Neapel, den 27. Februar 1787

Gestern bracht' ich den Tag in Ruhe zu, um eine kleine körperliche

Unbequemlichkeit erst abzuwarten, heute ward geschwelgt und die Zeit

mit Anschauung der herrlichsten Gegenstände zugebracht. Man sage,

erzähle, male, was man will, hier ist mehr als alles. Die Ufer,

Buchten und Busen des Meeres, der Vesuv, die Stadt, die Vorstädte, die

Kastelle, die Lusträume!--Wir sind auch noch abends in die Grotte des

Posilipo gegangen, da eben die untergehende Sonne zur andern Seite

hereinschien. Ich verzieh es allen, die in Neapel von Sinnen kommen,

und erinnerte mich mit Rührung meines Vaters, der einen

unauslöschlichen Eindruck besonders von denen Gegenständen, die ich

heut zum erstenmal sah, erhalten hatte. Und wie man sagt, daß einer,

dem ein Gespenst erschienen, nicht wieder froh wird, so konnte man

umgekehrt von ihm sagen, daß er nie ganz unglücklich werden konnte,

weil er sich immer wieder nach Neapel dachte. Ich bin nun nach meiner

Art ganz stille und mache nur, wenn's gar zu toll wird, große, große

Augen.

Neapel, den 28. Februar 1787.

Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berühmten Landschaftsmaler,

der eines besondern Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs

und der Königin genießt. Man hat ihm einen Flügel des Palasts

Francavilla eingeräumt, den er mit Künstlergeschmack möblieren ließ

und mit Zufriedenheit bewohnt. Es ist ein sehr bestimmter, kluger

Mann, der bei unausgesetztem Fleiß das Leben zu genießen versteht.

Dann gingen wir ans Meer und sahen allerlei Fische und wunderliche

Gestalten aus den Wellen ziehen. Der Tag war herrlich, die Tramontane

leidlich.

Neapel, den 1. März.

Schon in Rom hatte man meinem eigensinnigen Einsiedlersinne, mehr als

mir lieb war, eine gesellige Seite abgewonnen. Freilich scheint es

ein wunderlich Beginnen, daß man in die Welt geht, um allein bleiben

zu wollen. So hatte ich denn auch dem Fürsten von Waldeck nicht

widerstehen können, der mich aufs freundlichste einlud und durch Rang

und Einfluß mir Teilnahme an manchem Guten verschaffte. Kaum waren

wir in Neapel angekommen, wo er sich schon eine Zeitlang aufhielt, als

er uns einladen ließ, mit ihm eine Fahrt nach Pozzuoli und der

anliegenden Gegend zu machen. Ich dachte heute schon auf den Vesuv,

Tischbein aber nötigt mich zu jener Fahrt, die, an und für sich

angenehm, bei dem schönsten Wetter in Gesellschaft eines so

vollkommenen und unterrichteten Fürsten sehr viel Freude und Nutzen

verspricht. Auch haben wir schon in Rom eine schöne Dame gesehen,

nebst ihrem Gemahl von dem Fürsten unzertrennlich; diese soll

gleichfalls von der Partie sein, und man hofft alles Erfreuliche.

Auch bin ich dieser edlen Gesellschaft durch frühere Unterhaltung

genauer bekannt. Der Fürst nämlich fragte bei unserer ersten

Bekanntschaft, womit ich mich jetzt beschäftige, und meine "Iphigenia"

war mir so gegenwärtig, daß ich sie einen Abend umständlich genug

erzählen konnte. Man ging drauf ein; aber ich glaubte doch zu merken,

daß man etwas Lebhafteres, Wilderes von mir erwartet hatte.

Abends.

Von dem heutigen Tage wäre schwerlich Rechenschaft zu geben. Wer hat

es nicht erfahren, daß die flüchtige Lesung eines Buchs, das ihn

unwiderstehlich fortriß, auf sein ganzes Leben den größten Einfluß

hatte und schon die Wirkung entschied, zu der Wiederlesen und

ernstliches Betrachten kaum in der Folge mehr hinzutun konnte. So

ging es mir einst mit "Sakontala", und geht es uns mit bedeutenden

Menschen nicht gleicherweise? Eine Wasserfahrt bis Pozzuoli, leichte

Landfahrten, heitere Spaziergänge durch die wundersamste Gegend von

der Welt. Unterm reinsten Himmel der unsicherste Boden. Trümmern

undenkbarer Wohlhäbigkeit, zerlästert und unerfreulich. Siedende

Wasser, Schwefel aushauchende Grüfte, dem Pflanzenleben widerstrebende

Schlackenberge, kahle, widerliche Räume und dann doch zuletzt eine

immer üppige Vegetation, eingreifend, wo sie nur irgend vermag, sich

über alles Ertötete erhebend, um Landseen und Bäche umher, ja, den

herrlichsten Eichwald an den Wänden eines alten Kraters behauptend.

Und so wird man zwischen Natur--und Völkerereignissen hin und wider

getrieben. Man wünscht zu denken und fühlt sich dazu zu ungeschickt.

Indessen lebt der Lebendige lustig fort, woran wir es denn auch nicht

fehlen ließen. Gebildete Personen, der Welt und ihrem Wesen

angehörend, aber auch, durch ernstes Geschick gewarnt, zu

Betrachtungen aufgelegt. Unbegrenzter Blick über Land, Meer und

Himmel, zurückgerufen in die Nähe einer liebenswürdigen jungen Dame,

Huldigung anzunehmen gewohnt und geneigt.

Unter allem diesem Taumel jedoch verfehlt' ich nicht, manches

anzumerken. Zu künftiger Redaktion wird die an Ort und Stelle

benutzte Karte und eine flüchtige Zeichnung von Tischbein die beste

Hülfe geben; heute ist mir nicht möglich, auch nur das mindeste

hinzuzufügen.

Italienische Reise — Band 1 · 第 29 / 68 题