Den 16. Oktober, früh, auf dem Schiffe.
Meine Reisegesellschaft, Männer und Frauen, ganz leidliche und
natürliche Menschen, liegen noch alle schlafend in der Kajüte. Ich
aber, in meinen Mantel gehüllt, blieb auf dem Verdeck die beiden
Nächte. Nur gegen Morgen ward es kühl. Ich bin nun in den
fünfundvierzigsten Grad wirklich eingetreten und wiederhole mein altes
Lied: dem Landesbewohner wollt' ich alles lassen, wenn ich nur wie
Dido so viel Klima mit Riemen umspannen könnte, um unsere Wohnungen
damit einzufassen. Es ist denn doch ein ander Sein. Die Fahrt bei
herrlichem Wetter war sehr angenehm, die Aus--und Ansichten einfach,
aber anmutig. Der Po, ein freundlicher Fluß, zieht hier durch große
Plainen, man sieht nur seine bebuschten und bewaldeten Ufer, keine
Fernen. Hier wie an der Etsch sah ich alberne Wasserbaue, die
kindisch und schädlich sind wie die an der Saale.
Ferrara, den 16. nachts.
Heute früh sieben Uhr deutschen Zeigers hier angelangt, bereite ich
mich, morgen wieder wegzugehen. Zum erstenmal überfällt mich eine Art
von Unlust in dieser großen und schönen, flachgelegenen, entvölkerten
Stadt. Dieselben Straßen belebte sonst ein glänzender Hof, hier
wohnte Ariost unzufrieden, Tasso unglücklich, und wir glauben uns zu
erbauen, wenn wir diese Stätte besuchen. Ariosts Grabmal enthält viel
Marmor, schlecht ausgeteilt. Statt Tassos Gefängnis zeigen sie einen
Holzstall oder Kohlengewölbe, wo er gewiß nicht aufbewahrt worden ist.
Auch weiß im Hause kaum jemand mehr, was man will. Endlich besinnen
sie sich um des Trinkgeldes willen. Es kommt mir vor, wie Doktor
Luthers Tintenklecks, den der Kastellan von Zeit zu Zeit wieder
auffrischt. Die meisten Reisenden haben doch etwas
Handwerkspurschenartiges und sehen sich gern nach solchen Wahrzeichen
um. Ich war ganz mürrisch geworden, so daß ich an einem schönen
akademischen Institut, welches ein aus Ferrara gebürtiger Kardinal
gestiftet und bereichert, wenig teilnahm, doch erquickten mich einige
alte Denkmale im Hofe.
Sodann erheiterte mich der gute Einfall eines Malers. Johannes der
Täufer vor Herodes und Herodias. Der Prophet in seinem gewöhnlichen
Wüstenkostüme deutet heftig auf die Dame. Sie sieht ganz gelassen den
neben ihr sitzenden Fürsten, und der Fürst still und klug den
Enthusiasten an. Vor dem Könige steht ein Hund, weiß, mittelgroß,
unter dem Rock der Herodias hingegen kommt ein kleiner Bologneser
hervor, welche beide den Propheten anbellen. Mich dünkt, das ist
recht glücklich gedacht.
Cento, den 17. abends.
In einer bessern Stimmung als gestern schreibe ich aus Guercins
Vaterstadt. Es ist aber auch ein ganz anderer Zustand. Ein
freundliches, wohlgebautes Städtchen von ungefähr fünftausend
Einwohnern, nahrhaft, lebendig, reinlich, in einer unübersehlich
bebauten Plaine. Ich bestieg nach meiner Gewohnheit sogleich den Turm.
Ein Meer von Pappelspitzen, zwischen denen man in der Nähe kleine
Bauerhöfchen erblickt, jedes mit seinem eignen Feld umgeben.
Köstlicher Boden, ein mildes Klima. Es war ein Herbstabend, wie wir
unserm Sommer selten einen verdanken. Der Himmel, den ganzen Tag
bedeckt, heiterte sich auf, die Wolken warfen sich nord--und südwärts
an die Gebirge, und ich hoffe einen schönen morgenden Tag.
Hier sah ich die Apenninen, denen ich mich nähere, zum erstenmal. Der
Winter dauert hier nur Dezember und Januar, ein regniger April,
übrigens nach Beschaffenheit der Jahreszeit gut Wetter. Nie
anhaltender Regen; doch war dieser September besser und wärmer als ihr
August. Die Apenninen begrüßte ich freundlich im Süden, denn ich habe
der Flächen bald genug. Morgen schreibe ich dort an ihrem Fuße.
Guercino liebte seine Vaterstadt, wie überhaupt die Italiener diesen
Lokalpatriotismus im höchsten Sinne hegen und pflegen, aus welchem
schönen Gefühl so viel köstliche Anstalten, ja die Menge Ortsheilige
entsprungen sind. Unter jenes Meisters Leitung entstand nun hier eine
Malerakademie. Er hinterließ mehrere Bilder, an denen sich noch der
Bürger freut, die es aber auch wert sind.
Guercin ist ein heiliger Name, und im Munde der Kinder wie der Alten.
Sehr lieb war mir das Bild, den auferstandenen Christus vorstellend,
der seiner Mutter erscheint. Vor ihm knieend, blickt sie auf ihn mit
unbeschreiblicher Innigkeit. Ihre Linke berührt seinen Leib gleich
unter der unseligen Wunde, die das ganze Bild verdirbt. Er hat seine
linke Hand um ihren Hals gelegt und biegt sich, um sie bequemer
anzusehen, ein wenig mit dem Körper zurück. Dieses gibt der Figur
etwas, ich will nicht sagen Gezwungenes, aber doch Fremdes.
Dessenungeachtet bleibt sie unendlich angenehm. Der stilltraurige
Blick, mit dem er sie ansieht, ist einzig, als wenn ihm die Erinnerung
seiner und ihrer Leiden, durch die Auferstehung nicht gleich geheilt,
vor der edlen Seele schwebte.
Strange hat das Bild gestochen; ich wünschte, daß meine Freunde
wenigstens diese Kopie sähen.
Darauf gewann eine Madonna meine Neigung. Das Kind verlangt nach der
Brust, sie zaudert schamhaft, den Busen zu entblößen. Natürlich, edel,
köstlich und schön.
Ferner eine Maria, die dem vor ihr stehenden und nach den Zuschauern
gerichteten Kinde den Arm führt, daß es mit aufgehobenen Fingern den
Segen austeile. Ein im Sinn der katholischen Mythologie sehr
glücklicher und oft wiederholter Gedanke.
Guercin ist ein innerlich braver, männlich gesunder Maler, ohne Roheit.
Vielmehr haben seine Sachen eine zarte moralische Grazie, eine
ruhige Freiheit und Großheit, dabei etwas Eignes, daß man seine Werke,
wenn man einmal das Auge darauf gebildet hat, nicht verkennen wird.
Die Leichtigkeit, Reinlichkeit und Vollendung seines Pinsels setzt in
Erstaunen. Er bedient sich besonders schöner, ins Braunrote
gebrochener Farben zu seinen Gewändern. Diese harmonieren gar gut mit
dem Blauen, das er auch gerne anbringt.
Die Gegenstände der übrigen Bilder sind mehr oder weniger unglücklich.
Der gute Künstler hat sich gemartert und doch Erfindung und Pinsel,
Geist und Hand verschwendet und verloren. Mir ist aber sehr lieb und
wert, daß ich auch diesen schönen Kunstkreis gesehen habe, obgleich
ein solches Vorüberrennen wenig Genuß und Belehrung gewährt.
Bologna, den 18. Oktober, nachts.
Heute früh, vor Tage, fuhr ich von Cento weg und gelangte bald genug
hieher. Ein flinker und wohlunterrichteter Lohnbediente, sobald er
vernahm, daß ich nicht lange zu verweilen gedächte, jagte mich durch
alle Straßen, durch so viel Paläste und Kirchen, daß ich kaum in
meinem Volkmann anzeichnen konnte, wo ich gewesen war, und wer weiß,
ob ich mich künftig bei diesen Merkzeichen aller der Sachen erinnere.
Nun gedenke ich aber ein paar lichter Punkte, an denen ich wahrhafte
Beruhigung gefühlt.
Zuerst also die Cäcilia von Raffael! Es ist, was ich zum voraus wußte,
nun aber mit Augen sah: er hat eben immer gemacht, was andere zu
machen wünschten, und ich möchte jetzt nichts darüber sagen, als daß
es von ihm ist. Fünf Heilige nebeneinander, die uns alle nichts
angehen, deren Existenz aber so vollkommen dasteht, daß man dem Bilde
eine Dauer für die Ewigkeit wünscht, wenn man gleich zufrieden ist,
selbst aufgelöst zu werden. Um ihn aber recht zu erkennen, ihn recht
zu schätzen und ihn wieder auch nicht ganz als einen Gott zu preisen,
der wie Melchisedek ohne Vater und ohne Mutter erschienen wäre, muß
man seine Vorgänger, seine Meister ansehen. Diese haben auf dem
festen Boden der Wahrheit Grund gefaßt, sie haben die breiten
Fundamente emsig, ja ängstlich gelegt und miteinander wetteifernd die
Pyramide stufenweis in die Höhe gebaut, bis er zuletzt, von allen
diesen Vorteilen unterstützt, von dem himmlischen Genius erleuchtet,
den letzten Stein des Gipfels aufsetzte, über und neben dem kein
anderer stehen kann.
Das historische Interesse wird besonders rege, wenn man die Werke der
ältern Meister betrachtet. Francesco Francia ist ein gar respektabler
Künstler, Peter von Perugia ein so braver Mann, daß man sagen möchte,
eine ehrliche deutsche Haut. Hätte doch das Glück Albrecht Dürern
tiefer nach Italien geführt! In München habe ich ein paar Stücke von
ihm gesehen von unglaublicher Großheit. Der arme Mann, wie er sich in
Venedig verrechnet und mit den Pfaffen einen Akkord macht, bei dem er
Wochen und Monate verliert! Wie er auf seiner niederländischen Reise
gegen seine herrlichen Kunstwerke, womit er sein Glück zu machen
hoffte, Papageien eintauscht und, um das Trinkgeld zu sparen, die
Domestiken porträtiert, die ihm einen Teller Früchte bringen! Mir ist
so ein armer Narr von Künstler unendlich rührend, weil es im Grunde
auch mein Schicksal ist, nur daß ich mir ein klein wenig besser zu
helfen weiß.
Gegen Abend rettete ich mich endlich aus dieser alten, ehrwürdigen,
gelehrten Stadt, aus der Volksmenge, die in den gewölbten Lauben,
welche man fast durch alle Straßen verbreitet sieht, geschützt vor
Sonne und Witterung, hin und her wandeln, gaffen, kaufen und ihre
Geschäfte treiben kann. Ich bestieg den Turm und ergötzte mich an der
freien Luft. Die Aussicht ist herrlich! Im Norden sieht man die
paduanischen Berge, sodann die Schweizer, Tiroler, Friauler Alpen,
genug, die ganze nördliche Kette, diesmal im Nebel. Gegen Westen ein
unbegrenzter Horizont, aus dem nur die Türme von Modena herausragen.
Gegen Osten eine gleiche Ebene, bis ans adriatische Meer, welches man
bei Sonnenaufgang gewahr wird. Gegen Süden die Vorhügel der Apenninen,
bis an ihre Gipfel bepflanzt, bewachsen, mit Kirchen, Palästen,
Gartenhäusern besetzt, wie die vicentinischen Hügel. Es war ein ganz
reiner Himmel, kein Wölkchen, nur am Horizont eine Art Höherauch. Der
Türmer versicherte, daß nunmehro seit sechs Jahren dieser Nebel nicht
aus der Ferne komme. Sonst habe er durch das Sehrohr die Berge von
Vicenza mit ihren Häusern und Kapellen gar wohl entdecken können,
jetzt bei den hellsten Tagen nur selten. Und dieser Nebel legt sich
denn vorzüglich an die nördliche Kette und macht unser liebes
Vaterland zum wahren Cimmerien. Der Mann ließ mich auch die gesunde
Lage und Luft der Stadt daran bemerken, daß ihre Dächer wie neu
aussähen und kein Ziegel durch Feuchtigkeit und Moos angegriffen sei.
Man muß gestehen, die Dächer sind alle rein und schön, aber die Güte
der Ziegeln mag auch etwas dazu beitragen, wenigstens in alten Zeiten
hat man solche in diesen Gegenden kostbar gebrannt.
Der hängende Turm ist ein abscheulicher Anblick, und doch höchst
wahrscheinlich, daß er mit Fleiß so gebaut worden. Ich erkläre mir
diese Torheit folgendermaßen. In den Zeiten der städtischen Unruhen
ward jedes große Gebäude zur Festung, aus der jede mächtige Familie
einen Turm erhob. Nach und nach wurde dies zu einer Lust--und
Ehrensache, jeder wollte auch mit einem Turm prangen, und als zuletzt
die graden Türme gar zu alltäglich waren, so baute man einen schiefen.
Auch haben Architekt und Besitzer ihren Zweck erreicht, man sieht an
den vielen graden schlanken Türmen hin und sucht den krummen. Ich war
nachher oben auf demselben. Die Backsteinschichten liegen horizontal.
Mit gutem, bindendem Kitt und eisernen Ankern kann man schon tolles
Zeug machen.
Bologna, den 19. Oktober, abends.
Meinen Tag habe ich bestmöglichst angewendet, um zu sehen und
wiederzusehen, aber es geht mit der Kunst wie mit dem Leben: je weiter
man hineinkommt, je breiter wird sie. An diesem Himmel treten wieder
neue Gestirne hervor, die ich nicht berechnen kann und die mich
irremachen: die Carracci, Guido, Dominichin, in einer spätern
glücklichern Kunstzeit entsprungen; sie aber wahrhaft zu genießen,
gehört Wissen und Urteil, welches mir abgeht und nur nach und nach
erworben werden kann. Ein großes Hindernis der reinen Betrachtung und
der unmittelbaren Einsicht sind die meist unsinnigen Gegenstände der
Bilder, über die man toll wird, indem man sie verehren und lieben
möchte.
Es ist, als da sich die Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen
vermählten, daraus entstanden mancherlei Ungeheuer. Indem der
himmlische Sinn des Guido, sein Pinsel, der nur das Vollkommenste, was
geschaut werden kann, hätte malen sollen, dich anzieht, so möchtest du
gleich die Augen von den abscheulich dummen, mit keinen Scheltworten
der Welt genug zu erniedrigenden Gegenständen wegkehren, und so geht
es durchaus; man ist immer auf der Anatomie, dem Rabensteine, dem
Schindanger, immer Leiden des Helden, niemals Handlung, nie ein
gegenwärtig Interesse, immer etwas phantastisch von außen Erwartetes.
Entweder Missetäter oder Verzückte, Verbrecher oder Narren, wo denn
der Maler, um sich zu retten, einen nackten Kerl, eine hübsche
Zuschauerin herbeischleppt, allenfalls seine geistlichen Helden als
Gliedermänner traktiert und ihnen recht schöne Faltenmäntel überwirft.
Da ist nichts, was einen menschlichen Begriff gäbe! Unter zehn
Sujets nicht eins, das man hätte malen sollen, und das eine hat der
Künstler nicht von der rechten Seite nehmen dürfen.
Das große Bild von Guido in der Kirche der Mendicanti ist alles, was
man malen, aber auch alles, was man Unsinniges bestellen und dem
Künstler zumuten kann. Es ist ein Votivbild. Ich glaube, der ganze
Senat hat es gelobt und auch erfunden. Die beiden Engel, die wert
wären, eine Psyche in ihrem Unglück zu trösten, müssen hier—
Der heilige Proclus, eine schöne Figur; aber dann die andern, Bischöfe
und Pfaffen! Unten sind himmlische Kinder, die mit Attributen spielen.
Der Maler, dem das Messer an der Kehle saß, suchte sich zu helfen, wie
er konnte, er mühte sich ab, nur um zu zeigen, daß nicht er der Barbar
sei. Zwei nackte Figuren von Guido: ein Johannes in der Wüste, ein
Sebastian, wie köstlich gemalt, und was sagen sie? Der eine sperrt das
Maul auf, und der andere krümmt sich.
Betrachte ich in diesem Unmut die Geschichte, so möchte ich sagen: der
Glaube hat die Künste wieder hervorgehoben, der Aberglaube hingegen
ist Herr über sie geworden und hat sie abermals zugrunde gerichtet.
Nach Tische etwas milder und weniger anmaßlich gestimmt als heute früh,
bemerkte ich folgendes in meine Schreibtafel: Im Palast Tanari ist
ein berühmtes Bild von Guido, die säugende Maria vorstellend, über
Lebensgröße, der Kopf, als wenn ihn ein Gott gemalt hätte;
unbeschreiblich ist der Ausdruck, mit welchem sie auf den saugenden
Knaben heruntersieht. Mir scheint es eine stille, tiefe Duldung,
nicht als wenn sie ein Kind der Liebe und Freude, sondern ein
untergeschobenes himmlisches Wechselkind nur so an sich zehren ließe,
weil es nun einmal nicht anders ist, und sie in tiefster Demut gar
nicht begreift, wie sie dazu kommt. Der übrige Raum ist durch ein
ungeheures Gewand ausgefüllt, welches die Kenner höchlich preisen; ich
wußte nicht recht, was ich daraus machen sollte. Auch sind die Farben
dunkler geworden; das Zimmer und der Tag waren nicht die hellsten.
Unerachtet der Verwirrung, in der ich mich befinde, fühle ich doch
schon, daß Übung, Bekanntschaft und Neigung mir schon in diesen
Irrgärten zu Hülfe kommen. So sprach mich eine Beschneidung von
Guercin mächtig an, weil ich den Mann schon kenne und liebe. Ich
verzieh den unleidlichen Gegenstand und freute mich an der Ausführung.
--Gemalt, was man sich denken kann, alles daran respektabel und
vollendet, als wenn's Emaille wäre.
Und so geht mir's denn wie Bileam, dem konfusen Propheten, welcher
segnete, da er zu fluchen gedachte, und dies würde noch öfter der Fall
sein, wenn ich länger verweilte.
Trifft man denn gar wieder einmal auf eine Arbeit von Raffael, oder
die ihm wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird,
so ist man gleich vollkommen geheilt und froh. So habe ich eine
heilige Agathe gefunden, ein kostbares, obgleich nicht ganz wohl
erhaltenes Bild. Der Künstler hat ihr eine gesunde, sichere
Jungfräulichkeit gegeben, doch ohne Kälte und Roheit. Ich habe mir
die Gestalt wohl gemerkt und werde ihr im Geist meine "Iphigenie"
vorlesen und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht
aussprechen möchte.
Da ich nun wieder einmal dieser süßen Bürde gedenke, die ich auf
meiner Wanderung mit mir führe, so kann ich nicht verschweigen, daß zu
den großen Kunstund Naturgegenständen, durch die ich mich
durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich
meine Arbeit an "Iphigenia" fortsetzen, aber was geschah? Der Geist
führte mir das Argument der "Iphigenia von Delphi" vor die Seele, und
ich mußte es ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet:
Elektra, in gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana
nach Delphi bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll und
widmet die grausame Axt, die so viel Unheil in Pelops' Hause
angerichtet, als schließliches Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt,
leider, einer der Griechen und erzählt, wie er Orest und Pylades nach
Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode führen sehen und sich
glücklich gerettet. Die leidenschaftliche Elektra kennt sich selbst
nicht und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder Menschen ihre Wut
richten soll.
Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades gleichfalls zu Delphi
angekommen. Iphigeniens heilige Ruhe kontrastiert gar merkwürdig mit
Elektrens irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten
wechselseitig unerkannt zusammentreffen. Der entflohene Grieche
erblickt Iphigenien, erkennt die Priesterin, welche die Freunde
geopfert, und entdeckt es Elektren. Diese ist im Begriff, mit
demselbigen Beil, welches sie dem Altar wieder entreißt, Iphigenien zu
ermorden, als eine glückliche Wendung dieses letzte schreckliche übel
von den Geschwistern abwendet. Wenn diese Szene gelingt, so ist nicht
leicht etwas Größeres und Rührenderes auf dem Theater gesehen worden.
Wo soll man aber Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig
wäre!
Indem ich mich nun in dem Drang einer solchen überfüllung des Guten
und Wünschenswerten geängstigt fühle, so muß ich meine Freunde an
einen Traum erinnern, der mir, es wird eben ein Jahr sein, bedeutend
genug schien. Es träumte mir nämlich, ich landete mit einem ziemlich
großen Kahn an einer fruchtbaren, reich bewachsenen Insel, von der mir
bewußt war, daß daselbst die schönsten Fasanen zu haben seien. Auch
handelte ich sogleich mit den Einwohnern um solches Gefieder, welches
sie auch sogleich häufig, getötet, herbeibrachten. Es waren wohl
Fasanen, wie aber der Traum alles umzubilden pflegt, so erblickte man
lange, farbig beaugte Schweife, wie von Pfauen oder seltenen
Paradiesvögeln. Diese brachte man mir schockweise ins Schiff, legte
sie mit den Köpfen nach innen, so zierlich gehäuft, daß die langen,
bunten Federschweife, nach außen hängend, im Sonnenglanz den
herrlichsten Schober bildeten, den man sich denken kann, und zwar so
reich, daß für den Steuernden und die Rudernden kaum hinten und vorn
geringe Räume verblieben. So durchschnitten wir die ruhige Flut, und
ich nannte mir indessen schon die Freunde, denen ich von diesen bunten
Schätzen mitteilen wollte. Zuletzt in einem großen Hafen landend,
verlor ich mich zwischen ungeheuer bemasteten Schiffen, wo ich von
Verdeck auf Verdeck stieg, um meinem kleinen Kahn einen sichern
Landungsplatz zu suchen.
An solchen Wahnbildern ergötzen wir uns, die, weil sie aus uns selbst
entspringen, wohl Analogie mit unserm übrigen Leben und Schicksalen
haben müssen.
Nun war ich auch in der berühmten wissenschaftlichen Anstalt, das
Institut oder die Studien genannt. Das große Gebäude, besonders der
innere Hof, sieht ernsthaft genug aus, obgleich nicht von der besten
Baukunst. Auf den Treppen und Korridors fehlt es nicht an Stukko--und
Freskozierden; alles ist anständig und würdig, und über die
mannigfaltigen schönen und wissenswerten Dinge, die hier
zusammengebracht worden, erstaunt man billig, doch will es einem
Deutschen dabei nicht wohl zumute werden, der eine freiere
Studienweise gewohnt ist.
Mir fiel eine frühere Bemerkung hier wieder in die Gedanken, daß sich
der Mensch im Gange der alles verändernden Zeit so schwer losmacht von
dem, was eine Sache zuerst gewesen, wenn ihre Bestimmung in der Folge
sich auch verändert. Die christlichen Kirchen halten noch immer an
der Basilikenform, wenngleich die Tempelgestalt vielleicht dem Kultus
vorteilhafter wäre. Wissenschaftliche Anstalten haben noch das
klösterliche Ansehn, weil in solchen frommen Bezirken die Studien
zuerst Raum und Ruhe gewannen. Die Gerichtssäle der Italiener sind so
weit und hoch, als das Vermögen einer Gemeinde zureicht, man glaubt,
auf dem Marktplatze unter freiem Himmel zu sein, wo sonst Recht
gesprochen wurde. Und bauen wir nicht noch immer die größten Theater
mit allem Zubehör unter ein Dach, als wenn es die erste Meßbude wäre,
die man auf kurze Zeit von Brettern zusammenschlug? Durch den
ungeheuern Zudrang der Wißbegierigen um die Zeit der Reformation
wurden die Schüler in Bürgerhäuser getrieben, aber wie lange hat es
nicht gedauert, bis wir unsere Waisenhäuser auftaten und den armen
Kindern diese so notwendige Welterziehung verschafften!
Bologna, den 20. abends.
Diesen heitern schönen Tag habe ich ganz unter freiem Himmel
zugebracht. Kaum nahe ich mich den Bergen, so werde ich schon wieder
vom Gestein angezogen. Ich komme mir vor wie Antäus, der sich immer
neu gestärkt fühlt, je kräftiger man ihn mit seiner Mutter Erde in
Berührung bringt.
Ich ritt nach Paderno, wo der sogenannte Bologneser Schwerspat
gefunden wird, woraus man die kleinen Kuchen bereitet, welche
kalziniert im Dunkeln leuchten, wenn sie vorher dem Lichte ausgesetzt
gewesen, und die man hier kurz und gut Fosfori nennt.
Auf dem Wege fand ich schon ganze Felsen Fraueneis zu Tage anstehend,
nachdem ich ein sandiges Tongebirg hinter mir gelassen hatte. Bei
einer Ziegelhütte geht ein Wasserriß hinunter, in welchen sich viele
kleinere ergießen. Man glaubt zuerst, einen aufgeschwemmten Lehmhügel
zu sehen, der vom Regen ausgewaschen wäre, doch konnte ich bei näherer
Betrachtung von seiner Natur so viel entdecken: das feste Gestein,
woraus dieser Teil des Gebirges besteht, ist ein sehr feinblättriger
Schieferton, welcher mit Gips abwechselt. Das schiefrige Gestein ist
so innig mit Schwefelkies gemischt, daß es, von Luft und Feuchtigkeit
berührt, sich ganz und gar verändert. Es schwillt auf, die Lagen
verlieren sich, es entsteht eine Art Letten, muschlig, zerbröckelt,
auf den Flächen glänzend wie Steinkohlen. Nur an großen Stücken,
deren ich mehrere zerschlug und beide Gestalten deutlich wahrnahm,
konnte man sich von dem Übergange, von der Umbildung überzeugen.
Zugleich sieht man die muschligen Flächen mit weißen Punkten
beschlagen, manchmal sind gelbe Partieen drin; so zerfällt nach und
nach die ganze Oberfläche, und der Hügel sieht wie ein verwitterter
Schwefelkies im großen aus. Es finden sich unter den Lagen auch
härtere, grüne und rote. Schwefelkies hab' ich in dem Gestein auch
öfters angeflogen gefunden.
Nun stieg ich in den Schluchten des bröcklig aufgelösten Gebirgs
hinauf, wie sie von den letzten Regengüssen durchwaschen waren, und
fand zu meiner Freude den gesuchten Schwerspat häufig, meist in
unvollkommener Eiform, an mehreren Stellen des eben zerfallenden
Gebirgs hervorschauen, teils ziemlich rein, teils noch von dem Ton, in
welchem er stak, genau umgeben. Daß es keine Geschiebe seien, davon
kann man sich beim ersten Anblick überzeugen. Ob sie gleichzeitig mit
der Schiefertonlage, oder ob sie erst bei Aufblähung oder Zersetzung
derselben entstanden, verdient eine nähere Untersuchung. Die von mir
aufgefundenen Stücke nähern sich, größer oder kleiner, einer
unvollkommenen Eigestalt, die kleinsten gehen auch wohl in eine
undeutliche Kristallform über. Das schwerste Stück, welches ich
gefunden, wiegt siebzehn Lot. Auch fand ich in demselbigen Ton lose,
vollkommene Gipskristalle. Nähere Bestimmung werden Kenner an den
Stücken, die ich mitbringe, zu entwickeln wissen. Und ich wäre nun
also schon wieder mit Steinen belastet! Ein Achtelszentner dieses
Schwerspats habe ich ausgepackt.
Den 20. Oktober in der Nacht.
Wieviel hätte ich noch zu sagen, wenn ich alles gestehen wollte, was
mir an diesem schönen Tage durch den Kopf ging. Aber mein Verlangen
ist stärker als meine Gedanken. Ich fühle mich unwiderstehlich
vorwärts gezogen, nur mit Mühe sammle ich mich an dem Gegenwärtigen.
Und es scheint, der Himmel erhört mich. Es meldet sich ein Vetturin
gerade nach Rom, und so werde ich übermorgen unaufhaltsam dorthin
abgehen. Da muß ich denn wohl heute und morgen nach meinen Sachen
sehn, manches besorgen und wegarbeiten.
Lojano auf den Apenninen, den 21. Oktober, abends.
Ob ich mich heute selbst aus Bologna getrieben, oder ob ich daraus
gejagt worden, wüßte ich nicht zu sagen. Genug, ich ergriff mit
Leidenschaft einen schnellern Anlaß, abzureisen. Nun bin ich hier in
einem elenden Wirtshause in Gesellschaft eines päpstlichen Offiziers,
der nach Perugia, seiner Vaterstadt, geht. Als ich mich zu ihm in den
zweirädrigen Wagen setzte, machte ich ihm, um etwas zu reden, das
Kompliment, daß ich als ein Deutscher, der gewohnt sei, mit Soldaten
umzugehen, sehr angenehm finde, nun mit einem päpstlichen Offizier in
Gesellschaft zu reisen.--"Nehmt mir nicht übel", versetzte er darauf,
"Ihr könnt wohl eine Neigung zum Soldatenstande haben, denn ich höre,
in Deutschland ist alles Militär; aber was mich betrifft, obgleich
unser Dienst sehr läßlich ist, und ich in Bologna, wo ich in Garnison
stehe, meiner Bequemlichkeit vollkommen pflegen kann, so wollte ich
doch, daß ich diese Jacke los wäre und das Gütchen meines Vaters
verwaltete. Ich bin aber der jüngere Sohn, und so muß ich mir's
gefallen lassen."
Den 22. abends.
Giredo, auch ein kleines Nest auf den Apenninen, wo ich mich recht
glücklich fühle, meinen Wünschen entgegenreisend. Heute gesellten
sich reitend ein Herr und eine Dame zu uns, ein Engländer mit einer
sogenannten Schwester. Ihre Pferde sind schön, sie reisen aber ohne
Bedienung, und der Herr macht, wie es scheint, zugleich den Reitknecht
und den Kammerdiener. Sie finden überall zu klagen, man glaubt,
einige Blätter im Archenholz zu lesen.
Die Apenninen sind mir ein merkwürdiges Stück Welt. Auf die große
Fläche der Regionen des Pos folgt ein Gebirg, das sich aus der Tiefe
erhebt, um zwischen zwei Meeren südwärts das feste Land zu endigen.
Wäre die Gebirgsart nicht zu steil, zu hoch über der Meeresfläche,
nicht so sonderbar verschlungen, daß Ebbe und Flut vor alten Zeiten
mehr und länger hätten hereinwirken, größere Flächen bilden und
überspülen können, so wäre es eins der schönsten Länder in dem
herrlichsten Klima, etwas höher als das andere Land.
So aber ist's ein seltsam Gewebe von Bergrücken gegeneinander; oft
sieht man gar nicht ab, wohin das Wasser seinen Ablauf nehmen will.
Wären die Täler besser ausgefüllt, die Flächen mehr glatt und
überspült, so könnte man das Land mit Böhmen vergleichen, nur daß die
Berge auf alle Weise einen andern Charakter haben. Doch muß man sich
keine Bergwüste, sondern ein meist bebautes, obgleich gebirgiges Land
vorstellen. Kastanien kommen hier sehr schön, der Weizen ist
trefflich und die Saat schon hübsch grün. Immergrüne Eichen mit
kleinen Blättern stehen am Wege, um die Kirchen und Kapellen aber
schlanke Zypressen.
Gestern abend war das Wetter trübe, heute ist's wieder hell und schön.
Den 25. abends. Perugia.
Zwei Abende habe ich nicht geschrieben. Die Herbergen waren so
schlecht, daß an kein Auslegen eines Blattes zu denken war. Auch
fängt es mir an, ein bißchen verworren zu werden; denn seit der
Abreise von Venedig spinnt sich der Reiserocken nicht so schön und
glatt mehr ab.
Den Dreiundzwanzigsten früh, unserer Uhr um zehne, kamen wir aus den
Apenninen hervor und sahen Florenz liegen in einem weiten Tal, das
unglaublich bebaut und ins Unendliche mit Villen und Häusern besät ist.
Die Stadt hatte ich eiligst durchlaufen, den Dom, das Baptisterium.
Hier tut sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, an der
ich nicht verweilen will. Der Garten Boboli liegt köstlich. Ich
eilte so schnell heraus als hinein.
Der Stadt sieht man den Volksreichtum an, der sie erbaut hat; man
erkennt, daß sie sich einer Folge von glücklichen Regierungen erfreute.
Überhaupt fällt es auf, was in Toskana gleich die öffentlichen Werke,
Wege, Brücken für ein schönes grandioses Ansehen haben. Es ist hier
alles zugleich tüchtig und reinlich, Gebrauch und Nutzen mit Anmut
sind beabsichtigt, überall läßt sich eine belebende Sorgfalt bemerken.
Der Staat des Papstes hingegen scheint sich nur zu erhalten, weil ihn
die Erde nicht verschlingen will.
Wenn ich neulich von den Apenninen sagte, was sie sein könnten, das
ist nun Toskana: weil es so viel tiefer lag, so hat das alte Meer
recht seine Schuldigkeit getan und tiefen Lehmboden aufgehäuft. Er
ist heugelb und leicht zu verarbeiten. Sie pflügen tief, aber noch
recht auf die ursprüngliche Art: ihr Pflug hat keine Räder, und die
Pflugschar ist nicht beweglich. So schleppt sie der Bauer, hinter
seinen Ochsen gebückt, einher und wühlt die Erde auf. Es wird bis
fünfmal gepflügt, wenigen und nur sehr leichten Dünger streuen sie mit
den Händen. Endlich säen sie den Weizen, dann häufen sie schmale
Sotteln auf, dazwischen entstehen tiefe Furchen, alles so gerichtet,
daß das Regenwasser ablaufen muß. Die Frucht wächst nun auf den
Sotteln in die Höhe, in den Furchen gehen sie hin und her, wenn sie
jäten. Diese Verfahrungsart ist begreiflich, wo Nässe zu fürchten ist;
warum sie es aber auf den schönsten Gebreiten tun, kann ich nicht
einsehen. Diese Betrachtung machte ich bei Arezzo, wo sich eine
herrliche Plaine auftut. Reiner kann man kein Feld sehen, nirgends
auch nur eine Erdscholle, alles klar wie gesiebt. Der Weizen gedeiht
hier recht schön, und er scheint hier alle seiner Natur gemäßen
Bedingungen zu finden. Das zweite Jahr bauen sie Bohnen für die
Pferde, die hier keinen Hafer bekommen. Es werden auch Lupinen gesäet,
die jetzt schon vortrefflich grün stehen und im März Früchte bringen.
Auch der Lein hat schon gekeimt, er bleibt den Winter über und wird
durch den Frost nur dauerhafter.
Die Ölbäume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden,
verlieren auch den Kern, und die Rinde klafft auseinander. Aber sie
haben dessenungeachtet ein festeres Ansehn. Man sieht auch dem Holze
an, daß es langsam wächst und sich unsäglich fein organisiert. Das
Blatt ist weidenartig, nur weniger Blätter am Zweige. Um Florenz an
den Bergen ist alles mit Ölbäumen und Weinstöcken bepflanzt,
dazwischen wird das Erdreich zu Körnern benutzt. Bei Arezzo und so
weiter läßt man die Felder freier. Ich finde, daß man dem Efeu nicht
genug abwehrt, der den Ölbäumen und andern schädlich ist, da es so ein
leichtes wäre, ihn zu zerstören. Wiesen sieht man gar nicht. Man
sagt, das türkische Korn zehre den Boden aus; seitdem es eingeführt
worden, habe der Ackerbau in anderm Betracht verloren. Ich glaube es
wohl bei dem geringen Dünger.
Heute abend habe ich von meinem Hauptmann Abschied genommen, mit der
Versicherung, mit dem Versprechen, ihn auf meiner Rückreise in Bologna
zu besuchen. Er ist ein wahrer Repräsentant vieler seiner Landsleute.
Hier einiges, das ihn besonders bezeichnet. Da ich oft still und
nachdenklich war, sagte er einmal: "Che pensa! non deve mai pensar
l'uomo, pensando s'invecchia." Das ist verdolmetscht: "Was denkt Ihr
viel! der Mensch muß niemals denken, denkend altert man nur." Und
nach einigem Gespräch: "Non deve fermarsi l'uomo in una sola cosa,
perchè allora divien matto; bisogna aver mille cose, una confusione
nella testa." Auf deutsch: "Der Mensch muß sich nicht auf eine
einzige Sache heften, denn da wird er toll, man muß tausend Sachen,
eine Konfusion im Kopfe haben."
Der gute Mann konnte freilich nicht wissen, daß ich eben darum still
und nachdenkend war, weil eine Konfusion von alten und neuen
Gegenständen mir den Kopf verwirrte. Die Bildung eines solchen
Italieners wird man noch klarer aus folgendem erkennen. Da er wohl
merkte, daß ich Protestant sei, sagte er nach einigem Umschweif, ich
möchte ihm doch gewisse Fragen erlauben, denn er habe so viel
Wunderliches von uns Protestanten gehört, worüber er endlich einmal
Gewißheit zu haben wünsche. "Dürft ihr denn", so fragte er, "mit
einem hübschen Mädchen auf einem guten Fuß leben, ohne mit ihr gerade
verheiratet zu sein?--erlauben euch das eure Priester?" Ich erwiderte
darauf: "Unsere Priester sind kluge Leute, welche von solchen
Kleinigkeiten keine Notiz nehmen. Freilich, wenn wir sie darum fragen
wollten, so würden sie es uns nicht erlauben."--"Ihr braucht sie also
nicht zu fragen?" rief er aus. "O ihr Glücklichen! und da ihr ihnen
nicht beichtet, so erfahren sie's nicht." Hierauf erging er sich in
Schelten und Mißbilligen seiner Pfaffen und in dem Preise unserer
seligen Freiheit.--"Was jedoch die Beichte betrifft", fuhr er fort,
"wie verhält es sich damit? Man erzählt uns, daß alle Menschen, auch
die keine Christen sind, dennoch beichten müssen; weil sie aber in
ihrer Verstockung nicht das Rechte treffen können, so beichten sie
einem alten Baume, welches denn freilich lächerlich und gottlos genug
ist, aber doch beweist, daß sie die Notwendigkeit der Beichte
anerkennen." Hierauf erklärte ich ihm unsere Begriffe von der Beichte
und wie es dabei zugehe. Das kam ihm sehr bequem vor, er meinte aber,
es sei ungefähr ebensogut, als wenn man einem Baum beichtete. Nach
einigem Zaudern ersucht' er mich sehr ernsthaft, über einen andern
Punkt ihm redlich Auskunft zu geben, er habe nämlich aus dem Munde
eines seiner Priester, der ein wahrhafter Mann sei, gehört, daß wir
unsere Schwestern heiraten dürften, welches denn doch eine starke
Sache sei. Als ich diesen Punkt verneinte und ihm einige menschliche
Begriffe von unserer Lehre beibringen wollte, mochte er nicht
sonderlich darauf merken, denn es kam ihm zu alltäglich vor, und er
wandte sich zu einer neuen Frage:--"Man versichert uns", sagte er,
"daß Friedrich der Große, welcher so viele Siege selbst über die
Gläubigen davongetragen und die Welt mit seinem Ruhm erfüllt, daß er,
den jedermann für einen Ketzer hält, wirklich katholisch sei und vom
Papste die Erlaubnis habe, es zu verheimlichen; denn er kommt, wie man
weiß, in keine eurer Kirchen, verrichtet aber seinen Gottesdienst in
einer unterirdischen Kapelle mit zerknirschtem Herzen, daß er die
heilige Religion nicht öffentlich bekennen darf; denn freilich, wenn
er das täte, würden ihn seine Preußen, die ein bestialisches Volk und
wütende Ketzer sind, auf der Stelle totschlagen, wodurch denn der
Sache nicht geholfen wäre. Deswegen hat ihm der heilige Vater jene
Erlaubnis gegeben, dafür er denn aber auch die alleinseligmachende
Religion im stillen so viel ausbreitet und begünstigt als möglich."
Ich ließ das alles gelten und erwiderte nur: da es ein großes
Geheimnis sei, könnte freilich niemand davon Zeugnis geben. Unsere
fernere Unterhaltung war ungefähr immer von derselben Art, so daß ich
mich über die kluge Geistlichkeit wundern mußte, welche alles
abzulehnen und zu entstellen sucht, was den dunkeln Kreis ihrer
herkömmlichen Lehre durchbrechen und verwirren könnte.
Ich verließ Perugia an einem herrlichen Morgen und fühlte die
Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schön, der
Anblick des Sees höchst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl
eingedrückt. Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden
Seiten in der Ferne von Hügeln eingefaßten Tale hin, endlich sah ich
Assisi liegen.