Der Vesuv. Zeichnung von Goethe

Der Vesuv blieb uns immer zur linken Seite, gewaltsam dampfend, und

ich war still für mich erfreut, daß ich diesen merkwürdigen Gegenstand

endlich auch mit Augen sah. Der Himmel ward immer klärer, und zuletzt

schien die Sonne recht heiß in unsere enge rollende Wohnung. Bei ganz

rein heller Atmosphäre kamen wir Neapel näher; und nun fanden wir uns

wirklich in einem andern Lande. Die Gebäude mit flachen Dächern

deuten auf eine andere Himmelsgegend, inwendig mögen sie nicht sehr

freundlich sein. Alles ist auf der Straße, sitzt in der Sonne, so

lange sie scheinen will. Der Neapolitaner glaubt, im Besitz des

Paradieses zu sein, und hat von den nördlichen Ländern einen sehr

traurigen Begriff: "Sempre neve, case di legno, gran ignoranza, ma

danari assai." Solch ein Bild machen sie sich von unserm Zustande.

Zur Erbauung sämtlicher deutschen Völkerschaften heißt diese

Charakteristik übersetzt: "Immer Schnee, hölzerne Häuser, große

Unwissenheit; aber Geld genug."

Neapel selbst kündigt sich froh, frei und lebhaft an, unzählige

Menschen rennen durcheinander, der König ist auf der Jagd, die Königin

guter Hoffnung, und so kann's nicht besser gehn.

Neapel, Montag, den 26. Februar.

"Alla Locanda del Sgr. Moriconi al Largo del Castello". Unter dieser

ebenso heiter als prächtig klingenden Aufschrift würden uns Briefe aus

allen vier Teilen der Welt nunmehr auffinden. In der Gegend des am

Meere liegenden großen Kastells erstreckt sich eine große Weitung, die

man, obgleich von allen vier Seiten mit Häusern umgeben, nicht Platz,

sondern Weite (largo) genannt hat, wahrscheinlicherweise von den

ersten Zeiten her, da dieses noch ein unbegrenztes Feld war. Hier nun

tritt an der einen Seite ein großes Eckhaus herein, und wir faßten Fuß

in einem geräumigen Ecksaale, der einen freien und frohen Überblick

über die immer bewegte Fläche gewährt. Ein eiserner Balkon zieht sich

außen an mehrern Fenstern vorbei, selbst um die Ecke hin. Man würde

davon nicht wegkommen, wenn der scharfe Wind nicht äußerst fühlbar

wäre.

Der Saal ist munter dekoriert, besonders aber die Decke, deren

Arabesken in hundert Abteilungen schon die Nähe von Pompeji und

Herculanum verkünden. Das wäre nun alles schön und gut, aber keine

Feuerstätte, kein Kamin ist zu bemerken, und der Februar übt denn doch

auch hier seine Rechte. Ich sehnte mich nach einiger Erwärmung.

Man brachte mir einen Dreifuß, von der Erde dergestalt erhöht, daß man

die Hände bequem drüber halten konnte. Auf demselben war ein flaches

Becken befestigt, dieses enthielt ganz zarte glühende Kohlen, gar

glatt mit Asche bedeckt. Hier gilt es nun haushältig sein, wie wir es

in Rom schon gelernt. Mit dem Ohr eines Schlüssels zieht man von Zeit

zu Zeit die oberflächliche Asche behutsam weg, so daß von den Kohlen

wieder etwas an die freie Luft gelange. Wollte man jedoch ungeduldig

die Glut aufwühlen, so würde man einen Augenblick größere Wärme spüren,

aber sehr bald die ganze Glut erschöpft haben, da denn das Becken

abermals gegen Erlegung einer gewissen Summe zu füllen wäre.

Ich befand mich nicht ganz wohl und hätte freilich mehr Bequemlichkeit

gewünscht. Eine Schilfmatte diente gegen die Einflüsse des Estrichs;

Pelze sind nicht gewöhnlich, und ich entschloß mich, eine

Schifferkutte, die wir aus Scherz mitgenommen hatten, anzuziehen, die

mir gute Dienste leistete, besonders nachdem ich sie mit einem

Kofferstrick um den Leib befestigt hatte, da ich mir denn als

Mittelding zwischen Matrosen und Kapuziner sehr komisch vorkommen

mußte. Tischbein, der von Besuchen bei Freunden zurückkehrte, konnte

sich des Lachens nicht enthalten.

Italienische Reise — Band 1 · 第 28 / 68 题