Als geistreiche Einleitung zu dem Ganzen bestrebte er sich, das hohe
Alter der Welt sinnlich darzustellen. Berge, mit herrlichen Wäldern
bewachsen, Schluchten, von Wasserbächen ausgerissen, ausgebrannte
Vulkane, kaum noch leise dampfend. Im Vordergrund ein mächtiger in
der Erde übriggebliebener Stock eines vieljährigen Eichbaums, an
dessen halbentblößten Wurzeln ein Hirsch die Stärke seines Geweihes
versucht, so gut gedacht als lieblich ausgeführt.
Dann hat er auf einem höchst merkwürdigen Blatte den Mann zugleich als
Pferdebändiger und allen Tieren der Erde, der Luft und des Wassers, wo
nicht an Stärke, doch an List überlegen dargestellt. Die Komposition
ist außerordentlich schön, als Ölbild müßte es eine große Wirkung tun.
Eine Zeichnung davon müssen wir notwendig in Weimar besitzen. Sodann
denkt er an eine Versammlung der alten, weisen und geprüften Männer,
wo er Gelegenheit nehmen wird, wirkliche Gestalten darzustellen. Mit
dem größten Enthusiasmus aber skizziert er an einer Schlacht, wo sich
zwei Parteien Reiterei wechselseitig mit gleicher Wut angreifen, und
zwar an einer Stelle, wo eine ungeheure Felsschlucht sie trennt, über
welche das Pferd nur mit größter Anstrengung hinübersetzen kann. An
Verteidigung ist hier nicht zu denken. Kühner Angriff, wilder
Entschluß, Gelingen oder Sturz in den Abgrund. Dieses Bild wird ihm
Gelegenheit geben, die Kenntnisse, die er von dem Pferde, dessen Bau
und Bewegung besitzt, auf eine sehr bedeutende Weise zu entfalten.
Diese Bilder sodann und eine Reihe von folgenden und eingeschalteten
wünscht er durch einige Gedichte verknüpft, welche dem Dargestellten
zur Erklärung dienten, und denen er dagegen wieder durch bestimmte
Gestalten Körper und Reiz verliehe.
Der Gedanke ist schön, nur mußte man freilich mehrere Jahre zusammen
sein, um ein solches Werk auszuführen.
Den 7. November.
Die Logen von Raffael und die großen Gemälde der "Schule von Athen"
etc. hab' ich nur erst einmal gesehen, und da ist's, als wenn man den
Homer aus einer zum Teil verloschenen, beschädigten Handschrift heraus
studieren sollte. Das Vergnügen des ersten Eindrucks ist unvollkommen,
nur wenn man nach und nach alles recht durchgesehn und studiert hat,
wird der Genuß ganz. Am erhaltensten sind die Deckenstücke der Logen,
die biblische Geschichten vorstellen, so frisch wie gestern gemalt,
zwar die wenigsten von Raffaels eigner Hand, doch aber gar trefflich
nach seinen Zeichnungen und unter seiner Aufsicht.
Den 7. November.
Ich habe manchmal in früherer Zeit die wunderliche Grille gehabt, daß
ich mir sehnlichst wünschte, von einem wohlunterrichteten Manne, von
einem kunst--und geschichtskundigen Engländer nach Italien geführt zu
werden; und nun hat sich das alles indessen schöner gebildet, als ich
hätte ahnen können. Tischbein lebte so lange hier als mein herzlicher
Freund, er lebte hier mit dem Wunsche, mir Rom zu zeigen; unser
Verhältnis ist alt durch Briefe, neu durch Gegenwart; wo hätte mir ein
werterer Führer erscheinen können? Ist auch meine Zeit nur beschränkt,
so werde ich doch das Möglichste genießen und lernen.
Und bei allem dem seh' ich voraus, daß ich wünschen werde, anzukommen,
wenn ich weggehe.
Den 8. November.
Mein wunderliches und vielleicht grillenhaftes Halbinkognito bringt
mir Vorteile, an die ich nicht denken konnte. Da sich jedermann
verpflichtet, zu ignorieren, wer ich sei, und also auch niemand mit
mir von mir reden darf, so bleibt den Menschen nichts übrig, als von
sich selbst oder von Gegenständen zu sprechen, die ihnen interessant
sind, dadurch erfahr' ich nun umständlich, womit sich ein jeder
beschäftigt, oder was irgend Merkwürdiges entsteht und hervorgeht.
Hofrat Reiffenstein fand sich auch in diese Grille; da er aber den
Namen, den ich angenommen hatte, aus einer besondern Ursache nicht
leiden konnte, so baronisierte er mich geschwind, und ich heiße nun
der Baron gegen Rondanini über, dadurch bin ich bezeichnet genug, um
so mehr, als der Italiener die Menschen nur nach den Vornamen oder
Spitznamen benennet. Genug, ich habe meinen Willen und entgehe der
unendlichen Unbequemlichkeit, von mir und meinen Arbeiten Rechenschaft
geben zu müssen.
Den 9. November.
Manchmal stehe ich wie einen Augenblick still und überschaue die
höchsten Gipfel des schon Gewonnenen. Sehr gerne blicke ich nach
Venedig zurück, auf jenes große Dasein, dem Schoße des Meeres wie
Pallas aus dem Haupte Jupiters entsprossen. Hier hat mich die Rotonda,
so die äußere wie die innere, zu einer freudigen Verehrung ihrer
Großheit bewogen. In St. Peter habe ich begreifen lernen, wie die
Kunst sowohl als die Natur alle Maßvergleichung aufheben kann. Und so
hat mich Apoll von Belvedere aus der Wirklichkeit hinausgerückt. Denn
wie von jenen Gebäuden die richtigsten Zeichnungen keinen Begriff
geben, so ist es hier mit dem Original von Marmor gegen die
Gipsabgüsse, deren ich doch sehr schöne früher gekannt habe.
Der Apoll von Belvedere. Zeichnung von Bouchardon.
Den 10. November 1786.
Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange kein
Gefühl hatte. Meine Übung, alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und
abzulesen, meine Treue, das Auge licht sein zu lassen, meine völlige
Entäußerung von aller Prätention kommen mir einmal wieder recht
zustatten und machen mich im stillen höchst glücklich. Alle Tage ein
neuer merkwürdiger Gegenstand, täglich frische, große, seltsame Bilder
und ein Ganzes, das man sich lange denkt und träumt, nie mit der
Einbildungskraft erreicht.
Heute war ich bei der Pyramide des Cestius und abends auf dem Palatin,
oben auf den Ruinen der Kaiserpaläste, die wie Felsenwände dastehn.
Hievon läßt sich nun freilich nichts überliefern! Wahrlich, es gibt
hier nichts Kleines, wenn auch wohl hier und da etwas Scheltenswertes
und Abgeschmacktes; doch auch ein solches hat teil an der allgemeinen
Großheit genommen.
Kehr' ich nun in mich selbst zurück, wie man doch so gern tut bei
jeder Gelegenheit, so entdecke ich ein Gefühl, das mich unendlich
freut, ja, das ich sogar auszusprechen wage. Wer sich mit Ernst hier
umsieht und Augen hat zu sehen, muß solid werden, er muß einen Begriff
von Solidität fassen, der ihm nie so lebendig ward.
Der Geist wird zur Tüchtigkeit gestempelt, gelangt zu einem Ernst ohne
Trockenheit, zu einem gesetzten Wesen mit Freude. Mir wenigstens ist
es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte
als hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.
Und so laßt mich aufraffen, wie es kommen will, die Ordnung wird sich
geben. Ich bin nicht hier, um nach meiner Art zu genießen;
befleißigen will ich mich der großen Gegenstände, lernen und mich
ausbilden, ehe ich vierzig Jahre alt werde.
Den 11. November.
Heut' hab' ich die Nymphe Egeria besucht, dann die Rennbahn des
Caracalla, die zerstörten Grabstätten längs der Via Appia und das Grab
der Metella, das einem erst einen Begriff von solidem Mauerwerk gibt.
Diese Menschen arbeiteten für die Ewigkeit, es war auf alles
kalkuliert, nur auf den Unsinn der Verwüster nicht, dem alles weichen
mußte. Recht sehnlich habe ich dich herzugewünscht. Die Reste der
großen Wasserleitung sind höchst ehrwürdig. Der schöne, große Zweck,
ein Volk zu tränken durch eine so ungeheure Anstalt! Abends kamen wir
ans Coliseo, da es schon dämmrig war. Wenn man das ansieht, scheint
wieder alles andre klein, es ist so groß, daß man das Bild nicht in
der Seele behalten kann; man erinnert sich dessen nur kleiner wieder,
und kehrt man dahin zurück, kommt es einem aufs neue größer vor.
Frascati, den 15. November.
Die Gesellschaft ist zu Bette, und ich schreibe noch aus der
Tuschmuschel, aus welcher gezeichnet worden ist. Wir haben ein paar
schöne, regenfreie Tage hier gehabt, warm und freundlichen
Sonnenschein, daß man den Sommer nicht vermißt. Die Gegend ist sehr
angenehm, der Ort liegt auf einem Hügel, vielmehr an einem Berge, und
jeder Schritt bietet dem Zeichner die herrlichsten Gegenstände. Die
Aussicht ist unbegrenzt, man sieht Rom liegen und weiter die See, an
der rechten Seite die Gebirge von Tivoli und so fort. In dieser
lustigen Gegend sind Landhäuser recht zur Lust angelegt, und wie die
alten Römer schon hier ihre Villen hatten, so haben vor hundert Jahren
und mehr reiche und übermütige Römer ihre Landhäuser auch auf die
schönsten Flecke gepflanzt. Zwei Tage gehn wir schon hier herum, und
es ist immer etwas Neues und Reizendes.
Und doch läßt sich kaum sagen, ob nicht die Abende noch vergnügter als
der Tag hingehen. Sobald die stattliche Wirtin die messingene
dreiarmige Lampe auf den großen runden Tisch gesetzt und "Felicissima
notte!" gesagt hat, versammelt sich alles im Kreise und legt die
Blätter vor, welche den Tag über gezeichnet und skizziert worden.
Darüber spricht man, ob der Gegenstand hätte günstiger aufgenommen
werden sollen, ob der Charakter getroffen ist, und was solche erste
allgemeine Fordernisse sind, wovon man sich schon bei dem ersten
Entwurf Rechenschaft geben kann. Hofrat Reiffenstein weiß diese
Sitzungen durch seine Einsicht und Autorität zu ordnen und zu leiten.
Diese löbliche Anstalt aber schreibt sich eigentlich von Philipp
Hackert her, welcher höchst geschmackvoll die wirklichen Aussichten zu
zeichnen und auszuführen wußte. Künstler und Liebhaber, Männer und
Frauen, Alte und Junge ließ er nicht ruhen, er munterte jeden auf,
nach seinen Gaben und Kräften sich gleichfalls zu versuchen, und ging
mit gutem Beispiel vor. Diese Art, eine Gesellschaft zu versammeln
und zu unterhalten, hat Hofrat Reiffenstein nach der Abreise jenes
Freundes treulich fortgesetzt, und wir finden, wie löblich es sei, den
tätigen Anteil eines jeden zu wecken. Die Natur und Eigenschaft der
verschiedenen Gesellschaftsglieder tritt auf eine anmutige Weise
hervor. Tischbein z. B. sieht als Historienmaler die Landschaft ganz
anders an als der Landschaftszeichner. Er findet bedeutende Gruppen
und andere anmutige, vielsagende Gegenstände da, wo ein anderer nichts
gewahr würde, und so glückt es ihm auch, manchen menschlichen naiven
Zug zu erhaschen, es sei nun an Kindern, Landleuten, Bettlern und
andern dergleichen Naturmenschen, oder auch an Tieren, die er mit
wenigen charakteristischen Strichen gar glücklich darzustellen weiß
und dadurch der Unterhaltung immer neuen angenehmen Stoff unterlegt.
Will das Gespräch ausgehen, so wird gleichfalls nach Hackerts
Vermächtnis in Sulzers "Theorie" gelesen, und wenn man gleich von
einem höhern Standpunkte mit diesem Werke nicht ganz zufrieden sein
kann, so bemerkt man doch mit Vergnügen den guten Einfluß auf Personen,
die auf einer mittlern Stufe der Bildung stehen.
Rom, den 17. November.
Wir sind zurück! Heute nacht fiel ein entsetzlicher Regenguß mit
Donner und Blitzen, nun regnet es fort und ist immer warm dabei.
Ich aber kann nur mit wenig Worten das Glück dieses Tages bezeichnen.
Ich habe die Freskogemälde von Dominichin in Andrea della Valle,
angleichen die Farnesische Galerie von Carracci gesehen. Freilich
zuviel für Monate, geschweige für einen Tag.
Den 18. November.
Es ist wieder schön Wetter, ein heller, freundlicher, warmer Tag.
Ich sah in der Farnesina die Geschichte der Psyche, deren farbige
Nachbildungen so lange meine Zimmer erheitern, dann zu St. Peter in
Montorio die "Verklärung" von Raffael. Alles alte Bekannte, wie
Freunde, die man sich in der Ferne durch Briefwechsel gemacht hat, und
die man nun von Angesicht sieht. Das Mitleben ist doch ganz was
anders, jedes wahre Verhältnis und Mißverhältnis spricht sich sogleich
aus.
Auch finden sich aller Orten und Enden herrliche Sachen, von denen
nicht so viel Redens ist, die nicht so oft durch Kupfer und
Nachbildungen in die Welt gestreut sind. Hievon bringe ich manches
mit, gezeichnet von guten jungen Künstlern.
Den 18. November.
Daß ich mit Tischbein schon so lange durch Briefe in dem besten
Verhältnis stehe, daß ich ihm so manchen Wunsch, sogar ohne Hoffnung,
nach Italien zu kommen, mitgeteilt, machte unser Zusammentreffen
sogleich fruchtbar und erfreulich. Er hatte immer an mich gedacht und
für mich gesorgt. Auch was die Steine betrifft, mit welchen die Alten
und Neuen gebaut, ist er vollkommen zu Hause, er hat sie recht
gründlich studiert, wobei ihm sein Künstlerauge und die Künstlerlust
an sinnlichen Dingen sehr zustatten kommt. Eine für mich ausgewählte
Sammlung von Musterstücken hat er vor kurzem nach Weimar abgesendet,
die mich bei meiner Zurückkunft freundlich empfangen soll. Ein
bedeutender Nachtrag hat sich indessen gefunden. Ein Geistlicher, der
sich jetzt in Frankreich aufhält und über die antiken Steinarten ein
Werk auszuarbeiten dachte, erhielt durch die Gunst der Propagande
ansehnliche Stücke Marmor von der Insel Paros. Diese wurden hier zu
Musterstücken verschnitten, und zwölf verschiedene Stücke auch für
mich beiseitegelegt vom feinsten bis zum gröbsten Korn, von der
größten Reinheit und dann minder und mehr mit Glimmer gemischt, jene
zur Bildhauerei, diese zur Architektur anwendbar. Wie viel eine
genaue Kenntnis des Materials, worin die Künste gearbeitet, zu ihrer
Beurteilung hilft, fällt genugsam in die Augen.
Gelegenheit gibt's genug, dergleichen hier zusammenzuschleppen. Auf
den Ruinen des Neronischen Palastes gingen wir durch frisch
aufgehäufelte Artischockenländer und konnten uns nicht enthalten, die
Taschen vollzustecken von Granit, Porphyr und Marmortäfelchen, die zu
Tausenden hier herumliegen und von der alten Herrlichkeit der damit
überkleideten Wände noch als unerschöpfliche Zeugen gelten.
Zum 18. November.
Nun muß ich aber auch von einem wunderbaren problematischen Bilde
sprechen, das sich auf jene trefflichen Dinge noch immer gut sehen
läßt.
Schon vor mehrern Jahren hielt sich hier ein Franzos auf, als
Liebhaber der Kunst und Sammler bekannt. Er kommt zum Besitz eines
antiken Gemäldes auf Kalk, niemand weiß woher; er läßt das Bild durch
Mengs restaurieren und hat es als ein geschätztes Werk in seiner
Sammlung. Winckelmann spricht irgendwo mit Enthusiasmus davon. Es
stellt den Ganymed vor, der dem Jupiter eine Schale Wein reicht und
dagegen einen Kuß empfängt. Der Franzose stirbt und hinterläßt das
Bild seiner Wirtin als antik. Mengs stirbt und sagt auf seinem
Todbette, es sei nicht antik, er habe es gemalt. Und nun streitet
alles gegeneinander. Der eine behauptet, es sei von Mengs zum Scherz
nur so leicht hingemacht, der andere Teil sagt, Mengs habe nie so
etwas machen können, ja es sei beinahe für Raffael zu schön. Ich habe
es gestern gesehn und muß sagen, daß ich auch nichts Schöneres kenne
als die Figur Ganymeds, Kopf und Rücken, das andere ist viel
restauriert. Indessen ist das Bild diskreditiert, und die arme Frau
will niemand von dem Schatz erlösen.
Den 20. November 1786.
Da uns die Erfahrung genugsam belehrt, daß man zu Gedichten jeder Art
Zeichnungen und Kupfer wünscht, ja der Maler selbst seine
ausführlichsten Bilder der Stelle irgendeines Dichters widmet, so ist
Tischbeins Gedanke höchst beifallswürdig, daß Dichter und Künstler
zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprunge herauf eine Einheit
zu bilden. Die Schwierigkeit würde um vieles freilich vermindert,
wenn es kleine Gedichte wären, die sich leicht übersehen und fördern
ließen.
Tischbein hat auch hiezu sehr angenehme idyllische Gedanken, und es
ist wirklich sonderbar, daß die Gegenstände, die er auf diese Weise
bearbeitet wünscht, von der Art sind, daß weder dichtende noch
bildende Kunst, jede für sich, zur Darstellung hinreichend wären. Er
hat mir davon auf unsern Spaziergängen erzählt, um mir Lust zu machen,
daß ich mich darauf einlassen möge. Das Titelkupfer zu unserm
gemeinsamen Werke ist schon entworfen; fürchtete ich mich nicht, in
etwas Neues einzugehen, so könnte ich mich wohl verführen lassen.
Rom, den 22. November 1786, am Cäcilienfeste.
Das Andenken dieses glücklichen Tages muß ich durch einige Zeilen
lebhaft erhalten und, was ich genossen, wenigstens historisch
mitteilen. Es war das schönste, ruhigste Wetter, ein ganz heiterer
Himmel und warme Sonne. Ich ging mit Tischbein nach dem Petersplatze,
wo wir erst auf und ab gehend und, wenn es uns zu warm wurde, im
Schatten des großen Obelisks, der eben für zwei breit genug geworfen
wird, spazierten und Trauben verzehrten, die wir in der Nähe gekauft
hatten. Dann gingen wir in die Sixtinische Kapelle, die wir auch hell
und heiter, die Gemälde wohlerleuchtet fanden. Das "Jüngste Gericht"
und die mannigfaltigen Gemälde der Decke, von Michelangelo, teilten
unsere Bewunderung. Ich konnte nur sehen und anstaunen. Die innere
Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit geht über
allen Ausdruck. Nachdem wir alles wieder und wieder gesehen,
verließen wir dieses Heiligtum und gingen nach der Peterskirche, die
von dem heitern Himmel das schönste Licht empfing und in allen Teilen
hell und klar erschien. Wir ergötzten uns als genießende Menschen an
der Größe und der Pracht, ohne durch allzu eklen und zu verständigen
Geschmack uns diesmal irremachen zu lassen, und unterdrückten jedes
schärfere Urteil. Wir erfreuten uns des Erfreulichen.