Der Markusplatz in Venedig. Zeichnung von Canaletto

Ich bin gut logiert in der "Königin von England", nicht weit vom

Markusplatze, und dies ist der größte Vorzug des Quartiers; meine

Fenster gehen auf einen schmalen Kanal zwischen hohen Häusern, gleich

unter mir eine einbogige Brücke und gegenüber ein schmales, belebtes

Gäßchen. So wohne ich, und so werde ich eine Zeitlang bleiben, bis

mein Paket für Deutschland fertig ist, und bis ich mich am Bilde

dieser Stadt satt gesehen habe. Die Einsamkeit, nach der ich oft so

sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; denn nirgends

fühlt man sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich allen ganz

unbekannt durchdrängt. In Venedig kennt mich vielleicht nur ein

Mensch, und der wird mir nicht gleich begegnen.

Venedig, den 28. September 1786.

Wie es mir von Padua hierher gegangen, nur mit wenig Worten: Die Fahrt

auf der Brenta, mit dem öffentlichen Schiffe in gesitteter

Gesellschaft, da die Italiener sich vor einander in acht nehmen, ist

anständig und angenehm. Die Ufer sind mit Gärten und Lusthäusern

geschmückt, kleine Ortschaften treten bis ans Wasser, teilweise geht

die belebte Landstraße daran hin. Da man schleusenweis den Fluß

hinabsteigt, gibt es öfters einen kleinen Aufhalt, den man benutzen

kann, sich auf dem Lande umzusehen und die reichlich angebotenen

Früchte zu genießen. Nun steigt man wieder ein und bewegt sich durch

eine bewegte Welt voll Fruchtbarkeit und Leben.

Zu so viel abwechselnden Bildern und Gestalten gesellte sich noch eine

Erscheinung, die, obgleich aus Deutschland abstammend, doch hier ganz

eigentlich an ihrem Platze war, zwei Pilger nämlich, die ersten, die

ich in der Nähe sah. Sie haben das Recht, mit dieser öffentlichen

Gelegenheit umsonst weitergebracht zu werden; allein weil die übrige

Gesellschaft ihre Nähe scheut, so sitzen sie nicht mit in dem

bedeckten Raume, sondern hinten bei dem Steuermann. Als eine in der

gegenwärtigen Zeit seltene Erscheinung wurden sie angestaunt und, weil

früher unter dieser Hülle manch Gesindel umhertrieb, wenig geachtet.

Als ich vernahm, daß es Deutsche seien, keiner andern Sprache mächtig,

gesellte ich mich zu ihnen und vernahm, daß sie aus dem

Paderbornischen herstammten. Beides waren Männer schon über funfzig,

von dunkler, aber gutmütiger Physiognomie. Sie hatten vor allem das

Grab der heiligen drei Könige zu Köln besucht, waren sodann durch

Deutschland gezogen und nun auf dem Wege, zusammen bis Rom und sodann

ins obere Italien zurückzugehen, da denn der eine wieder nach

Westfalen zu wandern, der andere aber noch den heiligen Jakob zu

Compostell zu verehren gedachte.

Ihre Kleidung war die bekannte, doch sahen sie aufgeschürzt viel

besser aus, als wir sie in langen Taffetkleidern auf unsern Redouten

vorzustellen pflegen. Der große Kragen, der runde Hut, der Stab und

die Muschel als das unschuldigste Trinkgeschirr, alles hatte seine

Bedeutung, seinen unmittelbaren Nutzen, die Blechkapsel enthielt ihre

Pässe. Das Merkwürdigste aber waren ihre kleinen rotsaffianen

Brieftaschen; in diesen befand sich alles kleine Geräte, was nur

irgendeinem einfachen Bedürfnis abzuhelfen geeignet sein mochte. Sie

hatten dieselben hervorgezogen, indem sie an ihren Kleidern etwas zu

flicken fanden.

Der Steuermann, höchst zufrieden, daß er einen Dolmetscher fand, ließ

mich verschiedene Fragen an sie tun; dadurch vernahm ich manches von

ihren Ansichten, besonders aber von ihrer Reise. Sie beklagten sich

bitterlich über ihre Glaubensgenossen, ja Weltpriester und

Klostergeistliche. Die Frömmigkeit, sagten sie, müsse eine sehr

seltene Sache sein, weil man an die ihrige nirgends glauben wolle,

sondern sie fast durchaus, ob sie gleich die ihnen vorgeschriebene

geistliche Marschroute und die bischöflichen Pässe vorgezeigt, in

katholischen Landen wie Landstreicher behandle. Sie erzählten dagegen

mit Rührung, wie gut sie von den Protestanten aufgenommen worden,

besonders von einem Landgeistlichen in Schwaben, vorzüglich aber von

seiner Frau, welche den einigermaßen widerstrebenden Mann dahin

vermocht, daß sie ihnen reichliche Erquickung zuteilen dürfen, welche

ihnen sehr not getan. Ja beim Abschiede habe sie ihnen einen

Konventionstaler geschenkt, der ihnen sehr zustatten gekommen, sobald

sie das katholische Gebiet wieder betreten. Hierauf sagte der eine

mit aller Erhebung, deren er fähig war: "Wir schließen diese Frau aber

auch täglich in unser Gebet ein und bitten Gott, daß er ihre Augen

öffne, wie er ihr Herz für uns geöffnet hat, daß er sie, wenn auch

spät, aufnehme in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche. Und so

hoffen wir gewiß, ihr dereinst im Paradies zu begegnen."

Von diesem allen erklärte ich, was nötig und nützlich war, auf der

kleinen Steige sitzend, die auf das Verdeck führt, dem Steuermanne und

einigen andern Personen, die sich aus der Kajüte in den engen Raum

gedrängt hatten. Den Pilgern wurden einige ärmliche Erquickungen

gereicht; denn der Italiener liebt nicht, zu geben. Sie zogen hierauf

kleine geweihte Zettel hervor, worauf zu sehen das Bild der heiligen

drei Könige nebst lateinischen Gebeten zur Verehrung. Die guten

Menschen baten mich, die kleine Gesellschaft damit zu beschenken und

ihr den hohen Wert dieser Blätter begreiflich zu machen. Dies gelang

mir auch ganz gut; denn als die beiden Männer sehr verlegen schienen,

wie sie in dem großen Venedig das zur Aufnahme der Pilger bestimmte

Kloster ausfinden sollten, so versprach der gerührte Steuermann, wenn

sie landeten, wollte er einem Burschen sogleich einen Dreier geben,

damit er sie zu jenem entfernt gelegenen Orte geleitete. Sie würden

zwar, setzte er vertraulich hinzu, sie würden dort wenig Trost finden:

die Anstalt, sehr groß angelegt, um ich weiß nicht wieviel Pilger zu

fassen, sei gegenwärtig ziemlich zusammengegangen und die Einkünfte

würden eben anders verwendet.

So unterhalten, waren wir die schöne Brenta herunter gekommen, manchen

herrlichen Garten, manchen herrlichen Palast hinter uns lassend,

wohlhabende, belebte Ortschaften an der Küste mit flüchtigem Blick

beschauend. Als wir nun in die Lagunen einfuhren, umschwärmten

mehrere Gondeln sogleich das Schiff. Ein Lombard, in Venedig wohl

bekannt, forderte mich auf, ihm Gesellschaft zu leisten, damit wir

geschwinder drinne wären und der Doganenqual entgingen. Einige, die

uns abhalten wollten, wußte er mit einem mäßigen Trinkgeld zu

beseitigen, und so schwammen wir bei einem heitern Sonnenuntergang

schnell unserm Ziel entgegen.

Den 29sten, Michaelistag, abends.

Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, daß ich mit

Beschreibung nicht umständlich sein will, ich sage nur, wie es mir

entgegenkommt. Was sich mir aber vor allem andern aufdringt, ist

abermals das Volk, eine große Masse, ein notwendiges, unwillkürliches

Dasein.

Dies Geschlecht hat sich nicht zum Spaß auf diese Inseln geflüchtet,

es war keine Willkür, welche die Folgenden trieb, sich mit ihnen zu

vereinigen; die Not lehrte sie ihre Sicherheit in der

unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen nachher so vorteilhaft ward

und sie klug machte, als noch die ganze nördliche Welt im Düstern

gefangen lag; ihre Vermehrung, ihr Reichtum war notwendige Folge. Nun

drängten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden

durch Felsen ersetzt, die Häuser suchten die Luft, wie Bäume, die

geschlossen stehen, sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen

an Breite abging. Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich

anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite,

als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen

und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten. Übrigens war ihnen

das Wasser statt Straße, Platz und Spaziergang. Der Venezianer mußte

eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit

sich selbst vergleichen kann. Der große, schlangenförmig gewundene

Kanal weicht keiner Straße in der Welt, dem Raum vor dem Markusplatze

kann wohl nichts an die Seite gesetzt werden. Ich meine den großen

Wasserspiegel, der diesseits von dem eigentlichen Venedig im halben

Mond umfaßt wird. Über der Wasserfläche sieht man links die Insel St.

Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Kanal,

noch weiter rechts die Dogane und die Einfahrt in den Canal Grande, wo

uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies

sind mit wenigen Zügen die Hauptgegenstände, die uns in die Augen

fallen, wenn wir zwischen den zwei Säulen des Markusplatzes

hervortreten. Die sämtlichen Aus--und Ansichten sind so oft in Kupfer

gestochen, daß die Freunde davon sich gar leicht einen anschaulichen

Begriff machen können.

Nach Tische eilte ich, mir erst einen Eindruck des Ganzen zu

versichern, und warf mich ohne Begleiter, nur die Himmelsgegenden

merkend, ins Labyrinth der Stadt, welche, obgleich durchaus von

Kanälen und Kanälchen durchschnitten, durch Brücken und Brückchen

wieder zusammenhängt. Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen denkt man

nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite der

Gasse mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den

engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die

Seite stemmt; es gibt wohl breitere, auch hie und da ein Plätzchen,

verhältnismäßig aber kann alles enge genannt werden.

Ich fand leicht den großen Kanal und die Hauptbrücke Rialto; sie

besteht aus einem einzigen Bogen von weißem Marmor. Von oben herunter

ist es eine große Ansicht, der Kanal gesäet voll Schiffe, die alles

Bedürfnis vom festen Lande herbeiführen und hier hauptsächlich anlegen

und ausladen, dazwischen wimmelt es von Gondeln. Besonders heute, als

am Michaelisfeste, gab es einen Anblick wunderschön lebendig; doch um

diesen einigermaßen darzustellen, muß ich etwas weiter ausholen.

Italienische Reise — Band 1 · 第 8 / 68 题