Bedenkt man die Entfernung dieses Orts vom Vesuv, so kann die
bedeckende vulkanische Masse weder durch ein Schleudern noch durch
einen Windstoß hierher getrieben sein; man muß sich vielmehr
vorstellen, daß diese Steine und Asche eine Zeitlang wolkenartig in
der Luft geschwebt, bis sie endlich über diesem unglücklichen Orte
niedergegangen.
Wenn man sich nun dieses Ereignis noch mehr versinnlichen will, so
denke man allenfalls ein eingeschneites Bergdorf. Die Räume zwischen
den Gebäuden, ja die zerdrückten Gebäude selbst wurden ausgefüllt,
allein Mauerwerk mochte hier und da noch herausstehen, als früher oder
später der Hügel zu Weinbergen und Gärten benutzt wurde. So hat nun
gewiß mancher Eigentümer, auf seinem Anteil niedergrabend, eine
bedeutende Vorlese gehalten. Mehrere Zimmer fand man leer und in der
Ecke des einen einen Haufen Asche, der mancherlei kleines Hausgeräte
und Kunstarbeiten versteckte.
Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt
wuschen wir wieder aus den Gemütern, als wir, in der Laube zunächst
des Meeres in einem geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl
verzehrten und uns an der Himmelsbläue, an des Meeres Glanz und Licht
ergötzten, in Hoffnung, wenn dieses Fleckchen mit Weinlaub bedeckt
sein würde, uns hier wiederzusehen und uns zusammen zu ergötzen.
Näher an der Stadt fielen mir die kleinen Häuser wieder auf, die als
vollkommene Nachbildungen der pompejanischen dastehen. Wir erbaten
uns die Erlaubnis, in eins hineinzutreten, und fanden es sehr reinlich
eingerichtet. Nett geflochtene Rohrstühle, eine Kommode ganz
vergoldet, mit bunten Blumen staffiert und lackiert, so daß nach so
vielen Jahrhunderten, nach unzähligen Veränderungen diese Gegend ihren
Bewohnern ähnliche Lebensart und Sitte, Neigungen und Liebhabereien
einflößt.
Neapel, Montag, den 12. März.
Heute schlich ich beobachtend meiner Weise nach durch die Stadt und
notierte mir viele Punkte zu dereinstiger Schilderung derselben, davon
ich leider gegenwärtig nichts mitteilen kann. Alles deutet dahin, daß
ein glückliches, die ersten Bedürfnisse reichlich anbietendes Land
auch Menschen von glücklichem Naturell erzeugt, die ohne Kümmernis
erwarten können, der morgende Tag werde bringen, was der heutige
gebracht, und deshalb sorgenlos dahin leben. Augenblickliche
Befriedigung, mäßiger Genuß, vorübergehender Leiden heiteres Dulden!
--Von dem letzteren ein artiges Beispiel.
Der Morgen war kalt und feuchtlich, es hatte wenig geregnet. Ich
gelangte auf einen Platz, wo die großen Quadern des Pflasters reinlich
gekehrt erschienen. Zu meiner großen Verwunderung sah ich auf diesem
völlig ebenen, gleichen Boden eine Anzahl zerlumpter Knaben im Kreise
kauzend, die Hände gegen den Boden gewendet, als wenn sie sich wärmten.
Erst hielt ich's für eine Posse, als ich aber ihre Mienen völlig
ernsthaft und beruhigt sah wie bei einem befriedigten Bedürfnis, so
strengte ich meinen Scharfsinn möglichst an, er wollte mich aber nicht
begünstigen. Ich mußte daher fragen, was denn diese äffchen zu der
sonderbaren Positur verleite und sie in diesen regelmäßigen Kreis
versammle.
Hierauf erfuhr ich, daß ein anwohnender Schmied auf dieser Stelle eine
Radschiene heiß gemacht, welches auf folgende Weise geschieht. Der
eiserne Reif wird auf den Boden gelegt und auf ihn im Kreise so viel
Eichenspäne gehäuft, als man nötig hält, ihn bis auf den
erforderlichen Grad zu erweichen. Das entzündete Holz brennt ab, die
Schiene wird ums Rad gelegt und die Asche sorgfältig weggekehrt. Die
dem Pflaster mitgeteilte Wärme benutzen sogleich die kleinen Huronen
und rühren sich nicht eher von der Stelle, als bis sie den letzten
warmen Hauch ausgezogen haben. Beispiele solcher Genügsamkeit und
aufmerksamen Benutzens dessen, was sonst verlorenginge, gibt es hier
unzählige. Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste
Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.
Abends.
Damit ich ja zur bestimmten Zeit heute bei dem wunderlichen
Prinzeßchen wäre und das Haus nicht verfehlte, berief ich einen
Lohnbedienten. Er brachte mich vor das Hoftor eines großen Palastes,
und da ich ihr keine so prächtige Wohnung zutraute, buchstabierte ich
ihm noch einmal aufs deutlichste den Namen; er versicherte, daß ich
recht sei. Nun fand ich einen geräumigen Hof, einsam und still,
reinlich und leer, von Haupt--und Seitengebäuden umgeben. Bauart die
bekannte heitere neapolitanische, so auch die Färbung. Gegen mir über
ein großes Portal und eine breite, gelinde Treppe. An beiden Seiten
derselben hinaufwärts in kostbarer Livree Bedienten gereiht, die sich,
wie ich an ihnen vorbeistieg, aufs tiefste bückten. Ich schien mir
der Sultan in Wielands Feenmärchen und faßte mir nach dessen Beispiel
ein Herz. Nun empfingen mich die höheren Hausbedienten, bis endlich
der anständigste die Türe eines großen Saals eröffnete, da sich denn
ein Raum vor mir auftat, den ich ebenso heiter, aber auch so
menschenleer fand als das übrige. Beim Auf--und Abgehen erblickte ich
in einer Seitengalerie etwa für vierzig Personen prächtig, dem Ganzen
gemäß eine Tafel bereitet. Ein Weltgeistlicher trat herein; ohne mich
zu fragen, wer ich sei, noch woher ich komme, nahm er meine Gegenwart
als bekannt an und sprach von den allgemeinsten Dingen.
Ein Paar Flügeltüren taten sich auf, hinter einem ältlichen Herrn, der
hereintrat, gleich wieder verschlossen. Der Geistliche ging auf ihn
los, ich auch, wir begrüßten ihn mit wenigen höflichen Worten, die er
mit bellenden, stotternden Tönen erwiderte, so daß ich mir keine Silbe
des hottentottischen Dialekts enträtseln konnte. Als er sich ans
Kamin gestellt, zog sich der Geistliche zurück und ich mit ihm. Ein
stattlicher Benediktiner trat herein, begleitet von einem jüngeren
Gefährten; auch er begrüßte den Wirt, auch er wurde angebellt, worauf
er sich denn zu uns ans Fenster zurückzog. Die Ordensgeistlichen,
besonders die eleganter gekleideten, haben in der Gesellschaft die
größten Vorzüge; ihre Kleidung deutet auf Demut und Entsagung, indem
sie ihnen zugleich entschiedene Würde verleiht. In ihrem Betragen
können sie, ohne sich wegzuwerfen, unterwürfig erscheinen, und dann,
wenn sie wieder strack auf ihren Hüften stehen, kleidet sie eine
gewisse Selbstgefälligkeit sogar wohl, welche man allen übrigen
Ständen nicht zugute gehen ließe. So war dieser Mann. Ich fragte
nach Monte Cassino, er lud mich dahin und versprach mir die beste
Aufnahme. Indessen hatte sich der Saal bevölkert: Offiziere, Hofleute,
Weltgeistliche, ja sogar einige Kapuziner waren gegenwärtig.
Vergebens suchte ich nach einer Dame, und daran sollte es denn auch
nicht fehlen. Abermals ein Paar Flügeltüren taten sich auf und
schlossen sich. Eine alte Dame war hereingetreten, wohl noch älter
als der Herr, und nun gab mir die Gegenwart der Hausfrau die völlige
Versicherung, daß ich in einem fremden Palast, unbekannt völlig den
Bewohnern sei. Schon wurden die Speisen aufgetragen, und ich hielt
mich in der Nähe der geistlichen Herren, um mit ihnen in das Paradies
des Tafelzimmers zu schlüpfen, als auf einmal Filangieri mit seiner
Gemahlin hereintrat, sich entschuldigend, daß er verspätet habe. Kurz
darauf sprang Prinzeßchen auch in den Saal, fuhr unter Knicksen,
Beugungen, Kopfnicken an allen vorbei auf mich los. "Es ist recht
schön, daß Sie Wort halten!" rief sie, "setzen Sie sich bei Tafel zu
mir, Sie sollen die besten Bissen haben. Warten Sie nur! Ich muß mir
erst den rechten Platz aussuchen, dann setzen Sie sich gleich an mich."
So aufgefordert, folgte ich den verschiedenen Winkelzügen, die sie
machte, und wir gelangten endlich zum Sitze, die Benediktiner gerade
gegen uns über, Filangieri an meiner andern Seite.--"Das Essen ist
durchaus gut", sagte sie, "alles Fastenspeisen, aber ausgesucht, das
Beste will ich Ihnen andeuten. Jetzt muß ich aber die Pfaffen scheren.
Die Kerls kann ich nicht ausstehen; sie hucken unserm Hause
tagtäglich etwas ab. Was wir haben, sollten wir selbst mit Freunden
verzehren!"--Die Suppe war herumgegeben, der Benediktiner aß mit
Anstand.--"Bitte, sich nicht zu genieren, Hochwürden", rief sie aus,
"ist etwa der Löffel zu klein? Ich will einen größern holen lassen,
die Herren sind ein tüchtiges Maulvoll gewohnt." Der Pater versetzte,
es sei in ihrem fürstlichen Hause alles so vortrefflich eingerichtet,
daß ganz andere Gäste als er eine vollkommenste Zufriedenheit
empfinden würden.
Von den Pastetchen nahm sich der Pater nur eins, sie rief ihm zu, er
möchte doch ein halb Dutzend nehmen! Blätterteig, wisse er ja,
verdaue sich leicht genug. Der verständige Mann nahm noch ein
Pastetchen, für die gnädige Attention dankend, als habe er den
lästerlichen Scherz nicht vernommen. Und so mußte ihr auch bei einem
derbern Backwerk Gelegenheit werden, ihre Bosheit auszulassen; denn
als der Pater ein Stück anstach und es auf seinen Teller zog, rollte
ein zweites nach.--"Ein drittes", rief sie, "Herr Pater, Sie scheinen
einen guten Grund legen zu wollen!"--"Wenn so vortreffliche
Materialien gegeben sind, hat der Baumeister leicht arbeiten!"
versetzte der Pater.--Und so ging es immer fort, ohne daß sie eine
andere Pause gemacht hätte, als mir gewissenhaft die besten Bissen
zuzuteilen.
Ich sprach indessen mit meinem Nachbar von den ernstesten Dingen.
Überhaupt habe ich Filangieri nie ein gleichgültiges Wort reden hören.
Er gleicht darin wie in manchem andern unserm Freunde Georg Schlosser,
nur daß er als Neapolitaner und Weltmann eine weichere Natur und
einen bequemem Umgang hat.
Die ganze Zeit war den geistlichen Herren von dem Mutwillen meiner
Nachbarin keine Ruhe gegönnt, besonders gaben ihr die zur Fastenzeit
in Fleischgestalt verwandelten Fische unerschöpflichen Anlaß,
gott--und sittenlose Bemerkungen anzubringen, besonders aber auch die
Fleischeslust hervorzuheben und zu billigen, daß man sich wenigstens
an der Form ergötze, wenn auch das Wesen verboten sei.
Ich habe mir noch mehr solcher Scherze gemerkt, die ich jedoch
mitzuteilen nicht Mut habe. Dergleichen mag sich im Leben und aus
einem schönen Munde noch ganz erträglich ausnehmen, schwarz auf weiß
dagegen wollen sie mir selbst nicht mehr gefallen. Und dann hat
freche Verwegenheit das Eigene, daß sie in der Gegenwart erfreut, weil
sie in Erstaunen setzt, erzählt aber erscheint sie uns beleidigend und
widerlich.
Das Dessert war aufgetragen, und ich fürchtete, nun gehe es immer so
fort; unerwartet aber wandte sich meine Nachbarin ganz beruhigt zu mir
und sagte: "Den Syrakuser sollen die Pfaffen in Ruhe verschlucken, es
gelingt mir doch nicht, einen zu Tode zu ärgern, nicht einmal, daß ich
ihnen den Appetit verderben könnte. Nun lassen Sie uns ein
vernünftiges Wort reden! Denn was war das wieder für ein Gespräch mit
Filangieri! Der gute Mann! er macht sich viel zu schaffen. Schon oft
habe ich ihm gesagt: "Wenn ihr neue Gesetze macht, so müssen wir uns
wieder neue Mühe geben, um auszusinnen, wie wir auch die zunächst
übertreten können; bei den alten haben wir es schon weg." Sehen Sie
nur einmal, wie schön Neapel ist; die Menschen leben seit so vielen
Jahren sorglos und vergnügt, und wenn von Zeit zu Zeit einmal einer
gehängt wird, so geht alles übrige seinen herrlichen Gang." Sie tat
mir hierauf den Vorschlag, ich solle nach Sorrent gehen, wo sie ein
großes Gut habe, ihr Haushofmeister werde mich mit den besten Fischen
und dem köstlichsten Milchkalbfleisch (mungana) herausfüttern. Die
Bergluft und die himmlische Aussicht sollten mich von aller
Philosophie kurieren, dann wollte sie selbst kommen, und von den
sämtlichen Runzeln, die ich ohnehin zu früh einreißen lasse, solle
keine Spur übrigbleiben, wir wollten zusammen ein recht lustiges Leben
führen.
Neapel, den 13. März 1787.
Auch heute schreib' ich einige Worte, damit ein Brief den andern
treibe. Es geht mir gut, doch seh' ich weniger, als ich sollte. Der
Ort inspiriert Nachlässigkeit und gemächlich Leben, indessen wird mir
das Bild der Stadt nach und nach runder.
Sonntag waren wir in Pompeji.--Es ist viel Unheil in der Welt
geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.
Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres. Die Häuser sind klein
und eng, aber alle inwendig aufs zierlichste gemalt. Das Stadttor
merkwürdig, mit den Gräbern gleich daran. Das Grab einer Priesterin
als Bank im Halbzirkel mit steinerner Lehne, daran die Inschrift mit
großen Buchstaben eingegraben. Über die Lehne hinaus sieht man das
Meer und die untergehende Sonne. Ein herrlicher Platz, des schönen
Gedankens wert.
Wir fanden gute, muntere neapolitanische Gesellschaft daselbst. Die
Menschen sind durchaus natürlich und leicht gesinnt. Wir aßen zu
Torre dell' Annunziata, zunächst des Meeres tafelnd. Der Tag war
höchst schön, die Aussicht nach Castell a Mare und Sorrent nah und
köstlich. Die Gesellschaft fühlte sich so recht an ihrem Wohnplatz,
einige meinten, es müsse ohne den Anblick des Meers doch gar nicht zu
leben sein. Mir ist schon genug, daß ich das Bild in der Seele habe,
und mag nun wohl gelegentlich wieder in das Bergland zurückkehren.
Glücklicherweise ist ein sehr treuer Landschaftsmaler hier, der das
Gefühl der freien und reichen Umgebung seinen Blättern mitteilt. Er
hat schon einiges für mich gearbeitet.
Die vesuvianischen Produkte hab' ich auch nun gut studiert; es wird
doch alles anders, wenn man es in Verbindung sieht. Eigentlich sollt'
ich den Rest meines Lebens auf Beobachtung wenden, ich würde manches
auffinden, was die menschlichen Kenntnisse vermehren dürfte. Herdern
bitte zu melden, daß meine botanischen Aufklärungen weiter und weiter
gehen; es ist immer dasselbe Prinzip, aber es gehörte ein Leben dazu,
um es durchzuführen. Vielleicht bin ich noch imstande, die
Hauptlinien zu ziehen.
Nun freu' ich mich auf das Museum von Portici. Man sieht es sonst
zuerst, wir werden es zuletzt sehen. Noch weiß ich nicht, wie es
weiter mit mir werden wird: alles will mich auf Ostern nach Rom zurück
haben. Ich will es ganz gehen lassen. Angelika hat aus meiner
"Iphigenie" ein Bild zu malen unternommen; der Gedanke ist sehr
glücklich, und sie wird ihn trefflich ausführen. Den Moment, da sich
Orest in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet. Das,
was die drei Personen hintereinander sprechen, hat sie in eine
gleichzeitige Gruppe gebracht und jene Worte in Gebärden verwandelt.
Man sieht auch hieran, wie zart sie fühlt und wie sie sich zuzueignen
weiß, was in ihr Fach gehört. Und es ist wirklich die Achse des
Stücks.
Lebt wohl und liebt mich! Hier sind mir die Menschen alle gut, wenn
sie auch nichts mit mir anzufangen wissen; Tischbein dagegen
befriedigt sie besser, er malt ihnen abends gleich einige Köpfe in
Lebensgröße vor, wobei und worüber sie sich wie Neuseeländer bei
Erblickung eines Kriegsschiffes gebärden. Hievon sogleich die lustige
Geschichte:
Tischbein hat nämlich die große Gabe, Götter--und Heldengestalten in
Lebensgröße und drüber mit der Feder zu umreißen. Er schraffiert
wenig hinein und legt mit einem breiten Pinsel den Schatten tüchtig an,
so daß der Kopf rund und erhaben dasteht. Die Beiwohnenden schauten
mit Verwunderung, wie das so leicht ablief, und freuten sich recht
herzlich darüber. Nun kam es ihnen in die Finger, auch so malen zu
wollen; sie faßten die Pinsel und--malten sich Bärte wechselsweise und
besudelten sich die Gesichter. Ist darin nicht etwas Ursprüngliches
der Menschengattung? Und es war eine gebildete Gesellschaft in dem
Hause eines Mannes, der selbst recht wacker zeichnet und malt. Man
macht sich von diesem Geschlecht keine Begriffe, wenn man sie nicht
gesehen hat.
Caserta, Mittwoch, den 14. März.
Bei Hackert in seiner höchst behaglichen Wohnung, die ihm in dem alten
Schlosse gegönnt ist. Das neue, freilich ein ungeheurer Palast,
escurialartig, ins Viereck gebaut, mit mehrern Höfen; königlich genug.
Die Lage außerordentlich schön auf der fruchtbarsten Ebene von der
Welt, und doch erstrecken sich die Gartenanlagen bis ans Gebirge. Da
führt nun ein Aquädukt einen ganzen Strom heran, um Schloß und Gegend
zu tränken, und die ganze Wassermasse kann, auf künstlich angelegte
Felsen geworfen, zur herrlichsten Kaskade gebildet werden. Die
Gartenanlagen sind schön und gehören recht in eine Gegend, welche ganz
Garten ist.
Das Schloß, wahrhaft königlich, schien mir nicht genug belebt, und
unsereinem können die ungeheuern leeren Räume nicht behaglich
vorkommen. Der König mag ein ähnliches Gefühl haben, denn es ist im
Gebirge für eine Anlage gesorgt, die, enger an den Menschen sich
anschließend, zur Jagd--und Lebenslust geeignet ist.
Caserta, Donnerstag, den 15. März.
Hackert wohnt im alten Schlosse gar behaglich, es ist räumlich genug
für ihn und Gäste. Immerfort beschäftigt mit Zeichnen oder Malen,
bleibt er doch gesellig und weiß die Menschen an sich zu ziehen, indem
er einen jeden zu seinem Schüler macht. Auch mich hat er ganz
gewonnen, indem er mit meiner Schwäche Geduld hat, vor allen Dingen
auf Bestimmtheit der Zeichnung, sodann auf Sicherheit und Klarheit der
Haltung dringt. Drei Tinten stehen, wenn er tuscht, immer bereit, und
indem er von hinten hervorarbeitet und eine nach der andern braucht,
so entsteht ein Bild, man weiß nicht, woher es kommt. Wenn es nur so
leicht auszuführen wäre, als es aussieht. Er sagte zu mir mit seiner
gewöhnlichen bestimmten Aufrichtigkeit: "Sie haben Anlage, aber Sie
können nichts machen. Bleiben Sie achtzehn Monat bei mir, so sollen
Sie etwas hervorbringen, was Ihnen und andern Freude macht."--Ist das
nicht ein Text, über den man allen Dilettanten eine ewige Predigt
halten sollte? Was sie mir fruchtet, wollen wir erleben.
Von dem besondern Vertrauen, womit ihn die Königin beehrt, zeugt nicht
allein, daß er den Prinzessinnen praktischen Unterricht gibt, sondern
vorzüglich, daß er über Kunst und was daran grenzt abends öfters zu
belehrender Unterhaltung gerufen wird. Er legt dabei Sulzers
Wörterbuch zum Grunde, woraus er nach Belieben und überzeugung einen
oder den andern Artikel wählt.
Ich mußte das billigen und dabei über mich selbst lächeln. Welch ein
Unterschied ist nicht zwischen einem Menschen, der sich von innen aus
auferbauen, und einem, der auf die Welt wirken und sie zum
Hausgebrauch belehren will! Sulzers Theorie war mir wegen ihrer
falschen Grundmaxime immer verhaßt, und nun sah ich, daß dieses Werk
noch viel mehr enthielt, als die Leute brauchen. Die vielen
Kenntnisse, die hier mitgeteilt werden, die Denkart, in welcher ein so
wackrer Mann als Sulzer sich beruhigte, sollten die nicht für
Weltleute hinreichend sein?
Mehrere vergnügte und bedeutende Stunden brachten wir bei dem
Restaurator Andres zu, welcher, von Rom berufen, auch hier in dem
alten Schlosse wohnt und seine Arbeiten, für die sich der König
interessiert, emsig fortsetzt. Von seiner Gewandtheit, alte Bilder
wiederherzustellen, darf ich zu erzählen nicht anfangen, weil man
zugleich die schwere Aufgabe und die glückliche Lösung, womit sich
diese eigene Handwerkskunst beschäftigt, entwickeln müßte.
Caserta, den 16. März 1787.
Die lieben Briefe vom 19. Februar kommen heute mir zur Hand, und
gleich soll ein Wort dagegen abgehen. Wie gerne mag ich, an die
Freunde denkend, zur Besinnung kommen.
Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner
Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich
scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht' ich: "Entweder du
warst sonst toll, oder du bist es jetzt."
Die Reste des alten Capua und was sich daran knüpft, hab' ich nun von
hier aus auch besucht.
In dieser Gegend lernt man erst verstehen, was Vegetation ist und
warum man den Acker baut. Der Lein ist schon nah am Blühen und der
Weizen anderthalb Spannen hoch. Um Caserta das Land völlig eben, die
Acker so gleich und klar gearbeitet wie Gartenbeete. Alles mit
Pappeln besetzt, an denen sich die Rebe hinaufschlingt, und ungeachtet
solcher Beschattung trägt der Boden noch die vollkommenste Frucht.
Wenn nun erst das Frühjahr mit Gewalt eintritt! Bisher haben wir bei
schöner Sonne sehr kalte Winde gehabt, das macht der Schnee in den
Bergen.
In vierzehn Tagen muß sich's entscheiden, ob ich nach Sizilien gehe.
Noch nie bin ich so sonderbar in einem Entschluß hin und her gebogen
worden. Heute kommt etwas, das mir die Reise anrät, morgen ein
Umstand, der sie abrät. Es streiten sich zwei Geister um mich.
Im Vertrauen zu den Freundinnen allein, nicht daß es die Freunde
vernehmen! Ich merke wohl, daß es meiner "Iphigenie" wunderlich
gegangen ist, man war die erste Form so gewohnt, man kannte die
Ausdrücke, die man sich bei öfterm Hören und Lesen zugeeignet hatte;
nun klingt das alles anders, und ich sehe wohl, daß im Grunde mir
niemand für die unendlichen Bemühungen dankt. So eine Arbeit wird
eigentlich nie fertig, man muß sie für fertig erklären, wenn man nach
Zeit und Umständen das möglichste getan hat.
Doch das soll mich nicht abschrecken, mit "Tasso" eine ähnliche
Operation vorzunehmen. Lieber würf' ich ihn ins Feuer, aber ich will
bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders ist, so
wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen. Deshalb ist mir's ganz
angenehm, daß es mit dem Abdruck meiner Schriften so langsam geht.
Und dann ist es doch wieder gut, sich in einiger Ferne vom Setzer
bedroht zu sehen. Wunderlich genug, daß man zu der freisten Handlung
doch einige Nötigung erwartet, ja fordert.