Die Bucht von Palermo. Zeichnung von Goethe

Kniep zeichnete, ich schematisierte, beide mit großem Genuß, und nun,

da wir fröhlich nach Hause kommen, fühlen wir beide weder Kräfte noch

Mut, zu wiederholen und auszuführen. Unsere Entwürfe müssen also für

künftige Zeiten liegenbleiben, und dieses Blatt gibt euch bloß ein

Zeugnis unseres Unvermögens, diese Gegenstände genugsam zu fassen,

oder vielmehr unserer Anmaßung, sie in so kurzer Zeit erobern und

beherrschen zu wollen.

Palermo, Mittwoch, den 4. April 1787.

Nachmittags besuchten wir das fruchtreiche und angenehme Tal, welches

die südlichen Berge herab an Palermo vorbeizieht, durchschlängelt von

dem Fluß Oreto. Auch hier wird ein malerisches Auge und eine

geschickte Hand gefordert, wenn ein Bild soll gefunden werden, und

doch erhaschte Kniep einen Standpunkt, da, wo das gestemmte Wasser von

einem halbzerstörten Wehr herunterfließt, beschattet von einer

fröhlichen Baumgruppe, dahinter, das Tal hinaufwärts die freie Aussicht

und einige landwirtschaftliche Gebäude.

Die schönste Frühlingswitterung und eine hervorquellende Fruchtbarkeit

verbreitete das Gefühl eines belebenden Friedens über das ganze Tal,

welches mir der ungeschickte Führer durch seine Gelehrsamkeit

verkümmerte, umständlich erzählend, wie Hannibal hier vormals eine

Schlacht geliefert und was für ungeheure Kriegstaten an dieser Stelle

geschehen. Unfreundlich verwies ich ihm das fatale Hervorrufen

solcher abgeschiedenen Gespenster. Es sei schlimm genug, meinte ich,

daß von Zeit zu Zeit die Saaten, wo nicht immer von Elefanten, doch

von Pferden und Menschen zerstampft werden müßten. Man solle

wenigstens die Einbildungskraft nicht mit solchem Nachgetümmel aus

ihrem friedlichen Traume aufschrecken.

Er verwunderte sich sehr, daß ich das klassische Andenken an so einer

Stelle verschmähte, und ich konnte ihm freilich nicht deutlich machen,

wie mir bei einer solchen Vermischung des Vergangenen und des

Gegenwärtigen zumute sei.

Noch wunderlicher erschien ich diesem Begleiter, als ich auf allen

seichten Stellen, deren der Fluß gar viele trocken läßt, nach

Steinchen suchte und die verschiedenen Arten derselben mit mir

forttrug. Ich konnte ihm abermals nicht erklären, daß man sich von

einer gebirgigen Gegend nicht schneller einen Begriff machen kann, als

wenn man die Gesteinsarten untersucht, die in den Bächen

herabgeschoben werden, und daß hier auch die Aufgabe sei, durch

Trümmer sich eine Vorstellung von jenen ewig klassischen Höhen des

Erdaltertums zu verschaffen.

Auch war meine Ausbeute aus diesem Flusse reich genug, ich brachte

beinahe vierzig Stücke zusammen, welche sich freilich in wenige

Rubriken unterordnen ließen. Das meiste war eine Gebirgsart, die man

bald für Jaspis oder Hornstein, bald für Tonschiefer ansprechen konnte.

Ich fand sie teils in abgerundeten, teils unförmigen Geschieben,

teils rhombisch gestaltet, von vielerlei Farben. Ferner kamen viele

Abänderungen des ältern Kalkes vor, nicht weniger Breccien, deren

Bindemittel Kalk, die verbundenen Steine aber bald Jaspis, bald Kalk

waren. Auch fehlte es nicht an Geschieben von Muschelkalk.

Die Pferde füttern sie mit Gerste, Häckerling und Kleien; im Frühjahr

geben sie ihnen geschoßte grüne Gerste, um sie zu erfrischen, per

rinfrescar, wie sie es nennen. Da sie keine Wiesen haben, fehlt es an

Heu. Auf den Bergen gibt es einige Weide, auch auf den Äckern, da ein

Drittel als Brache liegenbleibt. Sie halten wenig Schafe, deren Rasse

aus der Barbarei kommt, überhaupt auch mehr Maultiere als Pferde, weil

jenen die hitzige Nahrung besser bekommt als diesen.

Die Plaine, worauf Palermo liegt, sowie außer der Stadt die Gegend Ai

Colli, auch ein Teil der Bagaria, hat im Grunde Muschelkalk woraus die

Stadt gebaut ist, daher man denn auch große Steinbrüche in diesen

Lagen findet. In der Nähe von Monte Pellegrino sind sie an einer

Stelle über funfzig Fuß tief. Die untern Lager sind weißer von Farbe.

Man findet darin viel versteinte Korallen und Schaltiere, vorzüglich

große Pilgermuscheln. Das obere Lager ist mit rotem Ton gemischt und

enthält wenig oder gar keine Muscheln. Ganz obenauf liegt roter Ton,

dessen Lage jedoch nicht stark ist. Der Monte Pellegrino hebt sich

aus allem diesem hervor; er ist ein älterer Kalk, hat viele Löcher und

Spaltungen, welche, genau betrachtet, obgleich sehr unregelmäßig, sich

doch nach der Ordnung der Bänke richten. Das Gestein ist fest und

klingend.

Palermo, Donnerstag, den 5. April 1787.

Wir gingen die Stadt im besondern durch. Die Bauart gleicht meistens

der von Neapel, doch stehen öffentliche Monumente, z. B. Brunnen,

noch weiter entfernt vom guten Geschmack. Hier ist nicht wie in Rom

ein Kunstgeist, welcher die Arbeit regelt; nur von Zufälligkeiten

erhält das Bauwerk Gestalt und Dasein. Ein von dem ganzen Inselvolke

angestaunter Brunnen existierte schwerlich, wenn es in Sizilien nicht

schönen, bunten Marmor gäbe, und wenn nicht gerade ein Bildhauer,

geübt in Tiergestalten, damals Gunst gehabt hätte. Es wird

schwerhalten, diesen Brunnen zu beschreiben. Auf einem mäßigen Platze

steht ein rundes architektonisches Werk, nicht gar stockhoch, Sockel,

Mauer und Gesims von farbigem Marmor; in die Mauer sind in einer

Flucht mehrere Nischen angebracht, aus welchen, von weißem Marmor

gebildet, alle Arten Tierköpfe auf gestreckten Hälsen herausschauen:

Pferd, Löwe, Kamel, Elefant wechseln miteinander ab, und man erwartete

kaum hinter dem Kreise dieser Menagerie einen Brunnen, zu welchem von

vier Seiten durch gelassene Lücken marmorne Stufen hinaufführen, um

das reichlich gespendete Wasser schöpfen zu lassen.

Etwas ähnliches ist es mit den Kirchen, wo die Prachtliebe der

Jesuiten noch überboten ward, aber nicht aus Grundsatz und Absicht,

sondern zufällig, wie allenfalls ein gegenwärtiger Handwerker,

Figuren--oder Laubschnitzer Vergolder, Lackierer und Marmorierer

gerade das, was er vermochte, ohne Geschmack und Leitung an gewissen

Stellen anbringen wollte.

Dabei findet man eine Fähigkeit, natürliche Dinge nachzuahmen, wie

denn z. B. jene Tierköpfe gut genug gearbeitet sind. Dadurch wird

freilich die Bewunderung der Menge erregt, deren ganze Kunstfreude

darin besteht, daß sie das Nachgebildete mit dem Urbilde vergleichbar

findet.

Gegen Abend machte ich eine heitere Bekanntschaft, indem ich auf der

langen Straße bei einem kleinen Handelsmanne eintrat, um verschiedene

Kleinigkeiten einzukaufen. Als ich vor dem Laden stand, die Ware zu

besehen, erhob sich ein geringer Luftstoß, welcher, längs der Straße

herwirbelnd, einen unendlichen erregten Staub in alle Buden und

Fenster sogleich verteilte. "Bei allen Heiligen! sagt mir", rief ich

aus, "woher kommt die Unreinlichkeit eurer Stadt, und ist derselben

denn nicht abzuhelfen? Diese Straße wetteifert an Länge und Schönheit

mit dem Corso zu Rom. An beiden Seiten Schrittsteine, die jeder

Laden--und Werkstattbesitzer mit unablässigem Kehren reinlich hält,

indem er alles in die Mitte hinunterschiebt, welche dadurch nur immer

unreinlicher wird und euch mit jedem Windshauch den Unrat zurücksendet,

den ihr der Hauptstraße zugewiesen habt. In Neapel tragen

geschäftige Esel jeden Tag das Kehricht nach Gärten und Feldern,

sollte denn bei euch nicht irgendeine ähnliche Einrichtung entstehen

oder getroffen werden?"

"Es ist bei uns nun einmal, wie es ist", versetzte der Mann; "was wir

aus dem Hause werfen, verfault gleich vor der Türe übereinander. Ihr

seht hier Schichten von Stroh und Rohr, von Küchenabgängen und

allerlei Unrat, das trocknet zusammen auf und kehrt als Staub zu uns

zurück. Gegen den wehren wir uns den ganzen Tag. Aber seht, unsere

schönen, geschäftigen, niedlichen Besen vermehren, zuletzt abgestumpft,

nur den Unrat vor unsern Häusern."

Und lustig genommen, war es wirklich an dem. Sie haben niedliche

Beschen von Zwergpalmen, die man mit weniger Abänderung zum

Fächerdienst eignen könnte, sie schleifen sich leicht ab, und die

Stumpfen liegen zu Tausenden in der Straße. Auf meine wiederholte

Frage, ob dagegen keine Anstalt zu treffen sei, erwiderte er, die Rede

gehe im Volke, daß gerade die, welche für Reinlichkeit zu sorgen

hätten, wegen ihres großen Einflusses nicht genötigt werden könnten,

die Gelder pflichtmäßig zu verwenden, und dabei sei noch der

wunderliche Umstand, daß man fürchte, nach weggeschafftem misthaftem

Geströhde werde erst deutlich zum Vorschein kommen, wie schlecht das

Pflaster darunter beschaffen sei, wodurch denn abermals die unredliche

Verwaltung einer andern Kasse zutage kommen würde. Das alles aber sei,

setzte er mit possierlichem Ausdruck hinzu, nur Auslegung von

übelgesinnten, er aber von der Meinung derjenigen, welche behaupten,

der Adel erhalte seinen Karossen diese weiche Unterlage, damit sie des

Abends ihre herkömmliche Lustfahrt auf elastischem Boden bequem

vollbringen könnten. Und da der Mann einmal im Zuge war, bescherzte

er noch mehrere Polizeimißbräuche, mir zu tröstlichem Beweis, daß der

Mensch noch immer Humor genug hat, sich über das Unabwendbare lustig

zu machen.

Palermo, den 6. April 1787.

Die heilige Rosalie, Schutzpatronin von Palermo, ist durch die

Beschreibung, welche Brydone von ihrem Feste gegeben hat, so

allgemein bekannt geworden, daß es den Freunden gewiß angenehm sein

muß, etwas von dem Orte und der Stelle, wo sie besonders verehrt wird,

zu lesen.

Der Monte Pellegrino, eine große Felsenmasse, breiter als hoch, liegt

an dem nordwestlichen Ende des Golfs von Palermo. Seine schöne Form

läßt sich mit Worten nicht beschreiben; eine unvollkommene Abbildung

davon findet sich in dem "Voyage pittoresque de la Sicile". Er

bestehet aus einem grauen Kalkstein der früheren Epoche. Die Felsen

sind ganz nackt, kein Baum, kein Strauch wächst auf ihnen, kaum, daß

die flachliegenden Teile mit etwas Rasen und Moos bedeckt sind.

In einer Höhle dieses Berges entdeckte man zu Anfang des vorigen

Jahrhunderts die Gebeine der Heiligen und brachte sie nach Palermo.

Ihre Gegenwart befreite die Stadt von der Pest, und Rosalie war seit

diesem Augenblicke die Schutzheilige des Volks; man baute ihr Kapellen

und stellte ihr zu Ehren glänzende Feierlichkeiten an.

Pferderennen beim Fest der hl. Rosalia in Palermo. Kupferstich nach

Desprez

Die Andächtigen wallfahrteten fleißig auf den Berg, und man erbaute

mit großen Kosten einen Weg, der wie eine Wasserleitung auf Pfeilern

und Bogen ruht und in einem Zickzack zwischen zwei Klippen

hinaufsteigt.

Der Andachtsort selbst ist der Demut der Heiligen, welche sich dahin

flüchtete, angemessener als die prächtigen Feste, welche man ihrer

völligen Entäußerung von der Welt zu Ehren anstellte. Und vielleicht

hat die ganze Christenheit, welche nun achtzehnhundert Jahre ihren

Besitz, ihre Pracht, ihre feierlichen Lustbarkeiten auf das Elend

ihrer ersten Stifter und eifrigsten Bekenner gründet, keinen heiligen

Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und gefühlvolle Art

verziert und verehrt wäre.

Wenn man den Berg erstiegen hat, wendet man sich um eine Felsenecke,

wo man einer steilen Felswand nah gegenüber steht, an welcher die

Kirche und das Kloster gleichsam festgebaut sind.

Die Außenseite der Kirche hat nichts Einladendes noch Versprechendes;

man eröffnet die Türe ohne Erwartung, wird aber auf das wunderbarste

überrascht, indem man hineintritt. Man befindet sich unter einer

Halle, welche in der Breite der Kirche hinläuft und gegen das Schiff

zu offen ist. Man sieht in derselben die gewöhnlichen Gefäße mit

Weihwasser und einige Beichtstühle. Das Schiff der Kirche ist ein

offner Hof, der an der rechten Seite von rauhen Felsen, auf der linken

von einer Kontinuation der Halle zugeschlossen wird. Er ist mit

Steinplatten etwas abhängig belegt, damit das Regenwasser ablaufen

kann; ein kleiner Brunnen steht ungefähr in der Mitte.

Die Höhle selbst ist zum Chor umgebildet, ohne daß man ihr von der

natürlichen rauhen Gestalt etwas genommen hätte. Einige Stufen führen

hinauf: gleich steht der große Pult mit dem Chorbuche entgegen, auf

beiden Seiten die Chorstühle. Alles wird von dem aus dem Hofe oder

Schiff einfallenden Tageslicht erleuchtet. Tief hinten in dem Dunkel

der Höhle steht der Hauptaltar in der Mitte.

Man hat, wie schon gesagt, an der Höhle nichts verändert; allein da

die Felsen immer von Wasser träufeln, war es nötig, den Ort trocken zu

halten. Man hat dieses durch bleierne Rinnen bewirkt, welche man an

den Kanten der Felsen hergeführt und verschiedentlich miteinander

verbunden hat. Da sie oben breit sind und unten spitz zulaufen, auch

mit einer schmutzig grünen Farbe angestrichen sind, so sieht es fast

aus, als wenn die Höhle inwendig mit großen Kaktusarten bewachsen wäre.

Das Wasser wird teils seitwärts, teils hinten in einen klaren

Behälter geleitet, woraus es die Gläubigen schöpfen und gegen allerlei

übel gebrauchen.

Da ich diese Gegenstände genau betrachtete, trat ein Geistlicher zu

mir und fragte mich, ob ich etwa ein Genueser sei und einige Messen

wollte lesen lassen. Ich versetzte ihm darauf, ich sei mit einem

Genueser nach Palermo gekommen, welcher morgen als an einem Festtage

heraufsteigen würde. Da immer einer von uns zu Hause bleiben müßte,

wäre ich heute heraufgegangen, mich umzusehen. Er versetzte darauf,

ich möchte mich aller Freiheit bedienen, alles wohl betrachten und

meine Devotion verrichten. Besonders wies er mich an einen Altar, der

links in der Höhle stand, als ein besonderes Heiligtum und verließ

mich.

Ich sah durch die Öffnungen eines großen, aus Messing getriebenen

Laubwerks Lampen unter dem Altar hervorschimmern, kniete ganz nahe

davor hin und blickte durch die Öffnungen. Es war inwendig noch ein

Gitterwerk von feinem geflochtenem Messingdraht vorgezogen, so daß man

nur wie durch einen Flor den Gegenstand dahinter unterscheiden konnte.

Ein schönes Frauenzimmer erblickt' ich bei dem Schein einiger stillen

Lampen.

Sie lag wie in einer Art von Entzückung, die Augen halb geschlossen,

den Kopf nachlässig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen

geschmückt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien

mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem

vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten

Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Hände, von weißem Marmor, sind, ich

darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natürlich und

gefällig gearbeitet, daß man glaubt, sie müßte Atem holen und sich

bewegen.

Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem

Lilienstengel Kühlung zuzuwehen.

Unterdessen waren die Geistlichen in die Höhle gekommen, hatten sich

auf ihre Stühle gesetzt und sangen die Vesper.

Ich setzte mich auf eine Bank gegen dem Altar über und hörte ihnen

eine Weile zu; alsdann begab ich mich wieder zum Altare, kniete nieder

und suchte das schöne Bild der Heiligen noch deutlicher gewahr zu

werden. Ich überließ mich ganz der reizenden Illusion der Gestalt und

des Ortes.

Der Gesang der Geistlichen verklang nun in der Höhle, das Wasser

rieselte in das Behältnis gleich neben dem Altare zusammen, die

überhangenden Felsen des Vorhofs, des eigentlichen Schiffs der Kirche,

schlossen die Szene noch mehr ein. Es war eine große Stille in dieser

gleichsam wieder ausgestorbenen Wüste, eine große Reinlichkeit in

einer wilden Höhle; der Flitterputz des katholischen, besonders

sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zunächst seiner natürlichen

Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der schönen Schläferin

hervorbrächte, auch einem geübten Auge noch reizend--genug, ich konnte

mich nur mit Schwierigkeit von diesem Orte losreißen und kam erst in

später Nacht wieder in Palermo an.

Palermo, Sonnabend, den 7. April 1787.

In dem öffentlichen Garten unmittelbar an der Reede brachte ich im

stillen die vergnügtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von

der Welt. Regelmäßig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor

nicht gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Grüne

Beeteinfassungen umschließen fremde Gewächse, Zitronenspaliere wölben

sich zum niedlichen Laubengange, hohe Wände des Oleanders, geschmückt

von tausend roten nelkenhaften Blüten, locken das Auge. Ganz fremde,

mir unbekannte Bäume, noch ohne Laub, wahrscheinlich aus wärmern

Gegenden, verbreiten seltsame Zweige. Eine hinter dem flachen Raum

erhöhte Bank läßt einen so wundersam verschlungenen Wachstum übersehen

und lenkt den Blick zuletzt auf große Bassins, in welchen Gold--und

Silberfische sich gar lieblich bewegen, bald sich unter bemooste

Röhren verbergen, bald wieder scharenweise durch einen Bissen Brot

gelockt, sich versammeln. An den Pflanzen erscheint durchaus ein Grün,

das wir nicht gewohnt sind, bald gelblicher, bald blaulicher als bei

uns. Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein

starker Duft, der sich über alles gleichförmig verbreitete, mit so

merklicher Wirkung, daß die Gegenstände, auch nur einige Schritte

hintereinander entfernt, sich entschiedener hellblau voneinander

absetzten, so daß ihre eigentümliche Farbe zuletzt verlorenging, oder

wenigstens sehr überbläut sie sich dem Auge darstellten.

Welche wundersame Ansicht ein solcher Duft entfernteren Gegenständen,

Schiffen, Vorgebirgen erteilt, ist für ein malerisches Auge merkwürdig

genug, indem die Distanzen genau zu unterscheiden, ja zu messen sind;

deswegen auch ein Spaziergang auf die Höhe höchst reizend ward. Man

sah keine Natur mehr, sondern nur Bilder, wie sie der künstlichste

Maler durch Lasieren auseinander gestuft hätte.

Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die

schwärzlichen Wellen am nördlichen Horizonte, ihr Anstreben an die

Buchtkrümmungen, selbst der eigene Geruch des dünstenden Meeres, das

alles rief mir die Insel der seligen Phäaken in die Sinne sowie ins

Gedächtnis. Ich eilte sogleich, einen Homer zu kaufen, jenen Gesang

mit großer Erbauung zu lesen und eine übersetzung aus dem Stegreif

Kniepen vorzutragen, der wohl verdiente, bei einem guten Glase Wein

von seinen strengen heutigen Bemühungen behaglich auszuruhen.

Palermo, den 8. April 1787. Ostersonntag.

Nun aber ging die lärmige Freude über die glückliche Auferstehung des

Herrn mit Tagesanbruch los. Petarden, Lauffeuer, Schläge, Schwärmer

und dergleichen wurden kastenweis vor den Kirchtüren losgebrannt,

indessen die Gläubigen sich zu den eröffneten Flügelpforten drängten.

Glocken--und Orgelschall, Chorgesang der Prozessionen und der ihnen

entgegnenden geistlichen Chöre konnten wirklich das Ohr derjenigen

verwirren, die an eine so lärmende Gottesverehrung nicht gewöhnt waren.

Die frühe Messe war kaum geendigt, als zwei wohlgeputzte Laufer des

Vizekönigs unsern Gasthof besuchten, in der doppelten Absicht, einmal

den sämtlichen Fremden zum Feste zu gratulieren und dagegen ein

Trinkgeld einzunehmen, mich sodann zur Tafel zu laden, weshalb meine

Gabe etwas erhöht werden mußte.

Nachdem ich den Morgen zugebracht, die verschiedenen Kirchen zu

besuchen und die Volksgesichter und Gestalten zu betrachten, fuhr ich

zum Palast des Vizekönigs, welcher am obern Ende der Stadt liegt.

Weil ich etwas zu früh gekommen, fand ich die großen Säle noch leer,

nur ein kleiner, munterer Mann ging auf mich zu, den ich sogleich für

einen Malteser erkannte.

Als er vernahm, daß ich ein Deutscher sei, fragte er, ob ich ihm

Nachricht von Erfurt zu geben wisse, er habe daselbst einige Zeit sehr

angenehm zugebracht. Auf seine Erkundigungen nach der von

Dacherödischen Familie, nach dem Koadjutor von Dalberg konnte ich ihm

hinreichende Auskunft geben, worüber er sehr vergnügt nach dem übrigen

Thüringen fragte. Mit bedenklichem Anteil erkundigte er sich nach

Weimar. "Wie steht es denn", sagte er, "mit dem Manne, der, zu meiner

Zeit jung und lebhaft, daselbst Regen und schönes Wetter machte? Ich

habe seinen Namen vergessen, genug aber, es ist der Verfasser des

Werthers'."

Nach einer kleinen Pause, als wenn ich mich bedächte, erwiderte ich:

"Die Person, nach der Ihr Euch gefällig erkundigt, bin ich selbst!

"--Mit dem sichtbarsten Zeichen des Erstaunens fuhr er zurück und rief

aus: "Da muß sich viel verändert haben!"--"O ja!" versetzte ich,

"zwischen Weimar und Palermo hab' ich manche Veränderung gehabt."

In dem Augenblick trat mit seinem Gefolge der Vizekönig herein und

betrug sich mit anständiger Freimütigkeit, wie es einem solchen Herrn

geziemt. Er enthielt sich jedoch nicht des Lächelns über den Malteser,

welcher seine Verwunderung, mich hier zu sehen, auszudrücken fortfuhr.

Bei Tafel sprach der Vizekönig, neben dem ich saß, über die Absicht

meiner Reise und versicherte, daß er Befehl geben wolle, mich in

Palermo alles sehen zu lassen und mich auf meinem Wege durch Sizilien

auf alle Weise zu fördern.

Palermo, Montag, den 9. April 1787.

Heute den ganzen Tag beschäftigte uns der Unsinn des Prinzen

Pallagonia, und auch diese Torheiten waren ganz etwas anders, als wir

uns lesend und hörend vorgestellt. Denn bei der größten

Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben

soll, immer ins Gedränge: er will einen Begriff davon überliefern, und

so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist,

welches für etwas gehalten sein will. Und so muß ich noch eine andere

allgemeine Reflexion vorausschicken, daß weder das Abgeschmackteste

noch das Vortrefflichste ganz unmittelbar aus einem Menschen, aus

einer Zeit hervorspringe, daß man vielmehr beiden mit einiger

Aufmerksamkeit eine Stammtafel der Herkunft nachweisen könne.

Jener Brunnen in Palermo gehört unter die Vorfahren der Pallagonischen

Raserei, nur daß diese hier, auf eignem Grund und Boden, in der

größten Freiheit und Breite sich hervortut. Ich will den Verlauf des

Entstehens zu entwickeln suchen.

Wenn ein Lustschloß in diesen Gegenden mehr oder weniger in der Mitte

des ganzen Besitztums liegt und man also, um zu der herrschaftlichen

Wohnung zu gelangen, durch gebaute Felder, Küchengärten und

dergleichen landwirtschaftliche Nützlichkeiten zu fahren hat, erweisen

sie sich haushälterischer als die Nordländer, die oft eine große

Strecke guten Bodens zu einer Parkanlage verwenden, um mit

unfruchtbarem Gesträuche dem Auge zu schmeicheln. Diese Südländer

hingegen führen zwei Mauern auf, zwischen welchen man zum Schloß

gelangt, ohne daß man gewahr werde, was rechts oder links vorgeht.

Dieser Weg beginnt gewöhnlich mit einem großen Portal, wohl auch mit

einer gewölbten Halle und endigt im Schloßhofe. Damit nun aber das

Auge zwischen diesen Mauern nicht ganz unbefriedigt sei, so sind sie

oben ausgebogen, mit Schnörkeln und Postamenten verziert, worauf

allenfalls hie und da eine Vase steht. Die Flächen sind abgetüncht,

in Felder geteilt und angestrichen. Der Schloßhof macht ein Rund von

einstöckigen Häusern, wo Gesinde und Arbeitsleute wohnen; das

viereckte Schloß steigt über alles empor.

Dies ist die Art der Anlage, wie sie herkömmlich gegeben ist, wie sie

auch schon früher mag bestanden haben, bis der Vater des Prinzen das

Schloß baute, zwar auch nicht in dem besten, aber doch erträglichem

Geschmack. Der jetzige Besitzer aber, ohne jene allgemeinen Grundzüge

zu verlassen, erlaubt seiner Lust und Leidenschaft zu mißgestaltetem,

abgeschmacktem Gebilde den freisten Lauf, und man erzeigt ihm viel

zuviel Ehre, wenn man ihm nur einen Funken Einbildungskraft zuschreibt.

Wir treten also in die große Halle, welche mit der Grenze des

Besitztums selbst anfängt, und finden ein Achteck, sehr hoch zur

Breite. Vier ungeheure Riesen mit modernen, zugeknöpften Gamaschen

tragen das Gesims, auf welchem dem Eingang gerade gegenüber die

heilige Dreieinigkeit schwebt.

Italienische Reise — Band 1 · 第 43 / 68 题