Übrigens war der Berg ganz still. Weder Flamme, noch Brausen, noch
Steinwurf, wie er doch die ganze Zeit her trieb. Ich habe ihn nun
rekognosziert, um ihn förmlich, sobald das Wetter gut werden will, zu
belagern.
Die Laven, die ich fand, waren mir meist bekannte Gegenstände. Ein
Phänomen hab' ich aber entdeckt, das mir sehr merkwürdig schien und
das ich näher untersuchen, nach welchem ich mich bei Kennern und
Sammlern erkundigen will. Es ist eine tropfsteinförmige Bekleidung
einer vulkanischen Esse, die ehemals zugewölbt war, jetzt aber
aufgeschlagen ist und aus dem alten, nun ausgefüllten Krater
herausragt. Dieses feste, grauliche, tropfsteinförmige Gestein
scheint mir durch Sublimation der allerfeinsten vulkanischen
Ausdünstungen ohne Mitwirkung von Feuchtigkeit und ohne Schmelzung
gebildet worden zu sein; es gibt zu weitern Gedanken Gelegenheit.
Heute, den dritten März, ist der Himmel bedeckt und ein Scirocco weht;
zum Posttage gutes Wetter.
Sehr gemischte Menschen, schöne Pferde und wunderliche Fische habe ich
hier übrigens schon genug gesehn.
Von der Lage der Stadt und ihren Herrlichkeiten, die so oft
beschrieben und belobt sind, kein Wort. "Vedi Napoli e poi muori!"
sagen sie hier. "Siehe Neapel und stirb!"
Neapel, den 3. März.
Daß kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, daß ihre Dichter
von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln
singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch noch ein paar
Vesuve in der Nachbarschaft stünden. Man mag sich hier an Rom gar
nicht zurückerinnern; gegen die hiesige freie Lage kommt einem die
Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes, übelplaciertes
Kloster vor.
Das See--und Schiffwesen gewährt auch ganz neue Zustände. Die
Fregatte nach Palermo ging mit reiner, starker Tramontane gestern ab.
Diesmal hat sie gewiß nicht über sechsunddreißig Stunden auf der Fahrt
zugebracht. Mit welcher Sehnsucht sah ich den vollen Segeln nach, als
das Schiff zwischen Capri und Kap Minerva durchfuhr und endlich
verschwand. Wenn man jemand Geliebtes so fortfahren sähe, müßte man
vor Sehnsucht sterben! Jetzt weht der Scirocco; wenn der Wind stärker
wird, werden die Wellen um den Molo lustig genug sein.
Heute, als an einem Freitage, war die große Spazierfahrt des Adels, wo
jeder seine Equipagen, besonders Pferde, produziert. Man kann
unmöglich etwas Zierlicheres sehen als diese Geschöpfe hier; es ist
das erste Mal in meinem Leben, daß mir das Herz gegen sie aufgeht.
Neapel, den 3. März.
Hier schick' ich einige gedrängte Blätter als Nachricht von dem
Einstande, den ich hier gegeben. Auch ein an der Ecke angeschmauchtes
Kuvert eures letzten Briefes zum Zeugnis, daß er mit auf dem Vesuv
gewesen. Doch muß ich euch nicht, weder im Traume noch im Wachen, von
Gefahr umgeben erscheinen; seid versichert, da, wo ich gehe, ist nicht
mehr Gefahr als auf der Chaussee nach Belvedere. Die Erde ist überall
des Herrn! kann man wohl bei dieser Gelegenheit sagen. Ich suche
keine Abenteuer aus Vorwitz noch Sonderbarkeit, aber weil ich meist
klar bin und dem Gegenstand bald seine Eigentümlichkeit abgewinne, so
kann ich mehr tun und wagen als ein anderer. Nach Sizilien ist's
nichts weniger als gefährlich. Vor einigen Tagen fuhr die Fregatte
nach Palermo mit günstigem Nordostwind ab, sie ließ Capri rechts und
hat gewiß den Weg in sechsunddreißig Stunden zurückgelegt. Drüben
sieht es auch in der Wirklichkeit nicht so gefährlich aus, als man es
in der Ferne zu machen beliebt.
Vom Erdbeben spürt man jetzt im untern Teile von Italien gar nichts,
im obern ward neulich Rimini und naheliegende Orte beschädigt. Es hat
wunderliche Launen, man spricht hier davon wie von Wind und Wetter und
in Thüringen von Feuersbrünsten.
Mich freut, daß ihr nun mit der neuen Bearbeitung der "Iphigenia" euch
befreundet; noch lieber wäre mir's, wenn euch der Unterschied
fühlbarer geworden wäre. Ich weiß, was ich daran getan habe, und darf
davon reden, weil ich es noch weiter treiben könnte. Wenn es eine
Freude ist, das Gute zu genießen, so ist es eine größere, das Bessere
zu empfinden, und in der Kunst ist das Beste gut genug.
Neapel, den 5. März.
Den zweiten Fastensonntag benutzten wir, von Kirche zu Kirche zu
wandern. Wie in Rom alles höchst ernsthaft ist, so treibt sich hier
alles lustig und wohlgemut. Auch die neapolitanische Malerschule
begreift man nur zu Neapel. Hier sieht man mit Verwunderung die ganze
Vorderseite einer Kirche von unten bis oben gemalt, über der Türe
Christus, der die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinaustreibt, welche
zu beiden Seiten, munter und zierlich erschreckt, die Treppen
herunterpurzeln. Innerhalb einer andern Kirche ist der Raum über dem
Eingang reichhaltig mit einem Freskogemälde geziert, die Vertreibung
Heliodors vorstellend. Luca Giordano mußte sich freilich sputen, um
solche Flächen auszufüllen. Auch die Kanzel ist nicht immer wie
anderwärts ein Katheder, Lehrstuhl für eine einzelne Person, sondern
eine Galerie, auf welcher ich einen Kapuziner hin und her schreiten
und bald von dem einen, bald von dem andern Ende dem Volk seine
Sündhaftigkeit vorhalten sah. Was wäre da nicht alles zu erzählen!
Aber weder zu erzählen noch zu beschreiben ist die Herrlichkeit einer
Vollmondnacht, wie wir sie genossen, durch die Straßen über die Plätze
wandelnd, auf der Chiaja, dem unermeßlichen Spaziergang, sodann am
Meeresufer hin und wider. Es übernimmt einen wirklich das Gefühl von
Unendlichkeit des Raums. So zu träumen ist denn doch der Mühe wert.
Neapel, den 5. März 1787.
Von einem trefflichen Manne, den ich diese Tage kennen gelernt, muß
ich kürzlich das Allgemeinste erwähnen. Es ist Ritter Filangieri,
bekannt durch sein Werk über die Gesetzgebung. Er gehört zu den
ehrwürdigen jungen Männern, welche das Glück der Menschen und eine
löbliche Freiheit derselben im Auge behalten. An seinem Betragen kann
man den Soldaten, den Ritter und Weltmann erkennen, gemildert ist
jedoch dieser Anstand durch den Ausdruck eines zarten sittlichen
Gefühls, welches, über die ganze Person verbreitet, aus Wort und Wesen
gar anmutig hervorleuchtet. Auch er ist seinem Könige und dessen
Königreich im Herzen verbündet, wenn er auch nicht alles billigt, was
geschieht; aber auch er ist gedrückt durch die Furcht vor Joseph dem
Zweiten. Das Bild eines Despoten, wenn es auch nur in der Luft
schwebt, ist edlen Menschen schon fürchterlich. Er sprach mit mir
ganz offen, was Neapel von jenem zu fürchten habe. Er unterhält sich
gern über Montesquieu, Beccaria, auch über seine eigenen Schriften,
alles in demselben Geiste des besten Wollens und einer herzlichen
jugendlichen Lust, das Gute zu wirken. Er mag noch in den Dreißigen
stehen.
Gar bald machte er mich mit einem alten Schriftsteller bekannt, an
dessen unergründlicher Tiefe sich diese neuern italienischen
Gesetzfreunde höchlich erquicken und erbauen, er heißt Johann Baptista
Vico, sie ziehen ihn dem Montesquieu vor. Bei einem flüchtigen
Überblick des Buches, das sie mir als ein Heiligtum mitteilten, wollte
mir scheinen, hier seien sibyllinische Vorahnungen des Guten und
Rechten, das einst kommen soll oder sollte, gegründet auf ernste
Betrachtungen des überlieferten und des Lebens. Es ist gar schön,
wenn ein Volk solch einen ältervater besitzt; den Deutschen wird einst
Hamann ein ähnlicher Kodex werden.
Neapel, den 6. März 1787.
Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit, begleitete Tischbein
mich heute auf den Vesuv. Ihm, dem bildenden Künstler, der sich nur
immer mit den schönsten Menschen--und Tierformen beschäftigt, ja das
Ungeformte selbst, Felsen und Landschaften, durch Sinn und Geschmack
vermenschlicht, ihm wird eine solche furchtbare, ungestalte Aufhäufung,
die sich immer wieder selbst verzehrt und allem Schönheitsgefühl den
Krieg ankündigt, ganz abscheulich vorkommen.
Wir fuhren auf zwei Kalessen, weil wir uns als Selbstführer durch das
Gewühl der Stadt nicht durchzuwinden getrauten. Der Fahrende schreit
unaufhörlich: "Platz, Platz!", damit Esel, Holz oder Kehricht Tragende,
entgegenrollende Kalessen, lastschleppende oder frei wandelnde
Menschen, Kinder und Greise sich vorsehen, ausweichen, ungehindert
aber der scharfe Trab fortgesetzt werde.
Der Weg durch die äußersten Vorstädte und Gärten sollte schon auf
etwas Plutonisches hindeuten. Denn da es lange nicht geregnet, waren
von dickem, aschgrauem Staube die von Natur immergrünen Blätter
überdeckt, alle Dächer, Gurtgesimse und was nur irgend eine Fläche bot,
gleichfalls übergraut, so daß nur der herrliche blaue Himmel und die
hereinscheinende mächtige Sonne ein Zeugnis gab, daß man unter den
Lebendigen wandle.
Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und
ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der
zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich; denn ein
solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der
Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an einem Stabe auf
seinen eigenen Füßen desto leichter emporhilft.
So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt,
gegen Norden die Trümmer der Somma.
Ein Blick westwärts über die Gegend nahm wie ein heilsames Bad alle
Schmerzen der Anstrengung und alle Müdigkeit hinweg, und wir
umkreisten nunmehr den immer qualmenden, Stein und Asche auswerfenden
Kegelberg. Solange der Raum gestattete, in gehöriger Entfernung zu
bleiben, war es ein großes, geisterhebendes Schauspiel. Erst ein
gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlunde hervortönte, sodann
Steine, größere und kleinere, zu Tausenden in die Luft geschleudert,
von Aschenwolken eingehüllt. Der größte Teil fiel in den Schlund
zurück. Die andern, nach der Seite zu getriebenen Brocken, auf die
Außenseite des Kegels niederfallend, machten ein wunderbares Geräusch:
erst plumpten die schwereren und hupften mit dumpfem Getön an die
Kegelseite hinab, die geringeren klapperten hinterdrein, und zuletzt
rieselte die Asche nieder. Dieses alles geschah in regelmäßigen
Pausen, die wir durch ein ruhiges Zählen sehr wohl abmessen konnten.
Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug,
schon fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang
unerfreulich. Tischbein fühlte sich nunmehr auf dem Berge noch
verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden, häßlich zu sein,
auch noch gefährlich werden wollte.
Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den
Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte
ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei
Eruptionen den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in
diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen. Ich ratschlagte hierüber mit
den Führern unter einem überhängenden Felsen der Somma, wo wir, in
Sicherheit gelagert, uns an den mitgebrachten Vorräten erquickten.
Der jüngere getraute sich, das Wagestück mit mir zu bestehen, unsere
Hutköpfe fütterten wir mit leinenen und seidenen Tüchern, wir stellten
uns bereit, die Stäbe in der Hand, ich seinen Gürtel fassend.
Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die
Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Gerölle
hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch
eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des
Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch
einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie und da geborstene
Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich,
aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas
herauszusehen. Das ruhige Zählen war versäumt, wir standen auf einem
scharfen Rande vor dem ungeheuern Abgrund. Auf einmal erscholl der
Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns
unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen
gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne
zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die
Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am
Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert.
Von Tischbein aufs freundlichste empfangen, gescholten und erquickt,
konnte ich nun den älteren und neueren Laven eine besondere
Aufmerksamkeit widmen. Der betagte Führer wußte genau die Jahrgänge
zu bezeichnen. Ältere waren schon mit Asche bedeckt und ausgeglichen,
neuere, besonders die langsam geflossenen, boten einen seltsamen
Anblick; denn indem sie, fortschleichend, die auf ihrer Oberfläche
erstarrten Massen eine Zeitlang mit sich hinschleppen, so muß es doch
begegnen, daß diese von Zeit zu Zeit stocken, aber, von den
Glutströmen noch fortbewegt, übereinander geschoben, wunderbar zackig
erstarrt verharren, seltsamer als im ähnlichen Fall die übereinander
getriebenen Eisschollen. Unter diesem geschmolzenen wüsten Wesen
fanden sich auch große Blöcke, welche, angeschlagen, auf dem frischen
Bruch einer Urgebirgsart völlig ähnlich sehen. Die Führer behaupteten,
es seien alte Laven des tiefsten Grundes, welche der Berg manchmal
auswerfe.
Auf unserer Rückkehr nach Neapel wurden mir kleine Häuser merkwürdig,
einstöckig, sonderbar gebaut, ohne Fenster, die Zimmer nur durch die
auf die Straße gehende Türe erleuchtet. Von früher Tageszeit bis in
die Nacht sitzen die Bewohner davor, da sie sich denn zuletzt in ihre
Höhlen zurückziehen.
Die auf eine etwas verschiedene Weise am Abend tumultuierende Stadt
entlockte mir den Wunsch, einige Zeit hier verweilen zu können, um das
bewegliche Bild nach Kräften zu entwerfen. Es wird mir nicht so wohl
werden.
Neapel, Mittwoch, den 7. März 1787.
Und so hat mir diese Woche Tischbein redlich einen großen Teil der
Kunstschätze von Neapel gezeigt und ausgelegt. Er, ein trefflicher
Tierkenner und Zeichner, machte mich schon früher aufmerksam auf einen
Pferdekopf von Erz im Palast Colombrano. Wir gingen heute dahin.
Dieser Kunstrest steht gerade der Torfahrt gegenüber im Hofe in einer
Nische über einem Brunnen und setzt in Erstaunen; was muß das Haupt
erst mit den übrigen Gliedern, zu einem Ganzen verbunden, für Wirkung
getan haben! Das Pferd im ganzen war viel größer als die auf der
Markuskirche, auch läßt hier das Haupt, näher und einzeln beschaut,
Charakter und Kraft nur desto deutlicher erkennen und bewundern. Der
prächtige Stirnknochen, die schnaubende Nase, die aufmerkenden Ohren,
die starre Mähne! Ein mächtig aufgeregtes, kräftiges Geschöpf.
Wir kehrten uns um, eine weibliche Statue zu bemerken, die über dem
Torwege in einer Nische stand. Sie wird für die Nachbildung einer
Tänzerin schon von Winckelmann gehalten, wie denn solche Künstlerinnen
in lebendiger Bewegung auf das mannigfaltigste dasjenige vorstellen,
was die bildenden Meister uns als erstarrte Nymphen und Göttinnen
aufbewahren. Sie ist sehr leicht und schön, der Kopf war abgebrochen,
ist aber gut wieder aufgesetzt, übrigens nichts daran versehrt, und
verdiente wohl einen bessern Platz.
Neapel, den 9. März.
Heute erhalte ich die liebsten Briefe vom 16. Februar. Schreibet nur
immer fort. Ich habe meine Zwischenposten wohl bestellt und werde es
auch tun, wenn ich weitergehen sollte. Gar sonderbar kommt es mir vor,
in so großer Entfernung zu lesen, daß die Freunde nicht
zusammenkommen, und doch ist oft nichts natürlicher, als daß man nicht
zusammenkommt, wenn man so nahe beisammen ist.
Das Wetter hat sich verdunkelt, es ist im Wechseln, das Frühjahr tritt
ein, und wir werden Regentage haben. Noch ist der Gipfel des Vesuvs
nicht heiter geworden, seit ich droben war. Diese letzten Nächte sah
man ihn manchmal flammen, jetzt hält er wieder inne, man erwartet
stärkeren Ausbruch.
Die Stürme dieser Tage haben uns ein herrliches Meer gezeigt, da
ließen sich die Wellen in ihrer würdigen Art und Gestalt studieren;
die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen
Gehalt bietet. Dagegen gibt mir das Theater gar keine Freude mehr.
Sie spielen hier in den Fasten geistliche Opern, die sich von den
weltlichen in gar nichts unterscheiden, als daß keine Ballette
zwischen den Akten eingeschaltet sind; übrigens aber so bunt als
möglich. Im Theater St. Carlo führen sie auf: "Zerstörung von
Jerusalem durch Nebukadnezar". Mir ist es ein großer Guckkasten; es
scheint, ich bin für solche Dinge verdorben.
Heute waren wir mit dem Fürsten von Waldeck auf Capo di Monte, wo die
große Sammlung von Gemälden, Münzen u. d. g. sich befindet, nicht
angenehm aufgestellt, doch kostbare Sachen. Mir bestimmen und
bestätigen sich nunmehr so viele Traditionsbegriffe. Was von Münzen,
Gemmen, Vasen einzeln wie die gestutzten Zitronenbäume nach Norden
kommt, sieht in Masse hier ganz anders aus, da, wo diese Schätze
einheimisch sind. Denn wo Werke der Kunst rar sind, gibt auch die
Rarität ihnen einen Wert, hier lernt man nur das Würdige schätzen.
Sie bezahlen jetzt großes Geld für die etrurischen Vasen, und gewiß
finden sich schöne und treffliche Stücke darunter. Kein Reisender,
der nicht etwas davon besitzen wollte. Man schlägt sein Geld nicht so
hoch an als zu Hause, ich fürchte, selbst noch verführt zu werden.
Neapel, Freitag, den 9. März 1787.
Das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch
Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. Als
ich von Capo di Monte zurückkam, machte ich noch einen Abendbesuch bei
Filangieri, wo ich auf dem Kanapee neben der Hausfrau ein Frauenzimmer
sitzend fand, deren äußeres mir nicht zu dem vertraulichen Betragen zu
passen schien, dem sie sich ganz ohne Zwang hingab. In einem leichten,
gestreiften, seidenen Fähnchen, den Kopf wunderlich aufgeputzt, sah
die kleine, niedliche Figur einer Putzmacherin ähnlich, die, für die
Zierde anderer sorgend, ihrem eigenen Aussehen wenig Aufmerksamkeit
schenkt. Sie sind so gewohnt, ihre Arbeit bezahlt zu sehen, daß sie
nicht begreifen, wie sie für sich selbst etwas gratis tun sollen.
Durch meinen Eintritt ließ sie sich in ihrem Plaudern nicht stören und
brachte eine Menge possierliche Geschichten vor, welche ihr dieser
Tage begegnet oder vielmehr durch ihre Strudeleien veranlaßt worden.
Die Dame vom Hause wollte mir auch zum Wort verhelfen, sprach über die
herrliche Lage von Capo di Monte und die Schätze daselbst. Das
muntere Weibchen dagegen sprang in die Höhe und war, auf ihren Füßen
stehend, noch artiger als zuvor. Sie empfahl sich, rannte nach der
Türe und sagte mir im Vorbeigehen: "Filangieris kommen diese Tage zu
mir zu Tische, ich hoffe, Sie auch zu sehen!" Fort war sie, ehe ich
noch zusagen konnte. Nun vernahm ich, es sei die Prinzessin ***, mit
dem Hause nah verwandt. Filangieris waren nicht reich und lebten in
anständiger Einschränkung. So dacht' ich mir das Prinzeßchen auch, da
ohnehin solche hohe Titel in Neapel nicht selten sind. Ich merkte mir
den Namen, Tag und Stunde und zweifelte nicht, mich am rechten Orte zu
gehöriger Zeit einzufinden.