Wir gingen von da auf die Logen Raffaels, und kaum darf ich sagen, daß
man diese nicht ansehen durfte. Das Auge war von jenen großen Formen
und der herrlichen Vollendung aller Teile so ausgeweitet und verwöhnt,
daß man die geistreichen Spielereien der Arabesken nicht ansehen
mochte, und die biblischen Geschichten, so schön sie sind, hielten auf
jene nicht Stich. Diese Werke nun öfter gegeneinander zu sehen, mit
mehr Muße und ohne Vorurteil zu vergleichen, muß eine große Freude
gewähren; denn anfangs ist doch alle Teilnahme nur einseitig.
Von da schlichen wir, fast bei zu warmem Sonnenschein, auf die Villa
Pamfili, wo sehr schöne Gartenpartien sind, und blieben bis an den
Abend. Eine große, mit immergrünen Eichen und hohen Pinien eingefaßte
flache Wiese war ganz mit Maßlieben übersäet, die ihre Köpfchen alle
nach der Sonne wendeten; nun gingen meine botanischen Spekulationen an,
denen ich den andern Tag auf einem Spaziergange nach dem Monte Mario,
der Villa Melini und Villa Madama weiter nachhing. Es ist gar
interessant, zu bemerken, wie eine lebhaft fortgesetzte und durch
starke Kälte nicht unterbrochene Vegetation wirkt; hier gibt's keine
Knospen, und man lernt erst begreifen, was eine Knospe sei. Der
Erdbeerbaum (arbutus unedo) blüht jetzt wieder, indem seine letzten
Früchte reif werden, und so zeigt sich der Orangenbaum mit Blüten,
halb und ganz reifen Früchten (doch werden letztere Bäume, wenn sie
nicht zwischen Gebäuden stehen, nun bedeckt). Über die Zypresse, den
respektabelsten Baum, wenn er recht alt und wohl gewachsen ist, gibt's
genug zu denken. Ehstens werd' ich den botanischen Garten besuchen
und hoffe, da manches zu erfahren. Überhaupt ist mit dem neuen Leben,
das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes
gewährt, nichts zu vergleichen. Ob ich gleich noch immer derselbe bin,
so mein' ich, bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.
Für diesmal schließ' ich und werde das nächste Blatt einmal ganz von
Unheil, Mord, Erdbeben und Unglück anfüllen, daß doch auch Schatten in
meine Gemälde komme.
Den 3. Dezember.
Die Witterung hat bisher meist von sechs zu sechs Tagen abgewechselt.
Zwei ganz herrliche, ein trüber, zwei bis drei Regentage und dann
wieder schöne. Ich suche jeden nach seiner Art aufs beste zu nutzen.
Doch immer sind mir noch diese herrlichen Gegenstände wie neue
Bekanntschaften. Man hat nicht mit ihnen gelebt, ihnen ihre
Eigentümlichkeiten nicht abgewonnen. Einige reißen uns mit Gewalt an
sich, daß man eine Zeitlang gleichgültig, ja ungerecht gegen andere
wird. So hat z. B. das Pantheon, der Apoll von Belvedere, einige
kolossale Köpfe und neuerlich die Sixtinische Kapelle so mein Gemüt
eingenommen, daß ich daneben fast nichts mehr sehe. Wie will man sich
aber klein wie man ist und ans Kleine gewohnt, diesem Edlen,
Ungeheuren, Gebildeten gleichstellen? Und wenn man es einigermaßen
zurechtrücken möchte, so drängt sich abermals eine ungeheure Menge von
allen Seiten zu, begegnet dir auf jedem Schritt, und jedes fordert für
sich den Tribut der Aufmerksamkeit. Wie will man sich da
herausziehen? Anders nicht, als daß man es geduldig wirken und
wachsen läßt und fleißig auf das merkt, was andere zu unsern Gunsten
gearbeitet haben.
Winckelmanns Kunstgeschichte, übersetzt von Fea, die neue Ausgabe, ist
ein sehr brauchbares Werk, das ich gleich angeschafft habe und hier am
Orte in guter, auslegender und belehrender Gesellschaft sehr nützlich
finde.
Auch die römischen Altertümer fangen mich an zu freuen. Geschichte,
Inschriften, Münzen, von denen ich sonst nichts wissen mochte, alles
drängt sich heran. Wie mir's in der Naturgeschichte erging, geht es
auch hier, denn an diesen Ort knüpft sich die ganze Geschichte der
Welt an, und ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre
Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat.
Den 5. Dezember.
In den wenigen Wochen, da ich hier bin, habe ich schon manchen Fremden
kommen und gehen sehen und mich über die Leichtigkeit verwundert, mit
welcher so viele diese würdigen Gegenstände behandeln. Gott sei Dank,
daß mir von diesen Zugvögeln künftig keiner mehr imponiert, wenn er
mir im Norden von Rom spricht, keiner mir die Eingeweide mehr erregt;
denn ich hab's doch auch gesehn und weiß schon einigermaßen, woran ich
bin.
Den 8. Dezember.
Wir haben mitunter die schönsten Tage. Der Regen, der von Zeit zu
Zeit fällt, macht Gras und Gartenkräuter grün. Die immergrünen Bäume
stehen auch hier hin und wieder, so daß man das abgefallene Laub der
übrigen kaum vermißt. In den Gärten stehen Pomeranzenbäume voller
Früchte, aus der Erde wachsend und unbedeckt.
Von einer sehr angenehmen Spazierfahrt, die wir ans Meer machten, und
von dem Fischfang daselbst dachte ich umständlich zu erzählen, als
abends der gute Moritz hereinreitend den Arm brach, indem sein Pferd
auf dem glatten römischen Pflaster ausglitschte. Das zerstörte die
ganze Freude und brachte in unsern kleinen Zirkel ein böses Hauskreuz.
Rom, den 13. Dezember.
Wie herzlich freut es mich, daß ihr mein Verschwinden so ganz, wie ich
wünschte, genommen habt. Versöhnt mir nun auch jedes Gemüt, das daran
dürfte Anstoß genommen haben. Ich habe niemand kränken wollen und
kann nun auch nichts sagen, um mich zu rechtfertigen. Gott behüte
mich, daß ich jemals mit den Prämissen zu diesem Entschlusse einen
Freund betrübe.
Ich erhole mich nun hier nach und nach von meinem salto mortale und
studiere mehr, als daß ich genieße. Rom ist eine Welt, und man
braucht Jahre, um sich nur erst drinnen gewahr zu werden. Wie
glücklich find' ich die Reisenden, die sehen und gehn.
Heute früh fielen mir Winckelmanns Briefe, die er aus Italien schrieb,
in die Hand. Mit welcher Rührung hab' ich sie zu lesen angefangen!
Vor einunddreißig Jahren, in derselben Jahreszeit kam er, ein noch
ärmerer Narr als ich, hier her, ihm war es auch so deutsch Ernst um
das Gründliche und Sichere der Altertümer und der Kunst. Wie brav und
gut arbeitete er sich durch! Und was ist mir nun aber auch das
Andenken dieses Mannes auf diesem Platze!
Außer den Gegenständen der Natur, die in allen ihren Teilen wahr und
konsequent ist, spricht doch nichts so laut als die Spur eines guten,
verständigen Mannes, als die echte Kunst, die ebenso folgerecht ist
als jene. Hier in Rom kann man das recht fühlen, wo so manche
Willkürlichkeit gewütet hat, wo so mancher Unsinn durch Macht und Geld
verewigt worden.
Eine Stelle in Winckelmanns Brief an Franken freute mich besonders:
"Man muß alle Sachen in Rom mit einem gewissen Phlegma suchen, sonst
wird man für einen Franzosen gehalten. In Rom, glaub' ich, ist die
hohe Schule für alle Welt, und auch ich bin geläutert und geprüft."
Das Gesagte paßt recht auf meine Art, den Sachen hier nachzugehn, und
gewiß, man hat außer Rom keinen Begriff, wie man hier geschult wird.
Man muß sozusagen wiedergeboren werden, und man sieht auf seine
vorigen Begriffe wie auf Kinderschuhe zurück. Der gemeinste Mensch
wird hier zu etwas, wenigstens gewinnt er einen ungemeinen Begriff,
wenn es auch nicht in sein Wesen übergehen kann.
Dieser Brief kommt euch zum neuen Jahre, alles Glück zum Anfange, vor
Ende sehn wir uns wieder, und das wird keine geringe Freude sein. Das
vergangene war das wichtigste meines Lebens; ich mag nun sterben oder
noch eine Weile dauern, in beiden Fällen war es gut. Jetzt noch ein
Wort an die Kleinen.
Den Kindern mögt ihr folgendes lesen oder erzählen: Man merkt den
Winter nicht, die Gärten sind mit immergrünen Bäumen bepflanzt, die
Sonne scheint hell und warm, Schnee sieht man nur auf den
entferntesten Bergen gegen Norden. Die Zitronenbäume, die in den
Gärten an den Wänden gepflanzt sind, werden nun nach und nach mit
Decken von Rohr überdeckt, die Pomeranzenbäume aber bleiben frei
stehen. Es hängen viele Hunderte der schönsten Früchte an so einem
Baum, der nicht wie bei uns beschnitten und in einen Kübel gepflanzt
ist, sondern in der Erde frei und froh in einer Reihe mit seinen
Brüdern steht. Man kann sich nichts Lustigeres denken als einen
solchen Anblick. Für ein geringes Trinkgeld ißt man deren so viel man
will. Sie sind schon jetzt recht gut, im März werden sie noch besser
sein.
Neulich waren wir am Meere und ließen einen Fischzug tun; da kamen die
wunderlichsten Gestalten zum Vorschein an Fischen, Krebsen und
seltsamen Unformen; auch der Fisch, der dem Berührenden einen
elektrischen Schlag gibt.
Den 20. Dezember.
Und doch ist das alles mehr Mühe und Sorge als Genuß. Die
Wiedergeburt, die mich von innen heraus umarbeitet, wirkt immer fort.
Ich dachte wohl, hier was Rechts zu lernen; daß ich aber so weit in
die Schule zurückgehen, daß ich so viel verlernen, ja durchaus
umlernen müßte, dachte ich nicht. Nun bin ich aber einmal überzeugt
und habe mich ganz hingegeben, und je mehr ich mich selbst verleugnen
muß, desto mehr freut es mich. Ich bin wie ein Baumeister, der einen
Turm aufführen wollte und ein schlechtes Fundament gelegt hatte; er
wird es noch beizeiten gewahr und bricht gern wieder ab, was er schon
aus der Erde gebracht hat, seinen Grundriß sucht er zu erweitern, zu
veredeln, sich seines Grundes mehr zu versichern, und freut sich schon
im voraus der gewissern Festigkeit des künftigen Baues. Gebe der
Himmel, daß bei meiner Rückkehr auch die moralischen Folgen an mir zu
fühlen sein möchten, die mir das Leben in einer weitern Welt gebracht
hat. Ja, es ist zugleich mit dem Kunstsinn der sittliche, welcher
große Erneuerung leidet.
Doktor Münter ist hier, von seiner Reise nach Sizilien zurückkehrend,
ein energischer, heftiger Mann, seine Zwecke kenne ich nicht. Er wird
im Mai zu euch kommen und mancherlei zu erzählen wissen. Er reiste
zwei Jahr in Italien. Mit den Italienern ist er unzufrieden, welche
die bedeutenden Empfehlungsschreiben, die er mitgebracht, und die ihm
manches Archiv, manche geheime Bibliothek eröffnen sollten, nicht
genugsam respektiert, so daß er nicht völlig zu seinen Wünschen
gelangt.
Schöne Münzen hat er gesammelt und besitzt, wie er mir sagte, ein
Manuskript, welches die Münzwissenschaft auf scharfe Kennzeichen, wie
die Linnéschen sind, zurückführt. Herder erkundigt sich wohl mehr
darum, vielleicht wird eine Abschrift erlaubt. So etwas zu machen,
ist möglich, gut, wenn es gemacht ist, und wir müssen doch auch, früh
oder spat, in dieses Fach ernstlicher hinein.
Goethe am Fenster seiner Wohnung in Rom. Tuschezeichnung von
Tischbein
Den 25. Dezember.
Ich fange nun schon an, die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo
denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des
Wertes der Sache auflöst. Um den höchsten Begriff dessen, was die
Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur
vollkommenen Freiheit gelangen.
Der Marmor ist ein seltsames Material, deswegen ist Apoll von
Belvedere im Urbilde so grenzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch
des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet
gleich im besten Gipsabguß.
Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo in
einer hohen und schönen Gesichtsform über Lebensgröße das ängstliche
Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze
schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht
übriggeblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der
Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gips sieht
immer dagegen kreidenhaft und tot.
Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gipsgießer
hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus
der Form hervorgehen sieht und dadurch ganz neue Ansichten der
Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man nebeneinander, was sich in
Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich
ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines
Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl
beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann,
und der uns bei aller seiner Großheit und Würde das lustigste
Geschichtchen veranlaßt hat.
Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen
hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und
hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig
und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Türe und ruft mich,
eilig zu kommen und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage, was es sei,
erwiderte sie, die Katze bete Gott-Vater an. Sie habe diesem Tiere
wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses
aber sei doch ein großes Wunder. Ich eilte, mit eigenen Augen zu
sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem
hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so
daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch
gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und
reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte,
gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit
beleckte und sich weder durch die Interjektion der Wirtin noch durch
meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ
ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht
dadurch, daß dieses scharf riechende Tier wohl das Fett möchte gespürt
haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt
und dort verhalten hatte.
Den 29. Dezember 1786.
Von Tischbein muß ich noch vieles erzählen und rühmen, wie ganz
original deutsch er sich aus sich selbst herausbildete, sodann aber
dankbar melden, daß er die Zeit seines zweiten Aufenthalts in Rom über
für mich gar freundschaftlich gesorgt hat, indem er mir eine Reihe
Kopien nach den besten Meistern fertigen ließ, einige in schwarzer
Kreide, andere in Sepia und Aquarell, die erst in Deutschland, wo man
von den Originalen entfernt ist, an Wert gewinnen und mich an das
Beste erinnern werden.
Auf seiner Künstlerlaufbahn, da er sich erst zum Porträt bestimmte,
kam Tischbein mit bedeutenden Männern, besonders auch zu Zürich, in
Berührung und hat an ihnen sein Gefühl gestärkt und seine Einsicht
erweitert.
Den zweiten Teil der "Zerstreuten Blätter" brachte ich mit hieher und
war doppelt willkommen. Wie gut dies Büchlein auch bei wiederholtem
Lesen wirkt, sollte wohl Herder zu seiner Belohnung recht umständlich
erfahren. Tischbein wollte gar nicht begreifen, wie man so etwas habe
schreiben können, ohne in Italien gewesen zu sein.
Den 29. Dezember.
In diesem Künstlerwesen lebt man wie in einem Spiegelzimmer, wo man
auch wider Willen sich selbst und andere oft wiederholt sieht. Ich
bemerkte wohl, daß Tischbein mich öfters aufmerksam betrachtete, und
nun zeigt sich's, daß er mein Porträt zu malen gedenkt. Sein Entwurf
ist fertig, er hat die Leinwand schon aufgespannt. Ich soll in
Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier
Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die
tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma
überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere
nordischen Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das
Porträt aber wird keinen Platz finden.
Den 29. Dezember.
Wieviel Versuche man übrigens macht, mich aus meiner Dunkelheit
herauszuziehen, wie die Poeten mir schon ihre Sachen vorlesen oder
vorlesen lassen, wie es nur von mir abhinge, eine Rolle zu spielen,
irrt mich nicht und ist mir unterhaltend genug, da ich schon abgepaßt
habe, wo es in Rom hinaus will. Denn die vielen kleinen Zirkel zu den
Füßen der Herrscherin der Welt deuten hie und da auf etwas
Kleinstädtisches.
Ja, es ist hier wie allenthalben, und was mit mir und durch mich
geschehen könnte, macht mir schon Langeweile, ehe es geschieht. Man
muß sich zu einer Partei schlagen, ihre Leidenschaften und Kabalen
verfechten helfen, Künstler und Dilettanten loben, Mitwerber
verkleinern, sich von Großen und Reichen alles gefallen lassen. Diese
sämtliche Litanei, um derentwillen man aus der Welt laufen möchte,
sollte ich hier mitbeten und ganz ohne Zweck?
Nein, ich gehe nicht tiefer, als nur um das auch zu kennen und dann
auch von dieser Seite zu Hause zufrieden zu sein und mir und andern
alle Lust in die liebe weite Welt zu benehmen. Ich will Rom sehen,
das bestehende, nicht das mit jedem Jahrzehnt vorübergehende. Hätte
ich Zeit, ich wollte sie besser anwenden. Besonders liest sich
Geschichte von hier aus ganz anders als an jedem Orte der Welt.
Anderwärts liest man von außen hinein, hier glaubt man, von innen
hinaus zu lesen, es lagert sich alles um uns her und geht wieder aus
von uns. Und das gilt nicht allein von der römischen Geschichte,
sondern von der ganzen Weltgeschichte. Kann ich doch von hier aus die
Eroberer bis an die Weser und bis an den Euphrat begleiten oder, wenn
ich ein Maulaffe sein will, die zurückkehrenden Triumphatoren in der
heiligen Straße erwarten, indessen habe ich mich von Korn--und
Geldspenden genährt und nehme behaglich teil an aller dieser
Herrlichkeit.
Den 2. Januar 1787.
Man mag zugunsten einer schriftlichen und mündlichen überlieferung
sagen, was man will, in den wenigsten Fällen ist sie hinreichend, denn
den eigentlichen Charakter irgendeines Wesens kann sie doch nicht
mitteilen, selbst nicht in geistigen Dingen. Hat man aber erst einen
sichern Blick getan, dann mag man gerne lesen und hören, denn das
schließt sich an an den lebendigen Eindruck; nun kann man denken und
beurteilen.
Ihr habt mich oft ausgespottet und zurückziehen wollen, wenn ich
Steine, Kräuter und Tiere mit besonderer Neigung aus gewissen
entschiedenen Gesichtspunkten betrachtete: nun richte ich meine
Aufmerksamkeit auf den Baumeister, Bildhauer und Maler und werde mich
auch hier finden lernen.
Den 6. Januar.
Eben komme ich von Moritz, dessen geheilter Arm heute aufgebunden
worden. Es steht und geht recht gut. Was ich diese vierzig Tage bei
diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und Vertrauter, als
Finanzminister und geheimer Sekretär erfahren und gelernt, mag uns in
der Folge zugute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten
Genüsse gingen diese Zeit her immer einander zur Seite.
Zu meiner Erquickung habe ich gestern einen Ausguß des kolossalen
Junokopfes, wovon das Original in der Villa Ludovisi steht, in den
Saal gestellt. Es war dieses meine erste Liebschaft in Rom, und nun
besitz' ich sie. Keine Worte geben eine Ahnung davon. Es ist wie ein
Gesang Homers.
Ich habe aber auch für die Zukunft die Nähe einer so guten
Gesellschaft wohl verdient, denn ich kann nun vermelden, daß
"Iphigenia" endlich fertig geworden ist, d. h. daß sie in zwei
ziemlich gleichlautenden Exemplaren vor mir auf dem Tische liegt,
wovon das eine nächstens zu euch wandern soll. Nehmt es freundlich
auf, denn freilich steht nicht auf dem Papiere, was ich gesollt, wohl
aber kann man erraten, was ich gewollt habe.
Ihr beklagtet euch schon einigemal über dunkle Stellen meiner Briefe,
die auf einen Druck hindeuten, den ich unter den herrlichsten
Erscheinungen erleide. Hieran hatte diese griechische Reisegefährtin
nicht geringen Anteil, die mich zur Tätigkeit nötigte, wenn ich hätte
schauen sollen.
Ich erinnerte mich jenes trefflichen Freundes, der sich auf eine große
Reise eingerichtet hatte, die man wohl eine Entdeckungsreise hätte
nennen können. Nachdem er einige Jahre darauf studiert und
ökonomisiert, fiel es ihm zuletzt noch ein, die Tochter eines
angesehenen Hauses zu entführen, weil er dachte, es ging' in einem hin.
Ebenso frevelhaft entschloß ich mich, "Iphigenien" nach Karlsbad
mitzunehmen. An welchem Orte ich mich besonders mit ihr unterhalten,
will ich kürzlich aufzeichnen.
Als ich den Brenner verließ, nahm ich sie aus dem größten Paket und
steckte sie zu mir. Am Gardasee, als der gewaltige Mittagswind die
Wellen ans Ufer trieb, wo ich wenigstens so allein war als meine
Heldin am Gestade von Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen
Bearbeitung, die ich in Verona, Vicenz, Padua, am fleißigsten aber in
Venedig fortsetzte. Sodann aber geriet die Arbeit in Stocken, ja, ich
ward auf eine neue Erfindung geführt, nämlich "Iphigenia auf Delphi"
zu schreiben, welches ich auch sogleich getan hätte, wenn nicht die
Zerstreuung und ein Pflichtsgefühl gegen das ältere Stück mich
abgehalten hätte.
In Rom aber ging die Arbeit in geziemender Stetigkeit fort. Abends
beim Schlafengehen bereitete ich mich aufs morgende Pensum, welches
denn sogleich beim Erwachen angegriffen wurde. Mein Verfahren dabei
war ganz einfach: ich schrieb das Stück ruhig ab und ließ es Zeile vor
Zeile, Period vor Period regelmäßig erklingen. Was daraus entstanden
ist, werdet ihr beurteilen. Ich habe dabei mehr gelernt als getan.
Mit dem Stücke selbst erfolgen noch einige Bemerkungen.
Den 6. Januar.
Daß ich auch einmal wieder von kirchlichen Dingen rede, so will ich
erzählen, daß wir die Christnacht herumschwärmten und die Kirchen
besuchten, wo Funktionen gehalten werden. Eine besonders ist sehr
besucht, deren Orgel und Musik überhaupt so eingerichtet ist, daß zu
einer Pastoral-Musik nichts an Klängen abgeht, weder die Schalmeien
der Hirten, noch das Zwitschern der Vögel, noch das Blöken der Schafe.
Am ersten Christfeste sah ich den Papst und die ganze Klerisei in der
Peterskirche, da er zum Teil vor dem Thron, zum Teil vom Thron herab
das Hochamt hielt. Es ist ein einziges Schauspiel in seiner Art,
prächtig und würdig genug, ich bin aber im protestantischen
Diogenismus so alt geworden, daß mir diese Herrlichkeit mehr nimmt als
gibt; ich möchte auch wie mein frommer Vorfahre zu diesen geistlichen
Weltüberwindern sagen: "Verdeckt mir doch nicht die Sonne höherer
Kunst und reiner Menschheit."
Heute, als am Dreikönigsfeste, habe ich die Messe nach griechischem
Ritus vortragen sehen und hören. Die Zeremonien scheinen mir
stattlicher, strenger, nachdenklicher und doch populärer als die
lateinischen.
Auch da hab' ich wieder gefühlt, daß ich für alles zu alt bin, nur
fürs Wahre nicht. Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und
Ballette, es fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir
herunter. Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang,
von Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst wie die viel verehrte
Juno machen tiefen und bleibenden Eindruck.
Nun graut mir schon vor dem Theaterwesen. Die nächste Woche werden
sieben Bühnen eröffnet. Anfossi ist selbst hier und gibt "Alexander
in Indien"; auch wird ein "Cyrus" gegeben und die "Eroberung von
Troja" als Ballett. Das wäre was für die Kinder.
Den 10. Januar.
Hier folgt denn also das Schmerzenskind, denn dieses Beiwort verdient
"Iphigenia", aus mehr als einem Sinne. Bei Gelegenheit, daß ich sie
unsern Künstlern vorlas, strich ich verschiedene Zeilen an, von denen
ich einige nach meiner überzeugung verbesserte, die andern aber
stehenlasse, ob vielleicht Herder ein paar Federzüge hineintun will.
Ich habe mich daran ganz stumpf gearbeitet.
Denn warum ich die Prosa seit mehreren Jahren bei meinen Arbeiten
vorzog, daran war doch eigentlich schuld, daß unsere Prosodie in der
größten Unsicherheit schwebt, wie denn meine einsichtigen, gelehrten,
mitarbeitenden Freunde die Entscheidung mancher Fragen dem Gefühl, dem
Geschmack anheimgeben, wodurch man denn doch aller Richtschnur
ermangelte.
"Iphigenia" in Jamben zu übersetzen, hätte ich nie gewagt, wäre mir in
Moritzens "Prosodie" nicht ein Leitstern erschienen. Der Umgang mit
dem Verfasser, besonders während seines Krankenlagers, hat mich noch
mehr darüber aufgeklärt, und ich ersuche die Freunde, darüber mit
Wohlwollen nachzudenken.
Es ist auffallend, daß wir in unserer Sprache nur wenige Silben finden,
die entschieden kurz oder lang sind. Mit den andern verfährt man
nach Geschmack oder Willkür. Nun hat Moritz ausgeklügelt, daß es eine
gewisse Rangordnung der Silben gebe, und daß die dem Sinne nach
bedeutendere gegen eine weniger bedeutende lang sei und jene kurz
mache, dagegen aber auch wieder kurz werden könne, wenn sie in die
Nähe von einer andern gerät, welche mehr Geistesgewicht hat. Hier ist
denn doch ein Anhalten, und wenn auch damit nicht alles getan wäre, so
hat man doch indessen einen Leitfaden, an dem man sich hinschlingen
kann. Ich habe diese Maxime öfters zu Rate gezogen und sie mit meiner
Empfindung übereinstimmend getroffen.
Da ich oben von einer Vorlesung sprach, so muß ich doch auch, wie es
damit zugegangen, kürzlich erwähnen. Diese jungen Männer, an jene
früheren, heftigen, vordringenden Arbeiten gewöhnt, erwarteten etwas
Berlichingisches und konnten sich in den ruhigen Gang nicht gleich
finden; doch verfehlten die edlen und reinen Stellen nicht ihre
Wirkung. Tischbein, dem auch diese fast gänzliche Entäußerung der
Leidenschaft kaum zu Sinne wollte, brachte ein artiges Gleichnis oder
Symbol zum Vorschein. Er verglich es einem Opfer, dessen Rauch, von
einem sanften Luftdruck niedergehalten, an der Erde hinzieht, indessen
die Flamme freier nach der Höhe zu gewinnen sucht. Er zeichnete dies
sehr hübsch und bedeutend. Das Blättchen lege ich bei.
Und so hat mich denn diese Arbeit, über die ich bald hinauszukommen
dachte, ein völliges Vierteljahr unterhalten und aufgehalten, mich
beschäftigt und gequält. Es ist nicht das erste Mal, daß ich das
Wichtigste nebenher tue, und wir wollen darüber nicht weiter
grillisieren und rechten.
Einen hübschen geschnittenen Stein lege ich bei, ein Löwchen, dem eine
Bremse vor der Nase schnurrt. Die Alten liebten diesen Gegenstand und
haben ihn oft wiederholt. Ich wünsche, daß ihr damit künftig eure
Briefe siegelt, damit durch diese Kleinigkeit eine Art von Kunstecho
von euch zu mir herüberschalle.
Den 13. Januar 1787.
Wieviel hätte ich jeden Tag zu sagen, und wie sehr hält mich
Anstrengung und Zerstreuung ab, ein kluges Wort aufs Papier zu bringen.
Dazu kommen noch die frischen Tage, wo es überall besser ist als in
den Zimmern, die ohne Ofen und Kamin uns nur zum Schlafen oder
Mißbehagen aufnehmen. Einige Vorfälle der letzten Woche darf ich
jedoch nicht unberührt lassen.
Im Palaste Giustiniani steht eine Minerva, die meine ganze Verehrung
hat. Winckelmann gedenkt ihrer kaum, wenigstens nicht an der rechten
Stelle, und ich fühle mich nicht würdig genug, über sie etwas zu sagen.
Als wir die Statue besahen und uns lang dabei aufhielten, erzählte
uns die Frau des Kustode, es sei dieses ein ehmals heiliges Bild
gewesen, und die Inglesi, welche von dieser Religion seien, pflegten
es noch zu verehren, indem sie ihm die eine Hand küßten, die auch
wirklich ganz weiß war, da die übrige Statue bräunlich ist. Auch
setzte sie hinzu, eine Dame dieser Religion sei vor kurzem dagewesen,
habe sich auf die Knie niedergeworfen und die Statue angebetet. Eine
so wunderliche Handlung habe sie, eine Christin, nicht ohne Lachen
ansehen können und sei zum Saal hinausgelaufen, um nicht loszuplatzen.
Da ich auch von der Statue nicht weg wollte, fragte sie mich, ob ich
etwa eine Schöne hätte, die diesem Marmor ähnlich sähe, daß er mich so
sehr anzöge. Das gute Weib kannte nur Anbetung und Liebe, aber von
der reinen Bewunderung eines herrlichen Werkes, von der brüderlichen
Verehrung eines Menschengeistes konnte sie keinen Begriff haben. Wir
freuten uns über das englische Frauenzimmer und gingen weg mit der
Begier, umzukehren, und ich werde gewiß bald wieder hingehen. Wollen
meine Freunde ein näheres Wort hören, so lesen sie, was Winckelmann
vom hohen Stil der Griechen sagt. Leider führt er dort diese Minerva
nicht an. Wenn ich aber nicht irre, so ist sie von jenem hohen,
strengen Stil, da er in den schönen übergeht, die Knospe, indem sie
sich öffnet, und nun eine Minerva, deren Charakter eben dieser
Übergang so wohl ansteht!
Nun von einem Schauspiel anderer Art! Am Dreikönigstage, am Feste des
Heils, das den Heiden verkündigt worden, waren wir in der Propaganda.
Dort ward in Gegenwart dreier Kardinäle und eines großen Auditorii
erst eine Rede gehalten, an welchem Orte Maria die drei Magos
empfangen, im Stalle oder wo sonst? Dann nach verlesenen einigen
lateinischen Gedichten ähnliches Gegenstandes traten bei dreißig
Seminaristen nach und nach auf und lasen kleine Gedichte, jeder in
seiner Landessprache: Malabarisch, Epirotisch, Türkisch, Moldauisch,
Elenisch, Persisch, Kolchisch, Hebräisch, Arabisch, Syrisch, Koptisch,
Sarazenisch, Armenisch, Hibernisch, Madagaskarisch, Isländisch, Boisch,
Ägyptisch, Griechisch, Isaurisch, äthiopisch etc. und mehrere, die
ich nicht verstehen konnte. Die Gedichtchen schienen, meist im
Nationalsilbenmaße verfaßt, mit der Nationaldeklamation vorgetragen zu
werden; denn es kamen barbarische Rhythmen und Töne hervor. Das
Griechische klang, wie ein Stern in der Nacht erscheint. Das
Auditorium lachte unbändig über die fremden Stimmen, und so ward auch
diese Vorstellung zur Farce.
Nun noch ein Geschichtchen, wie lose man im heiligen Rom das Heilige
behandelt. Der verstorbene Kardinal Albani war in einer solchen
Festversammlung, wie ich sie eben beschrieben. Einer der Schüler fing
in einer fremden Mundart an, gegen die Kardinäle gewendet: "Gnaja!
gnaja!", so daß es ungefähr klang wie "Canaglia! canaglia!". Der
Kardinal wendete sich zu seinen Mitbrüdern und sagte: "Der kennt uns
doch!"
Den 13. Januar.
Wieviel tat Winckelmann nicht, und wieviel ließ er uns zu wünschen
übrig! Mit den Materialien, die er sich zueignete, hatte er so
geschwind gebaut, um unter Dach zu kommen. Lebte er noch, und er
könnte noch frisch und gesund sein, so wäre er der erste, der uns eine
Umarbeitung seines Werks gäbe. Was hätte er nicht noch beobachtet,
was berichtigt, was benutzt, das von andern nach seinen Grundsätzen
getan und beobachtet, neuerdings ausgegraben und entdeckt worden. Und
dann wäre der Kardinal Albani tot, dem zuliebe er manches geschrieben
und vielleicht manches verschwiegen hat.
Den 15. Januar 1787.
Und so ist denn endlich auch "Aristodem", und zwar sehr glücklich und
mit dem größten Beifall, aufgeführt. Da Abbate Monti zu den
Hausverwandten des Nepoten gehört und in den obern Ständen sehr
geschätzt ist, so war von daher alles Gute zu hoffen. Auch sparten
die Logen ihren Beifall nicht. Das Parterre war gleich von vornherein
durch die schöne Diktion des Dichters und die treffliche Rezitation
der Schauspieler gewonnen, und man versäumte keine Gelegenheit, seine
Zufriedenheit an den Tag zu legen. Die deutsche Künstlerbank
zeichnete sich dabei nicht wenig aus, und es war diesmal ganz am
Platze, da sie überhaupt ein wenig vorlaut ist.
Der Verfasser war zu Hause geblieben, voller Sorge wegen des Gelingens
des Stücks, von Akt zu Akt kamen günstige Botschaften, welche nach und
nach seine Besorglichkeit in die größte Freude verwandelten. Nun
fehlt es nicht an Wiederholung der Vorstellung, und alles ist in dem
besten Gleise. So kann man durch die entgegengesetztesten Dinge, wenn
nur jedes sein ausgesprochenes Verdienst hat, den Beifall der Menge
sowohl als der Kenner erwerben.
Aber die Vorstellung war auch sehr löblich, und der Hauptakteur, der
das ganze Stück ausfüllt, sprach und spielte vortrefflich: man glaubte
einen der alten Kaiser auftreten zu sehen. Sie hatten das Kostüm, das
uns an den Statuen so sehr imponiert, recht gut in Theaterpracht
übersetzt, und man sah dem Schauspieler an, daß er die Antiken
studiert hatte.
Den 16. Januar.
Ein großer Kunstverlust steht Rom bevor. Der König von Neapel läßt
den Herkules Farnese in seine Residenz bringen. Die Künstler trauern
sämtlich, indessen werden wir bei dieser Gelegenheit etwas sehen, was
unsern Vorfahren verborgen blieb.
Gedachte Statue nämlich vom Kopf bis an die Knie und sodann die
unteren Füße mit dem Sockel, worauf sie stehen, wurde auf farnesischem
Grund und Boden gefunden, die Beine aber, vom Knie bis an die Knöchel,
fehlten und wurden durch Wilhelm Porta ersetzt. Auf diesen steht er
nun bis auf den heutigen Tag. Indessen waren auf borghesischem Grund
und Boden die echten alten Beine gefunden worden, die man denn auch in
der Borghesischen Villa aufgestellt sah.
Gegenwärtig gewinnt es Prinz Borghese über sich und verehrt diese
köstlichen Reste dem König von Neapel. Die Beine des Porta werden
abgenommen, die echten an die Stelle gesetzt, und man verspricht sich,
ob man gleich mit jenen bisher ganz wohl zufrieden gewesen, nunmehr
eine ganz neue Anschauung und mehr harmonischen Genuß.
Den 18. Januar.
Gestern, als am Feste des heiligen Antonius Abbas, machten wir uns
einen lustigen Tag, es war das schönste Wetter von der Welt, hatte die
Nacht Eis gefroren, und der Tag war heiter und warm.
Es läßt sich bemerken, daß alle Religionen, die entweder ihren Kultus
oder ihre Spekulationen ausdehnten, zuletzt dahin gelangen mußten, daß
sie auch die Tiere einigermaßen geistlicher Begünstigungen teilhaft
werden ließen. Sankt Anton, der Abt oder Bischof, ist Patron der
vierfüßigen Geschöpfe, sein Fest ein saturnalischer Feiertag für die
sonst belasteten Tiere sowie für ihre Wärter und Lenker. Alle
Herrschaften müssen heute zu Hause bleiben oder zu Fuß gehen, man
verfehlt niemals, bedenkliche Geschichten zu erzählen, wie ungläubige
Vornehme, welche ihre Kutscher an diesem Tage zu fahren genötigt,
durch große Unfälle gestraft worden.
Die Kirche liegt an einem so weitschichtigen Platz, daß er beinahe für
öde gelten könnte, heute ist er aber auf das lustigste belebt, Pferde
und Maultiere, deren Mähnen und Schweife mit Bändern schön, ja
prächtig eingeflochten zu schauen, werden vor die kleine, von der
Kirche etwas abstehende Kapelle geführt, wo ein Priester, mit einem
großen Wedel versehen, das Weihwasser, das in Butten und Kübeln vor
ihm steht, nicht schonend, auf die muntern Geschöpfe derb losspritzt,
manchmal sogar schalkhaft, um sie zu reizen. Andächtige Kutscher
bringen größere oder kleinere Kerzen, die Herrschaften senden Almosen
und Geschenke, damit die kostbaren, nützlichen Tiere ein Jahr über vor
allem Unfall sicher bleiben mögen. Esel und Hornvieh, ihren Besitzern
ebenso nützlich und wert, nehmen gleichfalls an diesem Segen ihr
beschieden Teil.
Nachher ergötzten wir uns an einer großen Wanderung unter einem so
glücklichen Himmel, umgeben von den interessantesten Gegenständen,
denen wir doch diesmal wenig Aufmerksamkeit schenkten, vielmehr Lust
und Scherz in voller Maße walten ließen.
Den 19. Januar.
So hat denn der große König, dessen Ruhm die Welt erfüllte, dessen
Taten ihn sogar des katholischen Paradieses wert machten, endlich auch
das Zeitliche gesegnet, um sich mit den Heroen seinesgleichen im
Schattenreiche zu unterhalten. Wie gern ist man still, wenn man einen
solchen zur Ruh' gebracht hat.
Heute machten wir uns einen guten Tag, besahen einen Teil des Kapitols,
den ich bisher vernachlässigt, dann setzten wir über die Tiber und
tranken spanischen Wein auf einem neugelandeten Schiffe. In dieser
Gegend will man Romulus und Remus gefunden haben, und so kann man wie
an einem doppelt und dreifachen Pfingstfeste zugleich vom heiligen
Kunstgeiste, von der mildesten Atmosphäre, von antiquarischen
Erinnerungen und von süßem Weine trunken werden.
Den 20. Januar.
Was im Anfang einen frohen Genuß gewährte, wenn man es oberflächlich
hinnahm, das drängt sich hernach beschwerlich auf, wenn man sieht, daß
ohne gründliche Kenntnis doch auch der wahre Genuß ermangelt.
Auf Anatomie bin ich so ziemlich vorbereitet, und ich habe mir die
Kenntnis des menschlichen Körpers bis auf einen gewissen Grad nicht
ohne Mühe erworben. Hier wird man durch die ewige Betrachtung der
Statuen immerfort, aber auf eine höhere Weise hingewiesen. Bei
unserer medizinisch-chirurgischen Anatomie kommt es bloß darauf an,
den Teil zu kennen, und hierzu dient auch wohl ein kümmerlicher Muskel.
In Rom aber wollen die Teile nichts heißen, wenn sie nicht zugleich
eine edle, schöne Form darbieten.
In dem großen Lazarett San Spirito hat man den Künstlern zulieb einen
sehr schönen Muskelkörper dergestalt bereitet, daß die Schönheit
desselben in Verwunderung setzt. Er könnte wirklich für einen
geschundenen Halbgott, für einen Marsyas gelten.
So pflegt man auch nach Anleitung der Alten das Skelett nicht als eine
künstlich zusammengereihte Knochenmasse zu studieren, vielmehr
zugleich mit den Bändern, wodurch es schon Leben und Bewegung erhält.
Sage ich nun, daß wir auch abends Perspektiv studieren, so zeigt es
doch wohl, daß wir nicht müßig sind. Bei allem dem aber hofft man
immer mehr zu tun, als wirklich geschieht.
Den 22. Januar.
Von dem deutschen Kunstsinn und dem dortigen Kunstleben kann man wohl
sagen: man hört läuten, aber nicht zusammenklingen. Bedenke ich jetzt,
was für herrliche Sachen in unserer Nachbarschaft sind, und wie wenig
sie von mir genutzt worden, so möchte ich verzweifeln, und dann kann
ich mich wieder auf den Rückweg freuen, wenn ich hoffen kann, jene
Meisterwerke zu erkennen, an denen ich nur herumtappte.
Doch auch in Rom ist zu wenig für den gesorgt, dem es Ernst ist, ins
Ganze zu studieren. Er muß alles aus unendlichen, obgleich
überreichen Trümmern zusammenstoppeln. Freilich ist's wenigen Fremden
reiner Ernst, etwas Rechts zu sehen und zu lernen. Sie folgen ihren
Grillen, ihrem Dünkel, und das merken sich alle diejenigen wohl, die
mit Fremden zu tun haben. Jeder Führer hat Absichten, jeder will
irgendeinen Handelsmann empfehlen, einen Künstler begünstigen, und
warum sollte er es nicht? Denn schlägt der Unerfahrne nicht das
Vortrefflichste aus, das man ihm anbietet?
Einen außerordentlichen Vorteil hätte es der Betrachtung bringen
können, ja es wäre ein eignes Museum entstanden, wenn die Regierung,
die doch erst die Erlaubnis geben muß, wenn ein Altertum ausgeführt
werden soll, fest darauf bestanden hätte, daß jedesmal ein Abguß
geliefert werden müsse. Hätte aber auch ein Papst solch einen
Gedanken gehabt, alles hätte sich widersetzt, denn man wäre in wenigen
Jahren erschrocken über Wert und Würde solcher ausgeführten Dinge,
wozu man die Erlaubnis in einzelnen Fällen heimlich und durch allerlei
Mittel zu erlangen weiß.
Den 22. Januar.
Schon früher, aber besonders bei der Aufführung des "Aristodem",
erwachte der Patriotismus unserer deutschen Künstler. Sie unterließen
nicht, Gutes von meiner "Iphigenia" zu reden, einzelne Stellen wurden
wieder verlangt, und ich fand mich zuletzt zu einer Wiederholung des
Ganzen genötigt. Auch da entdeckte ich manche Stelle, die mir
gelenker aus dem Munde ging, als sie auf dem Papier stand. Freilich
ist die Poesie nicht fürs Auge gemacht.
Dieser gute Ruf erscholl nun bis zu Reiffenstein und Angelika, und da
sollte ich denn meine Arbeit abermals produzieren. Ich erbat mir
einige Frist, trug aber sogleich die Fabel und den Gang des Stücks mit
einiger Umständlichkeit vor. Mehr, als ich glaubte, gewann sich diese
Darstellung die Gunst gedachter Personen, auch Herr Zucchi, von dem
ich es am wenigsten erwartet, nahm recht freien und wohlempfundenen
Anteil. Dieses klärt sich aber dadurch sehr gut auf, daß das Stück
sich der Form nähert, die man im Griechischen, Italienischen,
Französischen längst gewohnt ist, und welche demjenigen noch immer am
besten zusagt, welcher sich an die englischen Kühnheiten noch nicht
gewöhnt hat.
Rom, den 25. Januar 1787.
Nun wird es mir immer schwerer, von meinem Aufenthalte in Rom
Rechenschaft zu geben; denn wie man die See immer tiefer findet, je
weiter man hineingeht, so geht es auch mir in Betrachtung dieser Stadt.
Man kann das Gegenwärtige nicht ohne das Vergangene erkennen, und die
Vergleichung von beiden erfordert mehr Zeit und Ruhe. Schon die Lage
dieser Hauptstadt der Welt führt uns auf ihre Erbauung zurück. Wir
sehen bald, hier hat sich kein wanderndes, großes, wohlgeführtes Volk
niedergelassen und den Mittelpunkt eines Reichs weislich festgesetzt;
hier hat kein mächtiger Fürst einen schicklichen Ort zum Wohnsitz
einer Kolonie bestimmt. Nein, Hirten und Gesindel haben sich hier
zuerst eine Stätte bereitet, ein paar rüstige Jünglinge haben auf dem
Hügel den Grund zu Palästen der Herren der Welt gelegt, an dessen Fuß
sie die Willkür des Ausrichters zwischen Morast und Schilf einst
hinlegte. So sind die sieben Hügel Roms nicht Erhöhungen gegen das
Land, das hinter ihnen liegt, sie sind es gegen die Tiber und gegen
das uralte Bette der Tiber, was Campus Martius ward. Erlaubt mir das
Frühjahr weitere Exkursionen, so will ich die unglückliche Lage
ausführlicher schildern. Schon jetzt nehm' ich den herzlichsten
Anteil an dem Jammergeschrei und den Schmerzen der Weiber von Alba,
die ihre Stadt zerstören sehn und den schönen, von einem klugen
Anführer gewählten Platz verlassen müssen, um an den Nebeln der Tiber
teilzunehmen, den elenden Hügel Coelius zu bewohnen und von da nach
ihrem verlassenen Paradiese zurückzusehn. Ich kenne noch wenig von
der Gegend, aber ich bin überzeugt, kein Ort der ältern Völker lag so
schlecht als Rom, und da die Römer endlich alles verschlungen hatten,
mußten sie wieder mit ihren Landhäusern hinaus und an die Plätze der
zerstörten Städte rücken, um zu leben und das Leben zu genießen.
Den 25. Januar.
Zu einer recht friedlichen Betrachtung gibt es Anlaß, wie viele
Menschen hier im stillen leben, und wie sich jeder nach seiner Weise
beschäftigt. Wir sahen bei einem Geistlichen, der ohne großes
angebornes Talent sein Leben der Kunst widmete, sehr interessante
Kopien trefflicher Gemälde, die er in Miniatur nachgebildet hat. Sein
vorzüglichstes nach dem Abendmahl des Leonhard da Vinci in Mailand.
Der Moment ist genommen, da Christus den Jüngern, mit denen er
vergnügt und freundschaftlich zu Tische sitzt, erklärt und sagt: "Aber
doch ist einer unter euch, der mich verrät."
Man hofft einen Kupferstich entweder nach dieser Kopie oder nach
andern, mit denen man sich beschäftigt. Es wird das größte Geschenk
sein, wenn eine treue Nachbildung im großen Publikum erscheint.
Vor einigen Tagen besuchte ich den Pater Jacquier, einen Franziskaner,
auf Trinità de' Monti. Er ist Franzos von Geburt, durch mathematische
Schriften bekannt, hoch in Jahren, sehr angenehm und verständig. Er
kannte zu seiner Zeit die besten Männer, und hat sogar einige Monate
bei Voltaire zugebracht, der ihn sehr in Affektion nahm.
Und so habe ich noch mehr gute, solide Menschen kennen lernen,
dergleichen sich hier unzählige befinden, die ein pfäffisches
Mißtrauen auseinander hält. Der Buchhandel gibt keine Verbindung, und
die literarischen Neuigkeiten sind selten fruchtbar.
Und so geziemt es dem Einsamen, die Einsiedler aufzusuchen. Denn seit
der Aufführung des "Aristodems", zu dessen Gunsten wir uns wirklich
tätig erwiesen hatten, führte man mich abermals in Versuchung; es lag
aber nur zu klar am Tage, daß es nicht um mich zu tun sei, man wollte
seine Partei verstärken, mich als Instrument brauchen, und wenn ich
hätte hervorgehen und mich erklären wollen, hätte ich auch als Phantom
eine kurze Rolle gespielt. Nun aber, da sie sehen, daß mit mir nichts
anzufangen ist, lassen sie mich gehn, und ich wandle meinen sichern
Weg fort.
Ja, meine Existenz hat einen Ballast bekommen, der ihr die gehörige
Schwere gibt; ich fürchte mich nun nicht mehr vor den Gespenstern, die
so oft mit mir spielten. Seid auch gutes Muts, ihr werdet mich oben
halten und mich zu euch zurückziehen.
Den 28. Januar 1787.
Zwei Betrachtungen, die durch alles durchgehen, welchen sich
hinzugeben man jeden Augenblick aufgefordert wird, will ich, da sie
mir klar geworden, zu bezeichnen nicht verfehlen.
Zuerst also wird man bei dem ungeheuern und doch nur trümmerhaften
Reichtum dieser Stadt, bei jedem Kunstgegenstande aufgefordert, nach
der Zeit zu fragen, die ihm das Dasein gegeben. Durch Winckelmann
sind wir dringend aufgeregt, die Epochen zu sondern, den verschiedenen
Stil zu erkennen, dessen sich die Völker bedienten, den sie in Folge
der Zeiten nach und nach ausgebildet und zuletzt wieder verbildet.
Hievon überzeugte sich jeder wahre Kunstfreund. Anerkennen tun wir
alle die Richtigkeit und das Gewicht der Forderung.
Aber wie nun zu dieser Einsicht gelangen! Vorgearbeitet nicht viel,
der Begriff richtig und herrlich aufgestellt, aber das Einzelne im
ungewissen Dunkel. Eine vieljährige entschiedene Übung des Auges ist
nötig, und man muß erst lernen, um fragen zu können. Da hilft kein
Zaudern und Zögern, die Aufmerksamkeit auf diesen wichtigen Punkt ist
nun einmal rege, und jeder, dem es Ernst ist, sieht wohl ein, daß auch
in diesem Felde kein Urteil möglich ist, als wenn man es historisch
entwickeln kann.
Die zweite Betrachtung beschäftigt sich ausschließlich mit der Kunst
der Griechen und sucht zu erforschen, wie jene unvergleichlichen
Künstler verfuhren, um aus der menschlichen Gestalt den Kreis
göttlicher Bildung zu entwickeln, welcher vollkommen abgeschlossen ist
und worin kein Hauptcharakter so wenig als die Übergänge und
Vermittlungen fehlen. Ich habe eine Vermutung, daß sie nach eben den
Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf
der Spur bin. Nur ist noch etwas anders dabei, das ich nicht
auszusprechen wüßte.
Den 2. Februar 1787.
Von der Schönheit, im vollen Mondschein Rom zu durchgehen, hat man,
ohne es gesehen zu haben, keinen Begriff. Alles Einzelne wird von den
großen Massen des Lichts und Schattens verschlungen, und nur die
größten, allgemeinsten Bilder stellen sich dem Auge dar. Seit drei
Tagen haben wir die hellsten und herrlichsten Nächte wohl und
vollständig genossen. Einen vorzüglich schönen Anblick gewährt das
Coliseo. Es wird nachts zugeschlossen, ein Eremit wohnt darin an
einem Kirchelchen, und Bettler nisten in den verfallenen Gewölben.
Sie hatten auf flachem Boden ein Feuer angelegt, und eine stille Luft
trieb den Rauch erst auf der Arena hin, daß der untere Teil der Ruinen
bedeckt war und die ungeheuern Mauern oben drüber finster herausragten;
wir standen am Gitter und sahen dem Phänomen zu, der Mond stand hoch
und heiter. Nach und nach zog sich der Rauch durch die Wände, Lücken
und Öffnungen, ihn beleuchtete der Mond wie einen Nebel. Der Anblick
war köstlich. So muß man das Pantheon, das Kapitol beleuchtet sehn,
den Vorhof der Peterskirche und andere große Straßen und Plätze. Und
so haben Sonne und Mond, eben wie der Menschengeist, hier ein ganz
anderes Geschäft als anderer Orten, hier, wo ihrem Blick ungeheure und
doch gebildete Massen entgegenstehn.
Das Pantheon in Rom. Radierung von Barbault.
Den 13. Februar.
Eines Glücksfalls muß ich erwähnen, obgleich eines geringen. Doch
alles Glück, groß oder klein, ist von einer Art und immer erfreulich.
Auf Trinità de' Monti wird der Grund zum neuen Obelisk gegraben, dort
oben ist alles aufgeschüttetes Erdreich von Ruinen der Gärten des
Lucullus, die nachher an die Kaiser kamen. Mein Perückenmacher geht
frühe dort vorbei und findet im Schutte ein flach Stück gebrannten Ton
mit einigen Figuren, wäscht's und zeigt es uns. Ich eigne es mir
gleich zu. Es ist nicht gar eine Hand groß und scheint von dem Rande
einer großen Schüssel zu sein. Es stehn zwei Greifen an einem
Opfertische, sie sind von der schönsten Arbeit und freuen mich
ungemein. Stünden sie auf einem geschnittenen Stein, wie gern würde
man damit siegeln!
Von vielen andern Sachen sammelt's sich auch um mich, und nichts
Vergebliches oder Leeres, welches hier unmöglich wäre; alles
unterrichtend und bedeutend. Am liebsten ist mir denn aber doch, was
ich in der Seele mitnehme, und was, immer wachsend, sich immer
vermehren kann.
Den 15. Februar.
Vor meiner Abreise nach Neapel konnte ich einer nochmaligen Vorlesung
meiner "Iphigenia" nicht entgehen. Madam Angelika und Hofrat
Reiffenstein waren die Zuhörer, und selbst Herr Zucchi hatte darauf
gedrungen, weil es der Wunsch seiner Gattin war; er arbeitete indes an
einer großen architektonischen Zeichnung, die er in Dekorationsart
vortrefflich zu machen versteht. Er war mit Clerisseau in Dalmatien,
hatte sich überhaupt mit ihm assoziiert, zeichnete die Figuren zu den
Gebäuden und Ruinen, die jener herausgab, und lernte dabei so viel
Perspektive und Effekt, daß er sich in seinen alten Tagen auf eine
würdige Weise auf dem Papier damit vergnügen kann.
Die zarte Seele Angelika nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit
auf; sie versprach mir, eine Zeichnung daraus aufzustellen, die ich
zum Andenken besitzen sollte. Und nun gerade, als ich mich von Rom zu
scheiden bereite, werde ich auf eine zarte Weise mit diesen
wohlwollenden Personen verbunden. Es ist mir zugleich ein angenehmes
und schmerzliches Gefühl, wenn ich mich überzeuge, daß man mich ungern
wegläßt.
Den 16. Februar 1787.
Die glückliche Ankunft der" Iphigenia" ward mir auf eine überraschende
und angenehme Weise verkündigt. Auf dem Wege nach der Oper brachte
man mir den Brief von wohlbekannter Hand, und diesmal doppelt
willkommen mit dem Löwchen gesiegelt, als vorläufiges Wahrzeichen des
glücklich angelangten Pakets. Ich drängte mich in das Opernhaus und
suchte mir mitten unter dem fremden Volk einen Platz unter dem großen
Lüster zu verschaffen. Hier fühlte ich mich nun so nah an die
Meinigen gerückt, daß ich hätte aufhüpfen und sie umarmen mögen.
Herzlich dank' ich, daß mir die nackte Ankunft gemeldet worden, möget
ihr euer Nächstes mit einem guten Worte des Beifalls begleiten!
Hier folgt das Verzeichnis, wie die Exemplare, die ich von Göschen zu
erwarten habe, unter die Freunde verteilt werden sollen, denn ob es
mir gleich ganz gleichgültig ist, wie das Publikum diese Sachen
betrachtet, so wünscht' ich doch, dadurch meinen Freunden einige
Freude bereitet zu haben.
Man unternimmt nur zuviel. Denke ich an meine vier letzten Bände im
ganzen, so möchte mir schwindelnd werden, ich muß sie einzeln
angreifen, und so wird es gehn.
Hätte ich nicht besser getan, nach meinem ersten Entschluß diese Dinge
fragmentarisch in die Welt zu schicken und neue Gegenstände, an denen
ich frischeren Anteil nehme, mit frischem Mut und Kräften zu
unternehmen? Tät' ich nicht besser, " Iphigenia auf Delphi" zu
schreiben, als mich mit den Grillen des "Tasso" herumzuschlagen? Und
doch habe ich auch dahinein schon zuviel von meinem Eignen gelegt, als
daß ich es fruchtlos aufgeben sollte.
Ich habe mich auf den Vorsaal ans Kamin gesetzt, und die Wärme eines
diesmal gut genährten Feuers gibt mir frischen Mut, ein neues Blatt
anzufangen; denn es ist doch gar zu schön, daß man mit seinen neusten
Gedanken soweit in die Ferne reichen, ja seine nächsten Umgebungen
durch Worte dorthin versetzen kann. Das Wetter ist ganz herrlich, die
Tage nehmen merklich zu, Lorbeeren und Buchsbäume blühen, auch die
Mandelbäume. Heute früh überraschte mich ein wundersamer Anblick, ich
sah von ferne hohe, stangenähnliche Bäume, über und über von dem
schönsten Violett bekleidet. Bei näherer Untersuchung war es der Baum,
in unsern Treibhäusern unter dem Namen Judenbaum bekannt, dem
Botaniker als cercis siliquastrum. Seine violetten
Schmetterlingsblumen bringt er unmittelbar aus dem Stamme hervor.
Abgeholzt den letzten Winter waren die Stangen, die ich vor mir sah,
aus deren Rinde die wohlgebildete und gefärbte Blume zu Tausenden
hervorbrach. Die Maßlieben dringen wie Ameisen aus dem Boden, Krokus
und Adonis erscheinen seltner, aber desto zierlicher und zierender.
Was wird mir nicht erst das mittägigere Land für Freuden und
Kenntnisse geben, aus denen für mich neue Resultate hervortreten! Es
ist mit natürlichen Dingen wie mit der Kunst; es ist so viel drüber
geschrieben, und jeder, der sie sieht, kann sie doch wieder in neue
Kombination setzen.
Denke ich an Neapel, ja gar nach Sizilien, so fällt es einem sowohl in
der Erzählung als in Bildern auf, daß in diesen Paradiesen der Welt
sich zugleich die vulkanische Hölle so gewaltsam auftut und seit
Jahrtausenden die Wohnenden und Genießenden aufschreckt und irremacht.
Doch schlage ich mir die Hoffnung jener vielbedeutenden Ansichten gern
aus dem Sinne, um vor meiner Abreise die alte Hauptstadt der Welt noch
recht zu benutzen.
Seit vierzehn Tagen bin ich von Morgen bis in die Nacht in Bewegung;
was ich noch nicht gesehn, such' ich auf. Das Vorzüglichste wird zum
zweiten--und drittenmal betrachtet, und nun ordnet sich's einigermaßen.
Denn indem die Hauptgegenstände an ihre rechte Stelle kommen, so ist
für viele mindere dazwischen Platz und Raum. Meine Liebschaften
reinigen und entscheiden sich, und nun erst kann mein Gemüt dem
Größeren und Echtesten mit gelassener Teilnahme sich entgegenheben.
Dabei findet man denn wohl den Künstler beneidenswert, der durch
Nachbildung und Nachahmung auf alle Weise jenen großen Intentionen
sich mehr nähert, sie besser begreift als der bloß Beschauende und
Denkende. Doch muß am Ende jeder tun, was er vermag, und so spanne
ich denn alle Segel meines Geistes auf, um diese Küsten zu umschiffen.
Das Kamin ist diesmal recht durchgewärmt und die schönsten Kohlen
aufgehäuft, welches bei uns selten geschieht, weil nicht leicht jemand
Lust und Zeit hat, dem Kaminfeuer ein paar Stunden Aufmerksamkeit zu
widmen, und so will ich denn dieses schöne Klima benutzen, um einige
Bemerkungen aus meiner Schreibtafel zu retten, die schon halb
verloschen sind.
Am zweiten Februar begaben wir uns in die Sixtinische Kapelle zur
Funktion, bei welcher die Kerzen geweiht werden. Ich fand mich gleich
sehr unbehaglich und zog mit den Freunden bald wieder hinaus. Denn
ich dachte: das sind ja grade die Kerzen, welche seit dreihundert
Jahren diese herrlichen Gemälde verdüstern, und das ist ja eben der
Weihrauch, der mit heiliger Unverschämtheit die einzige Kunstsonne
nicht nur umwölkt, sondern von Jahr zu Jahren mehr trübe macht und
zuletzt gar in Finsternis versenkt.
Darauf suchten wir das Freie und kamen nach einem großen Spaziergange
auf St. Onofrio, wo Tasso in einem Winkel begraben liegt. Auf der
Klosterbibliothek steht seine Büste. Das Gesicht ist von Wachs, und
ich glaube gern, daß es über seinen Leichnam abgeformt sei. Nicht
ganz scharf und hie und da verdorben, deutet es doch im ganzen mehr
als irgendein anderes seiner Bildnisse auf einen talentvollen, zarten,
feinen, in sich geschlossenen Mann.
Soviel für diesmal. Jetzt will ich an des ehrlichen Volkmanns zweiten
Teil, der Rom enthält, um auszuziehen, was ich noch nicht gesehn habe.
Ehe ich nach Neapel reise, muß die Ernte wenigstens niedergemäht sein;
sie in Garben zu binden, werden auch schon gute Tage kommen.
Den 17. Februar.
Das Wetter ist unglaublich und unsäglich schön, den ganzen Februar bis
auf vier Regentage ein reiner, heller Himmel, gegen Mittag fast zu
warm. Nun sucht man das Freie, und wenn man bisher sich nur mit
Göttern und Helden abgeben mochte, so tritt die Landschaft auf einmal
wieder in ihre Rechte, und man heftet sich an die Umgebungen, die der
herrlichste Tag belebt. Manchmal erinnere ich mich, wie der Künstler
in Norden den Strohdächern und verfallenen Schlössern etwas
abzugewinnen sucht, wie man sich an Bach und Busch und zerbröckeltem
Gestein herumdrückt, um eine malerische Wirkung zu erhaschen, und ich
komme mir ganz wunderbar vor, um so mehr, als jene Dinge nach so
langer Gewohnheit einem noch immer ankleben; nun habe ich mir aber
seit vierzehn Tagen einen Mut gefaßt und bin mit kleinen Blättern
hinausgegangen durch die Tiefen und Höhen der Villen und habe mir ohne
viel Besinnens kleine auffallende, wahrhaft südliche und römische
Gegenstände entworfen und suche nun mit Hülfe des guten Glücks ihnen
Licht und Schatten zu geben. Es ist ganz eigen, daß man deutlich
sehen und wissen kann, was gut und besser ist; will man sich's aber
zueignen, so schwindet's gleichsam unter den Händen, und wir greifen
nicht nach dem Rechten, sondern nach dem, was wir zu fassen gewohnt
sind. Nur durch geregelte Übung könnte man vorwärts kommen, wo aber
sollte ich Zeit und Sammlung finden! Indessen fühle ich mich denn
doch durch das leidenschaftliche, vierzehntägige Streben um vieles
gebessert.
Die Künstler belehren mich gerne, denn ich fasse geschwind. Nun ist
aber das Gefaßte nicht gleich geleistet; etwas schnell zu begreifen,
ist ja ohnehin die Eigenschaft des Geistes, aber etwas recht zu tun,
dazu gehört die Übung des ganzen Lebens.
Und doch soll der Liebhaber, so schwach er auch nachstrebt, sich nicht
abschrecken lassen. Die wenigen Linien, die ich aufs Papier ziehe,
oft übereilt, selten richtig, erleichtern mir jede Vorstellung von
sinnlichen Dingen, denn man erhebt sich ja eher zum Allgemeinen, wenn
man die Gegenstände genauer und schärfer betrachtet.
Mit dem Künstler nur muß man sich nicht vergleichen, sondern nach
seiner eigenen Art verfahren; denn die Natur hat für ihre Kinder
gesorgt, der Geringste wird nicht, auch durch das Dasein des
Trefflichsten, an seinem Dasein gehindert: "Ein kleiner Mann ist auch
ein Mann!" Und dabei wollen wir's denn bewenden lassen.
Ich habe zweimal das Meer gesehn, erst das adriatische, dann das
mittelländische, nur gleichsam zum Besuch. In Neapel wollen wir
bekannter werden. Es rückt alles auf einmal in mir herauf; warum
nicht früher, warum nicht wohlfeiler! Wie viele tausend Sachen,
manche ganz neu und von vornen, hätte ich mitzuteilen!
Den 17. Februar 1787. Abends nach verklungener Karnevalstorheit.
Ich lasse bei meiner Abreise Moritzen ungern allein. Er ist auf gutem
Wege, doch wie er für sich geht, so sucht er sich gleich beliebte
Schlupfwinkel. Ich habe ihn aufgemuntert, an Herdern zu schreiben,
der Brief liegt bei, ich wünsche eine Antwort, die etwas Dienliches
und Hülfreiches enthalte. Es ist ein sonderbar guter Mensch, er wäre
viel weiter, wenn er von Zeit zu Zeit Personen gefunden hätte, fähig
und liebevoll genug, ihn über seinen Zustand aufzuklären. Gegenwärtig
kann er kein gesegneteres Verhältnis anknüpfen, als wenn ihm Herder
erlaubt, manchmal zu schreiben. Er beschäftigt sich mit einem
lobenswürdigen antiquarischen Unternehmen, das wohl verdient,
gefördert zu werden. Freund Herder wird nicht leicht eine Mühe besser
angewendet und gute Lehre kaum in einen fruchtbarern Boden gelegt
haben.
Das große Porträt, welches Tischbein von mir unternommen, wächst schon
aus der Leinwand heraus. Der Künstler hat sich durch einen fertigen
Bildhauer ein kleines Modell von Ton machen lassen, welches gar
zierlich mit einem Mantel drapiert worden. Darnach malt er fleißig,
denn es sollte freilich vor unserer Abreise nach Neapel schon auf
einen gewissen Punkt gebracht sein, und es gehört schon Zeit dazu,
eine so große Leinwand mit Farben auch nur zu bedecken.