Wenn man in Rom gern studieren mag, so will man hier nur leben; man
vergißt sich und die Welt, und für mich ist es eine wunderliche
Empfindung, nur mit genießenden Menschen umzugehen. Der Ritter
Hamilton, der noch immer als englischer Gesandter hier lebt, hat nun
nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium den
Gipfel aller Natur--und Kunstfreude in einem schönen Mädchen gefunden.
Er hat sie bei sich, eine Engländerin von etwa zwanzig Jahren. Sie
ist sehr schön und wohl gebaut. Er hat ihr ein griechisch Gewand
machen lassen, das sie trefflich kleidet, dazu löst sie ihre Haare auf,
nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen,
Gebärden, Mienen etc., daß man zuletzt wirklich meint, man träume.
Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier
ganz fertig in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend,
knieend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend,
bußfertig, lockend, drohend, ängstlich etc., eins folgt aufs andere
und aus dem andern. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des
Schleiers zu wählen, zu wechseln, und macht sich hundert Arten von
Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter hält das Licht dazu
und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in
ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja
den Belvederschen Apoll selbst. So viel ist gewiß, der Spaß ist
einzig! Wir haben ihn schon zwei Abende genossen. Heute früh malt
sie Tischbein.
Vom Personal des Hofs und den Verhältnissen, was ich erfahren und
kombiniert, muß erst geprüft und geordnet werden. Heute ist der König
auf die Wolfsjagd, man hofft, wenigstens fünfe zu erlegen.
Neapel, zum 17. März.
Wenn ich Worte schreiben will, so stehen mir immer Bilder vor Augen
des fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln, des
rauchenden Berges, und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen.
Hierzulande begreift man erst, wie es dem Menschen einfallen konnte,
das Feld zu bauen, hier, wo der Acker alles bringt, und wo man drei
bis fünf Ernten des Jahres hoffen kann. In den besten Jahren will man
auf demselben Acker dreimal Mais gebaut haben.
Ich habe viel gesehen und noch mehr gedacht: die Welt eröffnet sich
mehr und mehr, auch alles, was ich schon lange weiß, wird mir erst
eigen. Welch ein früh wissendes und spät übendes Geschöpf ist doch
der Mensch!
Nur schade, daß ich nicht in jedem Augenblick meine Beobachtungen
mitteilen kann; zwar ist Tischbein mit mir, aber als Mensch und
Künstler wird er von tausend Gedanken hin und her getrieben, von
hundert Personen in Anspruch genommen. Seine Lage ist eigen und
wunderbar, er kann nicht freien Teil an eines andern Existenz nehmen,
weil er sein eignes Bestreben so eingeengt fühlt.
Und doch ist die Welt nur ein einfach Rad, in dem ganzen Umkreise sich
gleich und gleich, das uns aber so wunderlich vorkommt, weil wir
selbst mit herumgetrieben werden.
Was ich mir immer sagte, ist eingetroffen: daß ich so manche Phänomene
der Natur und manche Verworrenheiten der Meinungen erst in diesem
Lande verstehen und entwickeln lerne. Ich fasse von allen Seiten
zusammen und bringe viel zurück, auch gewiß viel Vaterlandsliebe und
Freude am Leben mit wenigen Freunden.
Über meine sizilianische Reise halten die Götter noch die Waage in
Händen; das Zünglein schlägt herüber und hinüber.
Wer mag der Freund sein, den man mir so geheimnisvoll ankündigt? Daß
ich ihn nur nicht über meiner Irr--und Inselfahrt versäume!
Die Fregatte von Palermo ist wieder zurück, heut über acht Tage geht
sie abermals von hier ab; ob ich noch mitsegele, zur Karwoche nach Rom
zurückkehre, weiß ich nicht. Noch nie bin ich so unentschieden
gewesen; ein Augenblick, eine Kleinigkeit mag entscheiden.
Mit den Menschen geht mir es schon besser, man muß sie nur mit dem
Krämergewicht, keineswegs mit der Goldwaage wiegen, wie es leider
sogar oft Freunde untereinander aus hypochondrischer Grille und
seltsamer Anforderung zu tun pflegen.
Hier wissen die Menschen gar nichts voneinander, sie merken kaum, daß
sie nebeneinander hin und her laufen; sie rennen den ganzen Tag in
einem Paradiese hin und wider, ohne sich viel umzusehen, und wenn der
benachbarte Höllenschlund zu toben anfängt, hilft man sich mit dem
Blute des heiligen Januarius, wie sich die übrige Welt gegen Tod und
Teufel auch wohl mit--Blute hilft oder helfen möchte.
Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen,
ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinander strömt und
doch jeder einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft
und Bewegung fühl' ich mich erst recht still und einsam; je mehr die
Straßen toben, desto ruhiger werd' ich.
Manchmal gedenke ich Rousseaus und seines hypochondrischen Jammers,
und doch wird mir begreiflich, wie eine so schöne Organisation
verschoben werden konnte. Fühlt' ich nicht solchen Anteil an den
natürlichen Dingen und säh' ich nicht, daß in der scheinbaren
Verwirrung hundert Beobachtungen sich vergleichen und ordnen lassen,
wie der Feldmesser mit einer durchgezogenen Linie viele einzelne
Messungen probiert, ich hielte mich oft selbst für toll.
Neapel, den 18. März 1787.
Nun durften wir nicht länger säumen, Herkulanum und die ausgegrabene
Sammlung in Portici zu sehen. Jene alte Stadt, am Fuße des Vesuvs
liegend, war vollkommen mit Lava bedeckt, die sich durch nachfolgende
Ausbrüche erhöhte, so daß die Gebäude jetzt sechzig Fuß unter der Erde
liegen. Man entdeckte sie, indem man einen Brunnen grub und auf
getäfelte Marmorfußböden traf. Jammerschade, daß die Ausgrabung nicht
durch deutsche Bergleute recht planmäßig geschehen; denn gewiß ist bei
einem zufällig räuberischen Nachwühlen manches edle Altertum vergeudet
worden. Man steigt sechzig Stufen hinunter in eine Gruft, wo man das
ehmals unter freiem Himmel stehende Theater bei Fackelschein anstaunt
und sich erzählen läßt, was alles da gefunden und hinaufgeschafft
worden.
In das Museum traten wir wohl empfohlen und wohl empfangen. Doch war
auch uns irgend etwas aufzuzeichnen nicht erlaubt. Vielleicht gaben
wir nur desto besser acht und versetzten uns desto lebhafter in die
verschwundene Zeit, wo alle diese Dinge zu lebendigem Gebrauch und
Genuß um die Eigentümer umherstanden. Jene kleinen Häuser und Zimmer
in Pompeji erschienen mir nun zugleich enger und weiter; enger, weil
ich sie mir von so viel würdigen Gegenständen vollgedrängt dachte,
weiter, weil gerade diese Gegenstände nicht bloß als notdürftig
vorhanden, sondern durch bildende Kunst aufs geistreichste und
anmutigste verziert und belebt den Sinn erfreuen und erweitern, wie es
die größte Hausgeräumigkeit nicht tun könnte.
Man sieht z. B. einen herrlich geformten Eimer, oben mit dem
zierlichsten Rande, näher beschaut schlägt sich dieser Rand von zwei
Seiten in die Höhe, man faßt die verbundenen Halbkreise als Handhabe
und trägt das Gefäß auf das bequemste. Die Lampen sind nach Anzahl
ihrer Dochte mit Masken und Rankenwerk verziert, so daß jede Flamme
ein wirkliches Kunstgebilde erleuchtet. Hohe, schlanke, eherne
Gestelle sind bestimmt, die Lampen zu tragen, aufzuhängende Lampen
hingegen mit allerlei geistreich gedachten Figuren behängt, welche die
Absicht, zu gefallen und zu ergötzen, sobald sie schaukeln und baumeln,
sogar übertreffen.
In Hoffnung, wiederzukehren, folgten wir den Vorzeigenden von Zimmer
zu Zimmer und haschten, wie es der Moment erlaubte, Ergötzung und
Belehrung weg, so gut es sich schicken wollte.
Neapel, Montag, den 19. März 1787.
In den letzten Tagen hat sich ein neues Verhältnis näher angeknüpft.
Nachdem in diesen vier Wochen Tischbein mir sein treues Geleit durch
Natur--und Kunstgegenstände förderlich geleistet und wir gestern noch
zusammen in Portici gewesen, ergab sich aus wechselseitiger
Betrachtung, daß seine Kunstzwecke sowohl als diejenigen Geschäfte,
die er, eine künftige Anstellung in Neapel hoffend, in der Stadt und
bei Hofe zu betreiben pflichtig ist, mit meinen Absichten, Wünschen
und Liebhabereien nicht zu verbinden seien. Er schlug mir daher,
immer für mich besorgt, einen jungen Mann vor als beständigen
Gesellschafter, den ich seit den ersten Tagen öfter sah, nicht ohne
Teilnahme und Neigung. Es ist Kniep, der sich eine Zeitlang in Rom
aufgehalten, sodann sich aber nach Neapel, in das eigentlichste
Element des Landschafters, begeben hatte. Schon in Rom hörte ich ihn
als einen geschickten Zeichner preisen, nur seiner Tätigkeit wollte
man nicht gleiches Lob erteilen. Ich habe ihn schon ziemlich kennen
gelernt und möchte diesen gerügten Mangel eher Unentschlossenheit
nennen, die gewiß zu überwinden ist, wenn wir eine Zeitlang beisammen
sind. Ein glücklicher Anfang bestätigt mir diese Hoffnung, und wenn
es mir nach geht, sollen wir auf geraume Zeit gute Gesellen bleiben.