Endlich bestiegen wir das Dach der Kirche, wo man das Bild einer
wohlgebauten Stadt im kleinen findet. Häuser und Magazine, Brunnen,
(dem Ansehn nach) Kirchen und einen großen Tempel, alles in der Luft,
und schöne Spaziergänge dazwischen. Wir bestiegen die Kuppel und
besahen die hell-heitere Gegend der Apenninen, den Berg Soracte, nach
Tivoli die vulkanischen Hügel, Frascati, Castel Gandolfo und die
Plaine und weiter das Meer. Nahe vor uns die ganze Stadt Rom in ihrer
Breite und Weite, mit ihren Bergpalästen, Kuppeln etc. Es rührte sich
keine Luft, und in dem kupfernen Knopf war es heiß wie in einem
Treibhause. Nachdem wir das alles beherzigt hatten, stiegen wir herab
und ließen uns die Türen zu den Gesimsen der Kuppel, des Tambours und
des Schiffs aufschließen; man kann um selbe herumgehen und diese Teile
und die Kirche von oben betrachten. Als wir auf dem Gesimse des
Tambours standen, ging der Papst unten in der Tiefe vorbei, seine
Nachmittagsandacht zu halten. Es fehlte uns also nichts zur
Peterskirche. Wir stiegen völlig wieder herab, nahmen in einem
benachbarten Gasthofe ein fröhliches, frugales Mahl und setzten unsern
Weg nach der Cäcilienkirche fort.
Viele Worte würde ich brauchen, um die Auszierung der ganz mit
Menschen angefüllten Kirche zu beschreiben. Man sah eben keinen Stein
der Architektur mehr. Die Säulen waren mit rotem Samt überzogen und
mit goldenen Tressen umwunden, die Kapitäle mit gesticktem Samt in
ungefährer Kapitälform, so alle Gesimse und Pfeiler behangen und
bedeckt. Alle Zwischenräume der Mauern mit lebhaft gemalten Stücken
bekleidet, daß die ganze Kirche mit Mosaik ausgelegt schien, und über
zweihundert Wachskerzen brannten um und neben dem Hochaltar, so daß
die ganze eine Wand mit Lichtern besetzt und das Schiff der Kirche
vollkommen erleuchtet war. Die Seitengänge und Seitenaltäre ebenso
geziert und erhellt. Gegen dem Hochaltar über, unter der Orgel, zwei
Gerüste, auch mit Samt überzogen, auf deren einem die Sänger, auf dem
andern die Instrumente standen, die anhaltend Musik machten. Die
Kirche war voll gedrängt.
Eine schöne Art musikalischer Aufführung hört' ich hier. Wie man
Violin--oder andere Konzerte hat, so führen sie Konzerte mit Stimmen
auf, daß die eine Stimme, der Sopran z. B., herrschend ist und solo
singt, das Chor von Zeit zu Zeit einfällt und ihn begleitet, es
versteht sich, immer mit dem ganzen Orchester. Es tut gute Wirkung.
--Ich muß endigen, wie wir den Tag enden mußten. Den Abend gelangten
wir noch ans Opernhaus, wo eben die "Litiganti" aufgeführt wurden, und
hatten des Guten so viel genossen, daß wir vorübergingen.
Den 23. November.
Damit es mir denn aber doch mit meinem beliebten Inkognito nicht wie
dem Vogel Strauß ergehe, der sich für versteckt hält, wenn er den Kopf
verbirgt, so gebe ich auf gewisse Weise nach, meine alte These
immerfort behauptend. Den Fürsten von Liechtenstein, den Bruder der
mir so werten Gräfin Harrach, habe ich gern begrüßt und einigemal bei
ihm gespeist, und konnte bald merken, daß diese meine Nachgiebigkeit
mich weiter führen würde, und so kam es auch. Man hatte mir von dem
Abbate Monti präludiert, von seinem "Aristodem", einer Tragödie, die
nächstens gegeben werden sollte. Der Verfasser, sagte man, wünsche
sie mir vorzulegen und meine Meinung darüber zu hören. Ich ließ die
Sache fallen, ohne sie abzulehnen, endlich fand ich einmal den Dichter
und einen seiner Freunde beim Fürsten, und das Stück ward vorgelesen.
Der Held ist, wie bekannt, ein König von Sparta, der sich wegen
allerlei Gewissensskrupel selbst entleibt, und man gab mir auf eine
artige Weise zu verstehen, der Verfasser des "Werthers" würde wohl
nicht übel finden, wenn er in diesem Stücke einige Stellen seines
trefflichen Buches benutzt finde. Und so konnte ich selbst in den
Mauern von Sparta den erzürnten Manen des unglücklichen Jünglings
nicht entgehen.
Das Stück hat einen sehr einfachen, ruhigen Gang, die Gesinnungen wie
die Sprache sind, dem Gegenstande gemäß, kräftig und doch weichmütig.
Die Arbeit zeugt von einem sehr schönen Talente.
Ich verfehlte nicht, nach meiner Weise, freilich nicht nach der
italienischen, alles Gute und Lobenswürdige des Stücks herauszuheben,
womit man zwar leidlich zufrieden war, aber doch mit südlicher
Ungeduld etwas mehr verlangte. Besonders sollte ich weissagen, was
von dem Effekt des Stücks auf das Publikum zu hoffen sei. Ich
entschuldigte mich mit meiner Unkunde des Landes, der Vorstellungsart
und des Geschmacks, war aber aufrichtig genug, hinzuzusetzen, daß ich
nicht recht einsehe, wie die verwöhnten Römer, die ein komplettes
Lustspiel von drei Akten und eine komplette Oper von zwei Akten als
Zwischenspiel oder eine große Oper mit ganz fremdartigen Balletts als
Intermezz zu sehen gewohnt seien, sich an dem edlen, ruhigen Gang
einer ununterbrochen fortgehenden Tragödie ergötzen könnten. Alsdann
schien mir auch der Gegenstand des Selbstmordes ganz außer dem Kreise
italienischer Begriffe zu liegen. Daß man andere totschlage, davon
hätte ich fast Tag für Tag zu hören, daß man sich aber selbst das
liebe Leben raube, oder es nur für möglich hielte, davon sei mir noch
nichts vorgekommen.
Hierauf ließ ich mich gern umständlich unterrichten, was gegen meinen
Unglauben einzuwenden sein möchte, und ergab mich sehr gern in die
plausibeln Argumente, versicherte auch, daß ich nichts mehr wünsche,
als das Stück aufführen zu sehen und demselben mit einem Chor von
Freunden den aufrichtigsten, lautesten Beifall zu zollen. Diese
Erklärung wurde freundlichst aufgenommen, und ich hatte alle Ursache,
diesmal mit meiner Nachgiebigkeit zufrieden zu sein--wie denn Fürst
Liechtenstein die Gefälligkeit selbst ist und mir Gelegenheit
geschafft hat, mit ihm gar manche Kunstschätze zu sehen, wozu
besondere Erlaubnis der Besitzer und also eine höhere Einwirkung nötig
ist.
Dagegen aber reichte mein guter Humor nicht hin, als die Tochter des
Prätendenten das fremde Murmeltier gleichfalls zu sehen verlangte.
Das habe ich abgelehnt und bin ganz entschieden wieder untergetaucht.
Und doch ist das auch nicht die ganz rechte Art, und ich fühle hier
sehr lebhaft, was ich schon früher im Leben bemerken konnte, daß der
Mensch, der das Gute will, sich ebenso tätig und rührig gegen andere
verhalten müsse als der Eigennützige, der Kleine, der Böse. Einsehen
läßt sich's gut; es ist aber schwer in diesem Sinne handeln.
Den 24. November.
Von der Nation wüßte ich nichts weiter zu sagen, als daß es
Naturmenschen sind, die unter Pracht und Würde der Religion und der
Künste nicht ein Haar anders sind, als sie in Höhlen und Wäldern auch
sein würden. Was allen Fremden auffällt, und was heute wieder die
ganze Stadt reden, aber auch nur reden macht, sind die Totschläge, die
gewöhnlich vorkommen. Viere sind schon in unserm Bezirk in diesen
drei Wochen ermordet worden. Heute ward ein braver Künstler
Schwendimann, ein Schweizer, Medailleur, der letzte Schüler von
Hedlinger, überfallen, völlig wie Winckelmann. Der Mörder, mit dem er
sich herumbalgte, gab ihm an die zwanzig Stiche, und da die Wache
hinzukam, erstach sich der Bösewicht selbst. Das ist sonst hier nicht
Mode. Der Mörder erreicht eine Kirche, und so ist's gut.
Und so sollte ich denn, um auch Schatten in meine Gemälde zu bringen,
von Verbrechen und Unheil, Erdbeben und Wasserflut einiges melden,
doch setzt das gegenwärtige Ausbrechen des Feuers des Vesuvs die
meisten Fremden hier in Bewegung, und man muß sich Gewalt antun, um
nicht mit fortgerissen zu werden. Diese Naturerscheinung hat wirklich
etwas Klapperschlangenartiges und zieht die Menschen unwiderstehlich
an. Es ist in dem Augenblick, als wenn alle Kunstschätze Roms
zunichte würden; die sämtlichen Fremden durchbrechen den Lauf ihrer
Betrachtungen und eilen nach Neapel. Ich aber will ausharren in
Hoffnung, daß der Berg noch etwas für mich aufheben wird.
Den 1. Dezember.
Moritz ist hier, der uns durch "Anton Reiser" und die "Wanderungen
nach England" merkwürdig geworden. Es ist ein reiner, trefflicher
Mann, an dem wir viel Freude haben.
Den 1. Dezember.
Hier in Rom, wo man so viel Fremde sieht, die nicht alle der höheren
Kunst wegen diese Hauptstadt der Welt besuchen, sondern auch wohl auf
andere Art unterhalten sein wollen, ist man auf allerlei vorbereitet.
Es gibt so gewisse Halbkünste, welche Handgeschicklichkeit und
Handwerkslust verlangen, worin man es hier sehr weit gebracht hat und
die Fremden gern mit ins Interesse zieht.
Dahin gehört die Wachsmalerei, die einen jeden, der sich einigermaßen
mit Wasserfarben abgegeben hat, durch ihre Vorarbeiten und
Vorbereitungen, sodann zuletzt durch das Einbrennen, und was sonst
noch dazu gehört, mechanisch beschäftigen und einen oft geringen
Kunstwert durch die Neuheit des Unternehmens erhöhen kann. Es gibt
geschickte Künstler, die hierin Unterricht geben und unter dem Vorwand
der Anleitung oft das Beste bei der Sache tun, so daß zuletzt, wenn
das von Wachs erhöhte und glänzende Bild in goldenem Rahmen erscheint,
die schöne Schülerin ganz überrascht von ihrem unbewußten Talent
dasteht.
Eine andere artige Beschäftigung ist, hohlgeschnittene Steine in einen
feinen Ton abzudrucken, welches auch wohl mit Medaillen geschieht, wo
beide Seiten zugleich nachgebildet werden.
Mehr Geschick, Aufmerksamkeit und Fleiß erfordert denn endlich das
Verfertigen der Glaspasten selbst. Zu allen diesen Dingen hat Hofrat
Reiffenstein in seinem Hause oder wenigstens in seinen nächsten
Umgebungen die nötigen Gerätschaften und Anstalten.
Den 2. Dezember.
Zufällig habe ich hier Archenholzens "Italien" gefunden. Wie so ein
Geschreibe am Ort selbst zusammenschrumpft, eben als wenn man das
Büchlein auf Kohlen legte, daß es nach und nach braun und schwarz
würde, die Blätter sich krümmten und in Rauch aufgingen. Freilich hat
er die Sachen gesehen; aber um eine großtuige, verachtende Manier
gelten zu machen, besitzt er viel zu wenig Kenntnisse und stolpert
lobend und tadelnd.
Rom, den 2. Dezember 1786.
Das schöne, warme, ruhige Wetter, das nur manchmal von einigen
Regentagen unterbrochen wird, ist mir zu Ende Novembers ganz was Neues.
Wir gebrauchen die gute Zeit in freier Luft, die böse im Zimmer,
überall findet sich etwas zum Freuen, Lernen und Tun.
Am 28. November kehrten wir zur Sixtinischen Kapelle zurück, ließen
die Galerie aufschließen, wo man den Plafond näher sehen kann; man
drängt sich zwar, da sie sehr eng ist, mit einiger Beschwerlichkeit
und mit anscheinender Gefahr an den eisernen Stäbenweg, deswegen auch
die Schwindligen zurückbleiben: alles wird aber durch den Anblick des
größten Meisterstücks ersetzt. Und ich bin in dem Augenblicke so für
Michelangelo eingenommen, daß mir nicht einmal die Natur auf ihn
schmeckt, da ich sie doch nicht mit so großen Augen wie er sehen kann.
Wäre nur ein Mittel, sich solche Bilder in der Seele recht zu
fixieren! Wenigstens was ich von Kupfern und Zeichnungen nach ihm
erobern kann, bring' ich mit.