Abfahrt der Bucentaure. Vedute von Francesco Guardi

Ich komme immer auf mein Altes zurück. Wenn dem Künstler ein echter

Gegenstand gegeben ist, so kann er etwas Echtes leisten. Hier war ihm

aufgetragen, eine Galeere zu bilden, die wert wäre, die Häupter der

Republik am feierlichsten Tage zum Sakrament ihrer hergebrachten

Meerherrschaft zu tragen, und diese Aufgabe ist fürtrefflich

ausgeführt. Das Schiff ist ganz Zierat, also darf man nicht sagen:

mit Zierat überladen, ganz vergoldetes Schnitzwerk, sonst zu keinem

Gebrauch, eine wahre Monstranz, um dem Volke seine Häupter recht

herrlich zu zeigen. Wissen wir doch: das Volk, wie es gern seine Hüte

schmückt, will auch seine Obern prächtig und geputzt sehen. Dieses

Prunkschiff ist ein rechtes Inventarienstück, woran man sehen kann,

was die Venezianer waren und sich zu sein dünkten.

Den 5. Oktober, nachts.

Ich komme noch lachend aus der Tragödie und muß diesen Scherz gleich

auf dem Papier befestigen. Das Stück war nicht schlimm, der Verfasser

hatte alle tragischen Matadore zusammengesteckt, und die Schauspieler

hatten gut spielen. Die meisten Situationen waren bekannt, einige neu

und ganz glücklich. Zwei Väter, die sich hassen, Söhne und Töchter

aus diesen getrennten Familien, leidenschaftlich übers Kreuz verliebt,

ja das eine Paar heimlich verheiratet. Es ging wild und grausam zu,

und nichts blieb zuletzt übrig, um die jungen Leute glücklich zu

machen, als daß die beiden Väter sich erstachen, worauf unter

lebhaftem Händeklatschen der Vorhang fiel. Nun ward aber das

Klatschen heftiger, nun wurde "Fuora" gerufen und das so lange, bis

sich die zwei Hauptpaare bequemten, hinter dem Vorhang

hervorzukriechen, ihre Bücklinge zu machen und auf der andern Seite

wieder abzugehen.

Das Publikum war noch nicht befriedigt, es klatschte fort und rief: "I

morti!" Das dauerte so lange, bis die zwei Toten auch herauskamen und

sich bückten, da denn einige Stimmen riefen "Bravi i morti!" Sie

wurden durch Klatschen lange festgehalten, bis man ihnen gleichfalls

endlich abzugehen erlaubte. Diese Posse gewinnt für den Augen--und

Ohrenzeugen unendlich, der das "Bravo! Bravi!", das die Italiener

immer im Munde führen, so in den Ohren hat wie ich, und dann auf

einmal auch die Toten mit diesem Ehrenwort anrufen hört.

"Gute Nacht!", so können wir Nordländer zu jeder Stunde sagen, wenn

wir im Finstern scheiden, der Italiener sagt: "Felicissima notte!" nur

einmal, und zwar wenn das Licht in das Zimmer gebracht wird, indem Tag

und Nacht sich scheiden, und da heißt es denn etwas ganz anderes. So

unübersetzlich sind die Eigenheiten jeder Sprache; denn vom höchsten

bis zum tiefsten Wort bezieht sich alles auf Eigentümlichkeiten der

Nation, es sei nun in Charakter, Gesinnungen oder Zuständen.

Den 6. Oktober.

Die Tragödie gestern hat mich manches gelehrt. Erstlich habe ich

gehört, wie die Italiener ihre eilfsilbigen Iamben behandeln und

deklamieren, dann habe ich begriffen, wie klug Gozzi die Masken mit

den tragischen Figuren verbunden hat. Das ist das eigentliche

Schauspiel für dieses Volk; denn es will auf eine krude Weise gerührt

sein, es nimmt keinen innigen, zärtlichen Anteil am Unglücklichen, es

freut sie nur wenn der Held gut spricht; denn aufs Reden halten sie

viel, sodann aber wollen sie lachen oder etwas Albernes vornehmen.

Ihr Anteil am Schauspiel ist nur als an einem Wirklichen. Da der

Tyrann seinem Sohne das Schwert reichte und forderte, daß dieser seine

eigne gegenüberstehende Gemahlin umbringen sollte, fing das Volk laut

an, sein Mißvergnügen über diese Zumutung zu beweisen, und es fehlte

nicht viel, so wäre das Stück unterbrochen worden. Sie verlangten,

der Alte sollte sein Schwert zurücknehmen, wodurch denn freilich die

folgenden Situationen des Stücks wären aufgehoben worden. Endlich

entschloß sich der bedrängte Sohn, trat ins Proszenium und bat demütig,

sie möchten sich nur noch einen Augenblick gedulden, die Sache werde

noch ganz nach Wunsch ablaufen. Künstlerisch genommen aber war diese

Situation nach den Umständen albern und unnatürlich, und ich lobte das

Volk um sein Gefühl.

Jetzt verstehe ich besser die langen Reden und das viele Hin--und

Herdissertieren im griechischen Trauerspiele. Die Athenienser hörten

noch lieber reden und verstanden sich noch besser darauf als die

Italiener; vor den Gerichtsstellen, wo sie den ganzen Tag lagen,

lernten sie schon etwas.

Den 6. Oktober.

An den ausgeführten Werken Palladios, besonders an den Kirchen, habe

ich manches Tadelnswürdige neben dem Köstlichsten gefunden. Wenn ich

nun so bei mir überlegte, inwiefern ich recht oder unrecht hätte gegen

einen solchen außerordentlichen Mann, so war es, als ob er dabei

stünde und mir sagte: "Das und das habe ich wider Willen gemacht, aber

doch gemacht, weil ich unter den gegebenen Umständen nur auf diese

Weise meiner höchsten Idee am nächsten kommen konnte."

Mir scheint, so viel ich auch darüber denke, er habe bei Betrachtung

der Höhe und Breite einer schon bestehenden Kirche, eines ältern

Hauses, wozu er Fassaden errichten sollte, nur überlegt: "Wie gibst du

diesen Räumen die größte Form? Im einzelnen mußt du wegen

eintretenden Bedürfnisses etwas verrücken oder verpfuschen, da oder

dort wird eine Unschicklichkeit entstehen, aber das mag sein, das

Ganze wird einen hohen Stil haben, und du wirst dir zur Freude

arbeiten."

Und so hat er das größte Bild, das er in der Seele trug, auch dahin

gebracht, wo es nicht ganz paßte, wo er es im einzelnen zerknittern

und verstümmeln mußte.

Der Flügel in der Carità dagegen muß uns deshalb von so hohem Werte

sein, weil der Künstler freie Hand hatte und seinem Geist unbedingt

folgen durfte. Wäre das Kloster fertig geworden, so stünde vielleicht

in der ganzen gegenwärtigen Welt kein vollkommeneres Werk der Baukunst.

Wie er gedacht und wie er gearbeitet, wird mir immer klarer, je mehr

ich seine Werke lese und dabei betrachte, wie er die Alten behandelt;

denn er macht wenig Worte, sie sind aber alle gewichtig. Das vierte

Buch, das die antiken Tempel darstellt, ist eine rechte Einleitung,

die alten Reste mit Sinn zu beschauen.

Den 6. Oktober.

Gestern abend sah ich "Elektra" von Crébillon auf dem Theater St.

Crisostomo, nämlich übersetzt. Was mir das Stück abgeschmackt vorkam,

und wie es mir fürchterliche Langeweile machte, kann ich nicht sagen.

Die Akteurs sind übrigens brav und wissen das Publikum mit einzelnen

Stellen abzuspeisen. Orest hat allein drei verschiedene Erzählungen,

poetisch aufgestutzt, in einer Szene. Elektra, ein hübsches Weibchen,

von mittlerer Größe und Stärke und fast französischer Lebhaftigkeit,

einem guten Anstand, spricht die Verse schön, nur betrug sie sich von

Anfang bis zu Ende toll, wie es leider die Rolle verlangt. Indessen

habe ich doch wieder gelernt. Der italienische, immer eilfsilbige

Iambe hat für die Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte

Silbe durchaus kurz ist und wider Willen des Deklamators in die Höhe

schlägt.

Den 6. Oktober.

Heute früh war ich bei dem Hochamte, welchem der Doge jährlich an

diesem Tage wegen eines alten Siegs über die Türken in der Kirche der

heiligen Justina beiwohnen muß. Wenn an dem kleinen Platz die

vergoldeten Barken landen, die den Fürsten und einen Teil des Adels

bringen, seltsam gekleidete Schiffer sich mit rot gemalten Rudern

bemühen, am Ufer die Geistlichkeit, die Brüderschaften mit

angezündeten, auf Stangen und tragbare silberne Leuchter gesteckten

Kerzen stehen, drängen, wogen und warten, dann mit Teppichen

beschlagene Brücken aus den Fahrzeugen ans Land gestreckt werden,

zuerst die langen violetten Kleider der Savj, dann die langen roten

der Senatoren sich auf dem Pflaster entfalten, zuletzt der Alte, mit

goldener phrygischer Mütze geschmückt, im längsten goldenen Talar mit

dem Hermelinmantel aussteigt, drei Diener sich seiner Schleppe

bemächtigen, alles auf einem kleinen Platz vor dem Portal einer Kirche,

vor deren Türen die Türkenfahnen gehalten werden, so glaubt man auf

einmal eine alte gewirkte Tapete zu sehen, aber recht gut gezeichnet

und koloriert. Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viele

Freude gemacht. Bei uns wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und

wo die größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der

Schulter begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein. Aber

hierher gehören diese Schleppröcke, diese friedlichen Begehungen.

Der Doge ist ein gar schön gewachsener und schön gebildeter Mann, der

krank sein mag, sich aber nur noch so, um der Würde willen, unter dem

schweren Rocke gerade hält. Sonst sieht er aus wie der Großpapa des

ganzen Geschlechts und ist gar hold und leutselig; die Kleidung steht

sehr gut, das Käppchen unter der Mütze beleidigt nicht, indem es, ganz

fein und durchsichtig, auf dem weißesten, klarsten Haar von der Welt

ruht.

Etwa funfzig Nobili in langen dunkelroten Schleppkleidern waren mit

ihm, meist schöne Männer, keine einzige vertrackte Gestalt, mehrere

groß, mit großen Köpfen, denen die blonden Lockenperücken wohl ziemten;

vorgebaute Gesichter, weiches, weißes Fleisch, ohne schwammig und

widerwärtig auszusehen, vielmehr klug, ohne Anstrengung, ruhig, ihrer

selbst gewiß, Leichtigkeit des Daseins und durchaus eine gewisse

Fröhlichkeit.

Wie sich alles in der Kirche rangiert hatte und das Hochamt anfing,

zogen die Brüderschaften zur Haupttüre herein und zur rechten

Seitentüre wieder hinaus, nachdem sie Paar für Paar das Weihwasser

empfangen und sich gegen den Hochaltar, den Dogen und den Adel geneigt

hatten.

Den 6. Oktober.

Auf heute abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schiffer bestellt,

die den Tasso und Ariost auf ihre eignen Melodien singen. Dieses muß

wirklich bestellt werden, es kommt nicht gewöhnlich vor, es gehört

vielmehr zu den halb verklungenen Sagen der Vorzeit. Bei Mondenschein

bestieg ich eine Gondel, den einen Sänger vorn, den andern hinten; sie

fingen ihr Lied an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie,

welche wir durch Rousseau kennen, ist eine Mittelart zwischen Choral

und Rezitativ, sie behält immer denselbigen Gang, ohne Takt zu haben;

die Modulation ist auch dieselbige, nur verändern sie nach dem Inhalt

des Verses mit einer Art von Deklamation sowohl Ton als Maß; der Geist

aber, das Leben davon, läßt sich begreifen, wie folgt.

Auf welchem Wege sich die Melodie gemacht hat, will ich nicht

untersuchen, genug, sie paßt gar trefflich für einen müßigen Menschen,

der sich etwas vormoduliert und Gedichte, die er auswendig kann,

solchem Gesang unterschiebt.

Mit einer durchdringenden Stimme--das Volk schätzt Stärke vor

allem--sitzt er am Ufer einer Insel, eines Kanals auf einer Barke und

läßt sein Lied schallen, so weit er kann. Über den stillen Spiegel

verbreitet sich's. In der Ferne vernimmt es ein anderer, der die

Melodie kennt, die Worte versteht und mit dem folgenden Verse

antwortet; hierauf erwidert der erste, und so ist einer immer das Echo

des andern. Der Gesang währt Nächte durch, unterhält sie, ohne zu

ermüden. Je ferner sie also voneinander sind, desto reizender kann

das Lied werden: wenn der Hörer alsdann zwischen beiden steht, so ist

er am rechten Flecke.

Um dieses mich vernehmen zu lassen, stiegen sie am Ufer der Giudecca

aus, sie teilten sich am Kanal hin, ich ging zwischen ihnen auf und ab,

so daß ich immer den verließ, der zu singen anfangen sollte, und mich

demjenigen wieder näherte, der aufgehört hatte. Da ward mir der Sinn

des Gesangs erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klingt es

höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas

unglaublich, bis zu Tränen Rührendes. Ich schrieb es meiner Stimmung

zu; aber mein Alter sagte: "È singolare, come quel canto intenerisce,

e molto piè, quando è piè ben cantato." Er wünschte, daß ich die

Weiber vom Lido, besonders die von Malamocco und Pelestrina hören

möchte, auch diese sängen den Tasso auf gleiche und ähnliche Melodien.

Er sagte ferner: "Sie haben die Gewohnheit, wenn ihre Männer aufs

Fischen ins Meer sind, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender

Stimme abends diese Gesänge erschallen zu lassen, bis sie auch von

ferne die Stimme der Ihrigen vernehmen und sich so mit ihnen

unterhalten." Ist das nicht sehr schön? Und doch läßt sich wohl

denken, daß ein Zuhörer in der Nähe wenig Freude an solchen Stimmen

haben möchte, die mit den Wellen des Meeres kämpfen. Menschlich aber

und wahr wird der Begriff dieses Gesanges, lebendig wird die Melodie,

über deren tote Buchstaben wir uns sonst den Kopf zerbrochen haben.

Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite, damit ein anderer,

Gleichgestimmter höre und antworte.

Den 8. Oktober.

Den Palast Pisani Moretta besuchte ich wegen eines köstlichen Bildes

von Paul Veronese. Die weibliche Familie des Darius kniet vor

Alexandern und Hephästion, die voranknieende Mutter hält den letztern

für den König, er lehnt es ab und deutet auf den rechten. Man erzählt

das Märchen, der Künstler sei in diesem Palast gut aufgenommen und

längere Zeit ehrenvoll bewirtet worden, dagegen habe er das Bild

heimlich gemalt und als Geschenk zusammengerollt unter das Bett

geschoben. Es verdient allerdings, einen besondern Ursprung zu haben,

denn es gibt einen Begriff von dem ganzen Werte des Meisters. Seine

große Kunst, ohne einen allgemeinen Ton, der über das ganze Stück

gezogen wäre, durch kunstreich verteiltes Licht und Schatten und

ebenso weislich abwechselnde Lokalfarben die köstlichste Harmonie

hervorzubringen, ist hier recht sichtbar, da das Bild vollkommen

erhalten und frisch wie von gestern vor uns steht; denn freilich,

sobald ein Gemälde dieser Art gelitten hat, wird unser Genuß sogleich

getrübt, ohne daß wir wissen, was die Ursache sei.

Wer mit dem Künstler wegen des Kostüms rechten wollte, der dürfte sich

nur sagen, es habe eine Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts gemalt

werden sollen, und so ist alles abgetan. Die Abstufung von der Mutter

durch Gemahlin und Töchter ist höchst wahr und glücklich; die jüngste

Prinzeß, ganz am Ende knieend, ist ein hübsches Mäuschen und hat ein

gar artiges, eigensinniges, trotziges Gesichtchen; ihre Lage scheint

ihr gar nicht zu gefallen.

Zum 8. Oktober.

Meine alte Gabe, die Welt mit Augen desjenigen Malers zu sehen, dessen

Bilder ich mir eben eingedrückt, brachte mich auf einen eignen

Gedanken. Es ist offenbar, daß sich das Auge nach den Gegenständen

bildet, die es von Jugend auf erblickt, und so muß der venezianische

Maler alles klarer und heiterer sehn als andere Menschen. Wir, die

wir auf einem bald schmutzkotigen, bald staubigen, farblosen, die

Widerscheine verdüsternden Boden und vielleicht gar in engen Gemächern

leben, können einen solchen Frohblick aus uns selbst nicht entwickeln.

Als ich bei hohem Sonnenschein durch die Lagunen fuhr und auf den

Gondelrändern die Gondoliere, leicht schwebend, buntbekleidet, rudernd,

betrachtete, wie sie auf der hellgrünen Fläche sich in der blauen

Luft zeichneten, so sah ich das beste, frischeste Bild der

venezianischen Schule. Der Sonnenschein hob die Lokalfarben blendend

hervor, und die Schattenseiten waren so licht, daß sie verhältnismäßig

wieder zu Lichtern hätten dienen können. Ein Gleiches galt von den

Widerscheinen des meergrünen Wassers. Alles war hell in hell gemalt,

so daß die schäumende Welle und die Blitzlichter darauf nötig waren,

um das Tüpfchen aufs i zu setzen.

Tizian und Paul hatten diese Klarheit im höchsten Grade, und wo man

sie in ihren Werken nicht findet, hat das Bild verloren oder ist

ausgemalt.

Die Kuppeln und Gewölbe der Markuskirche nebst ihren Seitenflächen,

alles ist bilderreich, alles bunte Figuren auf goldenem Grunde, alles

musivische Arbeit; einige sind recht gut, andere gering, je nachdem

die Meister waren, die den Karton verfertigten.

Es fiel mir recht aufs Herz, daß doch alles auf die erste Erfindung

ankommt, und daß diese das rechte Maß, den wahren Geist habe, da man

mit viereckigen Stückchen Glas, und hier nicht einmal auf die

sauberste Weise, das Gute sowohl als das Schlechte nachbilden kann.

Die Kunst, welche dem Alten seine Fußboden bereitete, dem Christen

seine Kirchenhimmel wölbte, hat sich jetzt auf Dosen und Armbänder

verkrümelt. Diese Zeiten sind schlechter, als man denkt.

Den 8. Oktober.

In dem Hause Farsetti ist eine kostbare Sammlung von Abgüssen der

besten Antiken. Ich schweige von denen, die ich von Mannheim her und

sonst schon gekannt, und erwähne nur neuere Bekanntschaften. Eine

Kleopatra in kolossaler Ruhe, die Aspis um den Arm geschlungen und in

den Tod hinüberschlafend, ferner die Mutter Niobe, die ihre jüngste

Tochter mit dem Mantel vor den Pfeilen des Apollo deckt, sodann einige

Gladiatoren, ein in seinen Flügeln ruhender Genius, sitzende und

stehende Philosophen.

Es sind Werke, an denen sich die Welt Jahrtausende freuen und bilden

kann, ohne den Wert des Künstlers durch Gedanken zu erschöpfen.

Viele bedeutende Büsten versetzen mich in die alten herrlichen Zeiten.

Nur fühle ich leider, wie weit ich in diesen Kenntnissen zurück bin,

doch es wird vorwärts gehen, wenigstens weiß ich den Weg. Palladio hat

mir ihn auch dazu und zu aller Kunst und Leben geöffnet. Es klingt

das vielleicht ein wenig wunderlich, aber doch nicht so paradox, als

wenn Jakob Böhme bei Erblickung einer zinnernen Schüssel durch

Einstrahlung Jovis über das Universum erleuchtet wurde. Auch steht in

dieser Sammlung ein Stück des Gebälks vom Tempel des Antonins und der

Faustina in Rom. Die vorspringende Gegenwart dieses herrlichen

Architekturgebildes erinnerte mich an das Kapitäl des Pantheon in

Mannheim. Das ist freilich etwas anderes als unsere kauzenden, auf

Kragsteinlein übereinander geschichteten Heiligen der gotischen

Zierweisen, etwas anderes als unsere Tabakspfeifensäulen, spitze

Türmlein und Blumenzacken; diese bin ich nun, Gott sei Dank, auf ewig

los!

Noch will ich einiger Werke der Bildhauerkunst erwähnen, die ich diese

Tage her, zwar nur im Vorbeigehen, aber doch mit Erstaunen und

Erbauung betrachtet: zwei ungeheure Löwen von weißem Marmor vor dem

Tore des Arsenals; der eine sitzt aufgerichtet, auf die Vorderpfoten

gestemmt, der andere liegt--herrliche Gegenbilder, von lebendiger

Mannigfaltigkeit. Sie sind so groß, daß sie alles umher klein machen,

und daß man selbst zunichte würde, wenn erhabene Gegenstände uns nicht

erhüben. Sie sollen aus der besten griechischen Zeit und vom Piräeus

in den glänzenden Tagen der Republik hierher gebracht sein.

Aus Athen mögen gleichfalls ein paar Basreliefe stammen in dem Tempel

der heiligen Justina, der Türkenbesiegerin, eingemauert, aber leider

durch Kirchstühle einigermaßen verfinstert. Der Küster machte mich

aufmerksam darauf, weil die Sage gehe, daß Tizian seine unendlich

schönen Engel im Bilde, die Ermordung des heiligen Petrus Martyr

vorstellend, darnach geformt habe. Es sind Genien, welche sich mit

Attributen der Götter schleppen, freilich so schön, daß es allen

Begriff übersteigt.

Sodann betrachtete ich mit ganz eignem Gefühl die nackte kolossale

Statue des Marcus Agrippa in dem Hofe eines Palastes; ein sich ihm zur

Seite heraufschlängelnder Delphin deutet auf einen Seehelden. Wie

doch eine solche heroische Darstellung den reinen Menschen Göttern

ähnlich macht!

Die Pferde auf der Markuskirche besah ich in der Nähe. Von unten

hinauf bemerkt man leicht, daß sie fleckig sind, teils einen schönen

gelben Metallglanz haben, teils kupfergrünlich angelaufen. In der

Nähe sieht und erfährt man, daß sie ganz vergoldet waren, und sieht

sie über und über mit Striemen bedeckt, da die Barbaren das Gold nicht

abfeilen, sondern abhauen wollten. Auch das ist gut, so blieb

wenigstens die Gestalt.

Ein herrlicher Zug Pferde! Ich möchte einen rechten Pferdekenner

darüber reden hören. Was mir sonderbar scheint, ist, daß sie in der

Nähe schwer und unten vom Platz leicht wie die Hirsche aussehen.

Den 8. Oktober.

Ich fuhr heute früh mit meinem Schutzgeiste aufs Lido, auf die

Erdzunge, welche die Lagunen schließt und sie vom Meere absondert.

Wir stiegen aus und gingen quer über die Zunge. Ich hörte ein starkes

Geräusch, es war das Meer, und ich sah es bald, es ging hoch gegen das

Ufer, indem es sich zurückzog, es war um Mittag, Zeit der Ebbe. So

habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen und bin auf der schönen

Tenne, die es weichend zurückläßt, ihm nachgegangen. Da hätte ich mir

die Kinder gewünscht, um der Muscheln willen; ich habe, selbst

kindisch, ihrer genug aufgelesen, doch widme ich sie zu einigem

Gebrauch, ich möchte von der Feuchtigkeit des Tintenfisches, die hier

so häufig wegfließt, etwas eintrocknen.

Auf dem Lido, nicht weit vom Meer, liegen Engländer begraben und

weiterhin Juden, die beiderseits in geweihtem Boden nicht ruhen

sollten. Ich fand das Grab des edlen Konsul Smith und seiner ersten

Frauen; ich bin ihm mein Exemplar des Palladio schuldig und dankte ihm

auf seinem ungeweihten Grabe dafür.

Und nicht allein ungeweiht, sondern halbverschüttet ist das Grab. Das

Lido ist immer nur wie eine Düne anzusehen; der Sand wird dorthin

geführt, vom Winde hin und her getrieben, aufgehäuft, überall

angedrängt. In weniger Zeit wird man das ziemlich erhöhte Monument

kaum wiederfinden können.

Das Meer ist doch ein großer Anblick! Ich will sehen, in einem

Fischerkahn eine Fahrt zu tun; die Gondeln wagen sich nicht hinaus.

Den 8. Oktober.

Am Meere habe ich auch verschiedene Pflanzen gefunden, deren ähnlicher

Charakter mir ihre Eigenschaften näher kennen ließ; sie sind alle

zugleich mastig und streng, saftig und zäh, und es ist offenbar, daß

das alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige Luft ihnen diese

Eigenschaften gibt; sie strotzen von Säften wie Wasserpflanzen, sie

sind fest und zäh wie Bergpflanzen; wenn ihre Blätterenden eine

Neigung zu Stacheln haben, wie Disteln tun, sind sie gewaltig spitz

und stark. Ich fand einen solchen Busch Blätter, es schien mir unser

unschuldiger Huflattich, hier aber mit scharfen Waffen bewaffnet, und

das Blatt wie Leder, so auch die Samenkapseln, die Stiele, alles

mastig und fett. Ich bringe Samen mit und eingelegte Blätter

(Eryngium maritimum).

Der Fischmarkt und die unendlichen Seeprodukte machen mir viel

Vergnügen; ich gehe oft darüber und beleuchte die unglücklichen

aufgehaschten Meeresbewohner.

Den 9. Oktober.

Ein köstlicher Tag, vom Morgen bis in die Nacht! Ich fuhr bis

Pelestrina gegen Chiozza über, wo die großen Baue sind, Murazzi

genannt, welche die Republik gegen das Meer aufführen läßt. Sie sind

von gehauenen Steinen und sollen eigentlich die lange Erdzunge, Lido

genannt, welche die Lagunen von dem Meere trennt, vor diesem wilden

Elemente schützen.

Die Lagunen sind eine Wirkung der alten Natur. Erst Ebbe, Flut und

Erde gegeneinander arbeitend, dann das allmähliche Sinken des

Urgewässers waren Ursache, daß am obern Ende des adriatischen Meeres

sich eine ansehnliche Sumpfstrecke befindet, welche, von der Flut

besucht, von der Ebbe zum Teil verlassen wird. Die Kunst hat sich der

höchsten Stellen bemächtigt, und so liegt Venedig, von hundert Inseln

zusammengruppiert und von hunderten umgeben. Zugleich hat man mit

unglaublicher Anstrengung und Kosten tiefe Kanäle in den Sumpf

gefurcht, damit man auch zur Zeit der Ebbe mit Kriegsschiffen an die

Hauptstellen gelangen könne. Was Menschenwitz und Fleiß vor alters

ersonnen und ausgeführt, muß Klugheit und Fleiß nun erhalten. Das

Lido, ein langer Erdstreif, trennt die Lagunen von dem Meere, welches

nur an zwei Orten hereintreten kann, bei dem Kastell nämlich und am

entgegengesetzten Ende, bei Chiozza. Die Flut tritt gewöhnlich des

Tages zweimal herein, und die Ebbe bringt das Wasser zweimal hinaus,

immer durch denselben Weg in denselben Richtungen. Die Flut bedeckt

die innern morastigen Stellen und läßt die erhöhteren, wo nicht

trocken, doch sichtbar.

Ganz anders wäre es, wenn das Meer sich neue Wege suchte, die Erdzunge

angriffe und nach Willkür hinein und heraus flutete. Nicht gerechnet,

daß die Örtchen auf dem Lido, Pelestrina, St. Peter und andere,

untergehen müßten, so würden auch jene Kommunikationskanäle ausgefüllt

und, indem das Wasser alles durcheinander schlemmte, das Lido zu

Inseln, die Inseln, die jetzt dahinter liegen, zu Erdzungen verwandelt

werden. Dieses zu verhüten, müssen sie das Lido verwahren, was sie

können, damit das Element nicht dasjenige willkürlich angreifen,

hinüber und herüber werfen möge, was die Menschen schon in Besitz

genommen, dem sie schon zu einem gewissen Zweck Gestalt und Richtung

gegeben haben.

Bei außerordentlichen Fällen, wenn das Meer übermäßig wächst, ist es

besonders gut, daß es nur an zwei Orten herein darf und das übrige

geschlossen bleibt, es kann also doch nicht mit der größten Gewalt

eindringen und muß sich in einigen Stunden dem Gesetz der Ebbe

unterwerfen und seine Wut mindern.

Übrigens hat Venedig nichts zu besorgen; die Langsamkeit, mit der das

Meer abnimmt, gibt ihr Jahrtausende Zeit, und sie werden schon, den

Kanälen klug nachhelfend, sich im Besitz zu erhalten suchen.

Wenn sie ihre Stadt nur reinlicher hielten, welches so notwendig als

leicht ist und wirklich auf die Folge von Jahrhunderten von großer

Konsequenz. Nun ist zwar bei großer Strafe verboten, nichts in die

Kanäle zu schütten, noch Kehrig hineinzuwerfen; einem schnell

einfallenden Regenguß aber ist's nicht untersagt, allen den in die

Ecken geschobnen Kehrig aufzurühren, in die Kanäle zu schleppen, ja,

was noch schlimmer ist, in die Abzüge zu führen, die nur zum Abfluß

des Wassers bestimmt sind, und sie dergestalt zu verschlemmen, daß die

Hauptplätze in Gefahr sind, unter Wasser zu stehen. Selbst einige

Abzüge auf dem kleinen Markusplatze, die, wie auf dem großen, gar klug

angelegt sind, habe ich verstopft und voll Wasser gesehen.

Wenn ein Tag Regenwetter einfällt, ist ein unleidlicher Kot, alles

flucht und schimpft, man besudelt beim Auf--und Absteigen der Brücken

die Mäntel, die Tabarros, womit man sich ja das ganze Jahr schleppt,

und da alles in Schuh und Strümpfen läuft, bespritzt man sich und

schilt, denn man hat sich nicht mit gemeinem, sondern beizendem Kot

besudelt. Das Wetter wird wieder schön, und kein Mensch denkt an

Reinlichkeit. Wie wahr ist es gesagt: das Publikum beklagt sich immer,

daß es schlecht bedient sei, und weiß es nicht anzufangen, besser

bedient zu werden. Hier, wenn der Souverän wollte, könnte alles

gleich getan sein.

Den 9. Oktober.

Heute abend ging ich auf den Markusturm; denn da ich neulich die

Lagunen in ihrer Herrlichkeit zur Zeit der Flut von oben gesehen,

wollt' ich sie auch zur Zeit der Ebbe in ihrer Demut schauen, und es

ist notwendig, diese beiden Bilder zu verbinden, wenn man einen

richtigen Begriff haben will. Es sieht sonderbar aus, ringsum überall

Land erscheinen zu sehen, wo vorher Wasserspiegel war. Die Inseln

sind nicht mehr Inseln, nur höher bebaute Flecke eines großen

graugrünlichen Morastes, den schöne Kanäle durchschneiden. Der

sumpfige Teil ist mit Wasserpflanzen bewachsen und muß sich auch

dadurch nach und nach erheben, obgleich Ebbe und Flut beständig daran

rupfen und wühlen und der Vegetation keine Ruhe lassen.

Ich wende mich mit meiner Erzählung nochmals ans Meer, dort habe ich

heute die Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse

gesehen und mich herzlich darüber gefreut. Was ist doch ein

Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen zu

seinem Zustande, wie wahr, wie seiend! Wieviel nützt mir nicht mein

bißchen Studium der Natur, und wie freue ich mich, es fortzusetzen!

Doch ich will, da es sich mitteilen läßt, die Freunde nicht mit bloßen

Ausrufungen anreizen.

Die dem Meere entgegengebauten Mauerwerke bestehen erst aus einigen

steilen Stufen, dann kommt eine sacht ansteigende Fläche, sodann

wieder eine Stufe, abermals eine sanft ansteigende Fläche, dann eine

steile Mauer mit einem oben überhängenden Kopfe. Diese Stufen, diese

Flächen hinan steigt nun das flutende Meer, bis es in

außerordentlichen Fällen endlich oben an der Mauer und deren Vorsprung

zerschellt.

Italienische Reise — Band 1 · 第 10 / 68 题