Paestum. Kupferstich nach Chatelet

Nun haben wir folgendes verabredet. Von heute an leben und reisen wir

zusammen, ohne daß er weiter für etwas sorgt als zu zeichnen, wie

diese Tage geschehen. Alle Konture gehören mein, damit aber nach

unserer Rückkehr daraus ein ferneres Wirken für ihn entspringe, so

führt er eine Anzahl auszuwählender Gegenstände bis auf eine gewisse

bestimmte Summe für mich aus; da sich denn indessen bei seiner

Geschicklichkeit, bei der Bedeutsamkeit der zu erobernden Aussichten

und sonst wohl das Weitere ergeben wird. Diese Einrichtung macht mich

ganz glücklich, und jetzt erst kann ich von unserer Fahrt kurze

Rechenschaft geben.

Auf dem zweirädrigen leichten Fuhrwerk sitzend und wechselsweise die

Zügel führend, einen gutmütigen rohen Knaben hintenauf, rollten wir

durch die herrliche Gegend, welche Kniep mit malerischem Auge begrüßte.

Nun erreichten wir die Gebirgsschlucht, die man auf dem glattesten

Fahrdamme durchrennend, an den köstlichsten Wald--und Felspartien

vorbeifliegt. Da konnte denn Kniep zuletzt sich nicht enthalten, in

der Gegend von Alla Cava einen prächtigen Berg, welcher sich gerade

vor uns scharf am Himmel abzeichnete, nicht weniger die Seiten sowie

den Fuß dieser Höhe reinlich und charakteristisch im Umriß aufs Papier

zu befestigen. Wir freuten uns beide daran als an dem Einstand

unserer Verbindung.

Ein gleicher Umriß ward abends aus den Fenstern von Salern genommen,

welcher mich aller Beschreibung überheben wird, einer ganz einzig

lieblichen und fruchtbaren Gegend. Wer wäre nicht geneigt gewesen, an

diesem Orte zu studieren, zur schönen Zeit der blühenden hohen Schule?

Beim frühsten Morgen fuhren wir auf ungebahnten, oft morastigen Wegen

einem Paar schön geformten Bergen zu, wir kamen durch Bach und

Gewässer, wo wir den nilpferdischen Büffeln in die blutroten wilden

Augen sahen.

Das Land ward immer flacher und wüster, wenige Gebäude deuteten auf

kärgliche Landwirtschaft. Endlich, ungewiß, ob wir durch Felsen oder

Trümmer führen, konnten wir einige große länglich-viereckige Massen,

die wir in der Ferne schon bemerkt hatten, als überbliebene Tempel und

Denkmale einer ehemals so prächtigen Stadt unterscheiden. Kniep,

welcher schon unterwegs die zwei malerischen Kalkgebirge umrissen,

suchte sich schnell einen Standpunkt, von wo aus das Eigentümliche

dieser völlig unmalerischen Gegend aufgefaßt und dargestellt werden

könnte.

Von einem Landmanne ließ ich mich indessen in den Gebäuden herumführen;

der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in

einer völlig fremden Welt. Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem

Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja

sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes

inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden

bestimmt, so daß uns diese stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten

Säulenmassen lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald

zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren

Geist solche Bauart gemäß fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil

der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich

befreundet, ja ich pries den Genius, daß er mich diese so wohl

erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch

Abbildung kein Begriff geben läßt. Denn im architektonischen Aufriß

erscheinen sie eleganter, in perspektivischer Darstellung plumper, als

sie sind, nur wenn man sich um sie her, durch sie durch bewegt, teilt

man ihnen das eigentliche Leben mit; man fühlt es wieder aus ihnen

heraus, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinschuf. Und so

verbrachte ich den ganzen Tag, indessen Kniep nicht säumte, uns die

genausten Umrisse zuzueignen. Wie froh war ich, von dieser Seite ganz

unbesorgt zu sein und für die Erinnerung so sichere Merkzeichen zu

gewinnen. Leider war keine Gelegenheit, hier zu übernachten, wir

kehrten nach Salern zurück, und den andern Morgen ging es zeitig nach

Neapel. Der Vesuv, von der Rückseite gesehn, in der fruchtbarsten

Gegend; Pappeln pyramidalkolossal an der Chaussee im Vordergrunde.

Dies war auch ein angenehmes Bild, das wir durch ein kurzes

Stillhalten erwarben.

Nun erreichten wir eine Höhe; der größte Anblick tat sich vor uns auf.

Neapel in seiner Herrlichkeit, die meilenlange Reihe von Häusern am

flachen Ufer des Golfs hin, die Vorgebirge, Erdzungen, Felswände, dann

die Inseln und dahinter das Meer war ein entzückender Anblick.

Ein gräßlicher Gesang, vielmehr Lustgeschrei und Freudegeheul des

hintenaufstehenden Knaben erschreckte und störte mich. Heftig fuhr

ich ihn an, er hatte noch kein böses Wort von uns gehört, er war der

gutmütigste Junge.

Eine Weile rührte er sich nicht, dann klopfte er mir sachte auf die

Schulter, streckte seinen rechten Arm mit aufgehobenem Zeigefinger

zwischen uns durch und sagte: "Signor, perdonate! questa è la mia

patria!"--Das heißt verdolmetscht: "Herr, verzeiht! Ist das doch mein

Vaterland!"--Und so war ich zum zweiten Male überrascht. Mir armem

Nordländer kam etwas Tränenartiges in die Augen!

Neapel, den 25. März 1787. Verkündigung Mariä.

Ob ich gleich empfand, daß Kniep sehr gern mit mir nach Sizilien gehe,

so konnte ich doch bemerken, daß er ungern etwas zurückließ. Bei

seiner Aufrichtigkeit blieb mir nicht lange verborgen, daß ihm ein

Liebchen eng und treu verbunden sei. Wie sie zusammen bekannt

geworden, war artig genug zu hören; wie sich das Mädchen bisher

betragen, konnte für sie einnehmen; nun sollte ich sie aber auch sehen,

wie hübsch sie sei. Hiezu war Anstalt getroffen, und zwar so, daß

ich zugleich eine der schönsten Aussichten über Neapel genießen könnte.

Er führte mich auf das flache Dach eines Hauses, von wo man

besonders den untern Teil der Stadt nach dem Molo zu, den Golf, die

Küste von Sorrent vollkommen übersehen konnte; alles weiter rechts

Liegende verschob sich auf die sonderbarste Weise, wie man es, ohne

auf diesem Punkte zu stehen, nicht leicht sehen wird. Neapel ist

überall schön und herrlich.

Als wir nun die Gegend bewunderten, stieg, obgleich erwartet, doch

unversehens ein gar artiges Köpfchen aus dem Boden hervor. Denn zu

einem solchen Söller macht nur eine länglich viereckige öffnung im

Estrich, welche mit einer Falltüre zugedeckt werden kann, den Eingang.

Und da nun das Engelchen völlig hervortrat, fiel mir ein, daß ältere

Künstler die Verkündigung Mariä also vorstellen, daß der Engel eine

Treppe heraufkömmt. Dieser Engel aber war nun wirklich von gar

schöner Gestalt, hübschem Gesichtchen und einem guten, natürlichen

Betragen. Es freute mich, unter dem herrlichen Himmel und im

Angesicht der schönsten Gegend von der Welt meinen neuen Freund so

glücklich zu sehen. Er gestand mir, als sie sich wieder entfernt

hatte, daß er eben deshalb eine freiwillige Armut bisher getragen,

weil er dabei sich zugleich ihrer Liebe erfreut und ihre Genügsamkeit

schätzen lernen, nun sollten ihm auch seine bessern Aussichten und ein

reichlicher Zustand vorzüglich deshalb wünschenswert sein, damit er

auch ihr bessere Tage bereiten könne.

Neapel, zum 25. März.

Nach diesem angenehmen Abenteuer spazierte ich am Meere hin und war

still und vergnüglich. Da kam mir eine gute Erleuchtung über

botanische Gegenstände. Herdern bitte ich zu sagen, daß ich mit der

Urpflanze bald zustande bin, nur fürchte ich, daß niemand die übrige

Pflanzenwelt darin wird erkennen wollen. Meine famose Lehre von den

Kotyledonen ist so sublimiert, daß man schwerlich wird weiter gehen

können.

Neapel, den 26. März 1787.

Morgen geht dieser Brief von hier zu euch. Donnerstag den 29. geh'

ich mit der Korvette, die ich, des Seewesens unkundig, in meinem

vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, endlich nach Palermo.

Der Zweifel, ob ich reisen oder bleiben sollte, machte einen Teil

meines hiesigen Aufenthaltes unruhig; nun, da ich entschlossen bin,

geht es besser. Für meine Sinnesart ist diese Reise heilsam, ja

notwendig. Sizilien deutet mir nach Asien und Afrika, und auf dem

wundersamen Punkte, wohin so viele Radien der Weltgeschichte gerichtet

sind, selbst zu stehen, ist keine Kleinigkeit.

Neapel habe ich nach seiner eignen Art behandelt; ich war nichts

weniger als fleißig, doch hab' ich viel gesehen und mir einen

allgemeinen Begriff von dem Lande, seinen Einwohnern und Zuständen

gebildet. Bei der Wiederkehr soll manches nachgeholt werden; freilich

nur manches, denn vor dem 29. Juni muß ich wieder in Rom sein. Hab'

ich die heilige Woche versäumt, so will ich dort wenigstens den St.

-Peters-Tag feiern. Meine sizilianische Reise darf mich nicht

allzuweit von meiner ersten Absicht weglenken.

Vorgestern hatten wir ein gewaltiges Wetter mit Donner, Blitz und

Regengüssen; jetzt hat sich's wieder ausgehellt, eine herrliche

Tramontane weht herüber; bleibt sie beständig, so haben wir die

schnellste Fahrt.

Gestern war ich mit meinem Gefährten, unser Schiff zu besehen und das

Kämmerchen zu besuchen, das uns aufnehmen soll. Eine Seereise fehlte

mir ganz in meinen Begriffen; diese kleine Überfahrt, vielleicht eine

Küstenumschiffung wird meiner Einbildungskraft nachhelfen und mir die

Welt erweitern. Der Kapitän ist ein junger, munterer Mann, das Schiff

gar zierlich und nett, in Amerika gebaut, ein guter Segler.

Hier fängt nun alles an, grün zu werden, in Sizilien find' ich es noch

weiter. Wenn ihr diesen Brief erhaltet, bin ich auf der Rückreise und

habe Trinakrien hinter mir. So ist der Mensch: immer springt er in

Gedanken vor--und rückwärts; ich war noch nicht dort und bin schon

wieder bei euch. Doch an der Verworrenheit dieses Briefes bin ich

nicht schuld; jeden Augenblick werd' ich unterbrochen und möchte doch

gern dieses Blatt zu Ende schreiben.

Soeben besuchte mich ein Marchese Berio, ein junger Mann, der viel zu

wissen scheint. Er wollte den Verfasser des "Werther" doch auch

kennen lernen. Überhaupt ist hier großer Drang und Lust nach Bildung

und Wissen. Sie sind nur zu glücklich, um auf den rechten Weg zu

kommen. Hätte ich nur mehr Zeit, so wollt' ich ihnen gern meine Zeit

geben. Diese vier Wochen--was waren die gegen das ungeheure Leben!

Nun gehabt euch wohl! Reisen lern' ich wohl auf dieser Reise, ob ich

leben lerne, weiß ich nicht. Die Menschen, die es zu verstehen

scheinen, sind in Art und Wesen zu sehr von mir verschieden, als daß

ich auf dieses Talent sollte Anspruch machen können.

Lebet wohl und liebt mich, wie ich eurer von Herzen gedenke.

Neapel, den 28. März 1787.

Diese Tage gehen mir nun gänzlich mit Einpacken und Abschiednehmen,

mit Besorgen und Bezahlen, Nachholen und Vorbereiten, sie gehen mir

völlig verloren.

Der Fürst von Waldeck beunruhigte mich noch beim Abschied, denn er

sprach von nichts weniger, als daß ich bei meiner Rückkehr mich

einrichten sollte, mit ihm nach Griechenland und Dalmatien zu gehen.

Wenn man sich einmal in die Welt macht und sich mit der Welt einläßt,

so mag man sich ja hüten, daß man nicht entrückt oder wohl gar

verrückt wird. Zu keiner Silbe weiter bin ich fähig.

Neapel, den 29. März 1787.

Seit einigen Tagen machte sich das Wetter ungewiß, heute, am

bestimmten Tage der Abfahrt, ist es so schön als möglich. Die

günstigste Tramontane, ein klarer Sonnenhimmel, unter dem man sich in

die weite Welt wünscht. Nun sag' ich noch allen Freunden in Weimar

und Gotha ein treues Lebewohl! Eure Liebe begleite mich, denn ich

möchte ihrer wohl immer bedürfen. Heute nacht träumte ich mich wieder

in meinen Geschäften. Es ist denn doch, als wenn ich mein

Fasanenschiff nirgends als bei euch ausladen könnte. Möge es nur erst

recht stattlich geladen sein!

Italienische Reise — Band 1 · 第 36 / 68 题