Caserta, den 16. März 1787

Wenn man in Rom gern studieren mag, so will man hier nur leben; man

vergißt sich und die Welt, und für mich ist es eine wunderliche

Empfindung, nur mit genießenden Menschen umzugehen. Der Ritter

Hamilton, der noch immer als englischer Gesandter hier lebt, hat nun

nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium den

Gipfel aller Natur--und Kunstfreude in einem schönen Mädchen gefunden.

Er hat sie bei sich, eine Engländerin von etwa zwanzig Jahren. Sie

ist sehr schön und wohl gebaut. Er hat ihr ein griechisch Gewand

machen lassen, das sie trefflich kleidet, dazu löst sie ihre Haare auf,

nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen,

Gebärden, Mienen etc., daß man zuletzt wirklich meint, man träume.

Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier

ganz fertig in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend,

knieend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend,

bußfertig, lockend, drohend, ängstlich etc., eins folgt aufs andere

und aus dem andern. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des

Schleiers zu wählen, zu wechseln, und macht sich hundert Arten von

Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter hält das Licht dazu

und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in

ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja

den Belvederschen Apoll selbst. So viel ist gewiß, der Spaß ist

einzig! Wir haben ihn schon zwei Abende genossen. Heute früh malt

sie Tischbein.

Vom Personal des Hofs und den Verhältnissen, was ich erfahren und

kombiniert, muß erst geprüft und geordnet werden. Heute ist der König

auf die Wolfsjagd, man hofft, wenigstens fünfe zu erlegen.

Neapel, zum 17. März.

Wenn ich Worte schreiben will, so stehen mir immer Bilder vor Augen

des fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln, des

rauchenden Berges, und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen.

Hierzulande begreift man erst, wie es dem Menschen einfallen konnte,

das Feld zu bauen, hier, wo der Acker alles bringt, und wo man drei

bis fünf Ernten des Jahres hoffen kann. In den besten Jahren will man

auf demselben Acker dreimal Mais gebaut haben.

Ich habe viel gesehen und noch mehr gedacht: die Welt eröffnet sich

mehr und mehr, auch alles, was ich schon lange weiß, wird mir erst

eigen. Welch ein früh wissendes und spät übendes Geschöpf ist doch

der Mensch!

Nur schade, daß ich nicht in jedem Augenblick meine Beobachtungen

mitteilen kann; zwar ist Tischbein mit mir, aber als Mensch und

Künstler wird er von tausend Gedanken hin und her getrieben, von

hundert Personen in Anspruch genommen. Seine Lage ist eigen und

wunderbar, er kann nicht freien Teil an eines andern Existenz nehmen,

weil er sein eignes Bestreben so eingeengt fühlt.

Und doch ist die Welt nur ein einfach Rad, in dem ganzen Umkreise sich

gleich und gleich, das uns aber so wunderlich vorkommt, weil wir

selbst mit herumgetrieben werden.

Was ich mir immer sagte, ist eingetroffen: daß ich so manche Phänomene

der Natur und manche Verworrenheiten der Meinungen erst in diesem

Lande verstehen und entwickeln lerne. Ich fasse von allen Seiten

zusammen und bringe viel zurück, auch gewiß viel Vaterlandsliebe und

Freude am Leben mit wenigen Freunden.

Über meine sizilianische Reise halten die Götter noch die Waage in

Händen; das Zünglein schlägt herüber und hinüber.

Wer mag der Freund sein, den man mir so geheimnisvoll ankündigt? Daß

ich ihn nur nicht über meiner Irr--und Inselfahrt versäume!

Die Fregatte von Palermo ist wieder zurück, heut über acht Tage geht

sie abermals von hier ab; ob ich noch mitsegele, zur Karwoche nach Rom

zurückkehre, weiß ich nicht. Noch nie bin ich so unentschieden

gewesen; ein Augenblick, eine Kleinigkeit mag entscheiden.

Mit den Menschen geht mir es schon besser, man muß sie nur mit dem

Krämergewicht, keineswegs mit der Goldwaage wiegen, wie es leider

sogar oft Freunde untereinander aus hypochondrischer Grille und

seltsamer Anforderung zu tun pflegen.

Hier wissen die Menschen gar nichts voneinander, sie merken kaum, daß

sie nebeneinander hin und her laufen; sie rennen den ganzen Tag in

einem Paradiese hin und wider, ohne sich viel umzusehen, und wenn der

benachbarte Höllenschlund zu toben anfängt, hilft man sich mit dem

Blute des heiligen Januarius, wie sich die übrige Welt gegen Tod und

Teufel auch wohl mit--Blute hilft oder helfen möchte.

Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen,

ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinander strömt und

doch jeder einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft

und Bewegung fühl' ich mich erst recht still und einsam; je mehr die

Straßen toben, desto ruhiger werd' ich.

Manchmal gedenke ich Rousseaus und seines hypochondrischen Jammers,

und doch wird mir begreiflich, wie eine so schöne Organisation

verschoben werden konnte. Fühlt' ich nicht solchen Anteil an den

natürlichen Dingen und säh' ich nicht, daß in der scheinbaren

Verwirrung hundert Beobachtungen sich vergleichen und ordnen lassen,

wie der Feldmesser mit einer durchgezogenen Linie viele einzelne

Messungen probiert, ich hielte mich oft selbst für toll.

Neapel, den 18. März 1787.

Nun durften wir nicht länger säumen, Herkulanum und die ausgegrabene

Sammlung in Portici zu sehen. Jene alte Stadt, am Fuße des Vesuvs

liegend, war vollkommen mit Lava bedeckt, die sich durch nachfolgende

Ausbrüche erhöhte, so daß die Gebäude jetzt sechzig Fuß unter der Erde

liegen. Man entdeckte sie, indem man einen Brunnen grub und auf

getäfelte Marmorfußböden traf. Jammerschade, daß die Ausgrabung nicht

durch deutsche Bergleute recht planmäßig geschehen; denn gewiß ist bei

einem zufällig räuberischen Nachwühlen manches edle Altertum vergeudet

worden. Man steigt sechzig Stufen hinunter in eine Gruft, wo man das

ehmals unter freiem Himmel stehende Theater bei Fackelschein anstaunt

und sich erzählen läßt, was alles da gefunden und hinaufgeschafft

worden.

In das Museum traten wir wohl empfohlen und wohl empfangen. Doch war

auch uns irgend etwas aufzuzeichnen nicht erlaubt. Vielleicht gaben

wir nur desto besser acht und versetzten uns desto lebhafter in die

verschwundene Zeit, wo alle diese Dinge zu lebendigem Gebrauch und

Genuß um die Eigentümer umherstanden. Jene kleinen Häuser und Zimmer

in Pompeji erschienen mir nun zugleich enger und weiter; enger, weil

ich sie mir von so viel würdigen Gegenständen vollgedrängt dachte,

weiter, weil gerade diese Gegenstände nicht bloß als notdürftig

vorhanden, sondern durch bildende Kunst aufs geistreichste und

anmutigste verziert und belebt den Sinn erfreuen und erweitern, wie es

die größte Hausgeräumigkeit nicht tun könnte.

Man sieht z. B. einen herrlich geformten Eimer, oben mit dem

zierlichsten Rande, näher beschaut schlägt sich dieser Rand von zwei

Seiten in die Höhe, man faßt die verbundenen Halbkreise als Handhabe

und trägt das Gefäß auf das bequemste. Die Lampen sind nach Anzahl

ihrer Dochte mit Masken und Rankenwerk verziert, so daß jede Flamme

ein wirkliches Kunstgebilde erleuchtet. Hohe, schlanke, eherne

Gestelle sind bestimmt, die Lampen zu tragen, aufzuhängende Lampen

hingegen mit allerlei geistreich gedachten Figuren behängt, welche die

Absicht, zu gefallen und zu ergötzen, sobald sie schaukeln und baumeln,

sogar übertreffen.

In Hoffnung, wiederzukehren, folgten wir den Vorzeigenden von Zimmer

zu Zimmer und haschten, wie es der Moment erlaubte, Ergötzung und

Belehrung weg, so gut es sich schicken wollte.

Neapel, Montag, den 19. März 1787.

In den letzten Tagen hat sich ein neues Verhältnis näher angeknüpft.

Nachdem in diesen vier Wochen Tischbein mir sein treues Geleit durch

Natur--und Kunstgegenstände förderlich geleistet und wir gestern noch

zusammen in Portici gewesen, ergab sich aus wechselseitiger

Betrachtung, daß seine Kunstzwecke sowohl als diejenigen Geschäfte,

die er, eine künftige Anstellung in Neapel hoffend, in der Stadt und

bei Hofe zu betreiben pflichtig ist, mit meinen Absichten, Wünschen

und Liebhabereien nicht zu verbinden seien. Er schlug mir daher,

immer für mich besorgt, einen jungen Mann vor als beständigen

Gesellschafter, den ich seit den ersten Tagen öfter sah, nicht ohne

Teilnahme und Neigung. Es ist Kniep, der sich eine Zeitlang in Rom

aufgehalten, sodann sich aber nach Neapel, in das eigentlichste

Element des Landschafters, begeben hatte. Schon in Rom hörte ich ihn

als einen geschickten Zeichner preisen, nur seiner Tätigkeit wollte

man nicht gleiches Lob erteilen. Ich habe ihn schon ziemlich kennen

gelernt und möchte diesen gerügten Mangel eher Unentschlossenheit

nennen, die gewiß zu überwinden ist, wenn wir eine Zeitlang beisammen

sind. Ein glücklicher Anfang bestätigt mir diese Hoffnung, und wenn

es mir nach geht, sollen wir auf geraume Zeit gute Gesellen bleiben.

Italienische Reise — Band 1 · 第 34 / 68 题