Ausgrabung des Isistempels in Pompeji. Radierung nach Fabris

Bedenkt man die Entfernung dieses Orts vom Vesuv, so kann die

bedeckende vulkanische Masse weder durch ein Schleudern noch durch

einen Windstoß hierher getrieben sein; man muß sich vielmehr

vorstellen, daß diese Steine und Asche eine Zeitlang wolkenartig in

der Luft geschwebt, bis sie endlich über diesem unglücklichen Orte

niedergegangen.

Wenn man sich nun dieses Ereignis noch mehr versinnlichen will, so

denke man allenfalls ein eingeschneites Bergdorf. Die Räume zwischen

den Gebäuden, ja die zerdrückten Gebäude selbst wurden ausgefüllt,

allein Mauerwerk mochte hier und da noch herausstehen, als früher oder

später der Hügel zu Weinbergen und Gärten benutzt wurde. So hat nun

gewiß mancher Eigentümer, auf seinem Anteil niedergrabend, eine

bedeutende Vorlese gehalten. Mehrere Zimmer fand man leer und in der

Ecke des einen einen Haufen Asche, der mancherlei kleines Hausgeräte

und Kunstarbeiten versteckte.

Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt

wuschen wir wieder aus den Gemütern, als wir, in der Laube zunächst

des Meeres in einem geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl

verzehrten und uns an der Himmelsbläue, an des Meeres Glanz und Licht

ergötzten, in Hoffnung, wenn dieses Fleckchen mit Weinlaub bedeckt

sein würde, uns hier wiederzusehen und uns zusammen zu ergötzen.

Näher an der Stadt fielen mir die kleinen Häuser wieder auf, die als

vollkommene Nachbildungen der pompejanischen dastehen. Wir erbaten

uns die Erlaubnis, in eins hineinzutreten, und fanden es sehr reinlich

eingerichtet. Nett geflochtene Rohrstühle, eine Kommode ganz

vergoldet, mit bunten Blumen staffiert und lackiert, so daß nach so

vielen Jahrhunderten, nach unzähligen Veränderungen diese Gegend ihren

Bewohnern ähnliche Lebensart und Sitte, Neigungen und Liebhabereien

einflößt.

Neapel, Montag, den 12. März.

Heute schlich ich beobachtend meiner Weise nach durch die Stadt und

notierte mir viele Punkte zu dereinstiger Schilderung derselben, davon

ich leider gegenwärtig nichts mitteilen kann. Alles deutet dahin, daß

ein glückliches, die ersten Bedürfnisse reichlich anbietendes Land

auch Menschen von glücklichem Naturell erzeugt, die ohne Kümmernis

erwarten können, der morgende Tag werde bringen, was der heutige

gebracht, und deshalb sorgenlos dahin leben. Augenblickliche

Befriedigung, mäßiger Genuß, vorübergehender Leiden heiteres Dulden!

--Von dem letzteren ein artiges Beispiel.

Der Morgen war kalt und feuchtlich, es hatte wenig geregnet. Ich

gelangte auf einen Platz, wo die großen Quadern des Pflasters reinlich

gekehrt erschienen. Zu meiner großen Verwunderung sah ich auf diesem

völlig ebenen, gleichen Boden eine Anzahl zerlumpter Knaben im Kreise

kauzend, die Hände gegen den Boden gewendet, als wenn sie sich wärmten.

Erst hielt ich's für eine Posse, als ich aber ihre Mienen völlig

ernsthaft und beruhigt sah wie bei einem befriedigten Bedürfnis, so

strengte ich meinen Scharfsinn möglichst an, er wollte mich aber nicht

begünstigen. Ich mußte daher fragen, was denn diese äffchen zu der

sonderbaren Positur verleite und sie in diesen regelmäßigen Kreis

versammle.

Hierauf erfuhr ich, daß ein anwohnender Schmied auf dieser Stelle eine

Radschiene heiß gemacht, welches auf folgende Weise geschieht. Der

eiserne Reif wird auf den Boden gelegt und auf ihn im Kreise so viel

Eichenspäne gehäuft, als man nötig hält, ihn bis auf den

erforderlichen Grad zu erweichen. Das entzündete Holz brennt ab, die

Schiene wird ums Rad gelegt und die Asche sorgfältig weggekehrt. Die

dem Pflaster mitgeteilte Wärme benutzen sogleich die kleinen Huronen

und rühren sich nicht eher von der Stelle, als bis sie den letzten

warmen Hauch ausgezogen haben. Beispiele solcher Genügsamkeit und

aufmerksamen Benutzens dessen, was sonst verlorenginge, gibt es hier

unzählige. Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste

Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.

Abends.

Damit ich ja zur bestimmten Zeit heute bei dem wunderlichen

Prinzeßchen wäre und das Haus nicht verfehlte, berief ich einen

Lohnbedienten. Er brachte mich vor das Hoftor eines großen Palastes,

und da ich ihr keine so prächtige Wohnung zutraute, buchstabierte ich

ihm noch einmal aufs deutlichste den Namen; er versicherte, daß ich

recht sei. Nun fand ich einen geräumigen Hof, einsam und still,

reinlich und leer, von Haupt--und Seitengebäuden umgeben. Bauart die

bekannte heitere neapolitanische, so auch die Färbung. Gegen mir über

ein großes Portal und eine breite, gelinde Treppe. An beiden Seiten

derselben hinaufwärts in kostbarer Livree Bedienten gereiht, die sich,

wie ich an ihnen vorbeistieg, aufs tiefste bückten. Ich schien mir

der Sultan in Wielands Feenmärchen und faßte mir nach dessen Beispiel

ein Herz. Nun empfingen mich die höheren Hausbedienten, bis endlich

der anständigste die Türe eines großen Saals eröffnete, da sich denn

ein Raum vor mir auftat, den ich ebenso heiter, aber auch so

menschenleer fand als das übrige. Beim Auf--und Abgehen erblickte ich

in einer Seitengalerie etwa für vierzig Personen prächtig, dem Ganzen

gemäß eine Tafel bereitet. Ein Weltgeistlicher trat herein; ohne mich

zu fragen, wer ich sei, noch woher ich komme, nahm er meine Gegenwart

als bekannt an und sprach von den allgemeinsten Dingen.

Ein Paar Flügeltüren taten sich auf, hinter einem ältlichen Herrn, der

hereintrat, gleich wieder verschlossen. Der Geistliche ging auf ihn

los, ich auch, wir begrüßten ihn mit wenigen höflichen Worten, die er

mit bellenden, stotternden Tönen erwiderte, so daß ich mir keine Silbe

des hottentottischen Dialekts enträtseln konnte. Als er sich ans

Kamin gestellt, zog sich der Geistliche zurück und ich mit ihm. Ein

stattlicher Benediktiner trat herein, begleitet von einem jüngeren

Gefährten; auch er begrüßte den Wirt, auch er wurde angebellt, worauf

er sich denn zu uns ans Fenster zurückzog. Die Ordensgeistlichen,

besonders die eleganter gekleideten, haben in der Gesellschaft die

größten Vorzüge; ihre Kleidung deutet auf Demut und Entsagung, indem

sie ihnen zugleich entschiedene Würde verleiht. In ihrem Betragen

können sie, ohne sich wegzuwerfen, unterwürfig erscheinen, und dann,

wenn sie wieder strack auf ihren Hüften stehen, kleidet sie eine

gewisse Selbstgefälligkeit sogar wohl, welche man allen übrigen

Ständen nicht zugute gehen ließe. So war dieser Mann. Ich fragte

nach Monte Cassino, er lud mich dahin und versprach mir die beste

Aufnahme. Indessen hatte sich der Saal bevölkert: Offiziere, Hofleute,

Weltgeistliche, ja sogar einige Kapuziner waren gegenwärtig.

Vergebens suchte ich nach einer Dame, und daran sollte es denn auch

nicht fehlen. Abermals ein Paar Flügeltüren taten sich auf und

schlossen sich. Eine alte Dame war hereingetreten, wohl noch älter

als der Herr, und nun gab mir die Gegenwart der Hausfrau die völlige

Versicherung, daß ich in einem fremden Palast, unbekannt völlig den

Bewohnern sei. Schon wurden die Speisen aufgetragen, und ich hielt

mich in der Nähe der geistlichen Herren, um mit ihnen in das Paradies

des Tafelzimmers zu schlüpfen, als auf einmal Filangieri mit seiner

Gemahlin hereintrat, sich entschuldigend, daß er verspätet habe. Kurz

darauf sprang Prinzeßchen auch in den Saal, fuhr unter Knicksen,

Beugungen, Kopfnicken an allen vorbei auf mich los. "Es ist recht

schön, daß Sie Wort halten!" rief sie, "setzen Sie sich bei Tafel zu

mir, Sie sollen die besten Bissen haben. Warten Sie nur! Ich muß mir

erst den rechten Platz aussuchen, dann setzen Sie sich gleich an mich."

So aufgefordert, folgte ich den verschiedenen Winkelzügen, die sie

machte, und wir gelangten endlich zum Sitze, die Benediktiner gerade

gegen uns über, Filangieri an meiner andern Seite.--"Das Essen ist

durchaus gut", sagte sie, "alles Fastenspeisen, aber ausgesucht, das

Beste will ich Ihnen andeuten. Jetzt muß ich aber die Pfaffen scheren.

Die Kerls kann ich nicht ausstehen; sie hucken unserm Hause

tagtäglich etwas ab. Was wir haben, sollten wir selbst mit Freunden

verzehren!"--Die Suppe war herumgegeben, der Benediktiner aß mit

Anstand.--"Bitte, sich nicht zu genieren, Hochwürden", rief sie aus,

"ist etwa der Löffel zu klein? Ich will einen größern holen lassen,

die Herren sind ein tüchtiges Maulvoll gewohnt." Der Pater versetzte,

es sei in ihrem fürstlichen Hause alles so vortrefflich eingerichtet,

daß ganz andere Gäste als er eine vollkommenste Zufriedenheit

empfinden würden.

Von den Pastetchen nahm sich der Pater nur eins, sie rief ihm zu, er

möchte doch ein halb Dutzend nehmen! Blätterteig, wisse er ja,

verdaue sich leicht genug. Der verständige Mann nahm noch ein

Pastetchen, für die gnädige Attention dankend, als habe er den

lästerlichen Scherz nicht vernommen. Und so mußte ihr auch bei einem

derbern Backwerk Gelegenheit werden, ihre Bosheit auszulassen; denn

als der Pater ein Stück anstach und es auf seinen Teller zog, rollte

ein zweites nach.--"Ein drittes", rief sie, "Herr Pater, Sie scheinen

einen guten Grund legen zu wollen!"--"Wenn so vortreffliche

Materialien gegeben sind, hat der Baumeister leicht arbeiten!"

versetzte der Pater.--Und so ging es immer fort, ohne daß sie eine

andere Pause gemacht hätte, als mir gewissenhaft die besten Bissen

zuzuteilen.

Ich sprach indessen mit meinem Nachbar von den ernstesten Dingen.

Überhaupt habe ich Filangieri nie ein gleichgültiges Wort reden hören.

Er gleicht darin wie in manchem andern unserm Freunde Georg Schlosser,

nur daß er als Neapolitaner und Weltmann eine weichere Natur und

einen bequemem Umgang hat.

Die ganze Zeit war den geistlichen Herren von dem Mutwillen meiner

Nachbarin keine Ruhe gegönnt, besonders gaben ihr die zur Fastenzeit

in Fleischgestalt verwandelten Fische unerschöpflichen Anlaß,

gott--und sittenlose Bemerkungen anzubringen, besonders aber auch die

Fleischeslust hervorzuheben und zu billigen, daß man sich wenigstens

an der Form ergötze, wenn auch das Wesen verboten sei.

Ich habe mir noch mehr solcher Scherze gemerkt, die ich jedoch

mitzuteilen nicht Mut habe. Dergleichen mag sich im Leben und aus

einem schönen Munde noch ganz erträglich ausnehmen, schwarz auf weiß

dagegen wollen sie mir selbst nicht mehr gefallen. Und dann hat

freche Verwegenheit das Eigene, daß sie in der Gegenwart erfreut, weil

sie in Erstaunen setzt, erzählt aber erscheint sie uns beleidigend und

widerlich.

Das Dessert war aufgetragen, und ich fürchtete, nun gehe es immer so

fort; unerwartet aber wandte sich meine Nachbarin ganz beruhigt zu mir

und sagte: "Den Syrakuser sollen die Pfaffen in Ruhe verschlucken, es

gelingt mir doch nicht, einen zu Tode zu ärgern, nicht einmal, daß ich

ihnen den Appetit verderben könnte. Nun lassen Sie uns ein

vernünftiges Wort reden! Denn was war das wieder für ein Gespräch mit

Filangieri! Der gute Mann! er macht sich viel zu schaffen. Schon oft

habe ich ihm gesagt: "Wenn ihr neue Gesetze macht, so müssen wir uns

wieder neue Mühe geben, um auszusinnen, wie wir auch die zunächst

übertreten können; bei den alten haben wir es schon weg." Sehen Sie

nur einmal, wie schön Neapel ist; die Menschen leben seit so vielen

Jahren sorglos und vergnügt, und wenn von Zeit zu Zeit einmal einer

gehängt wird, so geht alles übrige seinen herrlichen Gang." Sie tat

mir hierauf den Vorschlag, ich solle nach Sorrent gehen, wo sie ein

großes Gut habe, ihr Haushofmeister werde mich mit den besten Fischen

und dem köstlichsten Milchkalbfleisch (mungana) herausfüttern. Die

Bergluft und die himmlische Aussicht sollten mich von aller

Philosophie kurieren, dann wollte sie selbst kommen, und von den

sämtlichen Runzeln, die ich ohnehin zu früh einreißen lasse, solle

keine Spur übrigbleiben, wir wollten zusammen ein recht lustiges Leben

führen.

Neapel, den 13. März 1787.

Auch heute schreib' ich einige Worte, damit ein Brief den andern

treibe. Es geht mir gut, doch seh' ich weniger, als ich sollte. Der

Ort inspiriert Nachlässigkeit und gemächlich Leben, indessen wird mir

das Bild der Stadt nach und nach runder.

Sonntag waren wir in Pompeji.--Es ist viel Unheil in der Welt

geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.

Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres. Die Häuser sind klein

und eng, aber alle inwendig aufs zierlichste gemalt. Das Stadttor

merkwürdig, mit den Gräbern gleich daran. Das Grab einer Priesterin

als Bank im Halbzirkel mit steinerner Lehne, daran die Inschrift mit

großen Buchstaben eingegraben. Über die Lehne hinaus sieht man das

Meer und die untergehende Sonne. Ein herrlicher Platz, des schönen

Gedankens wert.

Wir fanden gute, muntere neapolitanische Gesellschaft daselbst. Die

Menschen sind durchaus natürlich und leicht gesinnt. Wir aßen zu

Torre dell' Annunziata, zunächst des Meeres tafelnd. Der Tag war

höchst schön, die Aussicht nach Castell a Mare und Sorrent nah und

köstlich. Die Gesellschaft fühlte sich so recht an ihrem Wohnplatz,

einige meinten, es müsse ohne den Anblick des Meers doch gar nicht zu

leben sein. Mir ist schon genug, daß ich das Bild in der Seele habe,

und mag nun wohl gelegentlich wieder in das Bergland zurückkehren.

Glücklicherweise ist ein sehr treuer Landschaftsmaler hier, der das

Gefühl der freien und reichen Umgebung seinen Blättern mitteilt. Er

hat schon einiges für mich gearbeitet.

Die vesuvianischen Produkte hab' ich auch nun gut studiert; es wird

doch alles anders, wenn man es in Verbindung sieht. Eigentlich sollt'

ich den Rest meines Lebens auf Beobachtung wenden, ich würde manches

auffinden, was die menschlichen Kenntnisse vermehren dürfte. Herdern

bitte zu melden, daß meine botanischen Aufklärungen weiter und weiter

gehen; es ist immer dasselbe Prinzip, aber es gehörte ein Leben dazu,

um es durchzuführen. Vielleicht bin ich noch imstande, die

Hauptlinien zu ziehen.

Nun freu' ich mich auf das Museum von Portici. Man sieht es sonst

zuerst, wir werden es zuletzt sehen. Noch weiß ich nicht, wie es

weiter mit mir werden wird: alles will mich auf Ostern nach Rom zurück

haben. Ich will es ganz gehen lassen. Angelika hat aus meiner

"Iphigenie" ein Bild zu malen unternommen; der Gedanke ist sehr

glücklich, und sie wird ihn trefflich ausführen. Den Moment, da sich

Orest in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet. Das,

was die drei Personen hintereinander sprechen, hat sie in eine

gleichzeitige Gruppe gebracht und jene Worte in Gebärden verwandelt.

Man sieht auch hieran, wie zart sie fühlt und wie sie sich zuzueignen

weiß, was in ihr Fach gehört. Und es ist wirklich die Achse des

Stücks.

Lebt wohl und liebt mich! Hier sind mir die Menschen alle gut, wenn

sie auch nichts mit mir anzufangen wissen; Tischbein dagegen

befriedigt sie besser, er malt ihnen abends gleich einige Köpfe in

Lebensgröße vor, wobei und worüber sie sich wie Neuseeländer bei

Erblickung eines Kriegsschiffes gebärden. Hievon sogleich die lustige

Geschichte:

Tischbein hat nämlich die große Gabe, Götter--und Heldengestalten in

Lebensgröße und drüber mit der Feder zu umreißen. Er schraffiert

wenig hinein und legt mit einem breiten Pinsel den Schatten tüchtig an,

so daß der Kopf rund und erhaben dasteht. Die Beiwohnenden schauten

mit Verwunderung, wie das so leicht ablief, und freuten sich recht

herzlich darüber. Nun kam es ihnen in die Finger, auch so malen zu

wollen; sie faßten die Pinsel und--malten sich Bärte wechselsweise und

besudelten sich die Gesichter. Ist darin nicht etwas Ursprüngliches

der Menschengattung? Und es war eine gebildete Gesellschaft in dem

Hause eines Mannes, der selbst recht wacker zeichnet und malt. Man

macht sich von diesem Geschlecht keine Begriffe, wenn man sie nicht

gesehen hat.

Caserta, Mittwoch, den 14. März.

Bei Hackert in seiner höchst behaglichen Wohnung, die ihm in dem alten

Schlosse gegönnt ist. Das neue, freilich ein ungeheurer Palast,

escurialartig, ins Viereck gebaut, mit mehrern Höfen; königlich genug.

Die Lage außerordentlich schön auf der fruchtbarsten Ebene von der

Welt, und doch erstrecken sich die Gartenanlagen bis ans Gebirge. Da

führt nun ein Aquädukt einen ganzen Strom heran, um Schloß und Gegend

zu tränken, und die ganze Wassermasse kann, auf künstlich angelegte

Felsen geworfen, zur herrlichsten Kaskade gebildet werden. Die

Gartenanlagen sind schön und gehören recht in eine Gegend, welche ganz

Garten ist.

Das Schloß, wahrhaft königlich, schien mir nicht genug belebt, und

unsereinem können die ungeheuern leeren Räume nicht behaglich

vorkommen. Der König mag ein ähnliches Gefühl haben, denn es ist im

Gebirge für eine Anlage gesorgt, die, enger an den Menschen sich

anschließend, zur Jagd--und Lebenslust geeignet ist.

Caserta, Donnerstag, den 15. März.

Hackert wohnt im alten Schlosse gar behaglich, es ist räumlich genug

für ihn und Gäste. Immerfort beschäftigt mit Zeichnen oder Malen,

bleibt er doch gesellig und weiß die Menschen an sich zu ziehen, indem

er einen jeden zu seinem Schüler macht. Auch mich hat er ganz

gewonnen, indem er mit meiner Schwäche Geduld hat, vor allen Dingen

auf Bestimmtheit der Zeichnung, sodann auf Sicherheit und Klarheit der

Haltung dringt. Drei Tinten stehen, wenn er tuscht, immer bereit, und

indem er von hinten hervorarbeitet und eine nach der andern braucht,

so entsteht ein Bild, man weiß nicht, woher es kommt. Wenn es nur so

leicht auszuführen wäre, als es aussieht. Er sagte zu mir mit seiner

gewöhnlichen bestimmten Aufrichtigkeit: "Sie haben Anlage, aber Sie

können nichts machen. Bleiben Sie achtzehn Monat bei mir, so sollen

Sie etwas hervorbringen, was Ihnen und andern Freude macht."--Ist das

nicht ein Text, über den man allen Dilettanten eine ewige Predigt

halten sollte? Was sie mir fruchtet, wollen wir erleben.

Von dem besondern Vertrauen, womit ihn die Königin beehrt, zeugt nicht

allein, daß er den Prinzessinnen praktischen Unterricht gibt, sondern

vorzüglich, daß er über Kunst und was daran grenzt abends öfters zu

belehrender Unterhaltung gerufen wird. Er legt dabei Sulzers

Wörterbuch zum Grunde, woraus er nach Belieben und überzeugung einen

oder den andern Artikel wählt.

Ich mußte das billigen und dabei über mich selbst lächeln. Welch ein

Unterschied ist nicht zwischen einem Menschen, der sich von innen aus

auferbauen, und einem, der auf die Welt wirken und sie zum

Hausgebrauch belehren will! Sulzers Theorie war mir wegen ihrer

falschen Grundmaxime immer verhaßt, und nun sah ich, daß dieses Werk

noch viel mehr enthielt, als die Leute brauchen. Die vielen

Kenntnisse, die hier mitgeteilt werden, die Denkart, in welcher ein so

wackrer Mann als Sulzer sich beruhigte, sollten die nicht für

Weltleute hinreichend sein?

Mehrere vergnügte und bedeutende Stunden brachten wir bei dem

Restaurator Andres zu, welcher, von Rom berufen, auch hier in dem

alten Schlosse wohnt und seine Arbeiten, für die sich der König

interessiert, emsig fortsetzt. Von seiner Gewandtheit, alte Bilder

wiederherzustellen, darf ich zu erzählen nicht anfangen, weil man

zugleich die schwere Aufgabe und die glückliche Lösung, womit sich

diese eigene Handwerkskunst beschäftigt, entwickeln müßte.

Caserta, den 16. März 1787.

Die lieben Briefe vom 19. Februar kommen heute mir zur Hand, und

gleich soll ein Wort dagegen abgehen. Wie gerne mag ich, an die

Freunde denkend, zur Besinnung kommen.

Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner

Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich

scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht' ich: "Entweder du

warst sonst toll, oder du bist es jetzt."

Die Reste des alten Capua und was sich daran knüpft, hab' ich nun von

hier aus auch besucht.

In dieser Gegend lernt man erst verstehen, was Vegetation ist und

warum man den Acker baut. Der Lein ist schon nah am Blühen und der

Weizen anderthalb Spannen hoch. Um Caserta das Land völlig eben, die

Acker so gleich und klar gearbeitet wie Gartenbeete. Alles mit

Pappeln besetzt, an denen sich die Rebe hinaufschlingt, und ungeachtet

solcher Beschattung trägt der Boden noch die vollkommenste Frucht.

Wenn nun erst das Frühjahr mit Gewalt eintritt! Bisher haben wir bei

schöner Sonne sehr kalte Winde gehabt, das macht der Schnee in den

Bergen.

In vierzehn Tagen muß sich's entscheiden, ob ich nach Sizilien gehe.

Noch nie bin ich so sonderbar in einem Entschluß hin und her gebogen

worden. Heute kommt etwas, das mir die Reise anrät, morgen ein

Umstand, der sie abrät. Es streiten sich zwei Geister um mich.

Im Vertrauen zu den Freundinnen allein, nicht daß es die Freunde

vernehmen! Ich merke wohl, daß es meiner "Iphigenie" wunderlich

gegangen ist, man war die erste Form so gewohnt, man kannte die

Ausdrücke, die man sich bei öfterm Hören und Lesen zugeeignet hatte;

nun klingt das alles anders, und ich sehe wohl, daß im Grunde mir

niemand für die unendlichen Bemühungen dankt. So eine Arbeit wird

eigentlich nie fertig, man muß sie für fertig erklären, wenn man nach

Zeit und Umständen das möglichste getan hat.

Doch das soll mich nicht abschrecken, mit "Tasso" eine ähnliche

Operation vorzunehmen. Lieber würf' ich ihn ins Feuer, aber ich will

bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders ist, so

wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen. Deshalb ist mir's ganz

angenehm, daß es mit dem Abdruck meiner Schriften so langsam geht.

Und dann ist es doch wieder gut, sich in einiger Ferne vom Setzer

bedroht zu sehen. Wunderlich genug, daß man zu der freisten Handlung

doch einige Nötigung erwartet, ja fordert.

Italienische Reise — Band 1 · 第 33 / 68 题