Palermo, Dienstag, den 3. April 1787

Unser erstes war, die Stadt näher zu betrachten, die sehr leicht zu

überschauen und schwer zu kennen ist, leicht, weil eine meilenlange

Straße vom untern zum obern Tor, vom Meere bis gegen das Gebirg' sie

durchschneidet und diese ungefähr in der Mitte von einer andern

abermals durchschnitten wird: was auf diesen Linien liegt, ist bequem

zu finden; das Innere der Stadt hingegen verwirrt den Fremden, und er

entwirrt sich nur mit Hülfe eines Führers in diesem Labyrinthe.

Gegen Abend schenkten wir unsere Aufmerksamkeit der Kutschenreihe der

bekannten Fahrt vornehmerer Personen, welche sich zur Stadt hinaus auf

die Reede begaben, um frische Luft zu schöpfen, sich zu unterhalten

und allenfalls zu kourtoisieren.

Zwei Stunden vor Nacht war der Vollmond eingetreten und verherrlichte

den Abend unaussprechlich. Die Lage von Palermo gegen Norden macht,

daß sich Stadt und Ufer sehr wundersam gegen die großen Himmelslichter

verhält, deren Widerschein man niemals in den Wellen erblickt.

Deswegen wir auch heute an dem heitersten Tage das Meer dunkelblau,

ernsthaft und zudringlich fanden, anstatt daß es bei Neapel von der

Mittagsstunde an immer heiterer, lustiger und ferner glänzt.

Kniep hatte mich schon heute manchen Weg und manche Betrachtung allein

machen lassen, um einen genauen Kontur des Monte Pellegrino zu nehmen,

des schönsten aller Vorgebirge der Welt.

Palermo, den 3. April 1787.

Hier noch einiges zusammenfassend, nachträglich und vertraulich:

Wir fuhren Donnerstag, den 29. März, mit Sonnenuntergang von Neapel

und landeten erst nach vier Tagen um drei Uhr im Hafen von Palermo.

Ein kleines Diarium, das ich beilege, erzählt überhaupt unsere

Schicksale. Ich habe nie eine Reise so ruhig angetreten als diese,

habe nie eine ruhigere Zeit gehabt als auf der durch beständigen

Gegenwind sehr verlängerten Fahrt, selbst auf dem Bette im engen

Kämmerchen, wo ich mich die ersten Tage halten mußte, weil mich die

Seekrankheit stark angriff. Nun denke ich ruhig zu euch hinüber; denn

wenn irgend etwas für mich entscheidend war, so ist es diese Reise.

Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man

keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt. Als

Landschaftszeichner hat mir diese große, simple Linie ganz neue

Gedanken gegeben.

Wir haben, wie das Diarium ausweist, auf dieser kurzen Fahrt

mancherlei Abwechslungen und gleichsam die Schicksale der Seefahrer im

kleinen gehabt. Übrigens ist die Sicherheit und Bequemlichkeit des

Paketboots nicht genug zu loben. Der Kapitän ist ein sehr braver und

recht artiger Mann. Die Gesellschaft war ein ganzes Theater,

gutgesittet, leidlich und angenehm. Mein Künstler, den ich bei mir

habe, ist ein munterer, treuer, guter Mensch, der mit der größten

Akkuratesse zeichnet; er hat alle Inseln und Küsten, wie sie sich

zeigten, umrissen; es wird euch große Freude machen, wenn ich alles

mitbringe. Übrigens hat er mir, die langen Stunden der Überfahrt zu

verkürzen, das Mechanische der Wasserfarbenmalerei (Aquarell), die man

in Italien jetzt sehr hoch getrieben hat, aufgeschrieben. Versteht

sich den Gebrauch gewisser Farben, um gewisse Töne hervorzubringen, an

denen man sich, ohne das Geheimnis zu wissen, zu Tode mischen würde.

Ich hatte wohl in Rom manches davon erfahren, aber niemals im

Zusammenhange. Die Künstler haben es in einem Lande ausstudiert wie

Italien, wie dieses ist. Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit

auszudrücken, die um die Küsten schwebte, als wir am schönsten

Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konture, die

Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie

von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein

ganzes Leben. Nun versteh' ich erst die Claude Lorrains und habe

Hoffnung, auch dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder

dieser glücklichen Wohnung hervorzubringen. Wäre nur alles

Kleinliche so rein daraus weggewaschen als die Kleinheit der

Strohdächer aus meinen Zeichenbegriffen. Wir wollen sehen, was diese

Königin der Inseln tun kann.

Italienische Reise — Band 1 · 第 41 / 68 题