwärts zu Vasenbäuchen und Untersätzen endigen.

Denke man sich nun dergleichen Figuren schockweise verfertigt und ganz

ohne Sinn und Verstand entsprungen, auch ohne Wahl und Absicht

zusammengestellt, denke man sich diesen Sockel, diese Piedestale und

Unformen in einer unabsehbaren Reihe, so wird man das unangenehme

Gefühl mit empfinden, das einen jeden überfallen muß, wenn er durch

diese Spitzruten des Wahnsinns durchgejagt wird.

Wir nähern uns dem Schlosse und werden durch die Arme eines halbrunden

Vorhofs empfangen; die entgegenstehende Hauptmauer, wodurch das Tor

geht, ist burgartig angelegt. Hier finden wir eine ägyptische Figur

eingemauert, einen Springbrunnen ohne Wasser, ein Monument, zerstreut

umherliegende Vasen, Statuen, vorsätzlich auf die Nase gelegt. Wir

treten in den Schloßhof und finden das herkömmliche, mit kleinen

Gebäuden umgebene Rund in kleineren Halbzirkeln ausgebogt, damit es ja

an Mannigfaltigkeit nicht fehle.

Der Boden ist größtenteils mit Gras bewachsen. Hier stehen wie auf

einem verfallenen Kirchhofe seltsam geschnörkelte Marmorvasen vom

Vater her, Zwerge und sonstige Ungestalten aus der neuern Epoche

zufällig durcheinander, ohne daß sie bis jetzt einen Platz finden

können; sogar tritt man vor eine Laube, vollgepfropft von alten Vasen

und anderem geschnörkeltem Gestein.

Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber

im höchsten Grade darin, daß die Gesimse der kleinen Häuser durchaus

schief nach einer oder der andern Seite hinhängen, so daß das Gefühl

der Wasserwaage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen

macht und der Grund aller Eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequält

wird. Und so sind denn auch diese Dachreihen mit Hydern und kleinen

Büsten, mit musizierenden Affenchören und ähnlichem Wahnsinn verbrämt.

Drachen, mit Göttern abwechselnd, ein Atlas, der statt der

Himmelskugel ein Weinfaß trägt.

Gedenkt man sich aber aus allem diesem in das Schloß zu retten,

welches, vom Vater erbaut, ein relativ vernünftiges äußeres Ansehen

hat, so findet man nicht weit vor der Pforte den lorbeerbekränzten

Kopf eines römischen Kaisers auf einer Zwerggestalt, die auf einem

Delphin sitzt.

Im Schlosse selbst nun, dessen äußeres ein leidliches Innere erwarten

läßt, fängt das Fieber des Prinzen schon wieder zu rasen an. Die

Stuhlfüße sind ungleich abgesägt, so daß niemand Platz nehmen kann,

und vor den sitzbaren Stühlen warnt der Kastellan, weil sie unter

ihren Sammetpolstern Stacheln verbergen. Kandelaber von chinesischem

Porzellan stehen in den Ecken, welche, näher betrachtet, aus einzelnen

Schalen, Ober--und Untertassen und dergleichen zusammengekittet sind.

Kein Winkel, wo nicht irgendeine Willkür hervorblickte. Sogar der

unschätzbare Blick über die Vorgebirge ins Meer wird durch farbige

Scheiben verkümmert, welche durch einen unwahren Ton die Gegend

entweder verkälten oder entzünden. Eines Kabinetts muß ich noch

erwähnen, welches aus alten vergoldeten, zusammengeschnittenen Rahmen

aneinander getäfelt ist. Alle die hundertfältigen Schnitzmuster, alle

die verschiedenen Abstufungen einer ältern oder jüngern, mehr oder

weniger bestaubten und beschädigten Vergoldung bedecken hier, hart

aneinander gedrängt, die sämtlichen Wände und geben den Begriff von

einem zerstückelten Trödel.

Die Kapelle zu beschreiben, wäre allein ein Heftchen nötig. Hier

findet man den Aufschluß über den ganzen Wahnsinn, der nur in einem

bigotten Geiste bis auf diesen Grad wuchern konnte. Wie manches

Fratzenbild einer irregeleiteten Devotion sich hier befinden mag, geb'

ich zu vermuten, das Beste jedoch will ich nicht vorenthalten. Flach

an der Decke nämlich ist ein geschnitztes Kruzifix von ziemlicher

Größe befestigt, nach der Natur angemalt, lackiert mit untermischter

Vergoldung. Dem Gekreuzigten in den Nabel ist ein Haken eingeschraubt,

eine Kette aber, die davon herabhängt, befestigt sich in den Kopf

eines knieend betenden, in der Luft schwebenden Mannes, der, angemalt

und lackiert wie alle übrigen Bilder der Kirche, wohl ein Sinnbild der

ununterbrochenen Andacht des Besitzers darstellen soll.

Übrigens ist der Palast nicht ausgebaut: ein großer, von dem Vater

bunt und reich angelegter, aber doch nicht widerlich verzierter Saal

war unvollendet geblieben; wie denn der grenzenlose Wahnsinn des

Besitzers mit seinen Narrheiten nicht zu Rande kommen kann.

Kniepen, dessen Künstlersinn innerhalb dieses Tollhauses zur

Verzweiflung getrieben wurde, sah ich zum erstenmal ungeduldig; er

trieb mich fort, da ich mir die Elemente dieser Unschöpfung einzeln zu

vergegenwärtigen und zu schematisieren suchte. Gutmütig genug

zeichnete er zuletzt noch eine von den Zusammenstellungen, die einzige,

die noch wenigstens eine Art von Bild gab. Sie stellt ein Pferdweib

auf einem Sessel sitzend, gegen einem unterwärts altmodisch

gekleideten, mit Greifenkopf, Krone und großer Perücke gezierten

Kavalier Karte spielend vor und erinnert an das nach aller Tollheit

noch immer höchst merkwürdige Wappen des Hauses Pallagonia: ein Satyr

hält einem Weibe, das einen Pferdekopf hat, einen Spiegel vor.

Italienische Reise — Band 1 · 第 44 / 68 题