Der Canal Grande in Venedig. Kupferstich nach Canaletto

Die beiden Hauptteile von Venedig, welche der große Kanal trennt,

werden durch die einzige Brücke Rialto miteinander verbunden, doch ist

auch für mehrere Kommunikation gesorgt, welche in offenen Barken an

bestimmten Überfahrtspunkten geschieht. Nun sah es heute sehr gut aus,

als die wohlgekleideten, doch mit einem schwarzen Schleier bedeckten

Frauen sich viele zusammen übersetzen ließen, um zu der Kirche des

gefeierten Erzengels zu gelangen. Ich verließ die Brücke und begab

mich an einen solchen Überfahrtspunkt, die Aussteigenden genau zu

betrachten. Ich habe sehr schöne Gesichter und Gestalten darunter

gefunden.

Nachdem ich müde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen

Gassen verlassend, und fuhr, mir das entgegengesetzte Schauspiel zu

bereiten, den nördlichen Teil des großen Kanals durch, um die Insel

der heiligen Klara, in die Lagunen, den Kanal der Giudecca herein, bis

gegen den Markusplatz, und war nun auf einmal ein Mitherr des

Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fühlt, wenn er sich in

seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines guten Vaters in Ehren,

der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird

mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich umgibt, ist würdig, ein

großes respektables Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches

Monument, nicht eines Gebieters, sondern eines Volks. Und wenn auch

ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe

schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die

ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem

Beobachter weniger ehrwürdig sein. Sie unterliegt der Zeit, wie alles,

was ein erscheinendes Dasein hat.

Den 30. September.

Gegen Abend verlief ich mich wieder ohne Führer in die entferntesten

Quartiere der Stadt. Die hiesigen Brücken sind alle mit Treppen

angelegt, damit Gondeln und auch wohl größere Schiffe bequem unter den

Bogen hinfahren. Ich suchte mich in und aus diesem Labyrinthe zu

finden, ohne irgend jemand zu fragen, mich abermals nur nach der

Himmelsgegend richtend. Man entwirrt sich wohl endlich, aber es ist

ein unglaubliches Gehecke ineinander, und meine Manier, sich recht

sinnlich davon zu überzeugen, die beste. Auch habe ich mir bis an die

letzte bewohnte Spitze der Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und

Wesen gemerkt; in jedem Quartiere sind sie anders beschaffen. Du

lieber Gott! was doch der Mensch für ein armes, gutes Tier ist!

Sehr viele Häuserchen stehen unmittelbar in den Kanälen, doch gibt es

hie und da schön gepflasterte Steindämme, auf denen man zwischen

Wasser, Kirchen und Palästen gar angenehm hin und wider spaziert.

Lustig und erfreulich ist der lange Steindamm an der nördlichen Seite,

von welchem die Inseln, besonders Murano, das Venedig im kleinen,

geschaut werden. Die Lagunen dazwischen sind von vielen Gondeln

belebt.

Den 30. September, abends.

Heute habe ich abermals meinen Begriff von Venedig erweitert, indem

ich mir den Plan verschaffte. Als ich ihn einigermaßen studiert,

bestieg ich den Markusturm, wo sich dem Auge ein einziges Schauspiel

darstellt. Es war um Mittag und heller Sonnenschein, daß ich ohne

Perspektiv Nähen und Fernen genau erkennen konnte. Die Flut bedeckte

die Lagunen, und als ich den Blick nach dem sogenannten Lido wandte

(es ist ein schmaler Erdstreif, der die Lagunen schließt), sah ich zum

erstenmal das Meer und einige Segel darauf. In den Lagunen selbst

liegen Galeeren und Fregatten, die zum Ritter Emo stoßen sollten, der

den Algierern den Krieg macht, die aber wegen ungünstiger Winde

liegenbleiben. Die paduanischen und vicentinischen Berge und das

Tiroler Gebirge schließen zwischen Abend und Mitternacht das Bild ganz

trefflich schön.

Den 1. Oktober.

Ich ging und besah mir die Stadt in mancherlei Rücksichten, und da es

eben Sonntag war, fiel mir die große Unreinlichkeit der Straßen auf,

worüber ich meine Betrachtungen anstellen mußte. Es ist wohl eine Art

von Polizei in diesem Artikel, die Leute schieben den Kehrig in die

Ecken, auch sehe ich große Schiffe hin und wieder fahren, die an

manchen Orten stille liegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den

Inseln umher, welche des Düngers bedürfen; aber es ist in diesen

Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die

Unreinlichkeit der Stadt, da sie ganz zur Reinlichkeit angelegt worden,

so gut als irgendeine holländische.

Alle Straßen sind geplattet, selbst die entferntesten Quartiere

wenigstens mit Backsteinen auf der hohen Kante ausgesetzt, wo es nötig,

in der Mitte ein wenig erhaben, an der Seite Vertiefungen, das Wasser

aufzufassen und in bedeckte Kanäle zu leiten. Noch andere

architektonische Vorrichtungen der ersten wohlüberdachten Anlage

zeugen von der Absicht trefflicher Baumeister, Venedig zu der reinsten

Stadt zu machen, wie sie die sonderbarste ist. Ich konnte nicht

unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung deshalb zu

entwerfen und einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wäre, in Gedanken

vorzuarbeiten. So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu

kehren.

Den 2. Oktober 1786.

Vor allem eilte ich in die Carità: ich hatte in des Palladio Werken

gefunden, daß er hier ein Klostergebäude angegeben, in welchem er die

Privatwohnung der reichen und gastfreien Alten darzustellen gedachte.

Der sowohl im Ganzen als in seinen einzelnen Teilen trefflich

gezeichnete Plan machte mir unendliche Freude, und ich hoffte ein

Wunderwerk zu finden; aber ach! es ist kaum der zehnte Teil ausgeführt;

doch auch dieser Teil seines himmlischen Genius würdig, eine

Vollkommenheit in der Anlage und eine Genauigkeit in der Ausführung,

die ich noch nicht kannte. Jahrelang sollte man in Betrachtung so

eines Werks zubringen. Mich dünkt, ich habe nichts Höheres, nichts

Vollkommneres gesehen, und glaube, daß ich mich nicht irre. Denke man

sich aber auch den trefflichen Künstler, mit dem innern Sinn fürs

Große und Gefällige geboren, der erst mit unglaublicher Mühe sich an

den Alten heranbildet, um sie alsdann durch sich wiederherzustellen.

Dieser findet Gelegenheit, einen Lieblingsgedanken auszuführen, ein

Kloster, so vielen Mönchen zur Wohnung, so vielen Fremden zur Herberge

bestimmt, nach der Form eines antiken Privatgebäudes aufzurichten.

Die Kirche stand schon, aus ihr tritt man in ein Atrium von

korinthischen Säulen, man ist entzückt und vergißt auf einmal alles

Pfaffentum. An der einen Seite findet man die Sakristei, an der

andern ein Kapitelzimmer, daneben die schönste Wendeltreppe von der

Welt, mit offener, weiter Spindel, die steinernen Stufen in die Wand

gemauert und so geschichtet, daß eine die andere trägt; man wird nicht

müde, sie auf--und abzusteigen; wie schön sie geraten sei, kann man

daraus abnehmen, daß sie Palladio selbst für wohlgeraten angibt. Aus

dem Vorhof tritt man in den innern großen Hof. Von dem Gebäude, das

ihn umgeben sollte, ist leider nur die linke Seite aufgeführt, drei

Säulenordnungen übereinander, auf der Erde Hallen, im ersten Stock ein

Bogengang vor den Zellen hin, der obere Stock Mauer mit Fenstern.

Doch diese Beschreibung muß durch den Anblick der Risse gestärkt

werden. Nun ein Wort von der Ausführung.

Nur die Häupter und Füße der Säulen und die Schlußsteine der Bogen

sind von gehauenem Stein, das übrige alles, ich darf nicht sagen von

Backsteinen, sondern von gebranntem Ton. Solche Ziegeln kenne ich gar

nicht. Fries und Karnies sind auch daraus, die Glieder der Bogen

gleichfalls, alles teilweise gebrannt, und das Gebäude zuletzt nur mit

wenig Kalk zusammengesetzt. Es steht wie aus einem Guß. Wäre das

Ganze fertig geworden, und man sähe es reinlich abgerieben und gefärbt,

es müßte ein himmlischer Anblick sein.

Jedoch die Anlage war zu groß, wie bei so manchem Gebäude der neuern

Zeit. Der Künstler hatte nicht nur voraus gesetzt, daß man das

jetzige Kloster abreißen, sondern auch anstoßende Nachbarshäuser

kaufen werde, und da mögen Geld und Lust ausgegangen sein. Du liebes

Schicksal, daß du so manche Dummheit begünstigt und verewigt hast,

warum ließest du dieses Werk nicht zustande kommen!

Den 3. Oktober.

Die Kirche Il Redentore, ein schönes, großes Werk von Palladio, die

Fassade lobenswürdiger als die von St. Giorgio. Diese mehrmals in

Kupfer gestochenen Werke müßte man vor sich sehen, um das Gesagte

verdeutlichen zu können. Hier nur wenige Worte.

Palladio war durchaus von der Existenz der Alten durchdrungen und

fühlte die Kleinheit und Enge seiner Zeit wie ein großer Mensch, der

sich nicht hingeben, sondern das übrige soviel als möglich nach seinen

edlen Begriffen umbilden will. Er war unzufrieden, wie ich aus

gelinder Wendung seines Buches schließe, daß man bei christlichen

Kirchen nach der Form der alten Basiliken zu bauen fortfahre, er

suchte deshalb seine heiligen Gebäude der alten Tempelform zu nähern;

daher entstanden gewisse Unschicklichkeiten, die mir bei Il Redentore

glücklich beseitigt, bei St. Giorgio aber zu auffallend erscheinen.

Volkmann sagt etwas davon, trifft aber den Nagel nicht auf den Kopf.

Inwendig ist Il Redentore gleichfalls köstlich, alles, auch die

Zeichnung der Altäre, von Palladio; leider die Nischen, die mit

Statuen ausgefüllt werden sollten, prangen mit flachen,

ausgeschnittenen, gemalten Brettfiguren.

Den 3. Oktober.

Dem heiligen Franziskus zu Ehren hatten die Patres Capucini einen

Seitenaltar mächtig ausgeputzt; man sah nichts von Stein als die

korinthischen Kapitäle; alles übrige schien mit einer geschmackvollen

prächtigen Stickerei nach Art der Arabesken überzogen, und zwar so

artig, als man nur etwas zu sehen wünschte. Besonders wunderte ich

mich über die breiten, goldgestickten Ranken und Laubwerke. Ich ging

näher und fand einen recht hübschen Betrug. Alles, was ich für Gold

gehalten hatte, war breitgedrücktes Stroh, nach schönen Zeichnungen

auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften Farben angestrichen, und

das so mannigfaltig und geschmackvoll, daß dieser Spaß, dessen

Material gar nichts wert war, und der wahrscheinlich im Kloster selbst

ausgeführt wurde, mehrere tausend Taler müßte gekostet haben, wenn er

echt hätte sein sollen. Man könnte es gelegentlich wohl nachahmen.

Auf einem Uferdamme im Angesicht des Wassers bemerkte ich schon

einigemal einen geringen Kerl, welcher einer größern oder kleinern

Anzahl von Zuhörern im venezianischen Dialekt Geschichten erzählte;

ich kann leider nichts davon verstehen, es lacht aber kein Mensch, nur

selten lächelt das Auditorium, das meist aus der ganz niedern Klasse

besteht. Auch hat der Mann nichts Auffallendes noch Lächerliches in

seiner Art, vielmehr etwas sehr Gesetztes, zugleich eine

bewunderungswürdige Mannigfaltigkeit und Präzision, welche auf Kunst

und Nachdenken hinwiesen, in seinen Gebärden.

Den 3. Oktober.

Den Plan in der Hand suchte ich mich durch die wunderlichsten Irrgänge

bis zur Kirche der Mendicanti zu finden. Hier ist das Konservatorium,

welches gegenwärtig den meisten Beifall hat. Die Frauenzimmer führten

ein Oratorium hinter dem Gitter auf, die Kirche war voll Zuhörer, die

Musik sehr schön, und herrliche Stimmen. Ein Alt sang den König Saul,

die Hauptperson des Gedichtes. Von einer solchen Stimme hatte ich gar

keinen Begriff; einige Stellen der Musik waren unendlich schön, der

Text vollkommen singbar, so italienisch Latein, daß man an manchen

Stellen lachen muß; die Musik aber findet hier ein weites Feld.

Es wäre ein trefflicher Genuß gewesen, wenn nicht der vermaledeite

Kapellmeister den Takt mit einer Rolle Noten wider das Gitter und so

unverschämt geklappt hätte, als habe er mit Schuljungen zu tun, die er

eben unterrichtete; und die Mädchen hatten das Stück oft wiederholt,

sein Klatschen war ganz unnötig und zerstörte allen Eindruck, nicht

anders als wenn einer, um uns eine schöne Statue begreiflich zu machen,

ihr Scharlachläppchen auf die Gelenke klebte. Der fremde Schall hebt

alle Harmonie auf. Das ist nun ein Musiker, und er hört es nicht,

oder er will vielmehr, daß man seine Gegenwart durch eine

Unschicklichkeit vernehmen soll, da es besser wäre, er ließe seinen

Wert an der Vollkommenheit der Ausführung erraten. Ich weiß, die

Franzosen haben es an der Art, den Italienern hätte ich es nicht

zugetraut, und das Publikum scheint daran gewöhnt. Es ist nicht das

einzige Mal, daß es sich einbilden läßt, das gerade gehöre zum Genuß,

was den Genuß verdirbt.

Den 3. Oktober.

Gestern abend Oper zu St. Moses (denn die Theater haben ihren Namen

von der Kirche, der sie am nächsten liegen); nicht recht erfreulich!

Es fehlt dem Poem, der Musik, den Sängern eine innere Energie, welche

allein eine solche Darstellung auf den höchsten Punkt treiben kann.

Man konnte von keinem Teil sagen, er sei schlecht; aber nur die zwei

Frauen ließen sich's angelegen sein, nicht sowohl gut zu agieren als

sich zu produzieren und zu gefallen. Das ist denn immer etwas. Es

sind zwei schöne Figuren, gute Stimmen, artige, muntere, gätliche

Persönchen. Unter den Männern dagegen keine Spur von innerer Gewalt

und Lust, dem Publikum etwas aufzuheben, sowie keine entschieden

glänzende Stimme.

Das Ballett, von elender Erfindung, ward im ganzen ausgepfiffen,

einige treffliche Springer und Springerinnen jedoch, welche letztere

sich es zur Pflicht rechneten, die Zuschauer mit jedem schönen Teil

ihres Körpers bekannt zu machen, wurden weidlich beklatscht.

Den 3. Oktober.

Heute dagegen sah ich eine andere Komödie, die mich mehr gefreut hat.

Im herzoglichen Palast hörte ich eine Rechtssache öffentlich

verhandeln; sie war wichtig und zu meinem Glück in den Ferien

vorgenommen. Der eine Advokat war alles, was ein übertriebener Buffo

nur sein sollte. Figur dick, kurz, doch beweglich, ein ungeheuer

vorspringendes Profil, eine Stimme wie Erz und eine Heftigkeit, als

wenn es ihm aus tiefstem Grunde des Herzens Ernst wäre, was er sagte.

Ich nenne dies eine Komödie, weil alles wahrscheinlich schon fertig

ist, wenn diese öffentliche Darstellung geschieht; die Richter wissen,

was sie sprechen sollen, und die Partei weiß, was sie zu erwarten hat.

Indessen gefällt mir diese Art unendlich besser als unsere

Stuben--und Kanzleihockereien. Und nun von den Umständen und wie

artig, ohne Prunk, wie natürlich alles zugeht, will ich suchen einen

Begriff zu geben.

In einem geräumigen Saal des Palastes saßen an der einen Seite die

Richter im Halbzirkel. Gegen ihnen über, auf einem Katheder, der

mehrere Personen nebeneinander fassen konnte, die Advokaten beider

Parteien, unmittelbar vor demselben, auf einer Bank, Kläger und

Beklagte in eigner Person. Der Advokat des Klägers war von dem

Katheder herabgestiegen, denn die heutige Sitzung war zu keiner

Kontrovers bestimmt. Die sämtlichen Dokumente für und wider, obgleich

schon gedruckt, sollten vorgelesen werden.

Ein hagerer Schreiber in schwarzem, kümmerlichem Rocke, ein dickes

Heft in der Hand, bereitete sich, die Pflicht des Lesenden zu erfüllen.

Von Zuschauern und Zuhörern war übrigens der Saal gedrängt voll.

Die Rechtsfrage selbst sowie die Personen, welche sie betraf, mußten

den Venezianern höchst bedeutend scheinen.

Fideikommisse haben in diesem Staat die entschiedenste Gunst, ein

Besitztum, welchem einmal dieser Charakter aufgeprägt ist, behält ihn

für ewige Zeiten, es mag durch irgend eine Wendung oder Umstand vor

mehrern hundert Jahren veräußert worden, durch viele Hände gegangen

sein, zuletzt, wenn die Sache zur Sprache kommt, behalten die

Nachkommen der ersten Familie recht, und die Güter müssen

herausgegeben werden.

Diesmal war der Streit höchst wichtig, denn die Klage ging gegen den

Doge selbst, oder vielmehr gegen seine Gemahlin, welche denn auch in

Person auf dem Bänkchen, vom Kläger nur durch einen kleinen

Zwischenraum getrennt, in ihren Zendal gehüllt, dasaß. Eine Dame von

gewissem Alter, edlem Körperbau, wohlgebildetem Gesicht, auf welchem

ernste, ja, wenn man will, etwas verdrießliche Züge zu sehen waren.

Die Venezianer bildeten sich viel darauf ein, daß die Fürstin in ihrem

eignen Palast vor dem Gericht und ihnen erscheinen müsse.

Der Schreiber fing zu lesen an, und nun ward mir erst deutlich, was

ein im Angesicht der Richter unfern des Katheders der Advokaten hinter

einem kleinen Tische auf einem niedern Schemel sitzendes Männchen,

besonders aber die Sanduhr bedeute, die er vor sich niedergelegt hatte.

Solange nämlich der Schreiber liest, so lange läuft die Zeit nicht,

dem Advokaten aber, wenn er dabei sprechen will, ist nur im ganzen

eine gewisse Frist gegönnt. Der Schreiber liest, die Uhr liegt, das

Männchen hat die Hand daran. Tut der Advokat den Mund auf, so steht

auch die Uhr schon in der Höhe, die sich sogleich niedersenkt, sobald

er schweigt. Hier ist nun die große Kunst, in den Fluß der Vorlesung

hineinzureden, flüchtige Bemerkungen zu machen, Aufmerksamkeit zu

erregen und zu fordern. Nun kommt der kleine Saturn in die größte

Verlegenheit. Er ist genötigt, den horizontalen und vertikalen Stand

der Uhr jeden Augenblick zu verändern, er befindet sich im Fall der

bösen Geister im Puppenspiel, die auf das schnell wechselnde

"Berlickel Berlockel" des mutwilligen Hanswursts nicht wissen, wie sie

gehen oder kommen sollen.

Wer in Kanzleien hat kollationieren hören, kann sich eine Vorstellung

von dieser Vorlesung machen, schnell, eintönig, aber doch artikuliert

und deutlich genug. Der kunstreiche Advokat weiß nun durch Scherze

die Langeweile zu unterbrechen, und das Publikum ergötzt sich an

seinen Späßen in ganz unmäßigem Gelächter. Eines Scherzes muß ich

gedenken, des auffallendsten unter denen, die ich verstand. Der

Vorleser rezitierte soeben ein Dokument, wodurch einer jener

unrechtmäßig geachteten Besitzer über die fraglichen Güter disponierte.

Der Advokat hieß ihn langsamer lesen, und als er die Worte deutlich

aussprach: "Ich schenke, ich vermache!", fuhr der Redner heftig auf

den Schreiber los und rief: "Was willst du schenken? Was vermachen?

Du armer ausgehungerter Teufel! gehört dir doch gar nichts in der Welt

an. Doch", fuhr er fort, indem er sich zu besinnen schien, "war doch

jener erlauchte Besitzer in eben dem Fall, er wollte schenken, wollte

vermachen, was ihm so wenig gehörte als dir." Ein unendlich Gelächter

schlug auf, doch sogleich nahm die Sanduhr die horizontale Lage wieder

ein. Der Vorleser summte fort, machte dem Advokaten ein flämisch

Gesicht; doch das sind alles verabredete Späße.

Den 4. Oktober.

Gestern war ich in der Komödie, Theater St. Lukas, die mir viel Freude

gemacht hat; ich sah ein extemporiertes Stück in Masken, mit viel

Naturell, Energie und Bravour aufgeführt. Freilich sind sie nicht

alle gleich; der Pantalon sehr brav, die eine Frau, stark und

wohlgebaut, keine außerordentliche Schauspielerin, spricht exzellent

und weiß sich zu betragen. Ein tolles Sujet, demjenigen ähnlich, das

bei uns unter dem Titel "Der Verschlag" behandelt ist. Mit

unglaublicher Abwechslung unterhielt es mehr als drei Stunden. Doch

ist auch hier das Volk wieder die Base, worauf dies alles ruht, die

Zuschauer spielen mit, und die Menge verschmilzt mit dem Theater in

ein Ganzes. Den Tag über auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln

und im Palast, der Käufer und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer,

die Nachbarin, der Advokat und sein Gegner, alles lebt und treibt und

läßt sich es angelegen sein, spricht und beteuert, schreit und bietet

aus, singt und spielt, flucht und lärmt. Und abends gehen sie ins

Theater und sehen und hören das Leben ihres Tages, künstlich

zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit Märchen durchflochten,

durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt, durch Sitten genähert.

Hierüber freun sie sich kindisch, schreien wieder, klatschen und

lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu Mitternacht ist immer

alles ebendasselbe.

Ich habe aber auch nicht leicht natürlicher agieren sehen als jene

Masken, so wie es nur bei einem ausgezeichnet glücklichen Naturell

durch längere Übung erreicht werden kann.

Da ich das schreibe, machen sie einen gewaltigen Lärm auf dem Kanal

unter meinem Fenster, und Mitternacht ist vorbei. Sie haben im Guten

und Bösen immer etwas zusammen.

Den 4. Oktober.

Öffentliche Redner habe ich nun gehört: drei Kerle auf dem Platze und

Ufersteindamme, jeden nach seiner Art Geschichten erzählend, sodann

zwei Sachwalter, zwei Prediger, die Schauspieler, worunter ich

besonders den Pantalon rühmen muß, alle diese haben etwas Gemeinsames,

sowohl weil sie von ein und derselben Nation sind, die, stets

öffentlich lebend, immer in leidenschaftlichem Sprechen begriffen ist,

als auch weil sie sich untereinander nachahmen. Hiezu kommt noch eine

entschiedene Gebärdensprache, mit welcher sie die Ausdrücke ihrer

Intentionen, Gesinnungen und Empfindungen begleiten.

Heute, am Fest des heiligen Franziskus, war ich in seiner Kirche alle

Vigne. Des Kapuziners laute Stimme ward von dem Geschrei der

Verkäufer vor der Kirche wie von einer Antiphone begleitet; ich stand

in der Kirchtüre zwischen beiden, und es war wunderlich genug zu hören.

Den 5. Oktober.

Heute früh war ich im Arsenal, mir immer interessant genug, da ich

noch kein Seewesen kenne und hier die untere Schule besuchte; denn

freilich sieht es hier nach einer alten Familie aus, die sich noch

rührt, obgleich die beste Zeit der Blüte und der Früchte vorüber ist.

Da ich denn auch den Handwerkern nachgehe, habe ich manches

Merkwürdige gesehen und ein Schiff von vierundachtzig Kanonen, dessen

Gerippe fertig steht, bestiegen.

Ein gleiches ist vor sechs Monaten an der Riva de' Schiavoni bis aufs

Wasser verbrannt, die Pulverkammer war nicht sehr gefüllt, und da sie

sprang, tat es keinen großen Schaden. Die benachbarten Häuser büßten

ihre Scheiben ein.

Das schönste Eichenholz, aus Istrien, habe ich verarbeiten sehen und

dabei über den Wachstum dieses werten Baumes meine stillen

Betrachtungen angestellt. Ich kann nicht genug sagen, was meine sauer

erworbene Kenntnis natürlicher Dinge, die doch der Mensch zuletzt als

Materialien braucht und in seinen Nutzen verwendet, mir überall hilft,

um mir das Verfahren der Künstler und Handwerker zu erklären; so ist

mir auch die Kenntnis der Gebirge und des daraus genommenen Gesteins

ein großer Vorsprung in der Kunst.

Den 5. Oktober.

Um mit einem Worte den Begriff des Bucentaur auszusprechen, nenne ich

ihn eine Prachtgaleere. Der ältere, von dem wir noch Abbildungen

haben, rechtfertigt diese Benennung noch mehr als der gegenwärtige,

der uns durch seinen Glanz über seinen Ursprung verblendet.

Italienische Reise — Band 1 · 第 9 / 68 题