Mauern bei Pellestrina (Lido von Venedig). Zeichnung von Goethe

Dem Meere folgen seine Bewohner, kleine eßbare Schnecken, einschalige

Patellen, und was sonst noch beweglich ist, besonders die

Taschenkrebse. Kaum aber haben diese Tiere an den glatten Mauern

Besitz genommen, so zieht sich schon das Meer weichend und schwellend,

wie es gekommen, wieder zurück. Anfangs weiß das Gewimmel nicht,

woran es ist, und hofft immer, die salzige Flut soll wiederkehren;

allein sie bleibt aus, die Sonne sticht und trocknet schnell, und nun

geht der Rückzug an. Bei dieser Gelegenheit suchen die Taschenkrebse

ihren Raub. Wunderlicher und komischer kann man nichts sehen als die

Gebärden dieser aus einem runden Körper und zwei langen Scheren

bestehenden Geschöpfe; denn die übrigen Spinnenfüße sind nicht

bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen schreiten sie einher, und

sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild vom Flecke bewegt, fahren

sie zu, um die Schere in den schmalen Raum zwischen der Schale und dem

Boden zu stecken, das Dach umzukehren und die Auster zu verschmausen.

Die Patelle zieht sachte ihren Weg hin, saugt sich aber gleich fest an

den Stein, sobald sie die Nähe des Feindes merkt. Dieser gebärdet

sich nun wunderlich um das Dächelchen herum, gar zierlich und

affenhaft; aber ihm fehlt die Kraft, den mächtigen Muskel des weichen

Tierchens zu überwältigen, er tut auf diese Beute Verzicht, eilt auf

eine andere wandernde los, und die erste setzt ihren Zug sachte fort.

Ich habe nicht gesehen, daß irgendein Taschenkrebs zu seinem Zweck

gelangt wäre, ob ich gleich den Rückzug dieses Gewimmels stundenlang,

wie sie die beiden Flächen und die dazwischen liegenden Stufen

hinabschlichen, beobachtet habe.

Den 10. Oktober.

Nun endlich kann ich denn auch sagen, daß ich eine Komödie gesehen

habe! Sie spielten heut' auf dem Theater St. Lukas "Le Baruge

Chiozzotte", welches allenfalls zu übersetzen wäre: "Die Rauf--und

Schreihändel von Chiozza". Die Handelnden sind lauter Seeleute,

Einwohner von Chiozza, und ihre Weiber, Schwestern und Töchter. Das

gewöhnliche Geschrei dieser Leute im Guten und Bösen, ihre Händel,

Heftigkeit, Gutmütigkeit, Plattheit, Witz, Humor und ungezwungene

Manieren, alles ist gar brav nachgeahmt. Das Stück ist noch von

Goldoni, und da ich erst gestern in jener Gegend war und mir Stimmen

und Betragen der See--und Hafenleute noch im Aug' und Ohr widerschien

und widerklang, so machte es gar große Freude, und ob ich gleich

manchen einzelnen Bezug nicht verstand, so konnte ich doch dem Ganzen

recht gut folgen. Der Plan des Stücks ist folgender: Die

Einwohnerinnen von Chiozza sitzen auf der Reede vor ihren Häusern,

spinnen, stricken, nähen, klippeln wie gewöhnlich; ein junger Mensch

geht vorüber und grüßt eine freundlicher als die übrigen, sogleich

fängt das Sticheln an, dies hält nicht Maße, es schärft sich und

wächst bis zum Hohne, steigert sich zu Vorwürfen, eine Unart

überbietet die andere, eine heftige Nachbarin platzt mit der Wahrheit

heraus, und nun ist Schelten, Schimpfen, Schreien auf einmal

losgebunden, es fehlt nicht an entschiedenen Beleidigungen, so daß die

Gerichtspersonen sich einzumischen genötigt sind.

Im zweiten Akt befindet man sich in der Gerichtsstube; der Aktuarius

an der Stelle des abwesenden Podestà, der als Nobile nicht auf dem

Theater hätte erscheinen dürfen, der Aktuarius also läßt die Frauen

einzeln vorfordern; dieses wird dadurch bedenklich, daß er selbst in

die erste Liebhaberin verliebt ist und, sehr glücklich, sie allein zu

sprechen, anstatt sie zu verhören, ihr eine Liebeserklärung tut. Eine

andere, die in den Aktuarius verliebt ist, stürzt eifersüchtig herein,

der aufgeregte Liebhaber der ersten gleichfalls, die übrigen folgen,

neue Vorwürfe häufen sich, und nun ist der Teufel in der Gerichtsstube

los wie vorher auf dem Hafenplatz.

Im dritten Akt steigert sich der Scherz, und das Ganze endet mit einer

eiligen, notdürftigen Auflösung. Der glücklichste Gedanke jedoch ist

in einem Charakter ausgedrückt, der sich folgendermaßen darstellt.

Ein alter Schiffer, dessen Gliedmaßen, besonders aber die Sprachorgane,

durch eine von Jugend, auf geführte harte Lebensart stockend geworden,

tritt auf als Gegensatz des beweglichen, schwätzenden, schreiseligen

Volkes, er nimmt immer erst einen Anlauf durch Bewegung der Lippen und

Nachhelfen der Hände und Arme, bis er denn endlich, was er gedacht,

herausstößt. Weil ihm dieses aber nur in kurzen Sätzen gelingt, so

hat er sich einen lakonischen Ernst angewöhnt, dergestalt, daß alles,

was er sagt, sprichwörtlich oder sententios klingt, wodurch denn das

übrige wilde, leidenschaftliche Handeln gar schön ins Gleichgewicht

gesetzt wird.

Aber auch so eine Lust habe ich noch nie erlebt, als das Volk laut

werden ließ, sich und die Seinigen so natürlich vorstellen zu sehen.

Ein Gelächter und Gejauchze von Anfang bis zu Ende. Ich muß aber auch

gestehen, daß die Schauspieler es vortrefflich machten. Sie hatten

sich nach Anlage der Charaktere in die verschiedenen Stimmen geteilt,

welche unter dem Volke gewöhnlich vorkommen. Die erste Aktrice war

allerliebst, viel besser als neulich in Heldentracht und Leidenschaft.

Die Frauen überhaupt, besonders aber diese, ahmten Stimme, Gebärden

und Wesen des Volks aufs anmutigste nach. Großes Lob verdient der

Verfasser, der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib gebildet hat.

Das kann man aber auch nur unmittelbar seinem eignen lebenslustigen

Volk. Es ist durchaus mit einer geübten Hand geschrieben.

Von der Truppe Sacchi, für welche Gozzi arbeitete, und die übrigens

zerstreut ist, habe ich die Smeraldina gesehen, eine kleine, dicke

Figur, voller Leben, Gewandtheit und guten Humors. Mit ihr sah ich

den Brighella, einen hagern, wohlgebauten, besonders in Mienen--und

Händespiel trefflichen Schauspieler. Diese Masken, die wir fast nur

als Mumien kennen, da sie für uns weder Leben noch Bedeutung haben,

tun hier gar zu wohl als Geschöpfe dieser Landschaft. Die

ausgezeichneten Alter, Charaktere und Stände haben sich in

wunderlichen Kleidern verkörpert, und wenn man selbst den größten Teil

des Jahrs mit der Maske herumläuft, so findet man nichts natürlicher,

als daß da droben auch schwarze Gesichter erscheinen.

Den 11. Oktober.

Und weil die Einsamkeit in einer so großen Menschenmasse denn doch

zuletzt nicht recht möglich sein will, so bin ich mit einem alten

Franzosen zusammengekommen, der kein Italienisch kann, sich wie

verraten und verkauft fühlt und mit allen Empfehlungsschreiben doch

nicht recht weiß, woran er ist. Ein Mann von Stande, sehr guter

Lebensart, der aber nicht aus sich heraus kann; er mag stark in den

Funfzigen sein und hat zu Hause einen siebenjährigen Knaben, von dem

er bänglich Nachrichten erwartet. Ich habe ihm einige Gefälligkeiten

erzeigt, er reist durch Italien bequem, aber geschwind, um es doch

einmal gesehen zu haben, und mag sich gern im Vorbeigehen soviel wie

möglich unterrichten; ich gebe ihm Auskunft über manches. Als ich mit

ihm von Venedig sprach, fragte er mich, wie lange ich hier sei, und

als er hörte, nur vierzehn Tage und zum erstenmal, versetzte er: "Il

parait que vous n'avez pas perdu votre temps." Das ist das erste

Testimonium meines Wohlverhaltens, das ich aufweisen kann. Er ist nun

acht Tage hier und geht morgen fort. Es war mir köstlich, einen recht

eingefleischten Versailler in der Fremde zu sehen. Der reist nun auch!

Und ich betrachte mit Erstaunen, wie man reisen kann, ohne etwas

außer sich gewahr zu werden, und er ist in seiner Art ein recht

gebildeter, wackrer, ordentlicher Mann.

Den 12. Oktober.

Gestern gaben sie zu St. Lukas ein neues Stück: "L'Inglicismo in

Italia". Da viele Engländer in Italien leben, so ist es natürlich,

daß ihre Sitten bemerkt werden, und ich dachte hier zu erfahren, wie

die Italiener diese reichen und ihnen so willkommenen Gäste betrachten;

aber es war ganz und gar nichts. Einige glückliche Narrenszenen wie

immer, das übrige aber zu schwer und ernstlich gemeint, und denn doch

keine Spur von englischem Sinn, die gewöhnlichen italienischen

sittlichen Gemeinsprüche, und auch nur auf das Gemeinste gerichtet.

Auch gefiel es nicht und war auf dem Punkt, ausgepfiffen zu werden;

die Schauspieler fühlten sich nicht in ihrem Elemente, nicht auf dem

Platze von Chiozza. Da dies das letzte Stück ist, was ich hier sehe,

so scheint es, mein Enthusiasmus für jene Nationalrepräsentation

sollte noch durch diese Folie erhöht werden.

Nachdem ich zum Schluß mein Tagebuch durchgegangen, kleine

Schreibtafelbemerkungen eingeschaltet, so sollen die Akten inrotuliert

und den Freunden zum Urteilsspruch zugeschickt werden. Schon jetzt

finde ich manches in diesen Blättern, das ich näher bestimmen,

erweitern und verbessern könnte; es mag stehen als Denkmal des ersten

Eindrucks, der, wenn er auch nicht immer wahr wäre, uns doch köstlich

und wert bleibt. Könnte ich nur den Freunden einen Hauch dieser

leichtern Existenz hinübersenden! Jawohl ist dem Italiener das

ultramontane eine dunkle Vorstellung, auch mir kommt das jenseits der

Alpen nun düster vor; doch winken freundliche Gestalten immer aus dem

Nebel. Nur das Klima würde mich reizen, diese Gegenden jenen

vorzuziehen; denn Geburt und Gewohnheit sind mächtige Fesseln. Ich

möchte hier nicht leben, wie überall an keinem Orte, wo ich

unbeschäftigt wäre; jetzt macht mir das Neue unendlich viel zu

schaffen. Die Baukunst steigt wie ein alter Geist aus dem Grabe

hervor, sie heißt mich ihre Lehren wie die Regeln einer ausgestorbenen

Sprache studieren, nicht um sie auszuüben oder mich in ihr lebendig zu

erfreuen, sondern nur um die ehrwürdige, für ewig abgeschiedene

Existenz der vergangenen Zeitalter in einem stillen Gemüte zu verehren.

Da Palladio alles auf Vitruv bezieht, so habe ich mir auch die

Ausgabe des Galiani angeschafft; allein dieser Foliante lastet in

meinem Gepäck wie das Studium desselben auf meinem Gehirn. Palladio

hat mir durch seine Worte und Werke, durch seine Art und Weise des

Denkens und Schaffens den Vitruv schon nähergebracht und verdolmetscht,

besser als die italienische übersetzung tun kann. Vitruv liest sich

nicht so leicht, das Buch ist an sich schon düster geschrieben und

fordert ein kritisches Studium. Dessenungeachtet lese ich es flüchtig

durch, und es bleibt mir mancher würdige Eindruck. Besser zu sagen:

ich lese es wie ein Brevier, mehr aus Andacht als zur Belehrung.

Schon bricht die Nacht zeitiger ein und gibt Raum zum Lesen und

Schreiben.

Gott sei Dank, wie mir alles wieder lieb wird, was mir von Jugend auf

wert war! Wie glücklich befinde ich mich, daß ich den alten

Schriftstellern wieder näherzutreten wage! Denn jetzt darf ich es

sagen, darf meine Krankheit und Torheit bekennen. Schon einige Jahre

her durft' ich keinen lateinischen Autor ansehen, nichts betrachten,

was mir ein Bild Italiens erneute. Geschah es zufällig, so erduldete

ich die entsetzlichsten Schmerzen. Herder spottete oft über mich, daß

ich all mein Latein aus dem Spinoza lerne, denn er hatte bemerkt, daß

dies das einzige lateinische Buch war, das ich las; er wußte aber

nicht, wie sehr ich mich vor den Alten hüten mußte, wie ich mich in

jene abstrusen Allgemeinheiten nur ängstlich flüchtete. Noch zuletzt

hat mich die Wielandsche übersetzung der "Satiren" höchst unglücklich

gemacht; ich hatte kaum zwei gelesen, so war ich schon verrückt.

Hätte ich nicht den Entschluß gefaßt, den ich jetzt ausführe, so wär'

ich rein zugrunde gegangen: zu einer solchen Reife war die Begierde,

diese Gegenstände mit Augen zu sehen, in meinem Gemüt gestiegen. Die

historische Kenntnis förderte mich nicht, die Dinge standen nur eine

Hand breit von mir ab; aber durch eine undurchdringliche Mauer

geschieden. Es ist mir wirklich auch jetzt nicht etwa zumute, als

wenn ich die Sachen zum erstenmal sähe, sondern als ob ich sie

wiedersähe. Ich bin nur kurze Zeit in Venedig und habe mir die

hiesige Existenz genugsam zugeeignet und weiß, daß ich, wenn auch

einen unvollständigen, doch einen ganz klaren und wahren Begriff mit

wegnehme.

Venedig, den 14. Oktober, 2 Stunden in der Nacht.

In den letzten Augenblicken meines Hierseins: denn es geht sogleich

mit dem Kurierschiffe nach Ferrara. Ich verlasse Venedig gern; denn

um mit Vergnügen und Nutzen zu bleiben, müßte ich andere Schritte tun,

die außer meinem Plan liegen; auch verläßt jedermann nun diese Stadt

und sucht seine Gärten und Besitzungen auf dem festen Lande. Ich habe

indes gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, einzige Bild

mit mir fort.

Italienische Reise — Band 1 · 第 11 / 68 题