Schiff vor Capri. Zeichnung von Kniep

Ich hatte doch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke genießen

können, die Seekrankheit überfiel mich bald. Ich begab mich in meine

Kammer, wählte die horizontale Lage, enthielt mich außer weißem Brot

und rotem Wein aller Speisen und Getränke und fühlte mich ganz

behaglich. Abgeschlossen von der äußern Welt, ließ ich die innere

walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir

gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei

ersten Akte des "Tasso", in poetischer Prosa geschrieben, hatte ich

von allen Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Akte,

in Absicht auf Plan und Gang ungefähr den gegenwärtigen gleich, aber

schon vor zehn Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches,

Nebelhaftes, welches sich bald verlor, als ich nach neueren Ansichten

die Form verwalten und den Rhythmus eintreten ließ.

Sonnabend, den 31. März.

Die Sonne tauchte klar aus dem Meere herauf. Um sieben Uhr erreichten

wir ein französisches Schiff, welches zwei Tage vor uns abgegangen war;

um so viel besser segelten wir, und doch sahen wir noch nicht das

Ende unserer Fahrt. Einigen Trost gab uns die Insel Ustica, doch

leider zur Linken, da wir sie eben, wie auch Capri, hätten rechts

lassen sollen. Gegen Mittag war uns der Wind ganz zuwider, und wir

kamen nicht von der Stelle. Das Meer fing an, höher zu gehen, und im

Schiffe war fast alles krank.

Ich blieb in meiner gewohnten Lage, das ganze Stück ward um und um,

durch und durch gedacht. Die Stunden gingen vorüber, ohne daß ich

ihre Einteilung bemerkt hätte, wenn nicht der schelmische Kniep, auf

dessen Appetit die Wellen keinen Einfluß hatten, von Zeit zu Zeit,

indem er mir Wein und Brot brachte, die treffliche Mittagstafel, die

Heiterkeit und Anmut des jungen tüchtigen Kapitäns, dessen Bedauern,

daß ich meine Portion nicht mitgenieße, zugleich schadenfroh gerühmt

hätte. Ebenso gab ihm der Übergang von Scherz und Lust zu Mißbehagen

und Krankheit und wie sich dieses bei einzelnen Gliedern der

Gesellschaft gezeigt, reichen Stoff zu mutwilliger Schilderung.

Nachmittags vier Uhr gab der Kapitän dem Schiff eine andere Richtung.

Die großen Segel wurden wieder aufgezogen und unsere Fahrt gerade auf

die Insel Ustica gerichtet, hinter welcher wir zu großer Freude die

Berge von Sizilien erblickten. Der Wind besserte sich, wir fuhren

schneller auf Sizilien los, auch kamen uns noch einige Inseln zu

Gesichte. Der Sonnenuntergang war trübe, das Himmelslicht hinter

Nebel versteckt. Den ganzen Abend ziemlich günstiger Wind. Gegen

Mitternacht fing das Meer an, sehr unruhig zu werden.

Sonntag, den 1. April.

Um drei Uhr morgens heftiger Sturm. Im Schlaf und Halbtraum setzte

ich meine dramatischen Plane fort, indessen auf dem Verdeck große

Bewegung war. Die Segel mußten eingenommen werden, das Schiff

schwebte auf den hohen Fluten. Gegen Anbruch des Tages legte sich der

Sturm, die Atmosphäre klärte sich auf. Nun lag die Insel Ustica

völlig links. Eine große Schildkröte zeigte man uns in der Weite

schwimmend, durch unsere Fernröhre als ein lebendiger Punkt wohl zu

erkennen. Gegen Mittag konnten wir die Küste Siziliens mit ihren

Vorgebirgen und Buchten ganz deutlich unterscheiden, aber wir waren

sehr unter den Wind gekommen, wir lavierten an und ab. Gegen

Nachmittag waren wir dem Ufer näher. Die westliche Küste vom

Lilybäischen Vorgebirge bis Capo Gallo sahen wir ganz deutlich, bei

heiterem Wetter und hell scheinender Sonne.

Eine Gesellschaft von Delphinen begleitete das Schiff an beiden Seiten

des Vorderteils und schossen immer voraus. Es war lustig anzusehen,

wie sie bald, von den klaren durchscheinenden Wellen überdeckt,

hinschwammen, bald mit ihren Rückenstacheln und Floßfedern, grün--und

goldspielenden Seiten sich über dem Wasser springend bewegten.

Da wir weit unter dem Winde waren, fuhr der Kapitän gerade auf eine

Bucht zu, gleich hinter Capo Gallo. Kniep versäumte die schöne

Gelegenheit nicht, die mannigfaltigsten Ansichten ziemlich im Detail

zu zeichnen. Mit Sonnenuntergang wendete der Kapitän das Schiff

wieder dem hohen Meer zu und fuhr nordostwärts, um die Höhe von

Palermo zu erreichen. Ich wagte mich manchmal aufs Verdeck, doch ließ

ich meinen dichterischen Vorsatz nicht aus dem Sinne, und ich war des

ganzen Stücks so ziemlich Herr geworden. Bei trüblichem Himmel heller

Mondschein, der Widerschein auf dem Meer unendlich schön. Die Maler,

um der Wirkung willen, lassen uns oft glauben, der Widerschein der

Himmelslichter im Wasser habe zunächst dem Beschauer die größte Breite,

wo er die größte Energie hat. Hier aber sah man am Horizont den

Widerschein am breitesten, der sich wie eine zugespitzte Pyramide

zunächst am Schiff in blinkenden Wellen endigte. Der Kapitän

veränderte die Nacht noch einigemal das Manöver.

Montag, den 2. April, früh 8 Uhr,

fanden wir uns Palermo gegenüber. Dieser Morgen erschien für mich

höchst erfreulich. Der Plan meines Dramas war diese Tage daher im

Walfischbauch ziemlich gediehen. Ich befand mich wohl und konnte nun

auf dem Verdeck die Küsten Siziliens mit Aufmerksamkeit betrachten.

Kniep zeichnete emsig fort, und durch seine gewandte Genauigkeit

wurden mehrere Streifen Papier zu einem sehr schätzbaren Andenken

dieses verspäteten Landens.

Italienische Reise — Band 1 · 第 39 / 68 题