Neapel, zum 19. März.
Man darf nur auf der Straße wandeln und Augen haben, man sieht die
unnachahmlichsten Bilder.
Am Molo, einer Hauptlärmecke der Stadt, sah ich gestern einen
Pulcinell, der sich auf einem Brettergerüste mit einem kleinen Affen
stritt, drüber einen Balkon, auf dem ein recht artiges Mädchen ihre
Reize feilbot. Neben dem Affengerüste ein Wunderdoktor, der seine
Arkana gegen alle übel den bedrängten Gläubigen darbot; von Gerhard
Dow gemalt, hätte solch ein Bild verdient, Zeitgenossen und Nachwelt
zu ergötzen.
So war auch heute Fest des heiligen Josephs; er ist der Patron aller
Frittaruolen, d. h. Gebacknesmacher, versteht sich Gebacknes im
gröbsten Sinne. Weil nun immerfort starke Flammen unter schwarzem und
siedendem Öl hervorschlagen, so gehört auch alle Feuerqual in ihr Fach;
deswegen hatten sie gestern abend vor den Häusern mit Gemälden zum
besten aufgeputzt: Seelen im Fegfeuer, Jüngste Gerichte glühten und
flammten umher. Große Pfannen standen vor der Türe auf leicht
gebauten Herden. Ein Gesell wirkte den Teig, ein anderer formte, zog
ihn zu Kringlen und warf sie in die siedende Fettigkeit. An der
Pfanne stand ein dritter, mit einem kleinen Bratspieße, er holte die
Kringlen, wie sie gar wurden, heraus, schob sie einem vierten auf ein
ander Spießchen, der sie den Umstehenden anbot; die beiden letzten
waren junge Burschen mit blonden und lockenreichen Perücken, welches
hier Engel bedeutet. Noch einige Figuren vollendeten die Gruppe,
reichten Wein den Beschäftigten, tranken selbst und schrieen, die Ware
zu loben; auch die Engel, die Köche, alle schrieen. Das Volk drängte
sich herzu; denn alles Gebackene wird diesen Abend wohlfeiler gegeben
und sogar ein Teil der Einnahme den Armen.
Dergleichen könnte man endlos erzählen; so geht es mit jedem Tage,
immer etwas Neues und Tolleres, nur die Mannigfaltigkeit von Kleidern,
die einem auf der Straße begegnet, die Menge Menschen in der einzigen
Straße Toledo!
Und so gibt es noch manche originale Unterhaltung, wenn man mit dem
Volke lebt; es ist so natürlich, daß man mit ihm natürlich werden
könnte. Da ist z. B. der Pulcinell, die eigentliche Nationalmaske,
der Harlekin, aus Bergamo, Hanswurst, aus Tirol gebürtig. Pulcinell
nun, ein wahrhaft gelassener, ruhiger, bis auf einen gewissen Grad
gleichgültiger, beinahe fauler und doch humoristischer Knecht. Und so
findet man überall Kellner und Hausknecht. Mit dem unsrigen macht'
ich mir heute eine besondere Lust, und es war weiter nichts, als daß
ich ihn schickte, Papier und Federn zu holen. Halber Mißverstand,
Zaudern, guter Wille und Schalkheit brachte die anmutigste Szene
hervor, die man auf jedem Theater mit Glück produzieren könnte.
Neapel, Dienstag, den 20. März 1787.
Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die, für Neapel unsichtbar,
nach Ottajano hinunterfließt, reizte mich, zum dritten Male den Vesuv
zu besuchen. Kaum war ich am Fuße desselben aus meinem zweirädrigen,
einpferdigen Fuhrwerk gesprungen, so zeigten sich schon jene beiden
Führer, die uns früher hinaufbegleitet hatten. Ich wollte keinen
missen und nahm den einen aus Gewohnheit und Dankbarkeit, den andern
aus Vertrauen, beide der mehreren Bequemlichkeit wegen mit mir.
Auf die Höhe gelangt, blieb der eine bei den Mänteln und Viktualien,
der jüngere folgte mir, und wir gingen mutig auf einen ungeheuren
Dampf los, der unterhalb des Kegelschlundes aus dem Berge brach;
sodann schritten wir an dessen Seite her gelind hinabwärts, bis wir
endlich unter klarem Himmel aus dem wilden Dampfgewölke die Lava
hervorquellen sahen.
Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das
Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren
Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß,
allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß,
war auffallend genug; denn indem sie während des Fortfließens an den
Seiten und an der Oberfläche verkühlt, so bildet sich ein Kanal, der
sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des
Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden
Schlacken rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich
denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig
fortfließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten
Damme her, die Schlacken rollten regelmäßig an den Seiten herunter bis
zu unsern Füßen. Durch einige Lücken des Kanals konnten wir den
Glutstrom von unten sehen und, wie er weiter hinabfloß, ihn von oben
beobachten.
Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert, nur ein mäßiger
Rauch stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte
zu nähern, wo sie aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein
Führer versicherte, sogleich Gewölb und Dach über sich her bilden, auf
welchem er öfters gestanden habe. Auch dieses zu sehen und zu
erfahren, stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem Punkte von
hintenher beizukommen. Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch
einen lebhaften Windzug entblößt, freilich nicht ganz, denn ringsum
qualmte der Dampf aus tausend Ritzen, und nun standen wir wirklich auf
der breiartig gewundenen, erstarrten Decke, die sich aber so weit
vorwärts erstreckte, daß wir die Lava nicht konnten herausquellen
sehen.
Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward
immer glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein
unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um,
ergriff mich, und wir entwanden uns diesem Höllenbrudel.
Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Weine
gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im
Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Einige Schlünde,
die als vulkanische Essen keinen Rauch, aber eine glühende Luft
fortwährend gewaltsam ausstoßen, betrachtete ich wieder mit
Aufmerksamkeit. Ich sah sie durchaus mit einem tropfsteinartigen
Material tapeziert, welches zitzen--und zapfenartig die Schlünde bis
oben bekleidete. Bei der Ungleichheit der Essen fanden sich mehrere
dieser herabhängenden Dunstprodukte ziemlich zur Hand, so daß wir sie
mit unsern Stäben und einigen hakenartigen Vorrichtungen gar wohl
gewinnen konnten. Bei dem Lavahändler hatte ich schon dergleichen
Exemplare unter der Rubrik der wirklichen Laven gefunden, und ich
freute mich, entdeckt zu haben, daß es vulkanischer Ruß sei, abgesetzt
aus den heißen Schwaden, die darin enthaltenen verflüchtigten
mineralischen Teile offenbarend.
Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich
auf meiner Rückkehr; doch konnte ich empfinden, wie sinneverwirrend
ein ungeheurer Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Schönen,
das Schöne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine
gleichgültige Empfindung hervor. Gewiß wäre der Neapolitaner ein
anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt
fühlte.
Neapel, den 22. März 1787.
Triebe mich nicht die deutsche Sinnesart und das Verlangen, mehr zu
lernen und zu tun als zu genießen, so sollte ich in dieser Schule des
leichten und lustigen Lebens noch einige Zeit verweilen und mehr zu
profitieren suchen. Es ist hier gar vergnüglich sein, wenn man sich
nur ein klein wenig einrichten könnte. Die Lage der Stadt, die Milde
des Klimas kann nie genug gerühmt werden, aber darauf ist auch der
Fremde fast allein angewiesen.
Freilich wer sich Zeit nimmt, Geschick und Vermögen hat, kann sich
auch hier breit und gut niederlassen. So hat sich Hamilton eine
schöne Existenz gemacht und genießt sie nun am Abend seines Lebens.
Die Zimmer, die er sich in englischem Geschmack einrichtete, sind
allerliebst, und die Aussicht aus dem Eckzimmer vielleicht einzig.
Unter uns das Meer, im Angesicht Capri, rechts der Posilipo, näher der
Spaziergang Villa Reale, links ein altes Jesuitengebäude, weiterhin
die Küste von Sorrent bis ans Kap Minerva. Dergleichen möcht' es wohl
in Europa schwerlich zum zweiten Male geben, wenigstens nicht im
Mittelpunkte einer großen, bevölkerten Stadt.
Hamilton ist ein Mann von allgemeinem Geschmack und, nachdem er alle
Reiche der Schöpfung durchwandert, an ein schönes Weib, das
Meisterstück des großen Künstlers, gelangt.
Und nun nach allem diesem und hundertfältigem Genuß locken mich die
Sirenen jenseits des Meeres, und wenn der Wind gut ist, geh' ich mit
diesem Briefe zugleich ab, er nordwärts, ich südwärts. Des Menschen
Sinn ist unbändig, ich besonders bedarf der Weite gar sehr. Nicht
sowohl das Beharren als ein schnelles Auffassen muß jetzt mein
Augenmerk sein. Hab' ich einem Gegenstande nur die Spitze des Fingers
abgewonnen, so kann ich mir die ganze Hand durch Hören und Denken wohl
zueignen.
Seltsamerweise erinnert mich ein Freund in diesen Tagen an "Wilhelm
Meister" und verlangt dessen Fortsetzung; unter diesem Himmel möchte
sie wohl nicht möglich sein, vielleicht läßt sich von dieser
Himmelsluft den letzten Büchern etwas mitteilen. Möge meine Existenz
sich dazu genugsam entwickeln, der Stengel mehr in die Länge rücken
und die Blumen reicher und schöner hervorbrechen. Gewiß, es wäre
besser ich käme gar nicht wieder, wenn ich nicht wiedergeboren
zurückkommen kann.
Neapel, zum 22. März.
Heute sahen wir ein Bild von Correggio, das verkäuflich ist, zwar
nicht vollkommen erhalten, das aber doch das glücklichste Gepräg des
Reizes unausgelöscht mit sich führt. Es stellt eine Mutter Gottes vor,
das Kind in dem Augenblicke, da es zwischen der Mutter Brust und
einigen Birnen, die ihm ein Engelchen darreicht, zweifelhaft ist.
Also eine "Entwöhnung Christi". Mir scheint die Idee äußerst zart,
die Komposition bewegt, natürlich und glücklich, höchst reizend
ausgeführt. Es erinnert sogleich an das "Verlöbnis der heiligen
Katharina" und scheint mir unbezweifelt von Correggios Hand.
Neapel, Freitag, den 23. März 1787.
Nun hat sich das Verhältnis zu Kniep auf eine recht praktische Weise
ausgebildet und befestigt. Wir waren zusammen in Pästum, woselbst er,
so wie auf der Hin--und Herreise, mit Zeichnen sich auf das tätigste
erwies. Die herrlichsten Umrisse sind gewonnen, ihn freut nun selbst
dieses bewegte, arbeitsame Leben, wodurch ein Talent aufgeregt wird,
das er sich selbst kaum zutraute. Hier gilt es resolut sein; aber
gerade hier zeigt sich seine genaue und reinliche Fertigkeit. Das
Papier, worauf gezeichnet werden soll, mit einem rechtwinkligen
Viereck zu umziehen, versäumt er niemals, die besten englischen
Bleistifte zu spitzen und immer wieder zu spitzen, ist ihm fast eine
ebenso große Lust als zu zeichnen; dafür sind aber auch seine Konture,
was man wünschen kann.