Aus Palladio und Volkmann wußte ich, daß ein köstlicher Tempel der
Minerva, zu Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe.
Ich verließ bei Madonna delAngelo meinen Vetturin, der seinen Weg nach
Foligno verfolgte, und stieg unter einem starken Wind nach Assisi
hinauf, denn ich sehnte mich, durch die für mich so einsame Welt eine
Fußwanderung anzustellen. Die ungeheueren Substruktionen der
babylonisch übereinander getürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus
ruht, ließ ich links mit Abneigung, denn ich dachte mir, daß darin die
Köpfe so wie mein Hauptmannskopf gestempelt würden. Dann fragte ich
einen hübschen Jungen nach der Maria della Minerva; er begleitete mich
die Stadt hinauf, die an einen Berg gebaut ist. Endlich gelangten wir
in die eigentliche alte Stadt, und siehe, das löblichste Werk stand
vor meinen Augen, das erste vollständige Denkmal der alten Zeit, das
ich erblickte. Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so
kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schön gedacht, daß
er überall glänzen würde. Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem
ich in Vitruv und Palladio gelesen, wie man Städte bauen, Tempel und
öffentliche Gebäude stellen müsse, habe ich einen großen Respekt vor
solchen Dingen. Auch hierin waren die Alten so groß im Natürlichen.
Der Tempel steht auf der schönen mittlern Höhe des Berges, wo eben
zwei Hügel zusammentreffen, auf dem Platz, der noch jetzt "der Platz"
heißt. Dieser steigt selbst ein wenig an, und es kommen auf demselben
vier Straßen zusammen, die ein sehr gedrücktes Andreaskreuz machen,
zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen
zur alten Zeit die Häuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenüber
gebaut, die Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man
gegen Mittag in die reichste Gegend, und zugleich würde Minervens
Heiligtum von allen Seiten her gesehen. Die Anlage der Straßen mag
alt sein; denn sie folgen aus der Gestalt und dem Abhange des Berges.
Der Tempel steht nicht in der Mitte des Platzes, aber so gerichtet,
daß er dem von Rom Heraufkommenden verkürzt gar schön sichtbar wird.
Nicht allein das Gebäude sollte man zeichnen, sondern auch die
glückliche Stellung.
An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch
konsequent auch hier der Künstler gehandelt. Die Ordnung ist
korinthisch, die Säulenweiten etwas über zwei Model. Die Säulenfüße
und die Platten darunter scheinen auf Piedestalen zu stehen, aber es
scheint auch nur; denn der Sockel ist fünfmal durchschnitten, und
jedesmal gehen fünf Stufen zwischen den Säulen hinauf, da man denn auf
die Fläche gelangt, worauf eigentlich die Säulen stehen, und von
welcher man auch in den Tempel hineingeht. Das Wagstück, den Sockel
zu durchschneiden, war hier am rechten Platze, denn da der Tempel am
Berge liegt, so hätte die Treppe, die zu ihm hinaufführte, viel zu
weit vorgelegt werden müssen und würde den Platz verengt haben.
Wieviel Stufen noch unterhalb gelegen, läßt sich nicht bestimmen; sie
sind außer wenigen verschüttet und zugepflastert. Ungern riß ich mich
von dem Anblick los und nahm mir vor, alle Architekten auf dieses
Gebäude aufmerksam zu machen, damit uns ein genauer Riß davon zukäme.
Denn was überlieferung für ein schlechtes Ding sei, mußte ich dieses
Mal wieder bemerken. Palladio, auf den ich alles vertraute, gibt zwar
dieses Tempels Bild, er kann ihn aber nicht selbst gesehen haben, denn
er setzt wirklich Piedestale auf die Fläche, wodurch die Säulen
unmäßig in die Höhe kommen und ein garstiges palmyrisches Ungeheuer
entsteht, anstatt daß in der Wirklichkeit ein ruhiger, lieblicher, das
Auge und den Verstand befriedigender Anblick erfreut. Was sich durch
die Beschauung dieses Werks in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen
und wird ewige Früchte bringen. Ich ging am schönsten Abend die
römische Straße bergab, im Gemüt zum schönsten beruhigst, als ich
hinter mir rauhe, heftige Stimmen vernahm, die untereinander stritten.
Ich vermutete, daß es die Sbirren sein möchten, die ich schon in der
Stadt bemerkt hatte. Ich ging gelassen vor mich hin und horchte
hinterwärts. Da konnte ich nun gar bald bemerken, daß es auf mich
gemünzt sei. Vier solcher Menschen, zwei davon mit Flinten bewaffnet,
in unerfreulicher Gestalt, gingen vor mir vorbei, brummten, kehrten
nach einigen Schritten zurück und umgaben mich. Sie fragten, wer ich
wäre und was ich hier täte. Ich erwiderte, ich sei ein Fremder, der
seinen Weg über Assisi zu Fuße mache, indessen der Vetturin nach
Foligno fahre. Dies kam ihnen nicht wahrscheinlich vor, daß jemand
einen Wagen bezahle und zu Fuße gehe. Sie fragten, ob ich im Gran
Convento gewesen sei. Ich verneinte dies und versicherte ihnen, ich
kenne das Gebäude von alten Zeiten her. Da ich aber ein Baumeister
sei, habe ich diesmal nur die Maria della Minerva in Augenschein
genommen, welches, wie sie wüßten, ein musterhaftes Gebäude sei. Das
leugneten sie nicht, nahmen aber sehr übel, daß ich dem Heiligen meine
Aufwartung nicht gemacht, und gaben ihren Verdacht zu erkennen, daß
wohl mein Handwerk sein möchte, Kontrebande einzuschwärzen. Ich
zeigte ihnen das Lächerliche, daß ein Mensch, der allein auf der
Straße gehe, ohne Ranzen, mit leeren Taschen, für einen
Kontrebandisten gehalten werden solle. Darauf erbot ich mich, mit
ihnen nach der Stadt zurück und zum Podestà zu gehen, ihm meine
Papiere vorzulegen, da er mich denn als einen ehrenvollen Fremden
anerkennen werde. Sie brummten hierauf und meinten, es sei nicht
nötig, und als ich mich immerfort mit entschiedenem Ernst betrug,
entfernten sie sich endlich wieder nach der Stadt zu. Ich sah ihnen
nach. Da gingen nun diese rohen Kerle im Vordergrunde, und hinter
ihnen her blickte mich die liebliche Minerva noch einmal sehr
freundlich und tröstend an, dann schaute ich links auf den tristen Dom
des heiligen Franziskus und wollte meinen Weg verfolgen, als einer der
Unbewaffneten sich von der Truppe sonderte und ganz freundlich auf
mich los kam. Grüßend sagte er sogleich: "Ihr solltet, mein Herr
Fremder, wenigstens mir ein Trinkgeld geben, denn ich versichere, daß
ich Euch alsobald für einen braven Mann gehalten und dies laut gegen
meine Gesellen erklärt habe. Das sind aber Hitzköpfe und gleich oben
hinaus und haben keine Weltkenntnis. Auch werdet Ihr bemerkt haben,
daß ich Euren Worten zuerst Beifall und Gewicht gab." Ich lobte ihn
deshalb und ersuchte ihn, ehrenhafte Fremde, die nach Assisi sowohl
wegen der Religion als wegen der Kunst kämen, zu beschützen; besonders
die Baumeister, die zum Ruhme der Stadt den Minerventempel, den man
noch niemals recht gezeichnet und in Kupfer gestochen, nunmehro messen
und abzeichnen wollten. Er möchte ihnen zur Hand gehen, da sie sich
denn gewiß dankbar erweisen würden, und somit drückte ich ihm einige
Silberstücke in die Hand, die ihn über seine Erwartung erfreuten. Er
bat mich, ja wiederzukommen, besonders müsse ich das Fest des Heiligen
nicht versäumen, wo ich mich mit größter Sicherheit erbauen und
vergnügen sollte. Ja, wenn es mir, als einem hübschen Manne, wie
billig, um ein hübsches Frauenzimmer zu tun sei, so könne er mir
versichern, daß die schönste und ehrbarste Frau von ganz Assisi auf
seine Empfehlung mich mit Freuden aufnehmen werde. Er schied nun
beteurend, daß er noch heute abend bei dem Grabe des Heiligen meiner
in Andacht gedenken und für meine fernere Reise beten wolle. So
trennten wir uns, und mir war sehr wohl, mit der Natur und mit mir
selbst wieder allein zu sein. Der Weg nach Foligno war einer der
schönsten und anmutigsten Spaziergänge, die ich jemals zurückgelegt.
Vier volle Stunden an einem Berge hin, rechts ein reichbebautes Tal.
Mit den Vetturinen ist es eine leidige Fahrt; das Beste, daß man ihnen
bequem zu Fuße folgen kann. Von Ferrara lass' ich mich nun immer bis
hieher so fortschleppen. Dieses Italien, von Natur höchlich
begünstiget, blieb in allem Mechanischen und Technischen, worauf doch
eine bequemere und frischere Lebensweise gegründet ist, gegen alle
Länder unendlich zurück. Das Fuhrwerk der Vetturine, welches noch
Sedia, ein Sessel, heißt, ist gewiß aus den alten Tragsesseln
entstanden, in welchen sich Frauen, ältere und vornehmere Personen von
Maultieren tragen ließen. Statt des hintern Maultiers, das man hervor
neben die Gabel spannte, setzte man zwei Räder unter, und an keine
weitere Verbesserung ward gedacht. Man wird wie vor Jahrhunderten
noch immer fortgeschaukelt, und so sind sie in ihren Wohnungen und
allem.
Wenn man die erste poetische Idee, daß die Menschen meist unter freiem
Himmel lebten und sich gelegentlich manchmal aus Not in Höhlen
zurückzogen, noch realisiert sehen will, so muß man die Gebäude hier
herum, besonders auf dem Lande, betreten, ganz im Sinn und Geschmack
der Höhlen. Eine so unglaubliche Sorglosigkeit haben sie, um über dem
Nachdenken nicht zu veralten. Mit unerhörtem Leichtsinn versäumen sie,
sich auf den Winter, auf längere Nächte vorzubereiten, und leiden
deshalb einen guten Teil des Jahres wie die Hunde. Hier in Foligno,
in einer völlig homerischen Haushaltung, wo alles um ein auf der Erde
brennendes Feuer in einer großen Halle versammelt ist, schreit und
lärmt, am langen Tische speist, wie die Hochzeit von Kana gemalt wird,
ergreife ich die Gelegenheit, dieses zu schreiben, da einer ein
Tintenfaß holen läßt, woran ich unter solchen Umständen nicht gedacht
hätte. Aber man sieht auch diesem Blatt die Kälte und die
Unbequemlichkeit meines Schreibtisches an.
Jetzt fühl' ich wohl die Verwegenheit, unvorbereitet und unbegleitet
in dieses Land zu gehen. Mit dem verschiedenen Gelde, den Vetturinen,
den Preisen, den schlechten Wirtshäusern ist es eine tagtägliche Not,
daß einer, der zum ersten Male wie ich allein geht und ununterbrochnen
Genuß hoffte und suchte, sich unglücklich genug fühlen müßte. Ich
habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf welche Kosten es sei, und
wenn sie mich auf Ixions Rad nach Rom schleppen, so will ich mich
nicht beklagen.
Terni, den 27. Oktober, abends.
Wieder in einer Höhle sitzend, die vor einem Jahr vom Erdbeben
gelitten; das Städtchen liegt in einer köstlichen Gegend, die ich auf
einem Rundgange um dasselbe her mit Freuden beschaute, am Anfang einer
schönen Plaine zwischen Bergen, die alle noch Kalk sind. Wie Bologna
drüben, so ist Terni hüben an den Fuß des Gebirgs gesetzt.